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Autor Thema: Der Weihort  (Gelesen 81623 mal)

Beschreibung: Die Seuche von Ansdag

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Aeryn

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Der Weihort
« Antwort #270 am: 11.07.2017, 11:05:44 »
Da Halfdan sich erstmal um die Sicherung des Eingangs kümmern will, bleibt Aeryn bei den Verwundeten und hält dort Wache. Lîf scheint die Verwundungen soweit im Griff zu haben, hoffentlich würden ihre Patienten bald wieder auf die Beine kommen. Sie würden ihre Kampfkraft noch brauchen.

Als der Dain, Rogar, nach einigen Stunden wieder zu Bewusstsein kommt, jedenfalls in einer Form, dass er auch ansprechbar wirkt, ist Aeryn in der Nähe und lauscht seinen vielen Fragen. Sie stellt sich ihm natürlich ebenfalls vor, als sich die Gelegenheit bietet, und lächelt als er sie anspricht. "Es ist mir ebenfalls eine Freude, einen Vertreter der Dain hier anzutreffen. Auch ihr seid fern eurer Heimat, nehme ich an. Wir haben schon lange nichts mehr von eurem Volk gehört."

Die Elbin lauscht weiter seinen vielen Fragen und versucht sie so gut es geht zu beantworten.

"Wir kommen alle aus Kromdag, jedenfalls seit wir gemeinsam unterwegs sind. Fürst Ayrin hat uns beauftragt, hier unten nach dem Rechten zu sehen. Es war von Banditen die Rede, die die Händler überfallen. Dann sind wir bei unseren Untersuchungen hierher gelangt und über... das hier... gestolpert. Wir hatten unten schon das Vergnügen mit einigen der falschen Mönche. Wir wissen von niemandem, der entkommen ist, aber Halfdan hatte etwas erwähnt."

Als Rogar sich dann nach Maduk erkundigt, wird der Blick der Elbin traurig. Was sie berichten kann, wird sicherlich nicht das sein, was der Dain sich erhoffte.

"Ihr seid bestimmt zwei Stunden im Delirium gewesen. Wenn Maduk der Dain war, der uns hier angegriffen hat, dann fürchte ich, ist von ihm nicht mehr viel übrig. Als er zu Boden ging, hat sich sein Körper in einer Explosion aus Schleim aufgelöst. Seine Ausrüstung könnte noch da sein, das weiß ich nicht genau."

Gaja

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Der Weihort
« Antwort #271 am: 12.07.2017, 16:28:31 »
Als Aeryns Blick gegen Ende ihrer Rede unbewusst zu den Überresten des blonden Zwergen hinüberzuckt, wird auch Rogar darauf aufmerksam. Seine Augen weiten sich, als er Maduks Kettenhemd und seine Armbrust erkennt. Oder vielmehr, das Kettenhemd könnte sonstwem gehören, so wie es da unachtsam dahingeworfen in der Schleimlache liegt, aber die Armbrust erkennt Rogar ohne jeden Zweifel. Es ist die leichtere—und leichter handhabbare—Variante der Waffe, die Rogar selbst besitzt. Beide Waffen stammen vom selben Hersteller, nämlich von Maduk selbst.[1] Und ich hab sie ihm noch nicht einmal ganz abbezahlt! schießt es Rogar aus unerfindlichem Grund durch den Sinn.

Die Gespräche und Rogars lange Rede (vielleicht aber auch Freydis' forsches Vordringen auf der Suche nach Topf und Feuerstelle) locken endlich zwei der Überlebenden aus dem Turm herbei: eine bäuerlich gekleidete kräftige junge Frau mit strohblonden Zöpfen, wohl das erwähnte "Fräulein Astrid", und ein etwa doppelt so alter Mann in grob gewobener Pilgerrobe—hager, grauhaarig, das Gesicht wettergegerbt, der sich mit Ingolf aus Kromdag vorstellt. Beide bitten, sobald der Höflichkeit Genüge getan ist, um Wasser. "Auch für meinen Vater", fügt Astrid hinzu. "Und meinen Bruder", fällt Ingolf daraufhin ein. Leicht verdrossen geht sein Blick zur Treppe nach oben, als genau in diesem Moment von dort großes Gejammer und weinerliches Wehklagen ertönt. Auch Rogar schließt kurz die Augen. Mit seiner ständigen Beterei hat Orren ihn in den letzten vier Tagen bereits des öfteren an den Rand seiner Geduld gebracht.

Halfdan, der die letzten beiden Stunden mal am West-, mal am Südfenster in den Hof hinausgelauscht hat und dazwischen immer wieder besorgt an Rogars Krankenlager trat, ist sichtlich erleichtert, als der Zwerg zu sich kommt und fast sofort in die gewohnte Geschäftigkeit verfällt. Eine Mahnung, Rogar solle doch bitteschön nicht gleich wieder übertreiben und sich verausgaben, leistet der Mann aus dem hohen Norden sich noch, dann begibt er sich via Kamin ins Erdgeschoss. Eine geraume Zeit später taucht statt dessen Tristan auf und zieht, kaum in der Feuerstelle angelangt, mithilfe des Kletterseils ein klapperndes Bündel hoch, welches offenbar sehr schwer ist, denn er muss sich richtig hineinlehnen und einen Fuß gegen die Rückwand stemmen, bis ihm der ganze Krempel dann so plötzlich entgegenfällt, dass er fast hintenüber fällt. Scharrend zieht er darauf den in eine Deckel gewickelten Hausrat über den Boden und lädt ihn mit einem "Gruß von Halfdan!" vor Rogar ab.

Kurz darauf ist ein rußverschmierter Tristan gerade rechtzeitig zur Stelle, sein Weib zu stützen, welches vor Erschöpfung schwankt.

"Du er helt våd!" murmelt er besorgt und will sie erst einmal gar nicht loslassen. "Og udmattet! Kom nu, du har brug for at hvile!"[2] Und er wagt es tatsächlich, sie in Richtung einer unbenutzten Schlafstatt zu bugsieren.

Derweil ringt Rogar mit sich: soll er erst überprüfen, ob er seine Sachen endlich wieder beisammen hat, oder den erkrankten Kämpfer untersuchen?[3] Wo ist denn seine Heilertasche, liegt die noch oben? Nein, schau, Fräulein Astrid hat sie dabei und reicht sie, kaum dass ihre Blicke sich treffen, als könne sie seine Gedanken lesen!
 1. Leichte Armbrust MW; Köcher für 15 Bolzen (Inhalt 10 Bolzen); normales Kettenhemd in Zwergengröße. Falls es jemand aus der Gruppe anziehen will, müsste es angepasst werden. Ohne Anspruch auf Realismus, würde ich sagen: 8h Arbeit, verteilbar auf zweimal Rasten. Die korrekten Zangen vorausgesetzt. (Die Ringe sind nur zusammengebogen, nicht genietet.) Take 10 ausreichend, da Routinearbeit.
 2. Värangsk: Du bist ja ganz nass! – Und völlig erschöpft! Lass nach, du musst dich ausruhen!
 3. 
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« Letzte Änderung: 12.07.2017, 18:26:39 von Gaja »

Rogar, Apothekarius

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Der Weihort
« Antwort #272 am: 12.07.2017, 17:59:00 »
Nebenher beschäftigt mit der Pflege an seiner Ausrüstung hört Rogar Abdo zu. Er wirkt aufmerksam, auch wenn er ein wenig mit den Zähnen knirscht. Dann antwortet er in aller Ruhe, während er weiter seinen Tätigkeiten nachgeht: "Ich habe euch nicht für einen Dämon gehalten, dazu bin ich schon zu vielen begegnet." - Ihm scheint es wichtig zu betonen, den Fremden nicht einmal in Gedanken beleidigt zu haben. - "In den Aufzeichnungen meiner Feste werden nur keine dunkelhäutigen Menschen erwähnt, zumindest nicht explizit. Das warf für mich die Frage auf, wo ihr herstammt oder ob ihr einem Unglück zum Opfer gefallen seid. Danke für eure Antwort, ich möchte euch nichts schuldig bleiben." Er räuspert sich, bis er ein schmerzhaftes Husten unterdrücken muss. "Wir Dain sind eines der alten Völker, die wie die Elben und Riesen vor einiger Zeit - für euch wird es eine lange sein - die Welt bevölkerten und unter sich aufgeteilt hatten." Es sprach Betrübnis aus seiner Stimmlage, aber keine Bitternis.

"Um die anderen Fragen volständig und korrekt zu beantworten, bräuchte es meine Aufzeichnungen. Ich werde sie suchen müssen.", beginnt er zu erzählen und wirkt ernsthaft verärgert, dass alles andere noch dagewesen ist, nur dieser Teil seiner Ausrüstung fehlt. "Als kurze Übersicht kann ich euch berichten, dass ich vor neun Tagen eingetroffen bin. Soweit ich es beurteilen kann, gab es zu dem Zeitpunkt nichts Ungewöhnliches am Kloster zu bemerken. Die Räuberbande, die seit einiger Zeit Kaufmannszüge ohne Überlebende überfiel, war die größte Sorge. Etwa 100 Mönche taten das, was sie als ihren Dienst ansahen. Vor nu fast sieben Tagen gab es ein kräftiges Unwetter, dass sich quasi über dem Kloster sammelte und Schäden anrichtete. Ein besonders ausdauernder Blitz schlug in die Westseite der Kapelle ein. Dabei war ein unmenschlicher Schrei zu hören. Anschließend halfen wir, die Verletzten aus der Kapelle zu versorgen, zumeist Schnitt- und Verbrennungstraumata."

Rogar verstummt kurz und scheint weiteres zu rekapitulieren, bevor er fortsetzt: "Der Abt und die Brüder Jarus, Edgar und Wieland, Empfangsmeister, Bibliothekar und Lehrmeister schienen auch betroffen gewesen zu sein, aber in ihren Stuben versorgt zu werden. Ich bekam sie nicht zu sehen. Gerade schien sich die Situation zu bessern, auch wenn man mir Antworten zu meinen Fragen zur Sturmnacht schuldig blieb, da trafen neue Patienten ein. Neun dieser Mönche begannen mit starkem Fieber und gingen über Erbrechen, Durchfall, eitrige Wunden schließlich zu ausgetrocknet mit Teerblut über. Sieben allerdings begannen mit Schüttelfrost und Schwindel, um dann über Durst und Appetitlosigkeit extrem anzuschwellen. Letztere starben am dritten Abend und wurden in den Keller gebracht. Der Krankheitsverlauf war ungewöhnlich." In den letzten Worten schwingt Resignation mit, ein richtiges Eingeständnis seines Unvermögens im Bezug auf ihre Rettung will der Dain wohl nicht geben.

"Vor dann fast vier Tagen entdeckten wir, dass die Leichen der sieben geplatzt waren und ihre lebenden Ebenbilder wieder herumwandelten. Die normalen Mönche begannen sich am Nordtor zu sammeln für eine Evakuierung, ich kam hierher, um die Gäste des Klosters zu warnen und mitzunehmen. Leider wurde uns von bewaffneten Mönchen und den ehemailgen Fieberkranken der Weg abgeshnitten. So verbarrikadierten wir uns hier. Die Rationierung wurde nicht eingehalten und die meisten waren kampfunfähig und überfordert, so endete auch ein Ausfall im Tod von einem von uns. Aber om Turm hatten wir eine gute Übersicht, das Geschehen zu studieren, zumindest, nachdem ich den Scharfschützen vom anderen Dach geholt hatte. Sie waren meist in Dämmerung und nachts aktiv. Die meisten späterkommenden Besucher waren einzeln, wurden überwältigt und in Kloster verschleppt. Manchmal auch einzelne Gefangene von außerhalb. Einmal gab es jedoch etwas Bemerkenswertes: ein Reicher kam mit Begleiter zu Besuch, holte etwas von Edgar[1] ab und ritt unbehelligt weiter. Schließlich seit ihr aufgetaucht." Er hustet und ergänzt dann: "Das war sicher nicht vollständig und ihr habt weitere Fragen - stellt sie gerne und ich werde antworten, soweit ich es noch ohne Aufzeichnungen kann."



Während er so die Fragen beantwortet, unterbricht er, als sein Blick erneut auf die Szene mit der Druidin und dem Gotteskrieger fällt. Er runzelt deutlich die Stirn, stellt seine Sachen ab und steht auf. Es wirkt bedächtig, was wahrscheinlich der Tatsache geschuldet ist, dass er noch nicht vollständig geheilt ist. Er greift nach seiner Axt und den Taschen mit Handwerkszeug, tritt neben Lif und stellt sie ab. Dann unterbricht er ihre Tätigkeit: "Frau Lif, auch wenn es sicher keine Art ist, bestehe ich darauf, mich hier einzumischen. Ihr müsst euch erholen. Was eure Männer euch hier zumuten, ist zuviel!" Er wendet sich an Aeryn und Freydis: "Ist eine von euch heilkundig? - Nein?" Auf die Verneinung seufzt er und schüttelt den Kopf. "Dann sorgt bitte dafür, dass sie sich wäscht, zur Ruhe begibt, isst und trinkt. Und wenn sich ihr Zustand verschlechtert, macht mich darauf aufmerksam." Zurück an Lif gewandt sagt er: "Ich werde euch nachher untersuchen, so ihr keine Einwände erhebt. Jetzt kümmere ich mich erstmal um euren Sir, wenn die Symptome nämlich die gleichen wie vorher bei den Klosterbrüdern sind, kann ich dies am besten erkennen und weiß, welche Behandlungsmethoden keinen Erfolg versprechen." Diesmal schleicht sich eine Spur Bitterkeit in seine Stimme.

So übernimmt er es, Talahan zu untersuchen und zu pflegen. Dabei spricht er leise mit ihm: "Sollten sich meine Befürchtungen bewahrheiten, was ich nicht hoffe, welche Wünsche hättet ihr?" Es könnte auffallen, das er die Axt innerhalb Armesreichweite abgestellt hat, ansonsten verhält er sich ruhig und kümmert sich nach Kräften um seinen Patienten. Nachdem er seinen Abriss über die letzten Tage gegeben hat, ist er mit der Untersuchung fertig und beginnt, seine Fläschchen, Kräuter und Pulver auszubreiten, offensichtlich in Vorbereitung einer Zubereitung eines Trankes oder Absuds.



Als der Zwergenkrieger Gelegenheit bekommt, Freydis magisches Wirken zu beobachten, kommentiert er dies nicht, bedenkt sie nur seitdem mit einem bemitleidendem Blick. Ihr Angebot für Nahrung nimmt er höflich dankend an und knabbert es langsam in kleinen Stücken, wenn sein Tun und Reden ihm eine Atempause gönnt. Als er mit der Zubereitung des Trankes beginnt und einige alchimistische Utensiien ausgebreitet hat, wendet er sich an die Berührte: "Fräulein Redwaldsdottir, wäret ihr bereit und in der Lage, für einige Minuten eine Flüddigkeit dieser Menge auf einer Temperatur zu halten, die einer so großen Flamme rein durchsichtigem und blauem Feuer entspricht?" Dabei zeigt er eine kleine Schüssel und einen Fingerabstand, um ihr die Dimensionen zu verdeutlichen. Je nach Antwort überlässt er ihr das Gefäß während seiner Arbeit oder bittet sie nur, mit einer bestimmten Kraft und Geschwindigkeit umzurühren, während er die Zutaten dazugibt - und die Flamme mittels einer Art Öllampe produziert. Seine Arbeit ist ruhig und gewissenhaft, allerdings immer wieder von kurzem Keuchen oder Zähneknirschen begleitet, wenn eine Bewegung Schmerzen verursacht.



Die Worte der Elbin beantwortet der Dain mit einem freundlichen Lächeln: "Das mit der Entfernung von meiner Heimatfeste mag sein, je nach Betrachtung. Und das wir so wenig voneinander hören, ist zu bedauern, aber gut erklärlich bei den ständigen Bedrohungen durch Kolkar und Dämonen und eingedenk der Tatsache, das die Srecke zwischen uns lang und mit Jungvolk bevölkert ist." Er wird ernst, als Aeryn weiter antwortet: "Wenn ich richtig informiert bin, seid ihr dann aus der anderen Richtung über das Dorf gekommen. Die Mönche wollten durchs Nordtor des Klosters über die andere Strecke zum Kloster der Gotteskrieger fliehen." Bei den weiteren Worten wandelt sich seine Miene schließlich zu Trauer und Nachdenken. "Das ist...ungewöhnlich und sehr schade. Er war der Leiter meiner Gruppe. Unter anderem das Verschwinden zweier Händler, mit denen wir häufiger Kontkat hatten, hat uns hergeführt.", formuliert er sich vorsichtig, als ihm ein unangenehmer Gedanke wegen des von ihm abgeschossenen Scharfschützen kommt. Er lenkt sich ab: "Ich bitte um Übergabe seiner Überreste, und sei es eben der Ausrüstung. Ich werde sie mit der Nachricht der Famillie zukommen lassen, wennner sie schon anders nicht mehr unterstützen kann." Mit einem langgezogenen Atemzug rafft er sich wieder auf und widmet sich seiner Heilertätigkeit.
 1. Korrektur: er wurde von Bruder Jarus zu Bruder Edgar in die Bibliothek geführt, und kam von dort mit einem Päckchen zurück
« Letzte Änderung: 23.06.2020, 19:37:37 von Gaja »

Lîf

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Der Weihort
« Antwort #273 am: 12.07.2017, 19:58:21 »
Fahrig wirkend schreckt Lîf auf, als Freydis sie anspricht, nickt aber dann und dankt der Gefährtin. "Es ist nicht deine Schuld – wir sind alle erschöpft" gibt sie zurück und macht sich dann daran, aus ihren Kräutern den fiebersenkenden Absud zu bereiten, den sie Talahan einflößen will. Die Gespräche zwischen Freydis, Aeryn und dem Mann namens Rogar bilden dabei eine Geräuschkulisse im Hintergrund, von der die übermüdete drudkvinde nur den Eindruck eines gleichförmigen Plätscherns hat, wie von einem beständig fließenden Bach. Lediglich Fräulein Astrid schenkt sie einen längeren Blick – sie erinnert den Rotschopf an die eigene Vergangenheit als Bauerntochter, was Lîf kurz lächeln lässt, ehe sie sich müde über die Augen wischt. Astrids Begleiter fasst sie nur kurz ins Auge, ehe sie sich wieder dem Absud und dem Gotteskrieger zuwendet. Halfdans und Tristans Aktivitäten rauschen wiederum an ihr vorbei, da sie sich voll darauf konzentriert, die Kräuter in der rechten Reihenfolge und weder zu lange, noch zu kurz in dem siedenden Wasser auszukochen. Endlich verraten ihr Farbe und Geruch, dass die Arznei bereit ist, und sie atmet auf. Noch ist sie nicht so unkonzentriert, dass ihr ein Fehler unterlaufen wäre!

Tristans Arme umfangen sie, als sie kurz wankt, und sie lehnt sich dankbar gegen seine Brust, schenkt ihm ein schwaches Lächeln und streichelt ihm anstelle eines Dankes kurz über den Handrücken. "Han skal drikke det"[1] sagt sie mit einem Blick auf Talahan und hebt den Napf mit dem Absud an. Schwach wehrt sie sich gegen die Bemühungen ihres Mannes, sie selbst zu einer der Pritschen zu verfrachten. "Tristan, det er vigtigt!"[2] sagt sie eindringlich. Da erfassen ihre Augen und Ohren, wie Rogar ihren Platz einnimmt und sie mit einem Mal selbst zur Patientin degradiert, und weiten sich völlig perplex. "Hvad..? Jeg er her healeren..."[3] protestiert die junge Frau matt, nicht bedenkend, dass sie außer Tristan wohl kaum jemand verstehen wird. Sie will sich aufraffen und ihre Worte lauter wiederholen, den Kurzwüchsigen in seine Schranken verweisen und das Ruder wieder an sich reißen, taumelt aber erneut und muss die Augen schließen, eine Hand auf ihren Bauch gepresst. "Ich... muss mich nur kurz ausruhen. Gebt Talahan... den Sud... gegen das Fieber..." murmelt sie immer leiser werdend. Ihr Wille, sich gegen Tristans Fürsorge zu wehren, lässt sichtlich nach.
 1. Värangsk: Er muss dies trinken
 2. Värangsk: Tristan, es ist wichtig!
 3. Värangsk: Was..? Ich bin hier die Heilerin...

Abdo al'Mbabi

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Der Weihort
« Antwort #274 am: 13.07.2017, 14:42:15 »
Es dauert eine Weile, bis Rogar die Fragen Abdos beantwortet, und währenddessen beobachtet der Ya'Keheter das Geschehen um ihn herum schweigend, aber aufmerksam. Auf der einen Seite stellt sich nach und nach eine seltsam beruhigende Geschäftigkeit in dem Raum ein: Es wird aufgeräumt, Barrikaden werden neu errichtet - normale Tätigkeiten, die ihm etwas Halt geben in einer Welt, in der scheinbar normale Menschen plötzlich zu Schleim zerplatzen.

Dann jedoch bemerkt er Freydis, die plötzlich aus dem Nichts Wasser entstehen lässt und es im Anschluss offenbar nur mittels ihrer Gedanken erhitzt!
"Was ist hier los?"
In welche Art von Welt ist er hier geraten? Gut, auf den ersten Blick übernatürliche Dinge gibt es auch in Ya'Kehet, und besonders die Alchimisten haben in der Vergangenheit erstaunliche Entdeckungen gemacht, die auch heute noch im Kampf gegen die Shetani von großem Nutzen sind. Doch all das lässt sich rational erklären, während hier die Menschen mit Kräften zu hantieren scheinen, die er noch nie zuvor gesehen hat, und die zumindest in seiner Heimat unbekannt sind.
"Ist das der Grund, weshalb die Shetani hier bis heute nicht Fuß fassen konnten? Kann hier am Ende sogar jeder solche Wunder vollbringen?"
Für den Augenblick stellt Abdo seine Fragen zurück - zwar fühlt er sich plötzlich wie ein Floh unter Riesen, so inadäquat erscheinen ihm seine eigenen Möglichkeiten gegenüber dem, was hier scheinbar jeder beherrschte, doch hält er es nicht für ratsam, dies hier und jetzt zu thematisieren. Die Gefahr ist noch nicht gebannt, und ihre aller Konzentration gefordert, um nicht unterzugehen. Ab jetzt wird er jedoch genauer darauf achten, was seine Mitstreiter an Fähigkeiten offenbaren.

Schließlich schildert Rogar seine Erlebnisse, und langsam scheinen sich die Brocken zu einem Gesamtbild zu formen - was jedoch immer noch zahlreiche Fragen offen lässt.
"Hat sich jemand die Stelle angesehen, an der der Blitz eingeschlagen hat?" fragt Abdo und erhebt sich schließlich von seinem Lager, um sich besser am Gespräch beteiligen zu können. "Wenn die durch den Einschlag verletzten nicht die gleichen Mönche waren, die die Krankheit bekommen haben, dann muss es durch irgendetwas anderes ausgelöst worden sein. Etwas, das mit dem Blitz zusammen gekommen ist? Was den Schrei ausgestoßen hat?"

Abdo blickt nachdenklich zu Talahan hinüber, der weiter von Lîf versorgt wird. Es ist ihm nicht verborgen geblieben, dass das, woran der Krieger leidet, weniger seinen Verwundungen geschuldet ist, und vielmehr wie ein Fieber wirkt. Rogars Blick zeigt ihm, dass der kleine Mann ähnliche Gedanken hegt.
"Was ist mit den normalen Mönchen passiert, die sich gesammelt haben? Konnten sie fliehen? Und wieso wurde euch von einem Teil dieser Mönche der Weg abgeschnitten - oder habe ich das falsch verstanden? Haben sie etwa mit diesen Wiederkehrenden gemeinsame Sache gemacht? Ist Jarus einer von ihnen, oder ist er ein Wiedergänger?"

Noch etwas anderes, was der Dain gesagt hat, weckt Abdos Interesse:
"Der Reiter, von dem du gesprochen hast: War es ein junger Mann, buschige Augenbrauen, brauner Vollbart? Auf einem schwarzen Pferd?" Der Kämpfer fährt damit fort, Rogar den Sohn des Fürsten zu beschreiben, bevor er weitere Fragen stellt:
"Hat er nur mit Jarus gesprochen, oder auch gesehen, was hier vor sich geht?"



Als Rogar beginnt, sich um den Verwundeten zu kümmern und Lîf zu entlasten, seufzt Abdo erleichtert. Es ist gut, noch einen Heilkundigen bei sich zu haben, und die junge Frau scheint fast im Stehen einzuschlafen, so sehr hat sie sich verausgabt, während er und Rogar geruht haben. Die Weise, mit der der Dain darauf besteht, dass sie sich ausruht, erinnert Abdo in erstaunlicher Weise an die Heilerin selbst - vermutlich kam so etwas mit dem Beruf.

Als sie schließlich der Schlaf übermannt, wendet er sich wieder Rogar zu. "Hast du eine Theorie, was den Ursprung der Krankheit betrifft?"
« Letzte Änderung: 16.07.2017, 15:00:55 von Abdo al'Mbabi »

Freydis

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Der Weihort
« Antwort #275 am: 14.07.2017, 23:25:46 »
Trotz ihrer Müdigkeit hört Freydis den Ausführungen des Apothekarius mit Interesse zu. Endlich erhalten sie ein paar vernünftige Antworten und Auskünfte über dass, was hier in den letzten Tagen vor sich gegangen ist.
Als Rogar sie direkt anspricht  dauert es aber einen Moment ehe die übermüdete Berührte realisiert, dass sie gemeint ist. Jarlsdottir, mein Kind, Sturmkrähe, Freydis, die andere Scgwester, sie ist ist schon vieles genannt worden, aber "Fräulein Redwaldsdottir" ist neu.
Sie nickt, atmet tief ein und schließt kurz die Augen um die Kopfschmerzen zurückzudrängen. "Ich weiß nicht ob ich das so präziese kann, aber ich werde es versuchen." In Gedanken dankt sie der alten Undis dafür, dass diese damals so ausdauernd auf diesen kleinen Übungen beharrt hatte. Sie stellt die Schüssel auf eine der Pritschen und kniet sich wie schon vorher auf den Boden.
Was der Zwerg erbeten hatte war schwieriger, als die Flüssigkeit einfach nur zum kochen zu bringen, aber mit ein wenig Mühe schafft Freydis es den Energiestrom richtig zu dosieren und zu kanalisieren.[1]Nach einigen Minuten, die der Berührten wie eine Ewigkeit vorkommen unterbricht sie den Energiestrom lehnt sich mit einem Seufzen zurück und reibt sich die pochenden Schläfen.
 1. Cantrip: Prestidigitation
« Letzte Änderung: 14.07.2017, 23:26:19 von Freydis »
"The storm is up, and all is on the hazard."

William Shakespeare, Julius Cæsar (1599), Act V, scene 1, line 67.

Rogar, Apothekarius

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Der Weihort
« Antwort #276 am: 15.07.2017, 10:13:49 »
Während er weiter arbeitet, beantwortet Rogar Abdos Fragen ruhig und sachlich: "Ich kann niemand anwesenden benennen, der den Einschlagsort des Blitzes gesehen hat, und meine Fragen wurden abgewehrt. Zutritt zur Kapelle wurde auch kaum jemandem gewährt und die Verletzten redeten nicht viel. Anschließend lenkten die anderen Kranken alle Aufmerksamkeit auf sich."
Dann bestätigt er die Feststellung des Dunkelhäutigen: "Zwischen den Verletzten und den Erkrankten gab es keine Überschneidung, korrekt. Was allerdings die Klosterführer angeht, weiß ich nicht sicher, was sie arbeitsunfähig machte. Sollte der Blitz eine Person getroffen haben und aus - vermutlich magischen Gründen - das Ziel nicht getötet haben, könnte sie der Ursprung des Schreis gewesen sein. Um auf das Thema Ansteckung zu kommen: Die Erkrankten erschienen je nach Erkrankung etwa zeitgleich und keiner von uns Behandelnden ist bisher betroffen, allzuleicht gehen diese Effekte nicht von einem zum anderen über." Aufmerksame Beobachter können jedoch bemerken, wie er dabei grübelnd den vom Schleim und nun vom Fieber betroffenen  Gotteskrieger mustert.
Die nächsten Worte scheint der Dain gut zu überlegen, bevor er sie ausspricht: "Die Mönche, die noch keine Symptome gezeigt hatten, hatten sich begonnen zu sammeln am Nordtor, als ich den Hof passierte. Danach bin ich in diesem Turm eingeschlossen worde, kann also keine sichere Auskunft geben. Da wir in den folgenden Tagen aber eher wenig Mönche gesehen haben und keinen, den wir bei der evakuirenden Schar kannten, dürften nicht mehr alle auf dem Gelände sein. Unter denen, die uns hier einschlossen, waren Bruder Jarus, der Empfangsmeister, und Bruder Edgar, der Bibliothekar, beide waren Personen, die wie gesagt seit dem Blitz auf ihren Stuben behandelt worden waren. Inwieweit der Rest Untote waren, kann ich nicht beschwören, da sie sich wenig von anderen Mönchen unterschieden, mit denen ich ebenfalls wenig Kontakt hatte. Für normale Untote wirkten sie sehr unauffällig, daher kann ich über Jarus eigentlichen Zustand keine Aussage machen."
Die Beschreibung des Reiters lassen Rogar seine Stirn in noch tiefere Falten ziehen, sodass die dichten Augenbrauen schon fast die zum Schlitz gepressten Augen überdecken. "Ja, die Beschreibung trifft auf den Reichen zu, wenn sie auch kein eindeutiges Merkmal enthält. Ich meine - Gibt es nur einen jungen Menschen mit buschigen Augenbrauen, braunem Vollbart und einem schwarzen Pferd, oder kennt ihr ihn?" Kurz scheint er nach einer Zutat zu suchen und gerät dabei wie 'zufällig' direkt neben seine abgestellte Axt. "Der Knabe hat zumindest draußen nichts von den ungewöhnlichen Vorgängen wahrgenommen, er ist aber Jarus ins Innere gefolgt."
Bei der letzten Frage reagiert der Kleinwüchsige ein wenig gereizt: "Theorien ja, aber woher sollte ich Beweise bekommen? Ich hatte mit den meisten Erkrankten nur zwei Tage maximal zu tun und genug mit deren Pflege, da die normalen Maßnahmen nicht anschlugen. Zeit für Analysen hatten wir keine. Und hier im Turm weder das Material noch einen Freiwilligen!" Damit scheitn er fürs erste alles gesagt zu haben, allerdings könnte auffallen, dass er Talahan sehr methodisch untersucht und sowohl sein Blut als auch den Schweiß diverser Experimente unterzieht.



Höflich bedankt der Dain zwischendurch für Freydis Magie und Mühen, wobei er sie erneut mit dem mitleidsvollen Blick bedenkt. Was er im einzelnen tut, erklärt er nicht, aber immer wieder gibt es etwas zu erhitzen oder zu verdünnen oder umzurühren / -schütten. Nach anfänglicher Höflichkeit werden seine weiteren Bitten immer kürzer, bleiben aber präzise. Der jungen Berührten dürfte vieles wie ritualisiert erscheinen, während Abdo die Ähnlichkeit zum Vorgehen seiner Alchimisten auffallen könnte. Bei der Untersuchung Talahans achtet Rogar sehr darauf, selbst immer gewaschen zu sein beziehungsweise sich immer wieder abzuwaschen, um alles hygenisch zu halten. Sollte Talahan noch ansprechbar sein, versucht er mit ihm leise zu kommunizieren.



Als er zumindest fürs Erste mit dem Gotteskrieger fertig ist, packt der Dain seine Materialien weg und stapft hinüber zu Lifs Bettstatt. Sollte sie noch ansprechbar sein, fragt er sie höflich: "Fräulein, in Ermangelung einer angemessenen Heilkundigen bin ich im Moment eureeinzige Wahl. Erlaubt ihr mir eine Untersuchung eurer Gesundheit? Ich würde euch im Angesicht der Umstände - eurer und der tödlichen Krankheiten, die hier aufgetreten sind, sehr dazu raten." Sollte sie nicht mehr antworten, entschuldigt er sich im Voraus für sein Handeln bei ihr und beginnt, ebenso nach Erlaubnis. Dabei geht er langsasm und extrem vorsichtig vor, anders als mit Talahan, den er recht rauh angepackt hat - oder liegt es einfach an einer großen Menge Körperkraft und normalerweise zäheren Patienten, dass er sich so zurückhält? Er stellt einige Fragen, tastet, prüft Reflexe, vieles, was Lif kennt. Seine Augen weiten sich, als er Lifs Zustand erkennt. "Ihr seid mit Kind und habt euch verausgabt - Essen, Trinken und Ruhe sind nun oberstes Gebot, Aufregung ist zu vermeiden.", gerade seine ersten Worte klingen fast ehrfürchtig, der Rest klingt wie eine Aufzählung von Fakten. Dann starrt er vor sich hin und schüttelt ungläubig den Kopf. Mit einem Seufzen massiert er seine Stirn.



Nach der Druidin stapft Rogar zu der Lache und der Ausrüstung seines ehemaligen Volkgenossens. Er lässt sich daneben plumpsen und starrt einen Augenblick darauf, bevor er sich die Augen wischt, aufrafft und die gesamte Ausrüstung einsammelt. Leicht schwankend, wohl nicht wegen des Gewichts, kehrt er an seine Bettstatt zurück, setzt sich schwer und seufzt. Er lässt die Glieder des Kettenhemds durch seine Hände gleiten, putzt es und greift schließlich nach seiner Ölflamme, einem in seinen Händen winzigen Metallkeil und einem Hämmerchen. Nach Erhitzen eines Rüstungschiene des Kettenhemds setzt er den Keil an und beginnt nach einigem Zögern mit dem Hammer und dem Keil einige kleine Zeichen einzuhämmern. Dabei blinzelt er immer wieder, wobei seine Augen im Widerschein des Lichts verräterisch schimmern.
« Letzte Änderung: 15.07.2017, 22:51:15 von Rogar, Apothekarius »

Tristan

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Der Weihort
« Antwort #277 am: 15.07.2017, 15:22:35 »
"Det er i orden, honning, jeg vil give ham dette til at drikke", beruhigt Tristan die erschöpfte Lîf. "Du har gjort nok for i dag. Du har fået os alle gennem dette. Jeg er stolt af dig!"[1]

Als der Dain, wie er sich nennt, so plötzlich dazwischen drängt, schwillt Tristan erst einmal der Kamm. Die Dain kommen in den Worten des Propheten mehrmals vor, aber nicht gut weg. Uneinsichtig, unbelehrbar, so noch das mildeste Urteil. Normalerweise müsste Tristan sich ihnen also verbunden fühlen, aber was zuviel ist, ist zuviel. Hat der kleine Kerl mich da gerade beschuldigt, ich kümmerte mich nicht gut genug um mein Weib? Mutete ihr zuviel zu? Was weiß der schon? Ich tu meinen Teil und sie den ihren, und wenn ich sie den ihren nicht tun ließe, würde ich eine Schelte zu hören bekommen, dass mir die Ohren wackeln. Doch er schluckt diese Worte hinunter. Was soll er sich aufregen, wenn man morgen eh wieder getrennte Wege gehen wird? Und überhaupt, er ist niemandem eine Erklärung schuldig.

Doch Lîf fühlt sich ebenfalls angegriffen, als der Dain ihr so brüsk das Ruder aus der Hand reißt. Leider hat sie aber nicht mehr genug Kraft, um dem kleinen Mann eine wahre Kostprobe ihres Temperaments zu geben, daher fasst Tristan ihre Hand. "Det er godt at have hjælp", beschwört er sie leise. "Godt, at du ikke behøver at gøre alt alene. Giv i gang!"[2]

Er nimmt den Napf aus ihrer Hand und drückt sie sanft auf die letzte freie (und trockene) Pritsche. Dann macht er sich sogleich zu Talahan auf und reicht ihm Lîfs Absud, den der Gotteskrieger mit soldatischem Gehorsam bis zur Neige leert.

~~~

Später[3] sitzt Tristan mit Lîf zusammen auf der Pritsche—er gegen die Wand gelehnt, sie gegen seine Brust—und birgt sie in beiden Armen. Trotz ihrer Erschöpfung ist sie zu unruhig, um Schlaf zu finden. Den anderen geht es ähnlich, besonders den Überlebenden aus dem Turm. Entmutigt, noch eine weitere Nacht an diesem Schreckensort ausharren zu müssen, zucken sie beim kleinsten Geräusch zusammen. Dabei sind Wachen aufgestellt[4] und die Kampfspuren im Raum so gut es ging beseitigt, vor allem die Leichen der Hungerkreaturen und der falschen Mönche. Pritschen wurden aus dem oberen Stock herbeigeholt und auch Astrids Vater kam, von Ingolf gestützt, die Treppe heruntergehumpelt und liegt nun bereits wieder friedlich atmend in der Nähe seiner Tochter, als einziger schlafend. Den anderen gelingt es einfach nicht, ein Auge zuzutun. Und dieses Gejammer von Orren... Tristan bemüht sich, die Ohren dagegen zu verschließen, indem er das Gesicht in Lîfs kräuterduftendem Haar vergräbt und an nichts denkt außer an sie, hier, jetzt, in seinem Arm. Doch auch so lässt sich die Unruhe nicht vertreiben. Die Stimmung erinnert ihn an seine Fahrten, wenn etliche junge Männer das erste Mal dabei waren, abends im Lager, wenn man wusste, der nächste Tag sieht ihre erste richtige Schlacht. Es war nicht direkt Angst, oder jedenfalls nicht nur.

"Wenn eh keiner von euch ein Auge zumachen kann", spricht Tristan daher in die Runde, "dann können wir uns geradesogut die Zeit mit einer Geschichte vertreiben." Er winkt Astrid und die beiden Pilgerbrüder heran und wer immer sonst ihm noch lauschen mag. "Kennt ihr schon die Geschichte von Jesper Olsen, einem braven Fischersmann in einem kleinen Ort an Ferslands Küste?" fragt er, als die kleine Zuhörerschar sich um ihn und Lîf versammelt hat. Man bekundet ihm Nein. Köpfe beugen sich vor, Augen glänzen erwartungsvoll.

"Jesper Olsen, unser braver Fischer, sammelte also eines Tages Muscheln am Strand. Sein Eimer war schon fast voll und er wollte bald heimkehren. 'Nur noch bis zu dem Felsen da vorne', dachte er sich und watete weiter durch das eiskalte Wasser, das seine Waden umspülte, wobei er sich hier und da nach einer Muschel bückte, die sich im schlammigen Grund versteckte. Beim Muschelsammeln besaß er einen siebten Sinn, auch wenn der junge Mann ansonsten in seinem Leben noch nichts umsonst bekommen hat außer Kummer. Die Eltern waren ihm früh weggestorben, Bruder und Schwester auch. Hunger litt er zwar nicht, denn er hatte Boot und Hütte des Vaters geerbt und war leidlich geschickt bei seiner Arbeit, doch sein sehnlichster Wunsch blieb ihm unerfüllt: obwohl längst über dreißig, besaß er weder Weib noch Kinder. Obwohl er sein Auskommen hatte, obwohl er ein ehrlicher, rechtschaffener Mann war, obwohl er gar nicht mal schlecht aussah, wollte ihn doch keines der Mädchen aus seinem Dorf zum Gatten haben. Ja, er hatte bereits mehr als eine gefragt und erhielt jedesmal nur Spott zur Antwort. Denn Jesper Olsen war mit einem Klumpfuß geboren. 'Hexenkind' und 'Wechselbalg' nannten die alten Weiber des Dorfes ihn gern und sie mussten es ja wissen, denn so hässlich und bösartig wie sie waren, hätten sie selbst Hexen sein können, die Kinder aus der Wiege stahlen, um sie zu verspeisen, und dafür die eigene Brut ins gemachte Nest zu legen. So etwas sagte man unserem braven Jesper nach, einzig wegen seines Klumpfußes! Es gibt nun einmal kein abergläubischeres Volk auf der Welt als das Fischervolk.

Und so humpelte Jesper also am Strand entlang, sammelte Muscheln, und haderte mit seinem Schicksal. Da hörte er plötzlich ein gar klägliches Wimmern. Es kam von hinter dem großen Felsen, direkt am Wasser. Rasch setzte er seinen Eimer am nahen Land ab und eilte hinüber. Und traute seinen Augen kaum. Ein junges Ding saß da, zitternd vor Angst und Kälte an den Felsen gedrückt, splitterfasernackt! Ihre Haut war weiß und rein, ihre Rundungen üppig, ihr braunschwarzes Haar... 'Bei Gaja!' dachte Jesper, 'Wer hat ihr das angetan?' Keine Handbreit über der Kopfhaut hatte jemand ihr das Haar abgeschoren, fast könnte man meinen ausgerupft, so ungleich war das Messer zu Werke gegangen, bis die Büschel in alle Richtungen abstanden, mal länger, mal kürzer. Auch die Hände, Knie und Fußsohlen der jungen Frau waren zerschnitten, wohl von den scharfen Felsen. Und sie weinte gar bitterlich.

Jesper reagierte sofort. Seine Jacke riss er sich vom Leib und hüllte das arme Mädchen darein. 'Hab keine Angst', redete er auf sie ein. 'Alles wird gut. Ich kümmer mich um dich!' Mit großen Augen sah sie ihn da an und plapperte etwas in einer gurgelnden Sprache, die er nicht verstand, und er wiederholte nur immer wieder: 'Hab keine Angst, bei mir bist du in Sicherheit', was sie wohl ebensowenig verstand und doch schmiegte sie sich schon bald vertrauensvoll an ihn, und er nahm sie mit zu sich nach Hause. Dort entfachte er als erstes ein Feuer und richtete ihr ein Lager davor, auf dass sie sich dort wärmen könne, doch das Mädchen hatte Angst vor den Flammen und kroch lieber zu ihm ins Bett. Und obwohl Jesper in seinem ganzen Leben noch niemals die Notlage eines Menschen oder einer Kreatur ausgenützt hatte, wurde er von unbändiger Lust übermannt und nahm die schöne Fremde in Besitz, ohne zu fragen, die ganze Nacht, wieder und wieder. Anfangs sträubte und zierte sie sich wohl ein wenig, doch mit jedem Mal fügte sie sich ihm williger, zuletzt gar freudigst."


An dieser Stelle verirrt Tristan sich dann ein wenig zu sehr in Details, welche zudem, so könnte man ihm vorwerfen, für den Verlauf der Geschichte ohne jeglichen Belang sind. Doch auf seinen Fahrten war es nun einmal so, dass die Brüder, welche sich nach ihren Weibern in der Ferne verzehrten, die sie oft seit Monaten nicht mehr gesehen hatten, stets nur nach den deftigsten Zoten verlangten und ein jedes Mal lautstark protestierten, wenn es in Tristans Geschichten nicht möglichst rasch (und möglichst heftig) zur Sache ging. Und so verfällt Tristan auch jetzt ganz unbewusst in dieses Erzählschema, obwohl er doch so brav begonnen hat. Ihre Wirkung versagt die wort- und bildgewaltige Schilderung der stürmischen Liebesnacht, in der Jesper Olsen und das schöne Mädchen hemmungslos wie die Tiere übereinander herfielen, allerdings auch in dieser Runde nicht.[5]

Astrid, obwohl schamesrot im Gesicht, hängt mit großen, glänzenden Augen an Tristans Lippen und muss immer wieder erregt kichern; Ingolf, trotz seines gesetzten Alters, hat einen verträumten, einen ganz und gar fernen Ausdruck auf seinen Zügen, als dächte er an eigene Erlebnisse, als sähe er eine ganz andere Frau als die geschilderte vor seinem inneren Auge; sein fast zwanzig Jahre jüngerer Bruder Orren dagegen vergisst ausnahmweise das Beten ganz und wohl auch seinen Gott. Ihm steht der Mund sperrangelweit offen, dazu geht der Atem ihm stoßweise, keuchend, es treten am Hals die Muskelstränge hervor, der gesamte Körper steht unter Anspannung: deutlicher könnte seine Haltung und Miene nicht zeigen, dass Tristans Schilderung vor seinen Augen Welten öffnet, die ihm bislang vorenthalten wurden.

Und Tristan selbst? Nun, er zieht an dieser Stelle vielleicht sein Weib ein wenig enger an sich als zuvor und dabei bemerkt sie wohl, wie gerne er momentan ein Mann der Taten statt der Worte wäre.

Irgendwer räuspert sich schließlich. Der Verdacht fällt rasch auf Talahan, der mit geschlossenen Augen daliegt, kopfschüttelnd, derweil sich auf seiner Miene ein Schmunzeln ausbreitet, das so gar nicht zu seinem aufgedunsenen, fieberglänzenden Gesicht passen will. "In einem Kloster...", murmelt er und fast klingt es entzückt. "Guter Gott, wenn Wände Ohren hätten!"

"Am nächsten Morgen fragte Jesper das Mädchen dann, ob sie sein Weib werden wolle", fährt Tristan unbeirrt fort (aber immerhin fährt er fort), "und er las die Antwort in ihren Augen. Und so wurde bald darauf geheiratet und die beiden lebten viele Jahre glücklich beisammen. Ein Kind nach dem anderen gebar sie ihm, alle zwei Jahre eins. Seine Sprache hatte sie bald gelernt, auch die Gebräuche seines Dorfes, obwohl sie von sich aus keinen Kontakt mit den Leuten suchte, sondern am liebsten mit Mann und Kindern alleine blieb. Vielleicht, weil die Leute im Ort gern über sie lästerten: wie sie spricht (ihren gurgelnden Akzent), wie sie geht (einladend die Hüften schwingend, wie kein braves Weib es wagen würde), vor allem aber über ihr kurzgeschorenes Haar, das sie niemals länger wachsen ließ, als wie ein Mann es trägt[6]. Eine Verbrecherin müsse sie sein, eine Diebin, entlaufene Sklavin, gar eine Kindsmörderin! Warum sonst hätte ihr jemand das Haar geschoren? Warum sonst schnitt sie es seither immer wieder selbst—wenn nicht wegen des schlechten Gewissens? Keine Frau würde sich freiwillig so hässlich machen! Und die Männer im Dorf riefen Jesper nach: 'Bei dir daheim hat wohl das Weib die Hosen an! Leg' sie mal ordentlich übers Knie, bis sie einsichtig wird: eine Männerfrisur macht noch keinen Männerverstand!'

Die Vorwürfe trafen Jesper sehr. Er wollte doch, dass jeder sein Weib so sah, wie er sie sah: gutherzig, fleißig, wunderschön! Beneiden müsste alle Welt ihn eigentlich um sie! Den Spott der Männer aber ertrug er noch weniger. Also fragte er eines Abends: 'Weib, musst du dir denn immer das Haar so kurz schneiden? Wieviel schöner könntest du sein mit langem Haar!' Darauf fragte sie erschrocken: 'Ja, findest du mich denn nicht schön, so wie ich bin? Liebst du mich nicht so, wie ich bin?'—'Doch, natürlich', versicherte er, 'aber die Leute! Sie lästern über dich und über uns, erfinden die gemeinsten Lügen, während sie darüber rätseln, warum ein Weib sich auf diese Weise den Liebreiz verschandelt. Warum tust du das? Ich selbst begreife es nicht. Warum willst du nicht... mir zuliebe... dein Haar wachsen lassen!' 'Ach, geliebter Mann', sprach sie darauf, den Tränen nahe. 'Warum, das kann ich nicht sagen, das darf ich nicht, aber glaube mir bitte, dass ich's dir zuliebe und nicht zum Trotze tu!' Doch Jesper bat und schalt und räsonierte und gab nicht nach, bis sie es schließlich tat, wenn auch mit größtem Widerwillen.

Und so kam es, dass Jespers Weib in dem Jahr, da ihr Leib sich sanft über seinem sechsten Kind wölbte, eines frühen Morgens vor ihm stand, nackt wie an dem Tag, da er sie das erste Mal erblickte, diesmal aber von ihrem seidig glänzenden braunschwarzen Haar umflossen, welches ihr nun bis zur Hüfte reichte. Sie war so schön, dass ihm die Tränen kamen. Auch ihr Blick war tränenverschleiert.  'Du warst ein guter Mann', sagte sie. 'Ich werde dich vermissen. Leb' wohl.' Und schon eilte sie davon in Richtung Strand, ohne weitere Erklärung, und unser Jesper humpelte hinterdrein so schnell er konnte, doch bekam sie nicht zu fassen. Am Meer angekommen, stürzte sein Weib sich ohne Zögern hinein. Bis zu den Knieen reichte ihr das Wasser, da klebte das Haar ihr bereits nass am Leib, ihre Blöße völlig bedeckend; die Hüfte aber umsprudelte das salzige Nass, da verschmolzen Haar und Haut zu einem Pelz; die Brust erreichte das Meer, da war des Fischers Weib verschwunden mitsamt des Kindes, das sie unter dem Herzen trug. An ihrer statt durchpflügte eine Robbe die schaumgekrönten Wellen. Jesper aber blieb am Strand zurück und heulte seinem Weib und Kind wehklagend hinterher.

Noch gut zwanzig Jahre lebte unser braver Fischersmann, aber sein geliebtes Weib sah er nie wieder. Selbst kurz vor seinem Tode kamen ihm noch die Tränen, wann immer er den Robben am Strand zuschaute."


~~~

"Eine Selkie!" ruft Astrid und klatscht erfreut in die Hände. "Wusst' ich's doch!" Doch sogleich empört sie sich: "Aber warum ist sie nicht geblieben, wenn sie Jesper doch so sehr liebt? Es hat sie doch keiner gezwungen, ins Meer zurückzukehren, bloß weil sie es nun konnte? Es blieb doch trotzdem ihre Wahl, nicht anders als zuvor, wenn sie sich selbst die Haare schnitt! Warum ist sie nicht einfach bei ihrem Mann und ihren Kindern geblieben? Wenn sie sie wirklich geliebt hätte, wäre sie geblieben!"

Astrids Eifer lässt ein Lächeln über Tristans Gesicht huschen, doch seine Stimme ist ernst, als er ihr entgegenhält: "Wenn Jesper sie wirklich geliebt hätte, hätte er ihr nicht so zugesetzt, sich doch das Haar wachsen zu lassen, bloß weil andere Frauen es lang tragen. Wenn er sie wirklich geliebt hätte, wäre es ihm egal gewesen, was die Männer in seinem Dorf redeten und erst recht die Weiber! Von Kind auf wusste er doch, dass die Leute nur dummes Zeug schwätzen und nichts die bösen Zungen je verstummen lässt. Er hätte einfach bloß zu seinem Weib halten müssen und ihr vertrauen!"

"Es begreift der Mensch sein Glück nicht, bis er es verliert", bringt Ingolf auf den Punkt, was er für die Moral der Geschichte hält.

Oh, aber ich begreife es, denkt Tristan sich, indem er Lîf über Haar und Wange streicht. Und Jesper hatte es auch begriffen. Und trotzdem ist's ihm zerronnen wie Sand unter den Fingern.
 1. Värangsk: Es ist gut, Liebes, ich werde ihm das zu trinken geben. – Du hast für heute genug getan. Du hast uns alle durchgebracht. Ich bin stolz auf dich!
 2. Värangsk: Es ist gut, Hilfe zu haben. Gut, dass du nicht alles allein tun musst. Gib einmal nach!"
 3. Zeitpunkt: nach dem Gespräch mit Rogar, wenn sich die meisten zur Nachtruhe bereitmachen. Hier schon gepostet in Vorbereitung der bald folgenden Überleitung zur Rast. Wer noch Fragen an Rogar hat, kann das Gespräch weiterführen (oder sich die Fragen auf den Morgen aufheben); wer keine Fragen mehr hat, kann schon auf Tristans Gute-Nacht Geschichte eingehen bzw. einfach seine eigenen Vorbereitungen für die Nachtruhe treffen.
 4. Die erste Wache übernehmen Halfdan und Hjálmarr.
 5. Neuer Skill auf Stufe 2: perform (oratory) = 26 (für die ganze Geschichte). Außerdem Bardenlied/fascinate (nur die Schilderungen der Liebeshandlungen): Astrid, Ingolf, Orren sind davon hin und weg (alle will saves missglückt, Orren nat. 1);
Spieler dürfen, wenn sie wollen, gegen DC 15 würfeln, oder selbst entscheiden, wie sehr die Geschichte (bzw. die expliziten Schilderungen) sie faszinieren.
@ alle: Wer auf sowas Lust hat bzw. Wert legt, dem sei ans Herz gelegt, die erste Anwendung eines neu erworbenen Skills im folgenden Spiel durch entsprechende Beschreibung ein wenig hervorheben, gerne auch mit Hinweis in einer Fußnote, dass SL und Gruppe auf den neuen Skill/Feat/Zauber aufmerksam werden.
 6. Also schulterlang.
« Letzte Änderung: 18.07.2017, 13:44:08 von Tristan »

Lîf

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Der Weihort
« Antwort #278 am: 16.07.2017, 11:07:29 »
Widerstandslos lässt sich Lîf von ihrem Mann auf die Pritsche befördern und liegt dort vorerst reglos und völlig erschöpft. Immerhin kommt sie hier, mit geschlossenen Augen, langsam wieder zu Atem und kann ihren schmerzenden Rücken ein wenig schonen. Den Absud für Talahan weiß sie bei Tristan in guten Händen, weshalb sie versucht, eine Weile lang ihre Gedanken von der Verpflichtung für Kranke und Verwundete zu lösen. Es fällt ihr allerdings nicht leicht, zu verdrängen, wozu sie sich als drudkvinde mit heiligen Eiden bekannt hat. Da sie schon nichts mehr von dem ganzen Elend sieht, horcht sie wenigstens auf die Stimmen der anderen, sucht die von Tristan und Talahan herauszufinden – trinkt der Gotteskrieger die Medizin auch wirklich? Und worüber reden Abdo und Freydis mit dem neuen Bekannten? Gelegentlich zwingt sie ihre Augenlider in die Höhe, um einen Blick in die Runde zu werfen, spürt aber die Schwere in ihren Gliedern, eine bleierne Müdigkeit, gegen die eines sehr viel besser helfen würde als jedes von der Großen Mutter erbetene Wunder, wie sie ahnt: eine tüchtige Portion Schlaf... mehrmals nickt sie kurz ein.

Aufgestört aus ihrer Ruhe wird die junge Frau erst wieder, als Rogar sie unvermittelt anspricht. Lîf öffnet die Augen, richtet ihren Oberkörper halb auf und starrt ihn verblüfft an. Er ist Heilkundiger, will sie gar untersuchen..?! Der Rotschopf zögert sichtlich. Schwangere werden für gewöhnlich von anderen Weibern betreut, nicht von Mannsleuten... noch dazu völlig fremden! Andererseits wecken seine Worte eine gewisse Neugier bei ihr. Er versteht sich also auf die Heilkunde? Gewiss ist er kein Schüler einer Weisen Frau, denn deren Wissen und Künste werden stets nur an Schülerinnen weitergegeben, die von Gaya besonders gezeichnet wurden – ein Mal, das nur eine andere Heilerin zu erkennen vermag. Er muss also anderswo in die Lehre gegangen sein. Mit einem knappen Nicken gibt sie ihm schließlich die Erlaubnis, schaut ihm dabei aber sehr aufmerksam zu, nachdem sie sich mit dem Rücken leicht gegen die Wand gelehnt hat, um einen besseren Überblick zu haben. Seine Fragen beantwortet sie ohne großes Aufhebens, sind doch der Körper und die Gesundheit natürliche Dinge, mit denen sie tagtäglich zu tun hat.

Erst als er sich über sie beugt, um ihren Leib abzutasten, weicht sie unwillkürlich zurück. Nur sehr zurückhaltend lässt sie zu, dass er weitermacht. Doch auf seine Mahnung lächelt sie kurz, mit einer Mischung aus Stolz und Amüsement. "Wo ich herkomme, Herr Rogar, gehen die Weiber zum Gebären auf die Seite, und wenn sie ihr Kind auf die Welt gebracht haben, arbeiten sie auf dem Feld weiter" meint sie und fügt an, bemüht, die Müdigkeit in ihrer Stimme zu verbergen: "Da werde ich es schon auch überstehen." Immerhin wird er feststellen, dass sie gesund und durchaus widerstandsfähiger wirkt, als man auf den ersten Blick meinen würde.

Als sich später wieder Tristan zu ihr setzt und sie in die Arme nimmt, lässt sie sich allerdings doch etwas mehr gehen und lehnt sich müde, mit geschlossenen Augen, gegen seine Brust. Ihre Hände liegen schlaff auf ihrem Schoß, ihr Kopf ist leicht zur Seite gesunken und liegt an seiner Schulter. Um ihre Lippen spielt allerdings ein glückliches Lächeln, während sie seiner Geschichte lauscht, halb in einem schlafähnlichen Zustand versunken, der ihr seine Worte als faszinierende Wirklichkeit vorgaukelt[1]. Während er sich in einer längeren und mehr als eindeutigen Passage der Handlung verliert, seufzt sie verschiedentlich leise, rutscht auf seinem Schoß hin und her und scheint sich in seiner Umarmung träge zu räkeln wie eine schlafende Katze, ohne ihre Augen ein einziges Mal zu öffnen. Tristan selbst mag es wohl scheinen, als ginge ihr Puls ein wenig rascher, und sein Weib strahle eine merkliche Wärme aus, während er den Faden seiner pikanten Geschichte weiterspinnt. Auf Astrids Fragen nach den Beweggründen der Protagonistin murmelt sie leise und wie selbstverständlich: "Es war ihre Natur...", als sei damit alles hinreichend erklärt.
 1. Aufgrund von Lîfs Hintergrund und der Bindung zu Tristan verzichte ich auf einen Rettungswurf an der Stelle.

Abdo al'Mbabi

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Der Weihort
« Antwort #279 am: 16.07.2017, 16:12:53 »
Nachdem er sich nun deutlich erholt fühlt, packt Abdo selbst ebenfalls bei den restlichen Aufräumarbeiten mit an, auch wenn die meiste Arbeit bereits getan ist. Dabei lässt er sich die Informationen des Dain noch einmal durch den Kopf gehen: So interessant sie auch sein mögen, wirklich erhellend sind auch sie nicht. Welche Art von Krankheit bringt Menschen dazu, nach ihrem Tod als Wiedergänger wieder aufzustehen? Was führen die anderen Mönche im Schilde, die nicht krank waren, aber dennoch mit den Untoten gemeinsame Sache machen? Und die wichtigste Frage von allen: Wie lässt sich dies alles aufhalten, und verhindern, dass das ganze übergreift - wie in dem Ort, aus dem sie gekommen sind?
Auf eines kann sich die versammelte Gruppe jedoch zumindest einigen: Eine Ruhepause ist notwendig, wollen sie dem Feind am nächsten Tag in voller Kraft entgegentreten.

In Abdos Gedankengänge platzt plötzlich die Geschichte Tristan herein, und dankbar für die Ablenkung tritt der Ya'Keheter näher heran, um sie sich anzuhören. Mag es auch eine Flucht vor der Realität mit den Shetani sein, er ist schon sein Leben lang begeistert gewesen von alten Geschichten, und ist gespannt, welcher Art diejenigen in diesen Landen sein würden.

Schnell ist Abdo gebannt von der Erzählweise Tristans; wohl hat er mitbekommen, dass Lîfs Ehemann sich als Sänger bezeichnet hat, doch nun muss er anerkennen, dass der Mann sein Handwerk außerordentlich gut versteht. Die Geschichte selbst, so erkennt der Kämpfer, ist weder sonderlich komplex noch geht die Handlung über eine schlichte Botschaft hinaus. Doch die Art und Weise, in der Tristan sie erzählt, haucht allem eine Seele ein und lässt die Zuhörer in die Welt eintauchen, die er beschwört.
Nun, den obszönen Teil müsste er vielleicht nicht so ausschmücken, wie er es tut, und Abdo schießt sofort wieder das Blut in den Kopf, als er versucht wegzuhören,[1] doch schließlich geht auch diese Episode vorüber.

Eine Sache, auch wenn es nur ein Detail ist, geht Abdo nach der Geschichte nicht aus dem Kopf. Er hatte sich zunächst erklären lassen müssen, was ein Klumpfuß ist. Eine solche Art von Fehlbildung ist natürlich auch in Ya'Kehet nicht unbekannt, und gerade in der heutigen Zeit ein schweres Los, denn viele Methoden der Behandlung sind nicht mehr bekannt oder können nicht mehr durchgeführt werden. Aber der enorme Aberglaube, der die Menschen hier dazu bringt, eine einfache Fehlstellung, wenn sie auch noch so schwer zu therapieren sein mag, als übernatürliches Übel zu sehen, steht in solch Kontrast zu den magischen Fähigkeiten, die hier so verbreitet zu sein scheinen. Und dazu: Können die Leute hier ein solches Leiden mit Hilfe ihrer Magie nicht einfach heilen?

Er wird aus dieser Welt einfach nicht schlau.
 1. Rettungswurf geschafft

Freydis

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Der Weihort
« Antwort #280 am: 17.07.2017, 19:06:05 »
Obwohl sie ihm aufmerksam zusieht ist Freydis ist klug genug - und zu müde- um Rogar mit Fragen in seiner Konzentration zu stören, zumal sie sich ernsthafte Sorgen um Talahan macht. Zu groß scheint ihr die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Paladin durch den Schleim mit dem infiziert hat, was an diesem Ort anscheinden schon so viele andere in schaurige Kopien ihrer selbst verwandelt hat. Sie kann nur hoffen, dass der Apothekarius weiß was er tut und ihm nach Kräften helfen.



Freydis ist trotz ihrer erschöpfung zu nervös um schnell einzuschlafen. Auch die Entspannungsübungen die Undis sie gelehrt hat wollen nicht wirken und so ist die Berührte zuerst genervt als Tristan zu seiner Geschichte anhebt.
Aber der Rungharder versteht sein Handwerk und da sie ohnehin nicht schlafen kann, kann sie ihm ebensogut zuhören und schnell zieht Tristan sie mit seiner gekonnten Erzählweise in den Bann. Nichteinmal die obzöneren Szenen schrecken sie ab. Der Geschmack der Albioner unterscheidet sich diesbezüglich nicht besonders von dem ihrer Rungarder Cousins und die wenigsten teilen die verklemmten, moralinsauren Ansichten der Anhänger des Einen.
Das Leid und die Einsamkeit des Fischers kann sie trotz ihrer viel nobleren Geburt nur zu gut nachvollziehen, schließlich hat ihr Vater sie ihrer Gabe wegen aus der Öffentlichkeit verbannt, viele der gleichaltrigen auf der Burg haben sie schlimmeres als blos Hexe genannt und selbst ihre eigene Zwillingsschwester war ihr mit Angst und Eifersucht begegnet.
Um so entäuschter ist sie, dass Jesper sein Glück, nachdem er gefunden hat  nicht hartnäckiger gegen die  verteidigt und so leichtfährtig aufs Spiel setzt. Sie teilt Astrids Verurteilung des Fischers aber nicht die seiner Frau. Wenn ein Mann nicht zu seiner Frau steht, darf er sich nicht wundern wenn sie ihn verlässt. Ihr tun nur die Kinder leid, die nun ohne Mutter werden aufwachsen müssen.
"The storm is up, and all is on the hazard."

William Shakespeare, Julius Cæsar (1599), Act V, scene 1, line 67.

Rogar, Apothekarius

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Der Weihort
« Antwort #281 am: 18.07.2017, 16:34:36 »
Lifs Worte lassen Rogars Miene sichtlich verfinstern und er hält kurz inne, bevor er weitermacht. "Und es wird auch erwartet von ihnen - keine gute Idee, aber wer nur so kurz lebt, verkürzt es gerne...", brummelt er, offensichtlich hat er noch wesentlich mehr Gedanken dazu, schweigt nur aus Höflichkeit.

Ansonsten setzt er später seine Arbeit mit der Ausrüstung des anderen Dain fort. Nach dem Kettenhemd bringt er auch Zeichen an der Schusswaffe, dem Köcher und jedem einzelnen Bolzen an. Metallbearbeitung scheint ihm ebenfalls vertraut zu sein. Immer wieder unterbricht er sie, um nach Talahan oder den Ergebnissen seiner Experimente und Analysen zu sehen. Einmal sieht er auch nach Abdo, da Lif diese Aufgabe hoffentlich nicht mehr wahrnimmt. Hier fragt er weniger.

So wird es immer später und Tritans Erzählung beginnt, während Rogar noch nicht fertig ist mit den Bolzen. Zunächst wundert er sich über die Neigung der Menschen, so viel mündlich wiederzugeben, was sicherlich weniger fest in den Fakten ist wie Geschriebenes vorzulesen. Eigentlich will er weiterarbeiten, sowohl mit dem Handwerk als auch der Betreuung der Patienten, aber er kann sich der Wirkung von Tristans Stimme nicht entziehen. So bleibt er sitzen und starrt ihn an. Warum die Menschen kein Problem in der Verbindung mit einem magischen Wesen sehen, ist ihm schleierhaft, aber so langsam dämmert ihm, dass es Tristan war, dessen Gesang das Schlachtfeld erfüllt hat. Mit dem Ende der Geschichte fällt ihm auf, dass er die ganze Zeit nichts produktives mehr getan hat. Er runzelt die Stirn und funkelt den Erzähler an, verkneift sich aber eine Bemerkung, um seine eigene Schwäche, ihm auf den Leim gegangen zu sein, nicht offenkundig werden zu lassen. Zusätzlich macht sich Rogar sorgen, wie es ihren Wachen ergangen ist. Wenn sie genauso durch die Stimme abgelenkt worden sind, hatten sie in einiger Gefahr geschwebt. Verärgert packt der Dain seine Sachen zusammen, dreht sich um und versucht, etwas Ruhe bis zu seiner Wache zu finden beziehungsweise seinem nächsten Blick auf die eigenen Wunden und die anderen Patienten.
« Letzte Änderung: 18.07.2017, 21:41:21 von Rogar, Apothekarius »

Gaja

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Der Weihort
« Antwort #282 am: 20.07.2017, 19:03:25 »
Rogar hat noch ganz andere Gründe, sich zu ärgern und zu sorgen, als Tristans bestensfalls unnötige, schlimmstenfalls schädliche erzählerische Ablenkung. Zum einen ist da Maduk. Natürlich war das da nicht wirklich Maduk gewesen, dessen sterbliche Überreste hier irgendwo achtlos herumliegen dürften, vielleicht im Keller? Außerdem hat Rogar, seit er von seinem unglückseligen Erkundungsgang zum Lager zurückkehrte und nur noch Kampfspuren und Verwüstung vorfand, eigentlich nicht mehr damit gerechnet, einen seiner Gefährten lebend wiederzusehen. Und ist Gewissheit nicht besser als Ungewissheit? Trotzdem...

Und dann ist da noch Talahans Zustand, der ihm ganz und gar nicht gefällt. All seine Untersuchungen deuten darauf hin, dass der Mann an demselben Fieber leidet wie die neun Patienten, die trotz bester Pflege nicht gesundeten, sondern sich vielmehr innerhalb von zwei Tagen in reißende Bestien verwandelten, die sich ausgehungert auf ihre ehemaligen Mitbrüder stürzten und ihnen das Fleisch von den Knochen rissen. Die Seuche, oder was immer das hier ist, breitet sich also aus. Eine Übertragung zwischen Infizierten ist also möglich. Seltsam allerdings... der falsche Maduk stirbt in einer Schleimexplosion... und Talahan hat Fieber? Müsste er nicht vielmehr an Schüttelfrost leiden, wenn er von Maduk angesteckt wurde?[1]

~~~

Sanft gleitet Lîf in den Schlaf hinab, geborgen in liebenden Armen. Gefahr? Nein, hier droht ihr nichts, hier ist sie in Sicherheit. Erleichtert lässt sie sich tiefer, immer tiefer sinken. Im Halbschlaf wird ihr gerade noch bewusst, dass Tristan ihr behutsam die nasse Kleidung vom Leibe schält und sich darauf zu ihr bettet, dann liegt sie bereits mit ihm am Meeresstrand, seufzt und räkelt sich im warmen Sand unter seinen warmen Händen, seinen Küssen, seinem Drängen. Wie sorglos und leicht ist ihr Herz, frei von jeder Scheu, jeder Scham, unschuldsrein! Denn was sie hier tut, ist gut und schön und richtig und von Gaja so gewollt. Und in welcher Fülle es geboten wird! Und wie gut es tut! Quellwasser in durstiger Kehle! Einfach nur die ganze Last, die Erschöpfung, alle Mühen und Gefahren der Straße von sich abfallen lassen; einfach nur fühlen und genießen dürfen; sich ihm öffnen und anvertrauen, seine Liebe in sich aufnehmen und sich daran laben dürfen und durstig nach mehr verlangen.

Freydis' Pritsche steht ein wenig abseits. Sie selbst hat sie so aufgestellt. Bisher hat niemand etwas zu ihren Zaubern gesagt, doch Abdos entgeisterter Blick ist ihr ebensowenig entgangen wie Rogars mitleidiger. Ein wenig neidisch beobachtet sie die traute Zweisamkeit Tristans und Lîfs oder auch Astrid mit ihrem Vater: zusammengesunken sitzt die Bauerntochter vor seinem Bett, das Gesicht an seine Schulter gelehnt, und schläft. Weder diese tiefe Elternliebe hat Freydis je erfahren noch rechnet sie damit, irgendwann einmal einen Gatten oder Gefährten zu finden, der ihren Lebensweg teilen will. So etwas gibt es nur in den Geschichten der Sänger und der alten Mütterchen und Väterchen, abends am Feuer, in den Stuben der einfachen Leute. Neidisch schaut sie auf das Treiben der anderen. Wie fröhlich und ungezwungen ist ihr Spiel! Wie spielerisch ihr Necken! Wie neckisch ihr Umgang miteinander! Wann immer sie bisher versucht hat, sich dazu zu gesellen, hat sie sich ungeschickt angestellt, tolpatschig, sich im Ton vergreifend, und selbst schnell beleidigt. Und so bleibt sie meist am Strand, während die Robbenkinder draußen tollen und toben, und grämt sich und grübelt und fragt sich betrübt: 'Werde ich den Vater je wiedersehen? Die lieben Geschwisterlein? Oder muss ich auf immer alleine bleiben, beim Volk meiner Mutter, obwohl ich ganz anders bin als alle hier?'

Rogar kann einfach nicht nachlassen in seinem rastlosen Tun. Vier Tage lang hing alles an ihm, musste er an alles denken, sich um alles kümmern. Das lässt sich nicht einfach abschütteln! Einer nach dem anderen um ihn herum begibt sich zur Ruhe und noch immer schnitzt und ritzt und werkelt er. Schließlich sind nur er und die beiden Wachen noch auf. Doch irgendwann wachen Halfdan und Hjálmarr allein.

Rogar läuft. Er läuft, so schnell ihn seine kurzen Beine tragen, sein Herz pumpt mächtig in seiner Brust, und die Lungen brennen. Läuft er vor etwas davon? Jemandem hinterher? Er lauscht in sich hinein: Angst ist da, ja, aber die Angst um jemand anderen, nicht um sich selbst; als zweites ein Gefühl von Sehnsucht und Verlust. Er sucht jemanden, der spurlos verschwunden ist. Nein, nicht spurlos: da vorne sieht er sie noch davoneilen, nackt wie die Natur sie erschaffen hat, gehüllt einzig in ihr wallendes, ihr braunschwarzes Haar. Er eilt hinterher, doch sie ist schneller. Schon entschwindet sie seinen Blicken! Er verdoppelt abermals seine Anstrengung und erreicht doch nichts, als dass ihm die Luft ausgeht, erst nach und nach, dann immer schneller, dann jappst er wie ein Fisch an Land. Nein, umgekehrt: im Wasser ist er plötzlich, es schlagen Wellen über seinem Kopf zusammen, und bevor er anhalten und umkehren kann, sackt ihm der Boden unter den Füßen weg und er versinkt wie ein Stein. Kalt. Nass. Drückend. Leer. Kehle und Lunge wollen ihm bersten, die Sinne vergehen... Da rauschen Stimmen an seinem Ohr vorbei, Bilder an seinem inneren Auge; weder das eine noch das andere kann er deutlich ausmachen... noch festhalten... noch sich erklären... wo ist hier oben? wo unten? wo Licht? wo Dunkel? Gibt es denn kein Entrinnen?

Auch Freydis verliert plötzlich den Boden unter den Füßen, als sich unter ihr eine Grube auftut. Ein alter Brunnen? Warum hat sie nicht besser achtgegeben? Nein, halt, es war nicht ihre Schuld: jemand hat sie hier hereingestoßen! Aber ach, es wird sie schon jemand vermissen und suchen und finden, nicht wahr? Die Schwestern, die Freunde! Doch halt, was ist das für ein schabend-knirschendes Geräusch? Warum wird es plötzlich so dunkel? So stickig? Warum rieselt feuchtes Erdreich auf sie herab? Warum hallt ihr Hilfeschrei so dumpf, so matt, so kläglich?


Trunken vor Freude und Lebenslust jauchzt Lîf derweil ihr Glück in die Welt hinaus—da wird es ihr plötzlich entrissen. Zwei Männer in dunklen Roben haben ihren Tristan gepackt und von ihr herunter gerissen und schütteln und treten und schlagen ihn jetzt, mit Fäusten oder Stöcken. Sie selbst wird von zwei weiteren auf die Füße gerissen, in groben Stoff gewickelt, geknebelt und verschnürt wie ein Sack, und wie ein solcher wirft ein fünfter Mann sie über seine Schulter und trägt sie davon. Sie weiß nicht, wie lange sie so getragen wird, eine enge, sich windene Straße entlang, zuletzt enge, sich windende Gänge, bis sie schließlich unsanft auf dem Boden abgeladen wird, der Knebel gelöst, die Fessel nicht. Ein Metallgitter schließt sich, ein Schlüssel knirscht im Schloss. Ihren Liebsten bringt man als nächstes, doch lässt man ihn nicht zu ihr. Man bindet ihn draußen fest, über einer Art Tisch gebeugt, die Arme über den Kopf gestreckt, die Beine auf dem Boden. Dann schlägt man ihn wieder mit Stöcken und einer dünnen Lederschnur, bis sein Rücken von blutigen Striemen überzogen ist und er selbst ganz heiser vor lauter Schreien und Bitten und Flehen. Und die ganze Zeit wird auf ihn eingeschimpft und auch auf sie: weil sie beide sich der Fleischeslust hingegeben hätten, der Sünde, der Versuchung, ihren perversen Gelüsten; auf ihn, weil er sein Gelübde als Mönch gebrochen habe; auf sie, weil sie ihn dazu verführte; auf beide, weil sie weder Moral noch Anstand kennten und schlimmer noch: weil sie in ihrer Sündhaftigkeit den Dämonen Tür und Tor öffneten, ihnen die Herzen weit aufrissen in ihrer schamlosen Gier, einen fruchtbareren Boden als ihre ungezügelte Triebhaftigkeit könne die Saat des Bösen gar nicht finden! Und auf all diese Weisen würden sie beide der Menschheit schaden, ihr die Ewigkeit im Paradies verwehren, denn das Paradies könne auf Erden erst herrschen, wenn sie alle fromm und gut und standhaft seien. Keine dieser Anschuldigungen ergibt irgendeinen Sinn in ihren Ohren, doch Lîf erinnert sich: hat Tristan sie nicht einst gewarnt? Hat er ihr nicht in ihrer ersten Nacht beisammen gesagt: für die Mönche ist es Sünde, was wir hier tun, dreimal Sünde?


Lîf fährt aus dem Schlaf hoch, das Herz schlägt ihr bis zum Hals. Ein erschrockener Blick umher, ein tränenblindes Tasten: sie ist nackt, in eine Decke aus groben Stoff gewickelt, in einem großen, von Morgenlicht gefüllten Raum. Tristan ist nirgends zu sehen.

Freydis' und Rogars Erwachen ist weniger schreckhaft. So überzeugend der Traum sich auch in seinem Verlauf anfühlte, sie wussten doch stets, dass es einer war. Ein Bild bleibt ihnen besonders klar in Erinnerung, ein schluchzendes Wort hallt in ihrem Kopf noch nach, da sie längst beide wach sind. Das seltsame daran: im Traum kam weder das eine noch das andere vor. Das Bild passt noch dazu so gar nicht dort hinein, eher könnte es aus Tristans Geschichte stammen:


Das Wort dagegen ist nicht schwer zu verstehen. Hilfe.[2]

~~~

Abdo und Aeryn
haben, anders als die Gefährten, gut geschlafen. Abdo erwacht erfrischt, Aeryn ein wenig schlaftrunken. Sie hat sich mit Freydis die unbeliebte mittlere Wache geteilt. Dabei bezog sie ihren Posten am Westfenster und Freydis übernahm das Südfenster, weil sie beide sich zuvor nicht einig wurden, wer sinnvoller unten im Erdgeschoss, wer im ersten Stock aufzustellen sei, und dann gemeinsam beschlossen, dass keine von ihnen unten viel ausrichten könne, sollte der Feind tatsächlich zum Sturm ansetzen. Da wäre es doch besser, den Hof zu jeder Zeit und so gut wie möglich im Auge zu behalten. So still und verlassen man diesen vom Tage her kannte, so geschäftig wurde hier nachts das Leben. Überall schlichen Schatten herum, wurde geatmet, geschnauft, gefaucht und drohend gezischt, es gab stapfende und schlurfende Schritte, ein Scharren und Schaben, als noch zweimal das Tor geöffnet und wieder geschlossen wurde (das Nordtor, wie schon zuvor), bisweilen auch ein Kratzen und Schnüffeln unten an ihrer Tür. Doch der befürchtete Sturm blieb aus. Was ebenfalls keiner der Wachen je hörte, trotz des regen Treibens im Hof: Stimmen.

Als die Gefährten sich umschauen, fehlt neben Tristan auch Astrid. Ihr Vater, Halfdan, das ungleiche Bruderpaar und auch Talahan schlafen noch.[3]
 1. Habe deine Heilwürfe jetzt nicht im einzelnen aufgeschlüsselt. Eigentlich stecken hier höchstens zwei Würfe drin: Diagnose und der Rückschluss bzgl. der irregulären Ansteckungsweise (man holt sich Fieber von einem ehemaligen "Schüttelfrostpatienten"??). Mehr Info gab es nicht zu holen, mehr Heilung nicht zu bewirken. Verwahre Dir Deine Heilerkit-Anwendungen lieber für "richtige" Behandlungen.
Talahan hat sich übrigens schon bei Edgar angesteckt, der aber auch zu den "falschen" Mönchen zählte. Für diejenigen, die sich erinnern und aufpassen: eigentlich hatte Talahan seinen Rettungswurf damals geschafft. Im Sinne des Spielflusses und um die Gruppe unabhängig zu machen, ignoriere ich den ersten Wurf und lege fest, dass er ihn NICHT geschafft hat. Dies zur Beruhigung: normalerweise heißt ein gelunger fortitude save, dass man sich nicht ansteckt.
 2. Geträumt hat, wer sich auf Tristans Geschichte einließ und den will save vermasselt hat (ob freiwillig oder nicht). Ein weiterer will save galt dem Traum; Lîf hat ihn nicht geschafft, deswegen erkennt sie beim Träumen nicht, dass sie träumt; Rogar und Freydis haben ihn geschafft, deswegen wussten sie es und haben die beiden bleibenden Eindrücke zum Schluss noch mitgenommen.
 3. Lîfs Heilwurf ist nicht vergessen. Ein Blick in Talahans Richtung genügt und ich schreib kurz was dazu.
« Letzte Änderung: 21.07.2017, 19:16:19 von Gaja »

Lîf

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Der Weihort
« Antwort #283 am: 21.07.2017, 14:01:19 »
Als sie aus dem Schlaf hochschreckt, ist die junge drudkvinde noch mehr als erregt. Denn da waren zunächst die leidenschaftlichen Momente in Tristans Armen, die sie aufgewühlt haben und das Feuer in ihr hoch auflodern ließen – Momente, die für sie die Erfüllung ihrer Sehnsüchte und zugleich das inbrünstigste Gebet zur Großen Mutter darstellten, das sich denken lässt: Die Vereinigung von Mann und Weib, jene einzige Form, in der der Mensch, das unvollkommene, schwache Geschöpf, der göttlichen Vollkommenheit nahe genug kommt, um sie zu erahnen! Ihr Herz hat unter den stürmischen Liebkosungen so stark gepocht wie seit langem nicht mehr, ihr Körper wurde, äußeres Zeichen des Urweiblichen, des ewig Gebärenden, heiß wie eine Flamme. Er glühte und war in süßen Schweiß gebadet, umhüllte auch ihren Liebsten, dessen Manneskraft in ihren Schoß einschlug wie der Blitz, Ausgeburt des Urmännlichen, in den jungfräulichen Schoß der Erde. Und dann kamen die dunklen Männer in ihren Roben, rissen Lîf aus Tristans Armen, banden die schreiende, kämpfende Heilerin, erstickten die Gebete, mit denen sie Gayas feurigen Zorn auf die Frevler herab beschwor, mit einem Knebel, verschleppten sie an einen dunklen, kalten Ort... Wo sie zusehen musste, wie sie ihren Tristan quälten, den Menschen, der ihr nebst ihrem Ungeborenen Kind, seinem Kind, der wichtigste auf der Welt ist!

Die Tränen sind ihr über die Wangen gelaufen, geboren aus dem Leid, das Tristan durchlitt, und dem Hass, der Wut auf die Schergen, die ihr Glück zerstört haben. Geschrien hat sie, bis sie heiser war, sich in ihren Fesseln aufgebäumt, bis sie ihr die Haut blutig schrammten. Und als sie schließlich einsehen musste, dass sie nichts tun konnte, schlugen Schmerz und Hilflosigkeit über ihr zusammen wie eine Woge. Die Tränen flossen so heiß wie zuvor ihre Leidenschaft. Die Stimmen der Peiniger gellten in ihren Ohren, mit falschen Anklagen um erdachte Sünden – als könnte Sünde sein, was die Herrin selbst Ihren Geschöpfen zum Geschenk und zum Gebot gemacht hat! Nun endlich kommt sie wieder hoch, kann Tristan nicht finden und springt auf, mit einem wilden Schrei auf den Lippen: "TRISTAN..!!" Ihr Herz schlägt wie besessen, als sie sich mit einem wilden Ausdruck in den Augen umblickt, die feuerrote Mähne wie ein zerzauster Schleier um ihren nackten Oberkörper. Dann, noch halb betäubt, wird sie sich der Tatsache bewusst, dass ihre Fußsohlen auf kaltem Boden stehen, dass rund um sie Schweigen herrscht – betretenes, erstauntes Schweigen..?

Diverse Augenpaare sind auf sie gerichtet, die sie dort inmitten des Raumes steht, wie die Große Mutter sie schuf, denn die wollene Decke ist ihr beim Aufspringen unbeachtet von den Schultern gerutscht. Völlig verwirrt blinzelt sie einige Male, fühlt die Glut des Feuers in ihrem Herzen langsam immer weiter in sich zusammensinken, ihren Zorn verrauchen, bis nur noch pure Ratlosigkeit übriggeblieben ist und sie überlegen muss, wo sie überhaupt ist. Endlich fasst sie in einer schnippisch wirkenden Geste nach der Decke, hüllt sich wieder darin ein und fragt mit deutlich ruhigerer, wenn auch immer noch leicht zitternder Stimme: "Wo... wo ist mein Mann?" Man sieht ihr an, dass sie noch nicht endgültig wieder in der Realität angekommen ist. Ganz erstaunt befühlt sie ihre Handgelenke, die völlig unversehrt erscheinen. Wo sind die Male der Stricke geblieben, die blutigen Striemen, wo die Blutergüsse von den groben, rücksichtslosen Männerfäusten, die sie brutal fesselten..?!

Abdo al'Mbabi

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Der Weihort
« Antwort #284 am: 22.07.2017, 13:07:50 »
Als Abdo aus seinem traumlosen Schlaf aufwacht, fühlt er sich erfrischt wie schon lange nicht mehr. Zwar spürt er noch die eine oder andere Blessur aus dem Kampf des Vortages, aber was immer Talahan mit ihm gemacht hat - fast scheint es seine Lebenskraft insgesamt erhöht zu haben!
Der Gedanke an Talahan lässt ihn sich zu dem Gotteskrieger umdrehen: Welche Heilmagie auch immer er besitzt: Gegen das, was ihn befallen hat, scheint sie nicht zu wirken. Talahan sieht im Gegensatz zu den anderen nicht erholt aus - im Gegenteil, sein Fieber scheint eher noch schlimmer geworden zu sein.

Gerade als Abdo aufstehen will, um sich ein Bild von ihrer Lage nach dieser Nacht zu verschaffen, hört er den Schrei Lîfs. Sofort dreht er sich zu der Heilerin um, und seine Augen weiten sich erschrocken! Einen kurzen Moment des Schocks lang haftet sein Blick an ihrem splitternackten Körper, bis er sich entsetzt umdreht und die Augen abwendet. Entsetzt nicht über das, was er dort zu sehen bekommen hat, sondern über sich selbst und die unzüchtigen Gedanken, die ihn bei dem Anblick befielen. Plötzlich wird ihm sein Traum vom Vortag wieder gegenwärtig, doch diesmal behält der Dunkelhäutige sich besser unter Kontrolle. Ruhig und tief atmet er ein und aus und zählt dabei seine Atemzüge; als sich sein Brustkorb zum fünften Mal senkt, ist sein Zittern vorüber und seine Gedanken in der Lage, sich zu fokussieren.

"Habt Ihr Eure Blöße bedeckt?" fragt er flehend an die sich hinter ihm befindliche Lîf gerichtet, wobei er automatisch die distanzierte Anrede benutzt, die er eigentlich schon abgelegt hatte.
"Hat ihn irgendjemand aufstehen oder den Raum verlassen sehen? Wer hatte die letzte Wache?" fährt er an den ganzen Raum gewandt fort. Was in Aris Namen hatte den Mann bewogen, die relative Sicherheit dieses Zimmers zu verlassen?

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