Autor Thema: Abdiels Notizbuch  (Gelesen 2209 mal)

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Abdiel

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Abdiels Notizbuch
« am: 06.01.2012, 20:22:01 »
Index




Als Gedankenstütze:

Erlaubte Bücher sind Mose 1-5, Josua, Richter, Rut, Samuel, Chronik, Esra, Nehemia, Ester, Jesaja, Jerehemia, Ezechiel, Psalmen, Sprichwörter - jeweils in Auszügen.

Insbesondere sind nicht erlaubt: Neues Testament, sonstige Weisheitsliteratur, Daniel, Klagelieder, Apokryphen.

Inhaltliche Nähe des Buches Raguel mit Kohelet (?)
« Letzte Änderung: 08.04.2012, 23:28:39 von Abdiel »
[Durch die Knechtung der Kirche] werden alle glücklich sein, alle die Millionen von Wesen, mit Ausnahme der hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die Hüter des Geheimnisses, nur wir werden unglücklich sein.
- Dostojewski, Der Großinquisitor

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Abdiels Notizbuch - Titelblatt
« Antwort #1 am: 06.01.2012, 20:35:45 »

Seite 1


Illustration von Gustav Dore: Paradise Lost

Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere, alle Lande sind seiner Ehre voll! Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens und das Haus ward voll Rauch. Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den König, den Herrn der Heere gesehen mit meinen Augen.

(Jesaja 6,3-5)
« Letzte Änderung: 06.01.2012, 21:18:29 von Abdiel »
[Durch die Knechtung der Kirche] werden alle glücklich sein, alle die Millionen von Wesen, mit Ausnahme der hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die Hüter des Geheimnisses, nur wir werden unglücklich sein.
- Dostojewski, Der Großinquisitor

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Abdiels Notizbuch - Das Los der Ramieliten
« Antwort #2 am: 06.01.2012, 21:12:52 »

Seite 2

Der Mensch ist von einfachen Gedanken und will geführt werden und nicht an seinem Lebenszweck zweifeln. Der Priester ist nicht der reichste, sondern der ärmste unter den Menschen: Er muss seinen Gott vertreten und sich gleichsam für alle Zweifel der Menschen öffnen, sie in sich aufnehmen und verbannen. Er ist der Menschen, der die meiste Versuchung ertragen muss. Ebenso verhält es sich mit den Engeln. Zwar sind sie ohne Zweifel Zeugnis der göttlichen Macht, doch hat der Herr auch ihr Herz nicht vor dem Zweifel gefeiht. Wie sich Mensch und Priester zu einander verhalten, verhalten sich die übrigen Orden zu den Ramieliten, so scheint es. Doch tatsächlich ist ihre Bürde sogar noch eine größere, richten beiderseits Mensch und Engel ihre Bedürfnisse nach Leitung und Schutz auf sie. Das Lesen der Schriften gleicht der Selbstvernichtung. Der Ramielit muss sich gleichsam selbst aufgeben, um alle anderen zu retten.
« Letzte Änderung: 06.01.2012, 21:19:27 von Abdiel »
[Durch die Knechtung der Kirche] werden alle glücklich sein, alle die Millionen von Wesen, mit Ausnahme der hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die Hüter des Geheimnisses, nur wir werden unglücklich sein.
- Dostojewski, Der Großinquisitor

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Abdiels Notizbuch - Über das Lesen
« Antwort #3 am: 07.01.2012, 10:53:55 »

Seite 3

Das Lesen nimmt mich ein und das Wissen wird ein Teil von mir. Ich lese und ich lese und allmählich verbinden sich die Geschichten. Es ist, als würden die Heiligen und Propheten mit einander sprechen. Erst in einzelnen Begriffen, dann in ganzen Sinnzusammenhängen. Es bildet sich gleichsam ein Spinnennetz von Korrespondenzen in meinem Kopf. Das ist ein großartiges Gefühl!

Keinesfalls bekomme ich Antworten auf meine Fragen - im Gegenteil, es entstehen ständig neue! Doch meine Hypothesen werden reicher und die Beschäftigung mit theologischen Themen wird intensiver.

Das Lesen ist ein großartiges Geschenk. Ist es nicht viel zu kostbar, als dass es den Ramieliten vorbehalten bleibt?
« Letzte Änderung: 08.04.2012, 22:29:43 von Abdiel »
[Durch die Knechtung der Kirche] werden alle glücklich sein, alle die Millionen von Wesen, mit Ausnahme der hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die Hüter des Geheimnisses, nur wir werden unglücklich sein.
- Dostojewski, Der Großinquisitor

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Abdiels Notizbuch - Alles hat seine Zeit
« Antwort #4 am: 14.01.2012, 12:21:34 »

Seite 4

1 Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:
2 eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen,
3 eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen,
4 eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz;
5 eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,
6 eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten und eine Zeit zum Wegwerfen,
7 eine Zeit zum Zerreißen und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden,
8 eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.
9 Wenn jemand etwas tut - welchen Vorteil hat er davon, dass er sich anstrengt?
10 Ich sah mir das Geschäft an, für das jeder Mensch durch Gottes Auftrag sich abmüht.
11 Gott hat das alles zu seiner Zeit auf vollkommene Weise getan. Überdies hat er die Ewigkeit in alles hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wieder finden könnte.
12 Ich hatte erkannt: Es gibt kein in allem Tun gründendes Glück, es sei denn, ein jeder freut sich und so verschafft er sich Glück, während er noch lebt,
13 wobei zugleich immer, wenn ein Mensch isst und trinkt und durch seinen ganzen Besitz das Glück kennen lernt, das ein Geschenk Gottes ist.
14 Jetzt erkannte ich: Alles, was Gott tut, geschieht in Ewigkeit. Man kann nichts hinzufügen und nichts abschneiden und Gott hat bewirkt, dass die Menschen ihn fürchten.
15 Was auch immer geschehen ist, war schon vorher da, und was geschehen soll, ist schon geschehen und Gott wird das Verjagte wieder suchen.

(Kohelet 3,1-15)
« Letzte Änderung: 08.04.2012, 22:30:32 von Abdiel »
[Durch die Knechtung der Kirche] werden alle glücklich sein, alle die Millionen von Wesen, mit Ausnahme der hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die Hüter des Geheimnisses, nur wir werden unglücklich sein.
- Dostojewski, Der Großinquisitor

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Abdiels Notizbuch - Der freie Mensch
« Antwort #5 am: 08.04.2012, 22:28:48 »

Seite 5

ER hat den Baum der Erkenntnis über Gut und Böse geschaffen (Gen 17), doch die Schlange war es, die den Menschen verführte, von ihm zu essen (Gen 3,3-6). Sie versprach, dass der Mensch sein würde, wie ER. Der Mensch begehrte also nach dem freien Willen, aus Hybris. Doch Er ließ es geschehen und kehrte es nicht um und entließ den Menschen aus dem Paradies und dort war es, als das erste Mal ein Cherubim erschien (Gen 3,23-24). Dies war, als das Leid geschah (Gen 3,17).

Ist der Verstand nun das Werk von IHM oder von der Schlange oder vom Menschen? Ist der Verstand nun gut oder schlecht oder keines von beidem?
« Letzte Änderung: 08.04.2012, 22:31:00 von Abdiel »
[Durch die Knechtung der Kirche] werden alle glücklich sein, alle die Millionen von Wesen, mit Ausnahme der hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die Hüter des Geheimnisses, nur wir werden unglücklich sein.
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Abdiels Notizbuch - Die Versuchung des Menschen
« Antwort #6 am: 08.04.2012, 22:40:43 »

Seite 6

Illustration von Rubens: Adam and Eve

"Begrenzt in seinem Wesen, unbegrenzt in seinen Wünschen, ist der Mensch ein gefallener Gott, der sich an den Himmel erinnert."[1]
 1. Alphonse de Lamartine
« Letzte Änderung: 08.04.2012, 22:51:27 von Abdiel »
[Durch die Knechtung der Kirche] werden alle glücklich sein, alle die Millionen von Wesen, mit Ausnahme der hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die Hüter des Geheimnisses, nur wir werden unglücklich sein.
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Abdiels Notizbuch - Dualität
« Antwort #7 am: 08.04.2012, 23:14:48 »

Seite 7

Ich bin verwirrt. Meine Gedanken schwirren und die Buchstaben tanzen vor meinen Augen auf dem Blatt. Je weniger ich wußte, desto kohärenter war das Bild - je mehr ich las, desto unsicherer wurde ich. Was für ein Paradoxon! Also frischen Mutes, noch einmal von vorn:

Biblische Weisheit ist das Bemühen, die die Menschen umgebende Wirklichkeit zu begreifen, in entsprechender Weise sein Leben zu tun und sich so in der Welt geborgen zu wissen, so sagen die Gelehrten. Ich nun habe viel gelesen, doch gilt es noch die Bruchstücke meiner Erkenntnis zu sammeln und zu einem Ganzen zusammenzusetzen.

Die Menschen sind nach dem Ebenbild des HERRN geschaffen (Genesis 1, 27) und sie sind seine Kinder und ER ihr Vater. Diese Begriffe werden gebraucht. Sicher ist, dass die Kinder einen freien Willen haben, um sich für das Gute oder das Böse zu entscheiden. Doch das Gute liegt beim HERRN allein und es obliegt dem Menschen sich aus freien Stücken für IHN zu entscheiden. Dies impliziert zweierlei: Zum einen, dass der Mensch eine Art "göttlichen Funken" in sich trägt, als Abglanz SEINER Herrlichkeit. Andererseits, dass es Erfahrung des Üblen bedarf, dass er sich für das Gute entscheiden kann. Doch ist damit auch das Üble Teil der menschlichen Natur?

[Durch die Knechtung der Kirche] werden alle glücklich sein, alle die Millionen von Wesen, mit Ausnahme der hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die Hüter des Geheimnisses, nur wir werden unglücklich sein.
- Dostojewski, Der Großinquisitor

Abdiel

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Abdiels Notizbuch - Zeitalter
« Antwort #8 am: 08.04.2012, 23:27:58 »

Seite 8

Wahrscheinlich ist die Methapher vom 'Vater' nicht von ungefähr gewählt. Der Vater weiß, was gut ist und erzieht das Kind zum Guten. Dazu wendet er Erziehungsmethoden an, mit guter Absicht. Doch manchmal will das Kind nicht hören. Was ist mehr Bestrafung: Der Streich mit der Knute oder es selbst lernen zu müssen? Unser Leid - ist es Strafe oder Erziehung?

Wie mir scheint, hat sich die Beziehung zwischen Mensch und dem Herrn im Laufe der Geschichte immer wieder verändert. Zunächst fiel der Mensch stetig vom Herrn ab und dieser reagierte mit einem monumentalen Eingriff, woraufhin sich ein neues Zeitalter einstellte. Fünf dieser Zeitalter kann ich erkennen: das goldene Zeitalter, das Zeitalter der Gesetze, das Zeitalter der charismatischen Führerschaft, das Zeitalter der Kirche und das Zeitalter von Engel und Traumsaat.


[Durch die Knechtung der Kirche] werden alle glücklich sein, alle die Millionen von Wesen, mit Ausnahme der hunderttausend, die über sie herrschen. Denn nur wir, wir, die Hüter des Geheimnisses, nur wir werden unglücklich sein.
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