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Autor Thema: Der Weihort  (Gelesen 32204 mal)

Beschreibung: Episode 1

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Gaja

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Der Weihort
« Antwort #660 am: 03.08.2018, 22:43:44 »
Als Rogar sie anspricht, wendet Solveig ihm zunächst aufmerksam den Blick zu, doch ihre Miene verschließt sich sogleich wieder, als sie sein Anliegen begreift. Die Indirektheit, mit der er es in Worte verpackt, verstärkt eigentlich nur den Eindruck der Aufdringlichkeit—wie Lîf und Kjartan, sollten sie den kurzen Austausch mitanhören, auffällen würde. Immerhin könnte dem Zwerg Solveigs rascher Seitenblick in Richtung der Novizin auffallen, aus welchem man vielleicht schließen könnte, dass sie vor dem Mädchen nicht offen reden möchte.[1]

"An meiner Ausbildung kann ich nichts ungewöhnliches finden", erwidert sie, "und auch nicht an meinem Meister, außer dass er ein wenig eigenbrötlerisch ist und nichts so sehr schätzt, als dass man ihm seine Ruhe lässt."

Diese Worte klingen so harsch, dass Solveig darüber selbst zu erschrecken scheint. In versöhnlicherem Ton fügt sie rasch hinzu: "Die Seuche allerdings bereitet auch ihm große Sorge. Helft uns dabei, sie zu besiegen, und ich will gerne mit ihm reden und ihm von eurem Interesse an seinen Lehren berichten. Ich kann aber nicht versprechen, dass ich etwas erreiche. Er leidet nur wenige in seiner Nähe."

Kaum hat Hildegerd noch ein letztes Mal Abdos und Rogars Stirn gefühlt hat und sie, die Abwesenheit von Fieber konstatierend, mit einem wohlwollenden Nicken entlassen, machen die Gefährten sich zum Anwesen der Familie Villag auf, wo sie den Fürstensohn Uther anzutreffen hoffen. Da Solveigs Hütte sich nördlich, das fürstliche Anwesen aber südlich von Ansdag befindet, führt ihr Weg sie einmal quer durch den Ort, welcher trotz des fortgeschrittenen Vormittags noch immer so verlassen vor wie am frühen Morgen. Ein paar Köpfe blicken ihnen aus Türspalten nach, der ein oder andere Segensspruch wird ihnen zwischen Fensterläden hinterhergemurmelt, die sich rasch darauf wieder schließen: "Möge der Eine mit euch sein! Möge er euch beschützen!"

Dann sind liegt Ansdag hinter ihnen. Kjartan deutet nach vorne. Auf einem sanften Hügel ist dort das Anwesen des Fürsten bereits zu sehen. Ein etwa halbstündiger Marsch würde sie dorthin bringen.

Die Straße führt in leichten Windungen direkt auf den Hügel zu. Felder liegen zu beiden Seiten, das Korn überreif. Es ist eine liebliche Landschaft, durch die sie schreiten, und doch... hier und dort, wer die Augen aufhält und sich richtig umschaut, sieht auch hier immer wieder Zeichen der Verderbnis. Senken voller blasser Pilze. Eine gänzlich kahlgefressene Hecke. Ein Feld verfaulter, verschimmelter Kohlkäpfe. Ein Grüppchen kahler, verkrüppelter Bäume, die eigentlich jung und voller Saft sein müssten. Dazwischen gab es aber auch wieder lange Strecken, auf denen alles normal zu sein schien. Klar jedenfalls wurde, dass nicht nur die Nähe des Baches ausschlaggeben war, denn diesen hatten sie längst weit hinter sich gelassen.

Tristan schreitet schweigend an Lîfs Seite, ihre Hand in der Seinen. Die anderen folgen ihnen oder gehen voraus, ganz wie es ihnen gefällt. Vielleicht wagt Kjartan endlich, die Fragen zu stellen, die ihn beschäftigen? Vielleicht will auch einer der Gefährten etwas über den Mann erfahren, den Ninae ihnen offenbar zur Verstärkung entsandt hat, als Dankeschön für ihre Rettung?

Je länger Kjartan jedenfalls in der vertrauten Landschaft unterwegs ist, je weiter der Teich der Nymphen hinter ihnen zurückbleibt, desto wirklicher fühlt er sich. Sein Kopf wird klarer, die Selbstzweifel lassen nach, sogar die Grübelei reduziert sich auf ein erträgliches Maß. Kann man gar von Zuversicht und Tatendrang sprechen? Immerhin fasst er sich ein Herz und lenkt seine Schritte an Abdos Seite.
 1. Wenn Dir ein perception = 12 gelingt.

Lîf

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Der Weihort
« Antwort #661 am: 04.08.2018, 14:57:09 »
Falls Lîf bemerkt hat, dass der Dain mit seiner fremden Art erneut bei Solveig angeeckt ist, hat sie es vorgezogen, schweigend darüber hinwegzugehen. Als gewählte Mittlerin der Gruppe wäre es wohl kaum klug, den reizbaren kleinen Krieger weiter zu beschämen und damit womöglich gegen sich aufzubringen. Nachdem man also endlich zum Aufbruch gekommen ist, hat sie sofort Tristans Nähe gesucht und ihre Hand in die seine gelegt. Ihr Reisebündel, gut geschnürt und sorgfältig gepackt, belastet sie heute weniger, wie ihr scheint. Und auch wenn ihr sichtlich wachsender Bauch allmählich zu einer Last für sich wird, wirkt die gesunde, rotwangige Bauerstocher heute dank der stärkenden Ruhe munter und durchaus zu einem strammen Marsch in der Lage. Die Segenswünsche der Dörfler hat die junge drudkvinde jeweils mit einem Lächeln, einem Nicken und einer stummen Segensgeste beantwortet, mit der sie die Leute ihrerseits dem Schutz der Großen Mutter anempfiehlt.

Hat sie danach zunächst deutlich die frische Luft, die Sonne und die freie Natur genossen, allen zugelächelt und Kjartan mit ein paar höflichen Fragen den Weg in ein Gespräch zu erleichtern versucht, so ist ihr mit der wachsenden Zahl an Zeichen der Verderbnis allerdings anzumerken, wie ihre Stimmung düsterer und düsterer wird. Ihre Augen gleiten über kahle Stellen, faulige Pflanzen, ihre Nasenflügel beben leise, wenn man den Geruch verrotteter Früchte wahrnimmt, und ihre meergrünen Augen nehmen immer mehr den Ausdruck tiefer Trauer an. Offenbar bereitet ihr dieser Anblick beinahe körperliche Schmerzen. Wer sie sehr aufmerksam beobachtet, wird feststellen, dass sie an entsprechenden Stellen ihre Blicke mit Gewalt von dem scheußlichen Anblick losreißt, ihre Schritte beschleunigt und mit der freien Hand jeweils traditionelle Schutzzeichen gegen das Böse über ihrem gewölbten Bauch macht. Als das Anwesen langsam näher rückt, flüstert sie ihrem Mann zu: "Jeg føler mig noget dårligt her... Jeg er bange for, kæreste!"[1]
 1. Ich spüre hier etwas Böses... Ich habe Angst, Liebster!

Abdo al'Mbabi

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Der Weihort
« Antwort #662 am: 08.08.2018, 14:49:32 »
Abdo fühlt sich frisch und ausgeruht, sowohl körperlich als auch mental, als sich die Gruppe, nun unter Lîfs Führung, auf den Weg zum Sitz des Fürsten macht. Nun hat er auch endlich den Kopf frei, um sich näher mit dem Neuzugang ihrer kleinen Gemeinschaft zu befassen. Während er noch darüber sinniert, wie er den Mann, der offenbar ja von Ninae geschickt wurde (bei der er sich noch immer nicht im Klaren ist, was er von ihr eigentlich zu halten hat), bemerkt er, wie ebenjener Kjartan zu Abdo aufschließt und neben ihm her zu trotten beginnt.

Auch wenn die Erinnerung an den vergangenen Tag wie durch einen Schleier zu ihm dringt, weiß der Ya'Keheter noch, dass Kjartan ihm einige Fragen gestellt hatte - die er, wie er zu seiner Schande gestehen muss, recht rabiat ignoriert hatte. Er entschuldigt sein Verhalten sich selbst gegenüber mit seinem gestrigen Zustand und nimmt sich vor, dem jungen Mann nun Rede und Antwort zu stehen.
"Ich muss mich bei dir entschuldigen für mein Verhalten gestern." beginnt Abdo in seinem fremdländischen Akzent. "Es war ein harter Tag, über den ich ungern sprechen möchte. Zuviel ist geschehen, worüber ich zuerst mit mir selbst ins Reine kommen muss.
Doch du hattest Fragen, und ich will versuchen, sie dir zu beantworten. Ich bin wohl zu sehr daran gewöhnt, dass die Menschen hier mich als Dämon oder Teufel betrachten, als dass ich an ein echtes Interesse von dir glauben konnte.

Meine Heimat ist Ya'Kehet, weit entfernt im Osten gelegen. Einst war es ein blühendes Reich, ein einziger, geeinter Kontinent, dreitausend Meilen vom Morgen zum Abend reichend, und zweitausend von Nord nach Süd, von den Olivenhainen Meshkendis zu den Wäldern der Regenküste. Ein Land mit weiten Wüsten, blühenden Oasen und fruchtbaren Flussläufen. Seit der Vereinigung vor fast eineinhalb Jahrhunderten blühte die Zivilisation unter dem Austausch aller Teilregionen auf. Künstler und Wissenschaftler von überall her strömten nach Surail, in die Hauptstadt, und überboten sich gegenseitig mit ihren wundervollen Schöpfungen."

Die Augen des Dunkelhäutigen begannen zu glänzen, als er von der Erinnerung an seine Heimat sprach; ein seltener Moment für Abdo, der sonst so bedacht darauf schien, keine Schwäche zu zeigen. Er machte eine Pause, als er scheinbar um Worte ringen musste.

"Doch all das ist vergangen, schlagartig vernichtet, als Ya'Kehet vor dreißig Jahren von einem Feind überrannt wurde, der all unsere Vorstellungskraft überstieg. Wir nennen sie Shetani, doch in eurer Sprache sprecht ihr von Dämonen. Es sollte ein Festtag werden, die Einweihung des großartigsten und prächtigsten Bauwerkes, das jemals unter Aris' Augen geschaffen wurde, der großen Moschee. Doch es sollte anders kommen.

Ich war fünf Jahre alt damals, meine Mutter war Wissenschaftlerin an der Universität von Serail, und durfte als Gast bei der Eröffnungszeremonie in der Moschee sein. Ich musste zuhause bleiben - ich kann mich noch heute daran erinnern, wie bockig ich war, weil ich nicht mitkommen durfte. Ich habe ihr zum Abschied gesagt, ich wünschte, die Kuppel würde einstürzen ... hätte ich nur gewusst, dass ich sie nie wiedersehen würde. Wie oft habe ich nachts wachgelegen und mir Vorwürfe gemacht, dass wir im Streit auseinandergegangen sind. Wie gerne hätte ich ihr gesagt, wie sehr ich sie liebe."

Niemand von den Gefährten hatte diesen Teil der Geschichte bisher gehört; alles was sie wussten war, dass Ya'Kehet einst von Dämonen überrannt wurde. Doch niemand wusste oder hatte gefragt, wie Abdo selbst das alles miterlebt hatte. Der Krieger konnte seine Tränen nun nicht mehr unterdrücken, und einige dicke Perlen liefen über seine Wange.
"Mein Vater blieb mit mir zuhause. Wie es so ist mit fünf Jahren, nach kurzer Zeit hatte ich vergessen, warum ich bockig war, und spielte in meinem Zimmer. Irgendwann hörte ich ein Donnergrollen, und danach Schreie draußen auf der Straße. Ich ging also zum Fenster um nachzusehen. Mein Zimmer war im ersten Stockwerk, und ich konnte die große Moschee auf dem Hügel in der Mitte der Stadt von dort sehen. Mein ganzes Leben lang kannte ich diesen Anblick, doch jetzt war die große Glaskuppel nicht mehr zu sehen. Sie war eingestürzt, und Rauchschwaden stiegen daraus empor. Natürlich dachte ich, es wäre meine Schuld."
Abdo stockte, sprach dann jedoch weiter.

"Dann sah ich auf die Straße, und erblickte zum ersten Mal in meinem Leben einen Shetani. Es war ein wildes, stumpfsinniges Monster, mit Klauen bewehrt, und es durchbohrte genau in diesem Moment den Brustkorb einer Passantin. Es war unsere Nachbarin, und bis heute sehe ich den entsetzten Ausdruck auf ihrem Gesicht im Moment ihres Todes.
Im nächsten Moment wurde ich vom Fenster weggezerrt. Mein Vater steckte mich in eine Kleidertruhe und sagte mir, ich solle keinen Laut von mir geben, bis er wieder käme und mich holen würde. Ich sah auch ihn nie wieder.
Drei Nächte und drei Tage blieb ich in der Truhe, entschlossen, mich nicht noch einmal meinen Eltern zu widersetzen, nachdem beim letzten Mal die Kuppel eingestürzt war. Die Geräusche, die ich während dieser Zeit gehört habe, habe ich so gut es geht verdrängt - ich habe die gesamte Verwüstung Serails in einer Truhe erlebt, und hatte Glück, dass unser Haus relativ unversehrt blieb.

Nach zwei Tagen hörten die Geräusche langsam auf, doch ich war immer noch zu verstört, als dass ich mich getraut hätte, meine Truhe zu verlassen. Ich hatte etwas Wasser, das mir mein Vater zugesteckt hatte, doch nichts zu essen - mein Magen knurrte so laut, dass ich Angst hatte, die Monster würden es durch die Wand der Truhe hören.
Als noch ein weiterer Tag vergangen war, hörte ich plötzlich eine Stimme, die nach mir und meinen Eltern rief, und endlich traute ich mich zu antworten. Es war mein Onkel Mohamad, der sich durch die Trümmer Serails gekämpft hatte, in der Hoffnung, die Familie seiner Schwester lebend anzutreffen. Er nahm mich mit, und auf dem Weg aus der Stadt heraus sah ich zum ersten Mal das Ausmaß dessen, was geschehen war. Alles war zerstört. Häuser, Bäume, Straßen, es blieben nur Trümmer übrig. Und überall lagen Leichen, verstümmelt, mit schrecklichen Wunden. Mein Onkel versuchte, so viel wie möglich von mir abzuschirmen, aber das Grauen war überall, und ich konnte meinen Blick nicht abwenden.

Eine Million Einwohner hatte Serail vor diesem Tag gehabt, am Ende waren es vielleicht zweitausend, die überlebt hatten. Genau weiß es bis heute niemand, die Verwaltung, die gesamte Zivilisation ist an diesem Tag zusammengebrochen.
Denn es war nicht nur die Hauptstadt: Überall in Ya'Kehet überrannten Shetani die Städte und Dörfer, sie kamen scheinbar aus dem Nichts.

Natürlich gab es Überlebende, wir sammelten uns in Ruinen, Höhlen. An Orten, die verborgen waren und schnell geräumt werden konnten. Es bildete sich eine neue Art von Gesellschaft, basierend auf dem Willen zu Überleben. Mein Onkel war ein Mitglied des Ordens von Ekdal, ein Orden frommer Frauen und Männer, von Aris gesegnet, die sich der Aufgabe verschrieben haben, Aris' Schöpfung zu bewahren. Die Mitglieder des Ordens nennen sich Mo'Ansh, was für die Ohren der Dalaraner, denen ich davon erzählt habe, wohl wie euer Wort Mönch klingt. Doch es ist weit entfernt von den hiesigen Mönchen, wenn auch wir uns unserem Gott verschrieben haben.
Denn mein Onkel nahm auch mich in den Orden auf und begann, mich zu unterrichten. Ihr müsst wissen, die Mo'Ansh von Ekdal streben nach der Einheit und absoluten Beherrschung von Körper und Geist, doch es gibt diejenigen, die sich dabei stärker dem Geist verschrieben haben, und diejenigen, die sich wie ich stärker dem Körper widmen. Beide wurden nach dem Zusammenbruch gebracht - die einen, um unser Wissen und die Reste unserer Zivilisation zu retten und eine neue aufzubauen; die anderen, um den Kampf gegen die Shetani aufzunehmen. Dabei verlassen wir uns nicht, oder nur selten, auf Waffen, wie du ja festgestellt hast. Unser Ziel ist die komplette Einheit von Körper und Geist, ein Zustand der höchsten Konzentration, der unseren Körper selbst zur Waffe werden lässt. Er ermöglicht es unseren Meistern, eine Kraft zu kanalisieren, die wir Ki nennen und die erstaunliche Leistungen möglich macht. Wahre Meister können ihren Körper durch reine Willenskraft von Krankheiten reinigen, oder ihren Schlägen die Härter seltenster Metalle verleihen. Ich jedoch bin noch ein blutiger Anfänger.

Seit dreißig Jahren haben wir uns also diesem Kampf verschrieben, doch entscheidende Fortschritte sind uns nicht gelungen. Noch immer kämpfen wir um unser Überleben, ohne den Feind zurückdrängen zu können. Wir haben eine Art von Gesellschaft wiederaufgebaut, doch wir leben weiterhin im Untergrund. Doch es gab Hoffnung, denn eine unserer Ältesten hatte eine Vision, von einem Land, das ebenfalls von den Shetani angegriffen wird, aber sich dem Ansturm bis jetzt erwehren konnte. Zehn Krieger wurden ausgesandt, um dieses Land zu finden und damit das Wissen, wie die Shetani bekämpft werden können. Nur ich habe überlebt, und wurde mit meinen letzten Kräften an die Küste Dalarans geschwemmt, nachdem ein Sturm uns erfasst und weit von der uns bekannten Welt weggetragen hat."


Während er gesprochen hat, ist Abdo mit glasigem Blick weitermarschiert, ohne darauf zu achten, ob ihm noch jemand zuhört. Nun jedoch bleibt er abrupt stehen und blickt Kjartan an. "Nichts davon hilft uns bei unserem Ziel. Wir sollten besser überlegen, was wir Uther sagen wollen, statt uns an alte Geschichten zu klammern."
« Letzte Änderung: 08.08.2018, 14:50:38 von Abdo al'Mbabi »

Kjartan

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Der Weihort
« Antwort #663 am: 09.08.2018, 13:53:06 »
Schweigend hört Kjartan der Geschichte des dunkelhäutigen Kriegers zu. Er muss zugeben, dass Abdo ein guter Erzähler ist. Sofort tauchen Bilder vor Kjartans innerem Auge auf - und alles ist so groß und fantastisch. Und während sich in ihm wiederum ein solches Gefühl von Sehnsucht und Fernweh entwickelt, ergreift auch ein furchtbarer Schrecken sein Herz, denn die Invasion der Dämonen klingt so unglaublich bedrohlich.

"Es muss ein sehr schönes Land gewesen sein.", hebt er nach ein kurzen Weile des Schreckens an. "Viel fortschrittlicher und schöner, als unser Land. Die Menschen hier sind hart arbeitend, geradeheraus und natürlich. Gleichzeitig glauben wir an Zeichen und Spukgeschichten. Wir sind fest verbunden mit unserer Lebensweise und unseren Traditionen. In hundert Jahren hätte sich kaum etwas verändert - wenn nicht die Mönche des einen Gottes gekommen wären. Dass es so etwas wie Wissenschaft gibt, habe ich das erste Mal aus den Mündern der Mönchen des einen Gottes gehört. Und dabei weiß ich nicht einmal, was dieses Wort bedeutet. Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, dass man Bücher liest, die weise Männer geschrieben haben. Ich kann aber nicht lesen." Kjartan blickt traurig in die Ferne.

"Es... tut mir leid, dass Euer Land verwüstet worden ist. Und es tut mir leid, dass meine Worte so kraftlos klingen. Aber ich fühle mit Euch. Und dass ist die Wahrheit."

Dann klart sich sein Blick auf, er fasst allen seinen Mut zusammen und blickt Abdo entschlossen an. "Ich kann Euch nichts geben und Ihr könnt von mir keine Gegenleistung erwarten, denn ich habe nichts, was Ihr von mir begehren könntet. Ich bin ein einfacher Fischersohn, der sich nach etwas sehnt, dass er selber nicht einmal vor Augen hat. Ich glaube, ich suche... Erlösung von dem Verlangen in meinem Herzen. Ich will, dass die Umtriebigkeit in mir aufhört. Und auch die Angst davor, dass ich ein sinnloses  Leben geführt habe. Es ist so, als ob mein Herz und mein Verstand ein unheilvolles Bündnis eingegangen wären. Keine Religion und kein Mittel hat mir bisher helfen können. Bitte Abdo - Ihr sprecht von der Einheit von Geist und Körper - bitte bringt mir alles bei, was Ihr wisst! Ich will Euer Schüler werden!"
« Letzte Änderung: 09.08.2018, 13:54:23 von Kjartan »

Aeryn

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Der Weihort
« Antwort #664 am: 09.08.2018, 15:21:24 »
Aeryn ist froh, wieder unterwegs zu sein. Sie erfreut sich an den Anblicken, sofern es denn möglich ist, denn die Verseuchung des Landes hatte offenbar auch hierhin gegriffen und immer die Anzeichen, die sie immer wieder bemerkten, stimmten die Elbin traurig.

Dementsprechend sagt sie auch nicht viel, zumal die anderen ja noch einiges zu bereden hatten, wie es schien.

Irgendwann schließt sie zu Lîf und Tristan auf und meint: "Wir sollten uns vielleicht im Vorfeld genau überlegen, was wir Uther fragen wollen. Und je nachdem, ob sein Vater auch da ist, sollten wir auf jeden Fall versuchen, ihn etwas abseits anzusprechen. Die beiden scheinen ja nicht gerade dieselbe Ansicht zu teilen."

Rogar, Apothekarius

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Der Weihort
« Antwort #665 am: 09.08.2018, 23:49:39 »
Solveigs Seitenblick, als sie ihre Antwort gab, ffiel Rogar nicht auf. Er zeigte auch keine Reaktion, ob er sie als unhöflich empfandt. Stattdessen sagte er nur: "Es liegt mir fern, mich aufdrängen zu wollen. Ich bin für jede Möglichkeit des Informationsaustauschs dankbar." Damit belässt er es auch. Die anschließende Untersuchung lässt er über sich ergehen, auch wenn er das Ergebnis schon kennt. Er gönnt den Damen einer seiner Zunft ähnlicher Berufung die Möglichkeit, sich selbst abzusichern, ohne Anstand am Zweifel an seinem Urteil zu nehmen.

Die Segen der Dorfbewohner registriert er zwar, reagiert aber nicht in besonderem Maße drauf. Für Dank sind die Segnenden zu weit weg. Anders sieht es bei der Pflanzenwelt aus. bei jeder Variante der Verderbnis überlegt er sich, was der Wirkzusammenhang sein muss, um einen solchen Effekt hervorzurufen. Mangels umfangreicher Magiekenntnisse behilft er sich mit natürlichen Analogien[1]. Als Apothekarius blieben Grundkenntnisse in Flora und Fauna nicht aus. Lifs Unwohlsein und Gesten entgehen dem Dain nicht, kurz regen sich Mitleid und Sorge, bevor er sich wieder dem Weg zuwendet und seiner selbstgesteckten Aufgabe, die Gruppe zu bewachen, Hinterhalte möglichst früh zu erkennen.

Abdos Erzählung lassen Rogar sein Gesicht verziehen. So etwas ähnliches könnte ihnen hier auf diesem Kontinent blühen, wenn sie nicht aufpassten. In Abdos Welt hat sich der Wandel für Dainsche Verhältnisse extrem schnell vollzogen. Daher widerspricht er ihm auch sofort am Ende: "Vielleicht nicht unserem aktuellen, aber die Geschichte hat euch geformt, sie erklärt, wo ihr herkommt. Man darf nicht vergessen, was die Vorfahren und man selbst erlebt und gelernt haben! Eure Leute versuchen doch auch, eure Kultur zu erhalten. Das ist mitnichten unwesentlich. Außerdem solltet ihr eure Kunde als Warnung verbreiten, denn diesen Ländern hier droht ein ähnliches Schicksal. Diejenigen, die bisher die Aufgabe der Dämonenwacht übernommen hatten, vernachlässigen diese in letzter Zeit für irgendwelche inneren  Streitigkeiten. Wenn da nicht bald eine Umkehr geschieht, stehen nur noch wenige gegen die Dämonen mit wenig Aussicht darauf, diese endgültig zu bezwingen." Aus seinen Worten ist immense Leidenschaft zu hören, und das, obwohl er fast immer emotional involviert ist. Das Thema aber ist erkennbar eine Herzensangelegenheit. In seinen Augen war das Verhalten der Menschen am Wall Irrsinn.

Kjartans Geständnis, seinen Platz in der Welt noch zu suchen, überrascht den Dain, weil er das Jungwolk in so jungen Jahren keine so erwachsenen Gedanken zugetraut hat. Um aber einen Rat geben zu können, fehlt ihm seiner Meinung nach genauere Kenntnisse der Person. Als es um die Diskussion geht, wie man mit Uther umgeht, hält er sich erst mal raus. Er kennt ihn nicht und seine Kenntnisse um menschliche Umgangsformen beziehungsweise Befindlichkeiten sind noch schwach, wie er miesepetrig feststellt.

 1. Wissen (Natur) 23
« Letzte Änderung: 11.09.2018, 07:34:19 von Rogar, Apothekarius »

Abdo al'Mbabi

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Der Weihort
« Antwort #666 am: 09.09.2018, 21:21:02 »
Auf Kjartans Bitte reagiert Abdo zunächst mit Unverständnis, dann mit Erstaunen, zuletzt mit einem schallenden Lachen, das für den Dunkelhäutigen ganz und gar untypisch ist.
Der gekränkte Blick Kjartans holt den Ya'Keheter wieder etwas auf den Boden zurück, und er antwortet in ernstem Tonfall: "Verzeih meine Reaktion, aber auf die Idee, mich als Lehrmeister zu wollen, ist bisher noch niemand gekommen. Ich bin selbst nur ein Schüler, der noch einen weiten Weg zu gehen hat, bis ich das Ki tatsächlich spüren und nutzen kann. Aber ich kann gerne versuchen, dir etwas mehr über unsere Philosophie zu erzählen, wenn wir endlich eine Phase der Ruhe haben werden. Doch ich fürchte, ich bin nicht besonders gut darin, etwas zu erklären."

Rogars Worte lassen Abdo hingegen aufhorchen, und er wendet seine Aufmerksamkeit mit einer Entschuldigung an Kjartan dem Dain zu.
"Kannst du mir mehr sagen zu denen, die diese Dämonenwacht innehaben? Wie halten sie die Shetani in Schach? Weißt du etwas über die Art der Angriffe, und woher sie kommen?"

Rogar, Apothekarius

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Der Weihort
« Antwort #667 am: 11.09.2018, 08:04:47 »
Abdos Reaktion auf die Bitte zu lehren befremdet Rogar. Sicherlich würde er sich gut überlegen, was er weitergeben dürfte, aber er würde sich geehrt fühlen und als einziger Kenner der Kunst in weitem Umfeld, wie es der Dunkelhäutige nun ist, sich um Weitergabe und Erhalt des Wissens bemühen - auch als Anfänger oder ohne Lehrerfahrung.

Die Fragen des anderen Kriegers sind dem Dain zwar willkommen, doch sieht er sich außerstande, diese detailreich zu beantworten.[1] So kratzt er sich verlegen im Bart und spricht mit grummeligem Unterton: "Da kann ich leider nicht viel helfen, andere meiner Leute wissen in diesem Punkt mehr. Vielleicht könnten euch andere Anwesende mehr Informationen geben? Immerhin seid ihr auch Menschen und weit gereist?" Dabei blickt er in die Runde, speziell auf die Vertreter der Menschen dieses Kontinents. "Meine Kenntnis reicht soweit: Die meisten Angriffe finden im Süden und Westen der Menschenreiche statt, diese haben bis vor kurzem sich erfolgreich gewehrt. Hilfsmittel dabei sind das gebirgige Gelände und der von ihnen getaufte 'Gjolkard-Wall', eine ganz passsable Bauleistung. Zuletzt haben aber interne Streitigkeiten dazu geführt, dass die Verteidiger nicht mehr verstärkt werden. Mehr darüber in Erfahrung zu bringen ist Teil meiner Aufgaben." Nach diesem Geständnis hält er inne und überlegt, ob er noch etwas über die Art der Angriffe sagen kann, doch kann er nur aus persönlicher Erfahrung über die Dämonenangriffe auf sein Volk sprechen. Daher scweigt er fürs erste.
 1. keine passende Wissensfertigkeit

Lîf

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Der Weihort
« Antwort #668 am: 16.09.2018, 11:23:33 »
Die drudkvinde hält sich stets dicht bei Tristan. Die Männergespräche über den Kampf gegen das Widernatürliche, die sie sonst vielleicht aufmerksamer verfolgen würde, scheinen sie im Moment nicht recht zu erreichen. Ihre Blicke, ihre Gesten, die gesamte Körpersprache deuten darauf hin, dass sich die junge Frau in dieser Umgebung sehr unwohl fühlt. So muss Aeryn ihre Worte auch erst wiederholen, ehe Lîf aufschreckt und nach kurzem Zögern nickt: "Da hast du recht." Mit einer abgespannt wirkenden Bewegung reibt sie ihre Schläfen, drapiert ihre Zöpfe gedankenverloren wieder über ihren Schultern und sinniert. "Es wird gut sein, wenn wir versuchen, sein Vertrauen zu gewinnen. Er muss verstehen, dass wir dem Land und den Menschen helfen wollen. Dann wird er uns, die Große Mutter gebe es, wohl Gehör schenken und vielleicht wertvolle Hilfe gewähren." Ihre Augen schweifen über die Gruppe, während sie sich vorzustellen versucht, wem von ihnen Uther wohl am ehesten gewogen sein könnte.

Aeryn

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Der Weihort
« Antwort #669 am: 16.09.2018, 16:32:14 »
"Ich bin mir einigermaßen sicher, dass Uther unsere Ansichten im Großen und Ganzen teilt. Jedenfalls, wenn man sich das Bild vor Augen hält, welches Ninae von ihm gezeichnet hat," meint Aeryn zu Lîf.

"Sein Vertrauen zu gewinnen wäre ein Schritt in die richtige Richtung."

Freydis

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Der Weihort
« Antwort #670 am: 17.09.2018, 22:47:50 »
Neugierig spitzt Freydis die Ohren als Abdo endlich ein wenig von seiner Vergangenheit und seiner Herkunft berichtet. Was sie hört scheint ihr schier unvorstellbar. Eine Stadt mit einer Millionen Einwohner? Das kann nur eine Lüge oder Übertreibung sein: Rabenklippe ist die zweitgrößte Ortschaft Avalons und fast höchstens sechs mal tausend Seelen, die Höfe und Fischerdörfer im Umland mitgerechnet. Und die Dämonen sollen einfach so erschienen sein? Aus dem nichts? Wie soll das möglich sein?
Aber der tiefe Schmerz und der Verlust in der Stimme des Jak`eters sind eindeutig echt. Wie auch immer es genau abgegangen sein mag, sie hat keinen Zweifel das die Dämonen seine Heimat tatsächlich überannt haben. "und wenn Dalaran weiter zerissen, ausgebeutet und im Bürgerkrieg bleibt wird es uns  genauso ergehen." Kein Zweifel, was Abdo berichtet bestärkt die Berührte in ihrer Überzeugung: Gelspad und seine Speichellecker müssen schnellstmöglich aus dem Weg damit ein vereintes Dalaran, verbündet mit den Dain, den Elben und wenn es sein muss auch den Kolkar dieser gemeinsamen Bedrohung stellen kann. 
Sie taucht gerade rechtzeitig aus ihren Gedanken auf um Aeryns Worte zu hören.

"Stimmt. Und das bedeutet auch ihm den Respekt zu zollen, der ihm als Sohn des Fürsten zusteht." erinnert Freydis ihre Gefährten. "zumal er sich, anders als sein Vater seiner Verantwortung für diese Menschen bewusst zu sein scheint." Dabei erinnert sich die Berührte nur ungern daran, dass sie bei ihrer ersten Begegnung mit Uther auch nicht gerade respektvoll war.
« Letzte Änderung: 23.09.2018, 01:16:28 von Freydis »
"The storm is up, and all is on the hazard."

William Shakespeare, Julius Cæsar (1599), Act V, scene 1, line 67.

Kjartan

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Der Weihort
« Antwort #671 am: 26.09.2018, 21:19:39 »
Kjartan traut seinen Ohren nicht, als Abdo seine mit großem Eifer vorgebracht Bitte so beiläufig abhandelt. Also holt er die wenigen Schritte wieder auf und greift Abdo sacht am Arm, um ihn zum Stehenbleiben zu bewegen. Er versucht Augenkontakt aufzubauen und sagt mit tiefer Überzeugung: "Abdo! Ich vertraue Dir mein Herz an! Wie kannst Du so an mir vorübergehen? Wie kannst Du mir von der Größe Deines Landes, den Schätzen Eures Wissens erzählen - und versprichst mir ein paar Brocken bei der nächsten Rast? Wirfst Du einem Hungernden auch nur Krummen hin, während Du satt und zufrieden Deiner Wege gehst? Es ist mir wirklich wirklich ernst, Abdo! Also nimm meine Bitte ernst und mach sie nicht klein und lächerlich."

Nach kurzer Pause fügt er leiser hinzu:"Spürst Du nicht meine Not?"
« Letzte Änderung: 26.09.2018, 21:19:55 von Kjartan »

Abdo al'Mbabi

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Der Weihort
« Antwort #672 am: 30.09.2018, 13:07:38 »
Verwundert blickt Abdo den jungen Mann an, als dieser ihn zurückhält.
"Ich wollte dich nicht beleidigen." antwortet er ehrlich betroffen. "Es tut mir leid, wenn ich den Eindruck erweckt habe, ich nehme dich nicht ernst. Aber es ist so, wie ich sage. Es gibt nur noch wenige Meister meines Ordens, und ich habe weniger gelernt, als du vielleicht glauben magst. Das Wissen, von dem du sprichst, und von dem ich sprach - das meiste davon ist verloren, und wir kämpfen einen verzweifelten Kampf, um das Wenige, was wir gerettet haben, zu bewahren. Vieles, nein das meiste, was unsere Kampfkunst ausmacht, ist mir bisher verschlossen geblieben. Ist es sinnvoll, wenn der Einäugige versucht, dem Blinden das Schießen mit dem Bogen beizubringen?

Aber ich merke, dass du es wirklich ernst meinst mit deinem Anliegen. Und vielleicht ist es wirklich so, dass ich unser Wissen in diesem Land bewahren kann. Also will ich versuchen, deinen Wunsch zu erfüllen, auch wenn ich noch nicht wirklich weiß, wie ich überhaupt anfangen soll."

Gaja

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Der Weihort
« Antwort #673 am: 15.10.2018, 21:27:29 »
Ansdag liegt noch nicht weit zurück, da teilen die Gefährten sich in zwei Grüppchen: Tristan und die Frauen beraten das weitere Vorgehen, insbesondere wie man mit dem Fürstensohn umzugehen habe und was man ihn fragen wolle, während die restlichen drei Männer über Dämonen, Abdos Heimat und Kjartans Verlorenheit in der Welt reden. Auch wenn der ein oder andere Kommentar zwischen den beiden Gesprächsrunden hin und her fliegen mag, sei es dem Erzähler gestattet, der Übersichtlichkeit halber, sie getrennt und konsekutiv abzuhandeln.

Während Abdo seine lange Rede hält, die vom Untergang seines Landes erzählt, marschiert man noch als Gruppe gemeinsam des Wegs und jeder lauscht gebannt. Obwohl der Ya'Keheter es bereits erwähnte, als man auf Ansdag zuritt, vernimmt Tristan doch abermals mit Erstaunen, dass die Dämonen offenbar erst vor wenigen Jahrzehnten in Abdos Heimat eingefallen sind, diese dafür innerhalb kürzester Zeit verwüsteten. Das lässt ihn grübeln. Warum so viel später? Was lief dort anders? An mangelnder Kampfeskraft kann es nicht gelegen haben, wenn man von Abdo auf seine Landesgenossen schließen darf.

"Bei uns tauchten sie so vor dreihundert Jahren auf", wirft er an dieser Stelle ein. "Und kurz darauf scharte Javrud, den man später zum Propheten ernannten, Männer um sich und wohl auch einige Frauen und führte sie in den Kampf gegen sie. Die Bestien sind niemals weit aus den Bergen herausgekommen."

Dem weiteren Gespräch der drei Männer folgt er dann aber nicht, da die Gegenwart ihn mehr beschäftigt als die Vergangenheit, und da wartet Aeryns Frage auf Antwort.

Doch zunächst, bevor wir es vergessen, ein kurzer Blick über die Schulter unseres tüchtigen Apothekarius, der sich immer wieder nach den verdorbenen Pflanzen bückt und diese untersucht. Was fällt ihm dabei auf? Nun, auch wenn er nicht so recht weiß, wonach er Ausschau hält, so ist die Untersuchungsmethode doch immer dieselbe: erst kommt die Betrachtung, dann wird der Geruch geprüft, dann die Konsistenz, zum Schluss gegebenenfalls noch der Geschmack (na ja, im aktuellen Fall wohl lieber nicht). Als seien die Pflanzen mit einem schädlichen Gas traktiert worden, so schließt Rogar nach mehreren Blicken; ja, und wenn man sich vorsichtig mit einer Hand den Duft zuwedelt, dann meint man tatsächlich, ein Gas zu riechen—nein, moment, das bildet er sich ein, weil er einen Fäulnisgeruch erwartet, tatsächlich riecht er aber nichts! Aber nun hat ja nicht jedes Gas einen Geruch, vielmehr gibt es diverse, sogar sehr schädliche Gase, die gänzlich geruchsfrei sind. Etwa zur selben Zeit, da ihm dieser Gedanke kommt, bemerkt Rogar auch, wie ihn ein leichter Schwindel erfasst—kommt's bloß von dem vielen Runterbeugen und tief einatmen oder zeigt sich hier ein Effekt des Gases? Ein Kienspan ist schnell entzündet und soll die Sache entscheiden. Mit langem Arm, das Gesicht abgewandt, hält der Zwerg das brennende Hölzchen über einen solchen verdorbenen Fauna-Klumpen und tatsächlich kommt es zu einer Verpuffung. Die kurz auflschlagenden Flamme sind blassbläulich. Methan? Das würde man ja erwarten im Zusammenhang mit Fäulnis, nur eben nicht solo, sondern als Teil eines (stinkenden) Gemischs... Kurios.

Nun also zu den Gesprächen. Die Elbin hat eine Frage in die Runde gestellt: Was wolle man Uther (wenn möglich außer Hörweite von dessen Vater) denn nun genau fragen. Während Tristan nachdenkt, unterhalten die drei Frauen sich zwar über Uther—von Vertrauen ist die Rede: wie gewinnt man seins und darf man andererseits ihm vertrauen?—und von Respekt, der ihm zu zollen wäre. An dieser Stelle wird Tristan, der eigentlich sachlich antworten wollte, wenn die Weiber es schon nicht tun, dann doch zu einer Klarstellung provoziert.

"So viel Respekt, wie ein freier Mann einem anderen schuldet, steht ihm zu und soll er von mir haben. Was muss man für ein trauriger Mensch sein, dem das nicht genug ist? Nur unter Gleichen kann man stolz sein, darf man sich seiner Taten brüsten, den anderen zu einem Kräftemessen fordern. So albern es wäre, wenn ein freier Mann sich vor einem Knecht in die Brust würfe oder ihn gar herausforderte, so albern ist's, wie eure Fürsten und Herzöge sich aufführen. Respekt fordern sie, Gehorsam gar, von anderen freien Männern?"

Wenn die Festländer den Widerspruch darin nicht sehen wollen, ist ihnen nicht zu helfen! denkt sich Tristan wohl dabei, erkennbar an seinem fassungslosen Kopfschütteln, mit dessen Hilfe er sich endlich losreißen kann. Er kommt zurück zur Sache.

"Uther soll uns genau berichten, wie sich sein Besuch im Kloster abgespielt hat, bis ins letzte Details. Jetzt, da er weiß—oder wir ihm berichten können—was dort oben los war, fällt ihm vielleicht doch noch etwas ein, was ihm damals harmlos erschien, jetzt aber in einem neuen Licht. Er soll uns das Bündel zeigen, dass ihm dort übergeben wurde. Und wenn das nichts klärt, dann soll er uns sagen, wer außer ihm noch einen guten Grund hatte, den Abt abgrundtief zu hassen[1] . Ach, und ob es hier in der Gegend Berührte gibt, wird er uns sicherlich auch sagen können.

Aber sag', Freydis, wenn du auch so eine Adelstochter bist, was weißt Du über die Fürstenfamilie? Erzählt man sich in deinen Kreisen nichts über sie?"


Derweil war die kleine Erhebung, auf welcher der Fürstenhof thronte, erklommen. Man passiert (verlassene) Weiden und die ersten Nebengebäude.  Das Hauptgebäude kommt in Sicht.


 
 1. Weil's schon so lange her ist: hier bezieht Tristan sich auf das, was Rogar hier und hier gesagt hat.
« Letzte Änderung: 16.10.2018, 21:31:51 von Gaja »

Kjartan

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Der Weihort
« Antwort #674 am: 16.10.2018, 19:52:18 »
"Beginne mit der Körperbeherrschung. Ich bin nicht gänzlich ungeschickt und vielleicht fangen wir hier nicht bei Null an. Und dann erzähl mir, wie Du mit bloßen Händen Dämonen besiegst. Und am Abend will ich erfahren, was Dir durch den Kopf geht. Denn mir quillt der Kopf über vor schlechten Gedanken. Und ich habe nicht den Untergang meines Landes miterlebt." Abdos ernthaftere Antwort befriedigt Kjartans Begehren schon mehr und lindert seine Wehmut für den Moment.

Tatsächlich fühlt er sich ein bisschen befreit, so dass er sich für die Landschaft und die Gespräche der Gefährten öffnen kann. Tatsächlich sieht er es wie Tristan: Wenn man etwas wissen will, dann muss man einfach fragen. Der einzige Unterschied zwischen der Frage an einen Fischer und einen Fürsten sind ein paar höfliche Floskeln mehr oder weniger, so denkt sich Kjartan (doch hatte er in seinem Leben kaum Gelegenheit gehabt, einem Fürsten auch tatsächlich zu begegnen). Somit nickt er nur zu Tristans Ausführungen und geht weiter. Doch lauscht er gespannt, ob Freydis mehr sagen würde.

Als sie am Anwesen ankommen sagt er: "Schönes Gebäude! Wenngleich ich schon etwas Größeres erwartet hätte." Mit schnellem Blick sieht er sich um, ob er jemanden in der Nähe entdecken kann oder sonstige Anzeichen für Leben erkennt.[1]
 1. Perception: 13
« Letzte Änderung: 16.10.2018, 19:54:22 von Kjartan »

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