Autor Thema: Place des Vosges  (Gelesen 1150 mal)

Beschreibung: Feedback- und Anregungsthread

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Menthir

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Place des Vosges
« am: 01.06.2013, 00:57:32 »
Auch hier gilt:
Zitat
"Kritik ist Wind in meinen Segeln." - Martin Walser

Fühlt euch frei, euch zu äußern, sobald auch nur irgendwas nicht passt oder ihr irgendetwas besonders gut findet. Ihr werdet sehen, dass ich doch eine sehr diskussions- und kritikfreudige Person bin. Und daher wünsche ich mir zumindest hin und wieder eine Rückmeldung hier. :)

Um einen Beginn zu machen und damit ihr wisst, was für einen Spielleiter ihr vor euch habt, könnt ihr bei Interesse den törrichten Versuch einer Selbstevaluation nachlesen, den ich zum Jahreswechsel 2012/2013 angefertigt habe. Er ist unkomplett und da er nur von mir geschrieben ist, sehr einseitig. Für einen Blick mag es jedoch reichen. :)

Ich warne jedoch, dass es sehr viel Wort ist. Ich erwartete natürlich nicht, dass es gelesen wird, habe aber auch nichts gegen Kommentare. :)

Teil 1 - Erklärung zum Vorhaben (Anzeigen)

Teil 2 - Einkreisen der Probleme (Anzeigen)

Teil 3.1 - Greifbare Probleme (Anzeigen)

Teil 3.2 - Schwer greifbare Probleme (Anzeigen)
"Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit." - Jean-Jacques Rousseau, Du Contrat Social

Menthir

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Place des Vosges
« Antwort #1 am: 01.03.2015, 17:29:38 »
Abschließendes Feedback

Eine ungewöhnliche Runde. Wahrscheinlich ließe sich ein Fazit über dieses nicht abgeschlossene Spiel mit diesem Satz zusammenfassen und es würde der Runde durchaus gerecht werden. Es war im weitesten Sinne für das Gate sicherlich eine ungewöhnliche Runde in ihrer zeitlichen Verortung als pseudohistorisches Rollenspiel im Frankreich des späten 19. Jahrhunderts. Es dürfte ein Themenfeld mit Gleichheit, Brüderlichkeit und den grundlegenden Themen des Sozialismus und Kommunismus im Widerstreit mit Kirchlichkeit und Konservatismus angeschnitten haben, welches insofern für ein Play-by-Post-Rollenspiel ungewöhnlich sein mag. Jetzt war es dabei keine hochtrabende, geistige Diskussion über das Wesen von Sozialismus, Kommunismus oder anderen Lebensansätzen, sondern es war der Versuch, diese häufig hohlen, leeren und theoretischen Worthülsen mit Leben zu füllen. Leben soll in diesem Fall heißen, dass real-existente, historische Figuren und imaginäre Personen in einen Zusammenhang gestellt werden und als solche mit eigenen Wünschen, Ideen und Lebensrealitäten ausgestattet werden. Die Worte sollten durch die Sorgen, Nöte, Wünsche und Ängste - so sie denn nachvollziehbar gemacht oder ersponnen werden können - eines Pariser zur Zeit der Pariser Kommune belebt werden.

Dabei waren grob drei Szenen angedacht gewesen und diese Trinität der Szenen wäre nur ein grober Leitweg gewesen, um das Spiel zu ordnen. Die genauen Inhalte sind also nicht zu 100% wiederzugeben, weil sich ein Teil einfach mit euren Entscheidungen, Wünschen und Ideen gefunden hätte. Aber ganz grob wäre das Spiel unterteilt gewesen in die Vorbereitungsphase zur Pariser Kommune, die gewalttätige Hochphase der Kommune und das ebenso rabiate, abrupte wie brutale Ende der Kommune durch ihre Niederschlagung. Es wären drei Fokuspunkte gewesen, in welchen die Charaktere in die Wirren der Zeit gesprungen wären, und eben grob in die Machinationen der Lavalles eingebunden gewesen wären.
Im größten und idealen Falle wäre am Ende eine Art spannendes Spiel und Sittengemälde über das Wesen von Revolutionen entstanden; ein buntes Potpourri aus Hoffnung, Wünschen, Idealismus, Professionalismus, Niedertracht, Kabale, Liebe, Verzweiflung, Hass und was den Menschen im Umgang mit Macht und Leid nicht alles ausmacht, verschränkt durch die widerstreitenden Franzosen und jene Mächte, die sich in der äußeren Peripherie aufhalten und immer wieder das Schicksal dieser Stadt und ihrer Bewohner zu beeinflussen suchen, wie die Preußen.

Wir sind kurz bis vor die Eskalation des ersten Parts gekommen, nämlich der möglichen Entführung des Erzbischofs durch Sébastien und seiner revolutionären Freunde und ich habe mich sehr auf einen gewissen Showdown zwischen Carl, Paul und Sébastien (und dann kurzfristig Alfred) gefreut. Leider hat das nicht sein sollen und so will ich zumindest meine Eindrücke bis zu diesem Zeitpunkt wiedergeben und kurz beschreiben:

Das Spiel

Meine erste Planung zu dem genauen Einstieg war ein anderer gewesen, was aber darin begründet gelegen hat, das zwei Spieler aus dem ersten Szenario im 19. Jahrhundert ihren Weg zwar hierhin finden wollten und auch schon in der Charaktererwägungsphase gewesen sind, sich dann jedoch gegen eine Teilnahme entschieden haben und stattdessen zu anderen Weiten des Forums aufgebrochen sind. Dennoch möchte ich Sternenblut und Groetus dafür danken, dass sie zumindest über eine gewisse Zeit mit der Teilnahme geflirtet haben. In diesem Zuge möchte ich auch Vaêl für sein Interesse an Spiel und Mitleserschaft bedanken, auch wenn die Zeit ihm keine weiteren Kommentare oder gar ein Mitspielen ermöglicht hat. Der Wegfall von Sternenblut und Groetus nach Spielstart hat einiges an der ursprünglichen Konzeption verändert, aber ich glaube, dass das im Spiel selbst nicht so sehr aufgefallen ist und die Szenen dann ziemlich nahtlos ineinander gegangen sind, und zwar mit dem Fokus auf eure Charaktere.

Ich habe mich, wie für meine Runden üblich, darum bemüht, dass alle Szenen auf die Charaktere zugeschnitten sind und sie im Rahmen dieser Szenen miteinander zu handeln haben oder mit ihrer Umwelt reagieren und agieren können, ohne sich so fühlen zu müssen als würden sie bei einem langsamen, schriftlichen Sightseeing teilnehmen, auf das sie wenig bis keinen Einfluss haben, weil der Spielleiter sie durch seine Szenen ziehen will.

Jetzt kann ich darüber nur Vermutungen anstellen, ob dies so erfolgreich gewesen ist und es obliegt den Spielern, dieses zu bestätigen. Meine Vermutung sagt mir jedoch, dass es möglicherweise geklappt haben könnte. Meine Vermutung bezieht sich auf eine Beobachtung. Ich persönliche sehe ein spielerisches Ideal darin, gerade im Play-by-Post-Rollenspiel ist dies noch potenziert, dass jede Entscheidung, die der Charakter treffen muss, ihre fühlbaren oder zumindest plausibel zu erwartenden Konsequenzen in der Spielwelt nach sich zieht. Häufig ist der Grad, mit dem sich Charaktere dann also mit den Konsequenzen ihres Handelns auseinandersetzen, ein einigermaßen zuverlässiger Maßstab dafür, ob die Charaktere in die Spielwelt und das Szenario finden, ob sie sich angesprochen fühlen oder ob sie eben in schweigender Passivität versinken.

An diesen Punkten habe ich also von meiner Warte nichts auszusetzen. Es wird hier und da noch deutliche Möglichkeiten zur Steigerung gegeben haben. Und ich mag durch das langsame Tempo einige Nuancen übersehen und einige Chancen versteichen lassen haben, aber alles in allem hat für mich in dieser Runde nicht hier der Schuh gedrückt.

Spielgefühl

Paris glaubhaft darzustellen ist mir nicht so gut gelungen wie das holsteine Land durchzustellen. Das liegt daran, dass ich dem holsteinischen Kulturkreis einfach näher bin. Ich komme aus Holstein, ich spreche seine Sprachen, kenne seine Kultur, seinen Kultus und seine Geschichte. Ich gehe mit seinen Menschen um und habe wahrscheinlich ein (wenn ich mich unnötig stereotypisieren darf zur Verdeutlichung des Punktes) ein sehr unaufgeregt niederdeutsches Wesen. Dennoch bin ich nicht gänzlich unzufrieden. Ich habe die letzten zwei Tage damit verbracht, mich nochmal durch unsere gemeinsame Zeit zu lesen und kann sagen: Ja, so könnte Paris an den Stellen, an denen wir uns aufgehalten haben, zu dieser Zeit gewesen sein. Das kann ich mir so vorstellen. Jetzt hat mir an einigen Stellen durchaus die eigene, emotionale Nähe zu den dargestellten Orten gefehlt. Es will mir aber nicht klar werden, warum dies sich so ergeben hat und was ich hätte dagegen tun sollen. Ich habe nicht an Beschreibung und Nuancen gespart und doch habe ich mich in einigen Beschreibungen (auch wenn sie effektiv gewesen sein mögen) schwer getan.

Das betrifft aber nur den Teil des Lokalkolorits, den ich möglicherweise darin zu suchen habe, dass Paris einfach so groß ist, dass es eigentlich unmöglich scheint, in wenigen Worten das Wesen dieser Stadt in Bilder zu bannen, die einen begleiten. Für diese Darstellung fehlt mir also aller Wahrscheinlichkeit nach die Wort- und Sprachgewalt, um solche großen, diversen und geschichtsträchtigen Orte in erinnerungswürdige Sprache zu bannen.
Ab von der Stadt bin ich persönlich ganz zufrieden mit der Darstellung des 19. Jahrhunderts, auch wenn ich gemerkt habe, dass ein Aspekt im Gegensatz zur Vorgängerrunde etwas untergegangen ist. Nämlich die technische-naturwissenschaftliche Seite der Geschichte und damit die industrialisierte Welt, welche das Schicksal der von der Zeit Betroffenen hätte noch greifbarer machen können. Hier liegt mein Ansatz noch etwas schief, da ich durchaus gemerkt habe, dass ich das im ersten Teil des Spiels vor allem über Alfred Nobel vorangetrieben habe. Mit Carl von Lütjenburg, der Chemiker und Militär war, hätte ich genauso dieselben Möglichkeiten gehabt, die ich zu sehr ungenutzt ließ.
Dafür habe ich es diesmal geschafft, etwas mehr die kulturellen Errungenschaften, wie die Kunst, mit in die Überlegungen fließen zu lassen. Ich hoffe, ihr konntet mit diesen Ausflügen etwas anfangen.

Alles in allem glaube ich, dass ein plausibles Spielgefühl gegeben war und man sich vorstellen konnte, um 19. Jahrhundert in Paris zu stehen. Vor allem mag das gelten für die politische und gesellschaftliche Vielfalt dieser Stadt. Das Wesen des politischen Streits war für mich die Stärke in der spielweltlichen Gefühlswelt und sie wurde sehr ausgiebig behandelt, da sie in euren Fragen, Reflexionen, Gedanken und Worten auch einen sehr geeigneten Nährboden fanden. Meinen Dank dafür, dass ich mich aufgrund dessen sehr stark mit den Gedanken an Revolution befassen konnte, und mich in diese Gedankenwelt als Spielleiter entführt sah.

Die Metaebene

Ich möchte nicht alle Punkte ausführen, die in diesen Überlegungen ein Rolle spielen könnten und so will ich mich hier auf ein paar positive und die negativen Punkte in Kurzform beschränken, weil ich sehe, dass ich schon wieder über 1.300 Wörter bin.

Euer Zusammenwirken ist wie immer hoch einzuschätzen. Ihr geht fair miteinander um, sodass man Runden wagen kann, in denen die Spieler nicht an einem Strang ziehen müssen, um ein spannendes oder funktionierendes Spiel zu erreichen. Das ist euch hoch anzurechnen.

Es wurde sich über lange Zeit ordentlich abgemeldet, sodass das mit der Kommunikation in Ordnung war.

Eure Hintergründe über die Ego-Dokumente haben mir sehr zugesagt. Ich hätte sie gerne noch besser eingebunden.

Mein Pacing ist problematisch gewesen. Ich habe das Gefühl, jetzt im zweiten Lesen, dass ich bei einigen Szenen hätte mehr aus dem Quark kommen sollen, oder zumindest eine Resolution mehr forcieren sollen anstatt es wieder zu öffnen. Das gilt vor allem für die Szene mit dem Erzbischof.

Die Sache mit dem Anspruch haben wir bereits angesprochen und an der Aussage, dass der zu hohe Selbstanspruch diese Runde mit gekippt haben könne, halte ich weiter fest. Unsere Aussagen dazu sind ab hier zu lesen.

Das größte Problem war jedoch ich. Ich war zu unregelmäßig da und habe somit kein kontinuierliches Tempo aufbauen können. Was in anderen Runden weniger problematisch ist, entpuppt sich hier als wahres Schwergewicht, da die Beiträge sehr lang waren und es somit einige Zeit kostet, sich alleine wieder einzulesen. Dass ihr als Spieler länger als eine Stunde für einen Beitrag gebraucht habt, war keine Seltenheit und es ist keine Selbstverständlichkeit, sich so viel Zeit zu nehmen. Von diesem Einsatz bin ich nach wie vor sehr berührt, aber für das Ausdauern dieser Runde wäre weniger vielleicht mehr gewesen. Neben meinen vielen Pausen, welche den Rhythmus zersetzt haben, hätte ich vielleicht auch motivierender als Spielleiter sein können, und genauer und besser auf eure Beiträge eingehen können, um ihnen noch mehr Rechnung zu tragen und euren Zeiteinsatz noch mehr zu würdigen.

Der Wechsel zu Malmsturm war möglicherweise unnötig und ein Hemmschuh. Am Spieltisch und im Online-Rollenspiel habe ich hervorragende Erfahrungen mit FATE-Derivaten gemacht, aber möglicherweise war es hier, weil viele sich einlesen mussten, ein unnötiger Hemmschuh und wie bei Szenario 1 wäre es uns gelungen, ein ähnlich spannendes Spiel mit Pathfinder umzusetzen und einfach die Aspektregeln dazuzuziehen, um Charaktere auf diese Art und Weise in die Erzählung ziehen zu können. Vielleicht wäre es dann leichter gewesen, in der Hinsicht am Ball zu bleiben und wir hätten auch ein paar mehr Spieler gehabt.

Qualität

Ich stimme Umbra zu, wenn sie sagt, dass wir eigentlich alles für eine sehr gute Runde hatten. Wir hatten lange und stimmungsvolle Beiträge, wir hatten spannende Charaktere, die sich auf eine Vielzahl von Möglichkeiten anspielen ließen, wir hatten innere und äußere Konflikte zwischen den Charakteren, aber auch zwischen Spielwelt und Charakteren, wir hatten Nebenspielcharaktere mit eigener Agenda und die Möglichkeit zu einigem Drama. Deswegen möchte ich euch als Spieler nicht als eigenen Punkt führen, sondern unter der Qualität. Den was die Qualität der Runde ausgemacht hat, das ward mit Abstand ihr. Alle vier Charaktere haben hervorragend in das Setting gepasst, ohne dass sie stereotypische Banausen waren oder  in irgendwelche pseudoromantischen Revolutionäre abdrifteten. Sie waren an gewisse Klischees angelehnt, sodass sie in ihrer Umwelt sogar vom unbedarften Leser erkennbar waren, und gleichzeitig hatten sie mehr als ausreichend Eigenheiten, sodass sie als glaubwürdiges, als plausibles Individuum in ihrer Pariser Umwelt existieren konnten und man auch hier sagen konnte: Ja, ich kann mir vorstellen, diese Gestalten hätte ich im Paris des Jahres 1871 treffen können und so hat sich das zutragen können. Hier möchte ich noch etwas genauer werden.

Alfred Nobel: Leider war unser Zusammenspiel nicht lang dieses Mal und ich habe mich vor einem Monat dazu geäußert, deswegen werde ich es kurz machen. Ich bin sicher, dass du bei mehr Zeit schnell ein sehr integraler Bestandteil dieser Runde geworden wärest. Deine Aspektgenerierung anhand der literarischen Ausflüge Nobels zu gestalten, fand ich eine wunderbare Idee, die auch dazu beitrug, die Breite deines dargestellten Charakters zu zeigen. Ich habe meine Bewunderung für deine Darstellung in der Vergangenheit schon stark betont, und bin überzeugt, dass uns durch Zeit, Muße und anderen Pflichten und Notwendigkeiten ein hervorragender Nobel vorenthalten wurde. Danke, für alle Zeit, die du hier investiert hast mit Lesen, Gedanken, Charakterbau und der bloßen Anwesenheit.

Paul Zeidler: List, du hast einen wunderbaren Charakter gespielt, mit dem ich mich sehr leicht identifizieren konnte. Er hat aufgrund seiner aktiven Tätigkeit eine schöne Rolle am Rande der Gesellschaft gehabt, und insofern ein Idealtypus des christlichen Helfers, der benötigt wie verstoßen ist, gespielt. Ich habe mich sehr angesprochen gefühlt von ihm, aber auch dadurch, dass du darum gebeten hattest, gleich mal eine eigene Szene auszuprobieren, die ich wiederum nutzen konnte, um das Spiel weiter darum aufzubauen. Das mit den Bällen zuspielen hat mir gut gefallen. Er war sehr schön in das religiöse Umfeld seiner Zeit integriert thematisch, und war auch gleichzeitig ein Spiegel auf die sozialen Konflikte. Das war sehr große Klasse, und dementsprechend schade war es am Ende, dass du durch meine Lahmarschigkeit etwas den Kontakt zu Paul und seinen theologischen Leitlinien verloren hast. Ich hätte mich sehr auf die gemeinsame Messe mit ihm und dem Erzbischof gefreut. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie regelmäßig du tiefsinnige und psychologisch attraktive Charaktere erstellen kannst und würde mich sehr freuen, wenn wir an anderer Stelle nochmal wieder erfolgreicher zusammenspielen können.

Carl von Lütjenburg: Du hast eine schwere Rolle gehabt mit Carl, weil es sicher nicht ganz einfach war, den Wechsel aus Holstein nach Paris mit einem preußischen Militär zu vollziehen, der dann noch wieder im Sinne der Geheimdiplomatie unterwegs ist. Aber mit zunehmender Spieldauer hatte ich das Gefühl, dass du dich zunehmender zuhause fühlst in Paris und langsam auch immer mehr eigene, proaktive Schritte gehen konntest, während du dich am Anfang wahrscheinlich noch etwas mehr orientieren musstest. Carls Wesen blieb nach wie vor beeindruckend zwischen Klischee und Individualität, sodass er ein glaubhafter, patriotischer Preuße war und ich hätte mich gerade in Hinblick auf die beiden großartigen Szenen auf der Helka und dem Gut Emkendorf in Szenario 1 auf Carls Reaktion bei der versuchten Entführung Darboys gefreut Das Potenzial hatte sich bei der Schlägerei auf der Place Blanche bereits angedeutet. Sehr gefallen hat mir, dass Carl etwas emotionaler und damit noch menschlicher wirkte, und deine Bindegliedfunktion zwischen Szenario 1 und 2, die im Laufe des Szenarios mit den Lavalles sehr spannend hätte sein dürfen. Auch auf das Wiedersehen hätte ich mehr sehr gefreut. Carl war für mich als Spielleiter ein sehr angenehmer Charakter, über den ich auch am Rand fiel hätte noch einbauen wollen, eben die Außeneinflüsse wie Preußen. Danke für die Erstellung dieses Charakters, und ich hoffe, dass wir nochmal so eine erfolgreiche Zusammenarbeit haben werden. Carl hat mir sehr viele, schöne Stunden beschert.

Sébastien Moreau: Ich hätte am Anfang etwas weniger schüchtern sein sollen und Sébastien schon in Szene 1 ins Geschehen werfen sollen statt so zu tun, als wärest du gerade aus dem Geschehen gekommen. Das wäre ein spektakulärerer Beginn gewesen und hätte deinen Charakter gleich noch besser eingebunden. Hier liegt der Fehler allein bei mir, da ich nicht wusste, wie ich dich als Spieler einordnen sollte, kannte ich dich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht wirklich. Im Kampfsport nennt man zu Unrecht unterschätzte oder nicht ausreichende beachtete Kämpfer Dark Horses, und dafür bin ich dir eine Entschuldigung schuldig, da ich das habe zu langsam angehen lassen, um erst einmal warm zu werden und du insofern ein Dark Horse für mich warst. Du hast mich nämlich sehr schnell überzeugt mit einem Charakter, der insofern sehr wertvoll war, weil er eben wirklich an den Ort zu der Zeit gehörte und somit die Reflexionsfläche für die Pariser Probleme der Tage war. Und dass du genau diese Probleme zum Grundproblem deines Charakters gemacht hast, dafür gebührt dir höchstes Lob. Du hast dich in Sachen Qualität mehr als nahtlos eingefügt, einen spannenden Charakter gespielt mit vielen inneren Konflikten, die du beispielsweise hervorragend im Gespräch mit Blanc zur Schau gestellt hast. Das Ganze stimmt mich also insofern traurig, dass wir trotz der Gemengelage die Runde nicht beenden können und keine weitere, so tiefgehende Runde miteinander haben. Danke für dein Engagement, sehr passenden Charakter und die vielen, schönen Stunden, die du uns damit beschert hast.

Schriftlich habt ihr mich alle unter den Scheffel gestellt, was ich sehr zu schätzen weiß, und so dürfen wir getrost sagen, dass wir eine wirklich außergewöhnliche und gute bis sehr gute Runde zusammenbekommen haben, der es nur fehlte, dass wir all diese Punkte zusammenwirken ließen. Wir haben in den Details alles richtig gemacht, aber dass aufeinander einzuspielen scheiterte. Wie ein schlecht geölter Motor: und es scheiterte an mir vor allem, durch meine persönliche Ablenkungen, das verschleppte Tempo und meinen zu hohen Selbstanspruch. Deswegen bitte ich hierbei um Entschuldigung und danke nochmal abschließend für gute Erinnerungen an eine ungewöhnliche Runde, denn das war sie: eine ungewöhnlich gute, und doch nicht beende Runde. :)



An dieser Stelle will ich es damit auf sich beruhen lassen. Ich will euch nicht mit zu vielen Details und Selbstgeißelungen quälen, und habe versucht auf etwa 3.000 Wörtern einen Feedback-Rundumschlag zu geben. Sollte es Wünsche und Fragen zu spezifischen Theorien, Ideen, Spielinhalten und dergleichen geben, bin ich gerne bereit, sie zu beantworten. Also sollten euch auch noch spezielle, kommende Spielinhalte interessieren (den groben Ablauf habe ich oben ja angegeben), stehe ich euch genauso jederzeit zur Verfügung, wie bei Nachfragen zur speziellen Kritik. Es ist nur ein stürmisches Feedback, und sehr kurz, gerade zu euren Charakteren und eigentlich hätten sie es verdient, dass man sich ihnen nochmal mit wissenschaftlichen Augenmaß nähert und sie wirklich an sich und im Zusammenspiel mit der Runde analysiert, denn nur dann könnte man ihre wirkliche Größe ausreichend beschreiben und verdeutlichen, was für ungewöhnlich gute Charaktere ihr geschaffen habt. Und das will ich in Worten sagen, die einerseits wahr sind und andererseits für viele andere unangenehm sein könnten. Um es auf den Punkt zu bringen: Viele Charaktere (und auch Storylines aus Onlinerunden) sind oder werden im Brackwasser der Beliebigkeit untergehen! Doch eure Charaktere nicht. Sie haben es nicht nur geschafft, im Brackwasser der Beliebigkeit den Hals über der Wasserlinie zu halten. Sie haben es geschafft, diesem Brackwasser zu entsteigen, das Ufer des Aufhorchens zu erreichen und schließlich sich an den Aufstieg der Berge der Erinnungswürdigkeit zu machen. Das ist allgemein, und für mich persönlich haben sie sich einen persönlichen Mount Rushmore in ihrem Anlitze gemeißelt und ich werde noch Generationen von euren Charakteren in den beiden Szenarien zum 19. Jahrhundert erzählen.

Gehabt euch wohl.
"Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit." - Jean-Jacques Rousseau, Du Contrat Social