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Autor Thema: Willkommen im Tantalum-Komplex  (Gelesen 12383 mal)

Beschreibung: Kapitel 1

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Sternenblut

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Willkommen im Tantalum-Komplex
« am: 09.05.2015, 14:12:58 »
21. Mai 2015, 11:00 Uhr vormittags.

Der Himmel war leicht bewölkt, doch ansonsten hätte das Wetter nicht besser sein können. Die meiste Zeit über schien die Sonne, nur gelegentlich war sie kurz verdeckt. Es waren rund zwanzig Grad Celcius, die durch eine leichte Brise aufgefrischt wurden. Der unendlich wirkende Ozean - egal wohin man sich wendete, er reichte bis zum Horizont - war ruhig, fast gemächlich.

Wenn Duncan die Augen schloss, erinnerte ihn außer dem salzigen Geruch in der Luft kaum etwas daran, dass er sich mitten im Pazifik befand, hunderte Kilometer entfernt vom nächstgelegenen Land - den Norfolkinseln, die ihrerseits fernab von allen größeren Landmassen lagen. Fast fühlte es sich an, als würde man auf einer Strandpromenade in irgendeiner schicken Touristenstadt entlang gehen. Zwei junge Frauen in Bikinis, Cocktails in der Hand, liefen fröhlich lachend an ihm vorbei, eine der beiden - die Blonde - zwinkerte ihm keck zu.

Der ganze Komplex, hatte er wenig interessiert in den Hochglanz-Flyern gelesen, war dem Aufbau einer riesigen tropischen Lilie nachempfunden. Die weißen Brücken, auf denen sich draußen das Leben abspielen sollte und die im Zentrum des Komplexes aufeinandertrafen und dort einen großen Platz bildeten, ähnelten den Strukturen innerhalb der Blütenblätter. Der Boden war aus einem Material, das scheinbar nie dreckig wurde: Obwohl bereits die meisten Gäste vor Ort waren, viele Leute herumliefen und auch mal - absichtlich oder versehentlich - etwas fallen ließen, blieb der Boden strahlend weiß. Und für größere Sauereien war das Putzpersonal jederzeit in der Nähe.

Er hatte sich, pflichtbewusst wie er war, genau im Komplex umgesehen. Es gab dezent in Zivil gekleidetes Sicherheitspersonal, an allen öffentlichen Orten gut versteckte Kameras, Lautsprecher für Notfälle, und die Apartments waren mit modernster Sicherheitstechnik versehen, um Einbrüche zu verhindern. Auch, wenn ein Einbrecher nicht einfach fliehen konnte: Auf dem Tantalum-Komplex war Platz für immerhin fast 50.000 Menschen, da machten solche Maßnahmen schon Sinn.

Ein Kamerateam - eine dunkelhaarige Reporterin in den Mittzwanzigern, ein junger Kerl mit Mikrofon und ein mit seiner Ausrüstung überforderter etwas älterer Typ mit einer großen, tragbaren Kamera - beeilte sich, an ihm vorbeizukommen. "Macht schon, schneller, ich bin mir sicher, das war die Jolie!" trieb die junge Frau ihre Kollegen an, ohne Duncan auch nur eines Blickes zu würdigen.

Es war ein seltsam gemischtes Publikum: Stars und Sternchen, die ins Rampenlicht wollten, sensationshungrige Reporter, reiche Touristen, und mitten in diesem Trubel zurückhaltende Wissenschaftler, die eigentlich nur in Ruhe ihre Arbeit machen wollten. Letztere traf man vor allem in den Innenbereichen des Komplexes an, nur wenige ließen sich längere Zeit draußen blicken. Sein Auftraggeber würde es vermutlich ähnlich handhaben.

"Duncan? Duncan Buchanan?"

Er wusste die Stimme hinter ihm nicht gleich einzuordnen. Ein Asiate, so viel hörte er heraus, aber trotzdem musste er spontan an Afrika denken... er drehte sich um, und dann erkannte er ihn. Baihu Zhang, ein ehemaliger Mitarbeiter von Hiisi Industries. Er war im Grunde fast ein Klischee-Asiate, sah man davon ab, dass er sich als Söldner hatte engagieren lassen: Klein (gute zwei Köpfe kleiner als Duncan), drahtig, und ein herausragender Kampfsportler. Duncan erinnerte sich, wie Baihu ihm bei einem Hinterhalt in Zentralafrika das Leben gerettet hatte, indem er in kaum mehr als fünf Sekunden mit gezielten Tritten vier bewaffnete Islamisten ausgeschaltet hatte.

Baihu hatte allerdings früher den Absprung geschafft als Duncan. Nach Afrika hatte er den Dienst quittiert. "Ich gehe zurück nach Hause. Das hier ist nichts für mich, nicht in dieser Form. Ich melde mich daheim beim Militär." Und seitdem hatte Duncan nichts mehr von ihm gehört.

Aber jetzt stand er dort, in einem schicken asiatischen Anzug, ganz in schwarz, das kurze schwarze Haar zu einem strengen Scheitel gekämmt. "Du bist es, oder? Was hat dich denn hierher verschlagen?"
« Letzte Änderung: 21.05.2015, 13:07:25 von Sternenblut »
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Sternenblut

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« Antwort #1 am: 21.05.2015, 02:22:22 »
Die Sonne hätte noch ein wenig wärmer sein können, aber ansonsten war es perfekt. Richard lag auf einer bequemen Liege, am äußeren Rand der zentralen Konstruktion des Tantalum-Komplexes, direkt an dem künstlich geschaffenen Süßwasser-Fluß, der von den Leuten als Swimming-Pool genutzt wurde. Ein Kellner brachte ihm gerade ein neues Getränk - "Bitte sehr, Mister Powell", sagte er ehrfürchtig und ging dann wieder -, und auf den Liegen um ihn herum sonnten sich vor allem hübsche junge Frauen. Natürlich, deshalb hatte er den Platz ja gewählt.

Einige von ihnen sahen kichernd und tuschelnd zu ihm, bisher hatte ihn jedoch noch keine angesprochen. Aber das war nur eine Frage der Zeit, wie er wusste.

"Oh, welch ein Anblick! Man sieht förmlich den Dampf von Ihnen aufsteigen, so heiß sind Sie, Mr. Steam!" Er erkannte die Stimme sofort, ebenso das herzliche Lachen, das folgte. Sharon Joans, seine ehemalige Filmpartnerin, die in einem luftigen weißen Sommerkleid und mit cooler schwarzer Sonnenbrille vor ihm stand. Drei Meter hinter ihr, in dezentem Abstand, zwei Bodyguards, klassisch mit Anzug und Special-Agent-Sonnenbrille. "Heey, Ricky, wie geht es dir?" rief Sharon, und öffnete ihre Arme für eine Umarmung.

Das Tuscheln und Kichern neben und hinter ihm war für einen Moment verstorben, und die meisten Augen lagen nun auf Sharon.
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Sternenblut

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« Antwort #2 am: 21.05.2015, 02:47:26 »
Es war geschafft! Vor einer Minute hatte Markus die letzten Zeilen Programmcode geschrieben, die den robotischen Unterwasser-Arm steuern sollten. Das Labor gehörte Liu Bio Sciences, aber der Großteil der Technik kam von Whitechapel. Er und seine Kollegen hatten unter Hochdruck die letzten Wochen durchgearbeitet, um alle Anforderungen rechtzeitig zur Eröffnung fertig zu bekommen. (Natürlich hatten die Projektmanager wieder einmal den Zeitplan festgelegt, ohne mit den Entwicklern zu sprechen - die jegliche Fehlplanungen dann durch Überstunden ausgleichen mussten.)

Das Labor selbst sah ein wenig aus wie das futuristische Versteck eines James Bond-Bösewichts: Vollgestopft mit neuester Technik, durch die monochrome Farbgebung und die Abrundungen überall trotzdem stylish. Ja, hier hätte man durchaus den Showdown eines James Bond-Streifens drehen können.

Dieser Raum alleine war gute fünfzig mal dreißig Meter groß, mit Konsolen rund um die Außenwand, und an jedem einzelnen Platz gab es ein Fenster mit Ausblick in die pazifische Unterwasserwelt. Doch die Fische, die gerade vor Markus entlang schwammen, interessierten ihn im Augenblick weniger. Er hatte seinen letzten Test gestartet, und der außen angebrachte Arm war perfekt ausgefahren, und hatte jede gewünschte Drehung und Wendung mitgemacht. Es funktionierte - das letzte Mosaiksteinchen dieses Mega-Labors. Immerhin, eine Stunde, bevor sie die Deadline gerissen hätten.

"Wunderbar. Ganz wunderbar." Die Frau, die hinter ihm stand, und ihm bereits seit zwei Stunden immer wieder nervös über die Schulter gesehen hatte, war Frau Tanaka, eine leitende Mitarbeiterin des Labors. Sie hatte sich Mühe gegeben, freundlich mit allen umzugehen - allerdings hatte sie im an das Labor angeschlossenen Meeting-Raum einige Treffen mit den Projektleitern gehabt, die wohl weniger freundlich abgelaufen waren. Howard, der für die Einbindung der Elektronen-Mikroskope zuständig war, war einmal bleich und mit zitternden Fingern aus einem Meeting gekommen - und er war eigentlich jemand, den nichts so schnell aus der Fassung brachte.

Frau Tanaka, eine Chinesin, die aussah, als wäre sie geradewegs aus einem Anime entsprungen (von den übertrieben großen Brüsten einmal abgesehen - ganz schlecht ausgestattet war sie aber auch nicht), klatschte zwei Mal freudig in die Hände. "Dann fahren wir jetzt erst einmal alles herunter. Frau Liu kommt zur Eröffnung in einer Stunde, und wird nach der großen Ansprache draußen sofort das Labor besichtigen. Bis dahin müssen wir hier alles noch ein wenig schick machen." Sie sah mit einem strahlenden Lächeln in die Runde. "Ich danke allen Mitarbeitern von Whitechapel für die hervorragende Arbeit und die großen Leistungen, die Sie hier erbracht haben. Sie haben einen wichtigen Beitrag für die wissenschaftliche Forschung erbracht. Vielen Dank! Nun genießen Sie Ihren Aufenthalt hier im Tantalum-Komplex!"
Mit diesem Satz deutete sie mit ausgestreckter Hand auf die Tür, die so angebracht war, dass man sie in der weißen Wand kaum sehen konnte - wenn man nicht wusste, wo sie war.

Die noch verbliebenen sechs Kollegen von Markus, unter ihnen sein Projektleiter Jamie Gordon, erhoben sich. Jamie ging als erster, sah nur noch einmal kurz zu Frau Tanaka und nickte ihr mit aufgesetzter Freundlichkeit zu, dann verließen sie alle das Labor.

Als sie draußen im Gang waren, schloss Jamie die Tür hinter sich. Nachdem sie einige Meter den strahlend weißen Gang hinab gelaufen waren, Richtung Ausgang, seufzte Jamie, und fuhr sich durch die mittellangen roten Haare. "Bin ich so froh, nie wieder mit dieser Furie arbeiten zu müssen. Kennt ihr die Szene aus Kill Bill, wo Lucy Liu über den Tisch springt und den einen Bandenchef enthauptet?"
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Sternenblut

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« Antwort #3 am: 21.05.2015, 03:09:57 »
Das Meer schien nie zu enden. Seit ihrem Start auf Norfolk Island - was ein paradiesischer Ort zum Leben war - hatte Tián nicht viel mehr gesehen als blauen Himmel, ein paar weiße Wolken, und blaues Wasser.
Ihr Gepäck war zum Glück bereits drüben, sonst wäre es eng geworden. "Willkommen im Eurocopter EC 120", hatte sie der Pilot begrüßt, von dem er bisher wenig mehr als den Helm gesehen hatte. Und besonders viel gesprochen hatte er danach auch nicht mehr.

Seine Mitpassagiere waren dafür deutlich angenehmer. Linda, 28 Jahre, Belgierin, vor einem Monat von Tiáns Doktorvater für die Mitarbeit auf dem Tantalum-Komplex engagiert worden. Sie erinnerte ihn ein wenig an die junge Jodie Foster, nur mit langen Haaren und etwas weicherem Gesicht. Sie lächelte viel, erzählte von ihrer Heimatstadt Charleroi, von ihrem Bruder, der elektronische Musik komponierte, ihrer leicht verrückten Tante, die nach einem Lottogewinn vor vier Jahren bereits die halbe Welt bereist hatte, und von ihren beiden Katzen Nelly und Holly, auf die gerade ihre beste Freundin Sanne aufpasste.

Linda plapperte nicht, sie erzählte einfach nur gerne und viel, und sorgte dafür, dass die Zeit im Hubschrauber schnell verflog - im wahrsten Sinne des Wortes. Sie konnte aber ebenso gut zuhören wie erzählen, was das Gespräch wirklich angenehm machte.

Der dritte im Bunde war Jonas, ein Deutscher, bereits knapp über Vierzig, kahlgeschoren. Er war schmächtig, und trug dabei zu weite Kleidung (ein offensichtlich bereits etwas älteres blaues Hemd und eine dunkelorange Stoffhose, dazu weiße Sneaker). Es sah fast aus, als hätte man ihn geschrumpft, aber seine Sachen wären gleich groß geblieben. Er war sicherlich ein schräger Charakter, und mit seinen doch recht schiefen Zähnen auch kein besonders hübscher Anblick, offenbarte aber im Gespräch (wenn er denn einmal etwas sagte) ein erstaunliches Wissen - er schien ein wandelndes Lexikon zu sein, und konnte zu praktisch jedem Thema etwas beitragen.

Jonas Temper, eigentlich Ingenieur, wusste offenbar selbst noch gar nicht so genau, wofür ihn Professor Layne eigentlich brauchte. "Er hat auf mich eingeredet, bis ich unterschrieben habe. Fühlte sich an, als hätte ich einen Staubsauger bestellt", war die einzige lustige Äußerung, die Jonas während des Flugs gemacht hatte - auch wenn er sie selbst offenbar gar nicht lustig gemeint hatte.

"Seht mal!" rief Linda plötzlich aus und deutete aus dem Fenster. In der Ferne war etwas zu sehen, mitten im Ozean -eine grün-weiße Insel, die aus dem Meer ragte.

"Nur noch ein paar Minuten", äußerte sich der Pilot nun auch wieder. "Wenn ihr wollt, drehen wir einmal eine Runde über den Komplex. Landen werden wir auf einer Plattform außerhalb, da holt euch dann ein Shuttleboot ab."
« Letzte Änderung: 21.05.2015, 12:57:16 von Sternenblut »
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Noth

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Willkommen im Tantalum-Komplex
« Antwort #4 am: 21.05.2015, 15:08:15 »
Die für Kurzweil sorgenden Gespräche waren sehr angenehm. Sie zeigten, dass sie wohl ein gutes Team bilden können. Das Forschen und Arbeiten könnte also sehr interessant werden. Auch wenn Jonas ziemlich mürrisch war. Nun, Tián würde sicher ebenso ungehalten sein, wenn er einfach ins kalte Wasser geworfen worden wäre aber es war ja nicht sein erster Auftrag in der Forschungsgruppe. So wusste er, dass am Ende jeder gebraucht wurde, der im Team war. Dies würde sicher auch auf Jonas zutreffen. Denn er hatte einen sehr wachen Verstand und beim ihm zeigte sich mal wieder, dass ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilt werden sollte. Obwohl, wenn er auch in der Forschung solche Kreativität an den Tag legte, wie in seiner Kleiderwahl. Großartig, gepaart mit seinem Wissen würde er bestimmt Dinge, Wege sehen, die ein anderer übersehen hätte. Genau so jemand war genau richtig in einer Forschungsgruppe. Ein Querdenker, Freigeist. Nun musste es Jonas nur noch selber merken.
Die Gespräch treibenden Linda war keine Nervosität an merkbar. Sie offenbarte viel von sich aber es schien genau ihre Natur zu sein. Ihre Gabe dabei auch noch zuzuhören zu können, machte sie nur noch sympathischer.

Als sie dann alle auf den Tantalum-Komplex aufmerksam machte, blickte auch Tián aus dem Fenster. Ihm Schlug das Herz höher, so aufgeregt war er auf seine neue Arbeitsstelle. Als dann noch der Pilot den Anflug vermeldete, steigerte sich diese Vorfreude noch. Ohne lange über die Frage nach zu denken, antwortete Tián „Eine Runde, gerne doch. Wir müssen doch wissen wo wir die nächsten Monate zusammen arbeiten.“ Kurz war er versucht auf Jonas Worte einzugehen. Doch er meinte seine Worte ziemlich ernst und da jetzt rumzustochern war eine dumme Idee. Also blickte er einfach nur zu den Anderen, ob auch sie den Rundflug haben wollten. Es war ja auch sicher ihre letzte Chance für die nächsten Monate die Anlage von oben zu sehen.

Sternenblut

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« Antwort #5 am: 21.05.2015, 15:21:47 »
Linda nickte bei dem Vorschlag sofort begeistert, während Jonas nur mit den Schultern zuckte - dann aber doch gebannt den Blick aus dem Fenster richtete. Langsam wurde der Komplex größer, nahm Formen an. Aber wie lange es dauerte, bis sie langsam näher kamen, zeigte erst, wie groß die Anlage eigentlich war.

Auf einmal schüttelte Jonas den Kopf, und sah mit fast ehrfürchtigem Blick zu seinen beiden Begleitern. "Das ist kein Mond", sagte er. "Es ist eine Raumstation."

Linda sah den Deutschen irritiert an und blickte dann hilfesuchend zu Tián. Jonas selbst verzog keine Miene, und richtete seinen Blick wieder auf den Komplex.
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Noth

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« Antwort #6 am: 21.05.2015, 16:28:57 »
Der Blick von Tián verriet, dass auch er verwirrt war. Für einen Moment herrschte damit Stille bis er sich etwas herleiten konnte. „Ziemlich bildreich Jonas. Raumstation, Mond mh, wenn ich so darüber nachdenke hast du Recht. Der Komplex ist abseits allen menschlichen Lebens, schwimmt so weit ab vom Festland oder einer Insel im Meer, dass wir hier nicht verloren gehen sollten und ist auch noch autark. Also wirklich ein Mond oder eine Raumstation.“ Trotz dieser Herleitung war er unsicher ob Jonas auf künstliche Monde, wie Satelliten bildreicher genannt werden konnten, hin spielte. So war sein Lächeln zu Linda auch eher verlegen als selbstsicher. „Aber auf jeden Fall schöner als die ISS.“ Sein Blick wanderte zu Jonas und aus dem Fenster, auf den näher kommenden Komplex. Wie atemberaubend das doch war. „Wenn die Stadt auch noch fliegen könnte, dann wäre es doch eher ein Raumschiff.“ Für einen Moment hing er seinem Gedanken nach. Eine fliegende Stadt, das wäre auch etwas aber auch so war der Komplex, nach allem was er hörte, einmalig. Wieder zu Jonas gewandt, fragte er „Darauf hast du doch angespielt oder?“

Sternenblut

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« Antwort #7 am: 21.05.2015, 17:10:07 »
Fast wie erstarrt drehte sich Jonas zu seinen beiden Mitpassagieren um. "Das ist nicht euer Ernst, oder? Alec Guinness als Obi-Wan Kenobi an Bord des Millennium Falcon? Erste Begegnung mit dem Todesstern?"

Linda runzelte ihre Stirn. "Kenobi? Das ist Star Wars, oder? Ich muss gestehen, ich habe nur den ersten gesehen, und fand ihn ziemlich furchtbar. Aber Kenobi, war das nicht Ewan McGregor, der..."

"Bitte was??" unterbrach der Deutsche sie. "Ewan McGregor? Oh Gott, du hast nur die neuen Filme gesehen. Das ist doch nicht Star Wars! Du musst die alten Filme sehen. Und am besten in der klassischen Version, ohne digitale Überarbeitung und neu eingefügte Szenen. Harrison Ford als Han Solo, ich garantiere dir, du wirst ihn lieben!"

So viel, und mit solcher Leidenschaft, hatte Jonas während des ganzen Flugs nicht am Stück erzählt - es war für ihn offenbar ein echtes Herzensthema.

Wieder sah Linda hilfesuchend zu Tián. "Ähm, ja, in Ordnung, wir können ihn uns ja mal ansehen..."

Auf einmal meldete sich wieder der Pilot zu Wort. "Han Solo ist wirklich der Coolste. Echte Kulturlücke, die ihr beiden da habt."

Jonas wandte sich mit einem Lächeln dem Piloten zu. "Gott sei Dank..."
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Markus Müller

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« Antwort #8 am: 21.05.2015, 17:22:57 »
Markus musste schmunzeln, als er die Worte seines Kollegen hörte. Ihm waren auch schon ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen, aber offen ausgesprochen hatte er sie noch nicht.
"Da hast Du es ja gut, wenn du bald die Sause machen kannst. Ich habe das Vergnügen, noch ein paar Wochen hintendran hängen zu dürfen. Kundenbetreuung, Notfall-Service und der ganze Kram. Wenigstens ist hier soweit alles frei."
Sie bogen um eine Ecke und dann sagte er: "Komm, lass uns noch einen Trinken gehen - auf den erfolgreichen Abschluss."

Sternenblut

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« Antwort #9 am: 21.05.2015, 17:39:15 »
"Verdammt gute Idee", schloss sich Jamie dem Vorschlag an. "Rauf in den Trubel oder lieber hier im unteren Bereich bleiben und Fische gucken?"

Jacques, der einzige Franzose in ihrem Team, schüttelte den Kopf. "Ehrlich, ich bin total fertig. Muss ins Bett. Ich hatte drei Stunden Schlaf in den letzten 72 Stunden." Elias und Samu, beides Finnen, nickten sofort bei seinem Einwand. "Roger, hier sieht's ähnlich aus."

Damit blieben noch Lenni, ebenfalls Finne, und Douglas, seines Zeichens überzeugter Afroamerikaner, dessen Mischung aus Hugo Boss-Anzug und Rastalocken immer etwas absurd wirkte. "Auf zum Alkohol!" rief Douglas. "Egal wo, Hauptsache viel davon, und ein paar hübsche Frauen für uns alle!"

Jamie lächelte. "Aber bitte keine Asiatinnen mehr. Da bin ich traumatisiert."

Sie kamen an der Milchglastür an, hinter der einer der sogenannten Knotenpunkte lag: Eine Art kleiner Aufenthaltsraum mit Bänken und Wasserspender, einem Aufzug an jeder Seite, einem frei zugänglichen Computerterminal in der Wand, und einer weiteren Milchglastür gegenüber, durch die es in den sogenannten Leisure-Bereich dieses Unterwasser-Stockwerks ging.
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Markus Müller

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« Antwort #10 am: 21.05.2015, 17:50:37 »
Markus konnte die anderen Verstehen. Auch ihn hatten die letzten Wochen ausgelaugt, doch hatte er vor, sich heute in den Trubel zu stürzen.

"Na oben natürlich, sonst lohnt es sich doch nicht."

Er hoffte, seine Wahl würde den anderen gefallen.

Sternenblut

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« Antwort #11 am: 21.05.2015, 18:12:08 »
Jamie ging vor, öffnete die Tür und drückte sofort den Aufzug-Knopf. "Genau. Lasst uns ein paar Hollywood-Schönheiten aufreißen!" Er grinste breit, und die anderen erwiderten sein Grinsen. "Wenn wir Keira Knightley begegnen, die gehört mir", meldete Douglas selbstbewusst seine Ansprüche an.

Lenni lachte nur. "Bin verheiratet, aber ansonsten dabei."

Sie verabschiedeten sich kurz von den drei anderen, und dann kam auch schon der Aufzug an. Man hörte ihn nicht; lediglich ein blaues Licht um den Knopf verriet, dass er kam. Mit einem leisen Surren öffneten sich die Türen und gaben den Weg in den voll verspiegelten Aufzug frei.

Jamie drückte auf die "0", die zum Deck führte, und nur wenige Sekunden später waren sie bereits oben. Der Aufzug war so gut konstruiert, dass man von dem sonst üblichen kurzen Schwindelgefühl fast nichts bemerkte.

"Hab übrigens gelesen, dass Sharon Joans wohl auch heute ankommt", erzählte Jamie. "Wenn ihr mich fragt, der heißeste Feger von ganz Hollywood." Er sah zu Douglas. "Die ist also für mich, wenn wir ihr begegnen", sagte er grinsend.

Die Türen öffneten sich, und vor ihnen lag die weiße "Promenade", die am äußeren Rand des künstlichen Flusses lag. Hunderte Menschen tummelten sich im oder am Wasser oder liefen über die weißen Wege, die zum Zentrum des Außenbereichs führten. Etwa alle hundert Meter gab es eine kleine, mobile Cocktailbar, und die mit Hemd und Fliege ausgestatteten Kellner und Kellnerinnen flogen förmlich durch die Menge, um alle Wünsche zu erfüllen.

Eine leichte Brise blies ihnen den Geruch von Salzwasser ins Gesicht, die Sonne schien angenehm, aber nicht zu warm. Irgendwo in der Ferne hörte Markus einen Hubschrauber, den er aber aus der jetzigen Position noch nicht sehen konnte.

Douglas, der sonst so wortgewandt war, klopfte plötzlich mit offenem Mund auf Markus' Schulter. "Jessica Alba", sagte er mit ungläubiger Stimme, und deutete auf eine Frau, die keine fünfzig Meter von ihnen entfernt auf einer Liege lag und sich sonnte.
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Markus Müller

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« Antwort #12 am: 21.05.2015, 19:09:20 »
Markus schreckte aus seinen Gedanken auf, als Douglas ihm auf die Schulter klopfte.

"Und die ist dann für mich", grinste er seine Kollegen an.

"Aber erst einmal sollten wir uns in Stimmung bringen."

Tief atmete er die salzige Luft ein, die Sonne wärmte sein Gesicht.

"Ja, das ist besser, als unsere Gruft da unten."

Sternenblut

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« Antwort #13 am: 21.05.2015, 19:25:55 »
"Ja, ja, in Stimmung bringen ist gut", stimmte Douglas ihm zu, der die plötzliche "Begegnung" mit dem Hollywood-Star noch nicht ganz verkraftet hatte. Wie auf Kommando war auch schon eine Kellnerin bei ihnen. Sie trug, wie alle ihre Kolleginnen, eine weit gefasste weiße Bluse, eine schwarze Fliege, eine schwarze, enge Hose und eine ebenfalls schwarze Schürze darum. In der Hand hielt sie ein Tablett mit einem guten Dutzend schmaler Gläser, die Hälfte davon leer, die andere mit einer prickelnden Flüssigkeit gefüllt.

"Champagner, die Herren? Geht im Rahmen der Eröffnung aufs Haus. Oder darf ich etwas anderes bringen?"

Während Jamie und Douglas ihre Bestellung aufgaben, gab Markus' Smartphone den Ton für eine eingehende SMS von sich. Er sah nach, von wem die Nachricht war - doch zu seiner Überraschung stand dort keine Nummer, auch kein von ihm eingespeicherter Name, nur ein einzelner Buchstabe: F.

Irritiert öffnete er die Nachricht. Dort stand:


Finde Sektion U. Vorsicht. Gefahr! Du bist nicht frei.


Die Kellnerin blickte ihn erwartungsvoll an. "Und für Sie?"
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« Antwort #14 am: 21.05.2015, 23:52:27 »
Freudig und amüsiert blickte Richard auf.
Sofort stand er auf und schloß Sharon in die Arme, aber nicht zu fest. Er drückte sie ein wenig an sich, gab ihr einen Kuß auf die Wange und hielt sie dann leicht an den Hüften.
"Shary, Chéri! Du sollst mich doch Rock nennen.
Du weißt doch, wegen dem Management"
, flüsterte er ihr den letzten Satz zu.
Er schenkte ihr ein unwiderstehliches Lächeln, während er sie noch einmal bewundernd von oben bis unten betrachtete und dann im Plauderton fortfuhr.
"Du siehst wunderbar in diesem Kleid aus. Aber du weißt ja selbst, daß du immer wunderschön bist.
Was treibt dich hierher? Ich hatte gehört, du bist mit Dreharbeiten in Paris beschäftigt."

Die Leibwächter beachtete er nicht weiter und für den Moment waren auch die anderen Damen vergessen.
« Letzte Änderung: 22.05.2015, 00:40:31 von Richard "Rock Power" Powell »
Das erinnert mich an meinen letzten Film! Da haben wir es so gelöst. ....

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