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Autor Thema: Heiliger Boden  (Gelesen 75393 mal)

Beschreibung: Kapitel 1

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Olga Eisental

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Heiliger Boden
« Antwort #825 am: 08.10.2015, 13:27:02 »
Die Zwergin hörte sich Candals Geschichte an und runzelte brummelnd die Stirn. Was sie da zu hören bekam, gefiel ihr ganz und gar nicht... "Kommt denn niemand diesen Halunken bei?" erkundigte sie sich, indem sie den leeren Becher wieder in Empfang nahm. Dann schüttelte sie den Kopf. "Eine Schande, bei Dannas Gnade... eine Schande..!" Während sie ihre Sachen wieder verstaute, begutachtete sie die Gitter und sucht nach den Schlössern zu den Zellen. Insgeheim bedauerte sie, dass sie sich nie für die handwerklichen Künste interessiert hatte, die sich mit metallenen Konstruktionen befassten.

Die waren zwar in ihrer Heimat ohnehin Männerhandwerke, aber sie hatte auch niemals die Neugier entwickelt, den Schmieden wenigstens bei ihrer Arbeit zuzusehen. Nun waren Schlösser für sie rätselhafte, schwer zu durchschauende Dinge. Dennoch beschloss sie, zumindest einmal nachzusehen – aufgeben, ohne es auch nur versucht zu haben, war nämlich ihre Sache ebenso wenig. Und sie hatte das dumpfe Gefühl, dass ihr Gegenüber kein Schwerverbrecher war. Sie setzte ihr Bündel neben sich ab, beugte sich vor und musterte die Tür zu der Zelle. "Und welches Land ist das, Herr Candal?" fragte sie dabei halblaut.

Sternenblut

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Heiliger Boden
« Antwort #826 am: 10.10.2015, 09:39:15 »
Candal sah Olga mit hochgezogenen Augenbrauen an. "Ihr kommt wirklich von weit her, nicht wahr? Ihr seid in Terendol, der Hauptstadt von Maelicci."

Das Zellenschloss erwies sich derweil als nichts besonderes - ein simples Schlüsselschloss, aus schwerem Metall, geeignet für einen eher großen Schlüssel. Die Meister ihrer Heimat hätten jeden vom Hof gejagt, der ihnen ein solches Schloss angeboten hätte. Wer auch immer die Gefangenen hier eingesperrt hatte, schien ihnen entweder keine Flucht zuzutrauen, oder keine großen Sorgen darüber zu haben, was geschah, wenn sich jemand befreite.
"Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror nichts anderes ist als Realismus." - Alfred Hitchcock

Olga Eisental

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Heiliger Boden
« Antwort #827 am: 10.10.2015, 14:13:47 »
Inzwischen hatte sich die Zwergin vor die Tür gekniet und untersuchte das Schloss eingehender. Sie inspizierte es mit zusammengekniffenen Augen, ohne ihr Gespräch mit Candal zu unterbrechen. "Maelicci, so, so... ja ich komme in der Tat von weit her" meinte sie leise, um kaum mehr hörbar zu murmeln: "Danna sei mir gnädig! Ich weiß nicht einmal, WIE weit..." Indem sie kurz zu dem Gefangenen aufsah, brummte sie dann: "Es ist nicht meine Art, gegen die Gesetze eines Landes zu verstoßen. Aber wenn ich Euch richtig verstanden habe, dann hält man Euch hier ohnehin ohne ein rechtskräftiges Urteil fest, oder?" Dabei begann sie schon ihr Bündel zu befingern, um die außen festgeschnallte Axt loszumachen. Ein paar kräftigen Schlägen mit der stumpfen Seite der soliden zwergischen Schmiedearbeit würde so ein plumpes Ding wie das Schloss nicht standhalten, wie sie hoffte. Die Frage war nur, wie weit der Lärm tragen und ob ihn jemand hören würde. Andererseits hasste sie nichts so sehr wie den Raub der Freiheit eines fühlenden Wesens.

Sternenblut

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Heiliger Boden
« Antwort #828 am: 11.10.2015, 11:14:48 »
Candal zuckte die Schultern. "Die Wölfe haben ihre eigenen Gesetze. Die sich aber auch mal nach Lust und Laune ändern. Verurteilt nach den Gesetzen des Landes bin ich aber nicht, das stimmt."
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Olga Eisental

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Heiliger Boden
« Antwort #829 am: 12.10.2015, 12:29:49 »
"Gesetze, die nach Belieben verändert werden... das hatte ich mir fast schon gedacht" brummte Olga. Dann zog sie ihre Axt, stellte sich breitbeinig vor die Zellentür und packte das Heft der Waffe mit beiden Händen. Indem sie Schwung holte, meinte sie zu Candal: "Tretet am besten einen Schritt zurück – und betet, dass uns niemand hört." Sie jedenfalls betete genau darum. Aber den Befreiungsversuch nicht zu unternehmen, wäre ihr trotzdem nicht in den Sinn gekommen, Risiko hin oder her.

Sternenblut

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Heiliger Boden
« Antwort #830 am: 27.10.2015, 07:30:57 »
Ihr Gegenüber sah sie einen Augenblick mit großen Augen an - die Erkenntnis, dass sie ihn tatsächlich befreien wollte, drang wohl erst langsam in seinen Geist ein. Plötzlich riss er die Augen auf, und stolperte regelrecht einige Schritte rückwärts, um Olga Freiraum für ihre Arbeit zu bieten.

KATANGGG! machte es, als die Waffe der Zwergin auf das Metall prallte. Das Geräusch wiederholte sich, als sie zuschlug, das alte Metall langsam nachgab, und mit jedem Schlag drang das Geräusch scheinbar weiter durch den Tunnel, durch die geschlossene Tür, hin zu jenen, die Candal und seinen Zellengenossen hier gefangen hielten. So jedenfalls schien es Candal zu empfinden, sein Blick abwechselnd auf das Schloss und die für ihn so ferne Tür gerichtet.

Der letzte Schlag ging in ein schrilles Quietschen über, als das metallene Schloss an der Axt stecken blieb, und Olga es mit einem kräftigen Ruck von der Tür zog. Sie hatte das Schloss nicht nur zerstört, sondern vollends von der Tür gerissen - was noch deutlicher die schlechte Arbeit des Schlossers widerspiegelte.

Mit einem kurzen Ruck konnte die Zwergin das alte Schloss vom Heft ihrer Waffe ziehen. Die Tür war auf, doch Candal bewegte sich nicht. Er sah sie mit großen, ungläubigen Augen an.
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Olga Eisental

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Heiliger Boden
« Antwort #831 am: 27.10.2015, 14:20:12 »
Mit einem grimmigen Nicken besah sich die Zwergin ihre Axt. Gute Zwergenarbeit! Ganz im Gegensatz zu der Pfuscherei an der Gittertür – zu ihrem Glück. Indem sie ihr Bündel aufnahm und wieder schulterte, musterte sie Candal sichtlich überrascht, dass er sie nicht rührte. "Nun macht schon – glaubt Ihr, ich habe das nur zum Spaß gemacht?!" brummte sie schroff, doch mit einem gutmütigen Unterton. "Oder wollt Ihr lieber warten, bis die Euch hinrichten, hm? Ich denke, Ihr habt nichts zu verlieren, aber Euer Leben zu gewinnen, wenn Ihr Euch da raus traut."

Nach einem misstrauischen Blick in Richtung der Tür, zu der auch Candal geschielt hatte, wandte sie sich dem anderen Gefangenen zu. "Und wie sieht’s mit Euch aus? Wollt Ihr ebenfalls mitkommen oder lieber weiter schmollen? Mir soll's gleich sein – ob ich nun einen von Euch armen verhungerten Kerlen am Rockzipfel hängen habe oder zwei" meinte sie schulterzuckend, in der Hoffnung, den Mann bei seinem Stolz packen zu können, wenn er ihr schon nicht vertrauen wollte. Tatsächlich hätte sie große Bauchschmerzen dabei, ihn hier zurückzulassen, so unsympathisch er ihr auch war.

Sternenblut

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Heiliger Boden
« Antwort #832 am: 29.10.2015, 08:02:14 »
Candal kam langsam, zögerlich aus seiner Zelle, ganz so, als würde er jeden Augenblick erwarten, dass jemand sagte: "War nur Spaß, zurück mit dir!"

Doch nichts dergleichen geschah, und er trat in den Gang hinaus.

Mit Blick auf seinen Mitinsassen flüsterte er Olga ins Ohr: "Ich will ihn nicht hier lassen, denn das hier hat niemand verdient. Aber trauen können wir ihm auch nicht."

Der Mann in der Zelle richtete sich auf. Sah zu Candal. Zuckte mit den Schultern. "Was hab ich schon zu verlieren?"
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Olga Eisental

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Heiliger Boden
« Antwort #833 am: 29.10.2015, 13:17:46 »
Ein wenig ungeduldig gab Olga dem zögerlichen Mann einen Wink, sich zu beeilen. Auf seine Worte nickte sie, maß den zweiten Gefangenen mit einem längeren Blick und brummte dann: "Reichlich wenig, würde ich sagen." Damit stellte sie sich in Positur und schwang ihre Axt wuchtig gegen das Schloss an seiner Zellentür. Lärm hatten sie sowieso schon genug gemacht – jetzt war es ihr lieber, so zügig wie möglich von hier fliehen zu können.

Sternenblut

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Heiliger Boden
« Antwort #834 am: 01.11.2015, 15:22:48 »
Das zweite Schloss war ebenso schlecht verarbeitet wie das erste, jedoch offenbar noch älter und rostiger. Ein einzelner Schlag reichte aus, und das Ding fiel scheppernd zu Boden, und die Tür ging auf. Argwöhnisch betrachtete der Insasse Olga einen Moment, bis auch er seine Zelle verließ, den Blick auf die Tür am Ende des Ganges gerichtet.

"Du wirst vorgehen müssen. Wir beiden sind zu schwach, um zu kämpfen."

Candal sah ihn finster an. "Sprich gefälligst nicht für mich!" Einen kurzen, zögerlichen Moment später sagte er, an Olga gewandt: "Aber ich fürchte, in diesem Fall muss ich ihm Recht geben."
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Heiliger Boden
« Antwort #835 am: 02.11.2015, 13:26:28 »
Olga erwiderte den Blick des Mannes. Sie machte keinen Hehl daraus, dass der Argwohn nicht auf seiner Seite allein lag. Doch schließlich nickte sie ihm und Candal zu. "Gut, dann haltet euch hinter mir." Sie bedauerte, dass wohl keine Zeit blieb, ihre Rüstung anzulegen. Immerhin wickelte sie ihre Zöpfe um den Hals und setzte sich ihren ledernen Helm auf, um ihren Kopf zu schützen. "Kennt ihr beiden euch hier aus? Wisst ihr den kürzesten Weg hinaus?" meinte sie etwas leiser, während sie sich auf die Tür zu bewegte und kurz horchte, bevor sie sie öffnen würde. Ihre Axt hielt sie dabei schlagbereit in der Hand

Sternenblut

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Heiliger Boden
« Antwort #836 am: 04.11.2015, 07:18:06 »
Candal lächelte. "Den Gang entlang, die Treppe hoch. Das ist der einzige Weg hier. Danach landet man in einer Art Folterkammer. Gleiches Spiel: Geradeaus durch, dann nach oben. Dort kommt man in eine Weinkelterei, und von da raus aufs Grundstück. Ab da droht uns wohl die größte Gefahr, denn das ganze Grundstück samt Gebäuden ist ein Unterschlupf der Wölfe, die können da also überall herumlaufen und uns von den Gebäuden aus sehen. Das Beste wäre vermutlich eine starke Ablenkung."
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Heiliger Boden
« Antwort #837 am: 04.11.2015, 11:14:13 »
Die Zwergin erwiderte das Lächeln und nickte dann. "Gut – verlaufen können wir uns also nicht." Damit öffnete sie die Tür und spähte in den angekündigten Gang. Falls sie nichts sah, würde sie die beiden Männer hinter sich her winken und vorangehen. "Eine Ablenkung, hm... Befinden wir uns innerhalb einer Stadt, oder stehen die Häuser abseits von anderen? Wenn wir ein Feuer legten, wäre das sicherlich eine gute Ablenkung und geschähe solchem Gesindel nur recht. Aber das Feuer darf keine Gelegenheit haben, auf andere Häuser überzugreifen."

Bevor sie riskieren würde, einen Großbrand zu entfachen, der Unschuldige gefährdete, würde sie sich lieber mit ihrer Axt einen Weg durch diese Wölfe zu hacken versuchen, Erfolgsaussichten hin oder her. Sie grübelte beim Vorantappen. "Oder gibt es eine Möglichkeit, uns zu tarnen? Eine Verkleidung, die nicht auffiele?" Sie verwünschte stumm den Umstand, dass sie sich hier überhaupt nicht auskannte.

Sternenblut

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Heiliger Boden
« Antwort #838 am: 10.11.2015, 14:28:04 »
Candal schüttelte den Kopf. "Ein großes Grundstück in einer Stadt. Sie tarnen sich als Weinkelterei. Allerdings ist die Kelterei tatsächlich aktiv. Und... naja, Alkohol und Feuer..."

Nun meldete sich der andere Gefangene zu Wort. "Tarnen? Die Wölfe kennen und erkennen sich untereinander. Laufen wir draußen rum, werden sie uns zunächst mit Pfeilen spicken und dann Nahkämpfer zu uns schicken."

Der Gang hinter dem Zellentrakt war kurz, und führte zu einer steinernen Treppe, die scheinbar mitten vor einer Steinwand endete. Candal deutete mit dem Finger darauf. "Da ist ein Mechanismus, irgendwo links neben der Treppe. Ein Stein, der sich hereindrücken lässt."
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Heiliger Boden
« Antwort #839 am: 11.11.2015, 11:36:58 »
"Mh, damit fällt diese Möglichkeit aus" brummte Olga nach Candals Erklärungen enttäuscht. Die Worte ihres zweiten Begleiters stimmten sich nicht gerade fröhlicher. "Das hört sich an, als ob es ziemlich schwierig werden könnte" meinte sie nachdenklich, während sie die Treppe hinauf stiegen. "Wir brauchen also eine andere Ablenkung..." Die Zwergin ging auf ein Knie und begann die Wand nach dem bewussten Stein abzutasten, nachdem sie ihre Hand gehoben hatte, um den beiden Männern Schweigen zu gebieten, und kurz atemlos gelauscht hatte.

Bevor sie den Stein drückte, flüsterte sie: "Also gut – wenn wir entdeckt werden sollten, haltet euch hinter mir. Vielleicht zögern sie einen Moment länger, auf mich zu schießen. Wir müssen versuchen, möglichst schnell zu entkommen." Sie hatte keine Ahnung, ob Frauen in diesem Land wie in ihrer Heimat als tabu für Angriffe galten, hatte aber ihre Zweifel daran, zumal sie gut sichtbar ihre Axt in der Hand hielt. Und keiner der beiden war erstaunt gewesen, sie bewaffnet zu sehen. Doch die Hoffnung auf ein Quäntchen Glück, von einer gütigen Danna gesandt, viel mehr hatten sie ja nicht...

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