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Autor Thema: Eine neue Ordnung  (Gelesen 22695 mal)

Beschreibung: Einstieg für Will und Arjen

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Arjen Bucalo

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Eine neue Ordnung
« Antwort #105 am: 30.11.2014, 14:53:41 »
Überrascht wich Arjen einen Schritt zurück, als Luca seine magische Formel sprach und der Boden neben Angelo aufbrach. "Bei den Göttern." Er kannte Magie, hatte sie bei seinen Einsätzen im Heer, aber auch anderso bereits bestaunen dürfen - und doch war sie ihm unheimlich geblieben. Und ihre jetzige Lage, mit wandelnden Tten im sie herum, in einer Welt, die aus den Fugen geraten war, machte alles noch unnatürlicher.

Dann hörte er Wills harsche Worte und schüttelte nur den Kopf. Er hatte sein Versprechen nicht voreilig und nicht leichtfertig gegeben und er sah auch nicht ein, was Angelos Begräbnis damit zu tun hatte. Sicher, Will schien enttäuscht zu sein, dass Arjen sich nicht auf seine Seite geschlagen hatte in diesem Disput, aber daraus auf Weiteres zu schließen - das war voreilig.

"Vielleicht bin ich zu lange unter Soldaten gewesen - straffe Hierarchien, Befehlsempfänger und Befehlserteiler. Keine Fragen. Das war einfacher", dachte er. Dann kam ihm wieder der schicksalafte Morgen in den Sinn, der alles verändert hatte. "Nein - war es auch nicht."

Er verscheuchte den Gedanken wieder und ging zu Luca hinüber. Wie vom Druiden aufgefordert, fasste er Angelos Leichnam an den Beinen und wartete darauf, dass Luca die Kopfseite aufnahm. Dann würden die beiden Angelo in die Grube legen.

Während er die Beine des Theaterfreundes umfasste, sprach er zu Luca. "Ihr tut Will Unrecht, Luca. Ich verstehe, dass das Zerschinden einer Leiche bei euch Entsetzen hervorruft, aber ihr wisst doch selbst: nur wenn der Kopf, das Gehirn des Toten Schaden nimmt, stehen die Verstorbenen nicht als Wiedergänger auf. Nur darum geht es. Ich kann nicht für euch sprechen - jeder muss da seine eigene Entscheidung treffen, welche Standards er anlegt. Und ich wollte auch nicht für Angelo sprechen, der uns seine Wünsche diesbezüglich nicht verriet. Aber ich kann für mich sprechen - und ich für meinen Teil will nach meinem Tod nicht wieder auferstehen. Insofern - wenn ich falle, erwarte ich von euch, dass ihr Will nicht daran hindert, das zu vollenden, was er bei Angelo nicht konnte. Und mehr noch - ich erwarte, dass ihr selbst dafür sorgt, falls Will nicht da ist. Ich denke, das ist ein Anrecht, dass jedem von uns zusteht, in dieser neuen Ordnung.[1]"

Bei den letzten Worten schaute Arjen zu dem Barden hinüber. "Du hast ein hitziges Gemüt, Will", dachte er bei sich. Sobald sie hier fertig waren, würde er ein paar Worte mit ihm wechseln.
 1. Diplomacy 19
« Letzte Änderung: 30.11.2014, 17:11:26 von Arjen Bucalo »

William Marlowe

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« Antwort #106 am: 30.11.2014, 20:09:25 »
Ein wütender Wiedergänger? Will erkannte sehr wohl, was er da tat: die eigene Stimmung auf die Welt übertragen. Was kam als nächstes? Würde sein nächster Schreibversuch 'zornige Fäuste' oder 'verliebte Finger' enthalten? Den nahenden Toten im Auge behaltend, atmete er ein paarmal tief ein und aus. Hinter ihm versuchte Arjen, die Wogen zu glätten, die Will aufgeworfen hatte. Eine Gesellschaft aus drei Leuten—fünf, wenn man die Kinder mitzählt—und nicht einmal hier kannst du dich einfinden! Selbst hier schwimmst du gegen den Strom!

Er schnitt eine spöttische Grimasse. Dann eilte er zu Arjen hinüber und warnte ihn leise: "Einzelner Wiedergänger, neunzig Schritt, Kurs auf uns. Macht nicht zu lange!" Und lief zur anderen Seite des Gartens, um dort ebenfalls nach Gefahr Ausschau zu halten.[1]
 1. Es würfelt der Meister.
« Letzte Änderung: 14.12.2014, 11:31:22 von William Marlowe »
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Sternenblut

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« Antwort #107 am: 30.11.2014, 22:04:46 »
Doch auf der anderen Seite konnte Will, so genau er auch Ausschau hielt, keine weiteren Gefahren erkennen. Zum Glück.

Arjen und Luca hatten den Leichnam in der Zwischenzeit in die Grube gehievt, und waren danach wieder nach oben geklettert. Die beiden Männer standen vor der Grube, und warteten nur noch auf Will, um ein kurzes Ritual durchzuführen. Gemeinsam standen sie dann vor dem offenen Grab.

Luca senkte den Kopf, und sprach leise einige Worte. "Angelo, oder wie auch immer dein Name gewesen sein mag. Wir erweisen dir die Ehre, und danken für das, was du jedem einzelnen von uns zu geben hattest. Möge deine Seele in diesen unruhigen Zeiten Frieden finden. Sieh nicht auf den Schrecken dieser Welt, sondern auf das Paradies, das dieser weltlichen Zeit folgen wird."

Dann kniete er sich erneut hin, und sprach seine fremdartigen Worte. Und so, wie sich die Grube geöffnet hatte, schloss sie sich auch wieder. Sekunden später war Angelos Leib begraben, jede Spur von ihm verschwunden. Der Garten sah aus, als wäre hier nie etwas geschehen, der Rasen noch vor wenigen Tagen geschnitten.

Luca sah in Richtung des Wanderers, den Will erwähnt hatte. Gute fünfundzwanzig oder dreißig Schritt war er noch entfernt. "Lasst uns gehen."
"Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror nichts anderes ist als Realismus." - Alfred Hitchcock

William Marlowe

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« Antwort #108 am: 02.12.2014, 10:59:24 »
Zu den aus seiner Sicht hohlen Phrasen, die Luca über dem Grab sprach, sagte Wills nichts. Wir danken für das, was du jedem einzelnen von uns zu geben hattest! Pfff. Hinzuzufügen hatte er nichts, denn sein Teil war längst verkündet und den Rest dachte er lieber still bei sich. Auch die fromme Geste von vorhin wiederholte er nicht. Rituale waren für die Überlebenden, nicht die Toten, und obendrein war für Will die Sache noch längst nicht abgeschlossen.

Man wandte sich zum Gehen. Den Wanderer auf der Straße besah Will sich so genau es nur ging, während die drei Gefährten sich anschickten, in die entgegengesetzte Richtung zu eilen; immer wieder sah er über die Schulter zurück. Außer der unter den Trümmern des Turms begrabenen Frau hatte er noch keinen von ihnen bei Tag gesehen, weil er den gestrigen Tag in seinem Kellerversteck verbracht hatte. Zudem war dies das erste Mal, dass er nicht in namenloser Angst vor dem Wanderer floh.

Was ihn interessierte, was ihn dazu trieb, dieses Exemplar zu studieren, sich jedes Detail einzuprägen, vor allem aber das Gesicht, die Augen: Leuchtete dahinter eine Seele? Leichen hatte er nun wahrlich zu Genüge gesehen: sah diese Kreatur wie ein Toter aus? Oder gab es ein Licht, ein wie auch immer eingeschränktes Verstehen in seinen Augen, die man ja auch Fenster zur Seele nannte? Hatte Will sich die Wut in seinem Gang nur eingebildet oder spiegelten sich tatsächlich Gefühle in den verwesenden Zügen? Auch mit Geisteskranken kannte er sich aus: für sein Massaker hatte er mehrere Wochen lang in einer Irrenanstalt recherchiert und auch die Insassen beobachtet und jene, deren Verstand noch nicht vollends dahin war, befragt. Einige von ihnen benahmen sich wie Tiere—waren eingepfercht wie diese—und doch konnte man dem tierhaftesten von ihnen das Menschsein nicht absprechen. War es ein Mensch, der sie dort verfolgte, gefangen in der tiefsten Hölle des Wahns?[1]
 1. Meister, muss ich da auf etwas würfeln? Auf was? (s. PM)
« Letzte Änderung: 02.12.2014, 17:29:35 von William Marlowe »
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Arjen Bucalo

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« Antwort #109 am: 03.12.2014, 12:54:52 »
Arjen beobachtete stumm, wie Luca abermals die magische Formel sprach und der Boden über Angelo sich schloss. "Leb' wohl", sprach er stumm sein kurzes Gebet. Er hatte schon zu viele Männer fallen sehen - gütige wie entsetzliche. Und wenn der Tod kam, so starben sie auf unterschiedliche Weise und mit unterschiedlicher Haltung. Aber nachdem es vorbei war. Nachdem die Seele zu den Göttern wanderte und den Körper als leere Hülle zurückließ - da waren diese Hüllen ale gleich. Er war überzeugt davon, dass nichts mehr von Angelo in dieser leeren Hülle waren. Ebenso wie auch nicht in dem Wiedergänger, der ihnen hinterherschlurfte.

"Diese geschmückten Gräber, die wir errichten. Die balsamierten Körper, wie sie in den südlichen Ländern es handhaben - all diese Rituale sind nicht für die Toten, denn diese brauchen es nicht mehr. All das ist für uns, die Lebenden. Damit wir uns einbilden können, dass unsere Lieben nicht ganz und gar zu den Göttern entschwunden sind, sondern das etwas von ihnen noch da ist - bei uns. Aber da ist nichts - nur verwesendes Fleisch, geronnenes Blut und poröser Knochen. Ein Fetzen Stoff von ihrer Kleidung, ein Amulett, dass sie am Herzen trugen, sagt mehr über sie aus, als diese Überreste.

Und genau deswegen teile ich Wills Sorgen nicht. Diese Wiedergänger sind leere Hüllen - ohne Bewusstsein, ohne Verstand, ohne Seele; Marrionetten, an deren Strippen eine dunkle Macht zieht."


All das dachte er - und wusste nicht, wie viel davon ehrliche Überzeugung war, und wieviel er sich unbewusst einredete, um die neue Welt besser erfassen zu können. Was er aber wusste, war dass er seine Liebsten auf der Anhöhe vor dem eigenen Gestüt beerdigt hatte. Dass er jeden Tag zu ihnen gehen und mit ihnen sprechen würde, wenn er könnte. Dass er an ihren Grabsteinen weinen und wenn nötig nächtigen würde. "Aber all das wäre für mich", sagte er sich. "Nur im Himmel werde ich sie wirklich wiedersehen - so denn die Götter es irgendwann erlauben."

Langsam schlenderte er von Luca zu Will hinüber. Als er ihn eingeholt hatte, passte er seine Schritte an die des Schauspielers an und ging neben ihm her. Er sprach langsam und ruhig. "Ich bin nicht gut in sowas, Will. Reden ist eher deine Zunft. Ich denke, dass du keinen Grund hast, dich aufzuregen. Jeder von uns geht auf seine Weise mit alldem um. Ich habe uns beide beinahe umgebracht, als ich voreilig in die Grube hinabstieg, um Angelo zu retten. Und du hast den Mann mitgezogen, als er dich anschrie, du sollst ihn zurücklassen. Jeder von uns tut Dinge, um noch in den Spiegel schauen zu können. Und Luca muss nicht nur in den Spiegel schauen können - er muss in die Augen seiner beiden Töchter schauen können. Sei gnädig mit ihm. Es gibt noch genug um uns herum, worauf du deinen Zorn richten kannst."

Der Krieger ließ seinen Blick über die Umgebung schweifen, als hätte ihn sein letzter Satz ebenfalls an die allgegenwärtige Gefahr erinnert. Kurz schwieg er, und fügte dann hinzu: "Und was mein Angebot angeht - es steht. Dann ließ sich Arjen ein paar Schritt zurückfallen. Den Rest des Weges zu ihrem Unterschlupf wollte er mit seinen Gedanken allein sein.

William Marlowe

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« Antwort #110 am: 03.12.2014, 13:23:14 »
In den Spiegel schauen, ich? Ich bin ein Spiegel. Was würd' ich da wohl sehen: die Seele eines Menschen, unendlich oft reflektiert, zersplittert bis zur Unkenntlichkeit? Ne, das lassen wir lieber. Da schau ich lieber Lissie und den Kindern in die Augen. Die sehen etwas besseres in mir, als ich selbst es je könnte.

Auch Will fiel ein paar Schritte zurück, aber nicht, um mit Arjen zu sprechen, der offenbar schweigen wollte, sondern nur um den Wiedergänger aus noch größerer Nähe zu betrachten.
« Letzte Änderung: 03.12.2014, 13:28:34 von William Marlowe »
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« Antwort #111 am: 07.12.2014, 12:19:53 »
Luca sprach auf dem Rückweg nicht mit den beiden Männern; fast schien es, als hätte ihn das Begräbnis des für ihn Fremden mehr mitgenommen als Will und Arjen. Was auch immer in ihm vorging, er kämpfte mit seinen Gefühlen, das war nicht zu übersehen.

Auch Will gab sich seinen Gedanken hin. Sein Blick fiel auf den Toten, der langsam näher kam - langsam genug, dass sie längst oben wären, wenn er sie erreichte. Doch war er inzwischen nah genug, um ihn genauer zu betrachten.
Die Augen der Kreatur hatten sich verändert, so viel erkannte Will. Es war nicht einfach nur dem Tod geschuldet; er hatte, um Recherche für eines seiner Stücke zu betreiben, selbst einst ein Leichenhaus besucht, und wusste, dass die Augen lange nahezu gleich blieben. Nur der Seelenfunke fehlte ihnen. Dieses Wesen aber hatte Augen, die wie von einem milchigen Schleier bedeckt waren, noch dazu leicht verfärbt. Ähnliches hatte er, das wurde ihm jetzt klar, auch bereits bei anderen Wanderern gesehen.

Leuchtete dahinter noch eine Seele? Es war unmöglich zu sagen. Wenn, dann lag sie hinter einem Schleier, krankhaft und böse; so jedenfalls fühlte sich der Blick der Kreatur für Will an. Er betrachtete auch den Gang des Untoten. War es reine Anstrengung, die ihn zu seinen knurrenden Geräuschen trieb? Nein, sie gaben diese Geräusche oft von sich. Wann immer sie einen Lebenden fraßen - und dieses Anbild hatte Will nur allzu oft ertragen müssen in viel zu kurzer Zeit -, verzerrten sich ihre Gesichter, wie die von Raubtieren, die ihre Beute zerrissen. War es das? Waren diese Wesen zu wilden Raubtieren geworden, ihre Wut nicht mehr als die Aggression eines Jägers, der seine Beute gepackt hat? Oder war es mehr, eine echte Wut, etwas Böses gar, das hinter diesen Augen schlummerte?

Auch hier begriff Will, dass er die Antwort nicht so leicht erhalten würde. Aber irgendeine Form der Aggression war da, davon war Will überzeugt - was auch immer die Quelle dieses Gefühls in den untoten Kreaturen sein mochte.

Schließlich kamen sie an der Plattform an, und machten sich auf den Weg nach oben. Nur wenige Schritte von der Plattform entfernt stand Lissa, und erwartete sie. Ihre Schwester lag noch im Bett und schlief. Lissa sah zu ihrem Vater, mit einem Blick, der vor allem eins zeigte: Enttäuschung.

"Wollte Angelo nicht bei uns bleiben, Papa?"

Luca sah zu den beiden Männern, die ihn begleitet hatten, und schüttelte den Kopf. Dann sah er zu Lissa. "Nein, leider nicht", antwortete er, und ging auf sie zu. Er nahm ihre Hand, und führte sie zum anderen Ende des Zimmers. "Komm, ich erkläre es dir."
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William Marlowe

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« Antwort #112 am: 07.12.2014, 13:18:38 »
Während sie gemeinsam Lucas Hebemechanismus betätigten, dachte Will über Arjens Worte nach. Ja, das war keine gute Vorstellung gewesen, die er sich da vorhin geleistet hatte; es war unnötig gewesen, seinen Ärger so deutlich zur Schau zu stellen und hinterher auch noch den Beleidigten spielen, weil man ihm seinen Willen nicht ließ! Solch Kindereien waren in ihrer Lage wahrlich fehl am Platz. Und doch...

Wie schnell der Luca mich verurteilt hat. Wie schnell seine Erleichterung, einen lebendigen Menschen zu treffen, der zudem keiner Räuberbande angehört, in Verachtung umgeschlagen ist! Soll man da nicht zornig werden? Überhaupt: was ist, wenn ich recht habe? Dann liegt der arme Angelo jetzt unter all der Erde und... ich will's mir gar nicht ausmalen! Und all meine Worte haben nichts genutzt. Darf ich mich Dichter schimpfen, mich rühmen, den Menschen die Wahrheit näherzubringen, wenn meine Worte derart kraftlos sind, wenn sie derart missverstanden und überhört werden? Am Ende kommt es gar nicht auf die Worte an, sondern nur darauf, WER sie sagt. Ein Schauspieler, ein Dichter, ein Vagant! Was kann der schon zu sagen haben, das man ernst nehmen müsste? Zur Hölle mit euch ehrbaren Bürgern!

Oben angekommen, verpuffte die Wut, in die Will sich hineingesteigert hat, schlagartig mit Lissas Begrüßung und ihrer naiv-unschuldigen Frage. Er blickte Luca nach, wie er sich mit seiner Tochter nach hinten verzog, um ihr die Bedeutung von 'Tod' zu erklären. Das muss schwer sein, so behütet wie die beiden bisher aufwuchsen. Meinen Kindern könnt' ich einfach sagen, der hat ins Gras gebissen, und sie würden's verstehn beinah ebenso gut, wie ich's versteh.

Er ging zu Angelos Bett hinüber, starrte dort, naserümpfend und für einen Moment unschlüssig, die besudelte Matratze an, bevor er sie kurzerhand umdrehte. Dann kramte er Angelos Beutel und Halstuch aus der Tasche seines Wams, zog die Brieftasche hervor, die er sich unter den Gürtel geklemmt hatte, und setzte sich auf das Bett des soeben Verstorbenen.

Als erstes kippte er den Beutel aus und durchwühlte den Inhalt. Wieviel Geld hatte Angelo dabeigehabt? Nur einheimische Münzen oder auch ausländische? War sonst noch irgendwas dabei, was Will im Beutel eines Mannes erwarten würde: Würfel, Knöpfe, ausgeschlagene Zähne? Danach untersuchte er das Halstuch, indem er zunächst daran roch. Sah es nur so aus wie ein Damenhalstuch oder roch es auch nach einem weiblichen Parfüm? Hatte Angelo es vielleicht als Liebespfand getragen? Will untersuchte auch die Stoffqualität: teuer? billig? einheimisch? ausländisch? Handarbeit? Bestickt? Wenn ja, wie geschickt waren die Finger? Schließlich breitete er das Tuch dann auf dem Bett aus, um etwaige Muster in ihrer Ganzheit zu erfassen.

Als letztes nahm er sich dann die Brieftasche vor. Während er sie öffnete und die einzelnen Schriftstücke auf dem Tuch ausbreitete, wandte er sich an Arjen.

"Was du vorhin sagtest... Also für mich gab's bislang einen einzigen Grund, warum ich in den Spiegel geschaut habe, nämlich um zu überprüfen, ob Kostüm und Maske richtig sitzen. Mein Gewissen hat mich in meinen zweiunddreißig Jahren noch nie geplagt, vielleicht weil ich noch niemals für irgendwen außer mich selbst die Verantwortung getragen habe. Mit Lissie und den Kindern leb ich erst seit einem Jahr zusammen und fing gerade erst an, mich zuständig für ihr Wohl zu fühlen. Natürlich ist man beim Theater auch immer mitverantwortlich für das Wohl und das Brot der anderen—man muss seine Werke rechtzeitig abliefern und auf der Bühne Leistung bringen—aber wenn ich da mal einen Fehler gemacht habe, gab's ein paar schadenfrohe Lacher aus dem Publikum, ein bisschen faules Obst flog, und Ben Heywood hatte am nächsten Tag seinen Spaß beim Verfassen bissiger Spottschriften. Es ging niemals um Leben und Tod."

Will blickte eine Weile lang auf die ausgebreiteten Papiere, ohne wirklich etwas zu sehen. Etwas leiser, damit die kleine Lissa es nicht hören musste, sprach er weiter:

"Er ist direkt neben mir gestorben. Als Soldat bist du es wahrscheinlich gewohnt, dass links und rechts deine Kameraden hopps gehen, und nach sechs Jahren fragst du dich vielleicht nicht einmal mehr, ob du es noch hättest verhindern können, wenn du nur schneller reagiert hättest. Für mich ist das... neu. Und dann fangen die Gedanken an zu kreisen. Wenn ich nur vorher nach ihm geschaut hätte! Wenn ich nicht so vertieft auf mein Geschreibsel gewesen wäre! Wenn ich nur nach der Premiere gleich nach Hause gegangen wäre statt noch ins Wirtshaus!"

Und damit war Will wieder bei dem angelangt, was ihn wirklich plagte, oder jedenfalls mehr als Angelos Tod, welcher nur ein weiteres Symptom derselben Krankheit war.

"Wie soll man damit leben, dass man womöglich schuld hat am Tod jener, die man liebt? Dass sie noch leben könnten, wenn man nur dies oder jenes getan hätte... eine Viertelstunde früher... ein Ale weniger..."

Wills Blick glitt zu Luca hinüber, der bei seinen Töchtern saß und in einer ähnlichen Gedankenschleife stecken mochte, nur dass er Gewissheit hatte, dass seine Frau tot war. Warum habe ich nicht gleich zur Waffe gegriffen, als wir die Geräusche hörten? Warum ließ ich Helena ans Fenster gehen? Warum habe ich sie nicht rechtzeitig zurückgerissen?

Und Arjen? Seine Frau und Sohn waren offenbar ermordet worden, mehr hatte er nicht gesagt, aber die genauen Umstände dürfte wenig daran ändern: auch er musste sich einen Teil der Schuld geben. Warum habe ich nicht...?

Wie hatte Will vorhin erst geschrieben? So hat in einer einz'gen Nacht, das Schicksal alle Menschen gleich gemacht. Das seltsame war, dass er dies tatsächlich glaubte—eigentlich schon immer geglaubt hatte, dass es so sein müsste—und dennoch brachte er es nicht über sich, Luca jetzt die Hand zur Versöhnung entgegenzustrecken.

Mein ewiges Dilemma: hehre Ideale hab' ich zuhauf; allein, um danach zu leben fehlt mir der Charakter.

"Klar stecken wir alle in derselben Scheiße. Klar haben wir ähnliche Erlebnisse hinter uns und machen uns deswegen wohl auch ähnliche Vorwürfe, und doch entstammen wir grundverschiedenen Verhältnissen. Ich mag nicht sonderlich ehrbar sein, aber die Ehre lass ich mir nicht absprechen. Noch weniger den Verstand. Dabei geb ich gern zu, dass ich genauso schnell mit meinem Urteil zur Hand war. Aber wenn wir überleben wollen, sollten wir uns vielleicht weniger mit den vermeintlichen Charakterschwächen des anderen aufhalten und mehr auf dessen Fertigkeiten und Vorzüge schauen."

Er wandte sich an Luca, der mit seinen Erklärungen offenbar durch war und Will während der letzten Worte beobachtet hatte. "Ihr mögt es mir nicht zutrauen—ich hätte es mir selbst bis vor einem Jahr nicht zugetraut—aber ich habe tatsächlich ein großes Herz für Kinder. Ihr dürft darauf vertrauen, dass komme was wolle, ich alles daransetzen werde, die euren zu beschützen."

So, das war das beste, was er anzubieten hatte. Wenn das zur Versöhnung nicht reichte, hatte es keinen Zweck, dass Will hier blieb. Da würde man am End einander an die Gurgel gehen. Er jedenfalls wollte sich nun endlich dem Studium der Briefe oder Dokumente widmen.
« Letzte Änderung: 08.12.2014, 23:39:13 von William Marlowe »
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Arjen Bucalo

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« Antwort #113 am: 11.12.2014, 20:30:30 »
Als Will sich auf die Matratze setzte, ging Arjen zu einer der benachbarten Kojen, glitt mit dem Rücken an dieser auf den Boden hinab und kramte nun auf dem Grund sitzend seine unfertige Schnitzerei und das kleine Messer wieder hervor. Mit langsamen, genauen Bewegungen bearbeitete er das Holz weiter und sah, wie der Mädchenkörper weiter Gestalt annahm.
   
Schweigend hörte er dabei Wills Ausführungen zu. Mehrmals sagte dieser Worte, die ihn trafen - weil manche seiner Annahmen so wahr und andere so falsch waren. Als dieser geendet hatte - als er sich doch dazu durchgerungen hatte, über seinen Schatten zu springen und Luca, der mit seinem Urteil wirklich so schnell bei der Hand gewesen war, die ebenselbe zur Versöhnung reichte, war Arjen abermals überrascht von seinem Gefährten.

"Sechs Jahre", flüsterte er, "sechzehn, sechzig - es spielt keine Rolle. Ich glaube es gibt zwei Arten von Menschen. Die einen brauchen nur einen Tag, um sich an den Tod unschuldiger zu gewöhnen; die anderen schaffen das ihr Lebtag nicht. Ich habe getötet - viele Male. Und viele dieser Männer verdienten den Tod. Ich habe Kameraden betrauert, die neben mir gefallen sind - aber es waren Soldaten und sie starben im Dienst. Ich wusste, ich habe mein Bestes getan. Ich habe es ausblenden können, aber mich daran gewöhnen konnte ich nie. Und dann... war da dieser neblige Novembermorgen..."

Der Krieger verstummte und schluckte einen Klos hinunter. Will sah ihm an, dass ihm das weiterreden schwerfiel. Erst nach einigen Augenblicken hatte er sich wieder so gesammelt, dass er weitersprechen konnte.
"Ich verfluche mich jeden Tag dafür, dass ich den Mörder meiner Familie nicht schon vorher zur Strecke gebracht habe. Ich verfluche mich dafür, dass ich an dem Tag nicht zu Hause gewesen bin. Dafür dass ich geglaubt hatte, ich könnte den Tod hinter mir lassen, indem ich aus dem Heer austrete und mein Schwert in einer Kiste verschließe, anstatt meiner Frau eins zu kaufen und ihr beizubringen, wie sie sich hätte wehren können. Nur eine Stunde früher und ich hätte diesen lüsternen Bastard gestellt und umgebracht, bevor er sich meiner Familie hätte überhaupt nähern können."

Wieder muss Arjen einen Kloß hinunterschlucken, bevor er weitermacht. "Glaube mir, wenn du denkst, dass nur du dir Vorwürfe machst, deine Lieben nicht beschütz zu haben, Unschuldigen Schaden zugefügt oder es zugelassen zu haben, dann irrst du gewaltig. Und so wie du dir Vorwürfe machst und davon sprichst, deine Familie retten zu wollen, sind da noch viele Spiegel, die auf deinen Blick warten - und nicht der Schminke wegen. Ich glaube auch, dass du das weißt. Und ich glaube, dass du ein Mann von Ehre bist. Du hast Angelo gerettet, als du die Möglichkeit hattest, wegzulaufen. Du willst deine Familie retten und diese hier beschützen. Für dich ging es bereits um Leben und Tod und du hast dich bewährt."

Arjen ließ das Messer sinken und schaute Will direkt an. "Du bist ein guter Mann, Will. Wird Zeit, dass du das erkennst, damit wir uns echten Problemen zuwenden können." Er lächelte, um anzudeuten, dass dies nicht despektierlich gemeint war, und fügte hinzu: "Zum Beispiel der Frage, wie wir deine Familie finden können."

Auch wenn der Krieger sich bemühte mit einem Scherz zu schließen, auch wenn er das Thema von sich wieder auf Will gelenkt hatte, hatte der Schauspieler das Gefühl, dass Arjen in seiner Rede - als er gestockt hatte - etwas unausgesprochen ließ. Da war noch etwas, was er noch nicht mitzuteilen bereit war.

William Marlowe

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« Antwort #114 am: 12.12.2014, 00:14:58 »
Oha! Auch noch ein 'lüsterner Bastard' hat Arjens Frau und Sohn umgebracht. Und Vorwürfe macht er sich schlimmere als ich mir. Was er wohl getan hätte, wenn er seiner Frau den Schwertkampf beigebracht und sie dann mit ihrem eigenen Schwert erschlagen vorgefunden hätte, das der Bastard ihr entwenden konnte?

Aber jetzt war Will neugierig geworden. Was war an jenem nebligen Novembermorgen passiert? Wenn er das richtig verstand, dann bezog sich das nicht auf den Mord an Arjens Familie, sondern auf die Soldatenzeit. Der Mann schien ein Geheimnis zu haben, das noch dunkler war als der Akt von Selbstjustiz, den er gerade zugegeben hatte. (Nicht, dass Will sich an letzterem störte. Im Gegenteil: Arjen hatte den Mörder seiner Familie zur Strecke gebracht, gut für ihn! Von der Justiz war eh keine Gerechtigkeit zu erwarten.) Trotzdem hatte Don Pedro ihn gerade überrascht. Ja, da steckte mehr in der Figur, als der Zuschauer auf den ersten Blick denken mochte, da würde Will noch ein wenig tiefer bohren müssen. Was hatte den Mann dazu gebracht, sein Schwert niederzulegen?

Als Arjen wieder von den Spiegeln anfing und ihn gar einen guten Mann nannte, musste Will lachen. War er das? Wenn er sich um seine "Familie" sorgte, sorgte er sich dann wirklich um sie oder doch nur um sich selbst, weil er Angst hatte, allein in dieser Hölle zurückzubleiben? Ja, er vermisste sie alle mehr, als er sich jemals hätte vorstellen können, dass es möglich sei, jemanden zu vermissen, aber warum sollte ihn das zu einem guten Mann machen? Das war wieder so eine spaßige Definition, mit deren Hilfe der Mensch das Banale zum Erhabenen deklarierte und dabei vergaß, dass all seine Taten, Worte und Gefühle von Selbstsucht geleitet waren. Es wäre der Frömmste nicht fromm, wenn er sich keinen Lohn davon erhoffte! Und doch, hatte Will nicht selbst gerade auf seine Ehre gepocht?

"Ich habe keine Ahnung, wo ich suchen soll. Lissies Haus lag nahe dem Stadtrand. Um es zu erreichen, bräuchten wir mindestens zwei Stunden, wenn nicht gar doppelt so lange. Falls das Haus überhaupt noch steht. Ich hab mich in der Nacht noch bis dahin durchschlagen können, aber es war niemand mehr dort. Außerdem, wenn ich in den letzten zwei Nächten so weit geflohen bin, kreuz und quer, wer weiß dann schon, wo Lissie mit den Kindern gelandet sein könnte. Sie könnten überall sein. Zwei Gebäude habe ich vorhin gesehen, die unversehrt zu sein scheinen und einer größeren Gruppe von Leuten als Schlupfloch dienen könnten: das Sanatorium[1] und die Festung Schwertmeister Ashans. Oder sollen wir erst einmal versuchen herauszufinden, was es mit der Rauchwolke vorhin auf sich hatte?"
 1. Kennt Will das Sanatorium vielleicht sogar von innen? Hat er für sein Massaker dort recherchieren dürfen oder hätte man dort eine solche Anfrage abgelehnt? In dem Stück geht es darum, dass Barnabas, der Hauptcharakter, wegen seiner Mittäterschaft an besagtem Massaker mehr und mehr dem Wahnsinn verfällt - tät also zur Klientel des Sanatoriums passen. Das wäre allerdings vor 12 Jahren gewesen. Gab es dort überhaupt Ärzte oder war es ein reines Gefängnis?
« Letzte Änderung: 14.12.2014, 11:31:52 von William Marlowe »
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Arjen Bucalo

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« Antwort #115 am: 20.12.2014, 13:05:19 »
Arjen legte den Kopf leicht schief und dachte nach. "Will hat Recht - die Suche nach seiner Familie ist wie die nach der Nadel im Heuhaufen. Ganz sicher wird diese nicht mehr dort sein, wo einst das Haus war, sondern sich irgendwo einen sicheren Unterschlupft gesucht haben. Eine Frau mit einer Meute Kinder würde wahrscheinlich nach anderen Menschen suchen, mit denen zusammen sie überleben könnten. Natürlich kann es sein, dass sie es nicht geschafft haben - irgendwo festsitzen, an einem gefährlichen Ort, oder in einem Keller mit Vorräten, aus dem sie sich nicht raustrauen. Das alles vorausgesetzt, dass sie leben. Aber diese Gedanken sind müßig - die bringen uns nicht weiter. Er muss daran glauben, dass sie es geschafft haben; er muss davon ausgehen, und nach ihr suchen. Und da ich niemanden mehr habe, nach dem ich suchen könnte, werde ich ihm dabei helfen.

"Ich denke, Lissie wird nah Hilfe gesucht haben. Nach anderen Menschen und einem sicheren Ort", sagte er schließlich. "Das kann alles mögliche gewesen sein, aber wahrscheinlich nicht der Brandherd, der den Rauch verursacht. Ich würde für das Sanatorium oder die Festung plädieren." Erst jetzt wandte der Krieger Will wieder das Blick zu: "Du hast länger in dieser Stadt gelebt, als ich. Warst du vielleicht in einem der Gebäude? Kennst du die Leiter des Sanatoriums oder den Schwertmeister? Wo würdest du eher erwarten, dass in so einer Situation Hilfe geboten wird? Ich würde sagen, dass wir dann auch dort anfangen mit der Suche."
« Letzte Änderung: 20.12.2014, 13:05:38 von Arjen Bucalo »

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« Antwort #116 am: 20.12.2014, 15:23:06 »
"Über den Schwertmeister weiß ich nur, dass er eine Legende ist und sein Leben abenteuerlich genug war, dass man ein Dutzend Heldenstücke darüber hätte schreiben können. Leider ist Heldendichtung so gar nicht mein Metier. Ich erforsche in meinen Stücken lieber die Abgründe unserer Seelen, dazu zieht man besser Personen, die schon lange tot sind, als Beispiel heran. Daher habe ich mich mit Ashan noch nie genauer befasst. Bemerkenswert scheint mir allerdings, dass keiner der vielen Heldendichter da draußen sich je an den Stoff gewagt hat: vielleicht gibt es da doch zu viele Abgründe.

Das Sanatorium ist nun dagegen weniger berühmt als vielmehr berüchtigt. Eigentlich ist's nämlich ein Gefängnis, in das man geistesverwirrte Schwerverbrecher eingesperrt hat, wobei meiner Schätzung nach etwa die Hälfte der Insassen zumindest in einer dieser Hinsichten unschuldig war. In unserer schönen Stadt war nämlich alles käuflich: Richter, Schöffen, Ärzte, Zeugen... Nicht, dass die Frage nach der Unschuld einen großen Unterschied für uns machen würde: nach spätestens einem Jahr im 'Sanatorium' dürfte der Gesündeste verrückt werden und der Friedfertigste zum Gewalttäter. Dazu könnt ich jetzt noch mehr erzählen, aber lieber nicht vor dem Mädchen. Die wichtigere Frage ist am Ende, ob und wieviele dort noch am Leben sind.

Tja, das wären die beiden Optionen, die mir einfielen. Die Festung scheint nach dieser Darstellung attraktiver, aber auch, wie Luca vorhin sagte, weniger sicher, weil es Begehren weckt. Ach, ich weiß doch auch nicht. Werfen wir eine Münze. Kopf für Ashan, Zahl für Sanatorium."


Will zog seinen letzten Glückspfennig aus dem Beutel, warf ihn mit der Rechten in die Luft, fing ihn auf, und klatschte ihn auf den Handrücken der Linken. "Kopf", sagte er.
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In one self place, for where we are is hell,
And where hell is must we ever be.

Arjen Bucalo

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« Antwort #117 am: 21.12.2014, 18:16:42 »
Als Will die Münze aus dem Beutel zog und die Wahl dem Zufall überließ, musste Arjen unwillkürlich lächeln. "Er hat Recht - wir wissen nicht, welcher der beiden Orte eher die richtige Wahl wäre; wir haben keinen Anhaltspunkt - und da kann genauso auch der Zufall entscheiden. Dafür bin ich zu sehr Soldat - nach sechs Jahren im Heer ist es für mich unvorstellbar, etwas mutwillig dem Zufall zu überlassen. Vor allen Dingen hat man uns gelehrt, das Kontrolle das Wichtigste ist. Man hätte uns viel eher lehren sollen, dass Kontrolle eine Illusion ist; dass wir nicht einmal immer in der Lage sind, unsere eigenen Handlungen zu kontrollieren - geschweige denn unsere Mitmenschen oder das Schicksal."

"Also gut - dann eben die Festung. Um ehrlich zu sein - ob nun Begehren erweckend oder nicht - mir sagt eine Festung voller Krieger eher zu, als ein Senatorium voller Geisteskranker. Die Frage ist nur - wie wir da hinkommen würden. Und: ob Luca dazu etwas sagen will?" Mit diesen Worten schaute Arjen zu Luca hinüber.
« Letzte Änderung: 21.12.2014, 18:17:00 von Arjen Bucalo »

William Marlowe

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« Antwort #118 am: 21.12.2014, 22:45:18 »
Will lachte. "Ich für mein Teil wär mir da nicht so sicher, ob mir die Geisteskranken nicht doch lieber als die reichen Fatzken wären. Ashan hat zwar, wie du richtig vermutest, Gleichgesinnte um sich geschart und auch Schüler im Schwertkampf unterrichtet, letzteres aber zu derart horrenden Preisen, dass es sich nur die Reichsten unter den Reichen leisten konnten. Und es heißt, dass die Bezeichnung 'Festung' nicht nur der Nostalgie eines alten Kämpen geschuldet sei, sondern es sich tatsächlich um eine solche handelt, nach allen Regeln der Kriegskunst errichtet, nur ein bisschen kleiner. Die Frage ist, ob man Gesindel wie uns dort einlässt, selbst wenn noch jemand die Stellung hält. Aber gut, die Spielregeln wurden ja alle neugeschrieben. Man kann sein Glück nur versuchen."

Dann sah auch Will erwartungsvoll zu Luca.
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Sternenblut

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« Antwort #119 am: 22.12.2014, 04:58:18 »
Luca, der inzwischen von seiner Tochter zurückgekehrt war, sah die beiden Männer nachdenklich an. Er hatte die Diskussion stillschweigend verfolgt. "Ich glaube, dass dies hier für den Moment der sicherste Ort für meine Töchter ist. Wir bleiben hier."

Sein Blick fiel kurz auf Will, doch sofort wandte er seinen Blick ab. "Danke übrigens für euer Versprechen. Das Versprechen, meine Mädchen zu schützen." Er sah Will bei seinen Worten nicht an, und seine Kiefermuskeln pulsierten regelrecht, als er eine kurze Pause machte. "Ich habe nachgedacht. Ihr zwei solltet gehen, so bald wie möglich. Dies ist kein Ort für euch, und ganz bestimmt nicht der Ort, an dem ihr findet, was ihr sucht. Ich sage das nicht aus Groll, sondern um euretwillen."

Er wandte sich ab, blieb aber noch einmal stehen, bevor er zu seinen Töchtern zurückkehrte. Ohne sich umzudrehen, fügte er hinzu: "Will, rechnet damit, dass ihr die, die ihr sucht, vielleicht nie mehr finden werdet."
"Ein Blick in die Welt beweist, dass Horror nichts anderes ist als Realismus." - Alfred Hitchcock

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