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Autor Thema: Das Disenthing  (Gelesen 1808 mal)

Beschreibung: Kapitel 1

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Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #90 am: 09.01.2018, 08:27:43 »
"Neid? Oh, wünsch dir nur keinen Neid von anderen, nicht für dich noch deine Töchter, weder von anderen Frauen noch von Männern. Wieviel Leid, wieviel böses Blut entsteht durch Neid, wieviele Sippenfehden hat er schon ausgelöst!"

Lîfs Zuwendungen nimmt die Alte wortlos, aber mit sichtlichem Wohlwollen auf. Als die Schülerin sie nach ihrer Jugend, ihren Liebhabern ausfragt, mischt sich ein sehnsüchtiger, in die Ferne gerichteter Blick mit verträumt glänzenden Augen.

"Oh ja, ich hatte einen feurigen Liebsten. Schön, groß, kräftig, und bei Gaja welche Leidenschaft! Wenn dir das mit dem Kinderwunsch ernst ist, dann sollst du ihn übermorgen kennenlernen!"

Noch eine geraume Weile sitzt die Alte da mit träumendem Blick, bis ihr Lîfs verwirrter, nein, alarmierter Gesichtsausdruck auffällt.

"Oh, damit meinte ich jetzt nicht, was du dir vielleicht denkst!" beeilt Esja sich zu erklären. "Aber dazu muss ich wohl die ganze Geschichte erzählen." Sie reibt sich die Augen, seufzt und setzt sich wieder etwas aufrechter hin. "Mein Vater war Kaufmann auf Albion. Meine Jugend verlebte ich dort, an der Westküste. Auf Albion gibt es zwar 'Herzöge' und 'Fürsten', seit Jork Kuijt diese fränkische Unsitte bei uns eingeführt hat, aber die wahre Macht halten noch immer unsere Druiden in den Händen. In meiner Heimatregion etwa war der Fürst gleichzeitig auch ein Druide. Dryaden, das sagte ich ja schon, gibt es auf Albion viele, also auch viele Kinder, die sich für die Druidenausbildung eignen. Jedes Jahr auf dem midsommerblót testet ein Druide die Kinder auf den Dörfern, im Alter zwischen acht und zehn, ob sich darunter nicht ein oder zwei Baumkinder befänden. Nun, bei solcher Gelegenheit wurde auch erkannt, dass ich eines war, doch wollte mein Vater mich nicht zu den Druiden schicken, welche auch nicht darauf beharrten, denn sie hatten genügend Nachwuchs für ihren Zirkel und mein Feenblut war ihrer Meinung nach gerade einmal mittelmäßig, im Vergleich mit den anderen. Ich blieb also daheim. Vorher war ich glücklich, unbekümmert, jetzt auf einmal fehlte mir etwas. Etwas, das ich niemals besessen, niemals auch nur gekostet hatte, fehlte mir! So sehr, dass ich an kaum etwas anderes denken konnte. Ich wollte, musste der Großen Mutter dienen! Nun, die Jahre vergingen. Sagte ich schon, dass Vater ein Kaufmann war? Ein mutiger Seefahrer. Jedes Jahr fuhr er los, und wir, seine Familie, hockten daheim genau wie die Frauen und Kinder hier auf den Inseln und wussten nicht, sehen wir ihn je wieder oder holt ihn die See oder der Rûngarder Pirat. Als ich fünfzehn war, im Frühjahr, eröffnete er mir dann, dass er mir einen Ehemann ausgesucht hätte. Den Ehevertrag hätte er auf der letzten Fahrt geschlossen, jetzt müsse er mich nur noch meinem Gatten zuführen. Der sollte nämlich ein Franke sein! Denn in den beiden Jahren zuvor hatte mein Vater auf seinen Fahrten das ferne Frankia angesteuert, auf der Suche nach neuen Geschäften, nach gewinnbringenden Kontakten und Handelsbeziehungen. Um ein solches Geschäft, eine solche Beziehung zu besiegeln, dafür fiel ihm und seinem neuen Handelspartner also ein, die älteste Tochter des einen dem ältesten Sohn des anderen zur Frau zu geben. Im fremden Frankia sollte ich leben, wo ganz andere Sitten herrschen, ein ganz anderer Glaube, und die Frau viel weniger Rechte hat als bei uns in Albion! Halt, jetzt spielt meine Erinnerung mir einen Streich. Diese Dinge wusste ich damals noch gar nicht, aber Angst vor der Fremde hatte ich trotzdem sehr große.

Nun, ich sollte niemals in Frankia ankommen. Als mein Vater mich nämlich mit auf die Reise nahm, da gerieten wir—obwohl es Sommer war und eigentlich nicht die Zeit der großen Stürme—in ein fürchterliches Unwetter. Um es kurz zu machen: Vaters Schiff sank mit ihm und der gesamten Mannschaft. Auch ich fand mich in der aufgewühlten See wieder, in eisigem Wasser, und die Sinne schwanden mir. Das letzte, was ich erblickte, war eine ganze Schar Robben, die mich eifrig umschwärmten, mich hochdrückten über Wasser, mich davontrugen... Ich wachte an einem Strand auf, eng umkuschelt von mehreren dieser Tiere. Ich setzte mich auf und sah, dass der ganze Strand in beide Richtungen und bis hoch ans Ufer hinauf über und über von Robben besetzt war. Vögel flogen kreischend über uns her, segelten übers Land oder tief über dem Wasser, stürzten in dieses hinab, um mit einem Schnabel voll Fischen wieder aufzutauchen... Aber weit und breit kein Mensch in Sicht. Dachte ich, doch als ich den Blick vom Wasser und dem Himmel wieder dem Land zukehrte, erblickte ich plötzlich überall, nackt zwischen den Robben liegend, Weiblein und Männlein bunt durcheinander... Menschen? Wie konnten das Menschen sein? Nun ja, ich erfuhr rasch, dass es keine Menschen waren, sondern wie du dir vielleicht schon gedacht hast, Selkies. Also, die meisten der Robben waren tatsächlich Robben, so an die dreihundert von ihnen aber eben Selkies. Und wir befanden uns genau hier, wo du und ich uns heute befinden, auf Wodland.

Den Sommer verbrachte ich mit den Selkies. Sie hatten sogar einige Hütten an Land, die sie in Menschengestalt nutzten. Doch als der Herbst sich ankündigte und das Wetter sich von seiner kalten, stürmischen Seite zu zeigen begann, wurden sie unruhig. Denn Selkies bleiben des Winters nicht auf ihren Inseln sondern ziehen als Robben und mit diesen zusammen durchs Meer. Um mich machten sie sich deshalb große Sorgen. Ganz gewiss würde ich den Winter nicht allein auf der Insel überleben. Mitnehmen konnten sie mich nicht, denn so sehr sie versucht hatten, mir beizubringen, die Gestalt einer Robbe anzunehmen, es gelang mir einfach nicht. Jemanden bei mir zurücklassen stand ebenso außer Frage, und sie konnten mich auch nicht übers Meer tragen an ein Land, in dem Menschen wohnten—sonst hätten sie es längst—weil Menschen Jagd auf Robben machten und einen der ihren nicht von den Tieren unterscheiden könnten und das Risiko wollte man für mich dann doch nicht eingehen. Verzweifelt fragte ich sie, ob denn auf der ganzen Insel, von der ich erst einen kleinen Bereich gesehen hatte, denn niemand sonst lebe! Da gaben sie ein wenig widerwillig zu: Doch, es gäbe noch eine andere Feenart auf Wodland, aber mit denen käme man nicht so gut aus. Warum, fragte ich, was ist vorgefallen? Aber es war auch hier so wie bei leider nur allzu vielen Fehden: so richtig einen schlimmen Vorfall zwischen den beiden hat es nie gegeben. Irgendwas mit Gebietsgrenzen, die hin und wieder überschritten würden, mit Vodyanoi-Männern, die Selkiefrauen zu nahe kämen. Das erträgt ein Selkiemann nämlich nicht: wenn einer anderer Mann, auch der eigenen Art, sich seinen Weibchen, von denen er gleich Dutzende die Seinen nennt, auch nur auf zwanzig Schritt nähert. 'Vor den Vodyanoi-Kerlen musst du dich in Acht nehmen!' warnten sie mich. Trotzdem gaben sie nach einer Weile zu, dass diese Tümpelplanscher meine einzige Hoffnung waren. Und so brachten sie mich zu den Vodyanoi. Und dort traf ich den Vater meiner vier Töchter."


Für einen Moment kehrt Esjas Blick sich ins Innere, als sie lächelnd zurückdenkt an diese Begegnung, doch als sie fortfährt, ist ihre Stimme nicht verträumt, sondern sachlich, wie es sich für eine Lehrmeisterin gehört.

"Die Vodyanoi sind, wie die Selkies, eine der wenigen Feenarten, die in einer Gemeinschaft aus zwei Geschlechtern zusammenleben, auch wenn bei ihnen, anders als bei den Selkies, die Männer in der Überzahl sind. Etwa zehn zu eins zählte ich damals. Das liegt daran, dass die beiden Geschlechter sich zwar miteinander fortpflanzen können, doch dieser Nachwuchs ist stets männlich. Nur, wenn sie sich mit Kurzlebigen paaren, werden ihnen Mädchen geboren! Und den Vodyanoi war schon lange kein Mädchen mehr geboren worden, oder nur ganz selten einmal, wenn sie jemanden wie mich aus dem Meer fischten. Früher hätten sie regelmäßig Kontakt zu Kurzlebigen gehabt, erklärte mir mein Kirrin, etwa zu denen, die vor uns Menschen auf Albion lebten, und als diese verschwanden, hätte man sich die folgenden Jahrhunderte mit einem unter Wasser hausenden Volk von Kurzlebigen gepaart, die sich ha-iakdo nannten. Doch auch diese haben sich mit der Zeit immer weiter zurückgezogen, entweder tiefer hinunter oder weiter hinaus ins Meer. Die Vodyanoi können nämlich im Wasser so gut atmen und sich bewegen wie an Land, aber sie können nicht beliebig tief ins Meer hinaus noch hinab, und ertragen Salzwasser überhaupt nur mit Mühe und für kurze Zeit, also konnten sie den ha-iakdo nicht folgen. Und deshalb würden ihnen halt nur noch so wenige Mädchen geboren, seien sie abhängig davon, dass ein Schiffbruch ihnen dann und wann geeignete Paarungspartner an Land spüle. Meist seien dies ja Männer, selten einmal ein Weib wie ich.

Mehrere Jahre lebte ich auf Wodland. Drei Mädchen gebar ich Kirrin. Mit den Selkies hielt ich des Sommers ebenfalls Kontakt. Von ihnen lernte ich viel über Gaja und meine Kräfte, mehr als von den Vodyanoi, wie ich gestehen muss. Doch so allmählich sehnte ich mich doch unter die Menschen zurück. So gern ich meinen Kirrin hatte: ihm jedes Jahr ein Balg zu werfen, wurde mir doch ein wenig viel. Und so glücklich ich mit ihm war, so sehr ich im ersten Moment erschrak, als ich die vielen Schiffbrüchigen sah, die sich eines Frühjahrs an den Strand retteten, so froh und erleichtert war ich dann doch.

Um eine lange Geschichte etwas kürzer zu machen: Es war ein Rûngarder Drache, den der Frühjahrssturm auf unsere Klippen geworfen hatte, und als wenige Tage später weitere Drachen auftauchten, um die Schiffbrüchigen zu retten, zog ich mit ihnen.

Da habe ich jetzt viel übersprungen. Natürlich habe ich einen gewaltigen Eindruck auf die Männer gemacht, als ich ihnen erschien, hochschwanger mit Kirrins vierter Tochter, der einzigen, die ich behalten durfte, gerade so, als sei ich selbst eine der huldrer von Wodland, welches sie nur als verfluchtes, von gefährlichen Wesen bewohntes Eiland kannten! Übersprungen habe ich auch, wie ich zwischen den Rûngardern, den Selkies und den Vodyanoi verhandelt habe. Die Selkies wie die Vodyanoi hätten die Männer nämlich am liebsten gleich totgeschlagen! Zu viele, zu gefährlich... Doch ich konnte ein Blutbad verhindern. Mehr noch: es wurde Zusammenarbeit beschlossen. Jeder hatte nämlich, so wie ich das sah, dem anderen etwas zu bieten. Da hat sich die Kaufmannstochter gezeigt, denke ich. Die Rûngarder könnten Wodland vor anderen Menschen schützen helfen. Ihr schrecklicher Ruf würde andere Seefahrer, wenn diese erführen, dass Rûngarder hier ihr Unwesen treiben, aus dieser Gegend fernhalten. Das wäre gut besonders für die Selkies, die stets Angst vor Jägern hatten. Die Vodyanoi aber brauchten doch jemanden, der mit ihnen Weibchen zeugte! Nun, damit würde so eine Drachenmannschaft gewiss nur allzu gerne aushelfen! Die Rûngarder aber mussten eben ihren Schutz versprechen, den regelmäßigen Besuch zur Paarungszeit der Vodyanoi-Weibchen, und natürlich, dass sie selbst hier nicht jagen würden oder in den Gewässern ringsum. Und die Rûngarder bekamen dafür von den Selkies zugesichert, dass, wenn man einen ihrer Drachen in Seenot entdecke, man die schiffbrüchige Mannschaft stets ans nächstgelegene Ufer brächte. Die Vodyanoi aber erlaubten ihnen, auch Frau und Kinder mit nach Wodland zu bringen, um hier in den warmen Quellen zu baden, was nämlich sehr wohltuend sei und förderlich für die Gesundheit. Und so entstand also der Brauch, das Diseblót—was in die erwähnte Paarungszeit fiel—hier auf Wodland zu begehen, mit den Männern, aber auch allen verheirateten oder verlobten Frauen. Die Selkies aber schicken Abgesandte auf unser Sejrsblót, um den seinerzeit beschlossenen Handel erneut zu bekräftigen und unser Teil einzufordern, um also einerseits in etwa unsere geplanten Routen zu erfahren, damit sie ein Auge auf unsere Drachen haben, und im Gegenzug dafür von uns zu erfahren, was wir über die aktuelle Lage in den hiesigen Gewässern wissen, ob wir also im vergangenen Jahr Bedrohungen (für die Selkies) gebannt oder von neuen erfahren hätten. Ein wenig skeptisch, ob das klappen könnte, waren damals alle Beteiligten. Kein einziger aber hätte es für möglich, dass dieser Handel bald fünfzig Jahre später noch steht und bestens funktioniert! Das erzähle ich dir alles so ausführlich, weil du einmal, wenn ich nicht mehr bin, dafür sorgen musst, dass alles auch glücklich so weitergeht.

Und damit habe ich wohl auch deine Frage jetzt vollständig beantwortet. Ich kehrte mit den Rûngardern auf ihre Insel zurück. Meine Tochter wurde auf Jarlsö geboren und zwar, weil sie ihren ersten Atemzug an der kalten Luft und nicht im warmen, heilenden Wasser der väterlichen Quelle tat, mehr als Mensch denn als Vodyanoi. Auch die Kiemen, die sie bei ihrer Geburt noch hatte, bildeten sich rasch zurück, ihre zunächst blassgraue Haut bräunte mit den Jahren an der Sonne zu einem frischeren Ton. Mit zehn sah sie fast so aus wie ein ganz normales Menschenmädchen, mit siebzehn heiratete sie Ansgar, der damals noch zwei Augen hatte und dem sie erst einen Sohn, dann nach etlichen Fehl- oder Totgeburten eine Tochter gebar. Vor sieben Jahren, sie war inzwischen geschieden, nahm Eyvind Graumantel sie zur fridla, was damals noch ging, heute aber nur noch den Witwen und alten Jungfern erlaubt ist, aber keinem geschiedenen Weib. Zwei Jahre später gebar sie Eyvind dann eine Tochter, doch das Glück währte nicht lang für meine Kirsa. Vor drei Jahren erlitt sie nämlich den Tod, der mir selbst dank der Selkies erspart blieb, und irgendwie hat es sich so angefühlt, als schlösse sich ein Kreis. Vielleicht war es vorbestimmt. Ach, aber sie war eine gute drudkvinde und wäre mir eine würdige Nachfolgerin gewesen! Ihr Sohn hat nie das geringste Interesse daran gezeigt. Mit fünfzehn zog er mit den anderen Männern auf Fahrt, mit zwanzig kehrte er nicht mehr heim. Kirsas erste Tochter lebt noch, ist fast so alt wie du, aber ein grobes Stück wie ihr Vater: neidisch, gehässig, bequem und eitel, sie nimmt lieber als dass sie gibt... Jetzt muss ich innehalten, bevor ich noch bösere Dinge über meine Enkelin sage. Die Eigenschaften wären vielleicht auch leichter zu ertragen, wenn ich nicht mehr von ihr erwartet hätte, als dass eines Tages ein Mann sie zur Frau nähme. Dann hätte sie meine Erwartungen aufs beste erfüllt, denn sie ist hübsch und kann den Männern noch hübschere Augen machen und es hat schon einer den Ansgar um ihre Hand gebeten, nächstes Jahr im Herbst ist Hochzeit. Aber zur drudkvinde taugt sie nun einmal nicht, daher meine Enttäuschung! Kirsas Jüngste aber ist gerade einmal fünf. Vielleicht habe ich Glück und kann ihre Ausbildung noch beginnen, in fünf Jahren, aber du, mein Kind, du musst mir versprechen, dass du sie zu Ende führst."


Eine kalte, trockene Hand legt sich auf Lîfs Wange, zieht ihr Gesicht empor; graue, ein wenig trübe Augen schauen bittend in die ihren.

"Sie ist ein liebes Mädchen, die kleine Siri", versichert die Alte dabei. "Der Anuk, Sigrids und Eyvinds ältester Tochter, habe ich das Kind anvertraut, denn im selben Jahr wie meine Kirsa behielt das Meer auch Anuks Mann Flake für sich, keine drei Jahre waren die beiden zusammen, und das erste Kind war gerade geboren! Da ist die kleine Siri der Anuk Trost und inzwischen auch Hilfe, wie natürlich umgekehrt. Sie wird dir gewiss eine gelehrige Schülerin sein und eine große Hilfe."
« Letzte Änderung: 10.01.2018, 11:33:04 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #91 am: 10.01.2018, 10:31:29 »
Esjas weiser Ratschlag, nicht den Neid anderer herbeizuwünschen, ist bei ihrer nachfolgenden Erzählung rasch vergessen. Im Gegensatz zu der Alten ist Lîf ganz und gar nicht müde: Gebannt hängt sie an den Lippen ihrer Lehrmeisterin, als die von dem feurigen Mann spricht, der sie einst glücklich machte. Was Wunder, wenn der Rotschopf ganz automatisch Parallelen zu Tristan zieht, sich den Liebhaber einer jüngeren, rosigen Esja so vorstellt wie ihn? Sie lächelt sanft, als sie den träumerischen Blick sieht, mit dem die Greisin sich erinnert. Unschwer zu erraten, dass sie in Gedanken wieder zu einem gesunden, frischen jungen Weib wird und ihren Liebsten vor sich sieht. Behutsam reibt und wärmt Lîf ihre welken Hände – und wer weiß, vielleicht werden die schmalen Finger der jungen drudkvinde ja in Esjas Herzen für einen oder zwei Herzschläge zu den kräftigen, sehnigen Händen jenes Mannes...

Lîf selbst nimmt teil an der Reise der jungen Esja, die sie so sehr an ihr eigenes Schicksal erinnert. Ist es wohl immer so, dass Eltern ihren Töchtern einen Mann vor die Nase setzen müssen, statt sie ihren Weg finden zu lassen? Aber wie könnten sie auch anders! Gerechterweise muss sie zugeben, dass Vater und Mutter auch nur das Beste für ihren Nachwuchs wollen, und was wäre besser für ein junges Weib als ein guter Mann? Wie sollen sie nachempfinden können, wie einem das Herz klingt und wie man Flügel zu bekommen scheint, wenn einen die Große Mutter ruft! Esjas Erlebnisse sind, auf gewisse Weise, ein Spiegel ihrer eigenen, wie sie erstaunt feststellt. Sind es bei ihr die Männer von den Inseln, die sie entführten und in ein unbekanntes Land brachten, wo sie letztlich doch ein Heim – und vor allem, einen Mann – fand, so waren es bei der Greisin seinerzeit die Selkies und Vodyanoi. "Vier Töchter..!" haucht Lîf leise. Gewiss ein Segen für die Feenblütigen – doch dass Esja nur ein einziges ihrer Kinder behalten durfte, dünkt sie sehr hart.

Darum nickt sie auch sofort, als Esja sie zu ihrer Überraschung um etwas bittet. "Ja, Mor, ich verspreche es: Wenn ich kann, werde ich ihr weitergeben, was du mich lehrst!" Sie fasst Esjas Hand und drückt sie fest zur Bekräftigung ihres Versprechens. "Ich will sie behandeln, als wäre sie meine eigne Tochter" versichert sie gerührt. Dann wird ihr Lächeln wärmer, und sie sagt sanft: "Du bist müde, Mor – ich habe dich mit meinen Fragen so lange wach gehalten! Komm, du musst dich ausruhen." Womit sie aufsteht und Anstalten macht, der Alten zu helfen. Liebevoll stützt sie die Greisin, redet munter auf sie ein, als habe sie es selbst mit einem Kind zu tun. Dabei lässt es das junge Weib jedoch nicht an dem Respekt für die Ältere und die Lehrmeisterin fehlen – nur das Bestreben, die gebrechliche Esja zu bemuttern, geht vielleicht ein wenig durch mit Lîf, der noch immer die Geschichten im Kopf umherschwirren, und besonders eine Sache, die sie tief bewegt hat: Der Gedanke an Kinder. Eigene Kinder – ihre und Tristans.

Ihr Leib ist in der Lage, das größte Geschenk der Göttin hervorzubringen, und sie verspürt den Wunsch, dies zu tun. Das ist ihr zum ersten Mal ganz klar geworden. Das mag auch der Grund dafür sein, dass ihr doch noch eine Frage über die Lippen kommt, ganz unwillkürlich: "Wie meintest du das, als du vorhin sagtest, ich solle ihn übermorgen kennenlernen, Mor?"

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #92 am: 14.01.2018, 18:55:02 »
Esja grunzt ein paarmal und versucht wohl auch, Lîfs allzu eifrigen Handreichungen wegzuwischen, und murmelt gar, "Kind, lass gut sein, bin doch noch keine Tattergreisin!", ohne deren Eifer dämpfen zu können. Schließlich lässt sie das meiste mit sich geschehen, da eine Gegenwehr dann doch zu anstrengend ist. Also Lîf doch noch eine letzte Frage hat, stürzt Esja sich auf diese Gelegenheit, von sich abzulenken und so hoffentlich der überbordenden Fürsorge der Schülerin zu entgehen.

"Na, auf dem Diseblót, da wird er sein! Noch genauso herrlich anzuschauen wie damals! Aber er plantscht eben nicht in dem großen Tümpel mit all dem gewöhnlichen Volk, sondern bleibt in seiner Höhle, wo es viele kleine Tümpel gibt und nur Unn, Aud, ich und die drei Disen Zutritt haben und fünf Paare, die sich besonders dringend Kinder wünschen. Deshalb sagte ich, dass du ihn nur zu Gesicht bekommst, wenn du vortrittst und—"

Da wird plötzlich die Tür aufgestoßen. Ein Schwall kalter Luft durchschwemmt die Stube, Stiefel poltern gegen die Türschwelle, Männer ächzen unter einer Last. (Die herannahenden Schritte und Stimmen hat sie zwar gehört, aber ignoriert, davon ausgehend, auch diese würden an Esjas Hütte vorbei in Richtung der Langhäuser ziehen.) Lîf wirbelt herum und erblickt als erstes einen breiten Rücken. Der dazugehörige Mann—Ansgar—stolpert rückwärts herein. Einen Verletzten—oder Toten?—hat er an den Füßen gepackt, während Björn den Oberkörper trägt. Björn wie auch der Verletzte sind blutbesudelt; der rechte Arm des letzteren endet knapp oberhalb des Ellbogens in einem mit blutdurchtränktem Stoff umwickelten Stumpf. Es sieht so aus, als wäre Thorstein zum ersten Mal in seinem Leben, wenn man seiner Prahlerei auf der Thingstätte glauben darf, seinem Vetter im Zweikampf unterlegen.

Ansgar und Björn tragen ihre Last sofort in den Nebenraum, in welchem Esja am Abend zuvor die unvorsichtige Inga von ihrer Fischgräte befreit hat. Weitere Menschen drängen hinterdrein: Aud und Unn, ihre beiden Schülerinnen, die laut jammernde Rike, Ole, welcher Thorsteins Axt trägt, und zum Schluss endlich Tristan.
« Letzte Änderung: 16.01.2018, 10:09:46 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #93 am: 16.01.2018, 09:56:47 »
Mit einem verhaltenen Lächeln fährt Lîf fort, sich um die alte Frau zu kümmern. Es ist ein kindliches Vergnügen bei ihr daran zu bemerken, dass sie einen Bereich gefunden hat, in dem sie ihre Lehrmeisterin necken kann, ohne es im eigentlichen Sinn am nötigen Respekt fehlen zu lassen – wie ein kleines Mädchen, das sich damit amüsiert, mit den Zöpfen der entnervten Mutter zu spielen, während es gewinnend lächelt, um keinen Zorn aufkommen zu lassen. Es ist ein recht unschuldiger Spaß, den sie sich erlaubt, und so gibt sie auch endlich nach und erlöst Esja, als diese wieder zu erzählen anfängt. "Also werd ich ihn auch sehen, Mor!" stellt sie fröhlich fest. Der Beschreibung nach ein Anblick, der sich sehr lohnen wird. Die Voraussetzung allerdings... sie wird wohl Tristan beichten müssen, dass sich ihr Standpunkt geändert hat, was gemeinsame Kinder angeht. Das wird der stolzen jungen Frau recht schwer fallen. Sie räuspert sich verlegen und starrt zu Boden.

In diesem Moment drängen sich die Männer in die Hütte, und ihre Überlegungen sind in einem Wimpernschlag beiseite gewischt. Als sie erkennt, wen sie da bringen und wie es um Thorstein steht, wirft sie einen raschen Blick zu der alten drudkvinde. Was für ein Gesicht macht die erfahrene Esja? Wie schlimm ist es, wird er es überleben? Lîf erinnert sich ihrer Eide, die sie schon geleistet hat, ehe sie Esjas Schülerin wurde. In der Heimat, als sie sich den Heilerinnen anschloss. Obwohl es ihr den Magen umzudrehen droht, folgt sie den Männer und drängt die betreten schauenden Kerle beiseite. "Platz, macht Platz für Mor! Lasst sie durch!" fordert sie unerschrocken und schiebt Männer beiseite, die einen Kopf größer und doppelt so schwer sind wie sie. Dann zieht sie Rike an sich und nimmt sie in den Arm, um sie zu trösten und zugleich der alten Esja aus dem Weg zu halten. Ihr schmerzvoller Blick streift Tristan, ehe sie ihre Aufmerksamkeit der Alten zuwendet, um ihrer Meisterin beizuspringen, sollte sie gebraucht werden.

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