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Autor Thema: Une nouvelle ère  (Gelesen 23259 mal)

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Carl von Lütjenburg

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Une nouvelle ère
« Antwort #105 am: 17.01.2015, 01:24:10 »
Da war es! Carl fühlte sich beinahe auf eine kleinbürgliche Weise beruhigt, als er zum ersten Mal feststellen konnte, dass der Erzbischof sich ernstliche Sorgen machte, wenn auch nur einen kurzen Augenblick.

"Exzellenz, ich bin Protestant und genau genommen bin ich nicht einmal das. Ich sehe Kirchen nur von innen, wenn man in ihnen ein Lazarett errichtet hat und mich wieder zusammenflickt oder in Friedenszeiten, wenn meine Frau mich jeden Sonntag gegen meinen Willen dorthin schleift. Darüber hinaus haben wir schon festgestellt, dass ich preußischer Offizier bin. Es muss also ein gewichtiger Grund sein, wenn ich mich um einen französischen Erzbischof so sehr sorge, dass ich ihn persönlich besuche und verzweifelt versuche ihn davon abzuhalten in eine Falle zu laufen." Carl seufzte, diese alten Männer machten ihn noch verrückt und wirklich böse konnte er ihnen noch nicht einmal sein. "Sie können sicher verstehen, wie ich mich fühle, wo ich nun erkennen muss, dass ich dabei nicht nur versagt habe sondern auch noch Herrn Zeidler zum Märtyrertum getrieben habe.

Um es vielleicht noch ein letztes Mal deutlich zu machen, und sei es nur, dass ich mir später vielleicht weniger Vorwürfe machen muss: Diese Lavalles, glauben Sie mir, dass sie noch kein niederträchtigeres Wesen getroffen haben werden als diese beiden."
Carl knöpfte rasch den Kragen auf und zeigte den beiden eine schlechtverheilte Narbe an seinem Hals, die nur knapp die Carotis[1] aussparte[2]. "Zugezogen als ich einen hohen holsteinischen Adligen vor den beiden beschützte. Im Zuge dieser Tage hatte ich es unter anderem mit einer erpressten schwedischen Industriellenfamilie, einem gestohlenem Kriegsschiff, schottischen Söldnern und gefälschten Geheimdokumenten zu tun. Ich nenne schon zu viele Details, jedoch gehen all diese Taten auf dieses Pärchen zurück! Ich kenne sie also gut genug um zu wissen, dass wir es nicht einfach nur mit den beiden zu tun haben werden. Ob sie wieder Söldner dabei haben werden oder ob sie die besonders gewaltbereiten Arbeiter manipulieren kann ich nicht sagen.

Lecomte - zumindest glaube ich, dass er es heute morgen auf dem Place blanche war[3] -  und seine Männer wären zumindest eine schlagkräftige Verstärkung. Ob ich es als klug erachte sie mit einzubeziehen? Das kann ich erst sagen, wenn ich mit ihnen gesprochen habe. Es kann auch gut sein, dass sie mich irgendwo aufknüpfen werden, wenn sie herausbekommen, dass ich ein Preuße bin."
Carl zuckte mit den Schultern, als wäre er die Möglichkeit eines solchen Schicksals genauso gewohnt wie Mückenstiche oder Erkältungen.

"Sehen Sie, ich verstehe etwas von genau zwei Dingen: Krieg und Chemie. Für den Krieg brauche ich Truppen und für die Chemie Reagenzien. Welche Truppeteile und welche Reagenz ich wann und wofür einsetzen werde ist die eine Sache, nur ohne Armee braucht man nicht zum Kriege anzutreten und ohne Reagenzien ist ebenso keine Chemie möglich. Sie werden mir den Galgenhumor verzeihen, doch im Augenblick besteht meine "Armee" aus zwei Feldpredigern und mir selbst. Wir sollten uns mit Kriegserklärungen momentan also noch zurückhalten, meine Herren.

Was meine Absichten angeht: Selbstverständlich steht für mich an erster Stelle meine Befehle zu erfüllen, ob ich Ihnen danach noch zur Verfügung stehen kann, das ist nicht allein meine Entscheidung. Im Endeffekt zielen meine Befehle ja daraufhin, den Krieg so rasch wie möglich zu beenden... das käme mir sicherlich nicht ungelegen, ich habe eine Frau in Berlin, sie wissen... Doch was sollte ich für mich hieraus machen? Ich kann damit nichts beweisen, was ich nicht schon bewiesen hätte. Ich kann es bloß richtig machen, und genau das hatte ich auch eigentlich vor. Wenn Sie einen Vorschlag haben, wie ich diesem Ziel näher kommen kann, höre ich ihn mir gerne an."


Carl sah, wie der Erzbischof endlich eine Sitzposition fand, die ihm weniger Schmerzen bereitete und räusperte sich vernehmlich: "Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber ich komme nicht umhin Ihr Leiden zu bemerken. Die Niere, wenn ich mich nicht täusche? Gibt es etwas, was die preußische Armee  für Sie tun kann? Medikamente oder einen Arzt? Ich bin mir sicher, dass ich dafür sorgen kann, Exzellenz."
 1. Carotis
 2. Hier nachzulesen
 3. Carl beschreibt ggf. nochmal das Aussehen des jungen Mannes mit dem Tischbein

Menthir

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Une nouvelle ère
« Antwort #106 am: 19.01.2015, 07:27:59 »
Donnerstag, 23. März 1871 - Vormittag - 11:16 Uhr - Place du Châtelet (Quartier Saint-Germain-l’Auxerrois)

Des preußischen Majors Worte rissen den Erzbischof von Paris jedoch schnell wieder aus seinem beginnenden Enthusiasmus, weil er immer wieder auf eine Sache zurückkam. Zu diesem mysteriösen Söldnerehepaar, welches scheinbar überall eine Rolle spielte, wo es Schwierigkeiten gab oder welches zumindest ein nicht erkennbares Händchen dafür hatten, in bestehende Konflikte einzugreifen, um an Francs oder andere, gängige Währungen heranzukommen. Und dass Carl ihn auch noch auf sein augenscheinliches Leiden ansprach, schien die Freude auf den Abend wieder einzudämmen. Mit der Erwähnung möglicher Schmerzen kam auch wieder die Erinnerung an jene und Georges Darboy war wieder deutlich unruhiger, saß verkrampfter und der wieder akute Schmerz ließ sein linkes Augenlid kurz flattern. Er bemühte sich um ein verständnisvolles Nicken, als Carl davon sprach, den Herrn Zeidler in eine unangenehme Lage gebracht zu haben. Doch völlige Überzeugung war nicht zu sehen.
"Es ist nicht so, dass ich Ihnen nicht dankbar wäre für Ihre Sorge, und dass ich Ihre Sorgen nicht ernst nehmen würde. Verstehen Sie mich da bitte nicht falsch. Aber verstehen Sie bitte auch, dass Sie selbst für sich ausgedrückt haben, dass Sie ein Preuße vollster Überzeugung sind, und ich demnach davon ausgehen muss, dass nicht Ihre Sorge Sie hierhin getrieben hat, sondern aller Voraussicht nach ein Befehl und eine Hoffnung auf weitere Hinweise. Ich bin dennoch dankbar, wenn sich eine gewisse Sorge im Laufe des Gespräches entwickelt hat. Ihr gewichtiger Grund ist demnach also erst nicht mit mir verbunden gewesen, hat sich aber verfangen, nicht wahr?"

Georges Darboy legte die Beine um, sodass sie nun umgekehrt aufeinander ruhten und es schien ihm kurzzeitige Erleichterung zu verschaffen. "Es ehrt sie natürlich, dass Ihr Pflichtgefühl Ihnen vorschreibt, dass Sie Verantwortung für des Monsieurs Zeidler und meiner Person Handeln übernehmen wollen. Und ich sehe ein, dass diese beiden Lavalles, deren Namen sie jetzt mehrfach erwähnten, problematische Personen sein könnten." Er betrachtete die Narbe an Carls Hals und nickte bedächtig. "Jedoch ist ihre Kurzfassung kaum ausreichend, um einen Bild von diesen beiden Personen zu geben. Sie reden ein wenig so, als müsste ich Sie kennen. Leider kann ich das nicht behaupten, könnten Sie mir vielleicht mehr über Sie erzählen?"
Carl von Lütjenburg war immerhin soweit zu dem Erzbischof durchgedrungen, dass dieser nun anfing, sich mehr um die Thematik der Söldner zu scheren und sein sorgenvoller Blick ließ durchaus erkennen, dass es ihm Sorge machte. Allerdings war dahinter auch noch eine andere Sorge zu erkennen. Wahrscheinlich eine, die trotz aller Beteuerungen mit Carl und seinem Preußentum selbst zu tun hatte.

Besonders gut lesbar war des Darboyen Gesicht als Carl von der Gefahr durch Lecomtes Männer sprach, als wäre es eine Laissez-faire-Geschichte, sein Leben für den Zweck zu opfern. Und des Erzbischofs Blick verriet deutlich, dass er hier eine Form von bigotter Doppelmoral witterte. Anderen das Selbstopfer gerade abraten zu wollen, und es selbst zu suchen. Carl als griechischer Heros der Tragik, der aufgrund dessen an seiner Hybris sterben müsste. Aber obwohl seinem Blick Unbehagen anzusehen war, beließ es der Erzbischof dabei und lächelte diese Passage einfach weg, schob sie vorüber, und überließ diese Entscheidung der völligen Willkür des preußischen Majors.

Doch die Begeisterung des Erzbischofs für den preußischen Major verlor noch weiter an Kraft, als dieser Paul und ihn als Feldprediger bezeichnete und sie in einem Wort mit dem Kriege nannte. Carl und Paul konnten durchaus erkennen, wie eine gewisse, angedeutete Zornesröte in das alternde und krankheitsschwache Gesicht des Erzbischofs stieg.
"Wir werden keinen Krieg erklären, Monsieur von Lütjenburg. Wir werden Frieden künden. Und ich schlage vor, dass Sie sich Ihren Krieg aus dem Kopfe schlagen, Preuße hin oder her. Denken Sie daran, dass seit einigen Tagen der Vorfrieden[1] unterzeichnet ist. Wenn ich also einen Vorschlag machen kann und Sie den gerne hören: das, was uns bevorsteht ist ein Bürgerkrieg, wenn alle Ihren Willen nicht bekommen und den Frieden vergessen. Wenn Sie also Befehle haben, hoffe ich doch sehr, dass Sie so lesbar sind, dass Sie den Frieden sichern und sich nicht damit beschäftigen, wie man einen solchen Bürgerkrieg in Paris führen könnte. Und wenn Preußen sich einmischen wollte, bitte machen Sie es zu keinem Krieg.

Wir können Ihnen aber nur anbieten, über den Frieden zu verhandeln und zu lehren, was Menschlichkeit und Frieden bedeutet. Den Frieden bringen, das obliegt uns jedoch nicht alleine. Da werden Sie sich sicher eher mit Rädelsführern und politischen Größen auseinandersetzen müssen. Die Personen, die ich Ihnen raten kann, habe ich Ihnen gesagt."


Der Erzbischof stand schlussendlich wieder auf und trat hinter seinen Sessel sich darauf abstützend. Er schwieg eine Weile und blickte Carl eine Weile an, seine Züge, die sich zwischendrin erhärtet hatte, wurden wieder weicher.
"Man sieht es deutlich, nicht wahr? Wahrscheinlich ist es ein Nierenleiden, ja. Vielleicht Nierenkrebs, ein Tumor in der Niere. Aber nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssten. Ich danken Ihnen jedoch für das Angebot."
Es war deutlich, dass es nicht das Thema war, über das er gerne sprechen mochte.
 1. Vorfrieden von Versailles
"Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit." - Jean-Jacques Rousseau, Du Contrat Social

Sébastien Moreau

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Une nouvelle ère
« Antwort #107 am: 25.01.2015, 20:37:55 »
Sébastien machte sich nach seiner Schicht durchaus beschwingten Schrittes auf den Weg zu seiner Verabredung mit Alfred Nobel, unterdessen er eine Zigarette rauchte, die einer seiner Kollegen ihm zugesteckt hatte. Der bereits zur Neige gehende Tag war ein anstrengender gewesen, aber die Vorfreude auf den kommenden Kirchgang, der noch vor ihm lag, gab dem jungen Tischler neue Kraft. Der Gedanke daran, Erzbischof Darboy mitten aus der Messe zu entführen, versetzte ihn immerhin in kribbelnde Aufregung. Er gedachte durchaus, den Austausch gegen Louis Blanqui durchzuführen, sofern seine Freunde und er sich darüber auch noch  einig waren, nachdem sie sich über die Lavalles ausgesprochen hatten.
Blanc hatte versucht, Sébastien davon abzubringen, Blanqui befreien zu wollen. Zweifel hatten besonders Achille und Nobel säen können, aber das betraf hauptsächlich die Beweggründe, die das mysteriöse Ehepaar Lavalle haben mochte. Blanqui traute er immer noch zu, die Wahl für sich entscheiden und die Arbeiter einen zu können. Das war der Plan. Ein Massaker hatte der junge Arbeiter dabei gewiss nicht im Sinn.
Die Frage war momentan, was genau François mit den Lavalles ausgehandelt hatte. Was versprachen die Lavalles sich von der Entführung des Pfaffen, wenn zumindest der alte, (sofern Archilles Beschreibung zutraf) hässliche Gatte der rothaarigen Schönheit Blanqui schon einmal verraten hatte? Dies war ein Punkt, den Sébastien auf jeden Fall noch einmal anzusprechen gedachte, wenn sie sich gleich unterhielten.

Sébastien erkannte, dass Alfred Nobel schon auf ihn wartete. Eigentlich war es ein wenig kurios, dass gerade sie sich trafen. Nobel war kein Arbeiter. Er war noch nicht einmal Franzose. Im Grunde konnten er und Sébastien, was ihren Hintergrund betraf, kaum verschiedener sein. Dennoch hatte er beschlossen, diesen Mann erst einmal nicht den ausbeutenden Aasgeiern zuzuordnen, die er in den Industriellen, auch seinen eigenen Vorarbeitern und seinem Arbeitgeber sah. Er versuchte, möglichst unvoreingenommen zu sein. Das fiel ihm nicht unbedingt leicht. Wie François und Nicodème wohl auf Sébastiens überraschenden Gast reagieren würden? Er war gespannt.

Als Sébastien sich einen Weg zu Alfreds Tisch bahnte, blieb sein Blick an einem auffälligen Hut hängen, der ihm ins Auge fiel. Er wusste, dass dieses Café wohl ein Treffpunkt für allerhand Künstler des Viertels, wie auch Archille einer war, sein mochte. Dieser Hutträger gehörte anscheinend zu der exzentrischeren Sorte. Komplett in Schwarz gehüllt, groß gewachsen, wie er war, und mit diesem Kalabreser auf dem Kopf, fiel er auf jeden Fall unter den anderen Gästen auf. Auch seine weibliche Tischgesellschaft schien der Meinung zu sein, dass der Mann nicht wirklich hierhingehörte. Sébastien glaubte sofort, diesen Kerl wiederzuerkennen. Dieser Hut und dieses Gesicht… War dieser Mann nicht auf in der Suppenküche dieses Deutschen Zeidler gewesen und hatte sich in die Diskussion eingemischt? Es schien ein interessanter Zufall zu sein, ihn wiederzutreffen. Sébastien maß dem im Moment keine höhere Bedeutung bei. Auch wenn es ihn aus reiner Neugier wohl interessieren würde, was dieser Kerl da so fleißig auf’s Papier bringen mochte, wandte Sébastien seinen Blick von ihm ab und befasste sich nun mit seinen eigenen Angelegenheiten.

Sébastien bot Nobel zur Begrüßung seine Hand an, die von den letzten Kämpfen und von der Arbeit der vergangenen Jahre und auch dieses Tages noch ihre Spuren trug.
„Guten Abend, Monsieur“, wünschte er lächelnd. „Freut mich, dass Sie gekommen sind. Wollen wir uns sofort auf den Weg machen?“
„Liberté, égalité, fraternité!“

Menthir

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Une nouvelle ère
« Antwort #108 am: 02.03.2015, 11:28:06 »
An dieser Stelle setze der grauhaarige Mann den Stift ab, rieb sich die Augen und setzte seinen Zwicker wieder auf, jenen Zwicker, der zu seinem Markenzeichen geworden war und der für ihn und für andere seine eigene Bildung, seinen historischen Forschungsdrang und seine politischen Leitlinien symbolisierte. Jenen Zwicker, den er in all den Wirren der Zeit getragen hatte, durch die er Leid und Freude, Sieg und Niederlage gesehen hatte, und durch die er sie zu beschreiben gedachte. Er blickte auf die knittrigen Schmierzettel vor sich, die Gedächtniskrücken waren und die wahren Geschehnisse beinhalteten, die kalten und nackten Fakten. Talleyrand[1], sein Förderer, hatte ihm zwei Dinge gelehrt. Dass Geschichten immer besser im Menschen wirkten als Fakten, und dass Verrat nur eine Frage der Zeit sei. Der Gedanke an den zweiten Satz ließ den grauhaarigen Mann zu dem Geschriebenen greifen und es erweckte Unmut in ihm. Am liebsten hätte er es zerrissen und in den kleinen, gegossenen Werkstattofen geworfen, der ihm an diesen regnerischen Tagen den Pelz wärmte.

Aber er tat es nicht, da er wusste, dass er beobachtet wurde. "Wieso schreibst du an dieser Geschichte? Solltest du nicht deine Korrespondenzen für Monsieur Lévys[2] Occupation et libération du territoire, 1871–1873 fertigstellen?" Wie immer wirkte die Stimme der Vernunft im Hintergrund, und sie hatte wie so häufig einen weiblichen, oder wenn er wütend war, weibischen Klang. Seine Frau war jedoch eine treue Seele, und sie hatte recht, an diesem Tag wirkte ihre Stimme weiblich. Er nahm den Zwicker kurz ab, um sich die Hand müde durch das Gesicht zu führen. "Adolphe, kräme dich nicht, diese Geschichte heute nicht zuende zu schreiben.", sagte die sanfte Stimme, deren Gestalt er nicht wahrnahm, weil sie am Türrahmen stand und Adolphe sich zu müde fühlte, sich überhaupt umzudrehen. "Ich weiß, der Stachel sitzt tief. Ich weiß, du willst verstehen, warum deine Feinde dazu kamen, so eine Sicht auf dich entwickelt zu haben, und dass du ihre Lebenslinien verschwimmen und in spannende Prosa setzen willst. Aber du bist ein Mann der Fakten und deine Partei braucht dich. Sie warten auf dich seit Patrice[3] gescheitert ist." Adolphe seufzte laut genug, dass seine Ehegattin das hören konnte, als wäre er dieser Diskussion müde. Diese setzte jedoch ungerührt fort. "Was willst du ihnen beweisen? Den Arbeitern? Den Adligen? Den Liberalen? Den Sozialisten? Den Monarchisten? Du brauchst nichts beweisen. Kein anderer Mann Frankreichs kann von sich sagen, als Sohn eines Schlossers angefangen zu haben und alle Geschichte Frankreichs seit den großen Revolutionen über die kleinen Revolutionen erlebt zu haben, fast alles davon mitgeprägt zu haben, als Historiker und als Mensch in der Zeit. Du bist es schon, und eines Tages wird man deinen Rang in der Geschichte als Ikone des 19. Jahrhunderts anerkennen, als jemand, der die großen Ideen der großen Revolution endlich umsetzte und Frankreich endgültig in die Republik führte! Aber dieses Mannes wird man sich wegen seiner Taten und seiner historischen Werke erinnern, und nicht aufgrund pseudo-realer Geschichtchen in der Zeit der Pariser Kommune, in der mein Mann versucht auf spielerische Weise mit seinen Feinden abzurechnen...Komm, Adolphe. Deine Freunde warten unten. Sie wollen reden. Noch ein Wahlkampf, Adolphe. Zeig Frankreich noch einmal, dass du seine prägende Figur bist!"

Adolphe seufzte abermals, und setzte dann seinen Zwicker auf. Er war irgendwie müde. Müder als sonst und irgendwas in seinen Knochen sagte ihm, dass wenn er jetzt nicht die Geschichte um Carl von Lütjenburg, Alfred Nobel, Paul Zeidler und Sébastien Moreau fortsetzte, dass er sie möglicherweise nie wieder anrühren würde, weil das Leben anderes plante. Er war immerhin 80 Jahre alt. Wie lange würde ihm sein Körper nach lassen. War es da nicht besser, doch den Worten seiner Frau zu folgen? Ja, Patrice war gescheitert. Auf den Straßen riefen sie seinen Namen. Jeder erinnerte sich seiner Opfer. Jeder erinnerte sich der vielen Toten in Paris im Jahre 1871. Jeder wusste, dass er es nicht gern getan hatte. Und doch...
Seine Hand griff zum Stift. Er musste es sich von der Seele schreiben, wie viele Menschen aufgrund seiner Entscheidungen drangsaliert, brutal getötet und gequält worden sind, und alles im Namen der Republik.

Der Stift tauchte in das Tintenfässchen, er löschte die übermäßige Tinte, zog die Stirn in Gedanken kraus und überlegte die erste Formulierung. Doch gerade als der Tintenstift auf das Papier traf und den ersten königsblauen Klecks hinterließ, fuhr er zusammen und stieß das Tintenfass um, als die alte, faltige Hand seiner Frau ihn am Arme berührte und sie sich beide ihres Alters bewusst wurden. "Adolphe...", sagte sie, ihn gleichsam erinnernd und ermahnend. Adolphe Thiers beobachtete, wie die Tinte auf dem Stück Papier entlanglief und ein Teil seines Geschriebenen verdeckte und ertränkte.

Man würde sich alles an ihn erinnern, aber njcht dafür, dass er diese Geschichte zuende schrieb. Enttäuscht und sich in sein Schicksal fügend stand Adolphe auf. Wehmütig blickte er auf den königsblauen Tintensee zurück, während seine Frau ihn zu seinen Gästen führte. Jene Politiker, die sich erhofften, dass in diesem schicksalshaften Jahr Adolphe Thiers noch einmal die Kohlen für sie aus dem Feuer holte. Da konnte noch niemand ahnen, dass Adolphe Thiers nicht einmal mehr das Ende des Wahlkampfes erreichen würde.

Und so blieb die Geschichte der Pariser Kommune, um Alfred, Carl, Paul und Sébastien unvollendet, weil andere Pflichten riefen...
 1. Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord - Der wahrlich berühmteste Diplomat Frankreichs, der für eine Vielzahl politischer Bonmots gesorgt hat.
 2. Gemeint ist hier wahrscheinlich weniger einer der beiden Levybrüder selbst, sondern der von diesen gegründete Verlag Calmann-Lévy, einer der renommiertesten zu der Zeit.
 3. Gemeint ist der zweite Präsident der Dritten Republik Marie Edme Patrice Maurice, Graf von Mac-Mahon
« Letzte Änderung: 02.03.2015, 11:31:12 von Menthir »
"Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit." - Jean-Jacques Rousseau, Du Contrat Social

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