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Autor Thema: Hennen  (Gelesen 5436 mal)

Beschreibung: Prolog

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TheOldHero

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Hennen
« am: 28.02.2013, 11:31:02 »
Regentropfen hängen auf den Heidekräutern entlang des Weges, und der Wind hat sich nach dem stundenlangen Wolkenbruch endlich beruhigt. Die ganze Nacht musste Hennen durchwandern, da sich ihm auf den endlosen Feldern nur blattlose Baumgerippe als Unterschlupf boten.
Schlamm klebt an seinen durchnässten Stiefeln, hochgespritzt bis an die Hosenbeine, und auch jetzt noch watet er durch aufgeschwemmten Matsch, der gestern Nachmittag noch eine Landstraße war.
Eine rote Sonne hebt sich vor ihm, vor ihr die Silhouetten einiger niedriger Häuser. Die Hauptstadt ist noch weit, doch das hier könnte Jundra sein oder Ornheim oder Envas, eines der vielen, umliegenden Dörfer.
Der Duft von Regen liegt noch in der Luft, und auf einem der kahlen Bäume abseits des Weges zwitschert ein Vogel. Er scheint der Erste zu sein, der sich daran erinnert, dass es eigentlich Frühling ist.

Hennen

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Hennen
« Antwort #1 am: 28.02.2013, 12:50:35 »
Für einen Moment hält Hennen inne und blickt gen Himmel. Zuhause liebte er den Anblick der Morgensonne und lies sich gern von ihr begrüßen, bevor es an die Arbeit ging. Jetzt jedoch ist Sonnenlicht mit Schutzlosigkeit gleichzusetzen. Trotzdem braucht Hennen eine Pause, um zu Kräften zu kommen; der Gewaltmarsch in der vergangenen Nacht hinterlies seine Spuren auf Kleid und Körper gleichermaßen, und auch sein Bauch beginnt damit, lautstark nach Nahrung zu verlangen. Infolgedessen beschließt Hennen, den durchgenässten Pfad zu verlassen und etwas Abseits nach einem Rastplatz zu schauen.
« Letzte Änderung: 28.02.2013, 12:51:20 von Hennen »

TheOldHero

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Hennen
« Antwort #2 am: 28.02.2013, 13:47:00 »
Die Erde der Heide ist so durchweicht, dass sie bei jedem von Hennens Schritten schmatzt. Am trockensten ist noch die aufgeschwemmte Straße - abgesehen von einer Unterkunft in dem Dorf natürlich, das noch eine Meile entfernt liegen mag.
Nach einer Weile stößt Hennen allerdings auf eine Stelle an einem Baum, die zumindest festeren Untergrund bietet, wahrscheinlich stabilisiert durch die Wurzeln. Die Rinde riecht modrig, und in den knorrigen Ästen sitzt der kleine, singende Vogel von vorhin.
Er verstummt, breitet die Flügel aus und fliegt davon, in Richtung des roten Sonnenaufgangs und der Siedlung.
« Letzte Änderung: 28.02.2013, 13:47:42 von TheOldHero »

Hennen

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Hennen
« Antwort #3 am: 28.02.2013, 15:28:33 »
Für einige Zeit schaut Hennen dem Vogel hinterher, während er sich müde auf das feuchte Gras  niederlässt. Vielleicht treffen wir uns dort wieder, kleiner Freund. Er bereitet sich eine einfache Malzeit mit einer dick geschnittenen Scheibe Roggenbrot und ein paar Stücken Trockenschinken und schlingt sie mit großen Bissen herunter. "Puh, tut das gut. Jetzt noch ein wenig entspannen und dann kann es auch schon weitergehen. Ob sie mir wohl freundlich gesinnt sein werden...?" Ganz zuversichtlich war er nicht. Nur wenige Menschen, die der ehemalige Königssohn nach seinem Exil getroffen hat, brachten ihm nicht einmal Mitleid entgegen, von echter Zuneigung ganz zuschweigen. Aber ihm blieb nichts anderes übrig; saubere Kleider und ein Bett sind einfach zu verlockend. Er musste es versuchen. Nachdem er eine Weile geruht hat, erhebt er sich wieder, streckt nocheinmal alle Glieder und schultert sich den Beutel zum Aufbruch, in Richtung des Dorfes.
« Letzte Änderung: 28.02.2013, 15:30:01 von Hennen »

TheOldHero

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Hennen
« Antwort #4 am: 28.02.2013, 16:33:08 »
Nachdem er kurz gerastet hat, spürt Hennen die Feuchtigkeit in seinen Stiefeln wieder bei jedem Schritt, als streiche ihm jemand mit einem nassen Lappen an den Füßen entlang.
Er wandert weiter auf das Dorf zu. Auch aus der Nähe sind es kaum mehr als ein Dutzend reetgedeckte Dächer, die sich vor der Morgensonne erheben.
Neben der Straße verläuft ein braches Feld, an das sich das erste Gebäude der kleinen Gemeinde anschließt: Ein baufälliges Bauernhaus, aus dessen Dach an manchen Stellen das Reet gerissen wurde. Mit seinen kahlen Stellen erinnert es an ein Tier, dem eine schleichende Krankheit die Haare in Büscheln ausfallen lässt.
Auf der Straße neben dem Gebäude bewegen sich einige Schemen. Drei junge Männer treten einen Ball hin und her, der mit schmatzendem Geräusch hin und her rollt.
"Heda", ruft der, zu dem der Ball gerade gespielt wurde, und lässt das lederne Rund an sich vorbei ins Feld rollen. Er vergräbt die Hände in seiner löchrigen Jacke und schlendert auf Hennen zu. Seine Augen sind so schwer und dunkel umrandet, dass er einem Toten ähnelt. "Wer bistn du? Was willste hier? Siehst ganz schön vollgepisst aus." Dabei zupft er an Hennens Mantel. So heftig, dass Hennen beinahe einen Schritt nach vorn gezogen wird.
Auch die anderen Jungen schlendern näher zu ihnen.

Hennen

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Hennen
« Antwort #5 am: 28.02.2013, 16:54:11 »
"Oh ähh.. Hallo. " Verlegen schaut Hennen neben dem jungen Mann auf den Boden, jeden Blickkontakt meidend. "Ich bin weit gereist und suche nach einer warmen Unterkunft und vielleicht etwas Warmes zu essen, nur für diese Nacht. Nichts weiter." Erst jetzt hebt sich sein Blick, als er bemerkt, dass die Jungen ihm gerademal bis zur Brust reichen. "Gern auch gegen Hile bei der Arbeit.", fügt er hinzu.

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Hennen
« Antwort #6 am: 28.02.2013, 17:05:24 »
Beim letzten Wort, das Hennen ausspricht, wird der Blick des Jungen hart. "Is klar, siehste ja wieviel wir hier zu tun haben."Der scharfe Geruch von Alkohol steigt Hennen in die Nase. Der Halbwüchsige schubst Hennen weg, aber hält gleichzeitig seinen Mantel fest.  "Is zwar vollgepisst, aber ich finds trotzdem gut. Gib her, ich muss anprobieren."
Die zwei anderen sind nur noch wenige Meter entfernt. Der eine tritt lässig den Ball vor sich her.

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Hennen
« Antwort #7 am: 28.02.2013, 17:13:34 »
"Was... nein! Lasst mich los!! Lasst mich!!" Panisch reißt Hennen die Augen auf und windet sich im Griff des Trunkenboldes, um sich loszureißen. "Lasst mich gehen!"

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Hennen
« Antwort #8 am: 28.02.2013, 18:08:55 »
In der wilden Rangelei ächzen die Nähte von Hennens Mantel, und ein Stück Stoff reißt heraus.
Über die Schulter des jungen Mannes sieht Hennen, wie der dritte der Halbstarken dem zweiten den Ball abnimmt. Mit Wucht tritt er ihn in Richtung des Ringkampfs. Der Ball knallt gegen das Bein des jungen Manns. Der reißt die Arme hoch, um sein Gleichgewicht wiederzufinden, stürzt aber hintenüber wie ein gefällter Baum. Schlamm spritzt hoch und er gibt einen schrillen Schrei von sich.
Der Schütze tritt an Hennen heran und nimmt seine Hand behutsam. "Tut mir Leid. Mein Bruder ist nicht immer so."

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Hennen
« Antwort #9 am: 28.02.2013, 18:27:01 »
Als der Griff des Besoffenen nachlässt, geht Hennen einige Schritte zurück und ballt die Fäuste. "Lasst mich in Ruhe, kommt mir bloß nicht zu nahe!", zischt er weiter, ohne jeden Blickkontakt. Seine Knie sind immernoch weich und drohen jeden Moment nachzugeben. Aber er war ein Prinz unter Barbaren gewesen, und er würde sich behaupten. Irgendwie.
« Letzte Änderung: 28.02.2013, 22:11:54 von Hennen »

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Hennen
« Antwort #10 am: 28.02.2013, 18:42:50 »
Der Dritte, der den Angreifer mit dem Ball zu Fall gebracht hat, hebt die Hände mit den Handflächen nach vorn. "Ruhig."
Neben ihm plätschert und gluckst der Matsch, als der Gestürzte zappelt und aufstehen will. Hennens Helfer setzt ihm einen Fuß auf die Brust. "Ruhig, hab ich gesagt."

Hennen

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Hennen
« Antwort #11 am: 28.02.2013, 22:20:05 »
Hennen ächzt unter dem Druck auf seiner Brust. Bilder vergangener Tage, Raufereien mit seinen Brüdern, erscheinen ihm vor dem geistigen Auge. Sie endeten immer gleich; stets ist er es gewesen, der unter einem von ihnen begraben lag. Hennen atmet ruhig und schließt die Augen. Er öffnet beide Hände, um den Umstehenden zu signalisieren, dass er seine Niederlage anerkennt. Wiedereinmal.
« Letzte Änderung: 28.02.2013, 22:23:27 von Hennen »

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Hennen
« Antwort #12 am: 01.03.2013, 10:40:59 »
Es ist eine seltsame Szene, in der erst der Mann, dann Hennen, eine Geste der Unterwerfung machen.
Gespannte Stille macht sich breit.
Bis der Gestürzte sich von dem Fuß seines Bruders freimacht und aus dem Schlamm rollt. "Fick dich", quäkt er. Der andere, der vorher mit dem Ball gespielt hat, zieht ihn hoch und hält ihn fest. "Lass Varren reden, der ist nich ganz so besoffen."
Hennens Helfer verschränkt die Arme und sieht ihn an. "Jetzt kennst du meinen Namen schon. Wie ist deiner?"

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Hennen
« Antwort #13 am: 01.03.2013, 12:30:52 »
"Hennen.", antwortet er kurz angebunden, während er sich so gut, wie es ihm möglich war, vom Dreck befreit. "Wollt Ihr sonst noch etwas von mir oder kann ich gehen?"

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Hennen
« Antwort #14 am: 01.03.2013, 15:27:55 »
Der von hinten, der den Betrunkenen festhält, ruft "Was istn das fürn Kerl, erst will er was von uns und jetzt fragt er, was wir von ihm wollen."
Der, der Varren heißt, regt sich nicht. "Mehr als entschuldigen kann ich mich nicht für meinen Bruder. Aber wir haben ein Zimmer, von unserem Jüngsten, den die Götter im Frühjahr zu sich genommen haben. Das könnte ich dir anbieten."

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