Autor Thema: Siobhan's Lagerfeuer  (Gelesen 1815 mal)

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Siobhan

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Siobhan's Lagerfeuer
« am: 07.03.2007, 23:37:01 »
In einiger Entfernung kannst Du ein kleines Lagerfeuer erkennen, um das sich eine  Gruppe der unterschiedlichsten Leute versammelt hat, und es dringt sanfte Musik an Dein Ohr. Während Du Dich näherst, bemerkst Du, dass die Klänge von einer Laute stammen, die von einer jungen Halbelfe gespielt wird, welche dort am Feuer sitzt. Als sie Dich bemerkt, unterbricht sie ihr Spiel und winkt Dich heran.
"Willkommen! Mein Name ist Siobhan Sylkashaea. Wir haben uns hier zusammengefunden, um einige Geschichten und Lieder auszutauschen. Wenn Du also ein bisschen Zeit hast, warum setzt Du Dich dann nicht zu uns und hörst eine Weile zu? Wenn Du aber selbst eine Geschichte zum besten geben möchtest, dann nimm Dir einen Becher Met, damit Dir die Kehle nicht trocken wird, während Du erzählst. Wir alle sind schon sehr gespannt, Deinen Worten zu lauschen."

Eine Weile scheint Siobhan hin und her gerissen zu sein und mit sich selber zu ringen, bis sie sich dann einen Ruck gibt und ankündigt: "Dieses Lied habe ich geschrieben, um denen Mut zu machen, die von schlimmen Schicksalsschlägen getroffen wurden, auf dass sie neue Hoffnung fassen:" Sie beginnt eine melancholische und ruhige Melodie auf ihrer Laute zu spielen und ihr Blick geht in die Ferne, bis sie schließlich nach einigen Takten zu singen anhebt.

Als Kind hat man sie ausgelacht, erniedrigt und geschlagen,
Doch einer war, der immer zu ihr stand.
Gedemütigt und angespien war alles leicht ertragen,
Es reichte schon die Wärme seiner Hand.

Ein Wort von ihm genügte ihr, den Glauben fest zu stützen,
Das selbst das grösste Leid ein Ende hat.
Sie wusste, wenn sie mit ihm war, er würde sie beschützen
Und sehen, dass ihr niemand etwas tat.

Doch hieß es, sie sei unrein und sie sollten sich nicht sehen,
Und deshalb hat man sie von ihm getrennt.
Voll Gram entschloss sie sich dann von zu Hause fortzugehen,
In eine Stadt, in der sie niemand kennt.

Dort wuchs sie unter Dieben auf und Mördern und Erpressern
Und lernte, was "gesetzlos" wirklich hieß.
Doch nie gab sie die Hoffnung auf, ihr Leben könnt' sich bessern,
Solang' sie nicht von ihren Träumen ließ.

Doch war auch ihr einmal ein Auftrag eines Nachts misslungen.
Man fing sie und bedrängte sie gar sehr.
Die Gilde zu verraten hat man sie dann so gezwungen
In einem hochnotpeinlichen Verhör.

Es blieb ihr keine andre Wahl mehr, als erneut zu fliehen
Vor einem Schicksal schlimmer als der Tod.
Sie plante in ihr Heimatdorf zu ihm zurück zu ziehen,
Sobald sich die Gelegenheit erbot.

Doch hörte sie auf ihrem Weg die fürchterliche Kunde
Dass ebendieses Dorf schon nicht mehr stand.
Ein Heer Dämonen aus dem allertiefsten Höllenschlunde
Hätt' alles bis zum letzten Rest verbrannt.

Die Angst davor, sie werde ihn nun nie mehr lebend sehen,
Die brachte sie beinah um den Verstand.
Und nie erhörte je ein Gott ihr bitterliches Flehen.
So zog sie lange ziellos durch das Land,

Bis eines Wintertages, halbverhungert, halberfroren,
Sie Zuflucht fand bei einem weisen Mann.
Von diesem wurde sie alsbald zum Schüler auserkoren
Und lernte so, was kaum ein and'rer kann.

Doch die Dämonenbrut, die schon ihr Heimatdorf verbrannte
Nahm ihr auch diesen Lehrer wieder fort.
Unfähig ihn zu retten floh sie abermals und rannte
Zielstrebig hin zum nächsten gröss'ren Ort.

Dort suchte sie und fand auch eine Möglichkeit zur Rache
An diesem Feind, der ihr so vieles nahm.
Denn gegen diesen Gegner zog man dort in einer Sache,
Die ihrer blinden Wut entgegenkam.

Sie meldete sich freiwillig, um als Soldat zu dienen,
In einem Krieg, der nun auch ihrer war.
Um sich dort einzutragen war sie am Kontor erschienen
Und wagte kaum zu glauben, wen sie sah.

Es war der Mann, der früher schon ihr Leben besser machte:
Es war ihr lange totgeglaubter Freund.
Sie dankte ihrem Gott, dass er sie schließlich zu ihm brachte
Und hätte fast vor lauter Glück geweint.

Dies Lied soll eine Lehre sein für all Euch arme Seelen,
Die Ihr vom Schicksal hart getroffen seid.
Denn wisset: Niemand auf der Welt muss sich für immer quälen
Und alle Wunden heilen mit der Zeit.

Sogar das grösste Leid vermag sich irgendwann zu bessern,
Geh'n nur genügend Tage in das Land.
Nichts hat bestand.

Eine kurze Zeit lang herrscht betretenes Schweigen. Einige wenige Zuhörer brummen zustimmende Worte. Nach einer Weile fangen die meisten an erst verhalten, dann begeistert zu applaudieren und so manch einer drückt sich verstohlen eine Träne aus dem Auge. Auch Siobhan kann nicht umhin ihrer Bewunderung ob des nicht schlechten Vortrages, von dem sonst so ernsten Priester, Ausdruck zu verleihen. War dieses Stück doch selbst ihr bisher nicht bekannt gewesen. Nachdem die Leute ihre Ruhe wiedergefunden haben, scheinen alle noch eine Weile in Gedanken versunken zu sein, bis sich die Halbelfe offenbar dazu entscheidet, dass nun fürs erste genügend melancholische Lieder gesungen worden sind. Sie hebt nun ihrerseits wieder die Laute an und lässt mit einem dankenden Lächeln an den Priester und seinen Schüler, ihre Finger zu einer munteren Melodie über die Saiten tanzen, die die Anwesenden bald in eine ausgelassene Stimmung versetzt. Dann kündigt sie an: "Dieses Stück habe ich einst von einem anderen Spielmann erfahren und nachgedichtet, da es mich an jemanden erinnerte, den ich einmal kannte."

Früher lief hier einer 'rum, es ist schon ziemlich lange her,
Einer der sich Charlie nannte, viele wissen's gar nicht mehr.
Ein paar and're, ich bin sicher, die erinnern sich noch gut
An seine Hinterhältigkeit und ihre Angst vor seiner Wut.
Manchmal blieb er ein paar Wochen, mal verschwand er für ein Jahr.
Salz und Sonne in der Haut und mit ausgeblich'nem Haar
War er plötzlich, stark wie immer, eine Weile wieder hier.
Für uns Mädchen war er König, für die Väter mehr ein Tier.

Alle haben es bemerkt, wie gut sein Leinenhemd ihm sitzt,
Mit Schnitten drin, ganz heimlich mit 'nem Messer reingeritzt,
Was aussah, dass fast jeder ihn für kampferfahren hielt,
Und der Sohn vom Apotheker hat sofort danach geschielt.
Er kaufte Charlies Hemd zu einem unverschämten Preis,
Trug es, schmutzig wie es war, mitsamt den Löchern und dem Schweiß.
Sicher hat er fest geglaubt, er brauche es nur anzuzieh'n
und Charlies Kraft und Schönheit uebertrügen sich auf ihn.

Viele Mädchen rissen wegen Charlie von zu Hause aus.
Er nahm das als selbstverständlich, machte sich nicht viel daraus.
Doch nicht nur besonders wilde, freche Mädchen wollten ihn.
Sogar brave, graue Mäuse wurden schwach wo er erschien.
Eine sah ich, wie sie mehrmals dicht an ihm vorüberlief,
Jedesmal bei seinem Blick die Schenkel fest zusammenkniff,
Später tat, als sei er Luft für sie, weil sie ihn nie bekam,
Und sich irgendeinen ander'n, den sie kriegen konnte, nahm.

Dieses Mädchen, was liegt näher, nahm sich ausgerechnet den,
Der die Apotheke erbte, neulich hab' ich ihn geseh'n.
Er sah anders aus als früher, als ihm immer wo er ging
Charlies Fetzenhemd von seinem schlotternden Gerippe hing.
Heute knicken seine Beine, ähnlich wie bei einem Schwein,
Unter dem Gewicht der Hüften mehr und mehr nach innen ein.
Und die Kinder auf der Strasse woll'n ihn nackend seh'n und gern
Seine Knie, wenn er geht, aneinanderklatschen hör'n.

Nun höre, Charlie, was mir dieser Mensch berichtet hat:
Du wärst nun auch schon so wie er, so sauber, sanft und satt.
Auch Dein Name sei jetzt anders, nicht mehr Charlie sondern Karl
Und alles liefe so wie's sein soll, ruhig und normal.
Sag mal, Charlie, was Du tust geht mich schon lange nichts mehr an,
Nur schade, dass so einer sich mit Dir vergleichen kann:
Einer der, obwohl er wollte, nie wie Du gewesen ist
Soll nicht sagen können, dass Du so wie er geworden bist.
Nichts hat bestand.