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Autor Thema: Der Weihort  (Gelesen 61889 mal)

Beschreibung: Episode 1

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Khenubaal

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Der Weihort
« am: 21.12.2016, 21:48:53 »
Episode 1: Der Weihort

Zitat
"Nicht das Gefühl oder die Absicht zählt, nur die Tat selbst. Ein Mord aus Liebe ist nicht weniger verwerflich als ein Mord aus Hass. Die schrecklichsten Taten auf der Welt wurden aus Liebe begangen. Liebe ist eine schlechte Ausrede für ein Gewaltverbrechen."

Das überlieferte Wort des Propheten Javrud




Eine Gruppe von sieben Reitern auf ihren Rappen folgt in loser Zweierreihe dem matschigen Pfad. Rechts und links, vor und hinter ihnen erstreckt sich Ferslands helles Grün in einem Grasmeer. Der Wind treibt Wolken über den Sommerhimmel, verschleiert die Sonnenscheibe, um sie kurz darauf wieder freizugeben. Aber die Wolken sind von der hellen Art, kein Dunkles Grau am Firmament - es sieht nicht nach Regen aus. Und unten über dem Gras ist auch der Windzug nur noch zu einem Hauch geschrumpft. Ein guter Sommertag in Dalaran.

Der Blick ist frei gen Westen. Ritte man in diese Richtung, und das sechs volle Tage, käme man an die Ausläufer und den ewigen Nebel von Loch Leskos. Im Osten, etwa einen halben Tagesritt entfernt, brandet das Gras an seine Grenzen - ein Ufer aus Nadelbäumen: Wacholder, Fichte, Kiefer - der Urdan-Wald. Er zieht sich über den Horizont, erklimmt den Rücken der Bergkette dahinter bis zur Baumgrenze, dann erobern Moos und Stein den steilen Hang, um ihrerseits an den Spitzen dem ewigen Schnee zu weichen. Die Bergkette von Onur.

Der Pfad, den die Reiter nehmen, führt gen Süden. In wenigen Meilen wird er sich gabeln. Der Hauptstrang zieht dann weiter geradeaus. Noch ein halber Tagesritt von da an, und man erreicht den Gjolkard-Wall. Die Große Mauer zu Jongot. Gebaut gegen die Dämonen, aber anders als die Wälle im Westen von Linsberg nicht als erste Verteidigungslinie an den Berghängen, sondern als letzte Linie, falls Jongot fallen sollte. Das Grau des Walls sticht bereits am Herizont hervor - ein Mahnmal für die Lebenden, nicht zu versagen. Doch das ist nicht das Ziel der Gruppe.

Sie wird an der Abzweigung den zweiten Pfad nehmen, der nach Südosten zum dünnen Küstenstreifen zwischen Gjolkard-Wall und den Bergen abbiegt. Auch hier nur ein halber Tagesritt von da an, bis man unweit der Küste das Dörfchen Ansdag erreicht - das erste Ziel ihrer Reise.

* * *

Fürst Ayrin hatte sie alle in Kromdag angeworben, jeden auf seine Weise. Nur Talahan schien er von früher zu kennen - den mürrischen Recken, mit stuppigem schwarzen Vollbart mit grauen Strähnen und ebensolchem Haar, und der nach unten offenen Dreieckstätowierung auf der Stirn, die ihn als Paladin der Behadrim kennzeichnete. Ihm hatte er die Führung der Gruppe anvertraut. Der Auftrag war einfach und verworren zugleich: Zwei Karawanen, beide auf dem Weg nach Ansdag am südlichsten Punkt der Fersländer Küste, die Karren beladen mit dringend benötigter Handelsware für das Große Festland hinter dem Meer, seien gemäß einem Boten des örtlichen Fürsten nie angekommen. Aegon Ayrin hatte daraufhin einen Späher ausgesandt, die Gegend zu erkunden und die Spur der Karawanen aufzunehmen. Doch das war nun vor fast einem Mond gewesen und der Mann blieb verschwunden. Irgendetwas stimmte nicht.

"Ihr müsst im Süden nach den Rechten sehen", hatte Ayrin gesagt. "Der Krieg im Norden bindet all unsere Mittel. Der Herzog und seine Söhne brauchen all ihre Kraft, um die Waage an der Front im Gleichgewicht zu halten. Kippt sie zugunsten des falschen Königs, bevor die Zwartjod in Bächland anlanden und die zweite Front eröffnen können, wird Kromdag brennen. Die Bulvaj können sich jetzt nicht um irgendwelche Karawanen im Süden kümmern. Und wir können auch keine Männer von der Front entbehren, um in den Grassteppen oder im Wald von Urdan nach irgendwelchen Banditen zu suchen.

Ihr müsst nach Ansdag. Sprecht mit dem örtlichen Fürsten, wenn ihr wollt. Soren, der dritte seines Namens - oder war er schon der vierte?; einerlei. Soren aus dem Hause Villag herrscht laut Gesetz über Ansdag, aber das ist nichts als Geschwätz. Die Behadrim haben sowohl den Fürsten, als auch die beiden kläglichen Hundertschaften der Dorfbevölkerung fest im Griff. Das Kloster von Ansdag ist der wahre Regierungssitz und die Gottesmänner und ihre beiden Paladine sind es, die dort nach den Rechten sehen. Sprecht also auf jeden Fall mit dem Abt, wenn ihr dort ankommt.
"

Talahan hatte missmutig die Karte auf dem Tisch des Besprechungsraumes gemustert. Zwei Ortschaften waren dort zwischen Gjolkard-Wall und den Bergen von Onur an der Küste eingezeichnet: Ansdag im Norden, an die Ausläufer der Berge geschmiegt, und Sydhavn im Süden, im Schatten des Walls.[1] "Natürlich haben die Kuttenträger dort alles fest im Griff", hatte der Recke zu Verblüffung der anderen gesagt. "Es ist immerhin der Weihort. Ein viel zu großer Name für ein dreckiges Örtchen am Strand, aber wenn sich der Prophet dazu herablässt, in einer nahegelegenen Bergquelle aus eigener Hand die Weihe zu empfangen, tragen die umliegenden Holzhütten wohl immer viel zu große Namen."

Ayrin hatte den Kämpen scharf angeblickt. "Das mag wohl sein. Diese deine Meinung sparst du beim Besuch im Kloster aber aus. Einen Zwischenfall mit den Behadrim können wir gerade gar nicht gebrauchen." Dann geht der Blick des Fürsten zu den anderen Anwesenden. "Wir brauchen die Erträge aus dem Handel mit dem Großen Festland, um diesen Krieg zu finanzieren. Und wir brauchen Ruhe im Süden. Das Land darf nicht brennen, so lange unser Herzog und unsere Männer im Norden die Front halten. Geht nach Ansdag. Bringt alles in Erfahrung und forscht nach. Ich brauche Meldung, spätestens in einem Mond, aber ich brauche nicht noch mehr Fragen. Ich brauche Antworten. Kehrt vor Ablauf der Frist nur zurück, wenn ihr das Rätsel gelöst habt, oder wenn ihr genau wisst, wo der Feind sitzt und sicher seid, mehr Männer für die Lösung zu brauchen."

Daraufhin hatte Ayrin zwei zusammengeschnürte Lederbörsen aus einer Kiste geholt und auf die Karte geschmissen. Klirrend waren die Bündel zu Ruhe gekommen. "Hundert Silberlinge. Das soll eure Ausgaben decken. Dazu stelle ich jedem ein Pferd zu Verfügung, der selbst keins hat. Nehmt es und verschwindet, und ich setze ein Kopfgeld auf euch aus, dass drei mal so hoch ist und werbe drei mal so viele Männer für die Jagd an. Nehmt es und kehrt ohne Erfolg zurück, und wir lassen es dabei bewenden. Kehrt mit Antworten oder besser gleich der Lösung zurück, und die Belohnung wird das Dutzendfache sein."[2]

Talahan hatte zwischen den Börsen auf dem Tisch und seinen neuen Weggefährten hin- und hergeblickt. "Und bessere Leute konntest du nicht finden?", hatte er schließlich Ayrin gefragt. Der Fürst hatte seinen Blick erwidert und geschnaubt. "Nein - sonst hätte ich ja dich nicht angeheuert, alter Wolf."

* * *

Und so waren sie aufgebrochen vor sieben Tagen - ein dunkelhäutiger Fremder, eine Bogenschützin aus dem Ersten Volk, ein Diener des Loch Leskos, eine Druidin des Alten Glaubens und ihr Mann, ein erfahrener Nordmann, wie es schien. Und mit dabei auch eine hagere Nordfrau, schweigsam und zugeknöpft, und der griesgrämige Paladin, der vor dem Strategen des Herzogs die eigene Religion verurteilte. Fürwahr ein bunter Haufen. Aber sie hatten einen Auftrag, der sie einte. Und schon bald würden sie Ansdag erreichen.[3]
 1. 
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 2. Noch etwas regeltechnisches: Alle Chars bekommen gratis einen Skill-Punkt auf Reiten. Außerdem ist Reiten für alle Klassen ein Class-Skill.
 3. 
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« Letzte Änderung: 13.10.2019, 17:45:08 von Gaja »

Lîf

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Der Weihort
« Antwort #1 am: 22.12.2016, 13:30:12 »
An letzter Stelle in der Abfolge der Reiter befinden sich der Nordmann und sein Weib. Die junge Frau mit der auffälligen roten Haarmähne sitzt im Frauensitz, die Beine seitwärts, auf ihrem Pferd und hält sich mit beiden Händen am Sattelknauf fest, während ihr Gemahl das Tier am Zügel mitführt. Es ist im Verlauf der Reise klargeworden, dass Lîf, die offenkundig ein Kind erwartet, das Reiten einige Mühe bereitet. Dennoch hat sie die Strapazen des Weges klaglos durchgestanden und stolz jede Hilfe der Mitreisenden abgelehnt. Als eigenartig wankelmütig haben diese sie kennengelernt – wenn sie manchmal mit einem sanften, fast verträumten Lächeln ihren Blick über das weite Land, den fruchtbaren Schoß Gajas, schweifen ließ, ein anderes Mal dagegen in nur halb unterdrücktem Ton Streitgespräche mit ihrem Gemahl Tristan führte, bei denen ihre großen, ausdrucksvollen Augen dunkel vor Zorn wurden.

Ein Rätsel muss sie wohl auch ihm geblieben sein, denn wo sie sich noch am gestrigen Tag dankbar von ihm vom Pferd heben ließ, straft sie ihn und die restliche Gruppe heute seit dem Morgen mit eisigem Schweigen. In sich gekehrt sitzt sie auf ihrem Pferd, die vollen Lippen gelegentlich leise Gebete zur Großen Mutter murmelnd. Dabei ist sie in Wahrheit nicht so abwesend, wie sie äußerlich erscheint: Als Priesterin des Landes und des Lebens reichen ihre Sinne bis tief in den Schoß der Mutter und weit hinaus über Wälder, Moore und Berge... Lîf spürt, zum ersten Mal seit ihrer Entführung durch die Inselclans, wieder den heimatlichen Boden unter sich und um sich. Wie eine warme Umarmung umgibt Gajas mütterlicher Segen sie, und sie fühlt das Leben um sich herum wie auch in ihrem eigenen Schoß sich regen und wachsen! Doch wer von den Mannsleuten könnte diese tiefe Verbundenheit mit der Großen Mutter nachempfinden, ja, wer von den Weibern, die keine Weisen Frauen sind, noch keine Kinder geboren haben...

Es ist eine Welt, die so viel reicher, bunter, lebendiger ist – wirklicher – als die, welche sich Augen und Ohren bietet! Der Blick der werdenden Mutter gleitet über den fernen Saum des Urdan-Waldes, folgt seiner schmalen Linie am Horizont. Ihre Augen liebkosen das, was für sie Ursprung, Schutz und Ziel aller Sehnsüchte ist – ihre Heimat. Die Bäume, die kraftstrotzend und gesund in die Höhe ragen, die sanft im Wind sich wiegenden, endlos dahinrollenden Wellen des Grases, die glitzernden Bänder schmaler Bäche: Alles Geschenke der Großen Mutter an ihre Kinder... Und wie jedes Mal, wenn sie sich in den Weiten der Natur verliert, beginnt ihre Wut nach und nach, unsichtbar für den unwissenden Beobachter, zu verrauchen. Schlägt das Herz in ihrer Brust wieder ruhiger, beginnen Wärme und Sanftmut sie zu durchfließen, wenn sie sich eins mit Gaja selbst fühlt, der alles heilenden, für alle sorgenden Urmutter.

Und Lîfs Blicke beginnen auch den Rücken ihres Mannes – des Vaters ihres Kindes – immer öfter zu streifen, mit einem Ausdruck, in dem ihr verletzter Stolz und ihre Zuneigung zu ihm widerstreiten. Ihr fällt wieder ein, wie heftig und wohl auch ungerecht sie reagierte, als er ihr am gestrigen Abend, während des Nachtlagers, noch einmal all seine Argumente aufzählte: Dass diese Mission überaus gefährlich werden könne, dass es seine Pflicht sei, sie und das Ungeborene zu schützen, dass sie nie gelernt habe, mit einer Waffe umzugehen und in Sicherheit besser aufgehoben sei... All die Argumente, die den Zorn wieder in ihr aufflammen ließen – gerade wegen der nüchternen Vernunft, die ihnen innewohnt. Gerade weil sie nicht – noch immer nicht – gewusst hatte, was sie dagegen sagen sollte. So wurde sie einmal mehr spitz, ja, verletzend, maßlos in ihrem Zorn, der so plötzlich über sie kommen kann wie über eine Bärin, die ihre Jungen verteidigt.

Lautlos seufzend wendet sie ihren Blick wieder zur Seite. In Momenten wie diesem gesteht sie sich ein, dass die Männer im Clan – in dem Clan, dem sie in den letzten Jahren gehörte – wohl teilweise recht hatten: 'Dies Weib hat eine so spitze Zunge, dass ein vernünftiger Mann nur mit ihr streitet, wenn sie einen Knebel trägt.' So hatten sie gespottet. Und wenn ihr, so wie jetzt, bewusst wird, wie sehr sich wohl Tristan als der Gemahl einer Wildkatze fühlen muss, dann werden ihre Wangen schamrot. Und sie bedauert ihre harschen Worte, ihre unfairen Angriffe mit Worten, immer in dem Bewusstsein, dass er sie wohl kaum jemals schlagen würde und also ihre Attacken erdulden muss. Jetzt sehnt sie sich danach, in seinen kräftigen Armen zu liegen und die Wärme auf sich übergehen zu spüren wie aus dem lebendigen Erdboden um sie herum. Unbewusst legt sich ihre Hand flach auf ihren Bauch, der sich bereits leicht wölbt. Und sie weiß, dass sie diesem Mann überallhin folgen wird, ganz gleich, in welche Gefahr er sich begeben mag!

Schon hat sie die Worte auf der Zunge, ihn zu sich zu rufen, um sich mit ihm auszusöhnen wie so viele Male zuvor, da fällt ihr Blick auf die Große Mauer, und sie erstarrt im Sattel. Eine Mauer, die der Verteidigung dient, gewiss – doch gebaut aus kalten, toten Steinen, die dem Erdboden oder dem Gebirge, der Wurzel ihres Seins, entrissen wurden. Eine schwere, leblose Barriere, die sich über das Land legt wie die eiserne Fessel um den Hals eines Sklaven... Lîf erinnert sich nur zu gut daran, wie es ist, eine Sklavin zu sein. Und ihre sanftmütige Stimmung weicht der Entschlossenheit.

Wälle und Mauern, Schwerter und Schilde: tote Dinge, Kriegsdinge! Geschaffen, nicht um Leben zu gebären oder Wunden zu heilen, sondern um zu töten, zu vernichten und Leid und Verwüstung zurückzulassen! Sie hebt den Blick zum Himmel, dann senkt sie ihn zu Boden und murmelt ein weiteres leises Gebet: "Große Mutter – ich, Deine Dienerin, schwöre, dass ich nicht ruhen werde, bis der Frieden über den Krieg triumphiert und die Wunden heilen können, die sie Dir und Deinen Kindern geschlagen haben..!" Mit einem tiefen Durchatmen drückt sie ihren schmerzenden Rücken durch, strafft sich im Sattel und richtet ihren Blick nach vorn, auf ihr nächstes Ziel.

Abdo al'Mbabi

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Der Weihort
« Antwort #2 am: 22.12.2016, 14:00:30 »
Missmutig sitzt Abdo auf seinem schwarzen Reittier und zieht sich die Kapuze seines Mantels wieder einmal etwas tiefer über die Stirn. Seit beinahe einem halben Jahr ist er nun schon in dieser fremden Welt, und noch immer hat er sich nicht an die Temperaturen gewöhnt. Er mustert nacheinander seine Gefährten, die mit der Kälte offenbar keine Probleme haben. 'Wie würden sie sich wohl in Ya'Kehet fühlen?'

Die Kälte ist jedoch nicht Ursache seines Verdrusses; dieser rührt vielmehr von seiner aktuellen Lage. Er sollte nicht hier sein und hinter irgendwelchen verschwundenen Karawanen herjagen, während seine Heimat in Trümmern liegt. Er sollte gegen die Shetani kämpfen, die die Leute hier Dämonen nennen, und Unterstützung und das Wissen um ihre Schwachstellen mit nach Hause bringen. Nicht dass er wüsste, wie er seine Heimat jemals wieder erreichen soll - nachdem er wochenlang schiffbrüchig im Meer trieb, bevor er an diesem Kontinent gelandet ist, von dem in Ya'Kehet niemand je gehört hatte, könnte sein Zuhause in jeder Himmelsrichtung liegen.
Bevor er sich um seine Rückkehr kümmern kann, muss er allerdings ein Mittel gegen die Shetani finden, und davon ist er immer noch genauso weit entfernt wie vor Wochen, wenn nicht sogar weiter. Sofort nachdem er die Erzählungen von den "Dämonen" gehört und erkannt hatte, dass es sich dabei um eben jene Shetani handeln muss, die Ya'Kehet zerstört hatten, machte er sich auf den Weg, um sich dem Kampf gegen diese Monster anzuschließen. Doch weit kam er nicht - nach einem Überfall und beinahe all seiner Habseligkeiten beraubt landete er schließlich in Kromkat, und niemand wollte einen wie ihn, der so anders aussieht, dorthin bringen, wo der Kampf gegen die Shetani tobt. Und selbst wenn er zu Fuß dort angelangt wäre, hätten sie ihn dort wohl kaum mit offenen Armen empfangen. 

Was blieb ihm also übrig, als das Angebot Fürst Ayrins anzunehmen? Wenn er eines gelernt hatte in den letzten Wochen, dann war es der Umstand, dass sein Aussehen ihm hier keine Türen öffnen würde. Und wenn nicht ein glücklicher Zufall dazu geführt hätte, dass er ausgerechnet den Dieb stellte, der einen Adligen bestohlen hatte, würde er wohl immer noch mittellos Richtung Westen wandern.

Um eine Möglichkeit zu finden, sein Ziel zu erreichen, soviel weiß Abdo nun, muss er sich zunächst beweisen. Und wenn das heißt, verschwundene Karawanen ausfindig zu machen, dann wird er all sein Können und Geschick dazu einsetzen. Wenn er diese Aufgabe bewältigte, würde Fürst Ayrin ihm sicherlich ein Empfehlungsschreiben für die Verteidiger gegen die Shetani mitgeben.
Die Aufgabe selbst scheint ihm einfach zu sein. All das Gefasel über politische Verstrickungen versteht der dunkelhäutige Mönch zwar nicht, aber er und seine Gefährten müssen das Schicksal zweier Karawanen und eines weiteren Mannes, der auf eine ebensolche Suche geschickt wurde, in Erfahrung bringen. Keine komplizierte Aufgabe, und die Gruppe scheint auf den ersten Blick auch dazu geeignet zu sein, es mit den vermuteten Räubern aufzunehmen.

Bis auf ihre Namen weiß Abdo jedoch noch fast nichts über seine Mitstreiter. Auch wenn diese ihn, wie er es inzwischen gewohnt ist, zunächst eher zurückhaltend behandeln und ihm verstohlene Blicke zuwerfen, so muss er sich selbst doch eingestehen, dass es vor allem er selbst ist, der die Abgeschiedenheit sucht und sich zurückzieht. Zu oft hat er aufgrund seiner Andersartigkeit Ablehnung erfahren, so dass er nun schon selbst jeden unnötigen Kontakt vermeidet. Doch es ist nicht so, als ob er es nicht verstünde - auch er fremdelt selbst nach mehreren Monaten noch mit diesen bleichhäutigen Leuten.
 
Als ihm dieser und andere Gedanken durch den Kopf schießen, geht plötzlich ein Ruck durch den Mönch. 'Was denke ich mir eigentlich dabei, hier verschämt am Rande zu sitzen und mich in Selbstmitleid zu suhlen?' Ihm wird klar, dass diese Mission nur erfolgreich sein kann, wenn sie alle zusammenarbeiten - und wie sollen die anderen ihn kennenlernen und akzeptieren, wenn er ihnen nicht einmal die Gelegenheit dazu gibt?
Abdo lenkt sein Pferd zu den am nächsten bei ihm reitenden Gefährten - der Frau mit dem Feuer im Haar und ihrem Mann - und spricht das erste Mal seit dem Beginn ihrer Reise mehr als einzelne Worte, wobei sein Suli zwar inzwischen fast fehlerfrei ist, aber dennoch eine für die anderen fremdartige Färbung hat, die keiner von ihnen zuordnen kann. 

"Seid gegrüßt, Freunde, und möge Aris seine Hände schützend über euch halten! Mein Name ist Abdo al'Mbabi, und mein Herz ist voller Stolz und Freude, mit euch in die Schlacht ziehen zu dürfen."
Seine Worte begleitend legt er die Handflächen flach vor sich zusammen zum traditionellen Gruß seiner Heimat, und blickt erwartungsvoll, wie sie ihn behandeln würden, in die Gesichter der beiden Einheimischen.
« Letzte Änderung: 22.12.2016, 14:02:01 von Abdo al'Mbabi »

Tristan

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Der Weihort
« Antwort #3 am: 22.12.2016, 14:51:08 »
"Dein komisches Gefühl—", hatte Sven Blutaxt ihn gefragt.

"Lîfs!" stellte Tristan klar.

"Also gut, Lîfs komisches Gefühl, das hat nicht zufällig etwas mit dem Ziel unserer Fahrt zu tun?" Deutlicher hatte der Drachenführer nicht werden müssen, Tristan verstand auch so, was der Mann ihm unterstellen wollte.

"Weil es ein Kloster ist, meinst du? Weil du glaubst, ich hätte ein Problem damit, Mönche des Einen Gottes niederzumähen?" Er lachte ungläubig. Dann suchte er nach den richtigen Worten. Normalerweise sprach er nicht darüber. Zu Lîf ja, einmal. Dann nie wieder. Vor den Kameraden: niemals. Der alte Ole trat heran, schien gespannt zu warten. Er war damals als einer der ersten in die Kapelle gestürmt, in der Tristan den Gott seiner Kindheit um ein gnädiges Ende bat. Ole war einer von fünfen, zwei davon längst tot, die ihn hatten singen hören an jenem Ort, der nur Stille erlaubte. "Sieben Jahre lang haben sie mir das Leben zur Hölle gemacht. Sollen sie doch brennen!" rief Tristan. Dann etwas versöhnlicher: "Aber die Novizen, wenn wir da einen retten könnten, so wie Ole und die anderen mich damals gerettet haben, dagegen hätte ich nichts. Für die meisten wird's zu spät sein, die meisten werden von den Lehren der Mönche schon ganz und gar vergiftet sein. Den schwachen Geist durchdringt diese Lehre nämlich leicht, heuchelt ihm vor, Balsam zu sein, stark zu machen, indem sie ihn von der Last befreit, eigene Entscheidungen treffen zu müssen. Das geht so lange, bis derjenige sich Freiheit nicht einmal mehr vorstellen kann, bis er sich völlig in seine Knechtschaft ergibt und sogar Gefallen daran findet. Aber lass mich versuchen, ob nicht einer wenigstens, oder zwei, zu retten sind."

Und falls Sven Blutaxt selbst nach dieser Rede noch Zweifel hegte, so wurden ihm diese in Sundheim ausgetrieben, denn Tristan stürmte ihm zur Seite voraus und Sven sah mindestens drei Mönche unter seinem Schwert fallen und auch beim Plündern und Feuer legen zeigte Tristan nicht das leiseste Zögern oder einen bislang verborgenen Rest an Pietät. Nur den Novizen gegenüber zeigte er Gnade. Sofern sie ihn ließen. Die älteren ließen ihn nicht. Zwei der jüngeren trug er eigenhändig aus dem brennenden Gotteshaus.

~~~

Tristans Tag begann hoffnungsfroh. Sein Weib war gut gelaunt, weil er sich heute Arbeit suchen wollte. Sie heilte ihm die gebrochenen Rippen, ohne ein weiteres Wort über den Vorfall des gestrigen Tages zu verlieren, und der Streit schien fast vergessen. Er selbst konnte sowieso nur daran denken, was sie ihm gestern erst verraten hatte: Vater! Er wurde Vater! Und Lîf lachte über sein Entzücken. Vielleicht sonnte sie sich auch ein wenig in seiner Aufmerksamkeit, obwohl es ihr daran normalerweise eigentlich nicht mangelte. Solange er bei ihr war und nicht auf Fahrt. Wie er ja wohl demnächst wieder sein würde, sollte Ayrin ihn tatsächlich anheuern. Ich werde um Vorschuss bitten müssen, damit mein Weib so lange in einer Herberge hier in Kromdag unterkommt.

Doch dann kam alles anders. Zunächst einmal wollte Lîf ihn zu Fürst Ayrin begleiten, um zu hören, was für ein Auftrag das denn sei. Darin sah Tristan noch keinen Schaden. Er war auch gar nicht der einzige, der eine Frau mitbrachte—dachte er zunächst, obwohl eine der beiden ihn gleich stutzig machte. Eine Elbin? Wie kommt eine Elbin nach Kromdag? Tristan hatte noch nie eine gesehen. Er wusste überhaupt nicht viel über Elben. Einige Lieder kannte er, Märchen, ein Epos. Und natürlich das, was die Mönche von Gotburg erzählten, welche die Elben gleich einmal zu Kreaturen des Bösen erklärten. Allein schon dass diese sich "das erste Volk Gajas" nannten galt als schlimmste Ketzerei. Der Feind meines Feindes... dachte Tristan daher, ganz allgemein, beim Anblick der Elbin. Von ihr begriff er als erstes, dass sie nicht als Begleiterin eines der anwesenden Männer hier war, sondern weil sie sich selbst für den Auftrag meldete.

Eine Frau auf Fahrt? dachte er spöttisch, noch gänzlich unbesorgt, dass es so weit kommen könnte. Ayrin würde ja wohl kaum eine Frau für diese Mission anheuern. Doch dann tat der Fürst genau das. Nun, vielleicht weiß er mehr über Elben als ich? Vielleicht ist es bei Elben so üblich? Dann aber schien es so, dass auch die zweite Frau, die Tristan als Begleiterin, vielleicht gar Beraterin des Fürsten eingeschätzt hatte, gekommen war, um sich anheuern zu lassen. Und als Tristan um seinen Anteil am Vorschuss bat, damit seine Frau hier in Kromdag bis zu seiner Rückkehr unterkäme—oder hätte Fürst Ayrin die Möglichkeit, sie derweil sicher unterzubringen?—da meldete sich Lîf mit einem ganz anderen Plan zu Wort, bei dem Tristan die Kinnlade herunterfiel.

"Aldrig! Du bliver her i sikkerhed, Lîf. Husk... du ved, hvad!"[1]

Wer den anschließenden hitzigen Streit zwischen den beiden gewann, ließ sich leicht daran erkennen, dass Fürst Ayrin sieben Pferde holen lassen musste, um seine Söldner loszuschicken. Und dieselbe Person, die den Streit gewann, saß auch wesentich besser zu Pferde. Zumindest zu Beginn.

~~~

Während des Rittes hat Tristan kaum Zeit, über seine Lage nachzudenken; es kostet seine ganze Konzentration, um sich auf diesem schaukelnden Etwas festzuhalten. Ein Drache schaukelt natürlich auch, aber wenn man Wind, Wellen und das Wetter kennt, und dazu die Eigenarten des jeweiligen Bootes, so gibt es da selten unerwartete Bewegungen. Ein Blick übers Wasser zeigt: dort vorn sind die Wellen höher, gleich fährt uns also eine Bö ins Segel! Und man ist vorbereitet. Beim Reiten aber nutzt es absolut nichts, die Landschaft vor sich im Auge zu behalten: das Mistvieh tut, was immer ihm gerade einfällt. Seine nächste Bewegung ist niemals vorhersehbar und dem Steuer gehorcht es nur widerwillig, wenn überhaupt. Umhergeworfen wie auf See nur im wildesten Sturm wird man in seinem Sattel! Immer wieder geht Tristans besorgter Blick zu seiner Frau. Das kann nicht gut für das Kind sein!

Und er hadert mit sich: Warum habe ich nicht doch versucht, mich beim Kirchenbau anheuern zu lassen! Dann hätte es mich halt meinen Stolz gekostet! Besser den als... als... Den Gedanken will er nicht zu Ende denken, lenkt sich schnell ab: Und ausgerechnet nach Ansdag sind wir unterwegs, dem unsäglichsten Pfaffendorf von allen! Eigentlich weiß er nicht wirklich was darüber. Die Mönche in Gotburg haben wohl davon erzählt, aber Tristan hat zu der Zeit besonders schlecht zugehört. Mehr, als Talahan erzählt hat—dass der Prophet dort geweiht wurde—weiß er auch nicht.[2] Vielleicht wurde der ganze Ort ja von einem anderen Insel-Clan niedergebrannt, dann müsste ich sagen: Bravo! Und nicht versuchen, sie zu enttarnen. Was tu ich hier bloß? Warum habe ich nicht darauf bestanden, dass wir bei meinen Fahrtenbrüdern und den anderen Überlebenden bleiben? Meinen Verstand muss ich verloren haben, als ich einwilligte, dass wir zwei allein losziehen!

Als Tristan bemerkt, dass seiner Frau die Reiterei doch schwerer fällt, als sie selbst erwartet hat—oder zugeben will!—steigt er wortlos von seinem Pferd und führt beide Tiere am Halfter. Ohne zu fragen, aber auch ohne Vorwurf. (Fast ist er ein wenig froh über diese Ausrede, nicht reiten zu müssen. Aber nur fast. Die Sorge um Lîf überschattet sein Gesicht und seine Gedanken.)

Während der einwöchigen Reise spricht Tristan überhaupt sehr wenig. Wenn, dann mit seiner Frau, mal hitzig, mal beschwörend, mal versucht er es wohl, soweit ein Außenstehender das beurteilen kann, mit zärtlichen Worten, aber immer halblaut und in seiner komischen Sprache, die nur aus Vokalen und kehligen Presslauten zu bestehen schien, bei welch letzteren man sich fragen muss, warum er nicht längst zu heiser ist, um überhaupt noch krächzen zu können.

Eines aber stellt er gleich zu Beginn der Reise klar und jedes Mal von neuem, sollte einer der männlichen Mitstreiter sich seiner Frau allzu nah nähern, und dazu muss Tristan nicht einmal den Mund aufmachen. Er stellt sich nur neben sie, manchmal auch halb vor sie, eine Hand am Knauf seines Sax'[3], die andere in die Hüfte gestemmt. Sein finster entschlossener Blick erledigt den Rest: Finger weg von meinem Weib![4]

Der Mut der jungen Frau—gerade mal halb so alt wie ihr Mann wirkt sie—muss wohl bewundert werden. Wie furchtlos sie sich ihm Abend für Abend entgegenstellt und Streit mit ihm sucht. Umgänglichere Männer als der ihre hätten wohl längst zugeschlagen. Vielleicht verlässt sie sich auch ganz auf ihren Zustand? Dass ein Mann seine Frau niemals schlagen wird, solange sie sein Kind unter dem Herzen trägt?

Und so begegnet Tristan auch am siebten Tag dem dunkelhäutigen Mann, der sich als Abdo al'Mbabi vorstellt, mit gewohnt abwehrender Haltung. Als Tristan hat er sich schon in Anwesenheit des Fürsten vorgestellt—dessen Frage nach seinem Clan hatte Tristan mit 'Hjallason' beantwortet—genau wie Abdos Name ihm bereits bekannt ist. Deshalb versteht er nicht so recht, was dieser mit einer erneuten Vorstellung bezweckt. Machte er einen Scherz? Mit einer Schwangeren will er "in die Schlacht" ziehen? Auch dass der Mann sie als "Freunde" bezeichnet, wenn man sich noch gar nicht kennt, kommt Tristan herablassend vor. Andererseits spricht der Mann mit starkem Akzent und sein Aussehen lässt ebenfalls darauf schließen, dass er wohl von sehr weit weg kommt. Vielleicht sollte man erst einmal Sprachschwierigkeiten und eine Unkenntnis der hiesigen Sitten annehmen, bevor man Streit mit ihm sucht. Von Streit hat Tristan nämlich erst einmal genug nach der letzten Woche.

"Wer ist Aris?" Auch er spricht mit einem leichten Akzent. Eigentlich ist es nur die Satzmelodie, die Betonung einzelner Worte, der ein oder andere Laut, der ihm zu tief in der Kehle zu stecken scheint. Das 's' gerät ihm auch ein wenig zu scharf. Zusammen könnte dies daran zweifeln lassen, dass er Suli als Muttersprache gelernt hat. "Wieso sollte dieser Aris seine Hände schützend über uns halten wollen? Wir kennen ihn doch gar nicht. Und woher täte er die Macht dazu nehmen?"
 1. Värangsk: "Niemals! Du bleibst hier in Sicherheit, Lîf. Denk an... du weißt schon an was!"
@ alle: Leute mit Suli als Muttersprache dürften bis zu 40% verstehen, wenn jemand Värangsk spricht.
 2. knowledge (religion) = 9
 3. das auf den Rûngard-Inseln übliche Gürtelmesser eines freien Mannes—in Kurzschwert-Länge
 4. Intimidate = 17
« Letzte Änderung: 02.09.2019, 20:45:59 von Tristan »

Lîf

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Der Weihort
« Antwort #4 am: 23.12.2016, 13:32:13 »
Überrascht schaut Lîf dem seltsamen dunkelhäutigen Mann entgegen, der sich Tristan und ihr so unverhofft zuwendet. Sie hört schweigend seiner Einleitung zu, die in dem fremden Akzent und wohl auch fremden Begriffen von Höflichkeit und Etikette folgend für die junge Frau recht eigenartig anmutet. Sie lässt sich jedoch von ihrer Unsicherheit nichts anmerken. Vielmehr legt sie wieder eine Hand fest auf den Sattelknauf, um sicher zu sitzen, und legt die andere beruhigend auf die Schulter ihres Mannes, dessen abwehrende Reaktion sie gar nicht erfühlen müsste – sie ist schon allein am Heben seiner Schultern und dem leichten Einstemmen der Beine, der ganzen gestrafften Körperhaltung, zu sehen, selbst von hinten. "Bevare roen, mand[1]" ermahnt sie ihn leise und fügt dann auf Suli hinzu: "Er wird sich kaum vor aller Augen auf dein armes Weib stürzen oder dich herausfordern, um mich zu rauben, meinst du nicht auch..?" Dabei funkeln in ihren Augen, die sie kurz auf den Fremden richtet, sowohl eine leise Freundlichkeit als auch verhaltener Spott.

Denn sie kennt sie alle miteinander, diese Mannsleute..! Ewig müssen sie in kleinen oder auch großen Gesten ihre Kraft und ihren Mut zur Schau stellen, stellen sich ihnen in Gegenwart von Weibern die Kämme auf wie kampflustigen Hähnen, gelüstet es sie danach, ihre Kräfte miteinander zu messen... Und es schmeichelt ihr zwar einerseits, wie sich Tristan sofort schützend vor sie stellt, doch andererseits fühlt sie sich auch von ihm bevormundet wie ein kleines Kind, wenn er sie von jeder noch so kleinen Gefahr abzuschirmen sucht. Das versetzt ihrem Stolz jedes Mal wieder einen Stich, und ihr angekratztes Selbstbewusstsein verschafft sich über ihre spitze Zunge ein Ventil. Daher gleitet ihr Blick auch von ihrem Gemahl sofort wieder zurück zu dem Dunkelhäutigen, dessen Grußgeste sie mit einem neugierigen Blick wahrnimmt und mit einem Neigen ihres Kopfes erwidert.

"Ist das dein Gott, dieser Aris?" fragt sie ihn freundlicher, als man es angesichts ihrer kühlen Haltung bis eben noch erwartet hätte. Dabei huschen ihre Augen ganz kurz zu Tristan, um zu erkennen, ob sie ihn mit ihrer Reaktion erfolgreich necken und ärgern konnte. Nur um ihm zu zeigen, dass sie sein Weib sein mag, aber dennoch ihren eigenen Willen hat! Schnippisch wirft sie ihren Kopf zurück, dass die rotgolden in der Sonne schimmernde Haarpracht durcheinander wirbelt. "Unsere Namen wirst du wohl schon gehört haben: Das ist Tristan, und ich bin sein Weib. Mich nennt man Lîf" fügt sie gleich noch hinzu, um ihre Selbständigkeit zu unterstreichen und dem Fremden entgegenzukommen. Womöglich gilt es ja in seiner Heimat als höflich, sich wiederholt vorzustellen? Über Lîfs Lippen kommen die Worte flüssig und geübt, ihr hört man an, dass Suli ihre Muttersprache ist.
 1. Bleibe ruhig, Mann

Hjálmarr

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Der Weihort
« Antwort #5 am: 23.12.2016, 14:00:30 »
"Langsam Junge, hab mehr Geduld." Hjalmarr hatte voller Tatendrang zu stark an dem verzurrten Seil gezogen, welches um die Aufhängung des neuen Mühlensteins gewickelt war. Behutsam griff sein Vater um ihn, sicherte seinen Griff und half ihm den richtigen Zug zu finden. Nach und nach zogen sie das Gewicht gemeinsam empor.

Der Mann lächelte. Nur eine Erinnerung an längst vergangene Tage. Aber eine Gute. Hjalmarr saß entspannt, die Beine angewinkelt, auf einem dünnen Laken einer hölzernen Pritsche, Rücken und Kopf gegen die unebene Steinwand gelehnt. Er hatte seinen Gedanken freien Lauf gelassen. Verpassen würde er ohnehin nichts. Unterdrücktes Schluchzen, plötzliches Gekreische und ein verrücktes Lachen hallte in unregelmäßigen Abständen durch die Stille und erinnerte ihn daran, nicht alleine zu sein. Sein Blick fiel auf die eisernen Stäbe unweit zu seiner Linken. Ein gut gerüsteter Mann – die Hand am Schwertknauf – ging mit gemächlichem Schritt an seiner Zelle vorbei. Hjalmarr nickte grüßend, doch bekam er nur einen finsteren Blick zurück und musste unweigerlich lächeln. Diese Reaktion kannte er, immerhin zog sein Äußeres doch etwas Aufmerksamkeit auf sich, hatte man ihm vor einigen Jahren in den Gassen dieser Stadt die linke Backe bis zum Ohr aufgeschlitzt. Die Wunde verheilte nur sehr langsam und schmerzte seither, entzündete sie sich doch des Öfteren. Zusammen mit der riesigen Wunde verpasste man ihm seitdem den Spitznamen "Der ewig Lachende".

Es könnte schlimmer sein. Hjalmarr hatte schon viele Zellen von innen gesehen, doch das Gefängnis von Kromdag befand sich in einem außerordentlich guten Zustand und war zudem sauber und warm. Vermutlich war es deshalb so gut besucht. Wie dem auch sei, früher oder später würde er auch aus diesem Kerker einen Weg heraus finden. So wie immer. Gerade hatte er sich entschlossen etwas Schlaf nachzuholen, da drangen gedämpfte Worte an sein Ohr, die seine Aufmerksamkeit erregten. Er blinzelte. Lord Ayrin und Raubzug waren dann doch genug, um aufzustehen und näher an die Stäbe seiner Zelle zu schleichen, in der Hoffnung das Gespräch etwas besser zu verstehen. Zwei der Insassen in den gegenüber liegenden Zellen neben ihm schienen sich zu kennen. Hjalmarr presste sich an die Wand und lauschte. Unter vorgehaltener Hand flüsterten sie aufgeregt und schon nach kurzer Zeit musste der junge Mann unweigerlich grinsen. Gelassen setzte er sich aufrecht zurück auf das Zellenbett.

Als die nächste Wache auf ihrem Rundgang an seiner Zelle vorbeikam, stand er auf, trat etwas näher an die Gitterstäbe und rief der Wache, so höflich er konnte, nach. "Hey du, sag deinem Lord ich habe wichtige Informationen für ihn. Wenn er nicht begierig danach ist, seinen Wohlstand aufzugeben, sollte er mich anhören. Und zwar noch vor dem nächsten Mond, sonst wird es zu spät sein!" Verschlagen blinzelt er zur Seite und erkennt den düsteren und panischen Blick des Insassen schräg gegenüber. Unheimlich spreizte sich seine Backe, als er ihm überlegen zu grinste, während die Wache innehielt. Solange würde es wohl doch nicht dauern, bis er wieder die frische Stadtluft riechen würde.

~~~

Es war nicht ganz, was er sich erhofft hatte, aber immerhin war er aus der Zelle raus. Hjalmarr rieb sich die Handgelenke, als ihm die Ketten abgenommen wurden. Harsch drückte einer der Wachhabenden ihm eine abgenutzte Rüstung mit eisernen Beschlägen in die Hand. Ein paar alte Leinenkleider lagen bereit und eine Schüssel mit Wasser stand neben einem Krug und einer Schale mit Seife auf einem hölzernen Tisch in einem kleinen Quartier, welches offenbar lange nicht benutzt wurde.

Einige Minuten vorher hatte man ihn aus der Zelle geführt und ein Treffen mit Lord Ayrin bekanntgegeben, der seiner Warnung vor ein paar Tagen erst keinen Glauben schenken wollte, doch nun scheinbar Opfer dieses Raubzugs wurde. Scheinbar konnte der Dieb jedoch gefasst werden. Nun würde er ihm aus purer Großzügigkeit die Freiheit schenken, doch mit einer kleinen Bedingung, die er bald erfahren sollte.

"Wasch dich, bevor du Lord Ayrin gegenüber trittst. Und zieh dir die frischen Kleider an. Lord Ayrin wird nicht nur dich empfangen." Mürrisch stellte Hjalmarr die Rüstung beiseite. Was sollte das bedeuten, er würde ihn nicht alleine empfangen. Dann blickte er abwartend zu der Wache, die sich an der Tür postierte und ihn misstrauisch anstarrte. So wie es aussah, würde sie sich nicht vom Fleck bewegen. Die Augen rollend drehte der Mann sich um und zog sich die dreckige Sträflingskleidung über den Kopf.

~~~

In der Nacht vor ihrer Abreise hat es geregnet und die Luft ist diesig. Hjalmarr zieht den alten Mantel, den er vor wenigen Stunden nach seiner Freilassung erhalten hat, tief ins Gesicht. Den ganzen Vormittag ist er in Gedanken versunken, bevor er seine Mitstreiter mustert. Vor ihm reitet eine Elbin, ein Südländer mit seltsamem Namen, eine junge Frau und hinter ihm ein junges Paar. Nachdem nun der Mann beschlossen hat die Zügel seiner Frau mit zu führen, die es offensichtlich nicht gewohnt war, solange auf dem Rücken eines Pferdes zu sitzen, kommen sie noch langsamer voran. Hjalmarr mustert beide über die Schulter hinweg aus dem Augenwinkel. Er wirkt mehr wie ein Seefahrer, als ein Reiter. Seine Züge und Handgriffe verraten ihn. Auch sie ist nicht aus dieser Gegend. Ihr temperamentvolles Auftreten gleicht dem der Frauen aus Lesdag, doch der Akzent ist ein Anderer. Sein Blick verfolgt ihre Hand und eine Schwere umfängt ihn, als sie sie gedankenverloren auf ihrem Bauch verweilen lässt. Eine Schwere, die er nur schwach unterdrücken kann. Eine Erinnerung spielt sich vor seinen Augen ab, die seine Kehle zuschnürt, doch er muss unweigerlich einen Moment lächeln. Als der Südländer zu ihnen spricht, wendet Hjalmarr sich wieder von Beiden ab, immerhin hat ihr Gemahl Tristan ein offenbar schwaches Nervenkostüm und er möchte vermeiden, einem werdenden Vater einen Pfeil zwischen die Augen jagen zu müssen. Dennoch, seine Frau sieht unwohl drein und letztendlich siegt seine Sorge über ihr Befinden, oder eher um das des Ungeborenen, obgleich eine solche Reise für einen Schwangere sowieso hirnrissig erscheint.

Hjalmarr stemmt sich etwas in die Steigbügel, zieht das Sattelfutter unter dem Leder hervor und beugt sich nach hinten. "He da, Tristan war euer Name, richtig?" Dann wirft er ihm das gefaltete Fellpolster zu "Legt das unter den Sattel eures Weibes. Das Polster sollte dick genug für einen angenehmeren Ritt sein." Ohne auf eine Antwort zu warten, dreht er sich wieder um und fügt an Lîf gewandt hinzu. "Und ihr solltet versuchen euren Rücken gerader zu halten, dann ist es weniger anstrengend."

~~~

Hjalmarr ist müde und das stetige Schaukeln des Pferdes verbessert seine Situation nicht gerade. Er hält die Zügel locker und gähnt herzhaft. In den letzten Stunden hat er jegliches Wort mit seinen Mitreisenden, die ihm von Lord Ayrin zur Seite gestellt worden sind, um seine Schuld für die Freilassung aus den Kerkern Kromdags zu begleichen, vermieden. Nun, nicht ihm direkt, sondern diesem stumpfen Bullen namens Tallahan. Zu ihm hält er den größten Abstand und führt sein Pferd auf dem vorletzten Platz der kleinen Gruppe. Das Symbol auf der Stirn des Paladins gefällt ihm nicht, und ohne es offen zu zugeben, zollt er ihm unterbewusst den meisten Respekt, was er selbst nicht so ganz nachvollziehen kann. Er kennt die Einstellungen der Gefolgsleute des neuen einen Gottes und möchte tunlichst vermeiden ihm in die Quere zu kommen.
« Letzte Änderung: 27.12.2016, 22:03:01 von Hjálmarr »

Aeryn

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Der Weihort
« Antwort #6 am: 23.12.2016, 16:38:56 »
Über einen Mond ist es her, seit Aeryn aufgebrochen war. Ihr Weg hatte sie von ihrer Heimat in Linsberg zunächst zum Fenden geführt. Diesem war sie dann einige Tage nach Süden gefolgt, bis sie zu einer Furt kam, wo eine Überquerung des Flusses möglich war. Natürlich wurde diese bewacht, schließlich befindet sich Fersland mit dem Herrscherclan und seinen Getreuen im Krieg. Jedenfalls waren das die Nachrichten, die den Elben zugetragen wurden, von befreundeten Dorfbewohnern und Waldmännern, die seit Jahrzehnten mit ihnen Tauschhandel trieben. Da sie kein Interesse daran hatte, sich vor den Soldaten zu erklären, wartete Aeryn die Nacht ab und nutzte ihre gute Sicht und ihre Geschicklichkeit, um sich an den Wachtposten vorbeizuschleichen. Am nächsten Morgen war sie bereits weit entfernt. In Fersland selbst sind Elben eher selten, da sie die großen Wälder als ihre Heimat bevorzugen, die es dort nicht gibt.

Auf ihrer Reise kam Aeryn an zahlreichen Dörfern, mal kleiner, mal größer vorbei. Gelegentlich ging sie sogar auf die Dorfbewohner zu, vorsichtig und behutsam, in der Hoffnung, sie würden ihr gegenüber nicht feindselig reagieren. Manche erinnerten sich an das Bündnis der Elben und Menschen und sahen sie immer noch als Freunde an, während andere ihnen Feigheit oder Schlimmeres vorwarfen. Oftmals hatte sie Glück, wenn auch nicht immer. Von den offeneren Menschen erfuhr sie ein wenig mehr über den Bürgerkrieg und dass sie sich am besten nach Kromdag begeben solle, wenn sie ihre Hilfe anzubieten gedenkt. Sie bekam auch Beschreibungen mit auf den Weg, wie sie am besten nach Kromdag gelangen würde.

Der Weg war lang und die junge Waldläuferin ging nicht auf der direkten Route, insbesondere weil sie größere Ansammlungen von Soldaten meiden wollte. Sie zog sich oft in kleinere Wälder zurück oder nahm Umwege in Kauf, um nicht entdeckt zu werden. Nach einigen Wochen erreichte sie schließlich ihr Ziel: Kromdag.

Natürlich wurde sie direkt am Tor aufgehalten, Elben sind schließlich keine besonders häufigen Gäste, doch der Wachhauptmann wusste von Lord Ayrins Gesuch und nachdem Aeryn sich erklärt hatte, ließ er sie zu ihm führen. Sie musste einige Zeit warten, ehe sie schließlich dem Lord gegenübertreten durfte, zusammen mit einem ziemlich bunten Haufen von Menschen, die aus ähnlichen Gründen dort waren.

Aeryn lauschte den Worten des Lords und erkannte hier eine Gelegenheit, ihre Hilfsbereitschaft den Menschen gegenüber zu beweisen. Ein erster Schritt auf einem langen Weg, an dessen Ende vielleicht Vertrauen, vielleicht sogar Freiheit lagen. Daher stimmte sie zu, die Aufgabe zu übernehmen, auch wenn der Lord dies wohl ohnehin als gegeben ansah.

Seit einer Woche reisen sie nun zusammen. Es ist angenehm, in einer Gruppe unterwegs zu sein, auch wenn ihre Reisegefährten keine Elben sind. Mehr Augen, die nach Gefahren Ausschau halten, und da sie in einer offiziellen Sache unterwegs waren, würden auch die Soldaten ihnen keine Probleme bereiten.

Die Elbin hatte sich als Aeryn vorgestellt und als Waldläuferin und Bogenschützin. Ansonsten hat sie nicht viel gesprochen, aber wenn sie etwas gesagt hat, dann in nahezu perfektem Suli. Sie ist klein und insgesamt eher zierlich, auch wenn sie scheinbar keine Mühe damit hat, ihre Rüstung und ihre verschiedenen Waffen neben ihrer übrigen Ausrüstung zu tragen. Die Geschmeidigkeit und Anmut, mit der sie jede ihrer Bewegungen ausführt, sucht ihresgleichen. Sie wirkt zurückhaltend, was aber wenig verwundert, da sie sich hier doch in gänzlich fremden Gefilden herumtreibt. Ihre Augen sind stets aufmerksam und beobachten nicht nur die Umgebung, sondern auch ihre Begleiter genau. Wenn ihnen die Sonne einmal grell entgegenschien und die meisten schützend ihre Hand vor die Augen halten mussten, oder die Kapuze tiefer ins Gesicht ziehen, merkte man, dass sie das grelle Licht überhaupt nicht zu stören scheint. Manchmal, meist wenn sie das Nachtlager aufgeschlagen hatten, fand sie etwas, vielleicht ein verwelktes Blatt, welches sie für längere Zeit betrachtete. Ihre Geduld in diesen Dingen scheint schier unendlich zu sein.

Während der Reise hat sie oft Nahrung und Wasser gesucht, um ihre Rationen nicht unnötig zu erschöpfen. Sie hat ihre Funde am Lager immer bereitwillig geteilt und für sich nur genug zurückbehalten, um ihren eigenen Hunger zu stillen.

Tristan

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Der Weihort
« Antwort #7 am: 23.12.2016, 18:31:55 »
Den älteren, siech wirkenden Mann hat Tristan von Anfang an im Auge behalten. So einen Kerl mit auf Fahrt zu nehmen wäre daheim niemandem eingefallen. Tristan beginnt, an Lord Ayrins Verstand zu zweifeln—oder seinen Absichten. Wenn schon die Hälfte ihres seltsamen Trupps Frauen sind, hätte man dann nicht wenigstens auf der anderen Seite gesunde Männer schicken sollen? Schön, halbwegs drahtig und wendig scheint der Kerl ja zu sein, aber mit einem Bein im Grab zu stehen. Irgendeine Seuche schleppt dieser Hjálmarr mit sich rum, die seinen Körper fast so aussehen lässt, als sei er schon drei Tage tot.

Und was tut der Kerl? Tritt gleich am ersten Abend an Lîf heran, hält ihr irgendein schmuddeliges Fell hin. Und das nicht etwa unwissend—das könnte Tristan ihm verzeihen—sondern obwohl er Lîfs Zustand erraten hat. Das zumindest schließt Tristan allein schon aus der Geste, weniger aus den Worten.

"Bleib meiner Frau mit deiner Seuche fern!" zischt er Hjálmarr an, während er Lîf hinter sich zieht. "Und behalt dein Fell für dich."

Am nächsten Morgen aber legt er die eigene Felldecke über Lîfs Sattel und hebt sie hinauf. Zu seiner Überraschung lässt sie dies ohne Widerrede oder spöttischen Seitenblick geschehen. Tatsächlich meint er, dass sie ihre Hand etwas länger als nötig auf seiner Schulter liegen lässt, in einer zärtlichen Geste.

~~~

Seit einer Woche versteht Tristan seine Frau nicht mehr. Egal was er sagt oder tut, sie fährt die Krallen aus und faucht ihn an. So ist Lîf noch nie mit ihm umgesprungen. Nicht einmal in den Arm nehmen lässt sie sich und auch vor seinen Liebkosungen weicht sie zurück. Was macht er nur falsch?

Vielleicht gar nichts. Vielleicht ist sie nur deshalb so ungehalten, weil wir in die falsche Richtung reisen. Weil wir nicht längst bei ihrer Familie angekommen sind.

Doch kaum ist er zu diesem Schluss gelangt, treibt sie neue Spitzen in sein Fleisch—wie einen dummen Jungen ermahnt sie ihn vor allen Leuten, wechselt absichtlich in die Sprache des Festlandes, damit es auch ja alle verstehen!—und gibt ihm dabei zum ersten Mal, absichtlich oder unabsichtlich, einen Hinweis für ihren Ärger.

"Er det årsagen?" fragt er. "Fordi du tror, jeg lader dig ned? Fordi jeg var ikke der, da ... Fordi jeg har gjort mere af det, hvad ville synes min ride brødre om mig, i stedet for hvad du sagde?"[1]

Oder will sie mir damit sagen, ich solle nicht von mir auf andere schließen? Bloß weil ich sie auf den ersten Blick besitzen wollte und zu diesem Zweck geraubt habe, würde das nicht jedem Mann gleich einfallen? Würde es überhaupt nur einem Seeräuber wie mir einfallen? Aber was trägt sie mir das noch immer nach! Die Alternative wäre für sie doch genauso unerträglich gewesen wie für mich.

Eine seiner Vermutungen allerdings sieht er durch ihre Worte bestätigt: Sie muss mich für einen rechten Nichtsnutz halten. Kein Haus und Hof, kein Hab und Gut, auch keinen Pfennig Geld, kein rechtes Handwerk außer Plündern, und Essen gäbe es auch keines an unserem Feuer, wenn unsere elbische Weggefährtin nicht so selbstlos mit uns teilen würde.

Dafür erntet Aeryn übrigens stets seinen Dank, mal in knappen Worten, mal nur ein Nicken, und auch der dazu gesenkte Blick verrät, dass hier jemand seinen ganzen Stolz hinunterschlucken muss, damit seine Frau etwas anständiges zu essen hat.
 1. Värangsk: "Ist es deshalb? – Weil du denkst, ich habe dich im Stich gelassen? Weil ich nicht da war, als... Weil ich mir mehr daraus gemacht habe, was meine Fahrtenbrüder von mir denken könnten, statt darum, was du sagtest?"
« Letzte Änderung: 12.01.2017, 08:18:02 von Tristan »

Abdo al'Mbabi

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Der Weihort
« Antwort #8 am: 23.12.2016, 22:28:42 »
Abdo merkt schnell, dass er offenbar in ein Wespennest gestochen hat. Er vermutet zwar, dass das Aufbrausen von Tristan mehr mit irgendwelchen Eheproblemen als mit ihm zu tun hat, aber dass sich durch seine wenigen Worte direkt ein Streit zwischen den beiden entwickelt, ist ihm dann doch etwas peinlich, und man sieht ihm seine Unsicherheit deutlich an, wenn auch niemand der anderen dank seiner Hautfarbe dass Blut erkennen kann, das ihm in den Kopf schießt. Einmal mehr ist Abdo froh, dass das Gelübde seines Ordens ihm die Heirat verbietet.

Immerhin ist Lif freundlich zu ihm, und er nickt ihr dankbar zu.
“In der Tat, Aris ist der Eine, der Schöpfer, und ich entschuldige mich, wenn meine Worte euch Unbehagen bereitet haben. Ich bin nicht sicher, ob seine Macht ausreicht, um euch hier zu beschützen, aber ich wollte euch damit nicht beleidigen.
Es scheint so, als sollten wir die nächsten Tage gemeinsam verbringen, und ich dachte, es wäre gut, wenn wir uns etwas aneinander gewöhnen. Ich habe den Fehler meines Handelns erkannt, dass ich für mich selbst geblieben bin, doch vielleicht ist es noch nicht zu spät, dies zu ändern.“


Als sich kurz danach auch der grimmig aussehende andere Bärtige einschaltet, nutzt Abdo die Gelegenheit, einerseits auch ihn anzusprechen, zum anderen dieser Fehde zwischen Gatten und Gattin zu entrinnen.
“Auch Ihr mögt gesegnet sein! Ich hoffe auf ein erfolgreiches Abenteuer. Wollt ihr mir erzählen, welcher Umstand euch in diese Gruppe geführt hat?“
« Letzte Änderung: 25.12.2016, 11:11:49 von Khenubaal »

Lîf

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Der Weihort
« Antwort #9 am: 24.12.2016, 12:30:49 »
Die Geste Hjálmarrs hat Lîf nicht beantworten können, denn ehe sie sich versah, hatte sich bereits Tristan nach vorn geschoben und ihr das Wort abgeschnitten. Halb gerührt von seiner Fürsorglichkeit, halb aber auch erzürnt darüber, wie er über ihren Kopf hinweg entschieden hatte, war ihr wenig anderes übrig geblieben, als vorerst zu der Angelegenheit zu schweigen. Nachdem ihr Gemahl die Schwangere jedoch am nächsten Tag selbst in ähnlicher Weise versorgt und auf ihr Pferd gehoben hatte, war ihr Blick mehrfach zu dem wahrlich nicht sehr schönen Mann geglitten, um den seinen zu suchen. Da Tristan ihr Pferd am Zügel führte, war es ihr nicht möglich, es zu dem Fremden zu lenken, der ja schließlich Mitgefühl und Verständnis für ihre Lage gezeigt hatte– wenn auch in einer etwas holprigen Weise.

Dennoch hat sie es sich, allen wütenden oder warnenden Blicken ihres Mannes zum Trotz, nicht nehmen lassen, Hjálmarr freundlich zuzunicken, als er ihr einmal näher kam, und ihm im Vorbeireiten gesagt: "Deine Verletzung dort sieht böse aus, Fremder... Wenn sie dir Ungemach bereiten sollte: Ich bin ein Kräuterweib und verstehe mich auf das Versorgen entzündeter Wunden. Auch kenne ich Kräuter, die den Schmerz lindern." Womit in den Augen der Bauerntochter genug des Dankes zum Ausdruck gekommen war. Sie ist keine Freundin langer, gedrechselter Dankesreden. Lieber hilft sie tatkräftig, wo ihre Fähigkeiten gebraucht werden sollten.

---

Trotzig presst Lîf die Lippen zusammen und hebt das Kinn, als Tristan sie – wiederum die anderen ausschließend – anspricht. "Jeg er din kone, ikke din ejendom![1]" zischt sie dann zurück. Obwohl, oder gerade weil ihr klar ist, dass beides für die Männer gleich gilt, unter denen er so lange gelebt hat. "Den store moder beskytte mig, uden dig bevormundest mig. Jeg er ikke en lille pige mere![2]" Sie schaut ihn mit flammend roten Wangen und blitzenden Augen an. Dann keucht sie leise, presst sich eine Hand auf den Bauch und schließt für einen Moment die Augen. Erst nach ein paar tiefen Atemzügen scheint es dem Rotschopf wieder besser zu gehen.

Auch sie ist sich natürlich bewusst, dass ihre Worte nicht vollkommen der Wahrheit entsprechen. Ohne Tristans Schutz würde es sehr schwer für sie werden, noch schwerer als ohnehin schon. Und sie hat sehr wohl bemerkt, welche Mühe es ihm bereitet, seine Scham zu überwinden und die Gaben Aeryns anzunehmen. Was bleibt ihnen schon anderes übrig, hier, auf dem Land, wo er wenig Erfahrung hat, und mit Lîfs Schwangerschaft, die sie zunehmend unbeweglicher macht? Sie ist auf seine Hilfe angewiesen wie er auf die anderer, und beide müssen sie ihren Stolz überwinden. Dennoch ist gerade in ihr wieder der Zorn darüber aufgeflammt, womöglich nicht als eigenständige Person behandelt zu werden. Und ihre Wut, so schnell sie verrauchen kann, ist etwas, das die junge Frau manchmal selbst erschreckt in seiner Heftigkeit.

All diese Gedanken schießen ihr durch den Kopf, bevor sie sich dem Dunkelhäutigen wieder zuwendet und ihm erwidert: "Du brauchst dich nicht zu entschuldigen... wir sind nicht beleidigt. Mein Mann macht sich nur Sorgen um mich, das ist alles." Womit sie dem eigenartigen Fremden einerseits die Bereitschaft zu einem freundlichen Miteinander signalisieren möchte, denn schließlich müssen sie wohl noch eine ganze Weile miteinander auskommen, und sich andererseits in einer vielleicht etwas kindlichen Weise an der Erkenntnis erfreut, dass sie mit ihren Worten ganz unbewusst den Spieß herumgedreht und für Tristan mitgesprochen hat, ohne ihn zuvor zu fragen. Das bereitet ihr in diesem Moment eine diebische Freude, und ihre Augen funkeln herausfordernd, als sie zu ihrem Gemahl blickt.
 1. Ich bin dein Weib, nicht dein Eigentum!
 2. Die Große Mutter beschützt mich, auch ohne dass du mich bevormundest. Ich bin kein kleines Mädchen mehr!

Khenubaal

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Der Weihort
« Antwort #10 am: 25.12.2016, 12:11:12 »
Talahan reitet schweigend an der Spitze des kleinen Zugs, den Blick auf den Weg vor sich gerichtet - wie immer. Seit dem Aufbruch aus Kromdag hat der Paladin nur gesprochen, wenn es darum ging, seine Reisegefährten anzuleiten: Tempoveränderungen, Lager aufschlagen, Lager abbrechen, Einteilung der Nachtwachen, nützliche Hinweise für bevorstehende Reiseabschnitte - stets sachlich, stets sinnvoll, und die Entscheidungen mit Rücksicht auf Lifs Schwangerschaft und die Schwierigkeiten von Abdo, Tristan und Freydis; so viele Worte wie nötig, so wenig, wie möglich. 

Der Mann hat sicher bereits mehr als vierzig Sommer erlebt. Silberne Strähnen ziehen sich funkelnd durch den kurzen Vollbart, verblassen an den Schläfen zu grauen Linien und spränkeln das mit einem Lederband zum Zopf zusammengebundene Haupthaar. Nur die buschigen Augenbrauen sind immer noch vom kraftvollen Schwarz, bekränzen grüne, wache Augen und eine Hakennase. Die Haut ist wettergegerbt und ledrig, mit Furchen und Schrammen. Eine Narbe zieht eine Schneise durch den Bartwuchs auf der rechten Wange und einen rötlichen Strich über die Nase.

Über den Lederwams liegt ein altgedientes Kettenhemd. Kein Schaben, kein Klirren - nicht verwunderlich, nachdem man am Lagerfeuer des dritten Tages gesehen hat, mit welcher Sorgfalt der Mann die Ketten reinigt und ölt. Die Paladine der Behadrim sind bekannt dafür, ihr Kriegswerkzeug perfekt in Schuss zu halten. Es ist fast wie ein Gebet für sie, sagt man, denn es sind nicht nur Waffen, sondern die Werkzeuge, mit der sie Urian selbst bekämpfen. In gewisser Weise also heilig. Nur dass dieser Paladin in all der Zeit seit dem Aufbruch aus Kromdag nicht beim Gebet gesehen wurde.

Stählerne Schulterplatten, ein ebensolcher Halsschutz und Waffenrock ergänzen den Schutz. Der stahlbeschlagene Rundschild mit dem gebrochenen Reifkreuz der Behadrim ist auf seinen Rücken geschnallt. Ein mächtiger Bihänder, sowie mehrere Dolche und ein kürzeres Schwert baumeln am Sattel des stämmigen Hengstes, neben den beiden Reisetaschen, Kochwerkzeug und dem zusammengerollten Nachtlager.

Das Tempo ist nun behäbiger, da Tristan abgestiegen ist und die beiden Pferde am Zaumzeug führt, und so sind Abdos Worte über Aris, den Einen Gott von Ya'Kehet auch vorne zu vernehmen. Freydis und Aeryn, die hinter dem Paladin reiten, sehen, wie er den Kopf senkt und diesen leicht schüttelt. "Selbst am anderen Ende der Welt ist man vor euch also nicht sicher...", murmelt er.

Dann dreht sich Talahan im Sattel um und spricht Abdo an: "Wenn du nun mehr erzählen willst, Südmann, dann darf ich vielleicht auch etwas fragen? Dieser Gott, von dem du sprichst - wer brachte ihn in eure Lande? Waren es auch die Behadrim? Und was sagt er euch über die Dämonen? Gibt es bei euch solche Kreaturen überhaupt, oder hat euch das Schicksal verschont?"

Abdo ist überrascht durch die plötzliche Ansprache. Aber vielleicht ist es ja auch zum Besten so. Besser spät, als nie.

Abdo al'Mbabi

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Der Weihort
« Antwort #11 am: 25.12.2016, 13:07:40 »
Wie in Abdos Heimat scheint auch hier zu gelten, dass die Frauen besonnener und klüger handeln als die Männer; zumindest nimmt sich der Mönch vor, seine Fragen in Zukunft eher an Lif zu richten als an ihren Ehegatten. Er ist froh, dass Frauen auf diesem Kontinent wohl gleichberechtigt als Krieger angesehen werden wie die Männer - etwas, dass er in seiner Zeit auf Albion nicht vermutet hatte. Doch in dieser Gruppe sind beide Geschlechter zu beinahe gleichen Teilen vertreten, und die Jagdkünste der "Elbin", wie die anderen sie nennen, sind denen jeden Mannes überlegen, den er in seiner Heimat gekannt hatte. Dort hatte erst die Verwüstung dazu geführt, dass jede Frau und jeder Mann im Überlebenskampf benötigt wurde, und das starre Patriarchat von zuvor durchbrochen worden war.

In seine Erinnerungen an die Heimat dringen plötzlich die Worte des Anführers der Gruppe an sein Ohr, und er beschleunigt die Schritte seines Pferdes ein wenig, um an dessen Seite zu kommen. Vor allem die Nennung der Dämonen fesselt seine Aufmerksamkeit sofort und er nimmt die Gelegenheit gerne wahr, um vielleicht mehr über diese Wesen zu erfahren.
"Die Wesen, die ihr Dämonen nennt, heißt man bei uns Shetani - zumindest wenn die Beschreibungen stimmen, die ich von ihnen gehört habe. Und sie sind der Grund, weshalb ich in dieser fremden Welt geladen bin." Der Schmerz steht dem dunkelhäutigen Mann dabei in das Gesicht geschrieben.
"Bis vor einer Generation war unser Land friedlich und eine Blüte der Zivilisation! Die begabtesten Künstler und Wissenschaftler machten mit ihren Werken die Stadt Surail zu einem Anblick, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Aber dann fielen die Shetani ein; woher sie kamen, weiß niemand. Aber überall, wo sie auftauchten, hinterließen sie Tod und Verwüstung. Es dauerte nur wenige Jahre, und ganz Ya'Kehet und alle bekannten Lande waren unter ihrem Ansturm gefallen."
Abdo muss sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischen, bevor er fortfährt.
"Ich selbst war damals ein kleines Kind, aber selbst ich kann mich noch an die Pracht erinnern. Seitdem zogen sich die Menschen in einige wenige Siedlungen zurück, wo wir einen endlosen Überlebenskampf gegen die Shetani führen. Ich wurde mit einigen anderen ausgesandt, um Hilfe zu suchen, und vor allem Wissen über die Schwächen der Shetani. Ein Seher hatte eine Vision von einem fremden Land, in dem die Menschen seit Jahrhunderten die Shetani in Schach halten, doch wir wussten nicht, wohin wir uns richten sollten. Unterwegs erlitten wir Schiffbruch, und schließlich war nur noch ich übrig, fast verhungert, ohne zu wissen, wo ich mich befand. Dann wurde ich von einem Schiff gerettet. Erst nach einigen Monaten erfuhr ich von den Dämonen, und machte mich sofort auf den Weg nach Westen. Doch unglückliche Umstände haben dazu geführt, dass ich vom Weg abgekommen bin und mich dieser Expedition angeschlossen habe. Eine Aufgabe, die ich jedoch zur Perfektion auszuführen beabsichtige, bevor ich mich dem Kampf gegen diese Dämonen anschließe."

Der Mönch macht eine längere Pause, und spürt die verwunderten Blicke der anderen Mitglieder der Gruppe auf sich, ob des ungewohnten Redeschwalls des bisher so stillen Mannes. Dann erinnert er sich an die anderen Fragen, die der Paladin gestellt hat.
"Von Behadrim habe ich bisher noch nichts gehört. Aber wie können sie einen Schöpfer irgendwohin bringen? Aris war immer schon da, denn er hat alles erschaffen. Doch er muss unzufrieden gewesen sein mit uns - vielleicht waren wir zu arrogant? Sonst hätte er uns nicht die Shetani geschickt, um uns zu bestrafen."

Der Mönch schweigt über seine Zweifel, die ihn immer wieder heimsuchen. Welche Art von Gott denn so etwas wie die Shetani zulassen kann, und ob sich das Volk von Ya'Kehet nicht womöglich in Aris getäuscht hat. Doch das sind Gedanken, die er mit einem Fremden nicht einfach teilen würde.

"Aber du weißt scheinbar mehr über diese Dämonen: Hast du gegen sie gekämpft? Kannst du mir mehr über sie sagen?"

Tristan

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Der Weihort
« Antwort #12 am: 25.12.2016, 19:29:23 »
Eigentum! Er hat Lîf niemals wie sein Eigentum behandelt, nicht einmal in den knapp drei Monaten, da sie es, den Gesetzen der Inseln nach, tatsächlich gewesen ist. Er war immer gut zu ihr. Und auch jetzt versucht er schon die ganze Zeit, Geduld mit ihr zu haben. Seit Tagen wartet er darauf, dass sie sich wieder fängt, wieder sein liebes Weib wird. Als sie das letzte Mal derart verletzend zu ihm sprach, im Methaus von Hóp, da tat es ihr noch am selben Abend schrecklich leid. Und eigentlich hat sie ihm darauf versprochen, nie wieder vor allen Leuten so mit ihm zu reden. Gelten die alten Versprechen ihr etwa nichts mehr?

Sie entgleitet mir. Mit jedem Tag auf dem Festland entgleitet sie mir ein Stück mehr. Und ich weiß nicht, wie ich sie halten kann.

Ihm kommt ein schrecklicher Gedanke.

War das von Anfang an ihr Plan? Zurück zum Festland, zurück zu ihrem Clan zu reisen, um dort Schutz zu suchen—Schutz vor mir?

Zwar kennt er sich mit den Gepflogenheiten des Festlandes kaum aus, doch soviel weiß er noch von der eigenen Mutter: auf dem Festland, genau wie auf den Inseln, bleibt eine Frau auch nach ihrer Heirat Mitglied des väterlichen Clans. Das heißt, sie kann dort jederzeit Schutz suchen, auch vor dem eigenen Ehegatten.

Aber wenn Lîf mich loswerden will, warum erzählt sie mir dann, dass sie schwanger ist? Sie kann sich doch denken, dass ich ihr die Sache dann erst recht schwer machen werde. Außer, sie hat es so geplant, dass ihr Vater und die Brüder sie zur ehrbaren Witwe machen? Dann ist sie mich fein los und kann heiraten, wen der Vater ihr bestimmt?

Dem herausfordernden Blick seiner Frau begegnet Tristan mit einem ungläubig-entsetztem.

"Jeg troede, vi ville have været glad", bringt er mit Mühe heraus. "Var vi ikke glad i de sidste to år?"[1]

Ohne eine Antwort abzuwarten beschleunigt er seinen Schritt und schaut von jetzt an stur nach vorne.

Dem Gespräch zwischen Talahan und Abdo lauscht er schweigend.[2]
 1. Värangsk: "Ich dachte, wir wären glücklich gewesen. – Waren wir nicht glücklich in den letzten beiden Jahren?"
 2. knowledge (religion) = 14 - Was haben die MÖNCHE von Gotburg denn so über Dämonen erzählt, warum die hier sind, was man gegen sie tun muss, wer schuld an der ganzen Situation hat...? Vielleicht gibt es aber auch die ein oder andere Legende / Überlieferung, die Tristan seither aufgeschnappt haben könnte?
« Letzte Änderung: 25.12.2016, 19:37:43 von Tristan »

Lîf

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Der Weihort
« Antwort #13 am: 26.12.2016, 12:46:10 »
Die Erwiderung Tristans überrascht Lîf, die mit einem wütenden Protest, einer Zurechtweisung oder ähnlichem gerechnet hat und genau darauf auch vorbereitet war. Doch dass ihr Mann eher betroffen scheint, lässt sie den schon zum Widerspruch geöffneten Mund wieder schließen. Und ehe sie sich von ihrer Überraschung erholt hat, schaut die junge Frau nur noch auf seinen Rücken. Auch der Fremde hat sich wieder nach vorn gewandt, dem schwer gerüsteten Talahan zu, dessen Nähe ihr unangenehm ist, verkörpert er doch eine Philosophie, die der ihren mehr und mehr die Gläubigen zu nehmen droht. Verblüfft starrt sie auf die diversen Männerrücken vor sich und presst dann die Kiefer zusammen.

Schweigend sitzt sie auf ihrem Pferd, indem sie versucht, dessen Bewegungen einigermaßen auszugleichen. Denn irgendwo tief in ihr regt sich zwar schon wieder das, was ihre alte Lehrmeisterin als das Große Mütterliche bezeichnete: der Wunsch und auch die Verpflichtung, zu vergeben, den Streit zu beenden und die Wunden zu heilen, die Worte geschlagen haben. Sie spürt die Verbindung zu der alles nährenden, alles beschützenden Göttin. Doch sie schafft es in diesem Moment trotzdem nicht, gegen ihren Stolz anzukommen. Nicht vor den Augen aller!

Einmal mehr hat sie das Gefühl, nicht für voll genommen zu werden, zumal es ihr einen schmerzhaften Stich versetzt, mit ihrem Verhalten gegenüber dem eher enttäuscht als erzürnt scheinenden Tristan wie ein trotziges Kind dazustehen, das den Streit sucht. Das Wissen, dass sie das in diesem Fall ihrem Temperament zuzuschreiben hat, macht die Sache nicht besser. Und ihren Mann zu sich zu bitten, um ihm die Sache zu erklären, dafür ist sie noch nicht bereit. Stattdessen versucht sie ihren schwindenden Zorn damit am Leben zu erhalten, dass sie sich auf die Punkte konzentriert, an denen sie seine Fehler zu erkennen glaubt.

Er hat nicht einmal verstanden, wie ich mich fühle, wenn er vor jedem fremden Mann als mein Beschützer auftritt, als sei ich jedermanns mögliche Beute... So wie ich die seine war. Als würde ich das Weib eines jeden werden, der mich haben will, und ihm Kinder gebären – weiß er denn nicht, wie viel es bedeutet, dass ich sein Kind unter dem Herzen trage, ich, die ich alle Wege kenne, einen Weiberschoß unfruchtbar zu machen?! Weiß er denn nicht, dass das allein deshalb so ist, weil ich mich für ihn entschieden habe..?!

Es fällt Lîf schwer, aber sie kann das Feuer auf diese Weise noch eine ganze Weile in sich am Lodern halten und lässt dabei ihren Blick wieder in die Ferne schweigen. Obwohl man es ihr nicht ansieht, lauscht sie aber dennoch den Worten der Unterhaltung, die sich vor ihr zwischen Talahan und dem dunklen Fremden entwickelt.
« Letzte Änderung: 26.12.2016, 12:47:12 von Lîf »

Aeryn

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Der Weihort
« Antwort #14 am: 26.12.2016, 15:46:36 »
Aeryn lässt das Paar lieber ungestört, sie hatten wohl einiges zu erdulden und sind schnell gereizt, etwas, was sie aus ihrem Volk nicht wirklich kennt. Sie hofft, dass sich das alles wieder einstellt, wenn sie an ihrem Ziel angekommen sind. Spätestens, wenn sie sich mehr auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren müssen.

So findet sie sich unweigerlich eher in den vorderen Reihen der kleinen Truppe wieder, wo sie überhört, wie Abdo mit Talahan über die Dämonen spricht. Ein Thema, welches sie aus ihrer stillen Beobachtung reißt und sie bewegt, ebenfalls etwas beizutragen.

"Die Dämonen gibt es seit einigen hundert Jahren hier," erklärt sie dem dunkelhäutigen Fremden. "Mein Volk kämpft ebenso wie die Menschen gegen sie, jedoch hat der Streit unter den Stämmen einen Keil zwischen unsere Völker getrieben. Im Süden, bei dem großen Wall, dort sind sie zuerst aufgetaucht, erzählt man sich. Einige von uns haben diese Zeiten noch erlebt, und die Zeiten davor, wo alles noch in Ordnung war. Ich selbst bin aber zu jung dafür. Dämonen hingegen habe ich schon einige gesehen."

"Im Westen gibt es auch Dämonen, in den Bergen. Immer in den Bergen. Von dort aus strömen sie in das Land hinunter, wie ein reißender Fluss. Vernichten alles, was ihnen in den Weg kommt. Dort hielten die Dain sich lange Zeit auf, haben sich aber längst zurückgezogen, oder sie wurden von den dämonischen Horden überrannt. Man weiß es nicht genau. Sie werden immer stärker und die Verteidiger immer weniger. Es muss Einigkeit herrschen, denn wenn sich unsere Völker auch noch untereinander bekämpfen, dann wird der Feind am Ende siegreich sein."

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