Autor Thema: Ic - Worte sind Schall und Rauch  (Gelesen 5333 mal)

Beschreibung: Massouds einsamer Weg

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Ansuz

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« am: 29.06.2010, 00:01:11 »
Wie lang er nun schon ohne Ziel, aber mit einer festen Bestimmung im Herzen durch die Einöde des Graslands reitet, weiß Massoud nicht mehr.
Seine Vergangenheit ist ein tragisches Schauspiel, wie es nur das Schicksal oder die Götter inszenieren können. Keinem von beidem ist er persönlich begegnet. Weder erschien ihm Wnumbásra noch kreiste ein Lammasu über ihm.
Für all das Leid, das er Zeit seines Lebens anzog wie ein Kadaver die Fliegen, wurde ihm keine Erklärung geboten. Die Welt ist eben grausam, ungerecht; so schien es zumindest. Sein letzter Blutakt lastet bis in diese Tage auf ihm, wie gerechtfertigt er auch sein mochte. Niemand von rechtschaffenem Gemüt könnte so etwas vergessen.
Erst in der Stunde, in dem er sich seinem Schicksal ergab, erglomm ein Funken Hoffnung gleich der Sonne selbst am Horizont. Dass er ausgerechnet von dem kleinen, katzengleichen Wesen stammen sollte, dass er am Ort des Gemetzels aufgelesen hat und ursprünglich für geistlos hielt, scheint umso bizarrer.
Endlich ergab sein bisheriger Weg Sinn, zumal ihm bereits oft Großes, wenn auch Schreckliches prophezeit wurde. Irgendetwas gilt es zu tun, vielleicht auch jemanden zu treffen. Sicher scheint nur, dass auch seine weiteren Schritte über Leichen hinwegführen werden. Es war niemals anders.
Wo er sich zur Zeit befindet oder wo sein Ziel liegt, weiß er nicht. Gardekat schläft halb um seinen Nacken gerollt, als wäre er tatsächlich ein fügsames Schoßtierchen und kein Verwandter der Drachen selbst. Von ihm hat er bisher nichts Brauchbares erfahren können.
Sicher ist, dass es ihn an die Küste zieht. Nie zuvor sah er das Meer, roch seine angeblich so anheimelnde Brise oder lauschte dem Gesang der weißen Vögel, die angeblich über jedem menschlichen Hafen ihre Bahnen ziehen. Trotzdem drängt es ihn in diese Richtung, fort vom Reich seines Volks und tiefer in die Fremde hinein.
Yal trägt ihn unermüdlich, seit vielen Wochen schon. Es ist ein treues Tier, das erst mit dem Einbruch der Dunkelheit träge wird. Leider benötigt es des Morgens mehr Zeit als etwa ein Krenshar, zeigt aber viele bessere Sprintfähigkeit. Bisher ist ihm kein flüchtender Gegner entkommen, mochte er auch noch so flink sein.
Er spürt bereits, wie es unter ihm langsamer wird, ein deutlicheres Zeichen als selbst der rote Streifen, der von dem glosenden Himmelsauge geblieben ist. Die Nacht bricht ein; bald werden sich  die zwei Monde im Sternengewand zeigen. Bis dahin gilt es, einen geeigneten Unterschlupf zu finden, will er sich nicht offen jedem Jäger präsentieren.
Zwar erscheint die umliegende Steppe friedlich, aber von anderen Wór weiß er, dass sich unter der Erde gepanzerte Bestien bewegen, die nur auf unvorsichtige Beute warten. Außerdem soll es riesige Vögel geben, die zwar nicht fliegen, aber dafür umso schneller laufen können.
Ob er den Stämmen der Orks und Menschen trauen kann scheint fraglich, war doch nicht einmal sein eigenes Rudel seines Vertrauens würdig. Bisher traf er sie ausschließlich zum Handel. Die kurzen Eindrücke, die er sammeln konnte, reichen für kein Gesamtbild aus.
Ein kühler Wind zieht über die Ebene und lindert die Hitze, die sich über den Tag in seinem Leib angesammelt hat. Ringsum zirpen die Grillen ihr Abendgebet, während im Gras vor ihm erschrocken eine Viper vor seinem hungrigen Reittier flieht.
Im Gegensatz zu den Vernunftbegabten, zum Beispiel seinem Volk, haben ihn die Tiere nie im Stich gelassen. Yal käme nie auf die Idee, ihn zu verraten oder zu hetzen. Täte er es doch, dann nur getrieben von seinen elementarsten Bedürfnissen und nicht obskuren Träumen, die sich blutig rot bewahrheiten sollten.
Als er sich so gedankenverloren umsieht, bemerkt Massoud erst spät die fernen Silhouetten einiger Wagen, die offenbar mitten im Nirgendwo stehengeblieben sind. Womöglich eine Karawane, vielleicht auch Nomaden, die ihr Hab und Gut lieber ziehen lassen als es selbst tragen zu müssen. Zwischen ihnen regt sich nichts.
« Letzte Änderung: 30.06.2010, 09:55:05 von Ansuz »

Massoud

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« Antwort #1 am: 29.06.2010, 14:33:52 »
"Wie das Meer wohl aussieht? Wie es sich anfühlt? Ich vermag es nicht, es mir so wirklich vorzustellen, mein Freund." Die Bemerkung des Wór drückt nicht wirklich eine Sehnsucht aus, gleichwohl eine gewisse Neugier und auch die eigene Verwunderung, wie schlecht die eigene Vorstellung ist. Es einer der wenigen Sätze, welche Massoud Shabani während der ganzen Reise gesprochen hat. Gardekat und er brauchen normalerweise keine Worte, um einander zu verstehen. Sie benötigen Blicke, freundschaftliche Nähe, die Suche nach dem Neuen und hin und wieder das prickelnde Gefühl der Gefahr, dann gibt es auch keinerlei Gründe anzuecken. Gardekat ist ein leidenschaftlicher Entdecker, Massoud manchmal ein zu großer Anlaufpunkt für Gefahren, die er nur schwer beherrschen kann. Wenn beide ihre Eigenarten zu sehr leben, gibt es auch mal Zank und Terz, was außerordentlich selten ist. Aber alleine, dass Massoud diese scheinbar trivialen Worte ausspricht, deutet auf die Bedeutung, die sie tragen, hin. Diese Mischung aus Schwermut und Verwunderung darüber, dass er trotz einiger Geschichten kein Bild des rauschenden Meeres heraufbeschwören kann, trübt seine Laune ein wenig, obwohl er die Freiheit des Moments genießt. Seine Unfähigkeit in der Imagination zeigt Massoud mal wieder, dass sein Horizont, trotz der großen Ebene und der Berge, welche er für seine Heimat hält, nicht mehr als ein unbedeutender Punkt ist, dessen Breite im Angesicht der Größe der Welt, wenn man den Geschichten der Händler glauben schenkt, von solch erbärmlicher Winzigkeit ist, dass sein eigenes Leben nicht mehr zu sein scheint als ein einzelner sprühender Funken eines einfachen Lagerfeuers. Größe überwältigt den Leoniden bis zum heutigen Tag und er erstarrt mal wieder in Ehrfurcht vor der Größe der Welt und ihrer erschlagenen Allmacht, beinahe Zeit und Raum um sich vergessend. Aber diese Worte sind auch Ausdruck der Dankbarkeit. Eine Dankbarkeit, welche er seinem Pseudodrachen und Freund Gardekat entgegenbringt, da dieser Massoud dazu bewogen hat, das Leben in der Einöde aufzugeben und diesen winzigen Horizont, welcher von der Größe der Welt seit jeher zerdrückt scheint, auszuweiten. Er hilft Massoud nach Jahren der Ruhe und der stillen und wortlosen Aufgabe seinem Schicksal gegenüber, eben dieses wieder in die eigene Hand zu nehmen, mehr zu sein als ein leicht vergehender Funke in dieser großen Welt. Und Gardekat hat Massoud Shabani ein großes Geschenk gemacht, denn der Pseudodrache hat dem Wór gezeigt, dass das wachsende Alter keine Hürde, keine Strafe, sondern ein sanftmütiges Geschenk ist. Aus diesen Gründen hat Massoud nach Tagen der fruchtbaren Ruhe wieder ein paar Worte verloren. Worte, deren Bedeutung der Leonid kennt, Worte, die er sich seit Stunden zurechtgelegt hat, Worte, welche aus tiefsten Herzen kommen. Während der Wór seinen eigenen Worten noch nachhängt, wird Gardekat seinem Namen gerecht und stubst den großen Löwenmenschen mit der ungewöhnlich gestalteten Mähne am Hals an, um sich dann wieder in den Zustand kontemplativer, auf Außenstehende beinahe ignorant wirkende, Ruhe zu begeben und die Augen zu schließen.

Der hünenhafte Wór kehrt aus seinen Gedanken zurück und blickt in die Richtung der liegenden Karawane. Aufmunternd streichelt Massoud seiner Reitechse den Hals, die das ganze Gewicht des Leoniden samt seiner Ausrüstung einen weiteren Tag treu durch die Ebene getragen hat. Diese Geste will sagen, dass sie es bald geschafft haben. Die Knie und das Zaumzeug leiten Yal in die Richtung der Karawane. Der Schritt der Echse ist langsam und Massoud Shabani legt sich die letzten Teile seiner Rüstung an. Massoud reist selten in voller Rüstung, denn dies ist sowohl für Yal als auch für ihn anstrengender. Die flache Ebene ermöglicht meist die Vorbereitung auf ein Treffen. Hier scheint das der Fall zu sein. Zuletzt bindet der Wór sich seine Streitflegel auf dem Rücken fest und erscheint jetzt in voller martialischer Montur.
Präsenz ist für die willensstarken Wór von zentraler Bedeutung und ein Mann mit Blut an seinen Händen ist zu einem kriegerischen Auftreten gezwungen. Massoud hat dieses Auftreten trotz seines Alters behalten und sogar noch ein bisschen perfektioniert. Er ist schon lange nicht mehr der junge, aufbrausende Löwe in der Schlacht, der mit furchteinflößendem Gebrüll auf seine Feinde eindringt und versucht ihnen jedweden Knochen aus dem Leib zu reißen und das Gesicht seiner Feinde in Stücke zu reißen. Obgleich dieses junge, draufgängerische und manchmal auch unberechenbare Wesen noch irgendwo in ihm lauert, ist seine Präsenz von stoischer Unverrückbarkeit geprägt, welche häufig auch einschüchternd auf seine Feinde wirkt. Die Berge und die Goliath haben ihm das gelehrt und er hat diese sinnvolle Lektion bis heute nicht vergessen. Massoud ist ein eher ausgeglichener Wór, nicht so streitlustig in Konflikten wie die meisten seiner Volksbrüder. Und trotzdem verfolgt ihn die Gewalt und das Blut. Für den inzwischen alten Wór nur ein weiterer Grund noch stoischer zu werden.

Langsam reitet Yal auf die Karawane zu, er hat sich auch die Schleuder bereit gelegt und fünf Steine aus seinem Munitionsvorrat an seiner Seite. Der Tod kann überall lauern, ein Leben in der Wildnis hat ihm das gelehrt. Viele Lektionen, die er gerne weitergibt. Doch heute muss er sie wieder selbst anwenden. Mit sorgfältigem Blick schaut er sich um.[1] Aber er weiß auch, dass seine Augen den Schlichen des Alters hilflos ausgeliefert sind und das ein ganzer Tag unveränderter Landschaft den Augen oftmals einen Streich spielen kann, weshalb sich der Wór vor allem auf sein Gehör verlässt.[2]
Auf besondere Umsicht und Vorsicht verlässt sich der Wór nicht alleine, weshalb, sollte ihn jemand beobachten, seine Präsenz von Bedeutung ist, weshalb er auch von einem leisen Vorrücken absieht.
Während Yal sich Stück für Stück nähert, zieht sich Massouds Magen zusammen, als würde ihn jemand mit einem Band zusammenschnüren. Die Anspannung wächst, ist Massouds Miene aber nicht abzulesen. Die zu einem Zopf gebundene Mähne fliegt leicht im Wind, als der Leonid die letzten Schritte auf die Karawane zu macht und dann auch von Yal absteigt und den staubigen Boden unter seinen Füßen spürt. Ein Wort verliert der Wór dabei jedoch nicht.
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Ansuz

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« Antwort #2 am: 01.07.2010, 22:01:55 »
Yal beschleunigt ein wenig, als sie die Hand an ihrem Hals fühlt. Sie schlängelt sich regelrecht durch das Gras, das wie ein zarter, endloser Vorhang an Massouds Hüften entlangstreicht. Junge Wór brauchen zumeist eine Weile, um sich an den unablässig wiegenden Sättel zu gewöhnen. Manchen gelingt es nie, weshalb sie lieber auf Krenshar reiten.
Im Gegensatz zu ihrem Herrn kann Yal nicht sehen, wie aus den Schemen am Horizont, hingeworfen gleich Klötzen eines zornigen Titanenspross`, mehr und mehr die Umrisse einer ganzen Kolonne von Wagen werden. Dafür zischt sie nach einigen Schritten umso lauter. Massoud riecht es auch; der Wind trägt den Geruch von verbranntem Holz heran.
Gardekat öffnet die Augen zu gelben Schlitzen, bläht die Nüstern und niest lautstark. Leise grummelnd verlässt er seine gemütliche Pose und reckt sich erst einmal, bevor er sich würdevoll auf der Schulter des ungleich größerem Wór niederlässt. Er strahlt eine gelassene Wachsamkeit aus, vielleicht gespielt, vielleicht auch nicht.
Die Wagen scheinen noch immer in einer angedeuteten Linie zu stehen. Einige wirken, als wollten ihre Kutscher ausbrechen, als das Verderben über sie kam. Manche stehen schief, wahrscheinlich aufgrund fehlender Räder. Eine kräftige Bö wirbelt Aschewolken auf, die sich erst melodramatisch aufplustern und dann lautlos zu Boden rieseln. Es kreisen nicht einmal Geier über dem verkohlten Stilleben.
Die letzten Schritt legt die Echse wesentlich langsamer zurück. Jede ihrer Bewegungen ist zögerlich, als umschlängen Gewichte ihre Fesseln. Ihr Schädel pendelt auf und ab, als erläge sie einer geistigen Verwirrung, wie sie manchmal Tiere in Gefangenschaft überkommt. In Wirklichkeit nimmt er Witterung auf.
Massoud hat genug Gelegenheit, sich umzusehen. Sein Blick schweift über an den Seiten offene, kutschengleiche Wagen, wie sie die meisten Stämme der Steppe ihr Eigen nennen. Letztes Zeugnis von Planen sind schwarze Stoffwimpel, die im Steppenwind flattern. Von etwaiger Ladung ist nichts zu sehen. Der Grund um sie herum ist vollkommen abgebrannt, als habe ein Buschfeuer gewütet. Komischerweise scheint es sich nicht ausgebreitet zu haben.
Das Holz ist verkohlt und gesplittert. Teilweise hat es sich bereits weiß verfärbt. Obwohl sie schon länger so herumstehen dürften, geht immer noch trockene Hitze von den Wagen aus. Bei jedem Schritt, den Yal zwischen ihnen tut, werden kleine Aschewölkchen aufgewirbelt. Der Brandgeruch ist so durchdringend, dass der alte Wór innerhalb kürzester Zeit nichts anderes mehr riecht.
Gardekat gibt ein leises Schnarren von sich und reckt den Hals andeutungsweise in Richtung eines Dachpfeilers. Sobald Massoud etwas genauer hinschaut wird klar, was sein Begleiter meint: das Holz wurde nicht bloß verkohlt, sondern regelrecht abgeschliffen, als ob ein Sandsturm darübergefegt sei. Hunderte winziger Kratzer bilden Zeugnis abertausender Sandkörner, die sich mit Gewalt ihren Weg gebahnt haben..
Hier und dort sind deutlich Kerben erkennbar, die von scharfen Klingen stammen dürften. Manche sind recht breit und flach, wohingegen andere langgezogen und dünn sind. Pfeile wurden anscheinend nicht abgeschossen. Was auch über sie hergefallen ist muss die Menschen überrascht haben.
Nichts Lebendes rührt sich. Auch sein Gehör teilt ihm nichts Verräterisches mit.
Obwohl überall noch die Überreste verbrannten Hab und Guts zu finden sind, fehlt von Besitzern, Handelsgütern und Wertgegenstände jede Spur. Über der Szenerie hängt eine unheilverkündende Aura wie das Vorzeichen einer bevorstehenden Katastrophe.

Massoud

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« Antwort #3 am: 08.07.2010, 21:32:43 »
Massoud genießt das Gras, welches sich an seine Beine schmiegt und blickt dabei in den Himmel, nachdem er sich den verkohlten Tross grob angeschaut hat. Die Wór kennen viele bedeutungsschwangere Worte für diesen Augenblick, in dem man ein Bild oder ein Arrangement sieht oder gar eine Situation erlebt, welche stellvertretend für das eigene Leben ist. Auch der Shabani kennt mindestens zwei Worte dafür, doch genießt er diesen Moment schweigend und in sich zurückgezogen.
Langsam fährt er die Kerben mit seinen Händen nach, welche die Waffen in das Holz geschlagen haben. "Welche Waffen sie wohl geschlagen haben? Ob sie mit Hass, aus Wut oder aus Verzweiflung geschlagen wurden? Waren jene, welche diesem Angriff zu widerstehen suchten, verängstigt oder haben manche von ihnen dem Tod stolz in die Augen geblickt?", diese Gedanken schleichen sich in den Kopf des Wór, welcher sich von diesem Moment so merkwürdig angezogen fühlt. Die Schwermut des Augenblicks erfüllt Massoud mit einer inneren Wärme und legt sich gleichzeitig wie kühlendes Wasser über sein Fell, welches ihm im Nackenbereich zu Berge steht.
Er selbst hat sein ganzes Leben davon geträumt, dem Tod eines Tages stolz in die Augen blicken zu können, doch muss er sich bis heute eingestehen, dass er große Angst vor eben jenen Tod und noch mehr vor dem Sterben hat.
Schwermut ist lähmend, so hält auch der Leonid in seiner Bewegung inne und erst das aufgeregte Rascheln des Grases um ihn herum, reißt ihn nach Sekunden des Stillstandes aus dieser Starre. Es ist kein Zustand des Glücks, aber einer des stillen Friedens. Massoud atmet tief durch.

Der hünenhafte Leonid beginnt diesen Platz nach seinem eigenen System zu untersuchen. Zuerst widmet er sich der Umgebung und dann dem Tross selbst, schauend ob er die Spur der Leichen findet. "Ob welche verschleppt wurden?"
Es scheint schon Tage her, so fern und doch ist der Brandgeruch eine lebhafte Erinnerung an das, was geschehen ist. Massouds ferne Gedanken kehren wieder und er überprüft, ob noch ein Teil des Holzes brauchbar ist. "Ob ich eine Erinnerung an dieses Bild schaffe?"
Der Löwenmensch grübelt tief berührt über die Möglichkeit nach, denn diese Szenerie ist eine Erinnerung wert. Sollte er sie in angekohltes Holz bannen, wie man einen schlechten Geist in eine Flasche oder eine verzweifelte Seele an die Erde bindet? Erinnerung an die Geschichten der Goliath flackern in Massouds Gedanken auf. Geschichten von Eintracht und Zwietracht, von Freunde und Ängsten, von den vielen Arten von Geistern, welche diese Gegensätze verkörpern. Wieder atmet Massoud den alten Geruch eines vergangenen Brandes ein und unterdrückt das Husten, welches sich aufdrängt. Massoud verzieht das Gesicht und kniet sich nieder, seine rechte Hand berührt die Asche und zerreibt ein wenig von ihr, sodass sie vom Wind weggetragen wird.

Mit einem Klimpern verschwindet sein restliches Gold im Rucksack, mit sanften und gemessenen Bewegungen leert er seinen Geldbeutel aus, nur einmal greift seine linke Hand dazwischen und zieht eine der güldenen Münzen hervor. Auf ihrem Avers sind zwei ineinander verkeilte Hufeisen, während auf dem Revers eine krude Wolke geprägt war. Kein Meisterwerk der Prägekunst, jedoch eine sehr symbolträchtige Münze. Massoud lässt sie seine Hand entlangwandern und dreht sie mehrmals um, damit er beide Seiten der Münze sehen kann. Wo sie geprägt wurde oder wer sie geprägt hat, weiß Massoud nicht, doch erkennt er die Symbole, denn die verkeilten Hufeisen stehen für den frommen Wunsch, dass die Herde eines Nomaden stets groß und zusammenbleibe und die Regenwolke für den nicht minder frommen Wunsch, dass es ausreichend Regen und damit Nahrung für das Vieh gab. Asche ist stets ein Zeichen für Zerstörung gewesen, gleichwohl ist es vor allem auch den Goliath ein Zeichen für künftiges Wachstum und Fruchtbarkeit gewesen. Seine brennende Liebe hat, nach dem großen Verrat an ihm, auch nur Asche hinterlassen; kann auf ihr noch etwas gedeihen? Einer von vielen frommen Wünschen.
Mit wenigen Handgriffen füllt der Löwenmensch seinen Geldbeutel mit der Asche, welche der Brand überließ, als eine weitere Erinnerung an diesen Ort. An der Stelle, an welcher er die Asche entnommen hat, legt er die Münze mit dem Avers nach oben nieder. "Mögen jene, welche hier ihr Leben verloren und jene, falls sie verschleppt wurden, wieder zusammenfinden.", gedenkt er still der Szenerie.

Massoud verstaut den Beutel mit der Asche in seinem Rucksack, nachdem er ihn sorgfältig verschlossen hat und bindet den Rucksack wieder an seiner Echse fest, welche er daraufhin füttert. Yal ist ein treues Tier, friedfertig und bescheiden, selten störrisch und pflegeleicht. Und sie haben schon Jahre miteinander verbracht, viele Jahre der genüsslichen und entspannten Ruhe. Yal ist früher etwas wilder gewesen, hat sich jedoch eines Tages dem Wesen seines Herren angepasst.
Mit schnellen Handgriffen hat Massoud das Zelt aufgebaut, weniger als einhundert Fuß von der Unglücksstelle entfernt. Massoud lässt Yal, Gardekat und sich die Ruhe und verzichtet noch auf eine spätabendliche Jagd, weshalb es fertige Rationen gibt. Der Leonid gibt Gardekat etwas vom Trockenobst ab, was Gardekat erst mit einem rümpfen der Nase aufnimmt und letztendlich doch vertilgt. So verbringt Massoud den Rest des Abends und genießt in dieser merkwürdigen Szenerie den Sonnenuntergang, ehe er sich zur Ruhe bettet. Der morgige Tag wird wieder ein langer Ritt.

Ansuz

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« Antwort #4 am: 11.07.2010, 13:07:17 »
Yal entspannt sich sichtlich, als Massoud absteigt. Den ganzen Tag schwer beladen durch die heiße Steppe laufen zu müssen ist keine beneidenswerte Aufgabe. Er zieht sich mit erhobener Schnauze von dem Tross zurück, wahrscheinlich um nicht noch mehr Asche einatmen zu müssen.
Gardekat bleibt. Er wirkt ebenso fasziniert wie der Wór, wenn auch etwas distanzierter. Er käme nie auf die Idee, solch eine Szenerie künstlerisch oder rituell zu würden. Stattdessen mustert er alles mit wachen Augen, ohne eine erkennbare Reaktion auf die Verwüstung zu zeigen.
Massoud nimmt sich Zeit, um nichts in unangemessener Eile zu übersehen. Bedauerlicherweise findet sich kein Equipment, das ihm im weiteren Verlauf seiner Reise von Nutzen sein könnte. Dafür hat er genug Brennholz für ein ganzes Ritualfeuer.
In einem Karren findet er einen gräulichen Abdruck an der Rückwand, um den herum ein pechschwarzer Rußrand gezogen wurde. Seiner zusammengekrümmten Form nach zu urteilen handelte es sich um einen kauernden Menschen, von dem nicht einmal ein Aschehäuflein geblieben ist.
Manche Wagen sind unter ihrem eigenen Gewicht zusammengebrochen. Ihre Einzelteile sind vertreut worden, um an das darunter Liegende gelangen zu können. Nichts ist mehr übrig. Offensichtlich fürchtete keiner der Angreifer Entdeckung oder ernsthafte Gegenwehr. Sie hatten keine Eile.
Erst beim Errichten des Zelts findet Massoud etwas, das ein Hinweis sein könnte: nur wenige Schritt von seinem Lagerplatz entfernt schnüffelt Yal am Boden, als verfolge er eine Schlange oder ein Nagetier. Beim Nachsehen entpuppt sich sein Fund nicht als Frischfleisch, sondern schlampig zugedeckte Kuhle im Steppenboden.
Unter ein paar Schichten Dreck liegen die Gebeine von gut einem Dutzend Menschen, allesamt in irgendeiner Art und Weise beschädigt, teilweise geschwärzt. Die Verletzungen deuten auf schmale Klingen hin, die mit großer Wildheit geführt worden. Keiner der Schnitte ist sauber, obwohl die Waffen nicht groß gewesen sein dürften.
Es sind alle Geschlechter und Altersklassen unter den Leichen vertreten. Die Räuber wollten keine Zeugen ihrer Untaten. Dennoch hielten sie es für nötig, sämtliche Schädel komplett zu schwärzen.
Goblins wären wesentlich offener vorgegangen. Sie hätten überall Fetische aufgehängt und den Sieg ihren Göttern geweiht. Hobgoblins aus den Höhlen von Wnumbásras Klauen hätten ein Schlachtfest hinterlassen, reich dekoriert mit aufgespießten Köpfen, angenagelten Leibern und dem einem oder anderen Haufen aus abgetrennten Genitalien. Solch ein koordiniertes Vorgehen kennt er höchstens von Menschen.
Es bloß einige umgeknickte Halme an der Peripherie des verbrannten Bereichs, aber weder Schleif- noch Fußspuren. Es ist, als sei der Tod aus dem Nichts gekommen und habe alles hinweggefegt, was Zeuge seines Kommens gewesen wäre.

Trotz der unheimlichen Aura, die über der Karawane hängt, kann der alte Krieger gut schlafen. Yal ergeht es ähnlich, auch wenn er sich ab und zu im Schlaf regt. Lediglich Gardekat sieht Massoud noch außerhalb des Zeltes herumstronern, bevor er ins Reich der Träume hinübergleitet.

Massoud

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« Antwort #5 am: 11.07.2010, 17:50:26 »
Tief sitzen die Bilder, welche der Wór an diesem Tag gesehen hat. Wie schnellwachsende Pflanzen haben sich die Impressionen des Tages nicht nur einen Weg an die Oberfläche seines Denkens gebahnt, sondern gleichzeitig auch tiefe und starke Wurzeln geschlagen. Massoud hat viel Tod in seinem Leben gesehen und doch muss er sich eingestehen, dass dies ein ganz besonderer Abend gewesen ist. Diese Art und Weise, mit der die Männer, Frauen und Kinder dieses Trosses getötet wurden sind, faszinieren den Wór auf makabre Weise. Obgleich er sich den Schmerz der Sterbenden und ihr Schrecken vorstellen kann, gerade die Verbrannten müssen große Schmerzen durchlitten haben, sollten sie zu dem Zeitpunkt noch gelebt haben, kreisen seine Gedanken weiter um diesen so furchtbaren und gleicherweise einnehmenden Akt des Tötens. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Massoud morbide ist und er verneint dies nicht. Der Tod ist sein ständiger Begleiter und es ist nur eine Frage der Zeit, dass der loyalste seiner Begleiter auch ihn in seine freudvolle und endgültige Umarmung nimmt.
Massoud blickt Gardekat hinterher, wie er das Gebiet durchkämmt und nimmt mit mit Freude und Wohlwollen auf, dass Gardekat auch ein sehr treues Gemüt ist und seinem Namen, der Beobachter, alle Ehre macht.
Während Shabani Gedanken an den Tod und dessen Einfluss auf sein Leben nachhängt, senkt sich endlich der Schleier des Schlafes über das müde Haupt des Löwenmenschen.

"Ein Narr, ein Tor. Wie fein, darf ich gratulieren dabei? Denn nun sind unser zwei!" Die Stimme ist voller Spott, sie ist aufgeregt und beinahe erregt vor Freude. Massoud blickt die Gestalt vor sich an, der Löwenmensch überragt sie um mehr als zwei Köpfe. Die Figur vor ihm ähnelt einem Zwergen, nur bartlos, gänzlich haarlos ist sie. Sie ist nackt, besitzt nur in der rechten Hand einen einfachen Holzschlegel, nicht mehr als eine primitive Keule, während sie in der linken Hand ein hartgewordenes Krustenbrot hält, angenagt und verdreckt. Die Augen liegen nahe beieinander, sind von giftgrüner Farbe und gänzlich blöd. Dem Löwenmenschen fällt es schwer, diese...Kreatur, denn ein anderes Wort mag dem Wór nicht in den Sinn kommen, anzuschauen, ihr schielender Blick gepaart mit den piesackenden Worte, sie bringen das Blut von Massoud in Wallung, etwas regt sich, längst vergessen geglaubt. In den Kerker der Verdammten, tief im Unterbewusstsein des Leoniden versteckt, regt sich noch Leben. Nahrungsentzug hat das in ihm Verborgene nicht sterben lassen. Der Zwinger, in welchen der alte Mann die Bestie bannte, vermochte nicht zu zähmen. Massoud blickt angespannt auf seine geballte Faust, leicht läuft Blut an den Stellen herab, an denen sich die Krallen in seine Hand bohren. Ihm ist heiß und kalt zu gleich, ihm wird schwindelig vor Zorn. Das Wesen turnt behände auf seinen Nerven und strapaziert sie bis zum Bersten. Massoud knurrt.
"Der Weisheiten besitze ich Unmengen, im Kampf schlag ich dich um Längen, deine Augen sind genauso blöde wie die meinen, doch über deinen Verlust mag ich nicht weinen! Eine Frau als Petzer und Kurtisane, betrügt Massoud im Bett wie im Wahne, bekommt zwar keine Münze für ihren Verkauf, doch Ehren und Macht erringt sie zuhauf."
Massouds Knurren wird lauter. Die Schmerzen, welche er beim Verrat empfunden hat, erscheinen wieder. Es ist wie damals, blinde Wut breitet sich in ihm aus. Er löst die Schnalle, welche seinen Flegel auf dem Rücken hält und blickt den merkwürdigen Narren an, welcher sich jedoch nicht beeindrucken lässt.
"Bitterlich betrogen geweint wie eine Memme, die große Liebe doch nicht mehr als eine tolle Henne, hat Klein-Massoud wütend gegriffen zu seinen stumpfen Klingen, ließ fließend Blut und brechend Knochen singen, das Lied von Torheit und Wut, und das singt dieser Wór besonders gut."
Die Worte des Wesens, dessen Mund nicht mehr als ein farbloser Strich mit dünnen Lippen zu sein scheint, werden von einem nicht vergehenden Lächeln, getaucht in gediegene Süffisanz, unterstrichen. So verspottet und mit seiner Vergangenheit geschlagen zu werden, erzürnt den Wór und trifft ihn härter als jede Waffe ihn je getroffen hat. Tränen der Wut, der Trauer und der Hilfslosigkeit bahnen sich ihren Weg durch das Gesicht des Leoniden, seine eigene Schwäche schürt das Feuer des Zornes nur weiter. Seine Wahrnehmung wird schwächer, er sieht nur noch das Wesen, nimmt nichts anderes mehr wahr als die spottenden Worte und seinen steigenden Wahn, welcher seit Jahrzehnten in Ketten gelegen hat. Nun waren die Ketten dabei zu bersten.
"Und nun kommt es also, dass der Leonid lernen muss, dass alles beginnt und endet mit einem Kuss, das eine dabei für Liebe steht, das andere jedoch durch Gift vergeht. Jede Vernunft ist nicht davor gefeit..."
Noch bevor der Narr seine Worte beenden kann, stürmt der Wór vor und schwingt seinen Flegel mit zerstörerischer Kraft. Ein Knacken, Knochen bricht. Mit einem Schlag, geführt von seiner Wut, seinem Hass, seiner Trauer, bringt Massoud Shabani den merkwürdigen Gecken zu Boden. Seine Waffe hinterlässt eine Kopfwunde, welche keine Heilung verspricht. Erleichtert und begeistert von dem Rausch, den Massoud empfindet, spuckt er auf den sterbenden Narren vor seinen Füßen. Dieser quält sich zu letzten Worten. "...dass am Ende sich das Tier befreit!"

Massoud wacht auf, ihm ist heiß, er schwitzt. Der Wór fühlt sich unwohl. Nur mühsam richtet er sich auf, um tief Luft zu holen. Der nächste Morgen hat bereits begonnen, der bittere Beigeschmack des Traumes lässt ihn jedoch nicht schön wirken. Massoud räumt sein Lager auf und bereitet Yal für die Reise vor. Dabei kann er nicht anders, als den Traum in Gedanken durchzugehen. Von Kindesbeinen an wird den Wór gelehrt, dass sie versuchen sollen, ihre Träume bewusst wahrzunehmen und sich die auffälligsten Träume zu merken. Sein Volk spricht dabei von der prophetischen Kraft der Träume, Massoud lässt das schlucken. Was hat dieser Traum zu bedeuten? "Werde ich wieder meine Nerven verlieren? Werde ich noch einen solchen Verlust ertragen müssen?" Etwas müde blickt Massoud zu seinem Pseudodrachen, mustert ihn und schüttelt dann den Kopf. Gardekat wird ihn niemals verraten, aber neue Bekanntschaften, die er machen wird? Ist er die Person, welche durch seine Art andere dazu drängt, ihn zu verraten? "Ich muss den Kopf freibekommen..."
Der morbide Reiz des Ortes verfliegt für einen Moment für Massoud, obgleich er sich daran krallt und ausreichend Holz mitnimmt, um sich ein Erinnerungsstück zu fertigen. Dennoch muss er weiter ziehen. Nüchtern muss der Leonid feststellen, dass er gar nicht versuchen braucht, den Traum zu vergessen. Der letzte Abend, samt der Nacht, wird ihm lange in Erinnerung bleiben und was den Leonid fast zu einem sardonischen Lachen zwingt, ist die Erkenntnis, dass er für seine Gefühle nicht einmal ein Wort finden kann, selbst wenn er will.
Nachdem er mit dem Zusammenpacken des Lagers fertig ist und Yal für die Reise bereit, bricht Massoud wieder gen Meer auf. Die Sehnsucht nach dem Wissen, wie das Meer sich wohl anfühlen mag, ist nun nicht mehr das einzige, was schwer auf dem Leoniden lastet. Mit einem leichten Klaps bringt der Wór seine Echse in Bewegung.

Ansuz

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« Antwort #6 am: 13.07.2010, 13:13:03 »
Die Nacht verläuft unruhig. Erst realisiert Massoud gar nicht, dass er erwacht ist. Erst das Licht, dass durch die Zeltplane auf sein Gesicht fällt, lässt ihn seiner Umgebung gewahr werden. Es ist recht kühl, kann also nicht allzu spät sein. Wahrscheinlich steht die Sonne noch nicht besonders lang am Himmel.
Von Gardekat gibt es keine Spur, auch wenn seine Ausrüstung wie üblich zerwühlt wurde, um ihm eine Lagerstätte zu bieten. Meist rollt er sich in einem ganzen Berg wichtigen Equipments ein, freilich ohne sich am folgenden Tag am Einpacken zu beteiligen oder auf den Wert seines Nachtlagers zu achten. Stattdessen sitzt er meist herum und schwenkt majestätisch den Hals, als halte er nach Dingen Ausschau, die den Augen geringerer Wesen nie offenbar werden können.
Normalerweise würde er keine Zeit verlieren, aber an diesem Morgen fühlt sich Massoud zu zerschlagen, um allzu schnell das Lager abzubauen. Bereits in der Heimat hat er gehört, dass seltsame Träume in der Peripherie der Wüste die Regel sind. Sie gehören noch zu den harmlosesten Phänomenen, von denen ihm berichtet wurde. Unter anderem sollen die Insekten der inneren Steppe so groß wie ein Höhlenbär werden.
Wer weiß, ob von dort auch das Verhängnis der Karawane kam. Erfrischend ist die Morgenluft nicht gerade, als er die Plane zurückwirft und in hellen Sonnenschein blinzelt. Es riecht immer noch nach Asche und verkohltem Holz. Die Wagen stehen unverändert in ihrer Trauerprozession.
Ein paar Schritt entfernt rollt sich Gardekat im Gras umher, wie es ein Wildschwein im Schlamm täte. Anscheinend hat er einen kleinen Haufen Wüstensand zuasammengetragen, um sich daran die Schuppen zu säubern. Auf den Wór reagiert er gar nicht erst, sondern biegt sich lieber gähnend durch.
Yal liegt etwas weiter entfernt vollkommen regungslos in der Sonne. Er sammelt Wärme für einen weiteren Tag der Wanderung, fort von seiner Heimat und seinen Artgenossen. Auf der Jagd war er anscheinend noch nicht, liegen doch nirgendwo abgnagte Überreste. Eine größere Beute hätte längst Aasfresser angezogen.
Massoud muss sich alleine den Aufbruch vorzubereiten. Der Pseudodrache schaut ihm amüsiert zu, während er erst das Zelt löst, einrollt und dann zusammen mit dem schweren Sattel auf Yals Rücken wuchtet. Jedes Mal, wenn er die Satteltaschen heben muss, ist er dankbar für die Kraft und Treue seines Reittiers. Müsste er sie mit sich schleppen, hätte er die Flucht wohl kaum überlebt.

Der restliche Tag vergeht ereignislos bis auf das Erlegen eines verletzten Schakals, der anscheind nur knapp einer größeren Bestie entkommen konnte. Sein Fleisch ist zäh und sehnig, aber genießbar. Einmal, gegen Mittag, mussten die Drei einigen Laufvögeln ausweichen, die in der Ferne durch das Gras stolzieren. Jeder von ihnen war größer als ein ausgewachsener Wór. Die Steppenbewohner nennen sie Federschrecken.
Wirklich aufmerksam wird Massoud erst am Nachmittag, als er in der Ferne eine umherirrende, zierliche Gestalt sieht, Größe und Form zufolge menschlich. Als sie ihn sieht, stolpert sie mit erhobenen Armen und laut rufend in seine Richtung. Sofort setzt sich Gardekat auf, reckt den Hals und breitet halb die Flügel aus.
Aus der Nähe entpuppt sich der Mensch als Steppenbewohnerin, die selbst nach seinen Begriffen schön ist. Ihr rabenschwarzes Haar fällt in einer Kaskade ihren gebräunten Rücken herab, ihre Glieder sind fein und wohlproportiniert und in ihren dunklen, fast schwarzen Augen flackern gleichzeitig Angst und Verheißung. Sie trägt einen einfachen Rock, eine braune Tunika, zahlreiche Armreife und ein reich besticktes Stirnband. Bei Yals Anblick ist sie furchtsam stehen geblieben, scheu wie eine Gazelle und ebenso fluchtbereit.
Mit weit aufgerissenen Augen fleht sie Massoud stumm an, abzusteigen. Sie deutet zittrig auf die Kiefer der Echse, tut einen Schritt zurück und kreuzt die Arme schützend vor der Brust. Sie wirkt erschöpft und ängstlich. Ihre Gewandung ist löchrig und verdreckt. Hier und dort liegen Rußreste auf ihrer Haut.
Sobald der Wór absteigt, atmet sie schneller und jammert etwas in einem ihm fremden Stammesdialekt. Was sie auch erlebt hat, muss sie völlig aus der Fassung gebracht haben. Ein schwer bewaffneter, von massackern faszinierter Leonid ist nicht gerade der beste vorstellbare Trost.

Massoud

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« Antwort #7 am: 15.07.2010, 09:46:19 »
Schwerfällig und schwermütig ist der alte Leonid an diesem Morgen. Während die Szenerie ihn gestern noch berührt hat und er sowas wie Glück, zumindest Zufriedenheit, gespürt hat, herrscht an diesem Morgen eine eigenartige, höchst sonderbare, Leere, welche sich wie ein zu enger, schon schnürender, Umhang um seine breiten Schulter gelegt hat. Demnach widerstrebt ihm alles Schnürende an diesem Tag, deshalb er den hinteren Teil seiner Mähne offen trägt, was nun etwas ungewöhnlich, doch auch recht verwegen, aussieht. Einem Irokesen folgt nun wallendes Haar, welches an manchen Stellen leicht von Filz geplagt ist, da er sein Haar sonst ausschließlich geschlossen trägt und es manchmal Tage ohne Pflege auskommen muss. Dieser Umstand ist dem Wór gleich, er empfindet das offene Haar an diesem Morgen als befreiend, auch Gürtelschnalle und die Riemen seiner Ausrüstung sind die ersten Stunde seiner Reise gelockert, erst im Laufe des Tages zieht er sie wieder fest.

"Hat der Traum mich so aus der Balance werfen können? Ich mag es gar nicht glauben...", stöhnt der Wór. Er fühlt sich ermattet und kraftlos und es ist der ausdauernden und gleichmäßigen Kraft Yals geschuldet, dass sie dennoch in gewohntem Tempo vorankommen. Innerlich ist Massoud hochzufrieden mit seiner Entscheidung eine Echse einem Krenshar vorgezogen zu haben. Die Zuverlässigkeit Yals hat sich bereits an Hunderten von Tagen bezahlt und wieder bezahlt gemacht. Mehr als dreitausend Tage haben sie jetzt zusammen verbracht und kennen sich dementsprechend in- und auswendig. Yal spürt, dass das gebrannte Kind, wie Massouds Zuname in der Handelssprache lautet, in seinen Gedanken hängt wie eine Fliege im Netz einer Spinne und nimmt so seinem Besitzer die notwendige Arbeit ab, nur selten muss Massoud dafür sorgen, dass Yal auch die Richtung hält.

Lustlos kaut Massoud auf dem Schakalfleisch herum, sein Hunger hält sich in Grenzen, weshalb er die besten Stücke seinen beiden Begleitern gibt, so sie ein Interesse daran haben. Und Yal hat schließlich immer Interesse an einer Mahlzeit. Doch die Stärkung kommt dem Löwenmenschen entgegen, denn das erste Mal an diesem Tag gelingt es ihm, seine Gedanken in sinnvolle Bahnen zu bringen, sodass er nicht einfach nur von Schwermut erfüllt, träge durch die Steppe getragen wird.
Der Leonid glaubt daran, dass er eine Prophezeiung erhalten hat. Zwar hat er seit geraumer Zeit diese Träume, welche ihn auch zum Aufbruch zwingen, wollen, dass er nach dem Vermächtnis seines Vaters sucht, doch keiner von ihnen ist dem alten Krieger so nahe, so greifbar und so real vorgekommen, wie der Traum von ihm und dem Narren.
"War es doch falsch? Hätte es einen anderen Weg gegeben?" Obwohl er nur den Gedanken daran hat, dass er hätte sein Eheweib nicht erschlagen brauchen, blickt er entschuldigend zu Gardekat. Gardekat ist ein glücklicher Umstand gewesen und er ist es immer noch. Und dennoch fällt es dem Leoniden schwer, Gedanken an den Tod seiner Liebe zu fassen. Als er völlig die Fassung verloren hatte und wie ein Besessener auf sie eingeschlagen hatte, bis sie sich einfach nicht mehr rührte. Gardekat, der vorher seinem Weib gehört hat, folgt ihm seitdem unablässig, hat Massoud vor so einigen Schaden bewahrt.
Shabani schluckt und räumt alles zusammen, um wieder aufzubrechen. Die Reise muss weitergehen.

Und auch am Nachmittag ist er diesen Gedanken ausgeliefert. Er schwitzt ein wenig und fühlt sich so, als hätte er zuviel gegorene Ziegenmilch getrunken, sein Kopf ist schwer und ein wenig hämmert es in seinem Schädel, als würde jemand mit Massouds Skorpion auf Massouds Kopf einschlagen, nicht mit viel Kraft, aber dauernd. Die Angst, dass er wieder die Fassung verlieren kann, packt ihn wie eine kalte Klaue. Dabei ist es eine merkwürdige Situation. Jahrelang ist er wild gewesen und hat jedem seine Pranke verpasst, der ihm krumm gekommen ist, dann hat er bei den Goliath über Jahre gelernt, seine Wut zu kontrollieren und sie gezielt zu nutzen, bis er beim Verrat seiner Frau jegliche Fassung verloren hat...
Jahre folgten, in denen Massoud sich Wut und Zorn verboten hat, alles runtergeschluckt und mit nüchterner Analytik betrachtet hat. Sollte diese Kontrolle nun enden? Die Zeit des kontrollierten Zorns ist mit einer kleinen Explosion zuende gegangen, wird die Zeit der stoischen Ruhe in einer großen Explosion zuende gehen? Sein Traum hat ihm nichts anderes suggeriert. Er kann die Wildheit, welche in ihm lauert, nicht ewig unterdrücken. "Ich ka..."

Das Wesen, welches auf ihn zuläuft, reißt den Leoniden blitzartig aus seinen Gedanken. Mit einer sanften Berührung fährt Massouds linke Pranke über den indigoblauen Stachelkamm und die roten Schuppen, welche Gardekats Körper schmücken. Ein Zeichen, mehr als eine bloße Zuneigung, welches Gardekat zu verstehen weiß. Was hält der Beobachter von diesem Menschen? Erst nachdem er diese Geste vollführt hat, betrachtet Shabani den Menschen selbst ausgiebig und stockt kurz, als er die mit Ruß überdeckte Haut der Menschin sieht. Die mag schön für einen Menschen sein, doch Massoud hat kein Interesse an diesen nackten Fleischlingen, weshalb er kurz überlegt sich wieder seinen Gedanken zu ergeben und weiterzuziehen, ehe sein Blick wieder auf das Ruß fällt.
Massoud versteht sie nicht, Worte sind hier dann nichts weiter außer Schall und Rauch. Massoud ist nicht in der Laune, sich mit anderen zu unterhalten, weshalb er einfach den Finger an seinen Mund anlegt, als Zeichen, dass sie ruhig sein soll, sich vor allem beruhigen soll. Absteigen tut der Leonid noch nicht, dies konnte eine Falle sein, denn warum soll er einfach absteigen?
Dennoch legt er eine Hand auf Yals Hals, um die Echse zu beruhigen. "Shabani, das gebrannte Kind, so heiße ich, und das Menschenweib scheint beinahe sowas zu sein.", Massoud kann den Blick nicht vom Ruß lassen, welchen er auf der Haut und der Kleidung der Frau sieht.
Es veranlasst ihn dazu, sich doch aus seinem Sattel zu erheben und abzusteigen. Wieder hält er den Finger vor den Mund und bedeutet ihr ruhig zu sein und zeigt dann auf sein Ohr, um dann mit den Schultern zu zucken. Ob sie daraus schließt, dass der Wór taub ist oder ihre Sprache nicht versteht, ist dem Leoniden dabei gleich. Er fasst ihr auf die Schulter, um sie zu beruhigen. Doch warnt seine Vorsicht ihn, nicht zu offenherzig zu sein und einer dahergelaufenen Frau zu glauben, was auch immer sie erlebt haben mag. So bleibt er dabei auf größtmöglicher Entfernung und steht auch quer zur Frau, schweigend, die linke Hand in der Nähe des leichten Streitflegels, welchen er deutlich schneller ziehen kann, als den schweren, für welchen er auch mehr Platz braucht, den er durch seine unglückliche Stellung einbüßt. Massoud spürt den Griff des Käfers an seinem linken Handgelenk, die Gefahr ist für ihn greifbar.
Entweder die Frau kommt auf die Idee, eine andere Sprache zu probieren oder sie zeigt Massoud, was sie erlebt hat. Massoud riskiert einen kurzen Blick zu Gardekat und blickt dann zurück zur Frau, in der Hoffnung sie zu beruhigen, blickt er sie ruhig an[1].
Der Wór ist in der Tat nicht der geborene Trostspender, sein Leben als Leibwache hat ihn eher die Kunst des Niederstarrens erlernen lassen. Einschüchtern wird seine Wahl, sollte die Frau sich als Gefahr erweisen, obwohl er innerlich glaubt, dass ein Kampf dann nicht zu vermeiden wäre. "Ob sie Hunger und Durst hat?"
Massoud entfernt sich kurz von der Frau, um ihr von seiner Ration und aus einem seiner Wasserschläuche anzubieten, sie genau im Auge behaltend, aber auch die Umgebung[2]. Dies alles geschieht wortlos, eine solche Situation bedarf keiner Worte.
 1. Diplomatie 5
 2. Entdecken 8

Ansuz

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« Antwort #8 am: 20.07.2010, 01:16:12 »
Gardekat schnarrt halb neugierig, halb misstrauisch und legt den stachligen Kopf leicht schief. Unruhig kratzen seine Krallen über das harte Sattelleder. Obgleich wachsam, signalisiert er keine Gefahr.
Yal scheint weniger beunruhigt; sie neigt stumm das Haupt und verharrt in dieser Stellung, bis sie von irgendetwas aufgescheucht wird.
Die Steppenluft wabert bereits vor Hitze. Heißer Wüstenwind trägt feinen Sand heran, der sich schnell in sämtlichen Fugen ansammelt, inklusive der Reitechse Schuppen. Nirgendwo bietet sich ein Unterschlupf an, geschweige denn eine Quelle.
Massoud hat Glück, so genügsame Gefährten zu haben. Das Land ist im Vergleich zur Hochebene karg und unfruchtbar. Es gibt kaum lohnenswerte Beute. Trotzdem kommen sie damit zurecht, selbst der Tartschenkäfer, der ihm in Anerkennung seiner Verdienste überreicht wurde. Letzte Nacht flog er ein, zwei Stunden hinaus in die Dunkelheit, um sich mit Insekten und kleinen Nagetieren zu stärken. Das reicht ihm zum Überleben.
Nun trifft der alte Krieger einen unvorhergesehenen Faktor mitten im Nirgendwo, bestehend aus einer völlig verängstigten, zu allem Überfluss menschlichen Fremden, die vor seiner Berührung zurückscheut und sich krümmt, als habe er sie geschlagen.
Mit verheulten, bereits geröteten Augen redet sie auf ihn ein, als verstünde er jedes Wort. Sie weicht einige Schritte zurück, die Arme vor der Brust gekreuzt. Yal und Gardekat machen ihr eindeutig Angst. Sie müssen bloß ein Glied regen, um sie zusammenzucken zu lassen.
Hilfesuchend blickt sie zu dem Wór, der objektiv betrachtet auch nicht viel vertrauenserweckender, aber zumindest wesentlich menschenähnlicher aussieht.
Erst zaghaft, dann vehementer winkt sie ihn ein Stück weit weg, wobei sie sich weiter entfernt. Sieht sie Zweifel in Massouds Augen, geht sie kurz in die Knie und schluchzt erstickt. Für einen Augenblick flackert ihr Blick zu seinem Flegel, als fürchte sie, von ihm damit erschlagen zu werden. Ihr Alter und zierliche Gestalt lassen sie noch erbarmungswürdiger erscheinen.
Aus der Nähe wird dem Krieger gewahr, dass sie verletzt ist. Ein verkrusteter Schnitt zieht sich ihren Oberschenkel entlang, wo ihr Rock sauber zerschnitten wurde. Sie riecht nach kaltem Rauch und wirkt ausgezehrt, vermutlich aufgrund tagelanger Unterernährung.
Dementsprechend dankbar lächelt sie, als er ihr Wasser und eine seiner Rationen reicht. Er jagt gut genug, um es sich leisten zu können.
Gierig legt sie den Kopf in den Nacken und saugt an dem Schlauch, als wolle sie ihn in einem Zug lehren. Sofort wirft sie sich nach vorne und spuckt vieles hustend wieder aus. Weiterhin hustend bricht sie in die Knie, lässt ihn fallen und hält sich stöhnend den Magen.

Massoud

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« Antwort #9 am: 21.07.2010, 14:28:58 »
Massoud blickt die verwirrte Frau, welche mit Verletzungen und ihrer Gier zu kämpfen hat, an. Nun kniet sie vor ihn, gegeißelt von ihrem wirren Geist, der sich wie Licht in Regentropfen bricht. Die Regentropfen müssen ihre schrecklichen Erlebnisse gewesen sein, doch Massoud hat wenig Mitgefühl mit ihrer Situation, obgleich er das Bild der ausgebrannten Karawane im Blick hat. Sie muss viel erlebt haben und ihre vielen ängstlichen Worte sind wahrscheinlich ein Zeichen dafür, dass sie vom Leoniden Verständnis und Hilfe erhofft und vielleicht sogar erwartet, doch ihre Gier nach Wasser und Hilfe ist so groß, dass sie die eigentliche Hilfe in ihrem Zustand nicht zu ergreifen wagt oder auch nicht dazu in der Lage ist. Das lässt Massoud weniger Mitleid mit ihr empfinden, was nicht daran liegt, dass er ein gefühlskaltes Wesen ist. Der Wór ist vielmehr angewiedert davon, sich gehen zu lassen und er verachtet dies ebenso bei anderen, wie er es auch bei seiner eigenen Person verachtet und hasst.

Der Löwenmensch geht einen Schritt nach vorne und blickt Gardekat an, der sich des Schweigens bedient und keine Äußerung zu dieser Frau tätigt, ein Zeichen dafür, dass der Pseudodrache die Frau als unwichtig deklariert. Er beendet den Blick zu seinem Freund und hebt den Wasserschlauch auf, damit dieser nicht ausläuft. Wasser ist ein kostbares Gut, und die Frau hat mit ihrer Gier auf seiner Hilfsbereitschaft rumgetrampelt und das Wasser zu Boden gehen lassen. Das gebrannte Kind will nicht, dass noch mehr davon verschüttet wird.
Er lässt ihn aber offen und beginnt, die Wunde der Frau zu betrachten und dann mit etwas Wasser auszuwaschen[1]. Ihre Schmerzen können dafür sorgen, dass sie widerborstig wird und sich wehren will, was der Leonid nicht zulassen möchte. Er starrt sie nieder mit wütender Geste, welche Unterordnung fordert und einige Wut erkennen lässt[2]. Seine Hoffnung, dass sie das lange genug ruhig stellt, dass er sie behandeln kann und ihr noch einen zusätzlichen und vorsichtigen Schluck Wasser geben kann.
"Ich brauche ihre Freundschaft nicht, so muss sie keine Höflichkeit von mir erwarten.", rechtfertig der Wór sein grobes Vorgehen vor sich selbst, auch wenn er letztendlich damit helfen möchte. Dabei ist es ihm egal, ob sie jetzt Angst vor ihm hat und danach einen gewissen Hass auf den Wór spürt, aber er hat weder vor mit dem weiblichen Fleischling was anzufangen, noch hat er ein Interesse an ihrem Leid.

Nachdem er sich um die Frau soweit gekümmert hat, steht er wieder auf, unabhängig davon, wie es ihr geht. Ihre Magenschmerzen hat sie selbst zu verantworten. "Ob ich nun aufbreche oder ob ich sie mitnehmen soll?"
Massoud fasst der Frau auf die Schulter und deutet auf seine Echse und zeigt Richtung Horizont, in Richtung des Meeres, zu welchem er reisen will. Worte mag er nicht aussprechen und alleine die Gefahr, dass sie seine Sprache nicht sprechen könnte, macht den Gedanken, Worte für nichts und wieder nichts zu verlieren, beinahe unerträglich.
Er wiederholt seine Geste nochmals und blickt dann in Richtung Horizont und wartet darauf, dass die Frau sich aufrappelt und versteht, dass er sie mitnehmen kann.
"Vielleicht ist dies nicht der richtige Ort für sie. Vielleicht ist alles, was sie liebte, tot. Vielleicht ist das Meer für sie ein Neubeginn. Die Steppe wird sie niemals überleben.", schließt Massoud aus ihrer Situation und hält es für das Beste, dass er sie mit sich nimmt, für eine Weile. Er wird wohl mit ihrem aufgeregtem Geschnattere leben müssen, aber sie alleine zurücklassen, nachdem was sie erlebt hat, das kann der Wór auch nicht, sogar wenn Gardekat kein Interesse in ihr zu haben scheint. Er hat angezeigt, dass sie keine Gefahr ist, mehr auch nicht. Aber das soll dem Löwenmenschen reichen, um sie mitzunehmen.
Er lässt ihr noch einen Moment des Schmerzes und der Ruhe und reicht ihr dann seine Pranke, um ihr aufzuhelfen und deutet dabei auf den Rücken der Reitechse und abermals dann gen Horizont, gen Meer.
"Wir müssen los, Menschenweib, und wenn du nicht willst, so muss ich dich zwingen. Sonst wird du sterben."
Vielleicht hätten sie Worte Nachdruck, würde er sie sprechen. Die Frau ist jedoch, so denkt sich Massoud, nicht sehr aufnahmefähig, weshalb er sie notfalls mit sanfter Gewalt auf seine Echse bugsiert.
Mag sein Benehmen ruppig und abweisend sein und er das Zwiegespräch verweigern, so sind seine Berührungen sanft, vorsichtig und behutsam.

Letztendlich steigt Massoud dann selbst in den Sattel und hofft darauf, dass seine Reise nun weitergehen kann. Am Meer würde sich schon jemand finden lassen, der sich wahrlich und recht um die Frau zu kümmern weiß. "Es ist schon merkwürdig. Da führt man ein Leben in Einsamkeit und trotzdem folgen einem Tod und Schmerz allenthalben und jeden Weg, so steinig und unpassierbar er auch wirken mag, Tod und Schmerz sind immer um einen. In Gedanken, im Leben, im Traum begegen sie einem wieder und wieder. Es ist unser Schicksal, uns mit dieser Frage zu beschäftigen. Alles Leben ist nicht mehr als die Vorbereitung auf das Sterben und dieser Moment ist mit Würde zu begehen, sondern war das Leben verschwendet."
Massoud blickt wieder gen Horizont, als würde er etwas bestimmtes in ihm sehen oder sehen wollen. "Der Wór ist ein Schüler, der Schmerz sein Lehrer.", schließt er seine Gedanken und blickt wieder auf die verrußte Frau. Es ist Zeit aufzubrechen, ob sie will oder nicht.
 1. Heilkunde 16
 2. Einschüchtern 15
« Letzte Änderung: 21.07.2010, 14:48:45 von Massoud »

Ansuz

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« Antwort #10 am: 22.07.2010, 19:40:47 »
Erschreckt murmelnd lässt sich das junge Menschlein aufs Gesäß fallen und kriecht schnell ein paar Schritte weg, fort von dem sich nahenden Wór. Er weiß selbst genau, wie er auf andere zu wirken vermag, besonders wenn er es für nötig erachtet. Sein finsterer Blick muss gepaart mit seinem gezeichnetem Anlitz geradezu dämonisch wirken. Stünde die Sonne nicht hoch am Himmel, verspräche ihre Miene vermutlich gar keine Aufnahmebereitschaft mehr.
Unter dem Blick des Himmelsauges jedoch entzieht er sich der Welt des Ungesehenen und Unseligen und gibt sich als Wesen aus Fleisch und Blut zu erkennen, einer Bezugsperson, die sie dringend nötig hat. Er kann nur ahnen, dass sie Überlebende des Überfalls ist, deren Überreste er vorfand. Sollte dem so sein, hat sie Schreckliches gesehen.
Unter seinen warnenden Augen kriecht sie nicht weiter weg, sondern streckt ihm im Gegenteil ihr Bein hin. Es ist kaum behaart, unattraktiv wie die Stelze eines Vogels und trotzdem seltsam anziehend, da unzweifelhaft ästhetisch. Die Wunde wirkt auf ihrer dunklen, seltsam weichen Haut wie Kriegsbemalung.
Er muss sich ihr bis auf wenige Handbreit nähern, um den Schnitt untersuchen und angemessen säubern zu können. Sie zuckt und wimmert jedes Mal, wenn er sie zu hart anfasst, hält aber weitgehend still. Mit abgewandtem Kopf beißt sie sich auf die Unterlippe, als würde er es dadurch nicht bemerken. Ihre Flanke zittert wie die einer verletzten Antilope, ogleich sie sich eindeutig bemüht, tapfer zu sein.
Nachdem er sich vergewissert hat, die Wunde ausreichend gereinigt zu haben, blickt er auf und sieht genau in die dunklen, verheißungsvollen Augen der jungen Schönheit. Obschon nicht einmal seiner Spezies zugehörig und vielleicht halb so alt wie er, hat ihr Augenaufschlag etwas Einladendes, wenn auch bloß angedeutet und vermengt mit Furcht. Wahrscheinlich entspricht es ihrem Wesen, ihn als Beschützer anzuerkennen und binden beziehungsweise zufrieden stellen zu wollen.
Zaghaft hebt sie eine Hand und berührt den Wór an der Wange, erst nur mit den Fingerspitzen, dann mit der ganzen Länge ihrer Finger. Lange hat er keine ähnliche Berührung mehr spüren dürfen. Die letzten Finger, die über sein Gesicht strichen, waren zu blutigen Krallen verkrampft. Diesmal ist es ein Trost, der von einer ähnlich verletzten Seele gespendet wird, ein heiliges Sakrament inmitten der Ödnis.
Sie murmelt etwas, schaut ihn traurig an und beugt sich, den Blick abgewandt, in seine Richtung. Ihr Kussmund bietet zumindest einen kleinen Augenblick Erlösung. Nur ein Zyniker könnte behaupten, er sei billig erworben und hohl. Solch eine Person verstünde nicht die Gewalt des Trivialen im zwischenmenschlichen Mikrokosmos.
Aus den Augenwinkeln kann Massoud sehen, wie sich Gardekat halb erhebt und den Hals ausstreckt. Ob er besorgt, neugierig oder zum Spotten aufgelegt ist, kann der Wór nicht erkennen. Direkt vor ihm gibt es Interessanteres.

Sollte Massoud ihr den Kuss nicht gewähren, lässt das Mädchen den Kopf hängen, hält sich den Magen und folgt ihm tapsig wie ein Berglöwenjunges. Ihre Furcht gegenüber Yal ist mehr als offensichtlich.

Massoud

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« Antwort #11 am: 23.07.2010, 09:30:44 »
Massoud blickt sie nur an, er fühlt sich beinahe ein wenig hilflos, dass sie sich darum bemüht, ihm irgendwelche Art von Avancen zu machen. "Oder ist es mein Geist, der mir solch liederlich Streich zu spielen wagt?"
Es bedarf keiner Gedanken, dass weiß das gebrannte Kind und dennoch kann er sie nicht unterdrücken, die Gedanken an Sloga und ihre wilde Liebe, von der Massoud geglaubt hat, dass sie die seine wäre. Wie törricht er gewesen ist und wie törricht er wieder sein kann. Sein letzter Anführer, Freund und auch Schutzbefohlener, denn Massoud ist im Herzen noch immer ein Beschützer, wie er auch gerade wieder merkt, hat Massoud immer wieder aufmuntern wollen und hat stets, wohl auch nicht zu Unrecht, gesagt, dass er manchmal wisse, dass er etwas Dummes tun würde, aber er würde es gleichwohl tun, denn er wüsste, dass er gar nicht anders könnte. Massoud hat sich so lange selbst bekämpft und ist hin und wieder dieses Kampfes mehr als überdrüssig. An manchen Tagen, wie es auch an diesem Morgen der Fall gewesen ist, überfällt ihn eine innerliche Müdigkeit, welche von diesem Kampf und den damit verbundenen Träumen kommt. Wie gern würde er etwas Dummes tun, seinem Wesen folgen...

"Massoud Shabani! Du hast dir geschworen, nie wieder so dumm zu sein. Du hattest einen Traum, der dich vor den Folgen gewarnt hat, solltest du dich vergessen! Sei kein Narr!", brüllt ihn seine innere Stimme zu, die gezähmte Stimme der Vernunft, auf welche der Wór seit geraumer Zeit wie ein rückgratloser Höriger hört, pariert wie eine gewöhnlicher Hund, nicht wie eine stolze und eigensinnige Katze. Eigensinn steht dem Löwenmenschen jedoch gar nicht. Er liebt die weiche und klare Stimme der Vernunft und fühlt sich seit jeher eher als Sklave der Triebe, auch wenn seine Gedanken ihm in diesem Moment etwas anderes suggerieren wollen, die Stimme der Vernunft das erste Mal die Fassung verliert und selbst brüllt, als wäre sie die Stimme der Natur. Massoud seufzt innerlich, denn er ist tief verwirrt darüber. Doch er weiß, dass sie eigentlich nicht falsch liegt mit ihrer Warnung und so kommt es, dass während die Frau ihm schöne Augen macht und sich alleine und hilflos in der Steppe präsentiert, der Wór wieder das Interesse verliert, welches beinahe in ihm entflammt wäre, obwohl sie nur ein Fleischling ist. Es ist nicht die Unnatürlichkeit einer solchen Zusammenkunft, nicht mal die Angst vor einer Falle, die ihn nur im Unterbewusstsein in geringen Maße beschäftigt, es ist die pure Angst vor dem Eintreten des Traumes, welcher ihm noch deutlich vor Augen ist, sich wie ein Brandeisen tief unter sein Fell gebrannt hat. Tiefe Furchen in seinem Geist hinterlassen hat und noch ein klares Sinnbild einer solchen Gefahr war, welches hoffentlich nicht verblassen würde. Aber alles verliert eines Tages seinen Schein. Es ist eine Notwendigkeit, wie Verfall und Blüte. Wie Leben und Tod. Massoud ist selbst in diesem Zirkel gefangen und so muss sein Geist inzwischen das leisten, was in früher Zeit und in der Blütezeit sein muskelbepakter Arm erreicht hat. Und so wie es diese Dualismen für alle Begriffe gibt, welche nicht dinglich und greifbar sind, so gibt es ihn doch auch für das Leid. Wenn jemand Leid erfahren hat, muss und er kann er dann nicht erst die wahre Freude erfahren und spüren. Andererseits kann er ewige Zustand des Leids ihn nicht auch gleichgültig der Freude gegenüber machen, weil er sie vergisst? Die Verlockung wird größer...

"Aber was ist, wenn du sie haben kannst und sie dann wieder gehen lässt?", die vollen Lippen der Frau sind einladend und erwecken die Triebhaftigkeit wieder, ein Funkenschlag, der ihn nicht entzünden darf und auch nicht kann. Sein Wille ist gefestigt, er zieht sich in die Bastion seiner schlechten Erfahrungen und Ängste zurück, um die Situation ungenutzt verstreichen zu lassen. "Lieber hasse ich mich wegen einer versäumten Chance, als wegen meines eigenen und blinden Wahnsinns.", seine eigene Stimme erschallt in seinen Gedanken, mahnt Vernunft und Trieb zur Ruhe und schaut die Menschenfrau mit leeren Blick an für einen Moment, dann fokussieren sich seine Augen blitzschnell auf die ihren, nimmt ihre Hand, so viel Trost sie auch spenden mag, von seiner Wange, schüttelt dann langsam und verneinend den Kopf und weicht ihr aus. Der Wór steht auf und dreht ihr den Rücken zu, mit gemischten Gefühlen. Er will sich ein paar Schritte von ihr entfernen, bis er Gardekat sieht. Er hat in der Situation eben fast vergessen, auf seinen Begleiter zu achten, so sehr ist er in Erinnerungen und Gedanken gefangen gewesen, in seinen Ängsten, die ihn auch jetzt verfolgen.
Doch nun spürt er, dass Gardekat etwas beschäftigt, so folgt er dem Blick seines ungleichen Gefährten und sperrt auch die Lauscher auf[1].
"Was siehst du?", fragt Massoud in Gedanken, wohl weißlich, dass er Gardekat so nicht erreichen kann, andersherum schon. Aber dennoch ist sich der Wór sicher, dass der Pseudodrache ihn darauf aufmerksam machen wird, sollte es von Bedeutung sein. So folgt er weiterhin dem Blick des kleinen Wesens mit den roten Schuppen und dem indigoblauen Rückenkamm.
"Hoffentlich ist es etwas, was mich von dieser Frau ablenkt...", beschwört der Leonid bitter und genervt von seinen eigenen Gedanken, ehe er sich langsam in die Richtung Yals bewegt, seinen Pseudodrachen im Auge behaltend. Seine Stimme bleibt weiter stumm.
 1. Entdecken 7 und Lauschen 15
« Letzte Änderung: 23.07.2010, 09:35:19 von Massoud »

Ansuz

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« Antwort #12 am: 28.07.2010, 03:46:31 »
Massoud lag mit seinem Misstrauen anscheinend völlig richtig.
Gardekat mustert das menschliche Weibchen hinter seinem löwenmähnigen Gefährten äußerst sorgfältig, scheint aber keine Besonderheiten feststellen zu können. Dann kneift er die Augen etwas zusammen, wie er es immer zu tun pflegt, sobald er sich in den Geist eines fremden Wesens zu begeben anschickt.
Für eine Weile gibt er keine sichtbare Reaktion von sich, sodass sie sich Yal bis auf wenige Schritte nähern. Sie erhebt sich bereits aus ihrer Ruhestellung, als zwei Worte durch des Wórs Bewusstsein fegen wie eine Bö durch die Steppengräser: Kein Mensch!
Hinter ihm ertönt ein tiefer Atemzug, eher zu einem Lammasu als einer zarten Menschenfrau passend. Gleichzeitig dringt ein ranziger Geruch an seine Nase, als habe man Olivenöl zu lang über der Feuerstelle stehen gelassen. Neben sich sieht er den Schatten der Frau bedeutend länger werden, als wüchse sie hinter ihm in die Höh.
„Schade!“, krächzt eine trockene, raue Stimme, wie sie von einer Greisin stammen könnte. „Der Kleine ist aufmerksamer, als ich dachte! Spielt gerne in Köpfen herum, eh?“
Etwas knackt, dann folgt ein Laut, als würde Leder gegerbt[1]. Als Massoud herumfährt, muss er zu seiner vormals so zierlichen Begleiterin aufschauen und gleichzeitig allen Göttern danken, stark gegenüber der Versuchung geblieben zu sein.
Vor ihm erhebt sich ein Menschenweib, das zu abnormer Höhe angewachsen ist, bestimmt an die acht Fuß. Statt Stammeskluft trägt sie zerschlissene und verdreckte Roben, die viel zu viel ihrer abgemagerten Gestalt entblößen. Anstelle von weicher Menschenhaut hat sie eine runzlige, graue Oberfläche, aus der überall fingerlange Dornen sprießen. Strähniges, verfilztes Haar fällt in einer grauen Flut über knochige Schultern.  Schlanke Finger wurden durch gekrümmte Klauen ersetzt, die mühelos Massouds Kopf umschließen könnten. Am schlimmsten ist ihre von Hass und Gier verzerrte, eingefallene Visage, aus der tief in den Höhlen liegende, schwarze Augen funkeln.
Obwohl sie derart hager und zerbrechlich wirkt, spannen sich unter ihrer Haut dicke Muskelstränge. Die ihr entwachsenen Dornen könnten Yal gefährlich verletzen, wenn sie ihre Kiefer um eines der spindeldürren Glieder schließen würde.
Vettel!, warnt Gardekat telepathisch[2].
Bevor der alte Krieger reagieren kann reißt sie ihr Maul weiter auf, als es ihr Kiefer eigentlich gestatten dürfte, und stößt eine Art röchelndes Fauchen aus. Ein Schwall widerlichen Verwesungsgestank rollt gleich einer olfaktorischen Sturmwolke über ihn hinweg. Obwohl anatomisch einer greisen Riesin ähnlich, bewegt sie sich ungleich schneller. Ihr erster Schlag ist ungeschickt, mehr das Aufbäumen eines verletzten Bären als ein gezielter Angriff. Massoud duckt sich ohne Probleme unter ihm hinweg, schenkt der zweiten Klaue jedoch zu wenig Aufmerksamkeit. Sie trifft ihn mit der Kraft eines Ogers trifft und hebt ihn fast von den Beinen[3].
Mit Gewalt wird sämtliche Luft aus seinen Lungen getrieben, als habe es ihn aus vollem Lauf von Yals Rücken geworfen. Kurz blitzen Lichter vor seinen Augen, dann sackt er für einen Moment in die Knie, gebeutelt von Schmerz und Atemnot. Die Kiefer der Vettel schnappen nur ein paar Handbreit vor seinem Gesicht zusammen. Wahrscheinlich hätten sie ihm ein Auge ausgerissen.
 1. Überraschungsrunde vollzogen
 2. INI: Vettel, Yal, Gardekat, Massoud
 3. 11 Schaden
« Letzte Änderung: 28.07.2010, 15:49:05 von Ansuz »

Massoud

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« Antwort #13 am: 28.07.2010, 16:19:25 »
Der Leonid versucht noch zu reagieren, doch sein Alter fordert zu viel Tribut von seinem Körper und seinem Geist, als dass er sich schnell genug aus der Bahn werfen könnte. Schmerzhaft verzieht er das Gesicht, als ihn die zweite Klaue erwischt und ihm die Luft aus der Lunge drückt. "Gardekat, wieso blickst du auch in eine andere Richtung...", flucht Massoud in Gedanken, während er unter Schmerz hockt, kurz bevor die Vettel zubeißt. Aus der Hocke springt er ein Stück zurück und versucht nach Luft zu schnappen, hält sich die Rippen mit der Hand und denkt gar nicht daran die Waffen zu ziehen. "Welche Verschwendung von Kraft das wäre." Denn sie ist zu schnell, zu flink und viel zu groß, als dass Massoud mit seinen stumpfen Waffen etwas gegen sie ausrichten könnte. Und es wurmt den Leoniden gewaltig, dass er nicht noch vorsichtiger gewesen ist, dass er ihren Avancen nicht mit den Skorpionen begegnet ist und sich nicht weiter um sie geschert hat. Seine Gutmütigkeit kann ihm abermals zum blutigen Verhängnis werden.

Massoud ist ein Hüne von einem Leoniden, mehr als sechs Fuß groß und von immer noch beeindruckend muskulöser Statur. Ein Krieger, der Statur nach, wie die Wór in ihren Geschichten verehren und er zieht den Tod noch immer an. Noch eben hat er über das Akzeptieren und das Vorbereiten auf den Tod nachgedacht, wie in denselben Geschichten, in denen auch solche Krieger wie Shabani selbst kämpfen. Dementsprechend umfasst ihn keinerlei Furcht, auch wenn die Situation etwas anderes von ihn verlangen könnte. Mühevoll unterdrückt er einen Schmerzschrei, um danach den Schmerz runterschlucken und kämpfen zu können, stattdessen holt er beharrlich Luft und greift dabei scheinbar beiläufig nach Luft. Gardekat sieht diese Zeichen häufig sofort und jene stillen Zeichen sind auch vereinbart. Es ist das Zeichen, dass man eins mit der Luft werden sollte, flüchtig wie eine Brise. Massoud holte noch einen kleinen Moment Luft und dreht sich dann blitzschnell um, um loszusprinten.
Mit einer Handbewegung greift er zu Yal und dessen Zügel, um auch ihn zum Laufen zu bewegen.
Dabei versucht er sich gar nicht erst in den Sattel der Echse zu schwingen, denn Massoud selbst ist im Normalfall, wenn er seine Rüstung nicht trägt, um einiges schneller als seine Echse, nur nicht so arbeitsam.
So versuchen die drei fliehenden Fußes aus der Reichweite der Vettel zu kommen, gegen die ein Kampf zwecklos, wenn nicht gar aussichtslos scheint. Das gebrannte Kind ist abermals gelinkt, obwohl er dies sogar befürchtet hat. Ein wenig Wut strömt seinen Nacken hinauf und beginnt an seiner Vernunft zu nagen. Etwas in ihm will umkehren und sich der Vettel stellen; die Skorpione nutzen, um ihr ihre Undankbarkeit und den Tötungsversuch samt ihrer Eingeweide aus dem Leib zu prügeln.
Stattdessen atmet Massoud schwer und erfreut sich darüber, dass er vorher nochmal kurz zu Atem gekommen ist, ehe er sich auf die Flucht gemacht hat.
"So leicht und törricht sterbe ich nicht!", mit einem kurzen Blick überzeugt sich der Wór, dass Gardekat seinen Wink verstanden hat und dann achtet er darauf, dass er vor diesem riesigen Monstrum bleibt, welches ausgemergelt auf ihn gelauert zu haben scheint. Gardekat wird das geringste Problem haben, sich abzusetzen, dennoch befiehlt Massoud mit einer zweiten kleinen Handbewegung, dass der Pseudodrache vor der Brust des Leoniden fliegt, sodass er Rücken des Wór des Pseudodrachen Schutz ist.
So bemühen sich Massoud, Gardekat und Yal darum, lebend aus diesem Schlamassel rauszukommen[1].
 1. Alle drei volle Fluchtaktion
« Letzte Änderung: 28.07.2010, 16:21:24 von Massoud »

Ansuz

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Ic - Worte sind Schall und Rauch
« Antwort #14 am: 29.07.2010, 16:11:35 »
Was als kichernder Quellbach aus der Vettel strömt, wird schnell zu einem tosenden Strom irren Gelächters. Ihre Stimme überschlägt sich mehr als einmal, während sie bar jeder Scham ihre Belustigung in die Welt hinausschreit. Es klingt, als verende ein Wahnsinniger, der in seinen letzten Zügen mit den Nägeln über eine Schiefertafel fährt. So schnell Massoud auch rennen mag, dem Hohngelächter kann er nicht entkommen.
„Lauf nur, Kätzchen!“, schreit sie mit ihrer brüchigen Greisenstimme hinterher. „Ich finde dich doch! Angenehme Nachtruhe!“
Ihr Crescendo steigert sich zu einem einzelnen, langgezogenen Kreischen, wie es hysterischer kein Goblin ausstoßen könnte. Ein kurzer Blick zurück zeigt sie mit in den Nacken zurückgeworfenem Kopf, still stehend und ohne Ambitionen, den Flüchtenden zu folgen.
Nach einer Weile ist sie bloß eine kleine, sich entfernende Figur am Horizont. Massouds Lunge fühlt sich an, als würde sie gleich platzen. Er muss einfach anhalten, will er nicht sich übergebend und zitternd zusammenbrechen. Gardekat fällt schnaufend vor ihm in einen Nadelstrauch und bleibt dort hechelnd liegen. Die kleinen Dornen vermögen seine Flügel nicht zu durchdringen, sodass er einfach liegenbleibt.
Yal gibt keinen Laut von sich, scheint aber ebenso erschöpft, zumal er die ganze Zeit über das zusätzliche Gewicht der Satteltaschen tragen musste. Weder konnte er fliegen noch hat er den Vorteil von Schweißdrüsen, die dem Wór gerade das Fell verkleben.
Geradezu glühend vor Hitze weiß er wieder, warum sich die Krieger seines Volkes praktisch nackt rasieren, bevor sie größere Vorhaben verfolgen. Es fühlt sich an, als würden seine Gedanken noch in ihrem Entstehen schmelzen und in glosenden Bahnen in sein Unterbewusstsein abfließen.
Die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel herab, ungehindert von den Abwehrformationen gnädiger Wolken. Nur wenige Schritt entfernt wabert die Luft, als habe man sie verzaubert. Seine Kehle fühlt sich an, als zerbräche sie gleich zu dem feinen Staub, der den Boden zwischen den Gräsern bedeckt.
Anstatt sich der Küste zu nähern, hat er sich weiter von ihr entfernt.