Autor Thema: [Szene 11] Ein Taubenschwarm im Schatten des Adlers  (Gelesen 87 mal)

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Tsuyoshi

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Nur mühsam beherrschte sich Tsuyoshi, als er die Versammlung endlich verließ. In der schwülen Atmosphäre, die ein Unwetter ebenso verhieß wie das Unheil, welches dem Dorf drohte, hatten die alten Männer hin und her geredet, sich gezankt, verzagt gezeigt, sich gegenseitig Vorwürfe an den Kopf geworfen und dabei in den Augen des Ronin einzig eines bewiesen: Im Umkreis der Hütten war außer ihm kein einziger Mann, der sich so hätte nennen können. Kinder und unwissende Halbwüchsige, zögerliche Greise... und die wehrlosen Frauen. Die Zähne fest aufeinander gebissen, die Hände zu Fäusten geballt, so hatte er sich aus der Versammlung zahnloser alter Stänkerer und Besserwisser entfernt, nur ein knappes Neigen des Kopfes als Minimum an Höflichkeit für diese Narren zeigend, die im Angesicht einer tödlichen Bedrohung nicht handeln würden!

Mit großen, kraftvollen Schritten entfernte sich der herrenlose Samurai und wählte seinen Weg mitten durch das Dorf hindurch, ohne auf die verwunderten Blicke der Kinder zu achten, die ihm mit offenem Mund verständnislos nachsahen, oder die ängstlich besorgten der Dorffrauen, die wohl schlimmes ahnten. Was konnte einen Krieger das Schicksal dieser dummen Bauern kümmern, die nicht einmal den Mut hatten, sich zu wehren, wenn ihnen der Tod als einzige Alternative blieb! Wenigstens von den Männern, und seien sie noch so gebrechlich, hätte er das nötige Rückgrat erwartet. Aber die Bauern, gewohnt, sich immer zu verneigen und zu entschuldigen, um Schwierigkeiten aus de Wege zu gehen, waren auch mit den flammendsten Worten nicht zu einem Entschluss zu bewegen gewesen. Welche Verschwendung..! Mit einem frustrierten Schnauben trat er aus dem spärlichen Schatten zwischen zwei niedrigen Hütten und blinzelte missgestimmt in die grelle Sonne.

Miko Yumi

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[Szene 11] Ein Taubenschwarm im Schatten des Adlers
« Antwort #1 am: 09.09.2019, 18:10:01 »
Chúsei hatte durchaus mitbekommen, dass sich der Ältestenrat des Dorfes zusammenfand, um die neusten Entwicklungen zu beraten und einen Plan zu entwerfen. Sie sah zwar nicht, was es groß zu besprechen gab und wäre gerne dabei, doch nötigten die Alten ihr genug Respekt ab, von solchen Einwendungen abzusehen. Nichtsdestotrotz wollte sie wissen, was geplant worden war, schließlich betraf es sie auch, ja sogar vorallem, als eine der kräftigsten und aktivsten Frauen im Dorf. Entsprechend unruhig streunte sie den Nachmittag und Abend in der Nähe des Anwesens des Dorfsprechers herum. Als die Herren aufbrachen, wurde sie von ihnen ignoriert, keiner der Gehenden ließ sich auf ein Gespräch mit ihr ein.

Frustriert und mit banger Sorge stapfte sie ins Dorf zurück und wäre beinahe mit dem jungen Krieger zusammengestoßen. Sie erinnerte sich - er war auch eingeladen gewesen und als einer der ersten vom Hof geeilt. Sie zögerte, war die letzte Begegnung doch eine intensive gewesen. Andererseits schien er offen zu sein und sich für die Belange der einfachen einsetzen zu wollen. Sie raffte ihren Mut zusammen, trat zwei Schritt zurück, um außer Reichweite eines Schlages zu sein, und begann zu sprechen: "Herr, Edler? Verzeiht, darf ich fragen - was...was beschlossen wurde..eben?"

Tsuyoshi

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[Szene 11] Ein Taubenschwarm im Schatten des Adlers
« Antwort #2 am: 14.09.2019, 11:48:56 »
Zunächst reagierte der Ronin gar nicht auf die Frage der Dorffrau. Sein Gesicht wirkte verschlossen, während er vor sich hinstarrte, die Hand auf dem Griff des Katana. Erst als ihn das lastende Schweigen aus seinem Gedankengang riss, sah er auf. Wie es einem Samurai zukam, zeigten seine Züge wenig Regung. Nur seine Augen verrieten, dass er sich des vorigen Treffens mit ihr sehr wohl erinnerte. "Beschlossen?" fragte er und löste seine Linke mit einer sichtlichen Anstrengung von der Waffe. Sieben Atemzüge, exakt abgemessen, ehe er schließlich ohne besondere Betonung antwortete: "Gar nichts. Reden und Vorschläge, Streitereien und keine Ergebnisse." Noch immer beherrscht fuhr er fort, nur einen leisen Unterton von Bitterkeit in der Stimme: "Sie werden sich wahrscheinlich noch gegenseitig beschimpfen, wenn ihre abgeschlagenen Köpfe im Staub liegen." Chúsei mochte auch eine Spur von Verachtung aus seinen Worten heraushören, wie er seinen Blick so über die Hütten schweifen ließ. Leicht nur hob sich ein Mundwinkel, als er sich ihr wieder zuwandte. "Du hättest kaum weniger Recht als eure Ältesten gehabt, an dieser Versammlung teilzunehmen."