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Autor Thema: Mal Gani  (Gelesen 5886 mal)

Beschreibung: Der Herr der Vertriebenen

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Gaja

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Mal Gani
« Antwort #105 am: 18.07.2021, 15:42:40 »
Während ihrer Suche nach Kräutern weiß Lîf zunächst nicht so recht, wonach sie Ausschau halten soll. Ihre Heilkräuter würde sie ja gerne auffüllen, aber um den Nymphenteich herum wachsen so viele wunderliche Pflanzen, welche sie teils noch gar nicht kennt, dass sie zunächst nur bestaunt, berührt, beschnuppert. Als die drei Bachschwestern erfahren, was sie vorhat, helfen sie begeistert mit. Zu jedem Pflänzlein kennen sie einen Namen – welcher nicht immer derselbe Name ist, unter dem Lîf es kennt – und auch, was für Kräfte in ihm stecken. So erhalten die unbekannten Kräuter einen Namen (knapp die Hälfte der Namen hat Lîf immerhin schon einmal gehört, auch wenn die Pflanze ihr nicht so vertraut ist, dass sie sie auf einen Blick erkennt) und Lîfs Kopf schwirrt bald vor lauter Ideen, was man stärkendes daraus brauen könnte. Einen Trank, der Kraft gibt oder einen, der beim Klettern hilft oder einen solchen, der ganz weit springen lässt. Oder eine Salbe, mit der man sich mitten unter ein Wolfsrudel begeben könnte, ohne dass die Tiere einen bemerken oder beachten. Oder eine, die vor Hitze oder Kälte oder gar vor Blitzen schützt. Oder...

Irgendwann beginnt Lîfs Magen zu knurren und ihr wird bewusst, dass es schon Mittag vorbei ist. Sie wollte doch noch zum Kloster hinauf! Also verstaut sie ihre Funde sorgsam. In ein Tuch legt sie all die Kräuter, deren Namen sie von den Schwestern gelernt hat und von denen sie sich jeweils ein Stengelchen abbrach, um es sich in den nächsten Tagen noch einmal einzuprägen, in ein zweites wickelt sie die Zutaten zu dem Klettertrunk, den sie als erstes brauen möchte[1]. Dann verabschiedet sie sich mit viel Dankesworten von den drei Schwestern (welche sie zum Abschied umarmen und küssen und mit Koseworten überhäufen und ihr das Versprechen abnehmen, sie bestimmt bald wieder zu besuchen), leiht sich von Ninae "nur bis heute abend!" Kjartan zur schützenden Begleitung aus, und macht sich an den beschwerlichen Aufstieg zum Kloster.

Ihr Herz klopft bis zum Hals, als Kjartan und sie sich dem verlassenen Ort nähern, an dem vor zwei Tagen noch so schreckliche Kreaturen hausten. Doch nichts regt sich außer einigen Vögeln, deren Gezwitscher als einziger Laut die Stille durchbricht.

Sie findet Freydis in der Bibliothek vor, an einem von Büchern und Schriftrollen übersähten Tisch gleich neben dem Durchgang zu den Kammern des Abtes und der ranghöheren Mönche – und der Treppe zum Keller. Halfdan sitzt auf einem Hocker direkt neben dem Durchgang, an die Wand zurückgelehnt, und vespert. Er erblickt Lîf und Kjartan als erstes und winkt sie herüber.

Freydis freut sich, Lîf zu sehen, und erzählt sprudelnd, was sie schon alles entdeckt habe. Da drüben, das abgeschlossene Abteil – Halfdan hatte keinerlei Schwierigkeiten mit dem Schloss – sei voller Magiebücher und Beschreibungen von allerlei mysteriösen Dingen und Vorkommnissen. Elf Regale, fast bis zur Decke hoch, gebe es allein dort, das würde dauern, bis sie mit der Sichtung aller Werke dadurch wäre! Auch gebe es für den Bereich kein Register zur Übersicht, wie für die restliche Bibliothek – sie zeigte auf die vier langen und zwei kürzeren Regalreihen (davon vier ebenfalls bis fast unter die Decke und zwei brusthoch).

"Das wird Wochen dauern, bis ich mir hier den Überblick verschafft habe... wenn man mich hier in Ruhe stöbern lässt! Ich hoffe, Uther kann mir dabei helfen, dass ich hier weiterhin die Erlaubnis habe, mich umzuschauen, auch wenn die Mönche zurückkehren."

Auf diese Weise sprudelt sie noch eine ganze Weile weiter. Ihre Augen leuchten. Ihr sonst eher zurückhaltendes, misstrauisch-vorsichtiges Wesen ist völlig verändert. "So etwas habe ich noch nicht gesehen!" ruft sie wohl ein paarmal aus und: "Sein ganzes Leben könnte man hier verbringen und doch nicht alles gelernt haben!"

Irgendwann während dieses Geplappers ziehen die beiden Männer sich in den Hof zurück. Kjartan hat dort Beeren entdeckt, die wolle er pflücken. Einen Bärenhunger habe er nämlich, scherzt er fröhlich, aber leider heute morgen vergessen, sich Proviant einzupacken.

Die beiden Frauen bleiben in der Bibliothek zurück. Lîf ist bislang noch kaum zu Wort gekommen.

"Weißt du was?" verkündet Freydis urplötzlich. "Ich glaube, ich werde Uther heiraten. Alles, was dagegen spricht, scheint mir auf einmal so klein, so unwichtig gegenüber dem, was ich dadurch gewänne. Ja, er ist ein bisschen alt für mich, aber größer als zwischen Tristan und dir wäre der Altersunterschied zwischen uns auch nicht. Und ja, ich muss mich wohl dagegen wappnen, daheim mit Spott überhäuft zu werden, wenn ich den Sohn von Soren, dem Vielgeliebten heirate. Aber soll ich mich davon abhalten lassen? Der alte Wüstling ist tot, Gaja sei Dank, und sein Sohn ein gänzlich anderer Mann als er. Und auf dummes Gerede soll man nichts geben! Im Gegenteil, das macht mich nur noch entschlossener! Und wenn mir einer damit kommt, dass Uthers Familie nicht gut genug sei für die Tochter eines Hochclans, ha, da werde ich ihnen entgegenhalten: wo sind denn die ganzen besseren Söhne, die meinem Vater die Türe einrennen, um mit ihm um meine Hand zu feilschen? Nicht einer war da, weder reich noch arm, ehrbar oder verrufen. Wer will schon eine Berührte zur Frau? Und selbst wenn sich da einer fände, was für ein Mann wäre das wohl? Und würde er von mir verlangen, meine Studien einzustellen, meiner Magie abzuschwören? Uther dagegen sieht darin keine Schmach, keine Last, sondern vielmehr einen großen Vorteil! Er möchte, dass ich meine Studien weiterbetreibe! Er glaubt, ich könne ihm damit eine große Hilfe sein! Ein solches Angebot, da bin ich mir sicher, bekommt man in seinem Leben nur ein einziges Mal. Da schert es mich doch einen Dreck, dass er 'unter meinem Stand' sei.

Aber natürlich gibt es auch etwas, das mich zögern lässt. Die Religion hier. Die seltsamen Ansichten. Die ganzen Klöster, die frommen Brüder und Schwestern oder gar Gotteskrieger. Wenigstens ist Abt Halfir fort. Man muss hoffen, der nächste Abt wird nicht genauso schlimm! Dass Uther auf dem nächsten Thing durchsetzen kann, von jetzt an dürfe der Abt nur von den Ansdagern selbst bestimmt werden. Dieser Bruder Meirik klingt ja eigentlich so, als könne man mit ihm auskommen. Ich glaube, daran werde ich meine Zustimmung knüpfen. Unter einem Abt wie Halfir möchte ich mein Dasein nicht fristen. Da verbringe ich lieber den Rest meines Lebens allein. So hatte ich es bislang eigentlich erwartet. Aber es wäre schon schön, irgendwo dazuzugehören, oder wie siehst du das? Und von der grässlichen Religion abgesehen ist die Gegend hier ja auch wirklich schön. Das Meer ist vom Haus aus zu sehen und schnell erreicht! Und weißt du was? Ich glaub, ich mag Uther tatsächlich ganz gern. Beim ersten Treffen war ich ja sehr skeptisch. Da habe ich mich wohl auch vom üblen Ruf des Vaters gegen die ganze Familie vereinnehmen lassen. Aber jetzt... Fast schon ein wenig schwindelig wird mir, wenn er ganz nahe steht...

Hast du dir auch so viele Gedanken gemacht, bevor du Tristan geheiratet hast? Ist das normal? Dieses hin und her, das Abwägen... oder war's bei dir einfach der Vater, der's beschlossen hat, und du durftest nur noch brav 'Ja' sagen?"

 1. Kräutersuche +2 Bonus wegen Feenort, also 25 => zwei Portionen Zutaten zum trank Spinnenklettern (s. PM).

Lîf

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Mal Gani
« Antwort #106 am: 19.07.2021, 11:58:02 »
Die drudkvinde bewegt sich wie durch ein Märchenreich, in dem die Zeit stillsteht. Sie befühlt die vielen Pflanzen, von denen sie nur den geringeren Teil kennt, riecht an ihnen, saugt Farben, Formen und Düfte in sich auf, während sie mit den Bachschwestern im kühlen, grünen Dämmer um den Nymphenteich wandert, sich mit den dreien unterhält, ja, unbeschwert lacht, ihren Kummer und die Sorge um Tristan für eine Weile in gnädigem Vergessen versunken. Die vielen Taschen ihrer Schürze füllen sich mit Proben all der Kräuter, Blüten und Wurzeln, die sie ihr zeigen, ehe sie alles sorgsam einpackt. Besonders gut wickelt sie die Abart gewöhnlicher Filzkletten ein, die ihr die Schwestern bezeichnet haben und die sie zu einem Trank zu verarbeiten gedenkt, um den kleinen Kessel Merles einer Probe zu unterziehen. Da sie jedoch, einmal dem rauschartigen Taumel durch die Natur wieder entglitten, erneut an ihren Tristan denken muss, verabschiedet sie sich mit aufrichtigem Dank und herzlichen Küssen von den Nymphen, um sich mit Kjartan auf den Weg zu machen.

Glücklich in der Bibliothek angelangt sieht sie sich mit langem, zweifelndem Blick um. So viele Worte, stumm auf die Haut toter Tiere gebannt: Wie viel lebendiger ist doch da die mündliche Tradition der Weisen Frauen! Andererseits muss sie, die mit dem Schreiben auf dem Kriegsfuß steht, immerhin zugeben, dass die Vielzahl an Pergamenten sicherlich sehr, sehr viele Worte birgt. Mehr wohl, als man an vielen langen Winterabenden hersagen könnte... Und die Begeisterung Freydis' lässt sie ahnen, dass man womöglich auch an diesen leblosen Dingen Freude haben kann – irgendwie. "Wirst du denn nicht furchtbar einsam sein, wenn du so lange mutterseelenallein zwischen all diesen Folianten bleibst?" erkundigt sie sich erstaunt und mit ein bisschen Sorge in der Stimme. Doch die Worte der Berührten scheinen deutlich zu zeigen, dass die solch ein Problem nicht sieht. Regelrecht berauscht wirkt sie. Lîf erinnert sich an ihre traumartige Wanderung mit den Bachschwestern und beschließt, Freydis zuzugestehen, dass sie wohl einfach eine andere Auffassung davon hat, was schön und faszinierend ist. Wichtig ist für sie einzig und allein, was die Berührte herausfinden kann, weniger wie.

Einer allerdings scheint nicht gewillt, sich noch länger hier aufzuhalten. Der Rotschopf blickt Kjartan nach, mit dem leisen Verdacht, dass dem Freydis' begeisterte Rede einfach langweilig wurde, und muss mit einem leisen Lächeln den Kopf schütteln. Er hat etwas von einem großen Jungen, das es ihr unmöglich macht, ihm böse zu sein. Abgesehen davon sprudelt Freydis gleich darauf mit ihren Heiratsplänen heraus. Lîf zieht zunächst die Stirn kraus, erinnert sich aber dann an die Fetzen des Gesprächs mit Uther, die sie mitbekommen hat, und nickt langsam. "Oh, ich verstehe. Sicherlich wäre es... von Vorteil, ihn zu heiraten" gibt sie zu, hakt aber dann nach: "Aber liebst du ihn denn wirklich? Oder denkst zumindest, dass du ihn lieben lernen wirst? Der Nutzen für euch beide ist gut und schön," gibt sie zu bedenken, "doch musst du dir im Klaren darüber sein, dass eine solche Verbindung auf Dauer zu einer schlimmen Last für eure Seelen werden könnte, wenn ihr nicht echte Zuneigung zueinander empfindet." Göttin, wie eine alte Kupplerin hört sie sich an! Aber sowohl Freydis als auch Uther scheinen ihr einen sehr starken Willen zu haben, und wenn zwei von dieser Sorte aufeinander treffen, zumal der eine ein mächtiger Mann in der Welt, die andere Gebieterin über Kräfte, die sie selbst wohl nur halb versteht...

Da braucht es schon eine starke Fessel, die beide aneinander bindet, um schlimmen Hader zu vermeiden, und welche wäre da stärker als die Liebe? Dass Freydis wenig auf die Standesfrage gibt, kommt der Bauerntochter hingegen nicht so wichtig vor. "Ja, ist das so?" fragt sie mit einem Lächeln, als die Berührte davon spricht, wie sie Uther nunmehr sieht. "Oh, bei mir war das anders, aber die Umstände waren auch ganz andere." Lîf erinnert sich mit zurückgelegtem Kopf, die Augen halb geschlossen. Eine Hand liegt unbewusst auf ihrem Bauch. "Als Tristan und ich uns zum ersten Mal begegneten, da hätte ich ihm am liebsten die Augen ausgekratzt. Oh, und Angst hatte ich..!" Sie muss grinsen, als sie Freydis' verdatterte Miene sieht. "Niemand hatte beschlossen, dass wir Mann und Weib werden sollten" erklärt sie fröhlich. "Geraubt hatten sie mich, Tristan und seine Leute. Beute war ich für ihn, eine Magd, die sie ihm als Anteil zugeteilt hatten. Es war eine schlimme Zeit, und ich habe viel geweint..." Sie schüttelt den Kopf ungläubig, so lange scheint das schon zurückzuliegen. "Aber er hat mich gut behandelt. Ich weiß nicht, wann er es merkte, dass ihm mehr an mir lag. Ich jedenfalls, ich hatte mich verliebt, ohne dass ich es wusste. Und irgendwann, da... da war nichts mehr von meiner Wut und meiner Angst übrig. 'Ja' sagte ich da aus vollem Herzen. Und ich habe es nie bereut – ich liebe ihn, wie ich ihn wohl insgeheim liebte, seit er mich zu sich nahm."

Mit ernster Miene nimmt sie Freydis' Hand. "Ich kann dir nur sagen, dass für mich nichts wichtiger ist als er. Er und unser Kind! Das Schicksal hat mich nun gelehrt, dass Liebe verletzlich macht, denn ich habe große Angst um Tristan. Aber trotzdem: Nie, niemals würde ich ohne sie leben wollen! Wenn du ähnlich empfindest, dann kann es nicht falsch sein, Uthers Weib zu werden, denn dann wird euer Bund Bestand und den Segen der Mutter haben, ganz gewiss."

Gaja

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Mal Gani
« Antwort #107 am: 19.07.2021, 15:01:12 »
Um das menschliche Gedächtnis ist es wundersam bestellt. Wie verklärt ist doch der Rückblick! Das gute Ende lässt die frühere Pein vergessen. Geschichte wird zur Erinnerung, die tatsächlichen Begebenheiten dabei verdreht und umgedeutet, geradezu umgedichtet, durch späteres Empfinden und Erleben, bis allein die Erinnerung zurückbleibt, die wahre Geschichte aber vergessen ist – gerade so wie eins von Ishalóns Gedichten!

Vergessen sind die ersten Wochen in Gefangenschaft, die wachen Nächte voll bitterer Tränen und bebender Furcht, das Schicksal ihrer Heilerinnenschwestern doch noch teilen zu müssen und vom Hausherrn geschändet zu werden. Vergessen auch die Hochzeitsnacht: ihr mehr aus der Not heraus als von Herzen gegebenes Jawort, ihr Entschluss, die Zuwendungen des Gatten nur freudlos zu dulden, der Schmerz dann, die Tränen danach, das Trommeln ihrer Fäuste gegen Tristans Brust, wie lange er mit seiner Zauberstimme auf sie einreden musste, bis sie sich beruhigte...[1] Nein, das "Ja aus vollem Herzen" kam erst in der folgenden Nacht oder womöglich gar erst auf dem Disenthing. Was hatte sich dazwischen verändert? Erlaubt hatte der Angetraute ihr, bei der alten Esja, der drudkvinde von Hóp, in die Lehre zu gehen. Erlaubt, ihrem Herzen und dem Ruf der Mutter zu folgen. Stolz sei er gar auf sie, hatte er ihr versichert, und auf dem Thing ein weiteres Versprechen gegeben: niemals werde er sie züchtigen, so wie ein Mann sein Weib gemeinhin züchtigen durfte. Zum einen, weil er ihr zu Beginn gleich zugesichert habe, von ihm drohe ihr kein Leid, und bei seiner Ehre, dieses Versprechen wolle er halten, zweitens weil es ihm selbst zuwider wäre, sie zu schlagen, und er sich keinerlei Nutzen davon verspräche, drittens aber, weil er der lögmadhur sei und sie aber Esja als drudkvinde folgen werde, weshalb es nicht anginge, dass der Rechtsprecher die Weise Frau verprügelte. Ebenbürtig sei ihre Stellung, vor allem aber müsse die Unabhängigkeit beider Ämter um jeden Preis gewahrt bleiben – so sehr Tristan sich dafür auch des Spottes ausgesetzt sähe, das eigene Weib nicht unter Kontrolle zu haben.

Dies alles verschmilzt, im sehnsüchtigen Rückblick, zu einem "Ja aus vollem Herzen".

Aber davon ahnt Freydis natürlich nichts. Sie lauscht mit offenem Mund Lîfs (trotz der Beschönigung) noch recht wild anmutenden Geschichte, welche sie mehrmals mit staunendem "Oh!" unterbricht. Danach denkt sie eine Weile lang nach, bevor sie antwortet.

"Ja, ich sehe, für dich sind Gefühle das wichtigste. Aber so ist nicht jeder. Oder die wenigsten? Welche Frau darf schon selbst entscheiden, wem sie anvermählt wird? Da müssen schon glückliche Umstände zusammentreffen. Offenbar geschah dies bei dir und Tristan, aber auch bei Uther und mir. Auch wenn ich nicht so wie du vom ersten Moment an in ihn verliebt bin und auch jetzt noch nicht mehr weiß, als dass ich seine Anwesenheit schätze, so werde ich mir doch, je länger ich darüber nachdenke, immer sicherer, dass ich annehmen muss. Wie bitter würde ich es sonst bereuen, diese Chance vertan zu haben! Stell dir nur vor, es meldet sich tatsächlich noch einer bei meinem Vater und ich hätte gar keine Mitsprache? Stelle dir vor, er wäre gar ein widerlicher Kerl! Mein Vater wäre glatt in der Lage, einzuwilligen, nur um mich los zu sein. Aber auch die Vorstellung, das Leben allein zu verbringen, missfällt mir immer mehr, jetzt da ich eine andere Wahl hätte. Das Gefühl, gebraucht zu werden, als ein nützliches Mitglied der Familie zu gelten anstatt eine Last, eine Peinlichkeit, die vor anderen verborgen werden muss – das ist neu für mich und tut ziemlich gut!"

Sie lacht ein wenig verlegen.

"Außerdem müsstest du mir eigentlich aus vollem Herzen zuraten! Als Uthers Frau darf ich hier bestimmt so lange ich will nach Hinweisen suchen, wie man Tristan helfen kann. Eine interessante Sache habe ich übrigens schon gefunden. Moment, ich hab's gleich gefunden..."

Freydis kramt in einem Stapel loser Blätter und Schriftrollen herum, bis sie schließlich eine etwa ellenlange und recht vergilbte Pergamentrolle hervorzieht. Sie breitet die Rolle vor Lîf auf dem Tisch aus: es ist eine Karte.

Gezeigt wird ein riesiges Waldgebiet, worin allerlei besondere Orte eingezeichnet sind. Die erläuternden Schriftzeichen kann sie natürlich nicht lesen, aber die Bilder lassen immerhin einige Schlüsse zu. Torbogen und Bäume sind erkennbar, Hügel und Brücken, ein Turm, eine Höhle. Auch der Flußlauf ist deutlich erkennbar, mit seinen fünf Zuflüssen, die mit viel Phantasie tatsächlich an eine Hand erinnern. Andere Zeichen dagegen sagen ihr nichts, etwa die kleinen Querstriche zwischen zwei der Quellflüsse.[2]

"Die Karte ist ziemlich alt", erklärt Freydis. "Du siehst, der Wall ist noch gar nicht eingezeichnet, obwohl hier, das soll wohl die Feste sein, die heute 'Wacht am Wall' heißt. Ich schätze, so drei bis vierhundert Jahre ist die Karte alt, aber eine neuere ist mir bis jetzt nicht untergekommen, zumindest keine annähernd so detaillierte oder kompetente. Also selbst wenn es einige dieser Orte nicht mehr gibt und die Grenzen des Waldes heute womöglich ganz anders verlaufen – schau, die Nordgrenze hier kann nicht stimmen, das haben wir auf der Herreise ja gesehen, das war alles weite Ebene – aber ich denke mal, die Karte könnte euch doch hilfreich sein. Bis heute Abend will ich euch eine Abschrift davon erstellen. Das Original darf man wohl nicht einfach entwenden, außerdem ist recht unhandlich und dazu empfindlich."
 1. Quelle
 2. Das ist noch nicht die Karte, die ich in der Krähenstunde stehen habe, welches den aktuellen Stand zeigt. Die alte Karte werde ich dann noch nachliefern.

Lîf

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Mal Gani
« Antwort #108 am: 21.07.2021, 11:06:58 »
Lîf denkt sich ihren Teil zu Freydis' Worten. Für die Berührte sind also Gefühle nicht so wichtig wie für die drudkvinde, so, so... Sie belässt Freydis in dem Glauben, sie habe Tristan vom ersten Moment an geliebt – hat die Berührte da womöglich gehört, was sie hören wollte? – und lächelt in sich hinein. Sie schätzt also vorerst lediglich Uthers Anwesenheit, möchte sich gern gebraucht fühlen und sieht die Vorteile in einer Vermählung. Irgendwie kommt das dem Rotschopf recht bekannt vor... "Nun, wenn es dir gut tut, ist das schon einmal ein gutes Zeichen" bemerkt sie nur und beugt sich dann, vorsichtig ob des Kindes, über den Tisch. Beeindruckt nickt sie. "Ja, die sieht ziemlich genau aus." Ohne in ihrem Leben jemals viele Karten gesehen zu haben, scheint ihr das alte Dokument nämlich viele Details zu enthalten, an denen man sich gut orientieren könnte. "Bis heute Abend? Ist das zu schaffen?" murmelt sie, gibt aber zu: "Es wäre uns bestimmt eine echte Hilfe."

Wulfgar

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Mal Gani
« Antwort #109 am: 22.07.2021, 09:06:22 »
Nachdem die drei von Bauernhof zu Bauernhof gewandert waren um dann hungrig wieder in die Stadt zurück zu kehren und sie ein Gasthaus betreten wollte, bindet Wulfgar kurz vorher noch sein Maultier an der Seite des Hauses an und befiehlt Brakus das er Wache halten soll.

Wulfgar zieht sich seine Kapuze noch über den Kopf und bedeckte sein Haupt so ein wenig. Er schaut sich kurz in dem Wirtshaus um und entdeckt dann Aeryn und Jan an einem Tisch "Schau Solveig, dort drüben sitzen deine Freunde. Wollen wir uns zu ihnen setzten?" Wulfgar scheint noch immer davon aus zu gehen das nicht Jan zu Solveigs Freunden gehört sondern wohl auch alle anderen.

Gaja

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Mal Gani
« Antwort #110 am: 22.07.2021, 20:07:01 »
Rogar versichert Talahan, in seiner gewohnt umständlich-gewichtigen Art, dass er die Gruppe auch weiterhin unterstützen wolle, da seine beiden ursprünglichen Reisegefährten ebenfalls hier in der Gegend Opfer eines Überfalls wurden und der Verbleib des zweiten noch ungewiss sei, weshalb seine Ziele also weiterhin mit denen seiner neuen Gefährten übereinstimmten.

Bald darauf verabschieden Abdo und der Dain sich von Talahan. Es ist deutlich geworden, dass er noch viel zu schwach war, um sie auf Räuberjagd zu begleiten. Eine Prognose, wie lange die Genesung dauern werde, sei schwierig, erklärte Schwester Hildegerd, da man eine solche Seuche noch nie erlebt habe. Wäre es ein normales Fieber gewesen, würde sie von mindestens einer Woche ausgehen, bis er wieder auf den Beinen wäre, und zwei weiteren, in denen er sich mit entsprechendem Willen seine alte Kampfkraft erringen könne, aber mit Flüchen hätte sie nun einmal keine Erfahrung. (Das gleiche gilt natürlich für Hjálmarr.)

Danach schickt Hildegerd die beiden noch in das kleinere Nachbarzelt, um sich ihre am Vortag geschlagenen Wunden untersuchen zu lassen. Widerstand duldet sie nicht, also gehorchen die beiden, zumal draußen weder von Solveig und Jan noch von Aeryn oder den beiden Neuankömmlingen eine Spur zu finden ist.

Gegen Mittag machen sie sich frisch verbunden Richtung Dorfplatz auf. Hunger lenkt ihre Schritte in den Bunten Hahn, wo sie die Vermissten beim Mittagsmahl vorfinden. Von Lîf und Freydis hat noch niemand gehört. Man speist zusammen und teilt sich dann wieder auf, um weitere Höfe in der Umgebung zu überprüfen, ob es doch Verletzte, Verängstigte oder Tote gibt. Am Abend will man auf dem Villagschen Hof wieder zusammenfinden.

~~~

Den Hausherr finden sie vor dem Gutshof vor, wo er ein Dutzend junger Männer mit kritischem Blick beobachtet, wie sie paarweise miteinander ringen oder mit Stöcken aufeinander einschlagen. Offenbar hat er seine ersten Rekruten schon gefunden und fackelt nicht lange herum. Allerdings, es sind zwar prächtige Bauernburschen, doch ihre Kampfversuche nehmen sich noch recht stümperhaft aus. Gut genug für private Händel nach zuviel Metgenuss, aber noch lange nicht für den gezielten Einsatz. Da hat der Fürst noch viel Arbeit vor sich.

Nachdem sie eine Weile lang zugeschaut haben, bei Interesse vielleicht auch mitgemischt, entlässt Uther die Bursche "bis morgen früh, bei Sonnenaufgang!" Auch Jan und Solveig verabschieden sich bald, nachdem letztere sich kurz mit Uther beraten hat.

Pünktlich zum Abendmahl, einem kräftigen Eintopf mit frischem Brot und kühlem Bier, tauchen Lîf, Freydis und Halfdan auf. (Kjartan ist bei seiner Ninae geblieben.) Stolz zeigt Freydis den Gefährten die Karte, die sie am Nachmittag abgezeichnet hat.

"Eine Karte vom Urdan-Wald", erklärt sie. "Leider ziemlich alt, so drei- bis vierhundert Jahre, dafür genauer als alle jüngeren, die mir unterkamen."

Das die Karte nicht mehr ganz aktuell ist, sieht man auf den ersten Blick: es fehlt der Gjolkard-Wall. Außerdem ist das Waldgebiet riesig. Es zieht sich von Linsberg über das südliche Fersland bis nach Jongot hinein. Die "Wacht am Wall" immerhin ist bereit eingezeichnet. Ein riesiger Fluss, von fünf Zuflüssen gespeist, durchquert den Wald – beschriftet als Iló, für diejenigen unter den Gefährten, die lesen können. Einzelne Orte im Wald sind markiert: ein Turm, ein Hügel, eine Brücke, eine Höhle, ein Torbogen und ein einzelner Baum. Die Bezeichnungen verraten nicht viel mehr. Weitere Bilder, allesamt unbeschriften, zeigen Tiere oder allerlei Gestalten, von denen nicht ganz klar ist, was sie darstellen sollen.[1]

"So schön geworden wie das Original ist sie nicht", gibt Freydis zu. "Ich hatte ja nur einen Nachmittag Zeit. Da musste die Kunst ein wenig hinten anstehen..."

Dann setzen die drei sich zu den Gefährten an den Tisch und langen hungrig zu.
 1. s. hier. Karte wird nachgeliefert. Es ist nicht genau die aus der Krähenstunde; das Waldgebiet ist wesentlich größer und es sind bereits etliche Orte eingezeichnet.

Arnvidh Kjellson

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Mal Gani
« Antwort #111 am: 23.07.2021, 11:57:45 »
Für Arnvidh hatte es, neben der Hilfe die sie den Bauern zuteilwerden lassen konnten, noch einen anderen Nebeneffekt. Sie konnten die umgebenen Gehöfte kennen lernen und die Bauern sie als helfende Hände von Solveig. Im Bunten Hahn hielt er sich zurück. In seinen Gedanken klang ein trauriges, verzerrtes Lied, welches er nicht so recht einordnen konnte. Auch am Abend dachte er darüber nach und brauchte so eine Ewigkeit um seinen Krug Bier zu leeren.
Die drei für ihn Fremden, welche aber offensichtlich zu den ihm bekannten gehören beäugt er ebenso wie die Karte. Jedoch mischte sich der Rotschopf, welche wie Wulfgar eine Kapuze über den Kopf gezogen hatte, nicht in das Gespräch ein. Die wenigstens einmal gesehen zu haben, war für ihn aber nicht uninteressant. Ebenso wenig wie die Tatsche, dass die Räuber wohl etwas mit der ausgebliebenen Lieferung zutun haben könnten und dass die zufällig getroffenen sich um selbige Räuber kümmern wollten. Vielleicht kam die Gelegenheit, dass er sie begleiten konnte. Bei dem Gedanken warf er einen Blick zu seinem Reisebündel und dem Speer, welche an einem nahen Pfosten ruhten. Ein Heiler war wahrscheinlich unnötig für sie und als reiner Kämpfer war er definitiv nicht mehr zu gebrauchen. Blieben nur noch die erwachte Gabe, welche er aber ungern so vielen preis gab selbst wenn sie an die große Mutter glaubten, und dann noch sein wissen das zubereiten von Speisen. Vielleicht reichte das schon aus oder vielleicht würde er einfach bei Wulfgar bleiben, welche auch die Gegend erkunden wollte.

Lîf

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Mal Gani
« Antwort #112 am: 24.07.2021, 13:05:58 »
Lîf wirkt bei ihrer Rückkehr irgendwie erleichtert – oder vielleicht auch mit neuer Kraft versehen – obwohl sie sich rein körperlich gesehen wohl durchaus verausgabt hat. Jedenfalls langt die Schwangere bei der Mahlzeit zu wie ein Holzhacker, nachdem sie mit einer Hand auf ihrem Amulett das Zeichen des Rades über dem Essen geschlagen hat. "Die Kunst ist auch nicht das wesentliche für uns." gibt sie Freydis lächelnd zur Antwort. "Wesentlich ist, dass die Karte von großem Nutzen sein könnte." Freundlich, aber auch ein wenig reserviert, grüßt sie dagegen die beiden Unbekannten, die sich unter ihren Kapuzen verbergen. Eine Tatsache, welche die drudkvinde nachdenklich stimmt angesichts der Räuber, die sich in der Gegend herumtreiben sollten. Leise erkundigt sie sich bei den hier Zurückgebliebenen nach den zwei seltsamen Gestalten, deren eine sogar einen recht ungewöhnlichen tierischen Begleiter zu haben scheint – was Lîf wiederum gar nicht zu beunruhigen scheint. Dennoch zieht sie ein kleines Lederbeutelchen hervor, während sie die beiden beäugt, und greift mit der Hand hinein, um ihre Runenstäbe zu werfen, die sie sodann hinter vorgehaltener Hand begutachtet. Ihrem Stirnrunzeln nach scheint das Schicksal keine ganz eindeutige Antwort für den Rotschopf bereitzuhalten.

Arnvidh Kjellson

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Mal Gani
« Antwort #113 am: 25.07.2021, 10:40:44 »
„Es wäre wohl gut.“ murmelt Arnvidh zu sich selbst, nachdem er alles noch einmal durchgegangen war. Die verhaltene freundliche Begrüßung der rothaarigen Frau, welche offensichtlich auch an die große Mutter glaubte, bestärkte ihn, dass es nicht so dumm wäre, wenigstens zu fragen. Er wartete auf einen passenden Moment, dann erwiderte endlich den Gruß der Frau und suchte das Gespräch. „Seit gegrüßt werte Frau. Also mein Name ist Arnvidh Kjellson, wie eure Begleiter schon wissen. Ich und meine Begleiter waren bei Solveig zusammengetroffen. Wir hatten uns wegen der Hungerkreaturen erkundigt, gegen die wir eine Nacht zuvor gekämpft hatten und welche sich in Menschen zurückverwandelten. Nun scheint dies geklärt zu sein und ich hörte ihr werdet auf Räuberjagt geben. Da trifft es sich, dass ich im Auftrag eines Händlers unterwegs bin, welcher eine Lieferung seit längeren vermisst. Wohl haben da diese Räuber etwas mit zutun. Glaubt ihr bei eurer Jagt Unterstützung eines Heilers zu benötigen oder sollen wir unsere Wege wieder trennen? Obgleich ich stark glaube, dass wir uns so oder so wiedertreffen würden.“ freundlich lächelte er die rothaarige Frau an. Auch wenn die frage mit an ihre Begleiter ging.

Abdo al'Mbabi

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Mal Gani
« Antwort #114 am: 25.07.2021, 17:21:17 »
Das Gespräch mit Talahan hat zwar Abdos Last etwas verringert, doch fühlt er sich immer noch etwas verloren. Durch Lîfs Rückkehr hofft er, etwas mehr Klarheit über den künftigen Weg zu erlangen. Zwar ist er darauf vorbereitet, sich nun dem ursprünglichen Auftrag, der Jagd auf die Räuber zuzuwenden. Doch sollte Lîf tatsächlich einen Plan haben, um Tristan zu helfen, so müssten die Räuber wohl zunächst ohne ihn zurechtkommen.

Als sie schließlich alle zusammen in der Taverne saßen, antwortet er laut auf ihre geflüsterte Frage, auch wenn Arnvidh sich in diesem Moment bereits vorgestellt hat.
"Dies sind Arnvidh, wie du ja bereits gehört hast, und Wulfgar. Wie Arnvidh gerade gesagt hat, führt ihre Suche sie in die gleiche Richtung wie uns. Wir haben deshalb schon darüber gesprochen, unsere Kräfte zu bündeln; im Kampf gegen die Räuber wäre das sicherlich von Vorteil. Allerdings wollte ich dich vorher fragen, ob du in unserer anderen Angelegenheit etwas herausfinden konntest. Führt uns unser Weg tatsächlich zu den Räubern oder hast du eine Spur?"

Lîf

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Mal Gani
« Antwort #115 am: 28.07.2021, 13:25:14 »
Als Arnvidh sich ihnen nähert, sieht Lîf von ihren Runenstäben auf und lässt diese rasch wieder in ihrem Beutelchen verschwinden, das seinerseits in einer der vielen Taschen ihrer Schürze Platz findet. Sie hört ihm und Abdo zu, ehe sie den Kapuzenträger nochmals mustert und erwidert: "Nun, wenn ihr beide auch den Auftrag habt, diese Räuber ausfindig und unschädlich zu machen, wenn auch von anderer Seite, wäre es denke ich nur vernünftig, sich zusammenzutun. Es ist unwahrscheinlich, dass nicht dieselben Räuber gemeint sind, denn für die Gier mehr als einer Bande dürften die Händler und Reisende auf den Wegen hier kaum ausreichen."

An den Ya'Keheter gewandt meint sie leiser: "Mehrere Spuren, aus denen sich möglicherweise etwas ergibt, aber keine ganz heiße. Am besten sehen wir uns die Karte näher an, die Freydis angefertigt hat. Ich habe von einigen interessanten Punkten erfahren, über die sie womöglich aus diesem Ding auch noch etwas herauslesen kann." Wieder mit erhobener Stimme und in Arnvidhs Richtung fügt der Rotschopf erklärend hinzu: "Wir haben auch noch andere Vorhaben hier in der Gegend, aber vielleicht lassen sie sich mit der Suche nach diesen Räubern verbinden."

"Was denkt ihr?" sieht sie sich unter ihren Begleitern um. "Ich könnte mir vorstellen, dass zwei Heilkundige nicht zuviel sind bei solch einem Vorhaben. Es wird wahrscheinlich dazu kommen, dass unsere Kämpfer mit ihnen die Klingen kreuzen, und das wird kaum ohne das Vergießen von Blut vor sich gehen. Und da ihr anscheinend ohnehin schon auf die Idee gekommen seid, diese zwei Männer mitzunehmen..." An dieser Stelle schmunzelt sie kurz und legt Abdo mit einem leisen Nicken eine Hand auf den Unterarm. "Verstärkung bei der Räuberjagd wäre glaube ich wirklich keine schlechte Idee" flüstert sie ihm zu. "Über... die andere Sache reden wir besser später."

Gaja

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Mal Gani
« Antwort #116 am: 29.07.2021, 18:07:47 »
"Ihr müsst euch ja nicht sofort entscheiden", fügt Rogar hinzu. "Schlaft eine Nacht drüber. Wir, wie gesagt, haben noch einige andere Dinge im Wald zu erledigen außer der Räuberjagd."

Der Hausherr nahm dies zum Anlass, Wulfgar und Arnvidh für ihre Hilfe bei der Sicherung der umliegenden Gehöfte zu danken und ihnen "selbstverständlich!" einen Schlafplatz für die Nacht anzubieten.

Als Wulfgar sich nach seinem Begleiter Brakus umschaute, war dieser nicht an dem Platz, an welchem er Wache halten sollte. Auch lautes Rufen lässt ihn nicht erscheinen. Ein helles Bellen, Kläffen, Japsen und Quietschen zwischen den Hütten der Knechte und Mägde bringt Wulfgar auf die Idee, dort einmal nachzuschauen, ob Brakus in das Tohuwabohu verwickelt ist. Tatsächlich findet er seinen treuen Begleiter dort inmitten eines aufgeregt wuselnden Knäuels aus sechs, sieben, acht, neun (!) weiß-schwarzen Hundewelpen[1]. Er, wie auch die Welpen, scheint einen Riesenspaß zu haben.

Der restliche Abend geht schnell vorbei, ob im Spiel mit den Welpen oder anderweitigem Müßiggang. Nur Freydis steht nicht der Sinn danach. Sie verschwindet zunächst zu einem längeren Gespräch mit dem Hausherrn in dessen Gemächern, aus denen sie mit gerötetem Gesicht, aber zufrieden strahlend wieder auftaucht. "Keine Sorge, ich helf dir mit dem Schreiben!" ruft sie noch über die Schulter zurück, bevor sie sich schnurstracks in den Keller begibt, um sich noch einmal Merles Hinterlassenschaft genauer anzuschauen.

Auch Lîf verschwindet eine Weile lang im Keller. Danach ist sie recht schweigsam und geht bald zu Bett.

Die Nacht vergeht ereignislos. Bei Sonnenaufgang erhebt man sich bereits und versammelt sich zu einem kurzen Frühmahl. Man will so früh wie möglich aufbrechen, denn außer Lîf und Freydis haben sie alle Jans Warnung vernommen, dass er spätestens an diesem Morgen die Gotteskrieger in Ansdag erwartet, wenn nicht gar schon am späten Abend zuvor.

Oder will man zuerst mit ihnen sprechen? Mit Bruder Meirik, der vielleicht dabei ist? Oder überwiegt die Sorge, aufgehalten zu werden, sich gar rechtfertigen zu müssen, oder die Sache mit den Räubern aus der Hand genommen zu bekommen?

Und wenn sofortiger Aufbruch, wohin will man als erstes?

Auch Freydis hat noch etwas herausgefunden. Sie wartet allerdings, bis der Hausherr sich von der Tafel verabschiedet, weil er sich "draußen um seine Männer kümmern" muss.

"Ich bin noch einmal durch Merles Tagebuch gegangen", beginnt Freydis, "besonders die Zeit kurz bevor sie das erste Mal diesen mysteriösen Lehrmeister erwähnte, der ihr half, ihre Magie endlich zu beherrschen. Das ist noch gar nicht so lange her, nämlich vor vier Jahren erst. Und wenn ich mir das richtig zusammenreime, dann stammte der Dämon gar nicht mal aus Jongot! Also wenn wir davon ausgehen, dass es sich bei diesem Lehrmeister um den Dämon selbst handelte, so scheint mir der zeitliche Ablauf nun wie folgt. Uther reiste mit seinem Vater Soren nach Jongot, um Merles Vater um die Hand der Tochter anzuhalten. Damals hatte sie ihre Gabe noch nicht im Griff, was Uther aber nicht abschreckte, weil er einfach nicht versteht, wie gefährlich eine Berührte in diesem Zustand... äh... also, das tut hier nichts zur Sache. Jedenfalls ließ er sich davon nicht abhalten und Merles Vater hat wohl auch nicht allzu ehrlich vorgewarnt und so ging bald das Feilschen um den Ehevertrag los. Ich erklär's kurz, weil außer Lîf womöglich keiner von euch weiß, wie das bei uns Menschen hierzulande funktioniert...

Also, die Familie der Braut fordert eine Ablöse, als Entschädigung für den Verlust ihrer Arbeitskraft, während die Braut ihrerseits von der Familie eine Heimsteuer erhält, bestehend aus Vieh, Hausrat und Gesindel für das neue Heim, was ihrem Erbteil am elterlichen Besitz entspricht. Außerdem wird in dem Vertrag bereits festgelegt, welchen Erbteil sie vom Gatten erhält, sollte dieser vor ihr sterben, und dazu noch, was der Gatte ihr am Morgen nach vollzogener Ehe schenkt, hauptsächlich an Schmuck und schönen Dingen. Das hat Merle alles ordentlich in ihrem Tagebuch festgehalten, stolz darüber, was für einen guten Preis sie erzielt hat. Ihr Vater aber wurde plötzlich misstrauisch. Warum sollte jemand, ich zitiere Merles Worte: 'den vollen Preis für beschädigte Ware' zahlen wollen? Hinzu kam wohl auch der schlechte Ruf der Villags. Soren war nicht nur als Lüstling, sondern auch als Verschwender verrufen. Sprich, Merles Vater verlangte eine Anzahlung auf die Gesamtsumme als Beweis, dass es Uther ernst war. Und Uther, nachdem er seinen gesamten Geldbeutel vor dem Vater ausgeleert hatte als Anzahlung auf die Ablöse, überreichte Merle einen kleinen Vorschuss auf ihre Morgengabe."


Freydis macht eine dramatische Pause. Die meisten ihrer Zuhörer sind vermutlich höchst dankbar, dass sie sich endlich ihrem eigentlichen Punkt nähert. (Wobei Lîf natürlich nur allzugut versteht, warum die Vorgeschichte Freydis momentan besonders fasziniert...)

"Und zwar überreichte er ihr einen leuchtenden Kristall, kindsfaustgroß, glatt, und von perfekter Kugelform. Unter vier Augen gibt er zu, ihn unterwegs gefunden zu haben, unweit der Stadt Sydhavn noch nördlich des Walls, angeschwemmt am Flussufer des Iló, halb verborgen im Schlick. Erzählt ihr natürlich etwas von Schicksal und gutes Zeichen und so weiter, was junge Mädchen halt gerne hören, woraus Merle sich in den nächsten Tagen ein verträumtes: Oh, wir sind füreinander bestimmt! einredet. Die nächsten Einträge sind sehr emotional und naiv, das geht ein paar Wochen so...

Erst drei Wochen nach Abreise der Villags ändert sich der Ton wieder. Und genau hier erwähnt Merle zum ersten Mal den neuen Lehrmeister, der sie soviel besser versteht als alle vorigen."

 1. Bild s. hier, minus die Holzbox.
« Letzte Änderung: 29.07.2021, 22:26:41 von Gaja »

Wulfgar

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Mal Gani
« Antwort #117 am: 29.07.2021, 19:53:15 »
Wulfgar hält sich während dem Abendessen sehr bedeckt und redet nicht viel. Es ist ihm an zu sehen das er sich unter so vielen fremden Menschen nicht ganz so wohl fühlt.
Als er nach Brakus ausschau hält ist er im ersten Moment etwas erschrocken und besorgt als Brakus nicht auf sein rufen reagiert. Als er dann jedoch den Grund herausfindet muss er selbst etwas lachen und freut sich über den Anblick. Er selbst gesellt sich auch zu dem Spiel und mischt einige Zeit mit. Doch dann zieht er sich zurück und legt sich schlafen um am nächsten Morgen direkt bei Sonnenaufgang wieder bereit zu sein.

Als sich die Gruppe wieder versammelt gesellt sich Wulfgar zu ihnen und hört sich die Erzählungen an "Nun gut, es scheint so wie als ob das Schicksal uns zusammen geführt hat. Wenn es Euch nicht stört dann würden wir Euch gerne einige Zeit begleiten. Ihr zeigt mir hier Euer Land, und dafür stehen wir Euch tatkräftig zur Seite"
« Letzte Änderung: 29.07.2021, 20:34:02 von Wulfgar »

Arnvidh Kjellson

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Mal Gani
« Antwort #118 am: 29.07.2021, 22:14:44 »
Nach der kurzen Wortmeldung am Abend ist auch Arnvidh sehr schweigsam. Besonders in der Nähe des Fürsten schwieg er mehr als er etwas sagte. Irgendwann im Gespräch mit den Anderen hatte er auch einfach angefangen wie ein Spatz zu trällern, als sei ihm das Gespräch nicht mehr wichtig. Kaum das er dies realisierte, zog er sich auch schon zurück.

Wohin es ging auf der Räuberjagt, das überließ er denen die mehr Indizien hatten. Nur bei der Sache mit den Gotteskriegern lief es ihm eiskalt über den Rücken. Diese wollte er wenn es ging nicht treffen.
Jetzt, vor dem Aufbruch, lauschte er den Worten von Freydi. Die Informationen darüber was hier passierte war, fand er sehr interessant und es formte sich ein einfaches Bild von der Situation. Die Sache mit der Eheschließung jedoch, und was da der Brauch war, da hob er des Öfteren die fragend die Augenbraue. Abgesehen von den Wörtern, die neu und fremd klangen verstand er nicht warum jetzt ein Kristall wichtig war. Interessanter fand er dafür die Umschreibung, dass das Weib Merle einen Meister, vielleicht gar einen Dämon, hier im Norden gefunden hatte.

Lîf

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Mal Gani
« Antwort #119 am: 01.08.2021, 11:43:01 »
Lîf wiegt den Kopf nachdenklich, als es an die Frage geht, wohin man sich zunächst wenden solle. Den Vortrag Freydis' über Eheverträge hat sie nur mit einem Ohr verfolgt, die hiesigen Sitten sind ihr ohnehin wohlbekannt. Deutlich horcht sie aber auf, als es um den Kristall geht, den Merle als Brautgeschenk erhielt. Der Rotschopf runzelt die Stirn, nickt einige Male vor sich hin und murmelt: "Ja, damit fügt sich alles zusammen... ein Seelenkristall, der Dämon, der allmählich Einfluss über sie gewann... armes, törichtes junges Weib." Dann ruft sie sich die Karte ins Gedächtnis, derer sie sich auch am nächsten Tag noch recht gut erinnert, obwohl man ihr die schriftlichen Ergänzungen hat vorlesen müssen. Gefunden wurde der Kristall also nahe Sydhavn, am Unterlauf des Flusses.

Was läge näher als die Vermutung, dass der Kristall irgendwo flussaufwärts ins Wasser fiel, oder geworfen wurde! Hat Jan nicht auch irgendwann etwas von einem Ort gesagt, an dem an einem der Zuflüsse "seltsames Zeug" angeschwemmt werde..? Und: Flussaufwärts soll es ja auch noch mindestens einen weiteren sehr interessanten Ort geben. Wie hieß es noch nach Chorons Erzählung..? "An Ilós Daumen, auf halber Höhe... unter der Insel im grünen Meer. Mitten im Wald!" Lîfs Augen blitzen triumphierend auf, ein grimmiges Lächeln legt sich über ihre Lippen. Dort müsste einer der Orte liegen, an denen man nach der Vorgeschichte des Kristalls forschen könnte. Vielleicht, vielleicht ein Hinweis auf die dringend gesuchte Schwachstelle in der scheinbar undurchdringlichen Rüstung des Monstrums, das ihren Tristan als Geisel genommen hat!

Die drudkvinde hebt schließlich den Kopf und meint, nun zu den anderen: "Ich denke, wir sollten zu dem Ort reisen, an dem der letzte Überfall stattfand, und sehen, was sich dort herausfinden lässt. Das liegt auch mehr oder minder auf dem Weg, den wir in der anderen Angelegenheit nehmen müssen" ergänzt sie an Abdo gewandt, und etwas leiser, nur für ihn hörbar: "Wenn wir uns nämlich in Richtung auf das Morgentor zu bewegen, müssten wir irgendwann einen der Zuflüsse erreichen, und zwar an einer Stelle, wo Javrud seine Toten begrub. Womöglich stammte dieser Kristall, der Merles Unglück wurde, von dort." Wulfgar und Arnvidh spricht sie wiederum für alle hörbar an: "Wenn es gegen diese Räuber geht, können wir uns gegenseitig helfen, denn auch wir haben einige unter uns, die starke Kämpfer sind, und ich selbst bin in den Heilkünsten bewandert."

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