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Autor Thema: Casus Belli  (Gelesen 80983 mal)

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Menthir

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Casus Belli
« am: 23.01.2011, 21:16:50 »


5. Dezember 1863 - Am Vorabend des Krieges - 23:50 Uhr

Es war der Tag nach der heiligen Barbara und der Tag vor Nikolaus, zumindest sahen es die Katholiken nach ihrem altehrwürdigen Heiligenkalender so. Was auch in diesen Momenten auf der Feier zu Ehren des Todestages Friedrich Christoph Dahlmanns[1] belächelt wurde. Belächelt von jener feiernder Schicht ehemaliger oder aktueller Studenten der Burschenschaft Teutonia Kiel, welche bei Reden, Witzen und Anekdoten kräftig die Farben ihrer Burschenschaft wehen ließen, lauthals johlten oder donnernd die mit Wappen übersäten Keramikkrüge, besser ausgedrückt Humpen, aneinanderschlugen, sich in die Arme nahmen. Sie überhörten die mahnende Stimme ihres Kameraden Johannes Fligge, der immer wieder darauf bestand, dass man nicht so leichtfertig über die Katholiken lachen sollte, denn sie würden noch von Bedeutung sein, würde man Dänemark wirklich eines Besseren, also von der rechtmäßigten und ungeteilten Freiheit Schleswig-Holstein, belehren wollen. Mehr Gelächter folgte, auch wenn Österreich sicherlich militärisch eine Hilfe sein würde, alleine deswegen, weil in Preußen ein Konflikt herrschte, welcher auch den ein oder anderen Burschen ins Schweigen fallen ließ. Der sogenannte Verfassungskonflikt und der Streit, der fast soweit ging, dass der König beinahe seine Krone niederlegte. Doch nun hatte er den Mann neben sich, auf den alle schauten. Bismarck.
Die Stimmung war trotz aller Versuche, sie zu heben, gedrückt und gespannt.

Gleichzeitig hörte Schwester Hermene das Lärmen der Studenten. Es war eine Krux. Sie war direkt gegenüber des Gebäudes, in welchem die Burschenschafter feierten, und kam ihrer Pflicht der Fürsorge nach und sorgte sich um die Altenbetreuung. Es war nicht die beste Anstellung, nicht der aufregenste Dienst innerhalb ihrer Kirche, aber es war bisweilen spannend. Einer dieser Gründe war eine der alten Damen in der Altersfürsorge der Kirche. Martha Borggrefe, eine ältere Dame, welche inzwischen bettlägrig war, hatte ein bewegtes Leben gelebt. Geboren in Hannover im Februar 1784, war die fast achtzigjährige Dame in einer Zeit aufgewachsen, welche im Zeichen der französischen Revolution, dem Griff Napoleons und der darauffolgenden Befreiungskriege stand. Sie war eine Springerin zwischen den vielen Symbolwelten, welche über das frühe 19. Jahrhundert aufgebaut wurden. Und sie hatte Hermene, seit diese sich um die alte Dame kümmern musste, eine Menge erzählt. Sie war Schneiderin gewesen und war in ihrem Leben sowohl mit einem preußischen Offizier, als auch mit einem österreichischem Offizier liiert gewesen und hat schlussendlich einen britischen Industriellen geheiratet, welcher eine Reederei in Kiel gründen wollte und doch nur Geldgeber für den findigen Ingenieur Wilhelm Bauer[2] gewesen war. Als dieser Mann, Fred Taylor, vor drei Jahren im hohen Alter entschlief, nahm sie wieder ihren Geburtsnamen an. Seitdem ging es ihr immer schlechter, aber sie liebte das Geschichtenerzählen und so erzählte sie Schwester Hermene alles, was sie über Österreich und Preußen wusste, warum sie das zu England gehörende Hannover liebte und vermisste und warum sie, trotz ihrer Herkunft, immer eine Katholikin geblieben war. Sie war ein aufrechter Mensch und sie brauchte ihre Ruhe. Mutter Ursula, welche den Altenstift leitete, wusste das und sie übertrug Hermene die undankbarste Aufgabe, welche man an diesem Abend vergeben konnte. Sie sollte rüber zu den Studenten gehen und um Ruhe für die kranken, alten Menschen bitten. Es war in sofern eine undankbare Aufgabe, dass Burschenschaften gerne alle Frauen aussperrten, diese Studenten laut und betrunken waren und die Stimmung unter ihnen zudem gereizt schien. Es gab durchaus noch jüngere Nonnen in Kiel und Umgebung, aber Mutter Ursula, die Hermene eigentlich zur Oberin ausbilden sollte, machte keinen Hehl daraus, dass sie die junge Schwester nicht mochte und schob ihr deswegen immer anstrengende Aufgaben zu. Jetzt durfte sie sich um betrunkene Studenten kümmern, es waren bestimmt dreißig in der Burschenschaft...

"Marius, du elender Holzwurm!" Paul war ein Mann wie in Baum, fast sieben Fuß groß. Er galt als einfältig, auch wenn er ein Student war. Man sagte ihm nach, dass nur seine Zeit bei der Armee und das Geld seines Vaters, der Eisenbahnen baute, das Studium ermöglichten. Paul selbst war ein stolzer Deutschnationaler, der sich voll und ganz der kleindeutschen Lösung ergeben hatte und gar seine Familie mit den langen Kerls[3] verband, sein Großvater wollte einer gewesen sein. Die Größe des blonden Riesen mit den schütteren Haaren und den Knopfaugen, sprach dafür. Er war jedoch auch unglaublich langsam und träge, weshalb man ihn auch schnell einfältig nannte. Marius hingegen war ein drahtiger, dunkelhaariger, sehr junger Student, der erst vor sieben Wochen aus Leck kam. Marius Pedersen. Er hatte von Anfang an mit den Vorurteilen zu kämpfen, dass er ein Däne sei, auch wenn er immer darauf verwies, dass er Friese sei. Es führte zu allerlei Duellen, die der junge Marius mit Bravour meisterte. "Marius! Du bist so ein Trottel! Ich sollte dir eine geben." Grund des Streites war die Aussage des jungen Marius, dass man vielleicht darüber nachdenken sollte, den Augustenburger[4] mit einem Attentat zu bedenken, um seine Erbansprüche ein für alle Mal verstummen zu lassen. Während manche diese Aussage für einen Scherz hielten, stellten sich manche jetzt hinter dem großen Paul auf, vielleicht aus Überzeugung, vielleicht um bei einer Schlägerei seinen Fleischerhänden aus dem Weg zu gehen. Andere stellten sich jedoch hinter Marius. Es hatte sich in den letzten Wochen an der Universität abgezeichnet, immer mehr Burschen wollten mit sogenannten großen Taten die Politik auf sich aufmerksam machen und Preußen und Österreich zum Handeln zwingen. Paul verwies auf die Möglichkeit der Bundesexekution, Marius lachte und nannte Bismarck einen Feigling, der sich hinter dem Londoner Protokoll versteckte und gar keine Freiheit für Schleswig und Holstein wollte. Dann nannte er nach ein paar Wortwechseln den sonst eher sanften Riesen einen heimlichen Dänemarksympathisanten, der die Umstände nur akzeptieren würde, damit Dänemark die Novemberverfassung doch durchsetzen könne.
Die ersten Flaschen und Krüge flogen, die ersten Schubser wurden ausgetauscht.
Das Burschenschaftsgebäude war nur ein kleine, alte Knechtskate, die nur eine kleine Küche mit Hexe[5] und einen Hauptraum beeinhaltete, ein kleines Plumsklo war hinter dem Haus im Hof. Alle siebenundzwanzig Gäste, ungewöhnlich wenig für ein Burschenschaftsfest zu Ehren Dahlmanns, hatten Not, sich alle in den Raum zu quetschen, es gab nur sechs Sitzgelegenheiten. Auch das war immer Grund für den Streit gewesen, man wollte mehr Mitglieder und ein repräsentativeres Gebäude. Gerade bei dem aktuellen Wetter, denn es schneite seit drei Tagen und die Temperaturen waren dauerhaft unter dem Gefrierpunkt, sodass keiner sein Bier draußen trinken wollte. Das kleine Gebäude war bis zum Bersten gefüllt und die Laune war auch am Bersten. Die Lage drohte zu eskalieren, Dahlmann und seine Leistung für ein freies Schleswig-Holstein hatte im Moment fast jeder vergessen.
Im Hintergrund rief Johannes mit seiner pfeifenden Stimme, durchdrang den Streit kaum. Er rief, dass man zur Ruhe kommen solle, man sei am Vorabend des Krieges. Manche Burschen schienen entschlossen, ihn jetzt und hier auszufechten. Man spürte, was der Burschenschaft seit Jahren fehlte. Eine Gestalt, an der sich alle aufrichteten. Eine Gestalt, welche die Führung übernahm und eine Linie vorgab. Es gab nur den Ruhm vergangener Tage und Streit. Noch ein Krug ging berstend an der Wand zu Bruch.
 1. Dahlmann
 2. Wilhelm Bauer
 3. Altpreußisches Infanterieregiment No. 6
 4. Friedrich VIII.
 5. Küchenhexe
« Letzte Änderung: 21.03.2011, 21:47:20 von Menthir »
"Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit." - Jean-Jacques Rousseau, Du Contrat Social

Carl von Lütjenburg

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Casus Belli
« Antwort #1 am: 21.03.2011, 23:49:47 »
Eigentlich wollte Carl gar nicht zu dieser Feier gehen. Er hatte vor kurzem eine charmante junge Dame kennengelernt, die seit jener erster Begegnung einen guten Teil seiner Gedankenwelt in Anspruch nahm. Er hatte überlegt ihr einen Brief zu schreiben, es dann aber verworfen und sich lieber dem Gedanken an ein oder zwei Humpen Bier hingegeben. Zweifelsohne ein einfacheres Projekt als einen Brief zu schreiben, so dachte der Chemie-Student im dritten Semester.

Allerdings erwies sich der Genuss des Gerstensaftes als schwieriger zu Bewerkstelligen als gedacht. Ging es anfangs noch recht gut von statten, wurde Carl soeben der Krug in der Hand durch einen umherfliegenden Zweiten zerschmettert, was das Trinken doch sehr erschwerte.

Er hatte dem Streit beigewohnt jedoch mit gewisser Zurückhaltung, schlugen doch zwei Herzen in seiner Brust - ein schleswig-holsteinisches und ein preußisches - aber waren sie doch beide deutsch. Und während er auf die Bruchstücke seines Kruges herabsah fragte er sich, ob es denn unbedingt sein musste, dass man sich stritt wo man doch im groben das Gleiche wollte. Er ließ den unnützgewordenen Henkel fallen und sah zu den Streitenden herüber. Johannes versuchte den Streit zu beschwichtigen, doch war offensichtlich, dass es dazu mehr erforderte als von der Seite ein paar Wörter herein zu rufen.

Carl schob einige Burschen beiseite und sprang mit einem Satz auf den einzigen Tisch in dem Raum. "BUNDESBRÜDER! Euer Verhalten gereicht Euch nicht zur Ehre! Ihr streitet wo ihr alle doch das Gleiche wollt: Unser geliebtes Land aus dem Würgegriff der Dänen zu befreien. Und was macht ihr? Ihr plant im betrunkenen Zustand Attentate und beleidigt einander."

Er sah sich im Raume um. Das Sprechen vor anderen Menschen fiel ihm leicht und er war es als Offizier gewohnt selbstbewusst und schneidig aufzutreten.

"Also wollt ihr nun Deutsche sein oder keifende Waschweiber? Vertragt Euch oder tragt es mit dem Degen aus, aber bedenkt Euer Benehmen und wem dieser Abend gewidmet ist!"

Schwester Hermene

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Casus Belli
« Antwort #2 am: 22.03.2011, 13:45:11 »
Schwester Hermene umgriff krampfhaft ihren Untersuchungsstab. Eiter klebte an einer Spitze, denn sie hatte gerade die Untersuchung einer Zyste am Oberschenkel eines Patienten beendet. Auch wenn diese Arbeit sie anwiderte – es war etwas, was getan werden musste, und sollte es ihrem Aufstieg in den Rängen ihres Ordens dienlich sein, so brachte sie jede Aufgabe diszipliniert hinter sich. Es war kein Ding der Unmöglichkeit. „Anziehen!“, sagte sie knapp und wendete sich von dem Patienten ab.

Sie zog ihren Mundschutz herunter und atmete tief ein. Schon eine ganze Weile befürchtete sie, dass diese widerlichen Studenten wieder Ärger machen könnten. Langsam, über Stunden hinweg stieg der Geräuschpegel, sie hörte die Gläser klirren, Schoppen nach Schoppen, und saufen, das konnten sie, und Lieder singen, welche nach Gottes heiligen Regeln verboten waren. Sie waren eine Zumutung. Männer

Dies war einer dieser Gründe, warum Hermene nie daran gezweifelt hat, dem Ruf der Herren zu folgen. Männer hatten sie nie interessiert. Sie tranken, sie stanken, sie schlugen. Wie ihr eigener Vater. Ein abstoßenden Ebenbild der menschlichen Rasse. Hermene verstand nicht, wie sich einige Frauen den fleischlichen Gelüsten ihrer Kerle hingeben konnten. Ihr selbst erschien der Phallus und das Skrotum als eine Ausgeburt Satans auf Erden – und in der Tat waren diesbezügliche Untersuchungen besonders abstoßend für die junge Schwester.

Sah man die Schwäche der Männer nicht schon an der Existenz der armen Frau Borggrefe? Ihr Mann war bereits tot, und hier dämmerte sie vor sich hin, ihr Zustand sich immer weiter verschlechternd, wohl im Kummer um ihren Verlust. Ein Industrieller war er, wahrscheinlich hat er herumgehurt und sich dem Alkohol hingegeben und dem Tabak. Es braucht nicht sonderlich viel Grips, um zu wissen, warum diese Saufkerle früher starben als Frauen.

Nun hatte sie also die Aufgabe, hinüber zu gehen und den Bengeln Anstand und Respekt vor den kranken beizubringen. Es wunderte sie nicht, dass wieder einmal sie dafür ausgewählt wurde. Mutter Ursula war eine alte Schnepfe, und ihr Verhältnis war, gelinde gesagt, unterkühlt. Dabei wusste Hermene nur zu gut, dass sie nicht viel von ihr hielt, und das brachte sie regelmäßig in diese Situationen. Doch dies tat nichts zur Sache. Sie musste Disziplin walten lassen, und so eilte sie, nachdem sie den Altenstift ordnungsgemäß abgeschlossen hatte, über die Straße zu dem Gelage, welches die Herrschaften veranstalteten.

Sie klopft dreimale mit aller Macht gegen die Tür, doch der Lärm war so laut, dass niemand ihr öffnete. Diese Prozedur wiederholte sie abermals – wieder ohne Erfolg. „Herr steh mir bei“, seufzte sie verzweifelt, doch sie musste ihren Auftrag erfüllen. So öffnete sie kurzerhand die Tür und trat ein in den Studenten Treff. Als sie das bunte Treiben dort erblickte, schlug sie instinktiv eine Hand über die Augen, doch als sie den Unsinn ihres Handelns erkannte, fuhr sie mit der Hand herunter bis zu ihrem Mund. Hermene war eine zierliche Person, mager und sehnig. Doch was ihr an Statur mangelte, machte sie durch Präsenz wett, und eine laute Stimme hatte sie ebenfalls, eine Gabe, die man als eines von vielen Kindern erlernte. “Ruhe! Ruhe!“, brüllte sie und klatsche wutentbrannt in die Hände und trampelte mit ihren Absätzen auf den Boden. Sie schritt mutig in die Mitte des Raumes und schlug mit ihrem Untersuchungsstock wahllos auf die Hände von ihr im Weg stehenden Studenten. "Ruhe sagte ich, was fällt Euch ein, Ihr nutzloses Pack!“, schrie sie erneut. Sie warf den Studenten strenge Blicke zu, und eine tiefe Furche bildete sich auf ihrer jungen Stirn. Sie wusste um ihre Erscheinung und wusste ebenso, dass sie auf andere Leute einschüchternd, gar beängstigend wirken konnte. Sie griff nach ihrem Rosenkranz, küsste ihn und legte ihn in die Nähe ihres Herzens.

Als endlich Ruhe einkehrte, begann sie mit einer scharfen, unterkühlten Stimme die Bibel zu zitieren. Sie spracht laut und deutlich, und ein nicht zu leugnender Zorn lag in ihren Worten. „...und besauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern lasset euch vom Geist erfüllen. Aus dem Brief an die Epheser“, sprach sie. „Nicht seid Ihr hier, um euch den fleischlichen Gelüsten und dem Trank hinzugeben, ihr närrischen Kerle, den verstand sollt ihr schärfen und das Wissen eine Generation weitergeben, das Eure Ahnen gesammelt haben. Dieses Gelage widert mich an. Im gegenüberliegenden Gebäude kämpfen Menschen um ihr irdisches Leben, und Ihr solltet mit Scham erfüllt sein, ihre Ruhe zu stören“, fügte sie hinzu, wobei ihr Ausdruck keine Spur an Schärfe verlor. Sie griff in ihre Tasche und zog eine kleine Bibel hervor, die sie gut sichtbar für jeden in die Höhe hob. „Ich schlage eindringlich vor, Ihr geht nun zu Bett und tut Buße, indem Ihr die Heilige Schrift liest, denn dies ist der Wille unseres Herren. Gelage wie diese sind kein Zustand“, sagte sie, wobei sie die Bibel öffnete. „Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen von Himmel herab auf Sodom und Gomorra und kehrte die Städte um und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war“, zitierte sie, wobei sie den Satz keineswegs ablesen musste, denn sie kannte die Bibel par coeur. Auch wenn sie wusste, dass der Vergleich, den sie gerade gezogen hatte, etwas weit hergeholt war, war es doch eine ihrer liebsten Stellen, mit dem sie Ungehorsam und Sünde bekämpfte – die meisten Leute waren nicht so bibelfest oder intelligent oder beides, als dass sie diesen Umstand verstanden hätten.


Das Ganze in Verbindung mit Intimidate 28
« Letzte Änderung: 22.03.2011, 13:47:52 von Schwester Hermene »

Carl von Lütjenburg

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Casus Belli
« Antwort #3 am: 23.03.2011, 00:35:14 »
Carl wartete gebannt auf die Reaktion seiner Bundesbrüder zu seinem spontanen Aufruf, als die Tür unvermittelt aufflog und eine wütende Nonne in die Stube brach. An sich war Carl Heinrich durchaus als hartgesotten zu bezeichnen, zumindest gehörte er nicht zu der schreckhaften Sorte und es gab nicht viel, vor dem er sich fürchtete. Doch diese Situation ließ ihn doch zuerst inne halten. Zum einen ob ihrer schieren Seltsamkeit und zum anderen, dass die junge Frau tatsächlich ein wenig zwielichtig wirkte.

Der junge Offizier besann sich darauf wer er war und bemerkte gleichzeitig, dass alle im Raum schwiegen. Er hatte niemanden in der Burschenschaft so Gottesfürchtig gehalten, aber die Ordensschwester schien sie wohl alle irgendwie ergriffen zu haben. Er wartete bis die Frau geendet hatte und wandte sich an die beiden Streithähne Marius und Paul.

"Ich werde das regeln und ich schlage vor, dass ihr euch derweil überlegt, wie ihr euren Disput beilegen wollt." In einer geschmeidigen Bewegung hüpfte er von seinem Tisch herunter und schritt durch die verstummten Studenten auf die Nonne zu. Schneidig ließ er die Hacken aneinander schlagen und deutete eine Verbeugung an:

 "Carl Heinrich von Lütjenburg, zu Euren Diensten, Schwester. Hatten gerade einen kleinen Disput bezüglich der politischen Lage unserer schönen Heimat. Beilegung erfolgt nun in gesitteterem Maße."

Er sah kurz über die Schulter zu Marius und Paul herüber und betrachtete dann sein Gegenüber. Er konnte nicht viel von der Frau erkennen bis auf ihr Gesicht, das ihm als sehr schön erschien. Leider war es durch die wütende, strenge Miene der jungen Frau entstellt. Er hatte immer noch das Gefühl, dass von ihre eine gewisse Merkwürdigkeit ausging, die sich ihm aber nicht wirklich erschließen wollte.

Er argwöhnte, dass seine gewohnte militärisch-prägnante Ausdrucksweise die Schwester vielleicht nur zusätzlich verärgerte und bemühte sich um ein wenig Konversation. Inzwischen war er zwar der Meinung dass das Verhalten der Schwester mehr als ungerechtfertigt war, beließ es aber um des lieben Friedens willen darauf.

"Ihr müsst wissen, meine Dame, wir sind selbst nicht sehr zufrieden mit dieser Lokalität. Aber wir Studenten zeichnen uns ja vor unserer Faulheit noch durch unsere Mittellosigkeit aus, also was sollen wir machen? Und wer soll die Deutsche Sache vorantreiben und der Ehren von Friedrich Christoph Dahlmann gedenken - so wie wir es heute tun -  wenn nicht wir?"

« Letzte Änderung: 24.03.2011, 22:59:48 von Carl von Lütjenburg »

Menthir

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Casus Belli
« Antwort #4 am: 25.03.2011, 22:50:07 »
5. Dezember 1863 - Am Vorabend des Krieges - 23:52 Uhr

Carl von Lütjenburg war ohne Frage eine Respektsperson in diesem Saal, denn die meisten kuschten sofort, als er die Initiative an sich riss. Er war das Sinnbild dessen, wovon viele Studenten, jene der Art Maulheld, nur immer wieder in Gedichten und Lieder schwärmten, eine Art Mann, die sie nur sein konnten, wenn sie selbst genügend Bier getrunken hatten und so waren die meisten Studenten auch gleich nach seiner Aufforderung still geworden. Er war das, was viele von ihnen einstmals noch werden wollten: Deutsche Offiziere.

Doch sie blieben Carl Antworten schuldig, denn die aufkommende Stille wurde ein Stück weit bedrohlich, in einer wenig beschreibbaren Art und Weise, als diese seltsame Nonne den Raum betrat und auf unorthodoxe Art und Weise nicht nur um Ruhe bat, sondern sie regelrecht einforderte und so war es nicht verwunderlich, dass Johannes Fligge auch der erste Student war, der sich weitab zurückzog. Es waren nicht die Worte, nicht die Bibel, welche Angst machten und wahrscheinlich war es nicht einmal das forsche Auftreten Schwester Hermenes, welches Johannes Fligge und die Burschen, die um ihn herumstanden, dazu brachte, sofort zu verstummen. Es lag ein unheilvolles Knistern in der Luft. Und auch Paul reagierte darauf, blickte missmutig drein, aber erhob momentan auch nicht das Wort, sich auf die vermittelnden Künste Carls verlassend. Schließlich war Paul nie ein begnadeter Redner gewesen, er wurde aufgrund seines Auftretens schon immer als Mann für das Grobe angesehen, auch wenn sich hinter dem grobschlächtigen Äußeren ein wacher Geist verbarg. Und mit Paul schwiegen auch jene, die hinter seinen breiten Schultern Schutz suchten.
Zu guter Letzt schwiegen auch die Männer rund um Marius, doch dieser hatte selbst einen trotzigen Blick aufgesetzt und war scheinbar nicht in der Laune, sich seinen Auftritt von Carl vermasseln zu lassen. Nein, er, der sonst immer nur durch seine flotten Sprüche und erfolgreichen Duelle aufgefallen war, wollte selbst ein Sprachrohr sein. Aber nicht nur einer von jenen, die viel redeten und nichts sagten und schon keiner von denen, die viel sagten und nichts taten. Er wollte ein wahrer Agitator sein. Er hielt sich, und das wusste ein jeder Bursche, für die Zukunft der Studentenschaft, als einzig legitimer Nachfolger von Männern wie Dahlmann. Niemand traute es ihm zu, denn zwar war er ein guter Fechter, aber ein hundsmiserabler Redner. Er setzte tatsächlich an, unterbrach seinen Streit mit Paul sogar dafür.
"Akklamation, Akklamation! Mehr hat die sich selbst ladende Couleursdame nicht verdient." Marius grinste breit und dreckig, seine Wangen leuchteten bereits im Kerzenschein rötlich vom genossenen Alkohol. Marius hatte eine nervtötende Stimmhöhe.
"Mit Verlaub, ich Marius Pedersen, behaupte, dass ihr diese Deprekation von uns nicht fordern könnt. Und auch wenn euer ungewöhnlicher Auftritt die Corona verstört hat, dürft ihr euch nicht zu viel darüber freuen." Scheinbar hatte der junge Mann sich eine Menge Mut angetrunken, eine katholische Geistliche so anzufahren. Zwar war der Katholizismus in Holstein so gut wie nicht ausgeprägt, aber dennoch waren auch die holsteinischen Protestanten fromm und normalerweise gut genug erzogen, um einer geistlichen Person mit gebührendem Respekt zu begegnen oder zumindest mit ihrem Ärger zu warten, bis der Pfaffe oder die Nonne ihnen mit der Kollekte auf die Pelle rückte oder sich sonstwie grundlegend ins Abseits stellte. "Deshalb, Gottesfrau, störet unsere Fidulität nicht weiter und gehet eures Weges, sonst machen wir den Stift noch zum Paukboden." Er lachte dreckig und hoffte, dass andere mit einsteigen würden in sein Lachen, doch sein Lachen blieb unerhört. "Dann wäre dort jedenfalls was los und die Alten hätten noch was zu gaffen, ehe der Nekrolog kommen muss." Er lachte wieder, wieder stimmte keiner mit ein. Marius, der inzwischen einen Humpen aufgenommen hatte, warf ihn wütend zu Boden und schmollte. "Ach! Mit euch Verschiss kann man auch kein Spaß haben, ihr Finken. Dixi!"[1] Ein kurzes Flüstern der anderen Studenten, während Marius sich an die frische Luft drängte; sie ließen Carl weiter den Vortritt, noch wagte sich kein anderer zu sprechen.

 1. 
Wer die Worte von Marius nicht versteht, darf einen Linguisticswurf machen. Normalerweise ist diese Fähigkeit nur trainiert einsetzbar, es sei denn, es handelt sich um die Rassensprache. Die Fähigkeit gilt normalerweise für das Lesen, hier gilt es auch für das Verstehen dieser künstlichen Sprache. Es kann von jedem eingesetzt werden, um die Studentensprache zu entschlüssen: SG 15. Wer den Wurf schafft, versteht Folgendes (Anzeigen)
« Letzte Änderung: 25.03.2011, 22:54:07 von Menthir »
"Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit." - Jean-Jacques Rousseau, Du Contrat Social

Schwester Hermene

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Casus Belli
« Antwort #5 am: 30.03.2011, 13:10:50 »
Hermene schaute zunächst halb entsetzt, halb fasziniert auf diesen Carl von Lütjenburg, der es sich herausnahm, einer Gottesfrau, die sozusagen Gottes Werkzeug auf Erden darstellte, Widerworte zu geben. Auch wenn Carl ganz objektiv betrachtet lediglich seine Meinung kundtat, stellte er in der verzerrten Wahrnehmung der Ordensschwester, die, von den Geplagten und Entstellten aufgebracht, der Situation durch ihre Drohgebärden Herrin zu werden versuchte, eine Impertinenz sondergleichen dar. Gerade will sie Carl antworten, als ihre Geduld auf eine noch viel schlimmere Art und Weise auf die Probe gestellt wurde.

Neben dem kurzzeitigen Feindbild Carl wagte es noch ein weiterer Student, sich gegen die Schwester zu richten, und dies auf eine disrespektable Art und Weise, wie es Hermene nicht gewohnt war Zwar verstand sie nur die Hälfte von dem, was er von sich gibt, doch schon das tat ihr genug. Sie ist kurzzeitig derartig schockiert, dass es ihr die Sprache verschlägt, und ihre Augen funkeln den Ketzer Marius hasserfüllt an.

Nach einigen Sekunden, als der Student sich aufmachte, den Raum zu verlassen, stemmte sie mit erhobenem Kinn ihre Hände in die Hüfte. „Wie Ihr sehen könnt, seid Ihr der einzige, der Eure Frechheiten zum Lachen findet, Herr Pedersen“, sagte sie scharf, und die Dielen schienen unter ihren Füßen sonderbar laut zu knirschen, so als wog sie viel mehr, als es augenscheinlich möglich sein konnte. „Ich hoffe Ihr seid ebenso gespannt darauf wie ich, ob Euch noch zu lachen zu Mute ist, wenn Satan persönlich am Tag des Letzten Gerichts Euch die Zunge mitsamt Innenapparat herausreißt und seinen Schergen zum Fraße vorwirft!“, zischte sie ihm nach. Dann, in der Hoffnung, dass der Student endlich sein vorlautes Maul halten würde, wendete sie sich Carl zu. Nach den Worten Marius‘ erscheint von Lütjenburg ihr wie ein Musterknabe, weswegen sie sich entschließt, sich herabzulassen und eine Diskussion um ihr Anliegen zu beginnen.

„Verstehe, Herr von Lütjenburg. Eine Feier für den Dahlmann also. Wenn Ihr Euch schon so eifrig für die…politische Lage…interessiert, dann sicherlich auch für unsere Kriege?“, fragt sie ihn leise. „Seid Ihr dann nicht der Meinung, dass die Verletzten und die Alten in ihrem Elend und ihren letzten Atemzügen ein bisschen Ruhe verdient haben? Ich erinnere Euch alle daran, dass Pest und Cholera auch vor Studenten nicht halt machen – möglicherweise seid Ihr bald in einer ähnlich verzweifelten Lage und dürft Euch Euresgleichen beim Saufen und Randalieren zuhören?“, mutmaßte sie provokativ, wobei sie sich gegen Ende ihres Satzes wieder allen zuwandt und ihre Stimme laut erhebte.
« Letzte Änderung: 30.03.2011, 22:59:52 von Schwester Hermene »

Conrad Rosenstock

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Casus Belli
« Antwort #6 am: 30.03.2011, 18:18:00 »
Conrad hat noch nicht so viel auf der Feier zu Ehren von Friedrich Christoph Dahlmann getrunken. Es war kein Tag für ein größeres, sinnloses Besäufnis. Der Politikstudent konnte weder Paul, noch Marius allzu gut leiden. Paul empfand Conrad als einfältig und als typische Figur eines Raufbolds. Doch seine Meinung von Marius war nicht viel besser, denn diesen hielt er für einen Schwätzer. Vorallem seine Kritik gegenüber Bismarck teilte Conrad nicht. Vielmehr war es eine Person die Conrad wegen seiner Politik bewunderte.

Wenn Carl in der momentan aufgeheizten Situation nicht das Wort ergriffen hätte, hätte er selber es getan. Er stimmte mit Carl in allen Punkten überein. Demonstrativ stellte sich Conrad in dessen Nähe. Als Atheist konnte er nicht viel mit Bibelgeschichten und Religiösität anfangen, aber auch Conrad war durch das Auftreten von Schwester Hermene etwas irritiert und eingeschüchtert, was an ihrer Aura liegen musste. Einige Momente brauchte Conrad bis er sich wieder fangen konnte.

"Ihre provokative Aussage gegenüber 'Herr von Lütjenburg' hätte es nicht bedurft, Schwester. Auch verstehe ich nicht, warum Sie anderen Menschen versuchen mit Sagen und Legenden Angst einzujagen. Aber in einem Punkt stimme ich mit Ihnen überein, nämlich dass am heutigen etwas mehr Ruhe und weniger Saufgelage nicht schlecht wäre. Ein paar Bier sind nicht schlimm, aber man sollte ein Fest zu Ehren von Friedrich Christoph Dahlmann nicht für ein größeres, sinnloses Besäufnis hernehmen."


Carl von Lütjenburg

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Casus Belli
« Antwort #7 am: 31.03.2011, 00:11:23 »
"Schwester, am besten beachtet Ihr Marius nicht. Neigt zur Überheblichkeit, wahrscheinlich dem Alter geschuldet. Bitte stellvertretend um Verzeihung. Natürlich ist Eure Forderung nach Ruhe gerecht und entspringt einem löblichen Ansinnen."

Carl empfand Marius' Auftritt als übertrieben aufschneiderisch, zumal er genau wusste, dass dahinter lediglich die Fechtkunst des Jüngeren stand aber sonst nichts. Trotzdem bemühte er sich darum die Situation elegant zu übergehen, denn die Nonne vor ihm schien nur wenig Spaß zu verstehen und wirkte weit strenger als jede Vorstellung die Carl selbst zu Kindeszeiten von ihrem Dienstherren entwickelt hatte.

Nun schaltete sich auch Conrad Rosenstock ein. Carl kannte ihn ein wenig, aber hätte nicht mit dessen Unterstützung gerechnet. Er hätte zwar nicht der Unterstützung bedurft, aber schien es ihm auch keine schlechte Idee, wenn die Schwester merken würde, dass hier nicht jeder sturzbetrunken war. Dabei musste Carl sich eingestehen, dass er das Bier doch ein wenig spüren konnte, allerdings umschlang es seine Gedanken noch lange nicht, wie es bei dem Einen oder Anderen schon der Fall war.

"Ich denke Conrad hat Recht, Schwester. Natürlich auch in der Lautstärke dieser Feier, aber auch damit, dass Ihr in gleichem Maße erfolgreich gewesen wäret, wenn Ihr einen etwas... sanfteren Tonfall gewählt hättet. Wie Ihr Euch hoffentlich überzeugen könnt gibt es hier auch Männer von Ehre und Anstand."
Wie Carl dies sagte klang es nicht so, wie es so oft klingt, wenn manche von solchen Werten sprachen. Nein es schien vielmehr so als wäre der Begriff 'Ehre' für ihn so klar definiert wie ein Naturgesetz und 'Anstand' eine Gleichung deren Faktoren genau bestimmt werden konnten. Es schien ihm etwas zu bedeuten und so schwieg er auch einen Augenblick, wohl in der Gewissheit, dass trotzdem nicht jeder hier so beschrieben werden konnte.

"Was Eure Frage angeht, so bin ich von Berufswegen mit dem Kriege vertraut gewesen. Aber Verletzte gibt es in jedem Krieg, nicht bloß in unseren Kriegen. Und wie ich schon andeutete, bin ich sehr wohl der Meinung, dass Eure Alten und Verletzten ihre Ruhe haben sollte. Aber nicht aus Furcht vor den Krankheiten, die Ihr uns da androhen wollt, liebe Schwester..."  Die Pause war offensichtlich eine unausgesprochene Frage nach dem Namen des unverhofften Gastes.

Karl Schreiber

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Casus Belli
« Antwort #8 am: 31.03.2011, 21:38:56 »
Karl hielt sich während des Tumultes und des ungewöhnlichen Auftrittes der Ordensschwester im Hintergrund. Wie seit jeher haben mich meine Komilitonen nicht enttäscht. Irgend etwas passiert doch immer bei unseren Treffen, und über einen Mangel an Ideen für mein neues Werk kann ich nicht klagen. Als Carl und Conrad sich mit der Ordensschwester unterhalten, rückt er jedoch näher heran, um sich ncihts von dem Gespräch entgehen zu lassen.

Menthir

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Casus Belli
« Antwort #9 am: 31.03.2011, 21:56:39 »
5. Dezember 1863 - Am Vorabend des Krieges - 23:54 Uhr

Es durfte doch nicht angehen, könnte man meinen. Eigentlich hätte das Schiff aus Stockholm schon seit dem 3. Dezember ankommen müssen, und immer wieder hatte der Commis[1] der Reederei, welche das Schiff, auf welchem Emil Oskar Nobel reiste, betreute, beteuert, dass es sicherlich nur am kalten und bisweilen doch stürmischen Wetter liegen musste, dass die "Solros[2]", eine alte, schwedische Brigg[3], noch nicht angetroffen war und Verzögerung hatte. Caspar Andersson hieß der alte Mann mit dem grauen, fein getrimmten Koteletten und dem alten, aber noch immer ansehnlichen, königsblauen Anzug und er hatte immer warmherzig versichert, dass der wertvollen Ladung und Emil nichts passiert sei. Das Schiff sollte über Danzig fahren und vielleicht lag es dort noch im Hafen, hatte der Kommis immer beschworen und darauf vertröstet, dass Alfred, der den Auftrag gegeben hatte und schon in Kiel war, einen halben Tag später schauen sollte. Vor vier Stunden hatte der Kommis dann sein Büro geschlossen und erklärt, dass es unwahrscheinlich sei, dass die Solros heute noch einliefe. Und dann hatte Alfred beim Abendessen im Krug "Wiener Wald"[4] auch noch erfahren, dass es diese Gerüchte gab, dass die Dänen den Situation argwöhnisch beäugten. Der dänische König war selbst im Stande eines Fürsten beziehungsweise Herzogs im Deutschen Bund und so entging ihm die Vorbereitung der Bundesexekution nicht. Es hieß, dass die Dänen Schiffe, die nach Schleswig und Holstein gingen, abfingen.

Dieser Gedanke ließ Alfred Bernhard Nobel nicht schlafen. Müde wanderte er von seiner Unterkunft, gleich in der Nähe der Universität, die wenigen Meter zur Kieler Förde, zum Hafen. Die Universität war über die Innenstadt verteilt und lag in direkter Nähe zum Hafen und so wunderte es Alfred nicht, dass noch Lärm in der Nähe der Universität war. Es war Samstag, fast vor Mitternacht. Alfred war seit einigen Tagen hier. Es war der Abend in der Woche, in der sich Student, Soldat und Seemann die Klinke in die Hand gaben und so doll zechten, dass sie am nächsten Morgen nicht in die Kirche konnten. Schlägereien und Saufereien standen auf der Tagesordnung, und so wunderte es Alfred nicht, dass er vor einer der vielen, schäbigen Fischerkaten noch Lichtschein sah und Lärm hörte. Diese Fischerkaten waren dem Verfall preisgegeben, sie wurden immer mehr durch Lagerhallen und große Arbeiterhäuser ersetzt. Dem direkt angrenzenden Altenstift würde es in Anbetracht der immer schnelleren, technischen Entwicklung auch irgendwann einer Arbeitshalle Platz machen müssen.
Plötzlich hörte der Lärm auf, als Alfred auf vielleicht zweihundert Meter an dem Haus war, ein junger Mann kam wütend aus der Kate geeilt und zündete sich einen Glimmstängel an. "Heilige Hure, verbrenn doch...", polterte er noch in die offene Tür und schlug sie dann so kraftvoll zu, dass sie gleich wieder aufschwang. Der junge Mann, augenscheinlich ein Student, bemerkte Alfred nicht und ging weiter in die Stadt hinein, bewegte sich weg von der Versammlung.

Alfred war nah genug, um jetzt deutlich gefasstere Gespräche mitzubekommen, vielmehr war es wohl ein Gespräch[5]. Es schien um einen Streit zu gehen und eine Schwester, was auch immer das meinen durfte, schien daran beteiligt. Als Worte von Krieg fielen, da konnte Alfred doch schon hellhörig werden, war es doch das Thema, was ihn ewig und drei Tage lang schon verfolgte...

Die anderen Kommilitonen[6] schwiegen weiterhin beharrlich, während Marius' Unterstützer sich langsam auf die Ecken des Hauses verteilten und manche sich gar zu Paul stellten, der nur vielsagend brummte. Eins hatte Schwester Hermene auf alle Fälle erstickt, die Lust der Studenten zu feiern. Paul schubste ein paar Studenten, die ihn zu sehr umringten fort und brummte dann mit seiner dumpf klingenden Stimme. Sein Atem war schwer. Alle schienen noch immer darauf gespannt, wie es weitergehen würde. Die meisten Studenten wurden wieder zu jener Art wohl erzogener Kinder, die sich vornehm zurückhielten, wenn Erwachsene sich unterhielten. Das Thema Krieg hatte sie sofort gebannt, das Thema Religion wohl kaum.
 1. Kommis
 2. Schwedisch für Sonnenblume
 3. Brigg (Schiffstyp)
 4. Gaststätte
 5. Alfred kann alles ab Conrads Worten verstehen.
 6. Abgeleitet von lat. commilito für „Mitstreiter, „Kriegsgefährte, Kamerad“; ebenso commiles für „Waffenbruder“ (zu miles, „Soldat, Krieger, Streiter“).
"Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit." - Jean-Jacques Rousseau, Du Contrat Social

Alfred Nobel

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Casus Belli
« Antwort #10 am: 01.04.2011, 11:01:45 »
Obwohl es bereits tiefer Dezember war, berührte das kalte Wetter Alfred kaum. Er trug seinen Paletot[1] aufgeknöpft, die Ohrenklappen seiner Uschanka[2] waren hochgeschlagen. Durfte man die letzten Winter im unbarmherzigen Sankt Petersburg verbringen, so war der deutsche Winter offensichtlich eine willkommen sanfte Abwechslung zu den russischen Schneestürmen. Doch gerade die Kombination aus französischer und russischer Mode, gepaart mit dem stolz getragenen Bart hinterließen einen skurrilen Eindruck von dem Schweden, der nun neugierig der offenen Tür nähergekommen war. Vielleicht vermochte ihm ein Einblick in die deutsche Jungend auf andere Gedanken zu kommen - oder gar im Gegenteil mehr über diese vermaledeite Laune Dänemarks zu erfahren.

"Ich hoffe nur, Emil geht es gut..."

Still aber interessiert stand Alfred am Türbogen und beobachtete die jungen Leute. Studententum, der Inbegriff von Freiheit und Stolz, das Gefühl von Grenzenlosigkeit und doch einflussreicher Taten. Schon immer hatte Alfred die Studenten für ihre Autonomie beneidet. Zwar war er der festen Überzeugung, dass seine private Ausbildung ihm wesentlich mehr gelehrt hatte, als diese jungen Leute von ihrem sozialen Schabernack abgelenkt je erfassen können würden, doch was hätte er dafür gegeben, in stiller Genügsamkeit neben Wordsworth auch noch Coleridge[3], Arnstein[4] und Chénier[5] lesen zu dürfen, ohne die Pflicht im Nacken sitzen zu haben.

Alfred zog sich die Fellmütze vom Kopf verschränkte die Arme hinter seinem Rücken. Ein Blick in einige Gesichter der jungen Männer verriet ihm, dass der Alkohol wohl dafür sorgen sollte, dass er nicht zu viel Aufsehen erregen würde. Im Gegenteil, es schien im Moment eine ganz andere Begegnung die Menge im Zaum zu halten. Eine Nonne, die mit dem Rücken zu Alfred stand, hatte sich offenbar in diese Kammern verlaufen und stand zwei selbstbewussten Männern gegenüber, während die anderen sich scheuten. Amüsiert und höflich hielt Alfred sich zurück und hörte der Außeinandersetzung zu.
 1. Übermantel
 2. russ. Ohrenmütze
 3. Samuel Taylor Coleridge
 4. Benedikt Arnstein
 5. André Chénier
« Letzte Änderung: 05.04.2011, 14:30:53 von Menthir »
But I have learned to study Nature’s book
And comprehend its pages, and extract
From their deep love a solace for my grief.

 - A Riddle, 1851

Schwester Hermene

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Casus Belli
« Antwort #11 am: 05.04.2011, 13:50:12 »
Hermene sah Conrad mit strenger Miene an. „Und Ihr seid?“, fragte sie unterkühlt und distanziert. „Wie dem auch sei, wohl gesprochen, doch sagt mir, wollt Ihr mir sagen, dass es andere Feste gibt, die man für ein größeres, sinnloses Besäufnis hernehmen sollte? Meiner Meinung nach nicht, doch das unterscheidet gläubige Gottesleute von Ungläubigen, die die Lehren des Herrn als Sagen und Legenden abtuen“, konterte sie Conrad forsch, der es versäumt hatte, sich vorzustellen, und dessen Anschuldigungen Hermene darüber hinaus zur Weißglut trieben.

Dann wandte sie sich wieder Carl zu. Sie durchblickte die unterschiedlichen Weltauffassungen, die die Studenten scheinbar aufwiesen, keineswegs. Der Gedanke, dass man nicht jeden dieser Bengel über einen Kamm scheren könne, war ihr bisher noch nie gekommen und verstörte sie gar ein wenig, auf eine erregende, doch unverständliche Weise. „Euer Gelage werde ich nicht billigen, indem ich Euch mit Samthandschuhen anfasse oder Euch gar Honig um den Mund schmiere, Herr von Lütjenburg. Das Wort des Herrn ist ein deutliches, ob es Euch gefällt oder nicht, und was hier getrieben wird, spöttet jeder Beschreibung, wie sie in der Heiligen Schrift zu finden wäre. Was die Krankheiten und Kriege anbelangt, so bin ich mir sicher, dass ich Euch damit nicht zu drohen brauche und es nicht gedenke zu tun. Solcherlei Filz kommt fast von alleine in Gewissen...Umständen“, sprach sie weiter, wobei ihr Tonfall, ungewollt oder nicht, sanfter wurde. Nicht wirklich gutwillig, och keineswegs mehr zornig oder tadelnd.
« Letzte Änderung: 05.04.2011, 13:55:16 von Schwester Hermene »

Conrad Rosenstock

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Casus Belli
« Antwort #12 am: 06.04.2011, 15:42:27 »
"Mein Name ist Conrad Rosenstock. Und es ist schade, dass Sie sich kein ausgelassenes Feiern unter bestimmten Umständen vorstellen können. Aber etwas anderes hätte ich wohl nicht von Ihnen erwarten sollen, Schwester. Und wenn ich alt und krank wäre, dann würde mich das Feiern von Jugendlich an meine eigene tolle Jugend zurückerinnern und mich nicht traurig stimmen. Prinzipiell habe ich nichts gegen ausgelassenes Feiern, nur heute sollte man es nicht übertreiben." 

Sagt Conrad aufrichtig zu der Schwester. Er hielt nicht viel von solch religiös-geprägten Personen und er konnte auch ihre Lebensweise und ihre Haltung nicht ganz nachvollziehen. Noch dazu fragte sich Conrad, ob auch die Schwester sich namentlich vorstellen würde, aber ihn interessierte ihr Name doch nicht so sehr, dass er direkt nachfragte.

Karl Schreiber

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Casus Belli
« Antwort #13 am: 06.04.2011, 18:31:36 »
Nun mischte mischte sich auch Karl in das Gespräch ein: "Aber, aber, meine Dame, meine Herren! Vielleicht sollten wir nicht stumpf auf unseren Standpunkten verharren sondern versuchen, eine Lösung zu finden die allen gerecht wird. Ich denke wir" dabei beschrieb er mit seiner Hand einen Kreis "in unser geselligen Runde versuchen uns zu mäßigen, was die Lautstärke angeht. Dafür sehen Sie, Schwester es uns nach wenn es heute Abend ein wenig lauter zugeht als Sie es gewohnt sind."

Carl von Lütjenburg

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Casus Belli
« Antwort #14 am: 06.04.2011, 23:42:42 »
"Um Samthandschuhe und Honig habe ich nicht gebeten, nur um eine angemessene Behandlung." Carl reckte das Kinn ein wenig hervor und in seiner Stimme schwang ein Hauch von gekränktem Stolz mit. Er war immerhin ein Offizier der preußischen Armee, unter normalen Umständen hätte er sich so etwas gar nicht bieten lassen müssen.

"Ich, das heißt viel mehr wir, haben uns dazu bereit erklärt Ihrer Bitte Folge zu leisten. Doch Sie beklagen sich immer noch, weil sich Conrad nicht vorgestellt hat und bevor es damit weiter geht darf ich Ihnen hiermit Karl Schreiber vorstellen, wenn es genehm ist."
Carl Heinrich wies auf den jungen Mann, der so eben gesprochen hatte. Sein . "Sollte die Namensgleicheit für Verwirrung sorgen, so zögern Sie nicht damit mich Heinrich zu rufen."

"Allerdings sind Sie hier der ungeladene Gast und trotzdessen immer noch Namenlos, meine Dame. Ein Name wäre zumindest ein Anfang, so meine ich. Seht, ich bin der Meinung, dass Sie in uns nicht die lärmenden Studenten von nebenan sehen sollten. Wer wird zur Waffe greifen, wenn die Dänen tatsächlich ernst machen werden? Wer wird auch für Ihre Religionsfreiheit kämpfen, meine Dame?"

Carls Stimme wurde etwas lauter und es hatte ein klein wenig etwas von einer Kasernenhofansprache, wie er hier vor der Front bestehend aus schweigenden Studenten auf und ab schritt.

"Das werden wir sein! Für fromme Botschaften ist es schon längst zu spät, gegen den Dänen helfen nun nur noch preußische Gewehre im Verbund mit deutschem Trutz!"

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