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Autor Thema: Casus Belli  (Gelesen 80989 mal)

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Menthir

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Casus Belli
« Antwort #15 am: 10.04.2011, 17:33:10 »
5. Dezember 1863 - Am Vorabend des Krieges - 23:56 Uhr

Hier und da rückten die Studenten wieder näher ran und entfernten sich von den breiten Schultern des menschlichen Riesen Paul. Sie schöpften etwas Mut durch die Worte von Carl von Lütjenburg, Karl Schreiber und Conrad Rosenstock. Sahen, dass die Nonne doch nicht so viel zu melden hatte, wie sie erst noch fürchteten. Die drei Männer hatten das getan, was die meisten sich nicht wirklich getraut hätten, nicht mal in ihrer numerischen Überzahl. So tauten die Burschen Stück für Stück wieder auf, und als Carl dann noch von deutschem Trutz und preußischen Gewehren sprach, hatten fast alle ihre ängstliche Lethargie abgelegt und klatschten und johlten laut, ob der so geliebten, nationalistischen Worte, welche Carl von Lütjenburg gewählt hatte.

Und während sich die Studenten, ehemalige Studenten, eine Nonne und sonstige Zuhörer sich unterhielten, ertönte in der Entfernung ein dümpfes Geräusch[1] und dann einen Moment später ein ebenso dumpfes, aber deutlicheres Knallen[2]. Auf einmal herrscht komplette Stille, gerade jene Studenten, welche schon gedient hatten oder an freischärlerischen Tätigkeiten teilgenommen hatten, zogen die Köpfe ein und blickten nervös umher. Doch es folgte kein Einschlag. Ein paar Studenten fingen an durcheinanderzureden. "Angegriffen?", fragte Paul lakonisch, während es draußen begann zu regnen. Starker, kalter Regen, welcher schon bald gefrieren würde und jeden Schritt auf den glatten Pflastersteinen auf den Steinen zu einem Abenteuer machen würde, begann aus schweren Wolken zu fallen. "Werden wir angegriffen?", wiederholte Paul nochmal, diesmal etwas lauter und deutlicher, verfiel dann wieder in lakonische Ausdruckweise. Eine Art und Weise, welche Paul und der ihm nachgesagten Stumpfheit angemessen schien. "Dänemark greift an. Menschen sterben. Unsere Hoffnungen werden erschüttert."
Johannes Fligge kam wieder näher, sah wieder seine Chance, sich zu beteiligen. "Wer weiß, ob es die Dänen sind? Vielleicht eine Fehler oder eine Begrüßung?" Johannes versuchte entwaffnend zu lächeln, aber seine unebenen Gesichtszüge wirkten noch verzogener, als er dies versuchte.

Mochte die Situation sich fast wieder soweit entspannt haben, dass die Studenten ruhiger wurden, waren sie nun wieder von Sorge und Gram gepackt. Johannes Fligge rief den ersten Studenten, die nachschauen wollten, zu. "Ruhig! Ruhig! Wenn es ein Angriff ist, müssen wir uns koordinieren, wenn es keiner ist, werdet ihr euch umsonst einen Schnupfen holen." Johannes zeigte auf Carl von Lütjenburg, der sich bereits so in den Vordergrund gestellt hat. "'s Carl doch ein tapf'rer Preußenbursch!", begann er in der Zunge der so geliebten, nationalistischen Schreiber, wie Ludwig Uhland[3] einer gewesen war. "Sein tapferes Herz wird uns in dieser Stunde leiten, sollte es von Nöten sein!"
"«Allens mit Maaten!» see de Snieder und hau sien Fru mit de Ell![4]", rief einer der Studenten und allgemeines Gelächter brach aus. Die Studenten waren scheinbar nervös, sie machten sich mit alten Witzen Mut. Doch schon kurz danach ertönte ein ernsterer  und einer der berühmtesten Schlachtrufe. "Lewwer duad üüs Slaav![5]"
Und doch traute sich keiner nach draußen. Schon gar nicht an der Nonne vorbei, geschweige denn ohne die Anleitung und Führung von Carl.
 1. Erstes Geräusch
 2. Zweites Geräusch
 3. Ludwig Uhland
 4. 
Plattdeutsches Sprichwort (Anzeigen)
 5. Lieber tot sein, als ein Sklave!
"Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit." - Jean-Jacques Rousseau, Du Contrat Social

Alfred Nobel

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Casus Belli
« Antwort #16 am: 11.04.2011, 16:52:02 »
Erschrocken fuhr Alfred zusammen, als das Krachen zu hören war. Viel zu nah, viel zu laut, als dass er es sorglos übergehen konnte. Sofort trat er aus dem Türrahmen nach draußen. Mittlerweile musste ihn dennoch jeder gesehen haben, der nach dem Poltern den Blick zur Tür riskierte. Der Regen war zu stark, als dass es Alfred gelingen konnte, in der Dunkelheit genug zu erkennen. Doch der Knall war eindeutig.

Besorgt setzte er sich die Fellmütze auf den Kopf und zog den Mantel zu. Seine verschränkten Arme hielten den Stoff fest, als der Wind zu reißen begann. Die festen Stiefel traten durch tiefe Pfützen, die sich innerhalb weniger Augeblicke bildeten. War das ein Feuer, dort in der Bucht? Mit zugekniffenen Augen versuchte Alfred sein Bestes, doch blieb erfolglos.

Aufgebracht trat er wieder an den Türrahmen und rief der ihn beobachtenden Menge zu.

"Kanonen! Ein Schiff!"

Das Entsetzen sand dem fremden Schweden ins Gesicht geschrieben. Bei all den Worten über Krieg und aufsässige Dänen, von welchen die Studenten überzeugt schwadronierten, konnte Alfred nicht sicher sein, ob es nur ein Wunschdenken der ereignisgierigen Jungspunde war, oder doch ein vernünftiges Einschätzen der politischen Kräfte, die wirkten. Waren es doch bis heute Abend nur Gerüchte, dass Dänemark den Konflikt suchte! Doch der Kanonenschlag ließ den einsamen Unternehmer zittern. Wenn dieses Schiff ein Schlag der Dänen war, dann war es schon lange an der Zeit, um Emil zu bangen. Hilfesuchend und ratlos blickte Alfred in die Gesichter der gerade noch Zankenden.
But I have learned to study Nature’s book
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 - A Riddle, 1851

Conrad Rosenstock

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Casus Belli
« Antwort #17 am: 11.04.2011, 19:03:01 »
Als Conrad die lauten Geräusche hörte, wurde er hellhörig "Die Geräusche müssen aus östlicher Richtung von der Förde kommen. Kein Einschlag zu Land. Zumindest hörte es sich nicht so an. Womöglich handelt es sich um ein Seegefecht mit den Dänen. Wer Mut in den Knochen hat, folgt mir.", sagte der Politikstudent und folgte seiner Neugier und wartete nicht auf eine Reaktion von Schwester Hermene auf seine Worte. Er schaute darauf so unter die Dächer zu gehen, dass er nicht gar so sehr vom Regen durchnässt wurde, aber ihm war klar, dass das ein schwieriges Unterfangen war und Conrad nahm es in Kauf nass zu werden durch das Wetter.
« Letzte Änderung: 11.04.2011, 19:04:38 von Conrad Rosenstock »

Carl von Lütjenburg

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Casus Belli
« Antwort #18 am: 11.04.2011, 21:01:24 »
Bei dem ersten Kanonschlag zog Carl schon beinahe aus Gewohnheit den Kopf ein, beim zweiten überlegte er schon fieberhaft was nun zu tun sei. Er tippte genauso wie Conrad auf ein Seegefecht, fragte sich aber zusätzlich wie sie in diesem Fall von größtem Nutzen sein könnten.

"Conrad so halte ein!" rief er seinem Bundesbruder nach "Wenn es wirklich ein Seegefecht ist können wir kaum etwas ausrichten. Außerdem wissen wir gar nicht wo genau wir von Nutzen sein könnten."

Kurz sah er sich im Raume um und sprach dann mit fester und lauter Stimme "Zuerst brauchen wir einen Überblick, was gerade vor sich geht. Wer von Euch regenfestes Zeug hier hat trete vor! Ihr müsst zuerst zur Hafenkommandantur laufen und dann zur Garnison. Bringt in Erfahrung was geschieht, tauscht Euch mit den Soldaten aus und fragt wo wir helfen können!"

Während er sprach hatte er seinen Mantel übergeworfen und zugeknöpft. "Der Rest stellt das Saufen nun endgültig ein und macht sich einsatzbereit..." Carl kam der Gedanke, dass dies nicht jedem ein klarer Begriff sein könnte "Das heißt zieht Euch vernünftig an und haltet Euch bereit jederzeit aufzubrechen. Wer von Euch zu betrunken ist um geradeaus zu gehen bleibt hier!"

Er sah sich um und vergewisserte sich, wie seine Kommilitonen sein Kommando aufgenommen hatten. Es zeugte gewiss von Mut wie Conrad einfach los zustürmen, doch wem war damit geholfen? Wenn es gar kein Gefecht war würden die Studenten nur unnötige Unruhe verursachen. Nein, ein planvolles Vorgehen war hier geboten, da war Carl sich sicher und er hoffte, dass die anderen dies ebenso sehen würden.

Schließlich wandte er sich Hermene zu.

"Schwester, wenn sich unsere Annahmen bewahrheiten sollten, wäre es besser, wenn Sie nun wieder zurückkehrten. Ich werde Ihnen mein Geleit anbieten, wenn Sie es wünscht."
« Letzte Änderung: 11.04.2011, 21:01:49 von Carl von Lütjenburg »

Conrad Rosenstock

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Casus Belli
« Antwort #19 am: 11.04.2011, 21:36:27 »
Als Carl ihm hinterherruft, hält Conrad ein und geht sogar zu ihm zurück, um ihn besser zu verstehen. Denn vor Carl hatte Conrad Respekt und auf ihn hörte er.

"Ich habe momentan kein regenfestes Zeug bei mir, aber außer einem Schnupfen werde ich mir schon wahrscheinlich nichts schlimmes einfangen. Außerdem wird mich so manches Häuserdach auch vor dem Regen schützen. Der Plan klingt aber ansonsten ganz gut."

Conrad nimmt sich dann vor den Plan genauso auszuführen wie Carl es wollte. Immerhin traute ihm Conrad viel an Kompetenz zu.
« Letzte Änderung: 11.04.2011, 21:37:08 von Conrad Rosenstock »

Schwester Hermene

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Casus Belli
« Antwort #20 am: 12.04.2011, 13:28:31 »
Hermene war generell zu abgebrüht, um sich von ein paar entfernten Kanonenschüssen erschrecken zu lassen. Doch Vorsicht war geboten. Sie sollte sich besser nicht die Blöße geben und vor der Burschenschaft ihr wahres Gesicht zeigen - tatsächlich war sich die Ordensschwester ihrer Fähigkeiten sehr bewohl bewusst, doch dies wollte sie keinesfalls zu dem damaligen Zeitpunkt irgendeinem der Studenten offenbaren.

Sie blickt zu dem fremden, der mit einem leichten, ihr nicht bekannten Akzent sprach, und wägte ihre Möglichkeiten ab. Die Kranken brauchten wohl kaum ihren Schutz - und wer würde schon das Stift überfallen, wo es nichts zu holen gab außer ein paar vollgeschissenen Windeln und etwas Branntwein, der dazu benutzt wurde, Bestecke zu desinfizieren? Nein, Hermene sah ihren Platz wahrlich nicht im Stift. Doch die Burschen würden sie andererseits auch kaum mitnehmen. Sie würde sich am besten auf eigene Faust ein Bild von der Lage machen, das erschien ihr die beste Option zu sein.

Sie schaute Carl kurz an, bevor sie abnickte. "Recht haben Sie, ich werde zurückgehen. Doch Sie brauchen mich nicht zu begleiten, die paar Meter schaffe ich durchaus alleine, so unser Herr wolle. Ich werde für Sie beten, Herr von Lütjenburg, und für die Burschen in diesem...Zustand", sagte sie, und begab sich hinaus, wobei sie Alfred Nobel einen verdächtigenden Blick zuwarf.
« Letzte Änderung: 12.04.2011, 13:45:08 von Schwester Hermene »

Menthir

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Casus Belli
« Antwort #21 am: 12.04.2011, 16:59:35 »
6. Dezember 1863 - Am Vorabend des Krieges - 00:00 Uhr

Und so kam es, dass die Studenten dem Drängen und der Anweisung Carls von Lütjenburg, oder Lüttenborg wie es im Plattdeutschen hieß, nachkamen. In der Tat hatten die meisten Studenten zumindest warme Kleidung und einen verstärkten Rock mitgenommen, um Wetter und einem Duell trotzen zu können. Alle Studenten hatten zumindest ihre Fechtwaffe dabei, die wohlhabenderen Studenten und jene, welche ebenfalls schon gedient hatten, besaßen auch das ein oder andere Gewehr in Form einer Schusswaffe. Schnell hatten sie sich in Einsatzbereitschaft versetzt, so man denn bei jungen Männern davon sprechen konnte, die größtenteils Maulhelden und kleine, nationale Funzeln voll sehnsüchtigem Pathos waren, aber definitiv keine gestandenen Soldaten oder Vaterlandsverteidiger, in welchem Sinne man dieses Wort auch auffassen mochte. Immerhin reichte die Fechterfahrung und der Befehl Carls, sodass sie sich innerhalb weniger Minuten bereit gemacht hatten. Manche Studenten zierten sich jedoch deutlich, deuteten an, dass sie zu betrunken waren, auch wenn sie eben noch geradeaus gehen konnten und die Sprache noch nicht schwer wurde. Manche hatten tatsächlich keine wetterfeste Kleidung oder eine Waffe dabei, weil an Ehrentage nicht so häufig gefochten wurde. Zudem war das Wetter bescheiden, und die vielen Studenten im Inneren des alten Hauses verhinderten, dass der Innenraum zum Paukboden werden konnte. Elf Studenten folgten Karl, Carl und Conrad hinaus, darunter auch der große, stämmige Paul.

Es war nass und kalt, der Regen prasselte in der Wucht eines vaterländischen Crescendos, wurde also stärker und stärker, als würden ganze Kübel über den Studenten, Alfred Nobel und der Nonne Hermene ausgeschüttet. Der Regen war mit kaltem, harten Hagel durchmischt und donnerte nun auf die Blechdächer der umliegenden Lagerhallen am Hafen und erstickten die Geräusche, welche von der Förde in die Stadt drangen. Nur wer gute Ohren besaß, konnte erahnen, dass das Donnern der Kanonen fortgesetzt wurde. Und tatsächlich, nachdem die Studenten den Weg zur einer der vielen Kaizungen[1] bewältigt hatten, sahen sie die Lichtblitze der abgefeuerten Kanonen deutlich, die Geräusche schienen dadurch auch wieder deutlicher. Der Wind pustete unerbittlich und kalt, er war eisig und wehte stark aus Ost. Die Winterwinde Russlands würden sicher bald auch Schnee bringen, der Sturm kündigte ihn an. Und zwischen dem eisigen Starkregen mit leichtem Hagel sahen die Burschen und auch immer mehr Schaulustige, die aufgeschreckt oder noch unterwegs waren, dass drei Schiffe sich in einem Gefecht befanden. Durch die Lichtblitze wurde es deutlich. Eine alte und inzwischen brennende Brigg versuchte verzweifelt vor zwei Schiffen zu fliehen. Eines war unverkennbar eine deutlich größere Drei-Mast-Bark[2] und sie versuchte der langsameren und brennenden Brigg den Weg abzuschneiden. Es faszinierendes Schauspiel, denn das zweite Schiff glänzte bei jedem Feuerschlag silbrig. Ein Panzerschiff, ein nagelneues Panzerschiff[3] musste es sein. Durch die Dunkelheit war nicht die Beflaggung zu erkennen, aber es zerlegte die Brigg langsam mit einer Breitseite nach der nächsten. Jeder konnte es erkennen, die Brigg würde sich dem Hafen nicht auf einen Kilometer nähern...

Irgendwo in der Nähe hörte man Rufe, sie wurden militärisch gebellt. "Besetzt den Turm!", war der häufigste Befehl. "In Reihe angetreten!", der andere. Langsam kämpften sich Freiwillige und Soldaten gleichermaßen aus der Garnison, welche nur zweihundert Meter vom Hafen entfernt war. Es lagen jedoch keine wehrfähigen Schiffe im Hafen. Wenn überhaupt lag am Ostufer, gegenüber des Hafens also, im Trockendock noch ein U-Boot-Entwurf Wilhelm Bauers[4], obwohl dieses U-Boot wohl auch kaum besser funktionierte als die Brandtaucher. So schienen die Burschen, aber auch die wenigen Soldaten, welche sich jetzt auf den Hafendamm stellten, dazu gezwungen diesem Gefecht zuzuschauen. Keiner würde so wahnsinnig sein und einen Kutter requirieren, um eine riesige Bark und ein Panzerschiff anzugreifen. Wahrscheinlich wurden gerade die Kanonen, welche in den Lagerhallen der Garnison standen, bereit gemacht, falls sich die Schiffe noch nähern sollten. Aber wie wahrscheinlich war es schon, dass zwei Schiffe eine Stadt angriffen? Die Brigg schien ihr Ziel und warum, dass mochte wohl nur der Allmächtige wissen...
 1. Pier
 2. Bark
 3. Panzerschiff
 4. Wilhelm Bauer
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Karl Schreiber

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Casus Belli
« Antwort #22 am: 12.04.2011, 17:35:09 »
Karl war unter den ersten, die sich hinaus in den Regen begaben. Ihn trieb vor allem die Neugier und die Hoffnung, etwas interessantes zu erleben was sich für sein nächstes Buch verwenden lies.

Am Kai angekommen verwandelte sich seine Vorfreude in Enttäuschung. "Schiet ook!"[1] entfuhr es ihm, "Da kunn een nix sehn bi den Schietwetter."[2]. Nachdem er eine Zeitlang das Gefecht verfolgt hatte (so gut es bei dem Wetter möglich war), fiel ihm sein Fernglas ein. Warum er es heute eingesteckt hatte wusste er nicht, aber jetzt würde es sich sicherlich als nützlich erweisen. Schnell holte er es aus seiner Tasche und blickte damit zu den Schiffen hinüber, so lange es noch was zu sehen gab.
 1. Frei übersetzt: "Verdammt", oder "So ein Mist"
 2. Bei dem Sauwetter kann man nichts erkennen.
« Letzte Änderung: 16.04.2011, 15:51:06 von Menthir »

Carl von Lütjenburg

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Casus Belli
« Antwort #23 am: 16.04.2011, 00:45:18 »
Carl Heinrich benötigte einen Augenblick, bis er Karls plattdeutschen Ausruf wirklich verstand. Durch sein Leben in Berlin hatte hin und wieder Schwierigkeiten mit der Mundart seiner Heimat und kam sich dadurch hin und wieder wie ein Fremder im eigenen Land vor.
"Sieht fast so aus, Karl." aus der Nähe hörte er die lauten Befehle durch die Nacht schallen "Ich werde den befehlshabenden Offizier aufsuchen. Der Rest bleibt hier in Stellung!" die letzten Worte kamen in voller lautstärker seiner kommandogewohnten Stimme. Das Prasseln auf den Blechdächern, die Lichtblitze und das entfernte Grollen der Kanonen. Carl fühlte sich deutlich an den täglichen Drill erinnert, an zahlreiche Übungen und Manöver. Es war nicht einmal Absicht, dass der Offizier in ihm nun so deutlich hervor trat.

Noch bevor Karl Schreiber sein Fernglas hervorholte machte sich der junge Adlige auf und lief schnellen Schrittes auf den nächstbesten Kommandogeber zu. Vor diesem baute sich Carl mit einem donnernden Hackenschlag in bester Haltung auf und salutierte. "Carl Heinrich von Lütjenburg, Leutnant a.D. der königlich-preußischen Armee, Pioniertruppe! Habe dreizehn hilfswillige Männer unter meinem Kommando. Ausgerüstet mit einigen Gewehren und Blankwaffen. Ein Teil hat gedient und besitzt Erfahrung an der Waffe. Wie können wir helfen?"

Menthir

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Casus Belli
« Antwort #24 am: 16.04.2011, 16:25:44 »
6. Dezember 1863 - Am Vorabend des Krieges - 00:04 Uhr

Der nächstbeste, aufgesuchte Kommandierende war ein dicklicher Mann, der Zeit seines Lebens augenscheinlich eher den sogenannten Innendienst bestritten hatte, denn wirkliche Felderfahrung hatte. Im Licht der Laterne, unter der er stand, waren seine lockigen, rotgrauen Haare, die unter dem inzwischen zu kleinem Helm mit Spitze, besser als Pickelhaube bekannt, rauslugten, inzwischen durchnässt und wippten aufgeregt hin und her. Er hatte ein feinrasiertes Gesicht, welches überall mit kleinen, roten Äderchen übersäht war. Sein massiver Ranzen ragte weit über seine enge Hose, in denen seine Stelzenbeine steckten. Er hatte eine merkwürdigen Körperbau, aber dennoch ein recht militärische Stimme. Er salutierte ebenfalls. "Oberstwachmeister Johann van Widdendorp. Sammeln sie ihre Männer und schließen sie sich an."
Der Rang des Oberstwachmeisters bedeutet, dass dieser Mann für die wirtschaftlichen Bedürfnisse und die Disziplin innerhalb einer Garnison zuständig war, er war also in der Tat ein Mann, der mehr Zeit hinter dem Schreibtisch verbrachte, denn in offenem Feld. Er wartete, bis Carl und die Studenten sich der militärischen Formation angeschlossen haben. Der Offizier mit dem holländischen Namen stellte sich vor die Mannschaft, ließ die Soldaten sich vorher rühren. Viele Männer waren es nicht, mit den Freiwilligen um Carl von Lütjenburg waren es ingesamt vielleicht sechzig Soldaten, Reservisten und Studenten.
"Folgende Situation. Da die aktive Truppe auf Übung ist, haben die Reservisten die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Drüben ist ein Schiffsgefecht. Die Truppe um Feldwebel Franz fängt an, die Kutter Michaelis und Barbara zu besetzen und machen sich bereit, Schiffsbrüchige zu retten. Die Truppe um Corporal Schassenberg besetzt die Helena von Wismar und macht sich bereit, dass brennende Schiff zu löschen und an Bord zu retten. Seid vorsichtig, lasst euch nicht ins Gefecht ziehen!" Auch der Feldwebel war in diesem Fall eher eine Art Versorgungsfeldwebel, auch wenn er deutlich militärischer als der Oberstwachtmeister aussah. Der einzige Unteroffizier, der wirklich ein häufig geprüfter Soldat zu sein schien, war der Corporal. Ein großer, blonder Mann, von ähnlichen Ausmaßen wie Paul, nur dass des Corporals Gesicht deutlich schmaler und sein Blick schärfer war. Beide Unteroffiziere befehligten jetzt etwa eine Korporalschaft[1]. Van Widdendorp musterte Carl einen Moment. "Leutnant von Lütjenburg, sie besetzen den Kutter Helka und unterstützen den Feldwebel." Ein kräftig gesprochenes "Ausführung!", besagte, dass die Befehle nun ausgeführt werden sollten. Die beiden Korporalschaften begannen sofort mit der Ausführung, der Oberstwachtmeister hielt Carl jedoch noch auf.

Der Oberstwachtmeister stellte sich vor den Leutnant. "Ich weiß, dass diese Aufgabe vielleicht nicht den ihnen inhärenten Fähigkeiten gemäß ist, Herr Leutnant. Aber damit sind sie am hilfreichsten. Sie haben volles Recht den Kutter zu requirieren. Wenn sie keinen Mann haben, der des Segelns fähig ist, keine Sorge. Der Kutter ist recht neu und ist ein Dampfschiff mit Schiffspropeller. Sie werden das schaffen. Wenn sie Probleme haben, melden sie sich zeitig, Leutnant." Dann geht der dicklicher Mann auf das Garnisonsgebäude zu mit schweren Schritten, während der starke Regen und das Knallen der Kanonen auf der Förde ihn begleiten.
Treffer um Treffer bekam die Brigg inzwischen ab. Noch vielleicht zwei, drei schwere Treffer und die Brigg würde sinken. Die Zeit wurde knapp für die Besatzung des beschossenen Schiffes.
 1. 30 Soldaten
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Schwester Hermene

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Casus Belli
« Antwort #25 am: 17.04.2011, 13:40:56 »
Schwester Hermene zögerte einige Momente. Sie versuchte, ihre Gedanken zu strukturieren, zu verstehen, was vor sich ging, und ihre Optionen abzuwägen. Einerseits wäre es das leichteste gewesen, zurück in den Stift zu gehen und abzuwarten. Dies hätte keine Gefahr für sie bedeutet, nein. Doch es wäre langweilig gewesen, und sie hätte ihre göttlichen Gaben verschwendet. Andererseits, was hätte sie schon groß ausrichten sollen? Die Küste war zu weit weg, als dass sie mit ihren Schwingen unbemerkt dorthin hätte fliegen können. Und dann? Was hätte sie tun sollen? Sie war im Umgang mit Waffen nicht geübt, und vielleicht hätte sie mehr Schaden angerichtet, als dass sie behilflich gewesen wäre.

Grundsätzlich fürchtete sie sich davor, dass ihr als Katholikin die Arbeit verboten werden würde. Natürlich war ihre Tätigkeit nur ein Deckmantel für ihre wahre Berufung, das Übersinnliche, das, was andere Menschen nicht verstanden. Doch sie war freilich eine Auserwählte Gottes, und lange Abende hatte sie sich mit den Dingen, die um sie herum passierten, beschäftigt, und sie teilweise auf Fotopapier festgehalten. Sollte der Einfluss der Dänen sich ausweiten, könnte dies alles in Gefahr kommen.

Doch ihre Fähigkeiten reichten nicht aus, um sich unbemerkt die Lage anzuschauen, deshalb entschloss sie sie, enttäuscht von sich selbst, in den Stift zu gehen und dort die Sachlage gründlich zu überdenken.

Alfred Nobel

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Casus Belli
« Antwort #26 am: 17.04.2011, 17:29:40 »
"Nein! Nein, das darf nicht wahr sein!"

Das blanke Entsetzen stand dem Schweden ins Gesicht geschrieben. Reglos und vor Schrecken erstarrt stand Alfred am Geländer des Steges, als ob jeder Fuß, den er näher am Geschehen stehen würde, einen Unterschied bewirken könnte. Die blitzenden Lichter begleitet mit dem dumpfen verherenden Knall ließen Alfred nur erahnen, was dort auf See vor sich ging. Doch die Sorge und schlechten Nachrichten genügten, um Alfreds verzweifelte Angst seine Gefühle übermannen zu lassen.

"Das ist mein Bruder dort! Die Brigg gehört zu mir!", rief der eigenartige Fremde durch den stürmischen Regen den Soldaten und Studenten zu, die eilig ihre Positionen bezogen. Niemand der Militärs beachtete ihn. Wie unwirklich die Szenerie sein musste, kam Alfred gar nicht erst in den Sinn. Schließlich behauptete er, ein völlig Fremder, dass die Seeschlacht vor Kiels Ufern seiner Verantwortung gebühre.

Hilfesuchend blickte Alfred den Platz vor den Ufern ab. Auf dem Platz erkannte er den Studenten wieder, der zuvor an der Universität in das Streitgespräch verwickelt war. Mit militärischen Gebärden verständigte er sich mit einem uniformierten Herren, der offenbar Befehle erteilte. Dies musste Alfred genügen. Seine Hilfslosigkeit ließ ihn ersticken, aber dennoch rannte er unbeholfen zu dem Offizier, der sich gerade von Carl löste. Bevor dieser sich weit von dem Studenten entfernen konnte, rief Alfred ihm laut hinterher.

"Halt! Herr Offizier, mein Herr! Die Brigg gehört zu mir, Sie müssen etwas unternehmen! Sie müssen mir helfen - mein Bruder ist auf diesem Schiff!"

Flehend gestikulierte und deutete Alfred in Richtung Meer, als er endlich zu Carl und dem Wachmann aufschloss.
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 - A Riddle, 1851

Menthir

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Casus Belli
« Antwort #27 am: 17.04.2011, 23:52:36 »
6. Dezember 1863 - Am Vorabend des Krieges - 00:05 Uhr

In der Zwischenzeit kam Schwester Hermene wieder am Altenstift an. Diesem schönen, alten Haus mit den weißen Fensterläden und der grünen Tür, welche mit Handschnitzereien übersäht war, die biblische Figuren darstellten. In der Türmitte war ein Methusalem abgebildet, welcher aufopferungsvolls behütet und gepflegt wurde. Die grüne Tür, sie war von einem gläubigen Handwerker gestiftet wurden und passte perfekt in das Bild, welches Mutter Ursula von der Weitergabe des Glaubens hatte. Nicht nur war Grün die Farbe der Hoffnung, eine Farbe, welche überall im Stift anzutreffen war, sondern es gab auch Ikonographien noch und nöcher. So kümmerte sich die Mutter des Stiftes um ihre missionarischen Aufgaben. Der ganze Stift war eher ein kleines Museum voller Heiligenbilder, Statuetten und jedweder Darstellung von Heiligen, die Mutter Ursula auffinden konnte. Hier ein kleiner Löffel, auf dessen Rückseite das durchbohrte Buch des Bonifatius[1] zu sehen war, dort ein unwichtiges Flugblatt über Ablasshandel und Sünden, auf dem die Pfeile des Märtyrers Sebastian[2] abgebildet waren. Und dann war da noch das persönliche Arbeits- und Gebetszimmer der Mutter, im einzigen Erker[3], der über dem Haupteingang prankte. Diese Zimmer war der Lieblingsheiligen der Mutter fast allein gewidmet: Teresa von Ávila[4]. Sie war Ursula wahrlich heilig, sie fand Trost in dieser Heiligen, wenn sie um die Religionsgleichheit im Norden betete und sich immer wieder gegen die Widerstände der Stadt Kiel stellte.
Doch nun ließ sich nicht viel von der Pracht des Hauses erkennen, an der weiß gestrichenen Außenwand prankte ein großer, blutroter Fleck. An der Wand herab gerutscht, unterhalb der drei Stufen, welche zum kleinen Portal des Stiftes führten, lag ein junger Mann. Er atmete flach und hielt sich mit den zu kleinen Händen die große Wunde auf seiner Brust, welche scheinbar bis auf den Rücken ging, wenn Hermene sich die Blutlache an der Wand betrachtete. Er hatte sich bis hier geschleppt, Hermene sah das viele Blut auf den Steinplatten unter den Laternen, auch wenn der starke Regen es langsam wegspülte. Er hatte nicht mehr genug Kraft gehabt, sich die Treppen hochzukämpfen, und war unter der Treppe zusammengebrochen. Er trug keine Jacke, nur ein weißes Hemd und eine weite, schwarze Hose, als wäre er ein Fechter gewesen. Das Laternenlicht am Portal leuchtete in die Gesichtszüge des jungen Mannes. Es war jener Mann, welchen die Studenten Marius genannt hatten.

Der Offizier, der Oberstwachtmeister drehte sich um und blickte Alfred an. Sein Blick zeigte etwas Mitleid, aber entschieden schüttelte er den Kopf. "Mein Beileid, guter Mann. Aber womit soll ich helfen, wenn nicht mit dem, was ich bereits tue? Ich habe kein bewaffnetes Schiff zur Verfügung. Ich habe nur zwei mickrige Kanonen, guter Mann. Die Truppe liegt im Biwak bei Molfsee und braucht zwei Stunden, ehe sie hierher verlegt hat." Er gestikulierte entschuldigend mit den Armen, und wusste scheinbar nicht so recht, was er sagen sollte. "Aber wenn Sie wissen, welche Brigg es ist, wer fährt sie, unter welcher Flagge? Was können sie getan haben, dass sie bis nach Kiel gejagt werden?" Der Oberstwachtmeister versuchte mit Gegenfragen von seiner Unsicherheit abzulenken, und fügte an. "Vielleicht können mehr Informationen helfen...", seufzte van Widdendorp, "auch wenn es nur im Nachhinein sein wird." Er nahm Haltung an und sagte schließlich. "Guter Mann, ich tue, was ich kann. Aber mehr, als die Männer auf dem Schiff aus dem Wasser zu holen, kann ich Ihnen leider nicht bieten." Der dicke Offizier erschien ob der Situation ziemlich hilflos, weshalb er auf Carl von Lütjenburg zeigte. "Aber auch Sie können helfen, mit allem was Ihnen lieb ist, guter Herr. Schließen Sie sich den Freiwilligen um den Leutnant von Lütjenburg an. Mehr als diese Aussicht kann Ihnen nicht geben, nicht im Moment, guter Mann." Unheilvoll ertönten weitere Kanonenschläge in der dunklen und verregneten Nacht und der Oberstwachtmeister zog seufzend in die trockene Unterkunft seines Gebäudes ab, wollte keine Antworten auf seine Fragen im Moment und ließ Alfred nun allein in der Nähe des Leutnants. "Es tut mir Leid...", hatte Oberstwachtmeister van Widdendorp noch angeführt.
 1. Der heilige Bonifatius
 2. Der heilige Sebastian
 3. Erker
 4. Die Heilige Teresa
« Letzte Änderung: 17.04.2011, 23:53:19 von Menthir »
"Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit." - Jean-Jacques Rousseau, Du Contrat Social

Carl von Lütjenburg

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Casus Belli
« Antwort #28 am: 18.04.2011, 00:38:58 »
Carl salutierte und sah dem Oberstwachtmeister hinterher. Erst dann blickte er zu dem etwas älteren Mann, der behauptete dass das beschossene Schiff zu ihm gehörte.

"Carl Heinrich von Lütjenburg. Ich habe Sie schon vor dem Haus unserer Verbindung gesehen, oder?" Der junge Offizier verzichtete auf militärisches Brimborium im Gespräch mit seinem Gegenüber und reichte ihm die Hand. Der Mann war offensichtlich aufgebracht und war wohl auch fremd hier, ein spröder Kasernenhofton würde hier nicht weiter helfen.

"Kommen Sie und begleiten Sie mich. Ich muss zu meinen Männern und dafür Sorge tragen, dass wir unseren Beitrag zur Rettung leisten."
Er schritt in Richtung der wartenden Studenten zurück und sprach dabei weiter. "Warum sollte man Ihr Schiff angreifen und das so nah vor dem Hafen? Hat es etwas besonders brisantes geladen, Herr ehm - oh einen Moment bitte."

Inzwischen stand Carl vor seinen Studenten und schwang augenblicklich wieder in den Befehlston des preußischen Offiziers um. "Wir haben den Befehl bekommen den Kutter Helka zu requirieren und damit die Bergung der Schiffbrüchigen zu unterstützen. Also auf zur Helka, meine Herren."

In dem Moment bemerkte er Karl Schreiber, der durch sein Fernglas zu dem Kampf herüber sah. "Karl. Konntest du etwas erkennen?"


Karl Schreiber

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Casus Belli
« Antwort #29 am: 18.04.2011, 12:52:59 »
Der angesprochene nahm das Fernglas wieder herunter und schüttelte den Kopf. "Nicht viel, aber die Brigg ist ein Schwede. Wenn wir mehr wissen wollen müssen wir dichter ran."

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