Autor Thema: Das Schicksal der Helden - Intermezzo  (Gelesen 2625 mal)

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Euer Ende

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Das Schicksal der Helden - Intermezzo
« am: 15.10.2005, 08:04:47 »
 Die Fackeln an den Wänden tauchten den langen, breiten Gang in ein warmes, aber unstetes Licht. Es waren keine Schritte zu hören, als eine in einen schwarzen Umhang gehüllte Gestalt die Treppe hinunterging und am Anfang des Ganges stehenblieb. Das Gesicht war unter der großen Kapuze nicht zu erkennen. Sie hob die Arme und ließ die zierlichen fahlen Hände mit einer eleganten Bewegung kreisen. Wie von Geisterhand öffneten sich die zirka ein Dutzend Türen die sich an beiden Seiten des Ganges befanden. Nur die Türe an der Kopfseite des Ganges öffnete sich nicht.
Die Gestalt setzte sich wieder in Bewegung. Sie schien zu schreiten, aber dennoch hallten keine Schritte von den Wänden des Ganges wider. An der ersten offenen Türe blieb sie stehen und wendete den Kopf. Sie lächelte, als sie die armselige Kreatur sah, die zerschlagen in Ketten an der Wand hing. Die einst teuren Kleider hingen in Fetzen an ihrem Körper herab, der übersät war mit verkrusteten Wunden und Blutergüssen.
 
Ty, mein Engel. Schau mich an.
Keine Worte waren zu hören. Nur ein Gedanke bildete sich im Kopf derer die die Gestalt Ty genannt hatte.

Die Kreatur hob langsam den Kopf. Das Stöhnen das sie von sich gab zeugte davon, dass jede Bewegung unsägliche Schmerzen bereitete. Mit leerem Blick starrte sie die Gestalt an.

Ty, Ty! Einst warst du stolz und mächtig. Doch jetzt schau Dich an. Nur noch ein Haufen Elend. Du hättest mir folgen sollen, als noch Zeit dazu war. Warum hast du diesen Weg gewählt? Warum hast du überhaupt gewählt?
Aber hab keine Angst. Es dauert nicht mehr lange. Vertraue mir. Du wirst die erste sein.


Dann bewegte sich die Gestalt weiter. An all den Zellen vorbei. Sie würdigte die armen Kreaturen in den anderen Zellen keines Blickes. Sie kannte sie alle. Es waren die, die in der großen Schlacht nicht gefallen waren. Die Gestalt erreichte die verschlossene Türe am Ende des Ganges. Sie drehte sich um und blickte den Gang hinunter. Sie atmete tief ein, als ob sie eine Witterung aufnehmen wollte. Dann lächelte sie. Die Treppe die sie gerade hinabgestiegen war begann sich zu verändern. Das Licht das die Treppe erleuchtet hatte begann zu flackern und ging aus. Die Treppe verschwand in einer Dunkelheit, die kein Auge zu durchdringen vermochte. Sie lächelte als sie sich wieder umdrehte und durch die verschlossene Türe ging als sei diese gar nicht vorhanden. So sah sie auch nicht, wie sich aus der Dunkelheit Schatten lösten und mit unglaublicher Geschwindigkeit in die Zellen huschten. Sie brauchte sie nicht zu sehen, denn sie wußte das sie da waren. Sie lächelte als sie die Schreie hörte und sich der Gang langsam in eine tiefe schwarze Dunkelheit verlor. Sie wusste, dass das Ende nicht mehr weit war. Sie wusste sie hatte gewonnen.
 

Euer Ende

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Das Schicksal der Helden - Intermezzo
« Antwort #1 am: 09.11.2005, 11:54:42 »
 Direkt hinter der Türe bleibt die Gestalt stehen. Die Zellen ist in ein schwaches silbriges Licht getaucht, dessen Ursprung in einer großen Sphäre liegt. Im Zentrum der Sphäre schweben drei  in Meditation versunkene Frauen, deren Körper aus derselben Mitte entspringen, aber jede ein unterschiedliches Äußeres hat. Ein junges Mädchen, eine wunderschöne Frau in der Blüte ihrer Jahre und eine alternde Frau mit stolzen Gesichtszügen. Vor ihrer Brust schwebt eine sich drehende kleine goldene Scheibe.
Die Gestalt hebt ihre Hände und schlägt die Kapuze zurück. Das blasse, hübsche Gesicht einer jungen Frau zeigt sich. Ihre rabenschwarzen Haare fallen lang über die Schultern.

Ihr schöner Mund formt ein schelmisches Lächeln als sie sagt: Hallo Schwester. Es ist an der Zeit.

Die Frauen in der Sphäre zeigen keine Reaktion.

Schwester? Ihr Lächeln erstirbt. Sie hebt die Hand und will nach der kleinen Scheibe greifen. Die Sphäre scheint jedoch eine Barriere zu sein, die sie nicht durchdringen kann. Die junge Frau erhöht die Kraftanstrengung. Dort wo ihre Hand die Sphäre berührt beginnt sie sich nach innen zu verformen.

Ihre Hand zuckt zurück, als sich die Augen der drei meditierenden Frauen öffnen und sie anschauen.
Wofür ist es an der Zeit, liebste Schwester? fragt sie.

Das Lächeln kehrt auf das Gesicht der Dunkelhaarigen zurück. Doch diesmal ist es das spöttische, überlegene Lächeln des Siegers.

Es ist an der Zeit ES zu beenden. Deine Helden haben versagt. Sie haben versagt, bevor sie begonnen haben, aber das wusstest Du von Anfang an. Doch es war ehrenhaft, dass Du gekämpft hast, ehrenhaft aber dumm. Dumm und erfolglos. Dein Kampf hat sich nicht gelohnt. Außerhalb dieses Raumes gibt es nichts mehr. Nichts mehr wofür es sich lohnen würde zu kämpfen.
Sie bewegt die Hände in der Luft und wie aus dem nichts taucht eine Steintafel in rechten Hand auf. Sie wirft sie in die Sphäre. Als sie auf dem Boden aufschlägt zerspringt sie. Von draußen ist ein lauter Schmerzensschrei zu hören, der abrupt abbricht.
Er war der Letzte. Jetzt sind nur noch wir da. Wir zwei und diese Scheibe. Mit dem Blick auf die Scheibe spricht sie weiter Gib sie frei. Sie gehört nicht dir.

Die Frauen in der Sphäre blicken auf die Tafel und sehen die eingemeißelten Zeichen.
Wir sind beeindruckt von Deinen Taschenspielertricks, Schwesterherz. Sollen wir Dir applaudieren? Wie auf ein Zeichen heben sie die Hände und klatschen Beifall.

Zornesröte steigt der Dunkelhaarigen ins Gesicht.
DU LÄCHERLICHE, DUMME KUH. DU WIRST MICH ANFLEHEN, DASS ICH SIE VON DIR NEHME. VON DIR IST JETZT SCHON NICHTS MEHR ÜBRIG, ABER DAS SCHEINST DU NICHT ZU BEMERKEN! schreit sie mit hasserfülltem Gesicht und stürmt durch die geschlossene Türe nach draußen.