Autor Thema: Kapitel III: Das Lied der Zeiten  (Gelesen 2711 mal)

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Laura Ann

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Kapitel III: Das Lied der Zeiten
« Antwort #30 am: 15.04.2020, 13:09:50 »
Laura Ann hört Ayleen aufmerksam zu. "Du hast so scharfe Augen Ayleen und Eddy kann aus seiner Höhe bestimmt auch alle Spuren mit Leichtigkeit verfolgen. Er kann so auch Feinde in flacher Landschaft erspähen" Dass Eddy natürlich genauso leicht von Verfolgern oder Feinden zu sehen ist, entgeht der arglosen Satyrin. "Und wir sind nicht mehr so wehrlos." Eifrig nickt sie und wirbelt ihren Speer übermütig einige Male um ihren behörnten Kopf. Sie dreht sich um die eigene Achse und stößt den Speer unsichtbaren Feinden entgegen.

 Dann stockt sie und legt den Kopf schräg. "Etwas zum Transport von Flüssigkeiten..... Flaschen, Krüge könnten zerbrechen. Fellflaschen, Bälge..." Die Stimme der Satyrin wird immer leiser. Für solche Dinge bieten sich die Bälge von kleineren Tieren perfekt an. Nicht so kleinen wie Hasen oder Füchsen. Eher schon die Größe von Rehen oder - Ziegen. LauraAnn sieht sich schnell um und spürt, wie sich ihre Nackenhaare aufrichten. Der Übermut ist verflogen. Worin transportieren die Felsleute ihre Wasservorräte? In Bälgen oder Krügen?

Changeling

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Kapitel III: Das Lied der Zeiten
« Antwort #31 am: 16.04.2020, 14:02:34 »
Das Angebot Ayleens bedenkt der Friedensbringer mit einem leichten Lächeln. "Ich sehe deinen Willen und danke" meint er ruhig. "Doch wenn ihr euer Ziel erreicht, dann verhindert ihr großes Unheil, das sagen mir meine Träume. Geht, findet eure junge Freundin und folgt gemeinsam dem Pfad, der für euch ausersehen ist, dann habt ihr mehr für mich und uns alle getan, als ich verlangen kann." Seine Worte klingen noch in ihrem Kopf nach, als sie sich zur Ruhe legt, und sie scheinen sie auch in ihren Schlaf zu begleiten wie die Hand eines Freundes auf der Schulter. Laura Ann dagegen und Ricky schlafen womöglich etwas unruhiger, denn tatsächlich müssen sie feststellen, dass für die Gefäße der Felsleute wohl so einige Ziegen ihr Leben lassen müssen – Ricky wechselt einen Blick mit dem Mädchen, bei dem sein schiefes Grinsen eher bemüht  wirkt. Sicher, es ist lächerlich, ihren Gastgebern böse Absichten zu unterstellen, aber irgendwie... haben auch die beiden Satyrn Gedanken, die sie in dieser Nacht noch lange durch ihren Schlummer begleiten und ihren Übermut, jedenfalls für eine Weile, etwas dämpfen. Auch Eddy wälzt sich unruhig auf seinem Lager hin und her. Einzig Sonnenauge scheint völlig ruhig und traumlos zu schlafen, zumindest rührt sich der Flussmann bis zum Morgen nicht mehr unter den Felldecken, die man ihnen gegeben hat. Die Sonne steht noch nicht hoch am Himmel, als sie von den Geräuschen des erwachenden Dorfes wieder aufgeweckt werden. Die Felsleute gehen bereits ihren Verrichtungen nach.

Auch Sonnenauge springt übergangslos erwachend auf, während der Troll seine mächtigen Glieder mit einem Gähnen streckt, das ihm den Kiefer auszurenken scheint. Als sie sich zu einem raschen Frühstück versammeln, können sie sehen, dass ihre Ausrüstung bereits von kundigen Händen zu kompakten Bündeln verschnürt wurde. Sogar Wasserbeutel, wie sie Laura Ann im Sinn hatte, sind darunter. Man stört sie nicht, doch nicken ihnen einige Dorfbewohner freundlich zu, während sie essen. Vom Friedensbringer fehlt jede Spur, wohingegen sich eine Weile nachdem sie erwacht sind der Anführer der Felsleute zu ihnen gesellt. In seiner Begleitung ist ein Felsmann von schwer bestimmbarem Alter mit verwittert wirkenden Zügen
[1]. "Dies ist Vier-Bären" erklärt der Mann ganz einfach. "Er begleitet euch. Vier-Bären war schon am Frostsumpf." Womit sich der Genannte recht unzeremoniell bei ihnen niederlässt und eine Pfeife entzündet, die aus einem plump wirkenden Tonkopf und einem kurzen hölzernen Mundstück besteht. Bedächtig zieht er an der Pfeife und stößt dann den Rauch in dünnen Kringeln aus, die in der frischen Brise hier oben schnell zerfasern. Bis auf ein kurzes "Mh", mit dem er sein grüßendes Nicken begleitet hat, hat er noch keinen Ton geäußert. Doch beide Männer geben sich ganz so, als sei seine Anwesenheit selbstverständlich und die Teilnahme an der Reise der Gefährten beschlossene Sache.
 1. Vier-Bärens Beschreibung findet sich hier.

Ayleen Chepi Anitsiskwa

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Kapitel III: Das Lied der Zeiten
« Antwort #32 am: 10.05.2020, 18:33:05 »
Ayleen reagiert auf Lauras Anerkennung mit einem verhaltenen: "Wir werden sehen." So glücklich sie ist, endlich sie selbst zu sein und Anerkennung zu erfahren, so wenig ist sie es auch gewohnt. Den Speerstichen weicht sie mit einem gutmütigen Lächeln aus. Was den Flüssigkeitstransport angeht, nickt sie zustimmend.

Friedensbringers Worte nimmt sie mit einer Geste der Art "Wie es euch beliebt" entgegen. Als es anschließend zur Ruhe geht, bereitet sie ihr lager mit viel Sorgfalt vor und wünscht allen eine erholsame Nacht, wirkt aber in Gedanken. Mit ein wenig Abstand von allen kuschelt sie sich in die Decke, wobei den Bewegungen etwas Elegantes innewohnt. Falls einer der anderen Schläfer in ihrer Unruhe im Laufe der Nacht hinüberschauen, sehen sie eine entspannt schlafende Indianerelfe. Sie bewegt sich so wenig, dass sie am Morgen kaum verwuschelt aussieht.

Sie erwacht relativ früh und zieht sich für eine ordentliche Morgenwäsche zurück. Entsprechend spät kehrt sie zum Frühstück zurück, nimmt jedoch auch nicht viel zu sich. "Ich hoffe, ihr habt euch gut erholt?", fragt sie höflich und setzt dann fort: "Sobald alle bereit sind, sollten wir aufbrechen."  Sie inspziert ihr Bündel mit ein wenig Skepsis, denn sie ist sich ihrer geringen Kraft bewusst. Dabei kombiniert sie es mit ihren eigenen Sachen.

Die Steinmänner, vor allem Vier-Bären, begrüßt sie höflich: "Willkommen bei uns und vielen Dank für eure Hilfe. Habt ihr Fragen an uns oder über unsere Reise?" Sie lässt ihm eine großzügige Zeit zu Wort zu kommen, bevor sie mit ihrer eigenen Frage kommt: "Was mögt ihr uns über euch verraten im Bezug auf eure Erfahrungen mit der Reise und dem Frostsumpf? Worauf sollten wir bei euch achten und gibt es Aufgaben, die ihr gerne übernehmt?"
« Letzte Änderung: 10.05.2020, 18:33:44 von Ayleen Chepi Anitsiskwa »

Laura Ann

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Kapitel III: Das Lied der Zeiten
« Antwort #33 am: 24.05.2020, 13:13:41 »
Als die  Satyrin am Morgen aufwacht gleicht ihr Äußeres ihrem Gefühl: Sie ist verwuschelt. Die Haare sind zerzaust und ihre Kleidung hat vom unruhigen Schlaf Falten bekommen.

Genau wie Ayleen nimmt sie sich die Zeit für eine kleine Morgentoilette, versucht die Haare wieder zu bändigen. Doch schnell merkt sie, dass sie heute wohl struppig aussehen wird, egal was sie versucht. Also fasst sie ihre Haare zusammen und bindet ein dünnes Lederband darum. Jetzt kann man ihre Ziegenhörner deutlich sehen. Ihren Rock streicht sie mit den Händen ein wengi glatt, das muss reichen.

Beim Frühstück sitzt sie schweigend neben Ricky, der ebenso zerzaust wie sie ist. Als sich Vier-Bären zu der Gruppe setzt neigt sie den Kopf."Willkommen. Danke, dass ihr uns begleitet. " Sie mustert ihn neugierig, während sie weiter isst. Den Fragen Ayleens hat sie nichts hinzu zu fügen.

Changeling

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Kapitel III: Das Lied der Zeiten
« Antwort #34 am: 26.05.2020, 14:39:33 »
Das Frühstück, hauptsächlich aus Trockenfleisch, ebenfalls getrockneten Beeren und einer Art Suppe mit nicht näher zu identifizierenden Wurzeln und Kräutern besteht, nimmt nicht allzu viel Zeit in Anspruch. Abgesehen von Eddy mit seinem Appetit, der seinen Körpermaßen entspricht, fällt hier niemand besonders auf. Die Sonne beginnt dennoch allmählich höher zu wandern und die hier oben sehr frische Luft ein wenig zu wärmen, bis sie die einfache Mahlzeit beendet, sich gewaschen und ihr Gepäck noch einmal nachgesehen haben. Ricky hat auf Ayleens Frage mit einem fröhlichen Grinsen genickt, Sonnenauge gemessener, während Eddy grinste: "Alles roger!" Hier scheint der Eddy aus dem Internat durch, den es sichtlich amüsiert, wie die beiden Felsleute ihn bei diesen Worten aus einer anderen Welt stirnrunzelnd anschauen. Die zwei Männer sehen ihnen ansonsten bei allem unbewegt zu, und erst als sie sich zum Aufbruch anschicken, steht Vier-Bären auf, um aus einer der nahen Hütten ein kleines Bündel, einen stabil wirkenden Speer und ein daran gebundenes Beil mit steinerner Klinge zu holen – offenbar sein gesamtes Gepäck.

Er selbst hat auf das Angebot, seine Fragen zu beantworten, nur kurz gebrummt: "Ihr wollt dorthin, wo der Winter niemals schläft, und Vier-Bären kennt den Weg." Mit dieser Feststellung hat sich das Gespräch wohl für ihn erledigt, denn als Ayleen ihn ihrerseits befragt, tauschen die beiden Felsmänner einen weiteren wohl leicht konsternierten Blick aus. Ricky beugt sich zu Laura Ann und flüstert: "Die kriegen die Zähne aber auch kaum auseinander, was?" Allzu tief scheint ihn das aber nicht zu berühren, denn der junge Satyr zwinkert ihr dabei zu. Über Vier-Bärens verwitterte Züge gleitet dagegen etwas, das man mit etwas Fantasie als nachsichtiges Lächeln interpretieren könnte, als habe sich Ayleen gerade außergewöhnlich geschwätzig gezeigt. Dennoch bequemt er sich zu einer neuerlichen Antwort: "Zweimal ging Vier-Bären in den Sumpf aus Kälte. Als Jüngling verfolgte er ein Wild und geriet hinein, ohne es zu wollen. Später holte er dies, um die Bären des Gebirges zu jagen." Damit weist er auf die Spitze seines Speers, die weder aus Metall, noch aus Stein oder einem anderen Material besteht, das die Gefährten so ohne weiteres identifizieren könnten.

Es ist Eddy, dem es nach einigen Momente des Schweigens entfährt: "Ein Reißzahn – verdammich, das ist ein
Zahn..!" Der Troll klingt beeindruckt, und wenn man die Größe des milchig weißen, fast unterarmlangen Dings bedenkt, ist das auch wenig verwunderlich. "Hast du das Tier selbst erlegt?" fragt Sonnenauge aus dem Hintergrund mit kugelrunden Augen. Doch zu ihrer Enttäuschung – oder Erleichterung? - schüttelt Vier-Bären den Kopf. "Niemand sah jemals Den, Der unter dem Sumpf ruht. Auch Vier-Bären nicht. Er betete, und so führte ihn eine Vision, damit er finden konnte, was er brauchte." Über diese Erklärungen haben sie alle ihre Bündel zusammengestellt und können sich nun auf den Weg machen. Die Felsleute verabschieden sie so einfach, wie es ihre Art ist: Ein Nicken hier, eine zum Abschiedsgruß erhobene Hand dort. Eine Frau steckt ihnen noch eine süße Nascherei aus Honig zu, ein alter Mann beschwört mit einer durchdringend klingenden Rassel Geister zu ihrem Schutz auf dem Weg – doch niemand hält lange Reden. Selbst die Kinder, die zwischen den Hütten auftauchen, sehen ihnen stumm nach, ohne lachend zwischen ihnen umherzutollen, wie das bei den Flussleuten der Fall war.

Dennoch haben sie den Eindruck, dass ihnen viele gute Wünsche folgen, wie sie sich so langsam an den Abstieg aus den Höhen des Felsreichs zurück in die umliegende Ebene machen: Ein Troll, zwei Satyrn, ein junger Flussmann, eine indianische Elfe und ein schweigsamer Felsmann.

Ayleen Chepi Anitsiskwa

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Kapitel III: Das Lied der Zeiten
« Antwort #35 am: 07.06.2020, 23:41:42 »
Ayleen nickt zur Bestätigung der anderen, dass sie aufbruchsfertig wären. Eddys 'Roger' entlockt ihr nur eine hochgezogene Augenbraue. Als auf ihre Fragen nicht oder nur verhalten reagiert wird, lässt sich die Indianerin ihren Ärger nicht anmerken und ignoriert auch Rickys Flüstern. Mit gemessenem Respekt hört sie schließlich Vier-Bären zu und dankt ihm für seine Worte. Anders als die Krieger der Runde ist sie von der Waffe nicht beeindruckt und nötigt sich nur eine respektvolle Handbewegung dazu ab.

Beim Abschied von den Felsleuten ist auch die Indianerelfe zurückhaltend. Wie es sich für einen Vertreter eines hohen Standes gehört nimmt sie die Aufmerksamkeiten der Gastgeber huldvoll-höflich entgegen. Nur für die Beschwörungen des alten Mannes und sein Ritual nimmt sie sich alle notwendige Zeit und dankt ehrlich.

Ein Abstieg ist leichter zu bewältigen als ein Aufstieg und Ayleen ist wildniserfahren, doch kann sie weder mit der Zähigkeit des Trolls oder des Felsmannes noch mit dem Geschick der Satyre mithalten, bei aller Sportlichkeit. Sie versucht es sich nicht anmerken zu lassen, aber sie ermüdet schneller als der Rest. Schweigsam ist sie immer und vorsichtig auf der Suche nach sicheren Stellen zum Auftreten, doch bestimmt sie irgendwann die Reisegeschwindigkeit, unfreiwillig.

Laura Ann

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Kapitel III: Das Lied der Zeiten
« Antwort #36 am: 28.06.2020, 20:41:25 »
Laura Ann bemerkt, dass Ayleen immer mehr zurück fällt und beginnt selbst ein wenig zu trödeln, damit die Indianer-Elfe nicht den Anschluss verliert. Auf der Reise hat sie inzwischen bemerkt, dass Ayleen nie um eine Pause bitten würde. Als die Elfe ein weiteres Mal zurück fällte hüpft sie zu ihrem Führer. "Vier-Bären, bitte, wir sollten etwas langsamer gehen...oder besser eine kleine Pause machen." Die Satyrin spricht leise, vor allem soll Ricky nichts mitbekommen, hat der Satyrjunge doch manchmal ein eher loses Mundwerk. Falls Vier-Bären zu der kleinen Satyrin schaut, so würde sie unauffällig mit der Hand in Richtung Ayleen deuten. "Sie kommt nur langsam voran, ist das Gelände nicht gewohnt."

Changeling

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Kapitel III: Das Lied der Zeiten
« Antwort #37 am: 04.07.2020, 20:00:23 »
Tatsächlich beginnt Ayleen bald zu merken, dass die anderen aus den verschiedensten Gründen besser zu Fuß sind als sie – mit Sonnenauges Ausnahme. Die Gefährten haben in der Siedlung der Flussleute mit eigenen Augen gesehen, wie geschmeidig und flink sich selbst schon die Kinder dieses Volkes im Wasser bewegen. Hier auf dem Trockenen aber scheint es ihn auch große Anstrengung zu kosten, mit den langen Schritten des Trolls, den Ziegenbeinen der Satyrn und dem anscheinend unermüdlichen Felsmann Schritt zu halten. Der marschiert immer voran, mit unbewegtem Gesicht, als ginge ihn die ganze Sache gar nichts an, obwohl er sie doch in die eisigen Sümpfe führen soll, von denen sie so viel beunruhigendes gehört haben. Als ihn Laura Ann anspricht, bleibt er abrupt stehen, dreht sich zu den anderen um und mustert Ayleen wie auch den leise keuchenden Flussmann. Vier-Bären tauscht einen Blick mit Eddy aus. Der Troll wirkt wenig begeistert, doch auch Ricky errät offenkundig aus den Blicken, worum es geht, und meint: "Lasst uns eine kurze Rast einlegen. Es hat ja keinen Sinn, wenn wir abgekämpft ankommen, oder?" Eddy grollt leise, aber bei dem sonnigen Lächeln auf den jungen Zügen des Satyrs fällt es schwer, ihm böse zu sein.

So machen sie Rast, essen eine Kleinigkeit von den mitgebrachten Vorräten, die zum Teil kräftige Zähne zum Kauen erfordern, aber erstaunlich satt machen, und schöpfen neue Kräfte für den Weitermarsch. Der führt sie immer weiter in die Tiefe, bis sie endlich wieder ebene Erde erreichen, wo sie merklich leichter und schneller vorankommen. Ricky streift gelegentlich einige hundert Meter zu den Seiten oder nach vorn, um zu Gegend zu erkunden – jedenfalls behauptet er das. Tatsächlich scheint er es aber auch zu genießen, sich in weiten Sätzen voranzuschnellen und die Vorzüge seiner Gestalt zu genießen. Immerhin ist die kleine Reisegruppe auf diese Weise recht sicher, nicht unvorbereitet auf unangenehme Überraschungen zu stoßen, und in der Tat kommen sie recht gut voran, ohne unliebsame Zusammenstöße mit wilden Tieren oder feindlich gesinnten Wanderern zu haben. Sie wandern den gesamten Tag, verbringen eine ereignislose Nacht, in der es recht kühl wird, und brechen früh am nächsten Morgen erneut auf. Am Vormittag will es scheinen, als ginge dieser Marsch noch ewig so weiter, von einem Wäldchen zum nächsten, vorbei an Tümpeln und Bächen, welche die Gegend in großer Zahl durchziehen, der einen oder anderen dichten Wiese... alles wiederholt sich in verschiedenen Variationen.

Doch eine Weile nach ihrer zweiten Mittagsrast beginnt das Gelände sich spürbar zu verändern. Der Pflanzenbewuchs wird nicht geringer, aber anders in seiner Zusammensetzung. Dürre Grashalme und Bäume mit dicker, knorriger Rinde werden von Gewächsen mit großen, weichen und sehr saftigen Blättern, von Moosen und flachen, weitläufigen Gebüschen abgelöst, und ganz unmerklich scheint es in der Tat kalt und kälter zu werden. Als die Sonne den größten Teil ihres heutigen Weges über den Himmel zurückgelegt hat und der Einbruch der Dunkelheit noch zwei, allerhöchstens drei Stunden entfernt sein kann, stoßen sie auf die ersten Ausläufer des Frostsumpfs: Vier-Bären macht sie auf eine Senke aufmerksam, eine Kuhle im Boden, die wohl zehn Meter durchmessen mag. An ihrem Grund hat sich Wasser gesammelt – auf den ersten Blick ein Tümpel wie die unzähligen zuvor. Doch in diesem Wasser schwimmen trotz der Tagestemperaturen kleine Eisstücke, und als sie sich dem Wasser nähern, spüren sie die Kühle der Luft, die seltsamerweise regelrecht aufzusteigen scheint, wie es sonst Hitze zu tun pflegt. "Ab hier" erklärt Vier-Bären ernst "müssen wir gut aufpassen. Viele Wesen in diesem Bereich sind noch normal, doch je weiter wir gehen, desto mehr werden die mit den kalten Herzen."

Ayleen Chepi Anitsiskwa

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Kapitel III: Das Lied der Zeiten
« Antwort #38 am: 22.09.2020, 22:38:00 »
"Doch nicht meinetwegen!", will Ayleen protestieren, als der Diskussion für eine Pause kommt. Doch sie ist zu erschöpft, um es tatsächlich zu sagen. Mit verschlossener Miene nimmt sie es hin, dass ihre Schwäche offenkundig ist. Das Verzehren der zähen Wegrationen erleichtert sie sich mit ausgiebiger Vorbereitung: Sie zerschneidet es in kleinste Happen und ergänzt es um viel Wasser. Insgesamt ist sie fast am wenigsten von allen. Die weitere Reise erleichtert sie sich dadurch, im Marschrhythmus Lieder zu summen. Nichts davon klingt nach dem Musikinternat, sondern passt mehr zu den weiten Ebenen und der Tierwelt, die in ihr und über ihr ihre Kreise ziehen. Das Kampieren im Freien ist ihr offensichtlich vertraut, und sie wird zur Nacht wieder entspannter. Sie regt am Lagerfeuer dazu an, Geschichten auszutauschen. Sie selbst gibt eine weitere Legende ihres Vogelstammes zum besten. Am Morgen verbringt sie mehr Zeit damit, sich zurechtzumachen, als mit dem Essen.

Vor dem Aufbruch bittet sie um ein wenig Geduld. Sie kaut eines ihrer Kräuter aus dem Beutel und beginnt einen leisen, hypnotischen Singsang. Mithilfe der Asche und der angekohlten Äste zeichnet sie in mühsehliger Kleinarbeit eine Skizze eines Menschen auf Lagerboden zu zeichnen. Sie wird mit einem Kreis voller Runen umgeben. Zum Abschluss der Zeichnung vervollständigt sie die Skizze des Menschen um einige Attribute wie Hochsteckfrisur, schmale Gesichtszüge und ein Kleidchen, die verräterisch nach Tiffany aussehen. Mit einem letzten Akt greift die Indianerelfe in ihren Beutel und wirft bei geschlossenen Augen die zufällig gegriffenen Kleinteile wie Steine, Muscheln und Kräuter über ihren Zauberkreis. Sie braucht einpaar Augenblicke, sich wieder zu sammeln und untersucht dann vorsichtig das Ergebnis ihres Rituals. Mehr zu sich selbst als zu den anderen murmelt sie: "Mal sehen, was das Schicksal für Tiffany bereithält..."

Ayleen beobachtet die geworfenen Kleinteile bei ihrem Tanz, der einigermaßen Zeit in Anspruch nimmt. Sie braucht eine Weile und zieht ihre Stirn vor Konzentration kraus, bevor sie wieder etwas sagt. Entweder fällt es ihr schwer, sich an die Regeln ihres Rituals zu erinnern oder die Zeichen zu deuten, die vor ihr liegen. Mit einem Seufzen verkündet sie schließlich: "Tiffany wird in ihrer Zukunft eine große Entscheidung treffen müssen, eine Wahl zwischen ihrem persönlichen Glück und dem anderer. Egal, wie die Entscheidung ausfällt, in beiden Fällen wird sie etwas Wertvolles bewahren und etwas Wertvolles opfern müssen. Für eine andere Lösung braucht sie Hilfe." Ayleen steht auf und sieht ihre Mitschüler an: "Lasst uns diese Hilfe sein!" Als ihr klar wird, was sie gerade für eine Show veranstaltet und für Worte gesprochen hat, errötet sie und macht sich schnell daran, ihre Sachen einzusammeln. Dabei wird die Zeichnung verwischt, aber sie ist bald aufbruchfertig.
« Letzte Änderung: 08.11.2020, 16:21:46 von Ayleen Chepi Anitsiskwa »

Ayleen Chepi Anitsiskwa

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Kapitel III: Das Lied der Zeiten
« Antwort #39 am: 08.11.2020, 16:13:22 »
Die weitere Reise bis zum Rand des Sumpfes summt Ayleen erneut Marschlieder. Dort angekommen lauscht sie aufmerksam Vier-Bären, bevor sie antwortet: "Dann sollten wir bereits nach diesen Wesen sehen, da ihr Verhalten uns vor der Kälte warnt. Haltet gleichzeitig Ausschau nach einem Lagerplatz und entfernt auch nicht zu weit voneinander, damit wir einander helfen können, falls es notwendig wird." Bei den letzten Worten schaut sie definitiv die beiden Satyre an.

Changeling

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Kapitel III: Das Lied der Zeiten
« Antwort #40 am: 11.11.2020, 14:05:26 »

Die Gefährten beobachten schweigend das Ritual des Indianermädchens. Dabei sind Sonnenauge und Vier-Bären überaus ernst – sofern man das bei dem unbewegten Gesicht des Felsmanns überhaupt beurteilen kann. Noch hat ihn niemand lachen sehen, und selbst die Andeutung eines Lächelns ist bei ihm eine Seltenheit. Nicht ganz so ernst scheinen die beiden jungen Satyrn die Angelegenheit zu nehmen, jedenfalls zunächst. Von ihnen sieht man ein eher belustigt-interessiertes Grinsen. Sie tuscheln leise miteinander, und Ricky scheint sogar etwas zu sagen, das Laura Ann amüsiert, dem unterdrückten Kichern des Mädchens nach zu urteilen. Ein strenger Blick Eddys lässt die beiden aber stiller werden, und als Ayleen endlich verkündet, was ihr die Geister gezeigt haben, werden ihre eben noch so ausgelassen wirkenden Gesichter lang und länger. "Verdammt, das klingt aber gar nicht gut..." murmelt Ricky kleinlaut. Laura Ann nagt an ihrer Unterlippe, und auch der junge Flussmann und der riesige Troll schweigen betroffen. Niemand mehr findet ihre Vorstellung belustigend, wie es aussieht. Erst Vier-Bärens knarrende Stimme durchbricht die Stille: "Wenn die Geister wollen, dass wir helfen, werden sie uns leiten" erklärt er lakonisch. Ein "Wenn nicht..." schwebt jedoch unausgesprochen in der Luft.

Die etwas gedrückte Stimmung hält daher auch auf dem weiteren Marsch an. Jedem von ihnen scheint es unangemessen, jetzt noch scherzend umherzutollen – wozu aber nicht nur Ayleens Prophezeiung beiträgt. Auch die Gegend lässt es wenig geraten erscheinen, sich wie auf einem Spaziergang zu verhalten. Am Rand des Frostsumpfs angelangt schauen sie sich unwillkürlich alle um. Man fühlt sich definitiv beobachtet. Und als sie sich trennen – nicht allzu weit, selbst die beiden Satyrn – dauert es auch gar nicht lange, bis ausgerechnet Eddy, der bislang nicht durch sonderlich scharfe Sinne glänzte, leise ruft: "He, ich glaube, wir sind nicht allein! Da ist irgendwas... und ich glaube auch, diese verdammten Pfützen sind tiefer als sie aussehen." Als sie alle zusammenlaufen, weist er auf eine der Senken, an deren Rand er steht. Und tatsächlich, sie können in dem leicht trüben Wasser Bewegung erkennen: Etwas bewegt sich dicht unter der Oberfläche durch die eisige Brühe, von der sie dachten, sie könne kaum mehr als knietief sein. "Ich bin mir nicht sicher, aber ich könnte schwören, ich hätte dasselbe Ding eben noch in dem Loch nebenan platschen hören... " flüstert Eddy. Sonnenauge, der seinen Speer fest gepackt hat und das Wasserloch nicht aus den Augen lässt, wispert zurück: "Aber das hieße, dass diese Löcher miteinander verbunden sind – irgendwo unter unseren Füßen... "

Ihre Blicke huschen beunruhigt über den Boden, und Vier-Bären erklärt tonlos: "Der Eisdrache – sein Leib ist unter dem Sumpf begraben. Von hier an gehen wir nicht mehr auf festem Boden, auch wenn es so scheint." Eddy hat hastig in dem großen Buch geblättert, das er schon so lange mit sich herumschleppt, und im allmählich schwindenden Licht liest er, mit dem Finger Zeilen folgend: "Er hat recht! Es heißt hier, wenn die Kälte aus der Tiefe nicht wäre, die alles gefrieren lässt, wäre all dies hier ein einziger riesiger Morast, der alles verschlingt!" Er hat das letzte Wort noch nicht gesprochen, da hören sie alle ein leises Plätschern, das kurz anschwillt und dann mit einem plötzlichen lauten Klatschen verstummt. "Das kam ganz aus der Nähe" meinte Sonnenauge und weist ohne zu zögern mit dem Fischspeer in Richtung Zentrum des Sumpfes. Und sie ahnen alle, dass Flussleute sich mit Gewässern jeder Art bestens auskennen müssen...