Autor Thema: Der Krieg der Gefallenen  (Gelesen 1796 mal)

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Zon-Kuthon

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Der Krieg der Gefallenen
« am: 25.12.2008, 21:32:56 »
21. Pharast, 4674 AZ

Es war eine warme Frühlingsnacht. Den vollen Mond am Himmel hatte man nach der Göttin der Toten benannt. Pharast. So kurz vor der Morgendämmerung war er purpurfarben und tauchte die Berge in ein magisches Zwielicht, denn zwischen den violetten Gipfeln stieg bereits die goldene Sonne empor. Der Schrei eines Adlers hallte noch durch die Täler vor Janderhoff, als das prachtvolle Tier bereits auf den eisernen Zinnen der Handelsstadt landete.
Dann war die Dunkelheit der Nacht durch den Sonnenaufgang gebannt und des Vogels weiße Federn verflüchtigten sich wie der Tau auf den Kräutern des Klostergartens. Anstatt des Adlers stand da nun eine Zwergin mit steingrauem Haar. Ihr kräftiger Körper wurde von dunklen Efeuranken umschlungen und ihre Taille von einer Kette aus türkis glitzernden Edelsteinen geschmückt. Verträumt schlenderte sie auf den Tempel zu, in dem um diese Zeit bereits rege Betriebsamkeit herrschte. Dabei schwang sie einen mächtigen Hammer, den sie schließlich auf ihrer muskulösen Schulter zum ruhen brachte. Der Schaft der Waffe bestand aus einer dicken Wurzel die tief in den massiven Steinkopf ragte und festhielt. Eine kunstvolle Rune zierte den Hammer, während in das goldene Tor vor dem die Zwergin innehielt unzählige weitere eingelassen waren.
Seufzend stieß sie das beeindruckende Portal auf und spazierte an den verblüfften Tempelwachen vorbei. Die bärtigen, schwer gepanzerten Krieger wollten gerade Axt und Schild zum Angriff erheben, da gebot ihnen eine donnernde Stimme, die selbst über das Dröhnen unzähliger Hämmer in den Tempelhallen zu vernehmen war Einhalt. „Was willst du, Druidin?“, fuhr der aufgebrachte Sprecher fort, wobei er das letzte Wort wie einen Fluch ausspie. Es war an jener Druidin zu antworten, doch die ließ die Spannung in der plötzlichen Stille noch weiter anwachsen. Sie wartete bis der Sprecher das glühende Kohlebecken umrundet hatte und aus den Schatten trat, so dass sie dem uralten Zwerg in die harten Augen blicken konnte. Erst dann begann sie mit lieblicher Stimme ihre Botschaft kund zu tun:
„Hör mich an Hohepriester! Hört mich an, ihr Zwerge von Janderhoff! Euch steht eine dunkle Zeit bevor und nicht alle von euch werden das heilige Geschenk des Lebens behalten dürfen. Doch noch ist es nicht zu spät! Schwört ab von eurem unnatürlichen Tun, lasst die Erde heilen und reißt keine weiteren Wunden in ihre Tiefen. Lasst die Männer und Frauen ihre Höhlen verteidigen, nicht weiter Tunnel schlagen!“
Auf die kurze Rede der Druidin folgte absolute Stille, bis das rasselnde Gelächter des Hohepriesters sie durchbrach und den Tempelwachen ein Zeichen gab, die Fremde vor die Tore zu geleiten. Noch bevor die Krieger sie ergreifen konnten, stieg weißer Nebel aus den Efeuranken um die Zwergin empor, der sie vor den Augen ihrer bärtigen Häscher verbarg. Weiße Federn wirbelten durch die Luft, als ein prächtiger Adler auf das goldene Osttor zuflog. Der Druidin letzter, Mark und Bein erschütternder Schrei erklang in den heiligen Hallen Janderhoffs: „Ich habe euch gewarnt.“
« Letzte Änderung: 13.06.2009, 16:49:47 von Zon-Kuthon »

Zon-Kuthon

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Der Krieg der Gefallenen
« Antwort #1 am: 25.12.2008, 21:41:01 »
7. Gozran, 4679 AZ

Die Schlachtfelder in den Hochebenen um Janderhoff waren oft nicht viel mehr als eine kleine Bergwiese unter einem Außenposten oder ein Pass zwischen den Gipfeln der Hirntaumlerberge. Es verging kein Abend an dem nicht die Toten beweint und besungen, die Geschichten von gefallenen Kriegshelden erzählt und aufgeschrieben wurden. Am nächsten Morgen oder noch in der darauf folgenden Nacht begann das Blutvergießen wieder von neuem. So trafen die Truppen der Zwerge auch an diesem Tag auf die brandschatzenden Orkhorden aus dem Norden.
Die Schlacht wurde auf einem steilen Berggrat ausgetragen, der den Zwergen, die die Position der Verteidiger einnahmen, zu einem deutlichen Vorteil verhalf. Im Tal hatten sich bereits die grölenden Orks, Orogs und Ogrillons versammelt, die jeden Augenblick einen mörderischen Ansturm bergauf wagen konnten. Die wilden Krieger schlugen rhythmisch auf ihre Panzer, dunkle Eisenplatten mit Stacheln, die sie mit dem Blut ihrer Opfer bestrichen oder mit Knochensplittern von Freund und Feind verziert hatten. Als Waffen dienten ihnen die Äxte, Schwerter oder Hämmer aus vorangegangenen Beutezügen, nur wenige führten noch die primitiven Speere, die sie selbst angefertigt hatten. Ihren Anführern, den bestialischen Ogrillons, genügten die eigenen steinharten Fäuste, während die disziplinierten Orogeinheiten mit hochwertigen Klingen aus den Schmieden Urglins ausgestattet waren. Das rhythmische Schlagen wurde immer schneller bis es plötzlich verstummte.
Dann eröffnete der ohrenbetäubende Schrei eines monströsen Feldherrn das Blutbad. Eine dunkle Wolke flog den Hang herauf. Der Pfeilhagel konnte bei den vorbereiteten Kriegern aus Janderhoff zwar nicht viel Schaden anrichten, jedoch hatte er den Fußsoldaten genügend Feuerschutz geboten, dass diese ein beachtliches Stück zu den bärtigen Verteidigern aufschließen konnten. Während die Goblinsklaven der Orks erneut geschwärzte Pfeile auf die Sehnen ihrer Kurzbögen legten, antworteten die Zwerge mit einer Salve aus ihren gefürchteten Repetierarmbrüsten. Die Bolzen rissen die erste, die zweite und sogar ein paar aus der dritten Reihe der Angreifer von den Beinen, doch es schien als stünden hinter den Gefallenen hunderte bereit ihren Platz einzunehmen. Wenige Momente später krachte die dunkle Welle von Orks in den schimmernden Schildwall der Zwerge. Nur vereinzelt durchdrangen die Speere oder Klingen der wilden Horden den Stahl aus Janderhoff, noch weniger Angreifer fanden gar eine Lücke in der Verteidigung. Mit Hammer und Axt spalteten die Zwerge nun die Köpfe, die geifernd über ihren Schild lugten. Aus der zweiten Reihe legten die Priester Torags ihre Hände auf die Wunden der Verletzten und schlossen diese wieder mit Gebet und Glauben. Der bloße Aufprall von Ork auf Zwerg stieß ein paar der Novizen zu Boden, die nun verzweifelt im Chaos der Schlacht versuchten die Orientierung wiederzuerlangen. So auch Balendil Eisenfaust, ein Heiler in den Diensten der Kirche des Torag. Er hatte heute Ovur Goldhammer, einen hochrangigen Kriegspriester und Mentor, mit ins Feld begleiten dürfen, um mehr Erfahrung zu sammeln, denn die Zwerge waren mehr als siegessicher. Der junge Zwerg hatte immer davon geträumt einst in die Dienste des Ordens des Amboss zu treten und neben den Paladinen Janderhoff, die Heimat seines Volkes zu verteidigen. Wild entschlossen zu kämpfen stand er auf, spukte sein eigenes, metallisch schmeckendes Blut auf den Boden des Schlachtfelds und löste seine Waffe vom Wehrgehänge.

Zon-Kuthon

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Der Krieg der Gefallenen
« Antwort #2 am: 25.12.2008, 21:41:42 »
11. Calistril, 4681 AZ

Auf dem Innenhof des kleinen Außenpostens, hoch in den Bergen, hatten sich braune Pfützen breit gemacht. Die Stiefel der Soldaten schmatzten auf dem schlammigen Boden, als sich die Zwerge und Menschen von den Stallungen zum Torhaus oder von den Wehrgängen in die Unterkünfte bewegten. Zwischen den gepanzerten Kriegern, humpelten jammernde Flüchtlinge, die in diesen schweren Zeiten alles verloren hatten.
Die Berge von Janderhoff waren nicht mehr sicher. Orks und ihresgleichen zogen durch die Länder der Zwerge. Mit Feuer und Axt brachten sie nichts als Zerstörung und den Tod. Schon immer hatte es Raubzüge aus dem Norden gegeben, doch die Angriffe in letzter Zeit schienen, trotz ihrer Brutalität und Wildheit, geordneter und konzentrierter. Die Orks wurden von Ogrillons in die Schlacht geführt und es gab Überlebende die sogar von ganzen Orogeinheiten in der wütenden Horde sprachen.
In den Bergefestungen sammelten sich nun die Truppen der Zwerge, um sich zu einem Befreiungsschlag zu bündeln, allerdings hatten Belagerungen und die stetige Aufnahme von Flüchtlingen die Vorräte des Außenpostens stark schrumpfen lassen. Die Moral unter der zivilen Bevölkerung war schlecht, denn die Rationen wurden nahezu gänzlich dem Militär und den Milizen zugesprochen. So beobachteten die halbverhungerten Männer und Frauen aus den Bergen das geschäftige Treiben der Soldaten mit Missgunst, trotz der tapferen Dienste die sie ihnen erbrachten.
Der Ruf eines Zwergs mit schwarzem Bart durchbrach die Eintönigkeit der Szenerie. „Haltet den Dieb!“, wiederholte er. Ein Junge rannte über den schmutzigen Burghof. Er hatte einen Laib Brot unter dem Arm, den er fest an sich presste, als die behandschuhten Hände der Soldaten nach ihm griffen. Kurz bevor er die schützende Dunkelheit der Gewölbe erreicht hatte, stellte sich ihm ein weiterer Zwerg in den Weg. Er war etwas kleiner, als seine Kameraden und noch sehr jung. Auch er hatte schwarzes Haar, jedoch war es genau so wie sein Bart, fein säuberlich zu zahlreichen Zöpfen geflochten. Entschlossen fokussierte er den Jungen mit seinen stahlblauen Augen. Der erkannte entsetzt den Verfolger wieder, den er gerade noch abgehängt glaubte. Er rutschte auf dem glitschigen Schlamm aus und stürzte. Unsanft packte der Krieger den Dieb am Kragen und zog der Zwerg ihn aus dem Dreck zurück auf die Beine und beruhigte die anderen Soldaten: „Keine Angst ich habe das Brot, eure Mägen knurren schon nicht heute Nacht!“ Schnaufend kam der Zwerg mit dem schwarzen Bart auf die beiden zugelaufen, der alle überhaupt erst auf den Dieb aufmerksam gemacht hatte. Noch aus vollem Lauf heraus, schlug er dem Jungen ins Gesicht, den die Wucht wieder zu Boden schickte. Dann trat er weiter auf ihn ein. „Algrond, lass das! Er hatte doch nur Hunger.“, versuchte der andere ihn zu beschwichtigen. „Nein. Dieser Dieb muss für sein Verbrechen sühnen, Bregaron.“, antwortete Algrond so kalt wie der geschwärzte Stahl der Axt, die er gezückt hatte, um seinen Worten Taten folgen zu lassen. Er zerrte das Kind zu einem Amboss nahe dem glühenden Kohlebecken des Hufschmieds, das sein Gesicht in ein infernales Licht tauchte. „Unser Volk hat hart für all das hier gearbeitet, Bruder. Wir wollen uns das nicht von ein paar Orks wegnehmen lassen. Nicht unser täglich Brot von diesem Bastard, noch unsere Heimat von seinen Vätern.“ Da erkannte auch Bregaron, dass der Junge ein Halbblut war: halb Mensch, halb Ork. Er musste noch viel jünger sein als der Zwerg zuerst gedacht hatte, denn der massive Kiefer, die leicht spitzen, blutverschmierten Eckzähne, so wie die leicht gräuliche Färbung seiner Haut verrieten das Orkblut in seinen Adern. „Ich verstehe deinen Zorn Bruder; aber ein Laib Brot wird unserer Armee schon nicht das Rückgrat brechen.“ Panisch blickte der Junge zwischen den beiden nahezu identisch aussehenden Zwergen hin und her. Der einzige Unterschied bestand in dem offenen Haar des Kriegers, der seine Hand auf den kalten Amboss drückte. Verzweifelt versuchte er sich aus seinem eisernen Griff zu winden, doch es wollte ihm einfach nicht gelingen. „Auf Diebstahl steht eine Strafe; ungeachtet der Umstände ist diese zu vollstrecken. Unsere Gesetze sind für alle gleich und gelten in Friedens-, wie in Kriegszeiten.“, erwiderte der Zwilling. Dann holte er mit seiner Waffe weit aus, um die Hand des Kindes mit dem ersten Versuch abzuschlagen. Sowohl der Schuldige wie der Vollstrecker hielten den Atem an, als die Axt auf den Amboss zuraste. Scheppernd krachte Bregaron in seinen Zwillingsbruder, und lenkte so den verheerenden Schlag ab. Orange Funken sprangen umher, als Stahl auf Stahl traf. Immer noch völlig benommen taumelte der Junge aus der Schmiede, während sich die beiden Zwerge auf dem Boden umher wälzten. Die Brüder tauschten Faustschläge aus und zerrten wutentbrannt aneinander. „Es war Unrecht diesem Abschaum beizustehen!“, fauchte Algrond. „Er ist doch nur ein hungriges Kind!“, antwortete Bregaron. Er hielt seinen Bruder auf den Steinboden gedrückt, und versuchte ihm Vernunft beizubringen. Mit einem kraftvollen Tritt befreite sich Algrond aus dem Haltegriff. Als er auf Bregaron zustürzte, griff er nach der Axt, die noch auf dem Amboss lag. Sein Zwilling sah die Mordlust in den dunklen Augen seines Bruders und stolperte rückwärts, bis er stürzte. Er tastete ebenfalls nach einer Waffe, bis seine Finger den Schaft einer Urgrosch fanden. Bei seinem Sturz zu Boden, waren ihm das Ende seines Waffenrocks und das heilige Symbol von seiner Brust ins Gesicht gerutscht und so hielt er halb blind die Urgrosch schützend vor sich, als die Axt seines Bruders gegen seinen Kopf schlug.
Es dauerte eine gewisse Zeit bis er wieder klar denken konnte und sich den Waffenrock vom Kopf riss. Schockiert starrte er in die toten Augen seines Bruders.