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Autor Thema: Geisterstadt  (Gelesen 61967 mal)

Beschreibung: Episode 1.2

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Arjen Bucalo

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Geisterstadt
« Antwort #615 am: 04.07.2015, 20:40:16 »
Arjen wollte schon auf Wills fesche Begrüßung etwas erwidern, doch Schnüfflers Frage führte schnell weiter zum Verlust des Paladins. Das Wortgefecht zwischen seinem Kameraden und Gerilion ließ Arjen wachsam bleiben. 'Das fehlt noch, dass wir uns hier an die Gurgel gehen, weil wir uns nicht mit Samthandschuhen anfassen', dachte der Bucalo bei sich. 'In jedem Fall war es wohl nicht die glücklichste Entscheidung, Will hier allein zu lassen'.

Arjen sah an Will herunter: auch wenn der Stückeschreiber aufgeweckt und selbstsicher schien, sah man ihm an, dass er mitgenommen war - und verletzt. Der Bucalo schaute zunächst zu Gerilion. Der Mann hatte eben seine Schwester verloren, wenn er es richtig verstanden hatte. Familie. Arjen kamen wieder die Erinnerungen an seine hoch. "Mein Beileid zu deinem Verlust, sagte er nur - dem war nichts sinnvolles hinzuzufügen. Dann drehte er sich zu seinem Kameraden um: "Es freut mich, dass es Don Pedro gut geht. Wie steht es um deinen Arm?", fragte er Will und versuchte dabei, nicht allzu besorgt zu wirken.

William Marlowe

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Geisterstadt
« Antwort #616 am: 05.07.2015, 13:37:57 »
"Mein Arm, ach, das ist bloß ein Kratzer", sagte Will. "Und Blut von denen ist mir auch nicht reingekommen, hoffe ich. Sonst, na ja, du kennst meine Präferenz. Egal, an was ich krepier, lieber auf Nummer sicher gehen, ja?"

Er schluckte und drückte Ysari ein wenig enger an sich. Es tat gut, etwas lebendiges zu spüren. Lebendige Wärme. Ihm war ganz schrecklich kalt. Zu dem erlittenen Schrecken kam, dass er bis auf die Haut durchnässt war. Er redete schnell weiter, um seine Zähne vom Klappern abzuhalten.

"Ich bin aber auch froh, dass es Don Pedro gut geht. Das bist nämlich du. Ich bin Tom der Reimer. In meinem neuen Stück. Ich hab dich bloß vertreten, weil er da"—ein Nicken Richtung Schnüffler—"doch sagte, ich solle mir von allen Kämpferrollen, die ich kenne, die stillste heraussuchen, da bin ich auf dich gekommen. Du bist der wortkargeste Mensch, den ich je getroffen habe. Dabei muss ich dir gleich was beichten: Don Pedro wird auf der Bühne etwas geschwätziger werden als du, denn stell dir mal vor er steht bloß da, vor dem Publikum, und macht den Mund nicht auf. Du siehst ein, dass das nicht geht, nicht wahr? Auf der Bühne läuft nun einmal nichts ohne Reden. Willst du hören, was du beim Anblick der Wiedergänger da zu mir gesagt hast, als du ihnen mit mir zusammen entgegen getreten bist?

Tom, ach Tom, verzage nicht!
Wer stirbt wie wir in Erfüllung seiner Pflicht,
Der höchsten, der einz'gen, der götterbefohl'nen
Zu schützen die Schutzlosen und wehren den Feind,
Der scheidet leicht und wird im Jenseits vereint
Mit Frau und Sohn, mit Freund und auch jenen,
Die er zu Boden gestreckt, auf Befehl von oben.
An einer Tafel sitzt man beisammen,
Vergibt und wird vergeben
Und lacht und weint und findet Ruh'.

Drum Tom, fass' Mut und tu das Deine.
Mehr Rechenschaft verlangt der Himmel nicht.
Mehr kann die Kunst dir auch nicht abverlangen,
Als dass ein Raunen nachhallt dir in klammen Mauern:
Mit einem Lied auf den Lippen ist Tom in den Tod gegangen
Und einem Ruf: 'Die Kunst, Freund Pedro, wird überdauern!'"
[1]

Eigentlich hätte diese Rede, in der jetzigen Lage und nach allem, was gerade geschehen war, schrecklich albern klingen sollen. Stattdessen fühlten alle Anwesenden die Angst, die ihnen klamm im Nacken saß, ein wenig nachlassen, kamen sich tatsächlich für einen kurzen Augenblick mutiger und zuversichtlicher vor als gerade noch. Gemeinsam würden sie es schon schaffen, ins Sanatorium hineinzugelangen, ganz gewiss! Solange sie nur zusammenhielten.

Will selbst konnte die Reichweite dessen, was gerade passiert war—die Schwester! Er hatte die Schwester des Mannes...!—im Augenblick erst einmal nicht ermessen. Den ganzen Tag war er schon auf den Beinen, davon die meiste Zeit auf der Flucht oder in ständiger Furcht, man stünde beim Umrunden der nächsten Ecke einer Horde gegenüber, oder Mordbuben und Plünderern. Dann die Sache mit Jeana... und jetzt...

"Lass uns erst einmal hineingelangen", schloss er. Erst einmal zu Atem kommen, einen Augenblick ohne Angst... "Schnüffler erwähnte einen Mechanismus. Was braucht ihr denn, um ihn in Gang zu setzen?"
 1. Will wirkt Inspire Courage. Auf die Gefahr hin, mir vor dem ingame Morgen zu wünschen, noch eine Runde Bardic Performance mehr übrig zu haben: Das Gedicht hatte ich schon vorgedichtet in Erwartung, dass ich beim Kampf einen Inspire Courage einsetzen würde. Es passt nur zu dieser Situation und ich möchte es ungern "verfallen" lassen.
« Letzte Änderung: 05.07.2015, 21:51:52 von William Marlowe »
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Omrah

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Geisterstadt
« Antwort #617 am: 06.07.2015, 01:53:57 »
Im Gegensatz zu Schnüffler oder Arjen, sagte Omrah erst einmal ga rnichts, als sie den Rest der Gruppe erreichten. Das Bild, das sich ihm bot, schockte ihn und raubte ihm den Atem. Die Nacht des Blutes und die darauf folgenden Stunden hatten ihm zwar schon schlimmeres gezeigt aber das hieß nicht, dass sich der Junge an all das gewöhnen konnte oder das es ihm mit jedem mal weniger ausmachte. Der Schrecken blieb. Wieder hatten sie um ihr Leben kämpfen müssen. Sie hatten den Kampf mit den Untoten zwar ein weiteres Mal überstanden aber Will war verletzt. Omrah erkannte das jeder Kampf irgendein Opfer forderte und sie mehr oder weniger schwächte. Früher oder später wären sie so weit geschwächt, dass sie die nächste Konfrontation mit den Untoten nicht mehr überstehen würden.
Mit einem Ohr hörte der Junge den Gesprächen zu aber viel zu sehr mit sich selbst und seiner aufkeimenden Angst beschäftigt, als sich wirklich zu beteiligen. Erst als Will zu Arjen und ihm kam, sah Omrah wieder auf. Er kraulte Ysari hinter den Ohren und strich über sein Fell aber der Blick des Straßenjungen war auf den Künstler gerichtet. Gerade als er fragen wollte, wie es Will ging, kam ihm Arjen zuvor und so begnügte sich Omrah nur mit der Gewissheit, dass der Künstler die Verletzung schon überleben würde.

Erst die Rede Wills ließ den kleinen Dieb wieder etwas aufatmen. Ja, er sollte wie Tom Mut fassen und aufblicken. Es war nur ein blöder Fluss, der sie von Zuhause trennte und Omrah würde sich davon doch nicht aufhalten lassen, wo er doch schon viel schlimmeres überstanden hatte. Er nickte und wirkte wieder etwas entschlossener.
"Wir brauchen ein Seil. Das können wir befestigen und benutzen, um leichter durch den Fluss zu kommen. Arjen, Schnüffler und Ich haben aber keins." antwortete er und brach damit endlich sein Schweigen.

Schnüffler

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Geisterstadt
« Antwort #618 am: 06.07.2015, 12:35:49 »
Schnüffler blickte zu dem Halbelfen und fragte sich, was in ihm wohl vorgehen mochte. Die einfache Antwort war, dass er trauerte. Doch was es bedeutete, zu trauern, das war Schnüffler kaum geläufig. Er hatte nämlich nie getrauert. Und das, obwohl er alles andere als ein glückliches Leben geführt hatte. Doch wann immer er ein Unglück zu tragen hatte, hatte er die aufkommende Trauer in Wut verwandelt. Und so hatte er gegen sein Dorf gewütet, gegen die Gesellschaft, gegen das Recht und gegen sich selbst. Aber ind er Hauptsache hatte er gewütet.

Wieder blickte er zu Gelirion und auch jetzt spürte er jene Wut in sich aufsteigen. "Will," sagte er mit fester Stimme, "ich brauche jetzt alle Unvernunft, die Du aufbringen kannst. Wir müssen nämlich etwas außerordentlich Gerechtes tun. Fass mit an! Wir sind so nahe am Sanatorium, da muss es doch eine verdammte Möglichkeit geben, sie an die Oberfläche zu tragen."

Schnüffler fasste die Tote unter den Achseln und wartete, dass Will ihre Beine nahm.
"Die Grausamkeit der meisten Menschen ist Phantasielosigkeit, und ihre Brutalität Ignoranz."
Kurt Tucholsky

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William Marlowe

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Geisterstadt
« Antwort #619 am: 06.07.2015, 13:38:21 »
Will starrte den Halbork erst verständnislos, dann entsetzt, dann in stammelnder Panik an. Was, er sollte das da anfassen? Auf keinen Fall! Wozu auch? Sie war tot, doppelt und dreifach, und nicht einmal der eigene Bruder wollte ihre verseuchten Überreste bestatten. Noch einmal: wozu auch? Laut Luca war die ganze Welt mit dem Totenreich verschmolzen, jedes Fleckchen darauf ein Grab, eine Krypta, ein Scheiterhaufen!

Er wich einige Schritte zurück. Der blaue Wolf zappelte und strampelte und so oft Will auch versuchte, ihn wieder richtig zu fassen zu bekommen, gleich würde das Tier sich freigekämpft haben!

"Ich, nein...", war alles, was Will hervorbrachte, obwohl er mehrmals ansetzte, etwas zu sagen. Er zitterte jetzt sichtbar.

Etwas Gerechtes tun? Was faselte der Kerl da? Ungerecht mochte ihr Tod sein oder vielleicht war es umgekehrt ungerecht, dass Will, Arjen, Schnüffler und sie alle hier noch am Leben waren, während doch fast alles tot war, wo doch selbst die Kinder von den Eltern angefallen und vor Gier regelrecht zerrissen worden waren. Gerecht wäre es da wohl, wenn die letzten Überlebenden sich umbrächten oder der nächsten Horde in den Weg schmeißen würden, damit es ihnen so erginge wie dem Rest der Welt.

"Gerecht!" spuckte er schließlich aus. "Neodor hilf! Gerecht?"
« Letzte Änderung: 06.07.2015, 13:42:14 von William Marlowe »
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Schnüffler

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« Antwort #620 am: 06.07.2015, 14:08:44 »
"Deshalb brauche ich alle Deine Unvernunft.", knurrte Schnüffler. "Gerechtigkeit ist nämlich immer unvernünftig. Darum sind nur so wenige Menschen gerecht, darum finden die Gerechten den Heldentod und darum bewundern wir die Gerechten so viel mehr als die Frevler. Denk an... argh... wie hieß die doch gleich? Denk an die Antigone! Es war unvernünftig von ihr, ihren toten Bruder zu begraben. Aber die Götter haben es befohlen, einen Toten zu begraben. Und so ist es auch bei uns Brauch und Sitte.

Na gut, wenn Du mir nicht hilfst, dann mache ich es eben alleine.
"
« Letzte Änderung: 06.07.2015, 14:43:57 von Schnüffler »
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William Marlowe

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Geisterstadt
« Antwort #621 am: 06.07.2015, 16:02:56 »
"Die ganze verdammte Stadt ist ein Grab und dieser Ort wahrlich Krypta genug! Lass sie liegen, Mann!" beschwor Will den Halbork. "Was ist denn mit den beiden dort? Sind sie nicht tot? Hätten sie es, den alten Regeln nach, nicht ebenso verdient, bestattet zu werden? Jeana und ihre tapferen Kameraden von der Stadtwache? Und all jene, die wir drüben in dem kleinen Tempel auf dem Erdboden verteilt fanden? Können wir uns nicht damit trösten, dass sie ihren Frieden gefunden haben? Die Toten kümmern sich dieser Tage um sich selbst, lass uns Lebende uns erst einmal um die Lebenden kümmern!"

Hilfesuchend sah Will ausgerechnet zu Gelirion.
« Letzte Änderung: 06.07.2015, 22:08:19 von William Marlowe »
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Gelirion

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Geisterstadt
« Antwort #622 am: 06.07.2015, 21:04:13 »
Das Gedicht von William erreichte auch Gelirion. Doch im Kampf mit seinen inneren Gefühlen hielt die inspirierende Wirkung nicht lange an. Noch schlimmer wurde es, als Schnüffler den Mut fasste Inas Körper mit zu nehmen. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken und er hörte kaum die Wiederworte von William, auch wenn er ihnen voll zustimmen würde. Sie konnten nicht jeden Retten, nicht jeden in dieser verdammten Stadt begraben. Sie konnten sich nur an dem Leben erfreuen, welches sie wieder der Umstände retten konnten. Das war der einzige Trost hier und nicht die Erinnerung jemanden begraben zu haben. Ina, war gestern gestorben. Er danke Ceriva, sich von ihr verabschiedet haben zu können, doch was unterschied ihren Körper nun wirklich von den anderen.
Gelirion senkte den Kopf. Sein Atem ging schwer. Erst leise dann laut genug sagte er „Es ist genug!“ Er biss die Zähne aufeinander und hob den Blick. Seine Gedanken hielten sich an diesen Worten Fest. So war er immer noch unfähig zurück zu blicken oder auch nur etwas mehr zu sagen. Stattdessen ging er in die Richtung aus der sie gekommen waren. Sie brauchten ein Seil oder einen besseren Plan.

Schnüffler

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Geisterstadt
« Antwort #623 am: 07.07.2015, 10:01:59 »
Schnüffler ließ sich von Gelirion nicht beirren und warf sich den Leichnam über die Schulter. "Nein, wir können nicht jeden bestatten, der es verdient hat. Diese Zeit macht einen zwangsläufig zum Frevler. Aber zumindestens in einzelnen Taten können wir unsere Furcht vor den Göttern ausdrücken. Und wir hoffen, dass sie nicht unsere Unterlassungen sondern unsere Ehrfurcht ansehen. Und das Gleiche gilt für die Toten. Mit dieser Toten sagen wir allen Toten, dass sie es wert wären, begraben zu werden." Schnüffler musste kurz das Gleichgewicht ausgleichen. Er würde die Leiche nicht weit tragen können, aber das war, so Acan hilf, auch nicht nötig. "Ich schlage vor, wir sehen uns den Fluss gemeinsam an. Wir gehen schon genug Wagnisse ein."

Damit folgte Schnüffler Gelirion in Richtung Fluss.
« Letzte Änderung: 07.07.2015, 10:02:45 von Schnüffler »
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Arjen Bucalo

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Geisterstadt
« Antwort #624 am: 08.07.2015, 22:29:41 »
Arjen grinste und zog die Brauen zusammen, als Will ihm erzählte, er wäre Don Pedro. Eigentlich hatte er gedacht, dass die Rolle aus Wills unerschöpflichem Repertoire stammte. Als der Stückeschreiber dann auch gleich auf die unpassende Schweigsamkeit des Kriegers kam und sein Lied anstimmte, wurde aus dem Grinsen ein Lächeln. Nein - Will hatte seinen Humor nicht verloren.

Die ersten Strophen vernahm Arjen noch gelassen. "Das alles soll ich gesagt haben? Blieb denn noch Zeit zum Kämpfen?..., warf er neckisch ein. Doch Will war so in seine Darbietung vertieft, dass er die Worte wohl überhört hatte. Und dann kamen weitere Strophen:
'...Der scheidet leicht und wird im Jenseits vereint
Mit Frau und Sohn, mit Freund und auch jenen,
Die er zu Boden gestreckt, auf Befehl von oben.
An einer Tafel sitzt man beisammen,
Vergibt und wird vergeben
Und lacht und weint und findet Ruh'...'


Plötzlich spürte Arjen einen Kloß im Hals. Mit Mühe schluckte er ihn herunter. 'Mit Frau und Sohn... und jenen, die er zu Boden gestreckt auf Befehl von oben'. Der Krieger tat einen tiefen Atemzug. 'Vergibt und wird vergeben... ...und findet Ruh'.

Will sang weiter - Arjen wandte sich ab und starrte einen unbekannten Punkt in der Ferne des Tunnels an. Ließ nur die Stimme des Sängers auf sich wirken und merkte, wie er tatsächlich für einen Augenblick so etwas wie Ruhe fand. 'Drum Tom, fass' Mut und tu das Deine. Mehr Rechenschaft verlangt der Himmel nicht.' Konnte es so einfach sein? Nein - ganz sicher nicht. Aber für den Augenblick. Für diesen einen Augenblick schien es so einfach. Es war wohl Wills Stimme, oder einfach diese ungebrochene Lebensfreude des Stückeschreibers, der - wie Arjen inzwischen wusste - auch vieles durchgemacht hatte. Und doch hatte er sich diesen Optimismus bewahrt. Mag sein, dass dieses Gefühl einen Liedschlag später wieder endete, doch dieser Augenblick schien frei. Der erste seit dem Tod von Diana und Lukas.

'Und er singt so, als ob er es wüsste. Aber das kann doch gar nicht sein!' Plötzlich fasste Arjen einen Entschluss. 'Es ist genug Zeit vergangen. Sobald wir unser Lager aufschlagen, spreche ich ihn auf seine Vergangenheit an' - er legte die Hand auf das zusammengefaltete Schreiben in seiner Brusttasche. 'Und erzähle ihm von meiner.'

Als der Krieger sich wieder zu den anderen umdrehte, hatte Will sein Lied beendet und Schnüffler gerade eben die Leiche der Toten über die Schulter geworfen. Doch anscheinend wollte Gelirion nicht, dass sie an die Oberfläche getragen würde. Will mischte sich nicht ein. Das war eine Sache, die der Paladin allein entscheiden musste - sie war seine Schwester. Und Arjen kannte ihn noch nicht gut genug, um sich in diese Angelegenheit mit einem Rat einzumischen.

Er folgte Schnüffler stumm, achtete jedoch darauf, das Will und auch der kleine Omrah nicht zurückblieben. Nach ein paar Schritten wandte er sich an den Stückeschreiber und sagte leise: "Ein schönes Lied, Will. Jeder geht mit dem Kummer auf seine Weise um" - er nickte in Richtung der Leiche, die über der Schulter des Halborks baumelte. "Deine hilft vor allem den beiden Kindern sicher mehr."

William Marlowe

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Geisterstadt
« Antwort #625 am: 09.07.2015, 00:14:25 »
"Mir auch", gab Will zurück. Beim Anblick der Gedärme, Hirnmasse und sonstigen unaussprechlichen Dingen, die dem Halbork an Rücken und Brust hinabtroffen, musste er prompt wieder würgen. Und würgen. Und—nichts weiter.[1]

"Ja, glaubst du's. Ich lern's noch. Ach, und keine Sorge, ich habe meine Lektion bei Luca gelernt: Dolch ins Auge, nicht Stein auf Kopf."

Er stapfte zu Omrah hinüber. "Möchtest du Ysari wieder nehmen? Ich habe ihm etwas zu essen gegeben und ganz furchtbar viel auf ihn eingeredet und ihn gestreichelt, aber ich glaube, er will doch wieder zu dir. Wenn er allerdings hofft, dass du trockener bist als ich, wird er wohl enttäuscht werden." Will versuchte zu grinsen.

"Ich hätte da übrigens..." Er zögerte kurz. Nutzlos waren sie, die Kostüme, und er konnte wahrlich keine rationale Begründung dafür finden, warum er sie seit zwei Tagen und einer Nacht mit sich herumschleppte, und doch waren sie seine letzte Verbindung, das letzte, was ihm noch blieb von... allem, was ihm je etwas bedeutet hatte. "Nun ja, zur Not hätte ich da ein paar Ersatz-Klamotten, die man zerreißen könnte und ein Seil draus knoten... schöner, fester Stoff. Das Hemd ist eh schon ruiniert." Er deutete auf den Verband an seinem Arm. "Das wär doch gelacht, wenn wir da nicht was hinbekommen würden."
 1. fort save = 15
« Letzte Änderung: 09.07.2015, 21:19:06 von William Marlowe »
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Schnüffler

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Geisterstadt
« Antwort #626 am: 10.07.2015, 16:48:08 »
"Und ich habe noch eine dünnen Decke in meinem Rucksack. Daraus ließe sich bestimmt etwas knoten.", pflichtete Schnüffler Will bei.
« Letzte Änderung: 14.07.2015, 15:02:59 von Schnüffler »
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Sternenblut

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Geisterstadt
« Antwort #627 am: 12.07.2015, 12:59:51 »
Nach einem kurzen Marsch kam die Gruppe wieder an dem unterirdischen Fluss an. Omrah wies auf den Mechanismus hin - es dürfte keine große Schwierigkeit sein, dort ein Seil oder etwas ähnliches anzubringen, um so den Brunnen zu erreichen, der nach oben zum Sanatorium führte. Sie mussten sich nur entscheiden, was sie nun als Seil nutzen wollten.
"Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror nichts anderes ist als Realismus." - Alfred Hitchcock

Omrah

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Geisterstadt
« Antwort #628 am: 15.07.2015, 05:56:49 »
Omrah war die ganze Diskussion um die Schwester Gelirions unangenehm. Er versuchte sich weitestgehend nicht einzumischen und hielt sich zurück. Der Halbelf tat ihm leid und am liebsten hätte er ihm gesagt, dass er wusste, wie er sich fühlte aber irgendwie hatte Omrah das Gefühl, dass Gelirion für den Moment genug von diesem Thema hatte und allein gelassen werden wollte. Vielleicht ergab sich später noch einmal die Möglichkeit. Auch er hatte seine Familie verloren und wusste wie sich das anfühlte. Noch immer plagten den Jungen Albträume, in denen seine Mutter auftauchte - wie sie hungrig nach ihm griff und ihn auffressen wollte. Wie all die Liebe aus ihren Augen verschwunden und von bloßer Mordlust vertrieben worden war. Omrah seufzte und lief schweigend zum Fluss.
Das Angebot Wills musste er leider ablehnen. So gerne er sich wieder um Ysari kümmern wollte - er hatte noch immer eine Aufgabe, bei der ihn das Tier nur behindern würde. "Kannst du ihn bitte noch etwas halten? Ich muss doch den Brunnen hochklettern und das geht nicht, wenn ich Ysari im Arm halte." Schließlich zeigte er auf den Mechanismus, den er entdeckt hatte. "Hier kann man das Seil befestigen. Vielleicht sollten wir es erst mit der Decke versuchen." schlug Omrah vor.

Gelirion

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Geisterstadt
« Antwort #629 am: 18.07.2015, 20:09:41 »
Am Fluss angekommen blickte sich Gelirion im Zwielicht um. Er vermied dabei Schnüffler und seine Schwester anzublicken. Verdrängen, nein aus seinen Gedanken wollte, konnte er Ina nicht verdrängen. Lieber erinnerte er sich an sie als sie noch kein fleischfressendes Monster war aber rasch tauchte immer wieder Bilder ihrer letzten Augenblicke auf. Wie sie auf den Mauern stand und viel aber auch wie William sie zerfleischte. All das Zähne zusammen beißen half nichts. Die Erinnerung war zu frisch und deutlich konnte er ihr Blut in der Luft riechen. Der Gedanken, dass es tatsächlich ihr Blut war, was er roch, drehte dem Paladin förmlich den Magen um. Doch er musste stark wirken, die Fassung waren.
Dank des Zwielichts konnte er sein Speigelbild im Wasser erkennen. Schemenhaft, dunkel aber es war sein. Grausam, auch hier unten gab es Untote und noch dazu schien es… „Sie ist in den Graben gefallen.“ sprach er mehr zu sich selbst, weiter in das Wasser blickend. „In den Graben und doch ist sie hier? Beim den Flüchen des Lancerus, sie ist hier.“ War dies nicht ein unterirdischer Fluss? War er nicht getrennt von der Oberfläche? War er nicht ihr Trinkwasser? „Festungsgraben und Fluss müssen eine Verbindung haben.“ murmelte er weiter. Was das für ihr Trinkwasser bedeutete, war wohl eindeutig. Im Grunde könnten sie damit nur noch von dem leben was in Fässern gelagert war, oder darauf hoffen, dass das Blut genug verdünnt wurde um nicht mehr ansteckend zu sein.

Ein schnaufen entfuhr dem Paladin. Sie wussten so wenig über diese Seuche. Also hieß es erst einmal weiter machen. „Gut Omrah lass dir helfen. Arjen, Schn ... Schnüffler macht ihr mit?“ sagte Gelirion und machte sich bereit, die Worte in die Tat umzusetzen. Hierfür entledigte er sich dem Rucksack, Schwert und Schild.[1]
 1. helfen: 2 ... Em, Gelirion wird wohl im Wasser landen für den Wurf ...
« Letzte Änderung: 18.07.2015, 20:15:45 von Gelirion »

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