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Autor Thema: Siechtum  (Gelesen 17259 mal)

Beschreibung: Kapitel 1

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Leed

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Siechtum
« am: 05.06.2009, 19:01:54 »
Über der Stadt lag eine bedrückende Stille. Einen blauen, wolkenlosen Himmel hatten die Bewohner Lautwassers schon lang nicht mehr gesehen. Seit Zehntagen hingen weiße Geschwader aus feinen Wassertropfen in der Luft, die über die Stadt hinweg zogen. Obwohl das dahinter verborgene Sonnenlicht sie strahlen ließ und den Eindruck vermittelte, als hätte jemand den Himmel über ihnen mit weißem Marmor bedeckt, wirkten die Wolken wie Vorboten einer nahen Bedrohung, die niemand einzuschätzen wusste. „Wieso?“ fragten sich viele Einwohner. „Wieso wird unser friedliches Stück Land von einem solchen Unheil heimgesucht?“ Ein paar zu Trübsinn veranlagte Barden fanden sich ein und besangen den nahen Untergang Lautwassers schon, nachdem sich die Sonne einen Zehntag lang nicht hatte sehen lassen. Zunächst wollte niemand recht daran glauben. Die Klaue der Stürme hatte sie noch nicht verlassen, Grüngras ließ noch auf sich warten und die Alten waren der Ansicht, dass Gevatter Winter ihnen einen letzten Streich spielen wollte, denn die Wolken schienen Schnee zu bringen. Barden, die einen jammervollen Takt anstimmten, wurden aus den Gasthäusern und vom Marktplatz vertrieben, weil niemand Wert darauf legte, das Unglück zu beschwören. Schließlich neigte sich Tarsak seinem Ende entgegen und die ganze Stadt war in Aufregung, weil das Fest zu Ehren des Frühlings bevorstand. Frauen eilten durch die Straßen und schmückten Türen und Fenster mit den ersten Blumen, die man im Tempel des Silvanus über den kalten Winter gezüchtet hatte. Die Stadtwache kümmerte sich darum, dass die Straßen ordnungsgemäß gesäubert und nicht wieder verschmutzt wurden, erwartete man doch zu Grüngras viele Besucher und Händler in der Stadt. Letztere schienen ihre Geschäfte noch energischer zu betreiben, riefen lauter ihre Kunden an, waren kompromissbereiter, was die Preise ihrer Waren anging, und ließen es sich nicht nehmen, dem einen oder anderen Kind auch einmal eine kleinere Freude zu machen. Lautwasser wirkte wie eh und je. Eine zufriedene Stadt mit glücklichen Einwohnern, die ihren alltäglichen Geschäften nachgingen und sich auf ein nahes Fest freuten. Aber ganz gleich wie fröhlich alles und jeder wirkte, ein aufmerksamer Beobachter bemerkte die angespannte Stimmung. Er hörte die feinen Nuancen in den Stimmen der Händler. Mit einem Mal waren sie nicht freundlicher und verhandlungsfreudiger, sondern schienen Angst zu haben, ihre Waren nicht schnell genug los zu werden, um die Stadt zu verlassen. Die Frauen arbeiteten bei genauerer Betrachtung eiliger als in den letzten Jahren und achteten nicht mehr auf jedes Detail bei dem Schmuck, den sie an den Häusern anbrachten. Die Stadtwachen, die sonst ein geordnetes, strenges, aber gerechtes Regiment führten, waren gereizt, reagierten auf den kleinsten Unwillen und schrieen deutlich mehr, als es sonst der Fall war. Als Grüngras endlich da war, legte sich die Anspannung ein wenig. Es wurde ausgelassen gefeiert, die Kleriker des Silvanus segneten die Stadt und das umliegende Land, und bis zum Abend wurde getrunken, gegessen und getanzt, wie es sich für ein zünftiges Fest gehörte. Es waren die Kinder, die es als Erstes bemerkten. Sie hatten am Hafen gespielt. Ihre kleinen, aus Holz gefertigten Schiffchen, mit Blumen geschmückt, segelten den Delimbiyr hinunter, dessen Wasser stets kraftvoll an der Stadt vorüber geströmt war und ihr ihren Namen verliehen hatte. Doch mit einem Mal war davon nichts mehr zu vernehmen. Die Strömung verlangsamte sich scheinbar, die Schiffchen mit ihren filigranen Segeln bewegten sich kaum mehr fort, war doch auch der Wind deutlich abgeflaut. Die Kinder sahen sich um. Sie vernahmen die lauten Stimmen der feiernden Erwachsenen, aber kein Vogel wollte seinen Gesang mehr verlauten lassen. Als sie in den Himmel blickten, wurde dieser langsam grau, weil die Nacht herein brach. Ihnen wurde unwohl. Vielleicht hatten sich die Vögelchen ja auch nur schlafen gelegt, dachten sie, und der Wind hatte seine Arbeit für diesen Tag beendet. Außerdem musste auch ein Fluss einmal zur Ruhe kommen. Sie einigten sich darauf, dass Silvanus nur eine stille Nacht für sie sandte, auf dass sie nach einem langen Tag voller Freude, aber auch Anstrengung genügend Schlaf fänden. Aber in dieser Nacht sollte niemand mehr schlafen. Ihre Schiffe zurück lassend gingen die Kinder zurück in die Stadt, in der noch niemand bemerkt hatte, dass um sie herum Stille eingetreten war. Erst nach und nach, als sich das Fest seinem Ende entgegen neigte, hielten viele ihre Köpfe in die Luft und stießen ihren Nebenmann an, um ihn zum Schweigen zu bringen. Bald schon war nichts mehr zu vernehmen bis auf das aufgebrachte Atmen der Kinder. Nach einer Weile richteten sich die Priester des Silvanus an die Menge und gesuchten sie durch ihre wohl bedachten Worte zu beruhigen. Jene brachten die Einwohner Lautwassers dazu, ihre Behausungen aufzusuchen und sich zu Bett zu begeben, wobei niemand zu viel Lärm machen wollte, und ein jedes Ohr in der Stadt der Stille lauschte, die sie vollkommen gefangen hielt. Als auch der letzte Sonnenstrahl hinter dem grau werdenden Marmorteppich aus Wolken verschwunden war, sagten sich viele, dass es in der Nacht ganz natürlich sei, dass die Vögel nicht mehr sangen, und versuchten zu schlafen.
Ein alter Bettler, der sein Quartier neben den Ställen aufgeschlagen hatte, wo es aufgrund des Strohs, des Pferdemistes und der Tiere selbst stets recht warm war, dachte ebenso. Wozu sollte er sich darum scheren? Die Welt scherte sich ja auch nicht um ihn. Obwohl er zugeben musste, dass er heute reich von Silvanus gesegnet worden war. Er hatte mehrere kleine Laibe Brot und ein großes Stück Fleisch erhaschen können und sein Bauch war so gefüllt wie schon lange nicht mehr. Etwas vermisste er aber doch. Das Rauschen der Wasser des Delimbiyr war nicht zu vernehmen. Es hatte ihn seit Jahr und Tag in den Schlaf gesungen und ihm schöne Träume geschenkt. Stattdessen nahm er die Pferde wahr. Sie atmeten so laut, dass er förmlich hören konnte, wie sich ihre Nüstern blähten. Vor seinem geistigen Auge sah er die großen weißen Augäpfel, die aufgeregt in die Dunkelheit stierten. Ihre Pupillen wanderten unstet hin und her. Ein Scharren verriet ihm, dass sie begannen, sich zu bewegen, als wollten sie vor irgendetwas flüchten. Langsam setzte er sich auf und sah sich um. Er konnte niemanden ausmachen, nicht einmal eine Wache. Wovor also fürchteten sich die Pferde so? Er schüttelte unwirsch den Kopf, warf seine Decke zurück und spürte die Wärme einer Frühlingsnacht. Sie war noch unvollkommen, er fröstelte noch, aber der lange Winter war vorüber und das rang ihm zumindest ein kleines Lächeln ab. Er stand mühselig auf, fragte sich kurz, wie viele Sommer er noch sehen würde, und ging zum Eingang des Stalles, der aber sorgfältig verschlossen war. Er legte seine Hände und sein linkes Ohr auf die Holzpforte und versuchte ein Geräusch zu vernehmen, das denjenigen, der die Tiere so verunsicherte, verraten könnte. Aber da war nichts, nur das Scharren der Pferde, das immer lauter und unruhiger wurde. „Scht, ganz ruhig, es ist schon alles in Ordnung“, flüsterte er, aber ohne Erfolg. Sollte er die Wachen am Stadttor alarmieren? Aber wozu? Sie würden ihn ohnehin nur einen Narren schelten und ihn davon jagen. Mürrisch schüttelte er den Kopf und legte sich wieder auf sein Lager, als er eine Stimme vernahm. Sie war merkwürdig blechern, als würde sie in einem hohen Raum ohne Möbel gesprochen oder in einer verlassenen Höhle. Noch war sie weit weg, doch sie kam alsbald näher. Die Pferde schnaubten und auch er spürte eine Beklemmung, eine tiefsitzende Angst, die sich ihren Weg zuerst in seine Augen suchte, wo sich brennendes Wasser sammelte. Seine Haut fror, während sein Inneres zu glühen begann. Stocksteif lag er da und wollte doch nichts weiter, als davon rennen, um Hilfe schreien, aber kein Laut drang über seine Lippen und er wagte es nicht, sich zu rühren, als ein Fuß sich unmittelbar vor seinem Gesicht auf das Straßenpflaster setzte. Er hatte zuvor keine Schritte vernommen, hatte niemanden gesehen, doch dann war er da.
Augenblicklich erhob sich im Stall ein ohrenbetäubendes Wiehern, das die Wachen am Stadttor aufschrecken ließ. Einige Bewohner, die gerade erst in ihren Betten in einen unruhigen Halbschlaf gesunken waren, kamen sofort zu sich und sahen den Mann oder die Frau neben sich fragend an. Kinder kamen schreiend zu ihren Eltern gerannt. Der Hauptmann und ein paar Wachen sprangen aus ihren Betten und waren alsbald damit beschäftigt, zu den Ställen zu eilen und dort die Pferde zur Ruhe zu bringen, was nicht gelang. Nicht einmal der Tempelvorsteher, der sich auf Pferde verstand und sogar eine kleine Zucht betrieb, vermochte die verschreckten Tiere zu bändigen. Neben den Ställen fanden zwei Wachen den alten Bettler, der zitternd und mit blauen Lippen vor sich hin murmelte. Seine Augen waren so weit aufgerissen wie die der Pferde, seine Pupillen suchten das Sichtfeld vor ihm ab. Der Hauptmann ließ ihn in eine warme Zelle bringen, aber das half nichts. Er sprach nur wirres Zeug, das niemand verstand. Keine Decke, kein Alkohol vermochten ihn in einen vernünftigen Zustand zu bringen. Der Hauptmann ließ einige Soldaten ausschwärmen. Sie sollten die Stadt absuchen. Nach was, konnte er nicht sagen. Sie sollten nach Ungewöhnlichem Ausschau halten. Ungewöhnliches bekamen sie bald zu Gesicht. Im Nordwesten der Stadt, in der Nähe der einfacheren Häuser, erhob sich ein wildes Geheul, das zu einem neuerlichen Sturm im Stall führte und den Bettler aufschrieen ließ. Die Wachen mussten ihn auf eine Holzpritsche binden, damit er nicht davon lief. Eine kleine Gruppe aus sechs Soldaten bestehend war kurz darauf an dem Ort, an dem das Geheul kein Ende nehmen wollte. Fast bemitleidenswert kniete er dort am Boden, seine Hände waren gefaltet, das Gesicht demütigst dem Boden zugewandt. Schreie entsetzlicher Qualen drangen über seine Lippen. Wen er anflehte, was er überhaupt begehrte, konnte niemand sagen. Die Worte verloren sich in lang gezogenen Klagen, die großes Leid verrieten. Der Hauptmann, kurz darauf eintreffend, schüttelte nur den Kopf, nahm sich zwei Soldaten an seine Seite und packte den Mann. Er war eigenartig leicht und schlaff, so dass die Soldaten ihn sofort los ließen. Nur der Hauptmann war energischer und raffte den Mann auf die Beine. Sofort taumelte der sonst robuste und keineswegs leicht ein zu schüchterne Mann nach hinten, während sein Gegenüber mit gebeugtem Kreuz stehen blieb und seinen Mund zu einem neuen, grauenhaften Klagen aufriss.
In jener Nacht begann der Schrecken in Lautwasser. Selbst die Priester des Silvanus vermochten das Geschöpf nicht zu vertreiben, das die Stadt des Nachts in einen Ort von Trauer und Schmerz verwandelte. Doch auch am Tag legte sich nicht das Gefühl der Beklemmung und jegliche Freude wich aus der sonst munteren und friedlichen Stadt, die sich stets gegen alles Böse erfolgreich gewehrt hatte. Bürgermeister und Hauptmann waren ratlos, keiner wollte sich dem Manne nähern, der Pferde, Kinder, Frauen und sogar die härtesten Seemänner, die Lautwasser je gesehen hatte, ihrer Lebensfreude beraubte. Alles, was man über das Wesen erfuhr, war, dass es einen langen Weg hinter sich gebracht hatte. Ziellos war es schon durch viele Ortschaften gereist, aber niemand wusste, woher es kam und wohin es wollte. Niemand konnte sagen, warum es überhaupt zu solch einer Wanderschaft aufgebrochen war.
So verging Mirtul und die Zeit der Blumen brach an, aber niemand wusste sich am ankommenden Sommer zu erfreuen.
« Letzte Änderung: 08.06.2009, 21:31:18 von Leed »
Wenn du in die Zeit eingreifst, wird die Butterfliege dich bestrafen.

Leed

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Siechtum
« Antwort #1 am: 08.06.2009, 21:31:29 »
Seit einigen Tagen folgte der junge Soldat nun schon dem Lauf des Delimbiyr in Richtung Osten. Nicht weit entfernt konnte er im Norden den Hochwald ausmachen, Heimat vieler seltsamer Geschöpfe und Sagen. Aber sein eigentliches Ziel lag an diesem Morgen, kurz vor der Sommersonnenwende, weiter im Osten. Es war Lautwasser. In Secomber hatte er bereits von dieser prächtigen Stadt gehört, die sich sogar gegen die Zhentarim bewährt hatte. Schon öfter, seit er dem Flusslauf folgte, hatte er prächtige Schiffe gesehen, die auf dem Weg zur Schwertküste den Fluss bereisten. Die Männer und Frauen hatten ihm gelegentlich sogar einen Gruß entgegen gebracht und waren außerordentlich gut gelaunt gewesen. So gut, dass sich Karl doch gefragt hatte, was sie zu solcher Freude veranlasste. Es musste wohl an der Stadt liegen, die schon viele Reisende für sich eingenommen hatte. Er war an diesem Morgen früh los gewandert und erreichte Lautwasser in den frühen Stunden des Tages. Doch schon von Weitem spürte er, dass das Bild, das er sich bisher von der Stadt gemacht hatte, nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Über ihm leuchtete ein blauer Morgenhimmel, der mit kleinen Wolkenschwaden überzogen war. Aber weiter im Osten zogen sich jene Schwaden zu einer dichten Decke zusammen, die bedrohlich über Lautwasser schwebte. Je näher er dem Stadttor kam, umso mehr ergriff ihn eine seltsame Bedrückung. Lag es daran, dass das bisher so muntere Gemurmel des Flusses zu verstummen schien? Oder hatte das trüber werdende Licht, das durch die Wolkendecke verschlungen wurde, damit zu tun? Er konnte es nicht sagen, aber zumindest wusste er nun, wieso die Flussschiffer so fröhlich gewesen waren. Sie waren jenem Ort entkommen, zu dem er nun gelangen wollte.

Zook sog die frische Morgenluft in seine Lungen und sah voller Begeisterung dem neuen Tag entgegen. Ja, er war zu einer Reise aufgebrochen und der Abschied von seinen Freunden, in gewisser Hinsicht seiner Familie, war nicht einfach gewesen und bereitete ihm noch immer ein wenig Kummer, aber es war eine Ehre gewesen, auserwählt worden zu sein. Nur einen flüchtigen Blick warf er zurück in den dicht bewachsenen Wald, der so lange Jahre sein Zuhause gewesen war. Aber nun stand ihm eine unsichere Zukunft bevor, der er doch mit einem gesunden Optimismus entgegen sehen wollte. Am gestrigen Abend war er dem Delimbiyr in Richtung Osten gefolgt. Noch wusste er nicht genau, wohin ihn seine Schritte lenken würden, aber vielleicht war es gut, zuerst einmal ein wenig ins Blaue zu laufen und sich in Ruhe Gedanken über den folgenden Weg zu machen. Eine gute halbe Meile vor ihm sah er nun im hellen Tageslicht die Stadtmauer Lautwassers. Er hatte schon von diesem friedlichen Städtchen gehört, in dem schon so mancher Händler eine zweite Heimat gefunden hatte. Wieso sollte er sich diese Stadt nicht einmal genauer ansehen? Vielleicht erfuhr sein Leben dort ja eine Wendung, so dass er wusste, wohin er fortan gehen wolle. Sicher gab es auch in Lautwasser weit gereiste Sänger oder Geschichtenerzähler, die von geheimnisvollen Orten erzählten, an denen er womöglich einst einmal ein Zuhause finden würde. Auf jeden Fall war ein Abstecher sicher lohnenswert. So schritt er weit aus, aber alsbald wurde ihm seltsam zumute. Er war noch nicht weit gekommen, als er stehen blieb und die weiße Wolkendecke über der Stadt bemerkte, die eigenartig schwermütig wirkte. Als er sich nach Westen umsah, konnte er dort nur blauen Himmel mit wenigen Wolken erkennen. Er schüttelte den Kopf, rief sich alle seine guten Vorsätze ins Gedächtnis und näherte sich so auf der nördlichen Seite des Delimbiyr der Stadt. Leider verschwand sein Eindruck nicht und so stand er ratlos auf der anderen Seite des Flusses, sah hinüber zu dem kleinen Hafen der Stadt und nun war die Frage, ob er wirklich übersetzen wollte.

Düster war sein Blick auf die Stadtmauer Lautwassers gerichtet. Lange war er gewandert, hatte die schwarze Straße möglichst weitab gelassen und schließlich diese Stadt erreicht. Angeblich war sie ein friedliches Plätzchen, angeblich verkehrten dort viele Händler und Reisende, die sich gerne auch längerfristig dort niederließen, angeblich war dort alles gut. Aber genauso angeblich hieß es, dass ein paar Sklaven von Llorkh aus nach Lautwasser gebracht worden waren. Natürlich konnte er nicht sagen, wie lange das her war und ob die Sklaven nicht längst weiter verkauft oder in die großen Städte Secomber, Tiefwasser oder Baldurs Tor verbracht worden waren, aber er brauchte ja auch nur einen flüchtigen Hinweis. Einen Hinweis, dass sie noch am Leben war und er sie irgendwo dort draußen finden könnte. Unterwegs hatte er Gerüchte über die Situation Lautwassers aufgeschnappt, die derzeit nicht ganz so friedlich aussah, wie es sonst den Anschein hatte. Genaueres hatte er nicht in Erfahrung bringen können und es interessierte ihn auch wenig, was mit einer Stadt geschah, die vermutlich ein Umschlagplatz für Sklaven darstellte. Der Morgen war kühl und schenkte ihm darum ein wenig Hoffnung. Im Osten ging die Sonne gerade auf und über ihm zeigte sich schon ein blauer Himmel, während vor ihm eine bedrückende Stille herrschte und ein Wolkenteppich sich über Lautwasser erhoben hatte. Die Stadtmauer lag nur noch wenige Meter vor ihm. An dem großen Stadttor konnte er bereits die Wachen erkennen und in ihren Gesichtern konnte er eine tiefe Traurigkeit lesen. Einen Moment lang erfasste jene auch ihn, aber das war nichts Ungewöhnliches. Seit er sie verloren hatte, waren seine Tage nicht mehr freudvoll gewesen. Darum war er wohl der Einzige in der Umgebung von Lautwasser, dem zwar die Stille rund um die Stadt auffiel, der sich aber nicht an der zutiefst deprimierenden Stimmung störte.
Wenn du in die Zeit eingreifst, wird die Butterfliege dich bestrafen.

Bochigon

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Siechtum
« Antwort #2 am: 08.06.2009, 23:04:51 »
'Meine Füße schmerzen.
Ein weiteres Loch bildet sich seid 2 Tagen an der rechten Verse meines Stiefels.
Hätte Sie doch mal lieber flicken sollen...'


Schweren Schrittes lies der groß gewachsene Mensch mit den langen braun-schwarzen Haaren einige tiefe Wagenrillen auf dem alten Pfad hinter sich, der in die Zufahrtsstraße Lautwassers mündete. Wohlwissend, dass diese Stadt kein Ort voller betrunkener Bauern und Tölpel ist, klopft Bochigon sich den Dreck und Staub, welcher ihn in den letzten Tagen stets begleitete, von den Kleidern, während er die letzten Meter zurücklegt. Selbst nach der gestrigen, doch recht ruhigen Nacht, hängen die Augenlieder tief und er hofft auf ein freies Zimmer mit anschließendem Bad in einem der zahlreichen Gasthäuser. Konzentrationslos und an seine Gemahlin denkend erreicht Bochigon die im Trüben liegenden Stadtmauern. Die riesige Wolkendecke am sonst klaren Morgenhimmel scheint seine Stimmung wiederzuspiegeln. Als Reaktion auf die fehlenden Sonnenstrahlen zieht er seinen Umhang enger und verbrigt seine Hände darunter, um die kalten Glieder zu wärmen. Der dicke Lederriemen, welchen er schräg über den Brustkorb und die rechte Schulter geschnallt hat, gräbt sich tief unter dem Gewicht der mächtigen Armbrust in seine Kleidung. Ein kurzer Seitenblick dient als karge, aber verständliche Begrüßungsgeste, als der chondathanische Mann seine Geschwindigkeit senkt, um nicht hastend zu wirken und da er glaubt, man würde ihn in jedem Fall vor dem Betreten der Stadt einer in seinen Augen gänzlich sinnlosen Befragung unterziehen...

'DIe Stimmung hier ist nicht wie erwartet...also ist an den Gerüchten der Händler doch etwas dran.
Wie ein normales Gewitter sieht das jedenfalls nicht aus...'
denkt Bochigon bei sich als er die Aufmerksamkeit der Wachen erhält...
« Letzte Änderung: 08.06.2009, 23:19:55 von Bochigon »

Zook

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Siechtum
« Antwort #3 am: 09.06.2009, 12:15:25 »
Zook musste einen kurzen Moment überlegen. Er suchte sich dafür einen kleinen am Wegesrand liegenden Findling, auf dem er bequem Platz finden konnte und von dem aus er einen guten Blick über den Fluss haben würde. Dort setzte er seine Umhängetasche neben sich ab, kramte daraus noch die Tabaksdose, seine langstielige Pfeife und eines seiner Feuerhölzchen hervor und begann, sich einen Pfeife zu stopfen. Städte waren eigentlich nicht wirklich sein Fall, aber er würde es nicht vermeiden können, auf seiner Suche die eine oder andere zu besuchen. Nur diese Wolkendecke über der Stadt, bei einem ansonsten blauen und wolkenlosen Himmel, die sah irgendwie schon unheimlich aus. Zook nahm einen langen Zug aus seiner Pfeife und blies anschließend ein paar Ringe aus weißem Tabaksrauch in die windstille Luft.

Nun, wenn es dort in Lautwasser vielleicht ein Abenteuer zu finden gab, dann sollte er sich die Stadt tatsächlich einmal näher ansehen. Und so schwang der kleine Gnom sich seine Umhängetasche wieder auf den Rücken und machte sich daran, nach einer Möglichkeit zu suchen, den Fluss zu überqueren.

„Wieso nennen die Leute diesen Ort eigentlich Lautwasser?“, fragte der junge Gnom sich, während er an den trägen Fluten des Flusses entlang wanderte. „Ich glaube nicht, dass ich jemals einen trägeren, langsameren und leiseren Fluss gesehen habe.“

Leed

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Siechtum
« Antwort #4 am: 09.06.2009, 19:26:56 »
Bochigon näherte sich gemäßigten Schrittes dem großen östlichen Stadttor. Zu diesen frühen Morgenstunden war es noch nicht geöffnet. Zwei gewaltige Flügel aus massivem, vollkommen schwarzem Holz versperrten Bochigon den Weg. Sie waren mit feinen Ornamenten verziert. Die graue Stadtmauer dagegen mutete fast schon trostlos an. Über den Torflügeln, versteckt hinter den Zinnen der Stadtmauer, konnte Bochigon die zwei Soldaten ausmachen, die er schon von etwas weiter entfernt gesehen hatte. Ihr Blick hatte etwas Schwermütiges an sich, ja beinahes zutiefst Trauriges. Als sie seiner gewahr wurden, rief der Linke der Beiden ihm zu: "Einen Moment, die Tore werden gleich geöffnet." Seine Stimme war anteilnahmslos, er wollte nicht einmal wissen, warum es Bochigon hierher verschlug, was er in der Stadt wollte, er war nicht einmal bereit dazu, ihm einen Gruß zu entsenden. Der Andere drehte sich mühselig um und schien etwas nach unten auf der anderen Seite der Mauer zu rufen. Es dauerte, scheinbar mehrere Minuten, bis die Flügel des Tores sich endlich in Bewegung setzten und der Weg nicht länger versperrt war. Zwei träge wirkende Wachen kamen hervor und stellten sich zu beiden Seiten der Flügel auf, ohne Bochigon aber wirklich wahrzunehmen. Es war, als sähen sie einfach an ihm vorbei und wenn Bochigon es richtig einschätzte, starrten sie in den östlichen, blauen Morgenhimmel, der wohl ihr einziger Trost war. Hinter den Torflügeln zeigte sich Bochigon nun eine gepflasterte Straße, die direkt auf den Marktplatz führte. Aber zu diesen Morgenstunden waren erst wenige Händler auszumachen.

Zook hatte den Flusslauf hinauf und hinunter geblickt, aber es gab hier keine Brücke und das hatte auch einen guten Grund. Der etwa fünfzig bis sechzig Fuß breite Fluss Delimbiyr war nicht nur ein Transportweg für Flussschiffer, sondern auch eine Einnahmequelle für einen fleißigen Fährmann aus Lautwasser. Zook sah hinüber zu dem Hafen der Stadt. Ein schmaler Kahn war dort an einem Steg angebunden und stand förmlich im Wasser, das sich bis auf eine mäßige Strömung nicht bewegte. Der Fährmann hing in dem Kahn und blickte stumpfsinnig ins Wasser. Wenn Zook es richtig sah, war es weniger Stumpfsinn oder Langeweile, sondern viel mehr Betrübnis, die den Fährmann beschäftigte und ihn einige Male tief durchatmen ließ. Immer wieder hoben sich dabei seine Schulter schwerfällig und fielen ruckartig wieder zurück, als wüsste er nicht, was er nun tun sollte. Zwei Wachen standen ebenso, scheinbar lustlos, herum und sahen in den Norden, wo die Bäume des Hochwaldes von der Sonne beschienen wurden. Der Fährmann war Zooks einzige Chance über den Fluss zu kommen, wenn er nicht noch einige Meilen weiter flussauf- oder abwärts laufen wollte, um eine Brücke zu finden. Aber weder die Wachen noch der Fährmann schenkten dem kleinen Gnom ihre Aufmerksamkeit. Sie waren wie erstarrt und nahmen nichts um sich herum wahr. Wenn er also etwas von ihnen wollte, musste sich Zook wohl bemerkbar machen. Oder er musste schwimmen oder einen längeren Weg bis zur nächsten Überbrückung auf sich nehmen.
Wenn du in die Zeit eingreifst, wird die Butterfliege dich bestrafen.

Zook

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Siechtum
« Antwort #5 am: 09.06.2009, 19:52:51 »
PLATSCH
Ein Stein fiel in der Mitte des Flusses ins Wasser. PLATSCH. Noch ein zweiter Stein, allerdings flog dieser nicht ganz so weit.
Verdammt, wo schaut denn der Fährmann hin, so sieht der einen ja nie.
Die Steine nützen jedenfalls nichts, die bemerkte der trübbsinnige Fischer nichtmal in tausend Jahren.
"FÄHRMANN, HOL ÜBER!", rief der Gnom. Wenn das auch nicht helfen sollte, würde er eine Fackel entzünden und damit winken. Wenn das dann nicht half... ja dann würde er wohl schwimmen müssen. Oder seine aus der Natur ihm innewohnenden Kräfte bemühen.
« Letzte Änderung: 09.06.2009, 19:53:25 von Zook »

Bochigon

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Siechtum
« Antwort #6 am: 09.06.2009, 20:15:23 »
Bochigon starrte die beiden Wachen mit leeren Augen an. Mit einem kurzen Blick über die linke Schulter ließ er die niedergeschlagenen, verträumten Männer hinter sich und schlurfte den gepflasterten Weg entlang zum Marktplatz. Sein Blick schweifte von den recht schönen kleinen Häusern über die fahrenden Händler bis hin zu den Marktständen, welche sich langsam mit Waren füllten. Er lockerte kurz seine geschulterte Armbrust und deren Lederriemen, um seiner Kleidung das Atmen zu ermöglichen. Die Schwielen an seinen Händen machten sich wieder einmal bemerkbar, und so wurde der Wunsch nach einem ruhigen Plätzchen immer größer...
Falls Bochigon kein Schild eines Gasthofes, oder etwas ähnliches in der Art, auf dem Weg zum Marktplatz vorfinden würde, müsste er sich wohl oder übel bei einem der wenigen Händler durchfragen.

Eigentlich ein schöner Ort um sich niederzulassen, wenn nicht dieses seltsame Wetter wäre...was hat das nur zu bedeuten?
sein Kopf hebt sich kurz zum tiefgrauen Himmel.

Leed

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Siechtum
« Antwort #7 am: 09.06.2009, 22:53:54 »
Als Bochigon durch das Tor schritt, sahen die Wachen flüchtig zu ihm, sagten aber nichts und nickten nicht einmal. Kurz nach dem Tor kam Bochigon an einem großen Gebäude vorüber, eindeutig ein Stall. Davor waren zwei Wachen positioniert, obwohl es dafür keinen wirklichen Grund zu geben schien. Einige Häuser, die anscheinend den besser begüterten Einwohnern Lautwassers gehörten, säumten die breite, gepflasterte Straße, die ihn direkt zum Marktplatz führte. Dort konnte er zwar kein Schild zu einem Gasthof finden, aber er sah das Schaufenster eines eigenartigen Geschäftes. Darin waren allerlei Kuriositäten ausgestellt. Er sah geschrumpfte Köpfe, aber auch Pfeifen in verschiedensten Formen, Kräuter standen, verpackt in kleine Gläser, im Fenster und gleich daneben ein Arsenal an Würfeln, Würfelbechern und Spielkarten in allerlei eigenartiger Gestaltung. Auf dem Markt waren vier Händler damit beschäftigt, ihre Geschäfte aufzubauen. Einer der Händler, der nur wenige Meter von dem seltsamen Geschäft entfernt stand, zeigte ein Lächeln, als er Bochigon sah. Anscheinend hatte er nicht mit so frühem Besuch gerechnet. "Werter Herr, Ihr folgt wohl dem Spruche, der frühe Troll fängt den Bullywug oder wie es in dieser Gegend heißen mag." Der Mann zeigte ein ansprechendes Äußeres, an seiner Stimme war zu hören, dass er nicht aus dieser Gegend stammte, sondern weiter aus dem Osten. "Kann ich Euch vielleicht behilflich sein? Ihr seht etwas ratlos aus." Während er sprach, legte er einige seiner Waren auf den vorbereiteten Tisch, der ihm als Verkaufstresen diente. Es waren Ringe in unterschiedlicher Größe und mit den seltsamsten Farben.

Die Wachen bemerkten den kleinen Gnom als erstes. Sie sahen, wie er die zwei Steine in den Fluss warf, vermochten aber nicht einzuschätzen, was der kleine Mann wollte. Zum ersten Mal aber zeigte sich ein schmales Lächeln auf ihren Lippen. Als der Gnom schließlich den Fährmann anrief, der jedoch nicht reagierte, rief eine der Wachen dem alten Mann zu: "Hey, Korfrin, da will jemand unseren schönen Fluss überqueren." Der alte Mann sah auf. Sein Kopf bewegte sich dabei so langsam, dass Zook durchaus in eine Art Trance hätte fallen können, wenn er dem Mann noch länger zugesehen hätte. Zuerst sah der Alte zu den Wachen, auf deren Gesichtern sich nun doch endlich ein ehrliches Lächeln zeigte. Für sie kam diese Ablenkung gerade recht und der kleine Kerl amüsierte sie seltsamerweise. Was aber Zook auffiel, war, dass die Steine, die er in den Fluss warf, zwar ein Geräusch machten, aber dieses wurde gedämpft, als ob selbst die Steine nicht zu laut sein wollten. Und auch die Worte der Wachen waren nur schwer hörbar, obwohl sie laut sprachen und er nun wirklich nicht so weit von ihnen entfernt war. Als Zook aufsah, spürte er endlich den Blick des Fährmanns auf sich. Dieser ließ sich Zeit und beäugte den Gnom aufmerksam, bevor er zu ihm rief: "Ihr wollt hier rüber?" Er schüttelte langsam, auf seine hypnotische Art, den Kopf und meinte: "Seid Ihr sicher?" Er verstand scheinbar nicht, wieso Zook übersetzen wollte, in diese so trostlose Stadt. "Komm schon, Korfrin, vielleicht weiß uns ja solch kleiner, lustiger Geselle ein wenig Freude zurück zu bringen." Diese Worte kamen bei Zook fast nicht mehr an. Aber er hatte erreicht, was er wollte, der Fährmann erhob sich und rief: "Ein Kupferstück für das Übersetzen." Schließlich holte er eine Stake aus dem Kahn und kam gemächlich zu Zook hinüber.
Wenn du in die Zeit eingreifst, wird die Butterfliege dich bestrafen.

Bochigon

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Siechtum
« Antwort #8 am: 10.06.2009, 09:28:13 »
Gemächlich wendete sich Bochigon dem gut geleideten Mann zu.
Mit fester, ernster Miene erwiderte er den Blick des Händlers und trat einige Schritte näher.

Wenn dieser windige Händler mal kein Geschäft wittert...

Er brachte die geschulterte Armbrust wieder in die richtige Position.
Nun, ihr könntet mir einen Gefallen tun und mir sagen, wo ich das nächste Gasthaus finden kann?!
Stoisch und völlig unbeeindruckt von der Auslage, die sich schnell durch die flinken Hände des Händlers füllte, versuchte er ihm nicht einen einzigen Grund zu geben von seiner Frage abzuweichen.

Zook

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Siechtum
« Antwort #9 am: 10.06.2009, 10:57:32 »
Mit einem beherzten Sprung landet Zook in dem Boot des Fährmanns, und zaubert aus den Tiefen seiner Taschen ein Kupferstück hervor.
„Ja, ich will hier rüber. Das ist doch die Stadt Lautwasser, oder? Hübsches Städtchen, mit eigener Wasserversorgung damit die Geranien in den Blumenkästen nicht eingehen was?“
Dabei deutet er auf die Wolke, die über der Stadt liegt.
„Ist jemand gestorben, oder was soll der ganze Trübsal?“, fragt der kleine Gnom den Fährmann.

Karl

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Siechtum
« Antwort #10 am: 10.06.2009, 15:42:31 »
Das ist doch nicht normal..., dachte Karl als er der Stadt näher kam. Was hatten diese Wolken zu bedeuten? Und warum hörte der Fluss zu plätschern auf, grade im Stadtgebiet? Die Stadt hatte doch offensichtlich ihren Namen von diesem lebhaften Fluss.
Etwas langsamer ging er weiter und überlegte.
Das Klima hat sich wohl geändert, seit die Stadt gegründet wurde. Man sollte sich gedanken machen, ob man sie vielleicht umbenennt um Besucher nicht zu irritieren.
Karl hatte einen weiten Weg zurück gelegt und keine noch so dunkle Wolke würde ihn davon abhalten die Stadt zu besichtigen. Wenigstens wird er wohl einen Platz in einer Herberge finden, viele Besucher scheint die düstere Stadt ja nicht anzuziehen.

Leed

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Siechtum
« Antwort #11 am: 10.06.2009, 22:26:55 »
Der Händler sah Bochigon lächelnd an und meinte: "Also, der grüne Krug ist ein nettes kleines Gasthaus, in dem Ihr gutes Essen finden werdet, ganz abgesehen von einem ordentlichen Bett und sangesfreudigen Barden. Wobei...letztere wohl seltener geworden sind in diesen Tagen." Zuletzt wurde seine Stimme immer leiser und er sah betrübt auf seine ausgelegten Waren. "Aber mein Herr, habt Ihr nicht Interesse an einem Schmuckstück für Eure Liebste oder vielleicht für Euch selbst? Ich habe hier ein paar seltene Stücke zu guten Preisen. Wenn Ihr wollt, schaut Euch doch einmal mein Sortiment an." Er hielt dem jungen Mann zwei Ringe, die einander ähnlich sahen, direkt vor die Augen und schien ganz in seinem Element zu sein.

Der Fährmann reagierte kaum auf Zook, sondern ließ die Stake immer wieder in das Wasser eintauchen, um sich abzusetzen und den Hafen wieder zu erreichen. Nur mühselig hob er den Kopf, vergass darüber zu staken und sah den Gnom an. "Wie meinen? Geranien? Nein, nicht mehr. Die Sonne scheint nicht mehr und ohne Sonne keine Blumen." Er verweilte und sein Blick richtete sich unangenehm auf den Gnom. "Was wollt Ihr in dieser Stadt? Es gibt hier nichts, was begehrenswert wäre...außer vielleicht...Schatten." Er sah in den Himmel und Angst und Wut mischten sich in den Ausdruck seiner Augen, als er die Wolken über sich wahrnahm. Schließlich setzte er seine Arbeit fort und murmelte: "Der Tod...so könnte man es wohl sagen..." Schließlich legte der kleine Kahn wieder an und der Fährmann streckte die Hand aus, um seine Bezahlung zu empfangen. In dieser Hinsicht war er wohl nicht so schwerfällig wie sonst. Die Wachen hatten die Szene aufmerksam beobachtet und zumindest bei einem von ihnen zeigte sich noch ein zaghaftes Lächeln.

Kurz bevor Karl die Stadtmauer erreichte, wurden die großen Torflügel, ganz in schwarz, geöffnet. Zwei Wachen standen auf dem Torweg darüber und starrten in den Himmel, der im Westen langsam heller wurde. Zwei weitere Wachen positionierten sich neben dem Tor. Nur einer der Männer nickte Karl zu, wobei selbst dies ihm schwer zu fallen schien und wirkte dann sogleich wieder abwesend, ganz so als wäre er betäubt. Die gepflasterte Straße führte direkt zum Marktplatz, wo sich erst wenige Händler versammelt hatten. Nur ein Besucher war auf den ersten Blick zu erkennen. Er unterhielt sich mit einem Händler, der ihm zwei Ringe vor die Augen hielt. Ansonsten war an diesem Morgen alles auffallend still. Außer am Stadttor waren noch nicht einmal Wachen zu sehen, die sonst durch die Straßen patroullierten.
Wenn du in die Zeit eingreifst, wird die Butterfliege dich bestrafen.

Bochigon

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Siechtum
« Antwort #12 am: 10.06.2009, 23:09:18 »
Ohne groß darauf zu reagieren, versuchte der Waldläufer die Reaktion seines Gegenüber genauer zu deuten, als er den Abschnitt der letzten Tage erwähnte. Aber mein Herr...natürlich, verständlich dass der Händler auf seine Ware zu sprechen kommt dachte Bochigon leicht genervt, versuchte aber sich nichts anmerken zu lassen.
Als der Händler jedoch die Geliebte als Kaufargument heranzog, wurde der Blick des Mannes schlagartig düsterer. Mit ruhiger, aber ernster Stimme unterbrach er ihn, bevor er auf einige seiner Artikel genauer eingehen konnte.
Nein danke, ich bin nicht interessiert!

Die stierenden Augen und der kurze Moment, indem Bochigons Blick auf denen des Händlers verweilten, mussten ihm unmissverständlich klar machen, dass er nun besser nichts mehr sagte, um den potenziellen Kunden aufzuhalten. Mit einer schnellen Bewegung entfernte sich der Waldläufer vom Stand. Nur im Vorbeigehen konnte der Mann hinter seinem Stand noch ein "Aber trotzdem danke für die Auskunft" vernehmen.

Am Leibe zitternd atmete Bochigon auf, als er den Stand hinter sich ließ. Es war schwer für ihn die Erinnerungen an seine Frau immer und immer wieder ertragen zu müssen, wo er doch nicht wusste, was mit ihr geschah. Er folgte langsamen Schrittes der Beschreibung des Händlers 'Zum grünen Krug'...

Zook

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Siechtum
« Antwort #13 am: 11.06.2009, 11:06:23 »
Zooks anfänglich gute Laune beginnt sich zu trüben.
Was ist hier nur los?, fragte sich der Gnom. Die sehen alle aus, als hätte ihnen irgendwas gründlich die Stimmung verhagelt, aber allen gleichzeitig?
Nun, beginnt er mit einem vielleicht etwas gezwungen aussehenden Lächeln auf den Lippen zu sprechen.
„Nun, was ich hier will? Ich möchte mir ein Bild von dem Trübsal machen, der euch scheinbar fest im Griff hat.“
Dabei lässt der Gnom es dann auch bewenden, sspringt behände vom Boot, noch bevor der Fährmann es richtig fest gemacht hat, drückt ihm dabei das Kupferstück in die Hand und macht sich auf in die Stadt.

Leed

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Siechtum
« Antwort #14 am: 11.06.2009, 15:50:45 »
Der Händler war kurz verwirrt über die Absage, die er erteilt bekam. Er war es nicht gewöhnt, in einer Stadt wie Lautwasser seine Ware nicht los zu werden und es war nicht nur Bochigons Blick, der düster wurde. Der Händler nickte nur und meinte: "Kein Problem. Oh, der grüne Krug ist im Übrigen nicht zu verfehlen. Gleich hinter der Kaserne..." Schweren Herzens und tief durchatmend legte der Händler die Ringe wieder hin und ging seiner Arbeit nach, wobei er nun deutlich schwerfälliger wirkte und keine rechte Lust mehr zu empfinden schien. Eigentlich hatte er gehofft, schnellstmöglich von hier fort zu kommen. Sein erster Kunde war nun schon gegangen und auf dem Weg zum grünen Krug, der nicht zu verfehlen war. Bochigon wollte gerade in die Nebenstraße einbiegen, als er einen jungen Mann sah, der das westliche Stadttor passiert hatte. Anscheinend war er nicht der einzige frühe Besucher.

Die Wachen sahen den kleinen Gnom an. Einer von ihnen, der anscheinend nicht gänzlich von Trübsal zerfressen war, antwortete auf Zooks Worte: "Es wäre schön, wenn Ihr dazu in der Lage wäret, kleiner Herr, aber ich fürchte, uns kann niemand mehr helfen." Plötzlich stieß ihn sein Nebenmann an und flüsterte ein paar Worte, die Zook jedoch nicht verstehen könnte. Die Wache, die ihn angesprochen hatte, winkte jedoch ab und sagte: "Ach was...jeder merkt das doch, wenn er hierher kommt..." Schließlich wandte er sich wieder Zook zu: "Unsere Stadt ist wirklich sehr schön. Nicht vergleichbar mit Tiefwasser oder Baldurs Tor oder den prächtigen Städten der südlichen Länder, aber ein netter kleiner Fleck. Allerdings sieht es seit einigen Wochen nicht so gut aus. Das habt Ihr ja sicher schon bemerkt. Falls Ihr tatsächlich Interesse habt, Euch ein Bild über das zu machen, was uns plagt, so wendet Euch doch an den Hauptmann." Sein Freund war von den Worten nicht begeistert, andererseits brachte er auch keinen Einwand hervor, schien sogar nachzudenken, ob es nicht doch richtig war, den kleinen Herrn, der anscheinend sehr viel Elan besaß, um Hilfe zu bitten.
Wenn du in die Zeit eingreifst, wird die Butterfliege dich bestrafen.

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