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Autor Thema: Casus Belli  (Gelesen 80481 mal)

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Menthir

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Casus Belli - Epilog
« Antwort #360 am: 09.10.2013, 11:38:53 »
Epilog

Conrad war still geworden nach seinem emotionalen Ausbruch auf Gut Emkendorf und so verabschiedete er sich eher still nickend denn wortreich. Bestätigte seine Einwilligung, die Nobels in ihren letzten Kieler Tagen zu begleiten, nach der Art der Lakonier. Und so trennten sich schließlich alle Beteiligten, verschwanden in den klaren Wegen und den Irrpfaden der Geschichte und Beobachtung von außen. All jene, welche das Schicksal, der Zufall, die Geschichte für einen kleinen Moment der Menschheitsgeschichte geeint hatte, wurden von ihren eigenen Motivationen, Zielen, Pflichten, Verbindungen und vielleicht auch von jenem Schicksal oder Zufall wieder auseinandergetrieben. Doch seichte Bande würden bestehen bleiben. Vielleicht gab es eine Zugkraft, welche diese Personen noch einmal in der Geschichte zusammenziehen würde an einem Ort irgendwo auf dieser Welt, in einer Zeit des gefühlten Aufbruchs...

Alfred Nobel erlebte unaufgeregte Tage während seines restlichen Aufenthaltes in Kiel. Der Kontakt zu Oscar Hergren war schnell hergestellt. Die Versicherungspolicen der Reederei griffen schnell und ohne, dass Alfred Nobel tief in die Geschehnisse eingebettet wurde, machte der schwedische Botschafter klar, wie peinlich den Dänen die Verwicklung ihres Kriegsschiffes sei. Sie kamen für die Schaden mittelbar auf und noch ehe die Truppen infolge der Bundesexekution Schleswig-Holstein erreicht hatte, bekam er noch vom alten, wirklichen Herzog Holsteins, Christian, eine Bestätigung, dass er sich in Holstein geschäftlich niederlassen durfte. Beste Wünsche wurden übermittelt, die Entschuldigungsbriefe vage wie möglich gehalten und dann der Kontakt schnell wieder eingestellt. Vielleicht war es ein Anzeichen dafür, dass die Dänen die Sache aus der Welt schaffen wollten, vielleicht ließen die anrückenden Truppen auch keine andere Wahl als eine kurze, geschäftliche Klarstellung.
Wenige Tage später erreichte Alfred Nobel dann auch die Kunde aus Stockholm, auf die er ebenso gewartet hatte. Seiner Familie ging es gut. Anhand ihrer Briefe hatten sie von der Bedrohung weit weniger wahrgenommen als Emil und Alfred. Vielleicht war dies auch gut so gewesen.
Doch noch immer war nicht geklärt, was der Krieg bringen würde. Doch würde keiner beantworten können.

Die Vorlesungen für dieses Semester entfielen. Ehe Samuel sich auf die nächsten Vorlesungen vorbereiten konnte, und seinen Ruf als ausgezeichneter Dozent vertiefen konnte, war er bereits wieder seinem wissenschaftlichen Patron Gustav Karsten begegnet. Er überreichte ihm die Mitteilung des Herzogs von Holstein und Schleswig, dem dänischen König, dass die Lehraktivitäten der Universitäten zu ruhen hätten, da durch den eingetretenen Kriegsfalle keine Gehälter gezahlt werden könnten und ein Teil des Personals auch für den Kriegsdienst eingezogen wurde. Es war kein Geheimnis, dass es auch dänische Professuren an der Universität gab. Und es war ebenso kein Geheimnis, dass sich manch einer Preußen anschließen würde. Aber so war Samuels Ruhmmehrung vorerst auf Eis gelegt. Wer wusste schon, wie lange dieser Krieg gehen würde?
Und doch gab es etwas Hoffnung. Eine Trupp besonders hartnäckiger Professoren, auf einen Umschwung der Herrschaft hoffend, ließ die Lehrtätigkeit nicht sein und mit all jenen, die nicht an der Front zu sterben zu gedachten und der Forschung und Wissenschaft ihr Herz geweiht hatten, widmeten sie sich diese Gelehrtenidealen.

Carl kam gar nicht bis nach Berlin. Im kleinen Herzogtum Sachsen-Lauenburg traf er auf die Vorboten des größeren Heers, welches von der Bundesexekution gestellt wurde. Es waren gespannte Männer, die er dort antraf. Diszipliniert, doch ängstlich. Gut ausgebildet, aber meist kampfunerfahren. Sachsen, Preußen und Österreicher, sie sammelt sich. Dennoch kam er seinen Pflichten nach und fügte sich Stück für Stück wieder in die preußische Armee ein, als hätte er keinen Tag gefehlt. Die Pflicht ging vor, und Carl wurde zum Sinnbild von Pflichterfüllung, der seine Loyalität hierarchisch zu ordnen vermochte, wobei Preußen immer die höchste Loyalität zukam. So musste er seinen kranker Vater, seine krankende Burschenschaft und sein Herz zurücklassen, denn vorerst gab es einen Krieg zu fechten. Und die Geschwindigkeit, mit der das Heer sich bildete, ließ entweder darauf schließen, dass Roons Militärreform ein voller Erfolg war, oder dieser Krieg eben unausweichlich...



Er dauerte nicht lang, dieser Krieg. Die Soldaten lagerten, während die Politiker verhandelten. Im Januar gab es ein weiteres Ultimatum, welches zum 1. Februar ablaufen sollte. Die Rücknahme der Novemberverfassung würde den Krieg verhindern. Christian IX. ließ es verstreichen, seine Diplomaten verließen sich darauf, das Ultimatum nochmal verlängern lassen zu können, Zeit zu gewinnen. Der beauftragte, preußische General, der verehrte wie senile Wrangel, ließ nun eigenmächtig, nach Ablauf des Ultimatums, Taten sprechen. Die Soldaten, die im kalten Winterlager ausgeharrt hatten, schlugen jetzt los. Unter ihnen der junge Offizier Carl von Lütjenburg. Der Krieg dauerte nur, in seiner heftigsten Phase, bis zur Erstürmung der Düppeler Schanzen am 18. April 1864. Keine zweieinhalb Monate nach Kriegsbeginn, war er quasi wieder vorüber. Aber es waren heftige Monate und es blieben umkämpfte Monate. Eine Welle von Ereignissen sollte folgen, welche in der Ausrufung des Zweiten Deutschen Reiches am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal von Versailles ihren Höhepunkt finden sollte. Das Herausbilden eines einzigen, deutschen Staates.

Geschichte wird von den Siegern geschrieben, lautete ein altes Sprichtwort. Es diente der Glorifizierung. Preußen war ein glorifizierender Staat. Ein Propagandastaat, würde man später behaupten. Preußen schrieb die Geschichte und so würden Bismarcks Bemühungen über Jahrzehnte so betrachtet werden, dass das Werden der Deutschen Nation nach dem umstrittenen Vormärz unausweichlich war. Alles in Preußen hatte, so die Mär, auf ein großes Deutschland (unter Ausschluss Österreichs wohlgemerkt) hingearbeitet. Alles war eine alternativlose Entwicklung, welche in Versailles genauso enden musste, alles getragen von einem Hurra-Patriotismus.
Und doch: Alfred Nobel, Samuel Weissdorn, Carl von Lütjenburg und Conrad Rosenstock wussten es besser. Obwohl der Sieger in den Jahren die Geschichte schreiben würde, war es so, wie der große Historiker Theodor Mommsen es immer gesagt hatte. Was sie an diesen schicksalshaften Tagen im früh anbrechenden Winter des Jahres 1863 in Kiel und Emkendorf erlebt hatten, war Geschichte. Und für einen Moment rann die Verantwortung für die Entwicklungen durch ihre Hände. Hatten sie wohl entschieden? Diese Bewertung entzog sich wohl jeder realistischen Betrachtung. Aber sie hatten entschieden. Der selbsternannte Herzog, der Augustenburger, erhielt Ende 1863 nochmals die Bestätigung vom Deutschen Bund, dass er als Herzog anerkannt werden würde. Doch die Preußen und Österreicher gestalteten die Politik anders. Der Vertrag von Gastein im Jahr 1865 würde Schleswig an Preußen geben, Holstein an Österreich. Nicht ein Jahr später bekriegte Preußen Österreich und Schleswig und Holstein gingen ganz an Preußen. In der Folgezeit fügte Preußen Schleswig und Holstein zu einer Verwaltungseinheit zusammen. Diese beiden umkämpften Herzogtümer waren schlussendlich eins geworden. Jetzt waren sie, wie immer gefordert, ungeteilt, wenn auch unter preußischer Herrschaft.

Hatten ihre Worte also etwas bewegt? Die Geschichte war nun geschrieben. Preußens Armee erhielt den Beweis, dass sie funktionierte. Wenige Jahre später würde der Verfassungskonflikt in Preußen unter dem Eindruck der Siege gelöst werden. Der Erfolg gab Bismarck recht, argumentierte das Parlament. In Schleswig und Holstein nahm etwas seinen Ausgang, welches auch hätte ganz anders laufen können. Was wäre gewesen, wenn der Vertrag veröffentlicht wurden wäre? Wenn er gar in Kraft getreten wäre? Hätte Preußen dieses Momentum gewonnen, um aus dem deutschsprachigen Flickenteppich wieder ein Reich werden zu lassen? Wer wollte, wer konnte dies schon wissen?

Was passierte mit den Lavalles, den Haldaneschotten, mit Schwester Hermene oder Donald Munro? Was passierte mit dem Schwarzen Braunschweiger? Sie verschwanden wieder im Dunkel der unbeschriebenen Erinnerung und unbeleuchteten Unkenntnis.

Selbst der große Theodor Mommsen ließ die Gestalten dieser Geschichte, auch die Helden dieser Geschichte, im Schatten. In den Folgejahren sollte er sich seinen berühmten Arbeiten zum Römischen Reich widmen. Dennoch darf davon ausgegangen werden, dass die Erlebnisse tiefe Eindrücke in ihm hinterließen. Was mochte er wohl im Jahr 1902 gedacht haben, als er mit dem Nobelpreis für Literatur bedacht wurde für dieses Werk?
Und doch, ausgerechnet er, der große Historiker, der eine ganze Dynastie an Historikern hervorbrachte, schwieg sich ewig über diese schicksalshaften Tage aus und so sind wir die einzigen, die sich dieser Tage und ihrer Brisanz erinnern werden. An jene Tage, an denen das Schicksal Schleswig-Holsteins und vielleicht sogar des Deutschen Reiches hätte ein anderes werden können...

- Menthir, am 09. Oktober 2013
« Letzte Änderung: 09.10.2013, 11:41:01 von Menthir »
"Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit." - Jean-Jacques Rousseau, Du Contrat Social

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