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Autor Thema: Mal Gani  (Gelesen 4018 mal)

Beschreibung: Der Herr der Vertriebenen

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Gaja

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Mal Gani
« Antwort #60 am: 14.06.2021, 17:39:40 »
Gerade als Rogar den Fürsten anspricht, will dieser sich selbst an die Gruppe wenden, deshalb wehrt er die Anfrage zunächst ab und verspricht, in Kürze darauf einzugehen.

"Eine Bitte hätte nämlich auch ich an Euch alle", beginnt Fürst Uther, "bevor wir Ansdag erreichen. Für den Frieden im Ort und das Wohl seiner Bewohner ist es, nach meinem besten Ermessen, absolut notwendig, dass wir das Mitwirken meiner Frau verschweigen. Bitte glaubt nicht, es ginge mir darum, eine Schuld meiner Familie zu verheimlichen. Malt Euch aber bitte die Nachwirkungen aus. Wenn bekannt wird, dass die Seuche durch den Fluch einer Berührten ausgelöst wurde, wird dies mit großer Sicherheit zu einer regelrechten Hexenjagd führen, in der alle zauberkundigen Frauen und solche, die dafür gehalten werden, ihre Vertreibung oder Ermordung fürchten müssen, und hierbei habe ich das Mitwirken der womöglich hier bald in großer Zahl auftauchenden Gotteskrieger noch gar nicht einberechnet. Von daher bitte ich euch... nein, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Ja, man könnte es wohl Lüge nennen, oder Verheimlichung oder ich weiß nicht was. Normalerweise bin ich jemand, der Aufrichtigkeit für wichtig erachtet, aber die Wahrheit, sie ist manchmal so schwer begreiflich, und wir selbst durchschauen sie in diesem Fall noch nicht so recht, müssen sie erst noch weiter ergründen... jedenfalls, wenn wir öffentlich verkünden, was wir bisher wissen, so wird dies nicht als Wahrheit in den Köpfen der Menschen ankommen, sondern völlig verdreht und entstellt, und es wird das schlimmste in ihnen zum Vorschein bringen... dazu Furcht und Misstrauen und Verdächtigungen gegen den Nachbarn... und allen möglichen Aberglauben obendrein...

Das Volk ist weder dumm noch schlecht, aber es will einfache Erklärungen... Ja, Merle war eine Berührte, aber inwieweit dies eine Rolle spielte, wissen wir ja noch gar nicht... noch inwieweit Frauen leichter von Dämonen zu verführen seien... oder muss man nun alle Jongoten fürchten? Alle Zauberkundigen? Nur die weiblichen? Nur weibliche Zauberkundige aus Jongot? Ihr seht, es lässt sich beliebig verdrehen, solange wir nichts verlässliches wissen. Und was, wenn nichts davon in Wahrheit eine Rolle spielt? Gut, einen Fluch kann nur eine Zauberin wirken, aber Unheil kann jeder anrichten, und gewiss umso mehr, wenn ein Dämon ihm einflüstert... Bedenkt, dass auch Freydis, wenn sie sich noch länger hier aufhielte, womöglich Schwierigkeiten bekäme... wohingegen ich mir doch vielmehr erhoffe, dass sie uns in einer Sache helfen und raten kann, die sich als sehr wichtig zum Schutze der Bewohner erweisen könnte, von der diese aber auch nichts ahnen..."


Er unterbricht sich selbst und setzt von neuem an: "Wenn wir uns also bitte auf eine vereinfachte Darstellung des Geschehenen einigen könnten: dass mein Vater und auch mein Weib ebenfalls der Seuche erlegen sind und dass tatsächlich ein Dämon dahinter steckte, wie allgemein von Anfang an vermutet wurde, es sich also tatsächlich um eine Dämonenseuche handelte. Glücklicherweise ist es aber den Gesandten Fürst Ayrins gelungen, den Dämon zu vertreiben. Der Dank dafür soll ganz Euch gebühren, ich will keinen Anteil daran. Nur mein Weib soll herausgehalten werden, wie natürlich ebenso der Zustand von Lîfs Gatten. Sind wir uns einig?"

~~~

Die ersten Häuser kommen bereits in Sicht, als Uther sich dann an Rogar wendet.

"Um Eure zweite Frage als erste zu beantworten, muss ich zunächst klarstellen: der neue Glaube hat keine geschlossene Sicht, oder vielmehr ist man sich nur in einigen Kernfragen einig. Darüberhinaus hat jeder Priester seine eigenen Ansichten und ihr Stand gerät gerne in Streit miteinander über eine Vielzahl an Detailfragen. Regionale Unterschiede kommen noch hinzu. Bei meinem Weib wurde ich gelegentlich Zeuge, wie sie mit Bruder Meirik in Streitgespräche geriet, freundlich aber dennoch höchst erregt. In Jongot gelte einzig das Wort des Propheten, wie es verlässlich überliefert sei, also alles, was der Mann selbst niederschrieb oder von seiner Rede nur jene, die von den zuverlässigsten der Zeitzeugen festgehalten wurde. 'Wir hier' würden zuviel auf die späteren Schriften seiner Schüler geben, als der Mann selbst schon tot war und nichts mehr klarstellen konnte, oder gar auf Interpretationen von irgendwelchen jüngeren Kirchenmännern, die ihre eigenen Ansichten in das Wort hineininterpretierten oder auch lokale Traditionen. Irgendwo hat sie ein Büchlein mit den erhellendsten Aussprüchen Javruds liegen. Wenn es Euch interessiert, können wir es heute abend suchen.

Es herrscht also, wie ihr seht, nicht einmal in Glaubensfragen Einigkeit. Wie stellt sich aber, wollt Ihr erfahren, die Kirche zu dem Bürgerkrieg? Nun, da wüsste ich von keiner einheitlichen Position, noch dass sie es als ihre Aufgabe sähen, sich in derlei Fragen einzumischen. Es kämpfen wohl auch Behadrim an der Nordfront, Priester leisten moralische Unterstützung wie auch weise Männer und Frauen des alten Glaubens, und Heiler gehen den Feldschern zur Hand. Wie lange die Sache dauern mag? Nun, bis entweder der Usurpator gestürzt ist oder unsere Seite besiegt. Die Möglichkeit einer Versöhnung oder eines Kompromisses sehe ich nicht.

Zu den Dämonen dagegen hat die Kirche viele Ansichten, denn aus dem Kampf gegen die Dämonen ging der neue Glaube ja hervor. Mich wundert es ein wenig, dass Ihr Euch damit so gar nicht auskennt. Das meiste von dem, was ich euch hier erzähle, ist allgemein zugängliches Wissen, kein gelehrtes. Ganz grob: Die Dämonen dienen Urian, ihrem Fürsten, einem Widersacher des Einen Gottes, welcher danach trachtet, alles zu zerstören, was der Eine Gott zu schützen versprach. Doch der Eine allein kann die Dämonen nicht aufhalten, weil der Kampf gegen sie nicht nur ein äußerer ist, sondern auch ein innerer: in unser aller Seelen tobt derselbe Kampf. Gut und Böse ringen um Vorherrschaft. Keiner dieser drei Kämpfe – Gottes Kampf gegen Urian, der Kampf der Menschen gegen die Dämonen, sowie der innere Kampf eines jeden Sterblichen in seiner Seele – kann gewonnen werden, ohne dass die beiden anderen ebenso ausgehen. Man muss an allen Fronten kämpfen - mit seinem Fleisch gegen die Dämonen und mit seiner Seele gegen die innere Versuchung durch Urian. Nur so ist der Sieg zu erringen.

Utopisch, denkt Ihr Euch jetzt vielleicht. Es wird immer Böses in der Welt geben. Es werden niemals alle Sterblichen innerlich gut sein. Nun, der neue Glaube lehrt das Prinzip des Fortschrittes. Anders der alte Glaube: seine Weltenordnung basiert auf dem Kreislauf. Tag und Nacht, Leben und Tod, der Jahreslauf... genauso verhält es sich mit allem. Das Gute wie das Schlechte blüht auf und vergeht wieder, sät sich anderswo aus und erblüht erneut, mal überwiegt das eine, mal das andere... ein ewiger Kreislauf. Sogar die Welt selbst ist im alten Glauben vergänglich. Im Hinblick auf den einzelnen Sterblichen: jeder erblüht nur einmal, dann vergeht er. Nach nur einem Leben hier auf Erden kehrt jeder zur Erde zurück. Immerhin glauben auch sie an eine Seele, die überdauert, doch bei ihnen fährt sie in das Schattenreich Hel hinab, außer den tüchtigsten und tapfersten unter ihnen, deren Seele ins Wolkenheim aufsteigt und von dort in eine der vier Hallen, woselbst sie sich auf die große Schlacht am Ende der Zeit vorbereiten, wenn Gaja stirbt. Dann werden all ihre Feinde – die Frost- und die Feuerriesen, Urian mit seinem Dämonen und Hela, die Herrscherin der Unterwelt – über sie herfallen, da sie ihre Schwäche wittern, und die Aufgabe der Tüchtigen wird es sein, die feindlichen Heerscharen lange genug abzuwehren, bis Gaja eine neue Welt geboren hat. Welche dann, so darf vermutet werden, wieder ziemlich genau wie diese wird. Ein ewiger Kreislauf, ohne Sinn und Ziel.

Anders der neue Glaube. Hier ist die Idee des Fortschritts zentral. Die Seelen der Sterblichen, so lehrte Javrud – und da gibt es auch keinen Streit um unterschiedliche Auslegung seines Wortes – werden hier auf Erden wiedergeboren, denn ein Leben ist nicht genug, um Vollkommenheit zu erlangen. Mit jedem Leben hat also jeder von uns die Gelegenheit, oder vielmehr die Pflicht, sich selbst zu verbessern, sein Wissen und seine Fähigkeiten zu mehren und sie dem Gemeinwohl zu verpflichten, sowie auch moralisch zu wachsen und der Sünde zu entsagen. Erst wenn alle Sterblichen sich zu dem Einen Gott bekehrt und die Sünde überwunden haben, können die Dämonen besiegt werden und eine Ewigkeit des Friedens einkehren, in denen Kriege und Hunger vergessen sein werden. Deshalb ist den Priester das Missionieren so wichtig. Für sie ist das der Kampf gegen die Dämonen, egal wie weit entfernt man von der eigentlichen Front man sich befindet."


Für jemanden, der nicht lesen kann – und entgegen seiner Behauptung, das sei doch alles bloß "allgemeines" Wissen – ist Fürst Uther erstaunlich gut informiert.

"Bruder Meirik war mir in der schwersten Zeit meiner Jugend, und seither, stets ein treuer Freund und Vertrauter und oft der einzige Trost", bietet Uther von sich aus als Erklärung an, als sei er sich dieser Diskrepanz bewusst. "Deswegen klinge ich wohl ein wenig wie er."

Zu Rogars ersten Frage, den Bürgerkrieg betreffend, korrigiert er zunächst, dass dieser keinesfalls drohe, sondern bereits seit anderthalb Jahren tobe, hauptsächlich entlang der nördlichen Grenze des Ferslandes zu Arteus und dem Bächland. Strenggenommen habe die Sache gar vor neunzehn Jahren begonnen, als Gelspad den rechtmäßigen König des Landes stürzte und ermordete, übrigens indem er sich mit den Stämmen der Kolkar gegen die Menschen verbündete und ihnen hinterher das gesamte Siedlungsgebiet des besiegten Königshauses, das Große Tal von Arteus, vermachte. Bis auf den heutigen Tag währt das Bündnis mit den Barbaren und sie sind willige Schergen und Vollstrecker seiner Schreckensherrschaft.

"Und der Kampf gegen die Dämonen wird darüber keinesfalls vergessen, sondern ist es vielmehr Gelspad, der ihn nicht ernst nimmt oder regelrecht bedroht. Und zwar auf mehrere Weisen.

Zum einen zerstört er unsere Gesellschaftsordnung. Alle Macht und Entscheidungsgewalt liege allein beim König, so will er durchsetzen. Fürsten sind in seinen Augen nichts weiter als seine Hunde, das Volk darunter... nicht einmal das. Nach seinem Wunsch gäbe es keine freien Männer oder Frauen, sondern allein Knechte und Mägde. In Arteus hat er bereits den Großteil des Landes an sich gerissen, und damit meine ich: als sein persönliches Besitztum. Die Bauern, die es bewirtschaften, zahlen ihm Dienste und Abgaben, dass ihnen kaum genug zum Leben bleibt. Ihre Rechte sind weitestgehend eingeschränkt, den Knechten hierzulande gleich. Thingversammlungen gibt es zwar noch, zumindest die landesweite, welche alle drei Jahre stattfindet, aber sie gleichen einem schlechten Possenspiel. Auf die letzten beiden Versammlungen vor Ausbruch des Krieges habe ich meinen Vater begleitet, es war... erbärmlich! So sehr ich gestern darüber klagte, dass ich mich auf der hiesigen Thingversammlung nicht gegen Vater und den Abt durchsetzen konnte, deswegen glaube ich dennoch daran, dass eine Versammlung aller freien Männer die einzig richtige Art ist, Recht und Ordnung in unserer Gesellschaft durchzusetzen, denn nur wenn jeder Anteil an der Ordnung hat, wird jeder zu ihrem Bewahrer.

Eine Zerschlagung dieser Ordnung hat auch direkte Auswirkung auf den Kampf gegen die Dämonen. Eine Gesellschaft aus Knechten und Mägden kann niemals die Wehrhaftigkeit erlangen, noch die nötige innere Stärke jedes Einzelnen, die es zu einem Sieg über die Dämonen braucht. Von daher ist der Kampf gegen Gelspad Teil dieses höheren Kampfes.

Womit wir wieder beim Thema Glaube wären. Mit dem hat Gelspad nämlich nichts am Hut. Bloß, weil die Kuijts ihn in Arteus einführten? Was weiß ich. Jedenfalls ließ er ihn verbieten. Hat alle, die dem Glauben nicht abschworen, aus dem Land vertrieben. Anhänger des alten Glaubens sind aber ebensowenig in Arteus willkommen. Druidenzirkel widersprechen wohl seinem Gesellschaftsideal mit ihm selbst an einsamer Spitze. Am Ende ging es ihm nur darum, das Land sowie sämtliches Hab und Gut der Vertriebenen an sich zu reißen. Um Glaubensfragen ging es ihm jedenfalls nicht, denn mit den Fürsten von Bächland kommt er wunderbar aus, welche allesamt dem Einen anhängen und ihren Glauben gnadenlos den restlichen Bewohner des Landes aufzwingen. Manche Geschichten hört man von dort, die Abt Halfir wie einen Waisenknaben aussehen lassen. Der stammte übrigens aus dem Grenzgebiet zu Bächland, vielleicht spielte deren Einfluss tatsächlich eine Rolle. Dem Usurpator selbst, wie gesagt, ist das alles egal. Es heißt, er glaube an nichts.

Drittens vernachlässigt der Usurpator fast sämtliche dringlichen Belange der sechs Reiche. Jongot ist seit seiner Machtergreifung gänzlich auf sich selbst gestellt und Linsberg, von wo man seit wann – gut fünfzehn Jahren? – hört, dass Dämonen auch dort aus den Bergen dringen und sich dazu überall im Land die Toten aus ihren Gräbern erheben... Auf beiden Thingversammlungen, an denen ich teilnahm, wurde dies ganz dringlich angesprochen, man wollte ein gemeinsames Heer gegen diese neue Bedrohung aufstellen... doch König Gelspad war dagegen! Verächtlich wischte er die Sache beseite. Darum sollen doch die Behadrim sich kümmern, das sei doch ihre Aufgabe: der äußere Kampf gegen die Dämonen, während die Pfaffen sich um den inneren kümmerten! Ich erinnere mich noch, wie ich damals dachte: ist er so dumm oder will er den Kampf gegen die Dämonen verhindern? Doch wenn letzteres, was kann er sich bloß für sich selbst einen Nutzen davon erhoffen? Eins jedenfalls ist klar: Gelspad kümmert sich nur um niemanden außer sich selbst. Auf beiden Things drehte sich von morgens bis abends alles nur um ihn selbst...

Viertens sind wir die feigen Morde leid. Denn falls Ihr Euch fragt, was das Fass zum Überlaufen brachte, wo Gelspad doch bereits vor neunzehn Jahren Keleborn Kujts abgeschlagenen Kopf triumphierend in die Höhe hielt, so ist das die Antwort: Assassinen des Königs morden im ganzen Land, doch Anfang des letzten Jahres hat er sich dann das falsche Opfer ausgesucht. Prinz Finrod Zwartjod von Albion mitsamt seiner Braut Frehild Redwaldsdottir wollte er auf ihrer Hochzeit töten lassen. Aber davon habt Ihr schon gehört, nein? Ihr reist doch mit Frehilds Schwester durch die Lande, Freydis Redwaldsdottir.  Nun, jedenfalls hat Gelspad sich diesmal die falschen Opfer ausgesucht. Finrod[1] als Sohn des Herzogs und Frehilds Vater Redwald ist auch nicht irgendwer, sondern der einflussreichste der neun Druidenfürsten Albions. Der Anschlag ging nicht nur fehl, sondern er führte dazu, dass Fürst Kromdag und Zwardag, sowie sämtliche Häuser von Albion und dem Fersland, sich geschlossen vom Habichtthron lossagten, bis dass der rechtmäßige Erbe der Kujts ihn zurückerobert habe. Herzog Bulvaj ernannte sich nicht etwa selbst zum Statthalter der Krone, wie die Gegenseite fälschlich behaupt, sondern wurde auf einer rasch einberufenen Thingversammlung – wie ein Jarl aus alten Zeiten – zum Anführer gewählt, worauf sämtliche Fürsten beider Länder ihm, als Statthalter des Kuijt-Königs im Exil bis zu dessen Rückkehr, die Treue schworen... Jedenfalls soll sich jetzt zeigen, ob Gelspad seine Macht halten kann, wenn niemand außer seinen Kolkar-Verbündeten und Bächland so recht auf seiner Seite ist, weil er alle anderen zuvor vernachlässigt hat. Jongot und Linsberg gelten zwar weiterhin als dem Gelspad-König verpflichtet, doch beide haben sie genug eigene Sorgen – dank seiner Vernachlässigung!

Doch Ihr fragt Euch nun sicherlich: warum wollte Gelspad den albionischen Prinzen und seine Auserwählte töten lassen? Nun, ich sagte es bereits: Weil Finrod ein Prinz ist und Frehild die Tochter eines Druidenfürsten, und zusammen sind sie eine Gefahr für Gelspad. Denn es gibt da eine Prophezeiung, die ihm große Sorge bereitet, von welcher er regelrecht besessen ist. Die Prophezeiung vom Mal Gani, habt Ihr davon schon gehört? Nein? Also gut. Als Gelspad vor neunzehn Jahren die Behadrim aus Arteus vertrieb, da war einer unter den Gotteskriegern namens Ordun, der die Gabe eines Sehers besaß – er selbst nannte es einen Fluch. Mehrmals bereits war Ordun von Visionen über zukunftige Ereignisse heimgesucht worden, die allesamt eintrafen, von denen er auch die schrecklichste nicht verhindern konnte. Seine mächtigste Vision aber widerfuhr ihm in der Nacht, bevor der Thronräuber alle Anhänger des Einen in die Verbannung schickte. Einen Befreier kündigte er an. Es werde einer kommen, um das Volk vom Joch des falschen Königs zu befreien. Es wird noch ein wenig drastischer ausgemalt, das Schicksal des falschen Königs. Jedenfalls raubt diese Prophezeiung seither Gelspads Schlaf, so sehr wie sie die Hoffnung im übrigen Land befeuert.

Die genauen Worte der Prophezeiung sind mir leider nicht verlässlich überliefert. Gelspad hat sie natürlich mit eigenen Ohren vernommen. So oder so wird die Identität des Mal Gani nur nebulös angedeutet. Erkennen sollt Ihr ihn an seinem gerechten Urteil und seinem großen Herzen... in dem Stil sind die meisten der Hinweise. Beseelt vem Geiste des Propheten soll dieser Befreier sein, heißt es, wobei ich auch schon die Behauptung gehört habe, er sei gar der wiedergeborene Javrud selbst. Von königlichem Blut, aber im Schatten geboren, auch das lässt sich auf mindestens zweierlei Weise lesen: ein königlicher Bastard oder aber von königlicher Linie, jedoch mit heidnischen Eltern, fern des Lichtes der Kirche. Mal Gani, der Gezeichnete, wird er genannt, weil er das Reifkreuz als Mal auf seiner Haut tragen soll. Ströme heiliger Kraft werden ihn durchfließen, heißt es weiter, oder nach einer anderen Version in ihm zusammenfließen. Als letztes Merkmal, an dem wir ihn erkennen sollen, wird genannt, dass er Sohn zweier Mütter sei, deren Liebe er gleichermaßen im Herzen trage. Was gerne, aber nicht von allen so gedeutet wird, dass er Gaja als Mutter verehrt, aber natürlich auch die eigene.

Jedenfalls durchstreifen Gelspads Assassinen seit der Prophezeiung die sechs Reiche, um jeden männlichen Neugeborenen zu töten, auf den er meint, dass die Prophezeiung zutreffen könnte. Drei Dutzend Knaben wird er schon in der Wiege haben ermorden lassen oder zuvor deren Mütter, bisweilen auch den Vater. Wie er auf Zwartjods Erben kam, ist nicht schwer zu erkennen: Prinz, von Zauberkraft, Kind zweier Mütter. Wenn das keine Beschreibung von Finrods zukünftigen Erstgeborenen ist! Das Druidenerbe erwähnte ich, dazu sind Frehild und Freydis Zwillingsschwestern, was man als 'zwei Mütter, deren Liebe er gleichermaßen im Herzen trägt' interpretieren kann. Da wird Finrod heilfroh sein, dass sein erstes Kind ein Töchterlein war, denn solange Gelspad am Leben ist, ist kein Sohn ihm sicher.

Frag also Freydis, ob sie der Meinung ist, wir sollten den Aufstand gegen den Usurpator beenden und reumütig unter seine Herrschaft zurückkehren!"
[2]

~~~

Der Ort, den sie betreten, erscheint noch immer menschenleer. Türen und Fenster sind so fest verrammelt wie zuvor. Doch ihr eiliges Passieren vergeht nicht gänzlich unbemerkt. Als sie den Dorfplatz erreichen, öffnet sich die Tür zum Bunten Hahn einen Spalt weit und Frida lugt heraus. Als sie erkennt, wer dort unterwegs ist, wagt die wackere Witwe sich hinaus.

"Habt Ihr Neuigkeiten? Hier war seit gestern alles still. Ist es endlich vorbei?"

"Ja, Frida, das ist es", versichert Uther ihr. "Ich will alles berichten, also sei so gut, ruf alle zusammen, die hören wollen, was geschehen ist. Ich warte bei der Linde."

Frida verschwindet zunächst wieder im Haus, dann eilen kurz darauf sowohl sie als auch Hensgar, dazu zwei Mägde in alle Richtungen los und beginnen, an Türen zu klopfen. Uther schließt kurz die Augen, atmet tief durch, und macht sich in Richtung eines großen Baumes am anderen Ende des Platzes auf. Wohl geht sein Blick kurz bittend durch die Runde, als fragte er, ob jemand bereit sei, ihn zu begleiten, doch spricht er diese Bitte nicht aus.

Freydis macht Anstalten, ihm zu folgen, doch in diesem Moment tritt Halfdan aus dem Nebengebäude des Bunten Hahns und fragt ebenfalls, was es Neues gebe und ob er helfen könne. Schnell entschlossen rekrutiert Freydis ihn als ihren Beschützer auf dem Weg hinauf zur Bibliothek, auch wenn die Gegend jetzt wieder sicher sein sollte.

Auch der Rest der Gruppe bleibt zurück und überlegt, wie sie sich aufteilen sollen.[3]
 1. Korrektur: Finrod, nicht Fingon. Fingon heißt der Vater.
 2. Uthers Wissenswürfe: 27 (Adel & Politik) und 23 (Religion).
 3. Bitte schreibt Euch eigenständig in die Richtung, in die ihr ziehen wollt.
@ alle: bei den Zielen gibt es einige Doppelbelegungen. Mir wäre lieb, wenn jeder sich eines aussuchen würde, damit wir rasch, aber ohne Hetze vorankommen.
Lîf: falls du Fragen an Solveig hast, könntest du sie Rogar mitgeben.
Rogar: In der Bibliothek gibt es keine schnellen Antworten, du würdest dort nichts verpassen.
Aeryn, du weißt, dass der Schmied krank ist. Hat Jan dir erzählt.
Ansonsten wisst ihr, wo ihr hin wollt:
Aeryn, Abdo + Rogar zu Solveigs Hütte / den Heilerzelten, wo sich Jan + Solveig (außerhalb) befinden + Talahan und Hjálmarr (im Zelt); bzw. Lîf mit Kjartan will ja zum Wasserfall.
Lîf: Freydis und Halfdan würden dich bis kurz vor den Fall begleiten (dort müsst ihr den Weg verlassen, die beiden dann weiter die Serpentinen am Hang hinauf.)
Die Ankunft übernehme ich jeweils, aber schreibt euch bitte schon auf den Weg und überlegt euch unterwegs auch, was ihr konkret fragen wollt. Ich möchte das, wenn möglich, ähnlich gerafft abhandeln wie Lîf beim Dämon, vielleicht mit ein bis drei Interaktionen.
« Letzte Änderung: 16.06.2021, 00:49:44 von Gaja »

Lîf

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Mal Gani
« Antwort #61 am: 15.06.2021, 19:27:51 »
"Ihr könnt versichert sein, dass mir nichts daran liegt, Tristan zu gefährden – ich werde alles tun, damit ihm nichts geschieht" versichert Lîf dem Fürsten und fügt hinzu: "Außerdem, was heißt schon Lüge, wenn die Wahrheit wiederum falsch ausgelegt würde? Als Kräuterweib wäre ich wohl eine der ersten, die ihres Lebens verlustig gingen... und zwar von der Hand ebenjener, die mich freudig begrüßen würden, läge ihr Weib in den Wehen und brauchte meine Hilfe." Kurz wirft sie einen Blick zu Freydis hinüber. "Diese Sache, in der Euch Fräulein Freydis helfen könnte... betrifft sie auch uns? Wenn ich kann, will ich gern ebenfalls guten Rat geben oder die Große Mutter um Hilfe anflehen. Immerhin" schließt der Rotschopf mit etwas, das irgendwo zwischen Schmunzeln und Seufzen liegt "habe ich als Ihre Dienerin die Pflicht, zum Wohl Ihrer Kinder zu handeln, auch wenn sie Ihr keine Opfer bringen und nicht zu Ihr beten." Als er vorschlägt, eine unverfängliche Version der Geschehnisse zu verbreiten, nickt sie bekräftigend und schaut sich im Kreis ihrer Gefährten um, ob die diese Angelegenheit genauso sehen.

~~~

Den Ausführungen Uthers zur Politik lauscht die drudkvinde ebenfalls, auch wenn er hierbei nicht ihre volle Aufmerksamkeit hat. Denn Lîf lässt ihre Blicke während des Marschierens hierhin und dorthin schweifen. Sie versucht zu erkennen, wie viel von den Wunden noch erkennbar ist, welche der Fluch den nichtmenschlichen Kindern der Göttin geschlagen hat. Sieht sie nichts dergleichen, so nickt sie zufrieden, und mit einem leisen Lächeln legt sie eine Hand auf ihren gerundeten Bauch. Entdeckt sie hingegen Spuren der Verderbnis, wandert die Hand nach oben, wo ihr Amulett um den Hals baumelt, und ihre Augen scheinen dunkler zu werden, wenn es wie ein Schatten über ihre Züge geht. An den unverdorbenen Stellen hält die junge Frau zugleich Ausschau nach Kräutern, Blumen und Sträuchern, die sie kennt. Solche mit heilender, stärkender oder sonstwie nützlicher Wirkung für ein Abenteuer, wie sie es anzugehen planen. Lîf versucht sich auf die Lektionen ihrer Lehrmeisterin zu besinnen, sind es doch oftmals gerade unscheinbare kleine Pflänzchen, welche erstaunliches in sich bergen.

Wohlweislich schweigt sie bei dem Vortrag Uthers zu den Glaubensstreitigkeiten unter den Anhängern des neuen Gottes, erinnern sie die drudkvinde doch allzu peinlich an ganz ähnliche Streitereien unter den Weibern, die der Großen Mutter dienen und doch eigentlich weiser sein sollten als die verbohrten Vertreter jener anderen Kirche. War das nicht ein großes Argumentieren, ja so manches Mal ein gegenseitiges Ankeifen angesichts von Fragen, die ihrem Empfinden nach nicht wesentlich für den Glauben sein sollten? Kann eine drudkvinde beim Tanz zu den Fruchtbarkeitsriten nur ganz eins mit Ihr werden, wenn sie sich wie aller anderen künstlichen Dinge auch ihrer Kleider entledigt? Darf sie nur das mit eigener Hand aus selbst gewobenem Stoff genähte schmucklose Gewand tragen, oder steht sie der Großen Mutter auch in dem schön verzierten Kleid nahe, das ihr eine dankbare Schneiderin für die Geburt eines gesunden Kindes gab? Soll eine gute Dienerin der Göttin nur Fleisch von Tieren essen, die sie selbst gejagt oder gehütet und eigenhändig zerlegt hat, oder darf sie auch genießen, was durch die Hände von Jägern und Fleischern ging? Gelegentlich kommen ihr während Uthers Monolog Gedanken, die anderswo wo als häretisch bezeichnet würden...

Besonders unangenehm berührt fühlt sie sich, als die Sprache auf den inneren Kampf in der Seele des Einzelnen kommt, weil es ihr nicht richtig vorkommt, dass die Kirche des Einen Gottes Dinge predigen soll, denen man nicht aus vollem Herzen widersprechen kann. Erst die Herabwürdigung des Kreislaufs, in dem Gaja die Welt gebiert und hütet, lässt sie auffahren, Freund und Feind sind wieder ganz klar: Sie schnaubt. "Ewiger Frieden – ha! Ich nenne das Stillstand, und das ist ein anderes Wort für Seelenlosigkeit! Alle haben dieselbe Meinung, der Wettstreit zwischen Jäger und Beute, zwischen Gut und Böse kommt zum Erliegen? Damit wäre Eure Entwicklung am Ende. Die Welt existierte nur noch gleichförmig dahin, ohne ein Ziel, denn das einzig vorhandene wäre ja bereits erreicht. In solch einer Welt wollte ich nicht leben." Die Klagen Uthers über die politischen Zustände, den Bürgerkrieg und den Tyrannen hingegen verfolgt sie wieder mit weniger Erregung. Sie kann zwar einsehen, welches Übel all dies bedeutet, doch hat sie als Bauerntochter lange Jahre nichts von Macht und Politik erfahren und mag auch jetzt nicht daran glauben, dass ein weltlicher Herrscher eine so große Bedrohung der Alten Wege sein kann wie die Dämonen oder der neue Glaube. Wenn dieser Mann keinerlei Gott anhängt und glaubt, ganz allein herrschen zu können, so ist er in ihren Augen ohnehin ein Narr, der früher oder später stürzen muss, denn die Mächte der Erde und des Himmels sind größer als jeder Sterbliche.

Allerdings kommt ihr mit einem Mal ein beunruhigender Gedanke, und sie fragt Uther: "Wenn Gelspad so sehr den Kampf gegen die Dämonen behindert – könnte es da nicht sein, dass er selbst üblen Einflüsterungen folgt? Er muss sich dessen ja nicht einmal bewusst sein, denn diese Wesen sind gewiss schlauer als ein grobschlächtiger Mann, der mit dem bluttriefenden Schwert in der Hand meint regieren zu können." Die Information über Freydis' Verwandtschaftsverhältnisse lässt Lîf erst einmal verdutzt dreinschauen. Dann nickt sie aber vor sich hin, als würden sich für sie einige Dinge zusammenfügen. "Mal Gani... " murmelt sie. "Wenn das wahr ist, dann ist diese Prophezeiung eine sehr machtvolle." Auch wenn die drudkvinde nicht daran zweifelt, aus welcher Quelle der Visionär sein Gesicht in Wahrheit erhalten haben muss! Sie grübelt und grübelt und vernachlässigt ab diesem Zeitpunkt auch etwas ihre Ausschau nach nutzbringenden Kräutern, zumal man ohnehin in Sichtweite der Siedlung gekommen ist, wo die Ausbeute geringer sein dürfte.

Uthers bittenden Blick sieht sie als Aufforderung und wird an seine Seite treten, um ihn zu unterstützen, wenn nötig. Rogar bittet sie: "Herr Zw… Herr Dain, wenn Ihr Solveig sprecht, so könnt Ihr mir einen Dienst erweisen, indem Ihr sie fragt, ob sie in dieser Gegend Orte kennt, an denen seltene Kräuter wachsen und ob sie gewillt wäre, dieses Wissen mit mir zu teilen. Sagt ihr bitte auch, dass ich ihr gern meine Dankbarkeit beweise, wenn es mir möglich ist." Als es ans Aufbrechen geht, wird sie Kjartan begleiten, sich auf dem Weg aber noch mit Freydis und Halfdan unterhalten, wobei sie in Anwesenheit des letzteren vorerst unterlässt, die Berührte auf die Schilderungen Uthers anzusprechen, Sie fasst sie nur zum Abschied bei beiden Händen und versichert ihr: "Fräulein Redwaldsdottir – wenn Ihr einmal Hilfe braucht, gleich in welcher Sache, so will ich Euch gern eine Freundin sein, soweit es mir möglich ist. Ich glaube nun einiges mehr von Eurem Schmerz zu verstehen, nach dem, was wir... gemeinsam erlebt haben." Auch schenkt sie ihr eine Phiole mit einem leichten, harmlosen Mittel, das den Schlaf fördert und Kopfschmerzen vertreiben soll.

Während des gemeinsamen Weges wird sie wohl mit Freydis und Halfdan plaudern, auch mit Kjartan, wenn man seiner einmal habhaft wird. Doch macht sie sich vor allem Gedanken dazu, welche Hilfe sie von Ninae erbitten soll. Gewiss würde dieses Wesen wissen, wo Punkte von besonderer Bedeutung gelegen sind, die Lîfs geplanter Zwiesprache mit der Großen Mutter förderlich wären. Immerhin hat sie das dringende Bedürfnis, die führende Hand der Göttin zu spüren, denn noch ist ihr nicht vollkommen klar, auf welchen Pfaden sie einerseits ihrem Auftrag nachkommen, andererseits ihren Mann retten kann. Auch wo und wie sie Diener der Göttin in dieser Gegend kontaktieren könnte – ältere und weisere als sie selbst – mag Niane wohl sagen können. Schließlich vermisst sie trotz aller Reife durch die letzten Abenteuer die guten Ratschläge ihrer Lehrmeisterin schmerzlich. Und vielleicht... ja, vielleicht lässt sich von Ninae gar etwas über diese Geschichte mit dem Bannen eines Dämons erfahren...

Gaja

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Mal Gani
« Antwort #62 am: 17.06.2021, 15:44:07 »
Während die beiden Wanderer angesichts der unerwarteten Menschenmenge unschlüssig innhalten und nicht so recht wissen, ob sie jemanden ansprechen sollen und wenn ja, wen, eilt bereits eine der hellberobten Frauen zu ihnen herüber und begrüßt sie knapp. (Brakus zieht lediglich einen misstrauischen Blick auf sich.)

"Ich bin Schwester Matilda. Braucht ihr Hilfe? Für äußere Verletztungen, begebt euch bitte in das kleinere Zelt. Wenn ihr auch das Gefühl habt, an einer Krankheit zu leiden, etwa dass ihr Fieber hättet, dann bitte in das größere."

Wulfgar

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Mal Gani
« Antwort #63 am: 17.06.2021, 16:43:32 »
Wulfgar war wirklich noch etwas in seinen Gedanken gefangen und überlegt gerade wie er die ganze Situation einschätzen soll. Auf der einen Seite die bewaffneten Menschen, dann diese beiden Feenbälger die irgendwie nach Ärger aussehen und zum anderen dann die ganzen anderen Menschen die hier umher irren. Aber keiner von Ihnen störte sich am Auftreten von Wulfgar und Brakus, das ist für die beiden im Moment dann doch etwas ungewohnt wenn man die vergangenen Reaktionen bedenkt.

"Oh, hmmm ... Nunja Schwester ... Matilda, du kannst uns tatsächlich helfen denn wir sind auf der Suche nach der Heilerin Solveig. Kannst du uns verraten wo wir sie finden?"

Gaja

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Mal Gani
« Antwort #64 am: 20.06.2021, 14:23:58 »
"Solveig?" erwidert Schwester Matilda. "Ach, das hätte ich mir eigentlich denken können. Ihr seht aus wie jemand, der zu Solveig möchte. Dort vorne steht sie am Zaun, mit ihrem... Gefährten." Die Schwester zeigt auf die beiden sonderbaren Gestalten, die Wulfgar und Arnvidh bereits aufgefallen sind. "Wenn ihr ansonsten keine Hilfe benötigt, kümmere ich mich wieder um meine Patienten."

Und schon eilt die Schwester weiter. Wem die tiefen Ringe um ihre Augen aufgefallen sind, der mag ihr die Knappheit hoffentlich verzeihen. Offenbar gibt es hier zu viele Patienten und zu wenige Heilerinnen.

Wulfgar

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Mal Gani
« Antwort #65 am: 20.06.2021, 14:30:55 »
Wulfgar hat zwar mit viel gerechnet, aber diese Information hat ihn jetzt doch sehr überrascht. Er war für einen Moment so verwirrt das er gar keine Chance mehr hatte die Schwester noch etwas zu Fragen bevor sie verschwand und wieder ihren Aufgaben nachging.

Wulfgar zuckte mit den Schultern, schaut kurz zu Brakus und gibt ihm dann ein kurzes Zeichen ihm zu folgen. Wulfgar geht direkt auf die Frau zu die neben dem schwer bewaffneten Mann steht "Bist du Solveig?" beginnt er dann direkt ein Gespräch

Abdo al'Mbabi

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Mal Gani
« Antwort #66 am: 20.06.2021, 15:42:33 »
Im Gegensatz zu Lîf will Abdo die Bitte des Fürsten erst entrüstet zurückweisen - eine Lüge? Nichts und niemand kann ihn dazu bringen, die Schwüre seines Ordens dermaßen mit Füßen zu treten. Doch Lîfs Reaktion macht ihn nachdenklich, und nach einiger Zeit des Grübels antwortet er Uther:
"Ich habe einen heiligen Eid vor meinem Gott geschworen, niemals vorsätzlich die Unwahrheit zu sagen; und ich kann diesen Eid auch für Euch nicht brechen. Doch ich verstehe Eure Beweggründe, daher werde ich zu diesem Thema komplett schweigen und werde auch niemanden korrigieren, der dazu die Unwahrheit spricht. Doch sollte mich jemand direkt dazu befragen, werde ich nicht lügen.
Mehr kann und will ich Euch nicht versprechen."

Es ist ein Kompromiss, den der Ya'Keheter mit seinem Gewissen vereinbaren kann - weiter wird er nicht gehen. Daher hofft er, dass es nicht zu einer Situation kommen wird, bei der er vor die Wahl gestellt wird; umso wichtiger ist es, dass er nicht alleine mit Jan spricht.

Der langen Ausführung, die Uther danach an Rogar richtet, hört Abdo gebannt zu. Schließlich ging es um den Kampf gegen die Dämonen, wie sie hier genannt werden - auch wenn sich die Schilderung immer stärker mit den verschiedenen Glaubensrichtungen befasst sowie den lokalen Streitigkeiten. Gerade Letzteres macht ihn nachdenklich: Das Verhalten dieses Gelspad ist so offenkundig verdammenswert, dass Abdo kurz davor ist aufzuspringen, um sich an Ort und Stelle für den Kampf gegen diesen Schurken zu melden. Doch wichtiger als dieser sind für ihn immer noch die Shetani. Oder gehörte beides doch zusammen? Stand Gelspad unter dem Einfluss dieser Wesen? Seit Abdo in dieses Land gekommen ist, hat er gelernt, dass sie noch verschlagener sind als er es bisher vermutet hatte.

Sehr verdutzt ist er über die Enthüllung, was Freydis' Familie mit dieser ganzen Geschichte zu tun hat. Offenbar hatte das Gespräch, das Uther zuvor mit ihr geführt hat, ebenfalls damit zu tun. Doch einerseits akzeptiert Abdo, wenn ihre Begleiterin bisher nicht über diese Sache sprechen wollte (oder war er selbst zu beschäftigt, um es mitzubekommen?). Und auf der anderen Seite kann er nur eine Sache gleichzeitig tun, und in dieser hat er sich Lîfs Unterfangen verschworen. Sein nächstes Ziel ist also Jan.

Da auch Aeryn mit ihm und Rogar mit Solveig sprechen möchte, führt der Weg der drei in die gleiche Richtung, und bald schon sehen sie die beiden, die gerade in einem Gespräch mit zwei Fremden zu sein scheinen - und der Anblick dieser beiden verschlägt Abdo beinahe die Sprache. Einer hat eine grazile Gestalt und erinnert Abdo ein wenig an Aeryn - womöglich gehören die beiden zum gleichen Volk. Der andere jedoch ist ein Hüne, der sie alle um einen guten Kopf überragt. Sein Aussehen erinnert ihn an das Rogars, doch ein Dain kann es wohl kaum sein - oder gibt es unter ihnen Exemplare, die als Ausgleich für die anderen extra-groß sind?

Zu dritt nähern sie sich dennoch weiter, doch Abdo bleibt einige Schritte von Jan und Solveig entfernt stehen, um nicht komplett aufdringlich zu wirken. Ruhig wartet er, bis das laufende Gespräch beendet ist - oder Solveig sie erkennt und das Gespräch selbst unterbricht.

Arnvidh Kjellson

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Mal Gani
« Antwort #67 am: 20.06.2021, 22:49:07 »
Nicht nur Wulfgar war baff sondern auch Arnvidh. Das Gewusel schreckte ihn nicht aber die beiden Feenbälger überraschten ihn schon irgendwie. Auch wie unbehelligt sie doch hier verweilte, obgleich er doch vor dem Kloster und dem Ort gewarnt wurde. Dass Solveig dann auch noch eine der beiden Feenbälger sein sollte. Hatte sich Bruder Egil so sehr geirrt oder war es etwas anderem geschuldet.

Schweigend folgt er Wulfgar und Barkus zu der Frau und ihrem Gefährten. Dabei versucht er sich einen Überblick über das Gewusel hier zu machen. Waren es allein die Bewohner der Siedlung die hier behandelt wurden oder auch Soldaten. Noch etwas ließ ihn stutzen. Solveig sollte doch die Heilerin der Region sein. Warum stand sie dann neben den Zelten. Organisierte sie das ganze hier oder wurde sie wegen ihrem Blut gemieden. Die Bemerkung der Frau deutete ja irgendwie auf so  etwas hin. Das Fremdlinge oder eben nicht normale Menschen eher zu Solveig gingen.

Gaja

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Mal Gani
« Antwort #68 am: 22.06.2021, 19:47:09 »
Lîf, Freydis, Halfdan und Kjartan verbleiben also auf dem Dorfplatz, während die übrigen drei sich in Richtung Solveigs Hütte aufmachen. Ihr eigener Aufbruch verzögert sich allerdings, denn Lîf, die von allen Gefährten das größte Herz hat, kann Uthers hilfesuchenden Blick nicht ignorieren und begleitet ihn zur Linde. (Kjartan mault, der Rest folgt willig.)

"Keine Ahnung, ob Gelspad auf dämonische Einflüsterungen hört", erwidert Uther ihr noch, auch wenn er mit den Gedanken bereits woanders zu sein scheint. "Nicht jeder böse Tat lässt sich dadurch erklären. Sicherlich die wenigsten. Um Besitz und Macht könnte es ihm gehen, ganz ohne Einflüsterung. Vielleicht ist es auch ein einziger Rachefeldzug. Er stammt aus einer zuvor eher unwichtigen Sippe. Möglich, dass sich da allerlei Kränkung, vielleicht auch Unrecht angesammelt hat. Zudem gibt es Einflüsterungen, die nicht dämonischen Ursprungs sind. Wenn Gelspad so viel auf die Prophezeiung eines Orakels gibt, dass er dafür vielfachen Kindsmord begeht... wer weiß, auf welch anderes Gerücht, auch welch absurden Rat oder Aberglaube er etwas hält und danach handelt."

Dann ist die Dorflinde erreicht. Es dauert auch nicht lange, bis sich das Volk darum versammelt hat und Uther mit seiner Rede beginnt. Zunächst erklärt er den Leuten genau das, was er zuvor mit der Gruppe ausgemacht hat, sodass Lîf und Freydis seine Erzählung nur an den passenden Stellen bekräftigen und bezeugen müssen. Als die Menge nähere Fragen zum Dämon hat, springt Kjartan in die Bresche. Voller Eifer und so bildhaft, dass man meint, die Szene vor sich zu sehen, schildert er das insektenartige Schattenmonster, dem er sich wagemutig in den Weg warf. Und das Fleischmonster, als welches der Dämon zuvor herumlief, das heißt, bevor sie ihn in Einzelteile zerhackt hatten, die aber auch jeweils noch weiterkämpften. Und dazu die vier Untoten und die Wolfskreatur, welche seine niederen Diener waren. Und...

"Und dann blieb uns die Luft weg vor Schreck, als wir Fürst Soren tot vor einer Art unheiligem Altar fanden, wo der Dämon ihn zweifellos seinem Herrn Urian geopfert hatte", fällt Freydis ihm ins Wort, bevor er Merle oder Tristan erwähnen kann oder dass es Uther war, der eigenhändig die Kehle des Vaters durchschnitt. "Und dann drangen auch schon aus dem Kellergewölbe Hilfeschreie an unser Ohr und wir eilten dorthin und befreiten all die armen Mägde und Knechte des Fürsten. Nur für einen kam unsere Hilfe zu spät. Aufgefressen hatten die Monster ihn, vor den Augen der anderen, nur ein paar abgenagte Knochen waren von ihm übrig."

Diese Schilderung beflügelt die Phantasie der Leute, sodass sie wild durcheinander reden und spekulieren und niemand Kjartans schuldbewusstes Gesicht bemerkt. Dann aber schlägt die Stimmung um, von Erleichterung zu erneuter Furcht, als immer mehr Leute fragen: Ja, wie sollen wir, das einfache Volk, denn den Dämonen widerstehen, wenn nicht einmal die Fürsten oder gar die Mönche gegen sie gewappnet sind! (Hierbei gehen die Blicke zu Halfdan, welcher offenbar bereits von seinen Erlebnissen im Kloster berichtet hatte.)

Da tritt Fürst Uther vor und hält eine Rede, die von der Verantwortung des Einzelnen spricht, der Zusammenarbeit, von der Kraft, welche der Glaube spendet. Und er wagt es sogar auszusprechen, in äußerst milder Form, was er von Abt Halfir hielt: dass der Abt sich zu sehr damit befasst hat, Fehler bei seinen Mitmenschen zu suchen und zu bestrafen, während der Prophet doch vor allem lehrte, ein jeder möge sich seine eigenen Fehler eingestehen und nach bestem Vermögen korrigieren. Ob Mönch, Fürst oder "einfaches Volk": niemand käme um diese Aufgabe herum und jeder ist gleichermaßen befähigt dazu. Dafür sei auch nichts ermutigender und stärkender als dies, nichts wappne besser gegen Ungemach. Von seinem Weib Merle habe er außerdem so manches gelernt, wie man es in Jongot hält, wo man sich am besten auf den Kampf gegen den Dämon versteht und dem Wort des Propheten auch besonders genau folgt. Alles, was der Gemeinschaft dient, sei dort gleichermaßen angesehen. Ob Kräuterweib oder Krieger, Bauer oder Marketenderin, Koch oder Wäscherin: jeder trägt seinen Teil bei, wie er es am besten vermag.

"Andererseits wartet in Jongot niemand darauf, dass irgendwann von weither irgendwelche Retter kämen, sondern ein jeder sieht sich selbst in der Pflicht. So war es auch hier zu Javruds Zeiten und so sollten wir es von nun an wieder anstreben: kein König im fernen Arteus wird uns helfen, aber auch Kromdag hat genug eigene Sorgen und die Wacht am Wall ein riesiges Gebiet zu schützen. Deshalb ist es an uns, wieder so wehrhaft zu werden, wie wir es früher waren."

An dieser Stelle beschließen Lîf, Freydis und ihre beiden männlichen Begleiter, dass der Fürst die Sache auch ohne sie gut im Griff hat, und machen sich unauffällig aus dem Staub. Gerade noch vernehmen sie, dass Uther junge Männer zum Waffendienst rekrutieren will, bevor sie außer Hörweite sind.

Schnell geht es den inzwischen bekannten Weg am Bach entlang. Kjartan hat es auf einmal eilig und auch Lîf hat erst einmal keine Muße für die Kräutersuche. Als sie es doch einmal halbherzig versucht, wendet Freydis ein: "Merle hat einen ziemlich gut sortierten Kräutergarten, da kannst du dich heute abend in Ruhe umschauen. Und oben im Klostergarten wuchs auch nicht bloß Gemüse. Wenn Du etwas bestimmtes suchst, kann ich es dir vielleicht von dort mitbringen."

So ist der Fuß der Felswand, die zu dieser Stunde noch einen recht weiten Schatten wirft, bald erreicht. Ohne Zögern verlässt Kjartan den Pfad, dort wo auch der Bach ihn verlässt, während Freydis und Halfdan sich an den mühsamen Aufstieg zum Kloster machen.

"Fräulein Freydis... Fräulein Redwaldsdottir... hast du einen Zwergen verschluckt?" erregt Freydis sich beim Abschied. "Oder redet man auf den Inseln so? Fräulein! Ha, auf einmal. Und das 'Du' hast du wohl auch verlernt. Redest von Freundschaft, aber nimmst das Du zurück! Und überhaupt, du bist eine drudkvinde! Zumindest bei uns auf Albion ist das so viel wie ein Fürst, also wären wir, selbst wenn du es ganz genau nehmen wolltest, vom selben Stand. Also bitteschön, bleib beim Du!"

Zeit zu einer Erwiderung bleibt Lîf nicht, denn sie muss Kjartan hinterher, bevor sie ihn im Gebüsch aus den Augen verliert.

Dieser Teil des Weges, im Schatten der Steilwand, kommt ihr länger vor als die wenigen hundert Schritt, die es in Wahrheit sind. Was als "Gebüsch" begann wird schnell zu "Wildnis". Kletten verfangen sich in ihrem Haar, Ranken und Zweige verhaken sich in ihrer Kleidung, Wurzeln stellen ihr ein Bein. Einmal muss sie gar Tristans Sax hervorholen, um sich einen Weg zu schlagen. Und immer wieder ruft sie Kjartan hinterher, er möchte doch bitte auf sie warten. Das Tosen des Wasserfalls wird immer lauter. Endlich bricht sie durch das Unterholz und steht auf einer lieblichen kleinen Lichtung. Nun ja, zumindest der erste Blick auf den kleinen, von Seerosen bedeckten Teich, dicht umdrängt von Busch und Baum, ist lieblich. Der mächtige Fall selbst – breiter, als sie das aus der Ferne gedacht hätte, wohl an die sechs Schritt[1] – und der Blick an ihm hinauf sind... schwindelerregend... ehrfurchtgebietend... gewaltig...

Ein Jauchzen reißt Lîf aus ihren Gedanken. So schnell kann sie sich gar nicht umdrehen, wie Ninae auf sie zustürzt oder vielmehr auf Kjartan, diesen wild umarmt und mit Küssen bedeckt. "Mein Liebster, mein Süßester! Du bist zurück! Du hast mich nicht vergessen!"

Es dauert eine Weile, bis Kjartan sich daran erinnert, dass man gar nicht unter sich ist. Als es ihm endlich doch einfällt, windet er sich ein wenig unbeholfen los, um Ninae auf Lîf aufmerksam zu machen. Auch die "Schwester" wird herzlich umarmt und willkommen geheißen. "Kommt an unseren Teich! Setzt euch daher! Baumelt die Beine im Wasser! Oder kommt ganz herein! Ist es nicht herrlich? Und hier sind meine Schwestern, Simoe und Tirael! Sie finden das auch ganz lieb, dass ihr mich aus dem grässlichen Kerker befreit habt!"

Die beiden Nymphen lösen sich vom Ufer, wo sie sich zwischen Baumwurzeln und überhängenden Zweigen versteckt hatten, waten zur Mitte des offenbar nicht sehr tiefen Teiches (nur das letzte Stückchen müssen sie schwimmen) und winken fröhlich.[2] So schön wie Ninae, die Haut ein wenig gebräunter, blond die eine (Simoe?), brünett die andere (Tirael?), und natürlich vollkommen nackt. (Ninae dagegen trägt einen hauchzarten Schleier um den Leib geschlungen, der allerdings auch nicht allzu viel zu verbergen mag und der, als sie zu ihren Schwestern ins Wasser steigt, darin zu zerfließen scheint, bis sie schließlich ebenso nackt im Wasser plätschert. Kjartan kann sich die Kleidung gar nicht schnell genug vom Leib reißen, bevor er hinterherspringt.

"Komm auch, Schwester!" ruft Ninae.
 1. 2 Schritt = 1,5 m
 2. Bild s. hier, nur ohne den Satyr.

Gaja

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Mal Gani
« Antwort #69 am: 22.06.2021, 19:47:24 »
So ganz ohne Interesse ist Uthers Rede über die hiesigen Religionen für Abdo nicht. Immerhin wird ihm bestätigt, was er selbst bereits ahnte: dass der sogenannte "Neue Glaube" deutliche Ähnlichkeiten zu dem Aris-Glauben seiner Heimat hat. Auch in Ya'Kehet gilt das Gemeinwohl als höchste Verpflichtung des Einzelnen. So war es schon vor dem Dämoneneinfall, und seither ist es die einzige Hoffnung auf Überleben.

Noch auffälliger allerdings ist die zweite Gemeinsamkeit: Wie in Ya'Kehet glauben also auch die "Anhänger des Einen", dass ein einziges Leben auf Erden nicht ausreicht, um sämtliche Prüfungen Gottes zu bestehen. Oder man könnte auch andersherum sagen: dass der Mensch mehr als eine Chance bekommt, den rechten Pfad zu finden. Niemand wird verdammt nach nur einem gescheiterten Leben; niemand darf sich am Ende eines gelungenen den anderen überlegen fühlen, denn es warten weitere Prüfungen auf ihn. Es wird immer weitere Prüfungen geben. Hier der Unterschied zu Uthers Beschreibung, dass gelobte Ziel sei die "Vollkommenheit" jedes Einzelnen, was eine "Ewigkeit des Friedens" einläuten werde. Aris verspricht nichts dergleichen. Er verlangt von seinem Volk, stets wachsam und wehrhaft zu bleiben.

Wenn nämlich ein Reich dekadent wird, sich zu gierig in alle Richtungen ausstreckt und sich dabei nur noch fett und faul wie ein Kater vor dem Herdfeuer räkeln kann, eitel, sorglos, selbstgefällig... wenn auch die Gemeinschaft bröckelt, weil alle nur mit sich selbst beschäftigt ist, weil ein jeder nur haben, haben, haben will, nicht aber geben, dann folgt die Strafe! Dann wittert der Feind Schwäche... So warnte der Prophet Sinai bereits dreieinhalb Jahrhunderte vor dem Dämoneneinfall. Hätte man nur besser auf ihn gehört!

Der Weg zu Solveigs Hütte ist schnell zurückgelegt. Jan und Solveig finden sich am Rande des Geschehens, an einen Zaun gelehnt. Zwei Männer und ein Wolf haben sich gerade zu ihnen gesellt. In höflicher Entfernung hält Abdo daher inne.

~~~

Die Frau wendet sich zu Wulfgar um. Ohne Eile geht ihr Blick von Wulfgar zu Brakus zu Arnvidh und wieder zurück. "Wer will das wissen?" fragt sie.

Ihr Begleiter ist weniger gelassen. "Ja, was wollt ihr von Solveig?" verlangt er zu wissen, eine Hand am Schwertknauf. "Wer hat euch gesagt, ihr sollt sie suchen?"

Arnvidh, der sich still im Hintergrund hält, bemerkt zwei Dinge. Erstens sieht Solveig sehr erschöpft aus. Als wäre sie die ganze Nacht auf den Beinen gewesen. Da darf sie sich wohl mal eine Pause gönnen. Eine andere Vermutung sieht Arnvidh dagegen bestätigt: Fremdlinge und Andersartige wenden sich lieber an Solveig als an die berobten Schwestern. Dort drüben etwa nähern sich drei höchstseltsame Gestalten und halten schnurstracks auf Solveig zu: ein schwer gerüsteter Zwerg, eine waldgrün gekleidete Elbin mit Bogen in der Hand, dazu ein hochgewachsener, kräftig gebauter Mensch von so dunkler Hautfarbe, wie Arnvidh es noch nie gesehen hat.[1]
 1. So, dann mal los. Wäre schön, wenn ihr einander so ganz grob beschreiben könntet.
Erinnerung an die beiden Neuen: wir schreiben im Präsens!

Arnvidh Kjellson

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Mal Gani
« Antwort #70 am: 23.06.2021, 13:17:15 »
„Wulfgar mit seinem Gefährten Barkus und Arnvidh, wollen das wissen.“ antwortet er ruhig und lüftet seine Kapuze ein Stück. Dann nickt er dem Mann zu, welcher sich zur Verteidigung bereit gemacht hat. Bevor er weiter redet macht er Wulfgar auf die anderen Fremdlinge aufmerksam, indem er ihn kurz an der Schulter berührt und in die Richtung der drei Fremden nickt. „Die Umstände sind bitter aber es Freud mich mich eine andere Heilkundige kennen zu lernen.“ Der Blick des Rotschopfs wandert dann wieder mit seinen dunklen-leuchtend-grünen Augen zu Solveig. „Uns wurde gesagt, dass ihr Hilfe bei der Heilung der Verletzten benötigen könnt. Auch sagte die Bauersfrau, dass ihr vielleicht etwas mehr Wissen über das Geschehen hier und die Hungerkreaturen habt. Würdet ihr dieses bitte mit uns teilen? Sobald Zeit ist. Mich persönlich wundert es, dass hier nördlich der Mauer Wesen herumlaufen die mich an Hungerkreaturen erinnern und nicht minder wundert es mich, dass die die wir gestern in Schach gehalten haben, sich wieder in Menschen zurückverwandelten. Ihr scheint jedoch weitere Gäste zu haben.“ Er geht etwas zur Seite und lässt den Blick frei auf den dunklen Menschen, den Zwerg und die Elbe.

Nun Seitlich stehend, stützt er sich auf seinen hölzernen Speer. Hierbei rutschen ihm ein paar seiner roten Haare ins Gesicht über die blaue Bemahlung und die Kapuze fast gänzlich vom Kopf. Der Morgenstern am Gürtel und auch das abgetragene Feldhemd lassen noch etwas von seiner kriegerischen Erfahrung erahnen. Sein Blick geht zwischen Solvieg und den Fremdlingen hin und her. Wobei er immer wieder zur Elbin blickt. Er hatte nicht erwartet, sobald jemanden vom Elbenvolk zu treffen. Vielleicht könnte sie ein paar seiner Fragen beantworten. Innerlich steigt seine Aufregung über dieses Aussicht, dass er sich in einer nervösen Geste die Haare hinter eines seiner spitzen Ohr streicht.

Abdo al'Mbabi

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Mal Gani
« Antwort #71 am: 24.06.2021, 21:38:49 »
Hungerkreaturen? Abdo kennt zwar das Wort nicht, kann sich aber vorstellen, was der Fremde damit meint. Und gestern? Sollte es ihr Sieg gewesen sein, der den Fluch beendet hat? Die Frauen hatten so etwas gesagt, aber was genau damit einhergeht, ist ihm bis hier nicht klar gewesen.

"Gestern? Wann genau war das?" mischt der Ya'Keheter nun doch in das Gespräch ein, und seine beiden Gegenüber hören dabei an seinem Akzent, dass er offenbar nicht nur fremdartig aussieht, sondern auch weder von hier noch sonst irgendwo auf Dalaran stammt. Überhaupt ist der Mann merkwürdig gekleidet, mit leichter Kleidung, weder gerüstet noch bewaffnet wirkt er in der Begleitung des Dain und der Elbin irgendwie deplaziert.
"Womöglich haben wir eine Erklärung dafür, warum sie sich zurückverwandelt haben - die muss euch aber einer meiner Begleiter geben."
Nicht nur versteht er die Zusammenhänge mit Feen, Flüchen und all dem immer noch nicht wirklich, auch will er Uthers Geheimnis nicht versehentlich ausplaudern.

"Verzeiht mir!" fällt es ihm plötzlich ein. "Man nennt mich Abdo. Abdo al'Mbabi." stellt er sich vor und führt die Handflächen zum Gruß zusammen.

Aeryn

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Mal Gani
« Antwort #72 am: 25.06.2021, 09:49:37 »
Die Elbin wirkt noch recht jung, auch wenn das immer schwer einzuschätzen ist. Sie ist nicht besonders groß und hat eine schlanke, wenn auch durchaus athletische Gestalt. Ihre Kraft wird aber schnell durch ihre geschmeidigen Bewegungen überschattet. Ihre schulterlangen Haare haben die Farbe von Herbstlaub und sie trägt sie wild und offen. Die mandelförmigen Augen funkeln in einem Smaragdgrün. Die Sonne kann ihrer makellos blassen Haut nichts anhaben. Die Elbin belastet sich nur mit dem Nötigsten. Sie trägt eine leichte Lederrüstung mit Horn und gehärteter Rinde verstärkt und ihre Waffen, allen voran einen meisterlich gearbeiteten Langbogen elbischer Machart, sowie einen Holzschild und ein schlankes Schwert auf dem Rücken, falls ihr Bogen einmal nicht die geeignete Wahl ist. Dazu trägt sie noch ein langes Jagdmesser am Gürtel, sowie ihren Köcher mit Pfeilen. Ihre Kleidung ist einfach und zweckmäßig, um ihre Bewegungen nicht einzuschränken. Eine leichte Tunika, enge Beinkleider aus Leder, darüber ein kurzer Rock, leichte Stiefel mit weichem Fell gefüttert. Dazu ein weiter Kapuzenumhang. Alles in Erdfarben oder in einem gräulichen Grün gehalten.

Sie nickt Solveig und den Fremden freundlich zu, als Abdo sich zu ihnen gesellt. Sie selbst hält aber zunächst auf Jan zu, um ihn zu begrüßen und auch mit ihm zu sprechen.

"Jan! Deine Pfeile haben mir gute Dienste geleistet. Vielen Dank nochmal! Ich habe auch selbst angefangen, mich mit dem Schnitzen zu beschäftigen. In meiner Heimat hatte ich vor einiger Zeit bereits damit angefangen, aber es dauert eben seine Zeit, bis man sich wirklich bereit fühlt, und die Notwendigkeit beschleunigt diese Dinge auch ein wenig. Jedenfalls habe ich dank Uther nun ein paar schöne Werkzeuge und würde es begrüßen, wenn Du mir auch den einen oder anderen Handgriff zeigen könntest. Der Schmied ist immer noch erkrankt? Rogar hatte sich angeboten, er ist ebenfalls ein begnadeter Schmied. Vielleicht könnten wir ja die Schmiede benutzen, um eine Anzahl an Pfeilspitzen herzustellen, um unsere Arbeit zu vervollkommnen. Ich werde einige Pfeile benötigen, wenn wir bald auf die Suche nach der Räuberbande gehen. Und wer weiß, wann sich wieder so eine Gelegenheit ergibt."

Lîf

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Mal Gani
« Antwort #73 am: 25.06.2021, 13:55:09 »
Nachdem man Uther erfolgreich bei der Schilderung der Ereignisse in einer Version unterstützt hat, die hoffentlich niemandem Ungemach bereiten wird, nickt Lîf anerkennend. In ihren Augen hat der neue Fürst seine Sache ziemlich gut gemacht. Sie spricht ein stummes Gebet zur Großen Mutter, diesem Mann Ihren Segen zu gewähren, damit er weise und gütig regieren wird, den Menschen mehr eine Art Vater denn ein gestrenger Herrscher. Auch wird die junge drudkvinde ihm noch einmal mit eigener Hand das Zeichen des Ewigen Rades auf die Stirn zeichnen, um ihn zu segnen, und ihm einen kleinen Talisman überreichen, eine von ihr selbst gepflückte und getrocknete seltene Blüte, eigenhändig in ein winziges Beutelchen eingenäht, auf das Rankenmuster gestickt sind – beides natürlich in einem Moment, in dem niemand zusieht. "Mögen Weisheit und Güte Euch auf Eurem Weg leiten, hoher Herr" flüstert sie ihm mit einem Lächeln zu, ehe sie sich wie die anderen still und leise zurückzieht.

Da es Kjartan offenkundig zu Ninae drängt, gestaltet sich der Weg in Sichtweite des Baches eher schweigsam, denn der Rotschopf spart seinen Atem, um mit dem verliebten Kerl Schritt zu halten. Ihre Begleiter werden allerdings zugeben müssen, dass man ihr trotz der allmählich voranschreitenden Schwangerschaft keine echte, tiefe Erschöpfung anmerkt. Hier, in der freien Natur, scheint Lîf im Gegenteil die Lebenskraft aus ihrer Umgebung zu beziehen: Mit leicht geröteten Wangen, aber leichten Fußes macht sie ihren Weg und scheint immer wieder einmal sogar fast fröhlich, als sei es ihr vergönnt, vorübergehend ihren Kummer und ihre Sorge um Tristan in einen fernen Winkel ihres Bewusstseins zu verbannen.

Ihre ausnehmend gute Laune ist es wohl auch, die sie ungewohnt friedfertig macht. Auf Freydis' Ausbruch holt sie zwar unwillkürlich Luft zu einer geharnischten Entgegnung, doch dann schließt sie den Mund wieder, verdreht nur leicht die Augen zum Himmel und nickt mit einem kaum hörbaren Seufzer. "Nun denn, wenn du es so wünschst, soll es weiterhin dabei bleiben" bietet sie versöhnlich an. Da soll noch einer schlau werden – der Herr Zwerg zerplatzt bald vor Wut, wenn man ihn ebenso nennt, weil das nicht höflich genug ist, die junge Herrin dagegen protestiert wütend, wenn man sie eingedenk ihrer hohen Abkunft mit einem Ehrentitel anredet... Lîf fragt sich, ob sie, geehrte Weise Frau hin oder her, jemals ihre Abstammung als Tochter eines einfachen Bauern wird leugnen können. Die Höflichkeit scheint eine Sache zu sein, die ihr einfach nicht liegt.

So belässt sie es denn auch bei der kurzen Antwort und eilt Kjartan nach. So gut es geht jedenfalls. Leise grollend kämpft sie sich voran und verwünscht den Eifer des närrischen Burschen mehr als einmal, der ziemlich wenig Rücksicht darauf nimmt, dass man im Unterholz nicht so schnell vorankommt, wenn man ein Kleid anstelle von Hosen trägt und zudem ein Kind unter dem Herzen. Als sie jedoch die Lichtung erreicht, das offensichtliche Ziel ihres Marsches, da verstummt ihr unterdrücktes Murren gänzlich. Die Herrlichkeit der Göttin bietet sich ihren ehrfürchtigen Blicken in ganzer Pracht dar, und sie fasst das Amulett um ihren Hals, um es an ihre Lippen zu drücken. "Oh Herrin allen Lebens," flüstert sie ergriffen, "wer könnte hier Deine Macht leugnen..!"

Mühsal und Sorge erscheinen mit einem Mal ferner, als habe sie ein Land betreten, in dem die Zeit stillsteht und den Menschen dazu einlädt, zu verweilen, die wunde Seele und den ausgelaugten Körper zu Kräften kommen zu lassen. Freudig erwidert sie die Umarmung Ninaes, atmet tief durch und folgt ihr und Kjartan zu dem Teich. "Es ist wundervoll hier, so friedlich" bemerkt sie, während sie ihre Schuhe ablegt, das Kleid bis zu den Knien schürzt und Ninaes Einladung folgend die Beine in das kühle Wasser steckt. So sitzt sie im weichen Gras und schlägt erst den Blick nieder – weniger wegen der Nymphen, die nur ihrer Natur folgen, als wegen des splitternackten Kjartan. Doch irgendwann hat sie das Gefühl, dass an diesem Ort die Scham ob eines Körpers keinen Platz haben darf, und so sieht sie, wenn auch mit einem leichten roten Hauch auf den Wangen, den Badenden von ihrem gemütlichen Platz aus zu.

"Liebe Schwestern" beginnt sie nach einiger Zeit freundlich und hält sich an die Anrede, die Ninae vorgab. "Ich danke der Großen Mutter, dass sie euch wieder zusammengeführt und Ninae die Freiheit wiedergegeben hat. Auch Kjartan" – ein Blick streift ihn, irgendwo zwischen einem resignierenden Kopfschütteln und mütterlicher Wärme gelegen – "gönne ich aus ganzem Herzen das Glück, das er finden mag. Umso mehr zögere ich, euch gerade in diesem Moment um eure Hilfe, um einige Ratschläge zu bitten. Doch wir – meine Gefährten und ich – haben noch eine weitere Aufgabe zu erfüllen, um Unglück von den friedlichen Leuten hier zu wenden. Und dann gibt es da noch etwas, das... das mir selbst großen Kummer macht." Eine Andeutung von Trauer geht bei diesen Worten über ihr ansonsten volles, gesund und frisch wirkendes Gesicht. "Es gilt den Mann zu retten, dem mein Herz gehört und dessen Kind ich empfangen habe, und ich kann dabei alle Hilfe gebrauchen, die ich nur zu erlangen vermag."

Gaja

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Mal Gani
« Antwort #74 am: 25.06.2021, 14:42:04 »
Bei Arnvidhs Antwort entspannt die Frau sich ein wenig, wenngleich ihre Miene zum Ende voller Verwirrung ist. Den Begleiter mit einer Hand auf dem Unterarm zurückhaltend, fragt sie rasch: "Was meinst du mit Zurückverwandeln? Hungerkreaturen? Welche Bauersfrau? Du kommst aus Jongot? Welche Gäste?" Es ist ihr wohl alles zu viel auf einmal.

Nach den Gästen allerdings wendet sie sich um, und ihr Gesicht hellt sich auf. Doch Abdo lässt ihre Fragen weiterhin offen und Aeryn interessiert sich nur für ihren neuen Bogen und dass sie dafür genügend Pfeile herbekommt. Eine einzige Silbe ist ihr die Begrüßung wert, schon überschüttet sie Jan mit einem Wasserfall an Worten, dass der arme Mann kaum weiß, wie ihm geschieht.



"Äh, was?" stutzt er, noch unsicher, in welche Richtung er sich wendet soll. Droht von den unbekannten Gestalten Gefahr? Sind es Bekannte der anderen? Ist der eine tatsächlich ein Heiler, wie er sagt? Was macht der Wolf? "Äh, wie... was für Dienste? Ich dachte, ihr wolltet zu Uther. Bist du... seid ihr.. Von was für einer Erklärung spricht dein Begleiter? Wie, ja, der Schmied ist noch im Zelt und schläft... wir hatten hier eine ruhige Nacht. Heißt das, ihr habt die Ursache des Fluches gefunden? So red' schon!"

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