Autor Thema: [Szene 11] Ein Taubenschwarm im Schatten des Adlers  (Gelesen 223 mal)

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Tsuyoshi

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Nur mühsam beherrschte sich Tsuyoshi, als er die Versammlung endlich verließ. In der schwülen Atmosphäre, die ein Unwetter ebenso verhieß wie das Unheil, welches dem Dorf drohte, hatten die alten Männer hin und her geredet, sich gezankt, verzagt gezeigt, sich gegenseitig Vorwürfe an den Kopf geworfen und dabei in den Augen des Ronin einzig eines bewiesen: Im Umkreis der Hütten war außer ihm kein einziger Mann, der sich so hätte nennen können. Kinder und unwissende Halbwüchsige, zögerliche Greise... und die wehrlosen Frauen. Die Zähne fest aufeinander gebissen, die Hände zu Fäusten geballt, so hatte er sich aus der Versammlung zahnloser alter Stänkerer und Besserwisser entfernt, nur ein knappes Neigen des Kopfes als Minimum an Höflichkeit für diese Narren zeigend, die im Angesicht einer tödlichen Bedrohung nicht handeln würden!

Mit großen, kraftvollen Schritten entfernte sich der herrenlose Samurai und wählte seinen Weg mitten durch das Dorf hindurch, ohne auf die verwunderten Blicke der Kinder zu achten, die ihm mit offenem Mund verständnislos nachsahen, oder die ängstlich besorgten der Dorffrauen, die wohl schlimmes ahnten. Was konnte einen Krieger das Schicksal dieser dummen Bauern kümmern, die nicht einmal den Mut hatten, sich zu wehren, wenn ihnen der Tod als einzige Alternative blieb! Wenigstens von den Männern, und seien sie noch so gebrechlich, hätte er das nötige Rückgrat erwartet. Aber die Bauern, gewohnt, sich immer zu verneigen und zu entschuldigen, um Schwierigkeiten aus de Wege zu gehen, waren auch mit den flammendsten Worten nicht zu einem Entschluss zu bewegen gewesen. Welche Verschwendung..! Mit einem frustrierten Schnauben trat er aus dem spärlichen Schatten zwischen zwei niedrigen Hütten und blinzelte missgestimmt in die grelle Sonne.

Miko Yumi

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[Szene 11] Ein Taubenschwarm im Schatten des Adlers
« Antwort #1 am: 09.09.2019, 18:10:01 »
Chúsei hatte durchaus mitbekommen, dass sich der Ältestenrat des Dorfes zusammenfand, um die neusten Entwicklungen zu beraten und einen Plan zu entwerfen. Sie sah zwar nicht, was es groß zu besprechen gab und wäre gerne dabei, doch nötigten die Alten ihr genug Respekt ab, von solchen Einwendungen abzusehen. Nichtsdestotrotz wollte sie wissen, was geplant worden war, schließlich betraf es sie auch, ja sogar vorallem, als eine der kräftigsten und aktivsten Frauen im Dorf. Entsprechend unruhig streunte sie den Nachmittag und Abend in der Nähe des Anwesens des Dorfsprechers herum. Als die Herren aufbrachen, wurde sie von ihnen ignoriert, keiner der Gehenden ließ sich auf ein Gespräch mit ihr ein.

Frustriert und mit banger Sorge stapfte sie ins Dorf zurück und wäre beinahe mit dem jungen Krieger zusammengestoßen. Sie erinnerte sich - er war auch eingeladen gewesen und als einer der ersten vom Hof geeilt. Sie zögerte, war die letzte Begegnung doch eine intensive gewesen. Andererseits schien er offen zu sein und sich für die Belange der einfachen einsetzen zu wollen. Sie raffte ihren Mut zusammen, trat zwei Schritt zurück, um außer Reichweite eines Schlages zu sein, und begann zu sprechen: "Herr, Edler? Verzeiht, darf ich fragen - was...was beschlossen wurde..eben?"

Tsuyoshi

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[Szene 11] Ein Taubenschwarm im Schatten des Adlers
« Antwort #2 am: 14.09.2019, 11:48:56 »
Zunächst reagierte der Ronin gar nicht auf die Frage der Dorffrau. Sein Gesicht wirkte verschlossen, während er vor sich hinstarrte, die Hand auf dem Griff des Katana. Erst als ihn das lastende Schweigen aus seinem Gedankengang riss, sah er auf. Wie es einem Samurai zukam, zeigten seine Züge wenig Regung. Nur seine Augen verrieten, dass er sich des vorigen Treffens mit ihr sehr wohl erinnerte. "Beschlossen?" fragte er und löste seine Linke mit einer sichtlichen Anstrengung von der Waffe. Sieben Atemzüge, exakt abgemessen, ehe er schließlich ohne besondere Betonung antwortete: "Gar nichts. Reden und Vorschläge, Streitereien und keine Ergebnisse." Noch immer beherrscht fuhr er fort, nur einen leisen Unterton von Bitterkeit in der Stimme: "Sie werden sich wahrscheinlich noch gegenseitig beschimpfen, wenn ihre abgeschlagenen Köpfe im Staub liegen." Chúsei mochte auch eine Spur von Verachtung aus seinen Worten heraushören, wie er seinen Blick so über die Hütten schweifen ließ. Leicht nur hob sich ein Mundwinkel, als er sich ihr wieder zuwandte. "Du hättest kaum weniger Recht als eure Ältesten gehabt, an dieser Versammlung teilzunehmen."

Miko Yumi

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[Szene 11] Ein Taubenschwarm im Schatten des Adlers
« Antwort #3 am: 21.09.2019, 23:21:15 »
Da es so lange dauerte, bis Tsuyoshi antwortete, machte sich Chúsei nur umso mehr Sorgen. Sie blieb sicherheitshalber außerhalb der Reichweite seines Schwertarmes und flüsterte: "Herr?" Sie fragte sich, ob er sie gehört hatte. "...durfte ich wohl nicht fragen...", murmelte sie nervös zu sich und begann, langsam zurückzuweichen.

Doch dann bekam sie endlich eine Antwort, die sein Zögern in ein ganz anderes Licht rückte. Und ihre Furcht wieder erstarken ließ, die die vergangenen Worte der Alten gedämpft hatte. Schrecken und Unglaube zeichneten sich auf ihrem Gesicht ab: "Das...ist doch wohl nicht deren Ernst! Wir haben kaum eine Chance zu überleben, mein Kind erst recht, und die..." Ihre Gesichtszüge wechselten zu Wut hinüber. "Das waren mit Sicherheit ...", sie nannte vier Namen, die wahrscheinlich vorhin gefallen waren, keiner von ihnen der Hausherr aus Kimikos Verwandtschaft. "Mal sehen, was die ihren Frauen zu erzählen gedenken. Ach was, das höre ich mir selbst an!" Die Frau des Schmiedes schiebt ihre Ärmel hoch und lässt ihre Muskeln spielen, die Gegenwart des jungen Kriegers scheint in ihrem Anfall rechtschaffener Wut vergessen.

Tsuyoshi

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[Szene 11] Ein Taubenschwarm im Schatten des Adlers
« Antwort #4 am: 24.09.2019, 12:01:03 »
Nachdenklich ließ Tsuyoshi seinen Blick auf der Frau ruhen, die so ganz und gar nicht in das Bild passte, das man sich für gewöhnlich von einer einfachen Dorffrau machte. Kurz kräuselte ein Lächeln seine Lippen, als ihm einmal mehr der Gedanke kam, dass an ihr womöglich ein Mann und guter Krieger verloren gegangen war. Vielleicht hätte ihr Kind in der Tat selbst verteidigen können, als Mann geboren... Doch gerade die Tatsache, dass ihre Worte durchaus nicht sein Missfallen erregten, ließ ihn vor sie treten und ihr den Weg versperren. "Das hat wenig Sinn" hielt er ihr vor. "Ich habe versucht, ihnen klarzumachen, dass sie handeln oder untergehen müssen. Glaubst du, wo meine Worte nicht gegen Feigheit und Trägheit ankamen, wirst du Erfolg haben?" Als ihm klarwurde, dass er damit vermutlich Hoffnungen zerschlug, die sie hegte, und dass sie niemals gelernt hatte, wie ein Samurai Schicksalsschläge bis hin zum Tod gleichmütig zu ertragen, fasste er Chúsei am Arm, hob mit der anderen Hand ihr Kinn und sah ihr in die Augen. In deren Tiefen suchte er zu ergründen, was diese Frau bewegte.
« Letzte Änderung: 24.09.2019, 13:03:48 von Tsuyoshi »

Miko Yumi

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[Szene 11] Ein Taubenschwarm im Schatten des Adlers
« Antwort #5 am: 27.09.2019, 23:08:06 »
Erst das in-den-Weg-treten schien Chúsei Tsuyoshis Gegenwart wieder klarzumachen, zumindest zuckte ihr Blick zu ihm, wenn er auch noch immer von Wut erfüllt war. Erst mit seinen Worten und seinen Griffen nach ihr zuckte sie zusammen und ihr wurde bewusst, dass sie den Sicherheitsabstand (und jeden Respekt) vernachlässigt hatte. Sie versuchte auszuweichen, traute sich aber nicht, ihre Körperkraft einzusetzen und verlor so das kleine Gerangel. Der junge Krieger bekam so einen widerwilligen Blick und heiße Tränen der Wut zu sehen, begleitet von einer ziemlich steifen Haltung, denn sie versuchte, ihre überbordenen Emotionen in den Griff zu kriegen. Mit einem Zischen - heißem Eisen im Wasser gleich - brachte sie hervor: "Es kann, es darf so nicht bleiben. Es muss etwas getan werden! Soll, nein muss ich alles allein organisieren, gegen diese..." Im letzten Augenblick unterdrückte sie wohl ein äußert unhöfliches Wort. sie schluckte, bekam sich besser in den Griff, und ergänzte mit ruhigerem Ton: "Herr?"

Tsuyoshi

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[Szene 11] Ein Taubenschwarm im Schatten des Adlers
« Antwort #6 am: 29.09.2019, 14:32:29 »
Die Wut, die sich hier offen sichtbar Bahn brach, überraschte den Ronin. Im Allgemeinen wurden Mädchen zu Duldsamkeit, Zurückhaltung und Höflichkeit erzogen. Doch Chúsei schien hier ein wenig aus der Art zu schlagen. Immerhin, sie war noch so weit bei Sinnen, dass sie sich nicht ernsthaft gegen seinen Griff wehrte. Es wäre ihm angesichts seiner Ausbildung wiederum schwer gefallen, eine Jiujutsu-Technik wie einen Hebel oder Wurf einzusetzen, um sie an Dummheiten zu hindern. Eine Kampftechnik, im Ernst gegen eine Frau eingesetzt – eine schwere Hypothek für seine Ehre als Samurai. Darum war er innerlich erleichtert darüber, dass sie doch genug Vernunft zeigte, auch wenn er sich nichts davon anmerken ließ. "Beruhige dich" forderte er sie in ernstem Ton auf, während er nach Worten suchte, sie von ihrem verständlichen, aber wohl sinnlosen Vorhaben abzubringen.

Wie ihr beibringen, dass die Bauern hier niemals gegen die Banditen ankommen würden? Greise, Frauen und Kinder: Selbst wenn man sie zu einem Widerstand überreden könnte, wäre es mit der Entschlossenheit spätestens vorbei, wenn sie blitzende Klingen in den Händen der Angreifer sehen würden. Sicherlich handelte es sich bei diesen bis auf die paar Ronin in ihren Reihen auch selten um Männer, die jemals in einer Schlacht gekämpft hatten. Doch Blut vergossen und getötet würden sie bereits haben. "Du darfst nicht verzweifeln" suchte er Zeit zu gewinnen und nahm sie unbeholfen in den Arm. Wenn er in einem Gebiet weder über Ausbildung noch über Erfahrung verfügte, dann war es darin, dieser zwischen Angst und Trotz schwankenden Frau Trost zu spenden.
« Letzte Änderung: 29.09.2019, 14:33:03 von Tsuyoshi »

Miko Yumi

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[Szene 11] Ein Taubenschwarm im Schatten des Adlers
« Antwort #7 am: 15.10.2019, 06:04:51 »
Es dauerte eine Weile, bis sich die Frau des Schmiedes soweit in den Griff bekam, sich nicht mehr gegen den Griff zu stemmen, sondern stattdessen die Tränen wegzuwischen - was nicht allzuviel half, denn es kamen weitere. Mit schmalen Augen starrte sie auf die Hände des jungen Kriegers, die sie festhielten, und zischte: "Ich werde es nicht zulassen, das meiner Tochter etwas geschieht! Der Fürst mag mir meinen Mann genommen haben - NIEMAND wird ihr auch nur nahe kommen!"

Trotz der Worte machte sie nicht mehr den Eindruck, als würde sie gleich losstürmen wollen. Herausfordend starrte Chúsei Tsuyoshi an: "Und Herr, was habt ihr nun vor? Werdet ihr uns trainieren und führen?" Es war nicht eindeutig zu erkennen, welche Antwort sie bevorzugen würde, aber es war deutlich, dass sie einer Frau der Tat, wenn es so etwas gäbe, sehr nahe kam. Und mit ihrer Physik und Entschlossenheit würde sie vermutlich auch eine Herausforderung für einfache Krieger darstellen - sowie ein leuchtendes Beispiel für ihre Mitkämpfer.

Tsuyoshi

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[Szene 11] Ein Taubenschwarm im Schatten des Adlers
« Antwort #8 am: 15.10.2019, 19:49:32 »
Mit einem wachsenden Gefühl der Besorgnis sah der Ronin die heftige Reaktion der Frau. Und ihre Frage brachte ihn in eine böse Zwickmühle: Einerseits konnte er gut verstehen, wie sehr sich alles in ihr dagegen sträubte, ihr Schicksal einfach zu akzeptieren. Andererseits... "...euch anführen?" echote er langsam. Und dann entschloss er sich, deutlich zu werden, um sie vor schlimmerem zu bewahren. "Ist dir bewusst, dass ich dann die meisten von euch, vielleicht alle, in den Tod führen würde?" Seine Stimme wurde lauter, der Blick hart, und er packte sie so fest am Oberarm, als wollte er ihr vor Augen führen, was sie erwartete. "Es sind erfahrene Kämpfer unter den Banditen!" Den Titel eines Samurai wollte er einem Ehrlosen nicht zugestehen, der sich an Wehrlosen vergriff, um zu rauben und zu morden. Noch nicht einmal den eines Ronin...

Den Griff seiner Finger wie eine Eisenklammer verstärkend, fuhr er fort: "Hier sind nur Frauen, ein paar Greise und Kinder – wenn ihr gegen sie antretet, werden sie euch alle erschlagen! Du kannst nicht erwarten, dass die anderen Frauen ebenfalls willens sind, in einem Kampf zu sterben. Wenn ihr euch nicht wehrt..." Er brach ab und ließ sie los, wandte sich halb ab, wütend, weil er sah, wohin sein Satz führen würde: Wehrten sie sich nicht, dann würden sie am Leben bleiben. Aber sie wären bettelarm, und gewiss würden alle Mädchen und jungen Frauen geschändet werden. So viel hatte er vom Krieg gesehen, dass er daran nicht zweifeln konnte. Und die Banditen würden wiederkommen. Immer wieder.

Aber das führte ihn dazu, dass er keinen Rat wusste, den er ihr hätte geben können. Das simple Faktum war: Die Frauen würden sich nicht verteidigen können, ganz gleich wie sehr sie es versuchten. Und wenn er den Versuch machte, sie im Kampf zu schulen, ihnen die Hoffnung vorgaukelte, sie könnten es mit den bewaffneten Banditen aufnehmen, schickte er sie eben in den sicheren Tod... Die Optionen wirbelten ihm durch den Kopf. Was konnten sie tun? Sich verstecken? Um Gnade flehen? Fliehen, das Dorf aufgeben? Alle klangen gleichermaßen schlecht. "Wenn ich nur eine Handvoll Männer hier hätte..! Samurai, einige wenige bloß..." murmelte er bitter.