• Drucken

Autor Thema: Der Weihort  (Gelesen 88378 mal)

Beschreibung: Die Seuche von Ansdag

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Aeryn

  • Beiträge: 1147
    • Profil anzeigen
Der Weihort
« Antwort #960 am: 25.05.2021, 10:10:02 »
Die Pfeile, die Rogar aus seinem Sammelsurium hervorkramt, nimmt Aeryn gerne entgegen. "Ah, vielen Dank, davon kann man nie genug haben!"

Als Aeryn den Hut aufsetzt, verwandelt sich ihre Erscheinung in die eines Räubers, so wie sich die Elbin diesen vorstellt, denn das ist es, an was sie gerade denkt, wofür der magische Hut vielleicht hilfreich sein könnte, um die Räuber zu täuschen. Dunkle Kleidung, mit einem Kapuzenumhang und einem Tuch vor dem Gesicht, ein (gewöhnlicher) Bogen in der Hand und eine kurze Klinge am Gürtel.
« Letzte Änderung: 28.05.2021, 12:04:34 von Aeryn »

Gaja

  • Moderator
  • Beiträge: 984
    • Profil anzeigen
Der Weihort
« Antwort #961 am: 30.05.2021, 17:20:58 »
"He, deine Ohren sind ja gar nicht mehr spitz", platzt Kjartan heraus.

In Aeryns Vorstellung ist der typische Räuber offenbar ein Mensch.

Die Elbin schnappt sich noch das zweite gute Heilwasser und alle vier Fläschchen aus der zweiten Reihe. Als Lîf hereinkommt, stehen dort nur noch die angestauben Fläschchen, von denen Uther bezweifelt, dass sie noch Heilkraft besitzen. Aber da er erwähnte, man können sie vielleicht noch zum Elixir brauen benutzen, steckt Lîf sich die Hälfte davon ein.[1]

Dann begibt auch Lîf sich in den Keller auf, um Uther bei der unangenehmen Aufgabe zu helfen, den Leichnam des Vaters zu versorgen. Sie findet Rogar in Merles Werkecke vor, Tränke sortierend, während Freydis bereits mit Feuereifer beinah den gesamten Keller unter Wasser gesetzt hat, um die verspritzen Überreste der Kreaturen von den Fliesen zu waschen. Einen Schwall Wasser nach dem anderen beschwört sie, und instruiert zwischendrin eine Magd mit dem Besen, bis der meiste Dreck am tiefsten Punkt des Raumes gesammelt ist. Auf dem Podest hat Uther seine Vater inzwischen von den Fesseln gelöst und mit der Hilfe eines Knechtes in ein großes Sacktuch gewickelt, welches sie mit Zwirn und Nadel grob zusammennähten. Lîfs Hilfeangebot schlägt der Hausherr erst einmal ab.

"Ich bereite draußen alles vor. Von Euch hat sicherlich keiner ein Problem mit Feuerbestattung? Pater Halfir hat sie gleich zu Beginn seiner Amtszeit verbieten lassen." Die Anwesenden bestätigten ihm, dass es für sie kein Problem sei, und Freydis fragt, warum Halfir es denn verbieten lassen wollte. "Ja, das habe ich auch nie so recht verstanden. Die meisten seiner Verbote zielten auf die Verdrängung allen "Heidentums", also was vom alten Glauben noch so in den Köpfen und Gebräuchen der Menschen hier steckt. Und weil der alte Glaube vier Arten der Bestattung erlaubt – zu Wasser, durch Feuer, unter Steinen oder in der Erde – muss der neue eben eine, die Erdbestattung, vorschreiben. Vielleicht wollte er das Feuer auch einzig als Strafe oder als "Austreibung des Bösen" verstanden wissen. Nun, das träfe auf unsere Situation dann ja wohl auch zu...

Aber ich wäre Euch tatsächlich dankbar, wenn Ihr bei der Bestattung zugegen wäret. Wenn es schon nicht das große Ereignis wird, das er sich vorgestellt hat, so soll er doch ein ordentliches Geleit bekommen. Nicht, dass es ihm noch einfällt, als Vergessener wiederzukehren, um mich den Rest meines Lebens auch noch zu plagen... Ich würde euch rufen lassen, wenn es Zeit ist, das Feuer anzuzünden."


Während Uther also mit dem Knecht zusammen den verpackten Leichnam nach draußen trägt, Rogar sich weiterhin mit den Tränken beschäftigt und Freydis das nun nicht mehr ganz so gruselige Podest untersucht, begibt Lîf sich zu der Zelle, in der ihr Gatte eingesperrt ist.

Sie will doch mal sehen, ob sie ihm nicht irgendetwas entlocken kann, was sich später gegen ihn oder seinesgleichen verwenden ließe.[2]

~~~

Als Abdo und Kjartan sich ebenfalls in den Keller begeben – wobei Kjartan niemals dort ankommt, denn die Hundewelpen nehmen ihn für sich in Anspruch – findet der Ya'Keheter dort nur noch Rogar und Freydis vor. Rogar sortiert Tränke in Merles Werkecke und scheint schon etliche identifiziert zu haben, während Freydis die Runen an den vier leuchtenden Säulen, dem Podest und einigen Wandtafeln untersucht.

"Es ist dieselbe Schrift, wie sie überall auf Albion zu finden ist! Verflixt, warum habe ich mich niemals näher damit befasst! Ein weiterer Beweis, dass diese Kultur etwas mit dem Feuernetz zu tun hatte... der Podest... die Statuen... sie sind magisch... meine Art von magisch... ach, wenn ich nur mehr Zeit hätte!"

"Albionische Schrift?" fragt Uther aufgeregt. Mit zwei Helfern ist er zurückgekehrt, um die letzen Reste, welche Freydis in der Mitte des Raumes zusammengespült hatte, in Eimer zu schaufeln. "Kannst Du sie lesen? Merle hat sich etliche Jahre mit den Runen und der Anlage hier befasst, aber nicht viel herausfinden können außer, wie man die Säulen zum Leuchten bringt. Sie vermutet, dass die Ruinen hier akadischen Ursprungs sind und dass die Akadier das Feuernetz, wenn nicht sogar erschaffen, dann zumindest so selbstverständlich benutzt haben wir unsereins Hammer oder Schwert. Sie hat sich Notizen dazu gemacht, vielleicht helfen sie dir weiter."

Dann sind die Eimer voll und der Hausherr wieder auf dem Weg nach oben.

Abdo begibt sich zu Rogar, welcher ihm gerne zeigt, was er bisher gefunden hat.

"Die meisten Tränke, die ich bisher identifizieren konnte, sind gar nicht von Merle gebraut, nur diese beiden hier. Einer davon soll Angriffe abwehren – das haben wir bei ihr ja erlebt – und der andere verleiht einem für kurze Zeit flinke Füße. Diese vier hier sind von Solveig. Das Zeichen hier, das steht für Solveig. Der erste lässt die Haut so hart wie Baumrinde werde, der zweite gibt Muskelkraft, der dritte lässt einen für kurze Zeit besonders scharfsichtig werden, in mehr als einer Hinsicht, der vierte verleiht einem die Kletterfähigkeit einer Spinne. Und dann habe ich hier noch einen Trank gefunden, und da bin ich mir nicht ganz sicher, wer ihn gebraut hat... meine beste Vermutung wäre, dass es dieser komische Kerl war, den wir vorm Heilerzelt trafen... der war ja eindeutig auch ein Feenbalg... wie hieß der? Jan? Egal. Als der Trank ist gut gegen Erschöpfung, wenn man allein unterwegs ist und die Nacht über Wache halten muss..."

Ein wenig missträuisch beäugt Abdo die Fläschchen. Das klang teils absurd für seine Ohren, andererseits ist ein Trank wenigstens etwas handfestes. Die Alchemisten seiner Heimat kennen auch so manche Formel, welche den Krieger stärken soll. Und wenn man einen Dalaraner bitten würde, die Wirkung eines jener Tränke zu beschreiben, käme sicherlich etwas ähnliches wie Rogars Erklärung dabei heraus.

"Und du bist dir sicher, dass sie auch so wirken, wie das Ettikett verspricht?"

"Also, bei denen hier bin ich mir sicher, dass sie zumindest nicht schädlich sind", erwidert Rogar. "Vielleicht könnte Lîf ja noch ein Auge darauf werfen oder Freydis..."

Also steckt Abdo sich die sieben Fläschchen erst einmal ein.

Dann ruft auch schon der Hausherr, dass alles für die Bestattung des Vaters bereit sei.
 1. Lîf, Du darfst Dir noch 10 abgestandene Heilwasser notieren, als Ingredienz zum Trank brauen.
 2. Lîf, ich arbeite gerade eure Listen ab, was ihr noch alles in der Übergangsphase erledigen wollt. Du hast Dir besonders viel vorgenommen. Insbesondere wolltest Du noch mit dem Dämon in Tristan sprechen. Darum kümmert Lîf sich am besten noch am Abend, während die anderen (außer Aeryn?) mit anderen Dingen beschäftigt sind. Denn morgen früh geht's ja auf zu Ninae.

Welche konkreten Fragen hast Du denn an den Dämon? Gerne untermalt mit Würfen auf Charisma, Weisheit und Intelligenz (oder ggf. konkreten Skills, die Dir passend erscheinen).

Ich würde das gerne in zwei Posts erledigen: einer von dir mit allen Fragen (+Würfen), dann eine Antwort von mir.
« Letzte Änderung: 30.05.2021, 19:19:34 von Gaja »

Lîf

  • Beiträge: 720
    • Profil anzeigen
Der Weihort
« Antwort #962 am: 31.05.2021, 09:44:14 »
Das magische Verkleidespiel scheint vorübergehend die Anspannung von Lîf zu nehmen. Zunächst sichtlich überrascht von den Reaktionen der anderen auf ihre wechselnde Garderobe, verwandelt sich der Rotschopf aus der geehrten drudkvinde in eine junge Frau, die beinahe unbeschwert herumalbert und noch einige "Gewänder anprobiert", ehe die Sache ihren Reiz allmählich wieder für sie verliert. Sichtlich beeindruckt von der offenkundig noch mächtigeren Illusionszauberei, die in Aeryns neuer Errungenschaft schlummert, fasst sie auch mehr Vertrauen in den Ring, den sie sich ausgesucht hat, und versucht einen Sprung von einem Heuboden oder ähnlichem, den sie etwas mühsam erklettert. Zufrieden mit dem Ergebnis, steckt sie mit Uthers Erlaubnis auch das abgestandene Heilwasser zu sich, um es nutzbringend zu verwenden.

Da ihr Angebot tatkräftiger Hilfe zunächst nicht angenommen wird, sieht sie zu, wie der Vater des neuen Fürsten eingenäht wird, und meint leise zu Uther: "Ich kann Euch gut verstehen. Wenn Ihr es wünscht, werde ich an der Zeremonie teilnehmen und, mit Eurem Einverständnis, zur Großen Mutter beten, dass sie Ihren Sohn wieder zu sich nimmt. Was die Feuerbestattung angeht, so seid ohne Sorge – ich müsste ja selbst gewahr sein, von jenen, die sich rechtgläubig wähnen, als Hexenweib gebrandmarkt zu werden." Eine leise Bitterkeit schleicht sich bei diesen Worten in ihre Stimme, doch nickt sie Uther bestätigend zu und legt ihm kurz die Hand auf die Schulter, um den schwer geprüften Mann ihrer Nähe und ihres Mitgefühls zu versichern, ehe sie ihn mit den Vorbereitungen für die Bestattung allein lässt.

Sie selbst begibt sich an eine gänzliche andere, aber ebenfalls sehr schwere Pflicht. Ehe sie zu dem Mann geht, den sie über alles liebt und der doch im Moment ein grimmiger Feind ist, betet sie zu ihrer gütigen Herrin um Beistand. Derart seelisch gestärkt tritt sie dem Dämon in Tristans Gestalt entgegen und sucht ihm zu entlocken, was sie kann. Nach dem grässlichen Land wird sie sich erkundigen, aus dem er kommt, dass es ihm sogar lieber ist, in diesem Reich der Sterblichen in einer modernden Leiche oder einem halben Tier zu vegetieren, als dort zu sein, woher er doch wohl stammt? Auch versucht sie ihn über Seinesgleichen auszufragen, unter denen es ja offenkundig Mächtigere gibt, die weniger Mächtigen – wie ihm – Befehle zu erteilen in der Lage sind.

Was erhoffen sich diese Mächtigen davon, in dies Land einzudringen? Etwa auch nur den Genuss, den er nach eigenem Bekunden sucht? Wie erbarmenswert, stellt sie ohne Hohn fest, muss die Existenz in jenem Reich sein, das er seine Heimat nennen dürfte... Vielleicht ist es die Ulmentochter, deren Mitleid selbst mit einer Kreatur wie dieser aus ihr spricht, vielleicht sucht sie ihn aber auch nur zu provozieren, zu reizen: Es ist Lîf einerlei, ob er im Zorn oder mit gönnerhafter Herablassung zu ihr spricht. Die Hauptsache ist ihr, ihn am Sprechen zu halten, denn die Unterhaltung mit anderen scheint Teil jener Genüsse zu sein, die er so sehr begehrt. Und wer spricht, muss irgendwann auch etwas aussagen, über sich, über Seinesgleichen...[1]

Dabei wird sie selbst auch bereitwillig Auskunft erteilen, was Tatsachen angeht, die er ihrer Ansicht nach nicht gegen sie verwenden kann. Von ihrem Leben als Bauerntochter wird sie gern erzählen, von Handwerk, Familie, all jenen Dingen, die der Dämon womöglich gar nicht richtig kennt. Nur dass er ihr entsprechend viel über sich und seine Welt erzählt, darauf will sie achten. Da sie ihn aber nicht gezielt ausfragen kann, auf welche Weise man ihm wohl beikommen könnte, gestaltet sich das Gespräch langwierig, weshalb sie sich nur zögerlich von ihm trennt, als man sie zur Bestattung des alten Fürsten ruft.
 1. Möglicherweise passende Würfe: Diplomatie 19, Lokales Wissen 18, Weisheit 17

Gaja

  • Moderator
  • Beiträge: 984
    • Profil anzeigen
Der Weihort
« Antwort #963 am: 01.06.2021, 18:03:08 »
Der Dämon scheint regelrecht erfreut über Lîfs Besuch. Das sei aber wirklich zuvorkommend, dass sie ihn regelmäßig in seiner einsamen Zelle besuchen käme, um ihn mit Speis und Trank zu versorgen oder jetzt gar nur mit ihrer reizenden Gesellschaft und Konversation! Ein wenig verstimmt gibt er sich allerdings, als Lîf über sein Heimatland mutmaßt, dass es wohl grässlich sein müsse.

"Du würdest es wahrscheinlich als grässlich bezeichnen, wenn du dort zu Besuch wärest oder gar leben müsstest", erwidert er. "Das heißt aber nicht, dass es grässlich ist. Es ist nämlich sehr schön dort, sozusagen ideal – für alle, die dort geboren sind. Euer Land dagegen... ist gar nicht ideal für uns. Ziemlich grässlich, könnte man sagen. Deshalb kann auch keine Rede davon sein, dass wir lieber hier als dort wären. Aber es gibt einfach zu viele von uns. Es wurde eng daheim, und so mussten einige von uns aufbrechen, um neuen Lebensraum zu erobern. Das habe ich dir doch vorhin schon zu erklären versucht."

Aber er erklärt es ihr auch gerne noch einmal. Eine regelrechte philosophische Abhandlung macht er daraus, die im Kern jedoch einfach besagt, dass jede Lebensform das Recht habe, alles zu tun, was dem eigenen Überleben dient sowie dem Erhalt seiner eigenen Art.

"Das ist doch bei euch nicht anders. Wusstest du, dass die Menschen gar nicht von dieser Welt stammen? Noch die Zwerge oder Elben? Wenn wir eine neue Welt erobern, machen wir zuvor ja nur eine recht oberflächliche Analyse der Gegebenheiten dort, inklusive der indigenen Bevölkerung, um zu wissen, mit was wir es zu tun haben... Wir sind nämlich keine solche Verschwender wie... andere... wir verwerten, wo möglich, das Vorhandene. Jedenfalls zeigte sich dabei, dass die drei genannten Völker ursprünglich nicht von dieser Welt stammen. Ihr seid hier also ebenfalls – im Fall der Elben vor einer Jahrmillion, die Zwerge vor etwa hundertfünfzigtausend Jahren, die Menschen gar erst vor knapp fünfzigtausned – hier eingefallen. Ja, und wie verfahrt ihr denn mit den Indigenen? Die Kolkar habt ihr in die unwirtlichsten Gebiete in den Bergen abgedrängt. Die Oger und Trolle und ähnlichen Primitiven – so würdet ihr sie nennen, das ist gar nicht nett! Wo sie sich doch nur auf einer weniger hohen Entwicklungsstufe befinden, aber wer weiß schon, was aus ihnen in ein paar Jahrhunderttausenden werden kann? Wo war ich? Ach ja, die habt ihr auch aus euren Ländern verdrängt und schlagt sie tot, wo immer sie euch über den Weg laufen. Und wie sieht es mit den efeyga aus? So richtig gut ist euer Verhältnis zu ihnen auch nicht, gib's zu! Die Elben können das besser. Und selbst mit den Elben! Die hätten ja als Alteingesessene, deiner Argumentation nach, das größere Recht auf diese Welt, aber auch diese drängt ihr ab in immer kleinere Gebiete. Als wir Skoll-Hati hier ankamen, da war die Gegend hier, von der Küste bis zu dem großen Binnensee, ein einziger, riesiger Elbenwald! Wo sind all die Elben hin, hm? Mit all dem will ich dir und den deinen jetzt gar keinen Vorwurf machen. Es ist euer gutes Recht, euch hier auszubreiten und nach Dominanz eurer Art zu streben. Was ich damit also nur sagen will: mit demselben Maß muss man messen, nicht für sich selbst ein anderes verwenden."

Als Lîf die Leichen und Tiere ins Spiel bringt, verzieht der Dämon leicht das Gesicht. "Ja, man tut eben, was man muss, um zu überleben. Für empfindsame Gemüter ist das nichts, das geb' ich gern zu. Du glaubst nicht, wie sehr ich es zu schätzen weiß, einen richtigen, lebenden Körper zu haben... also Tiere sind ja auch schon nicht so schlecht... aber ein Körper, der sprechen kann, der richtige Hände hat..."

Auf die Mächtigen angesprochen, zuckt er bloß die Achseln. "Mit Macht, so wie du dir das jetzt vorstellst, hat das nicht unbedingt etwas zu tun. Bei uns hat jeder bei seiner Geburt schon seinen festen Platz, seine feste Rolle in der Gesellschaft. Ich wurde in der Kriegerkaste geboren. Der, mit dem ich unterwegs war, in der Kaste der Gelehrten. Da gibt es schon auf biologischer Ebene Unterschiede. Vereinfacht gesagt: ich wurde mit mehr Körperkraft, er mit mehr Hirnmasse geboren. Das mag für euch, die ihr so betont, freie Männer und Frauen zu sein, schrecklich klingen, aber es hat doch einen großen Vorteil. Unsere große Überlegenheit rührt doch gerade daher, dass wir von Anfang an wissen, für welche Aufgabe wir am besten geeignet sind, und darauf hinarbeiten, sie bestmöglichst zu erfüllen."

Das angebotene Mitleid weist er von sich. "Nein, wie ich dir schon sagte: es ist sehr schön in unserer Heimat... für uns... nur eben ein bisschen übervölkert. Das wird euch in ein paar Jahrhunderten auch nicht anders ergehen, wenn ihr weiterhin pro Weibchen sechs bis zwölf Kinder in die Welt setzt. Das ist eine ganz simple Rechnung."

Provozieren oder reizen lässt der Dämon sich nicht. Höchstens reagiert er mit leichtem Gegenspött, ein paarmal mit anzüglichen Vorschlägen. Als schon der Ruf ertönt, der Lîf zur Bestattung des Fürsten bittet, gibt der Dämon ihr noch ein paar ermutigende Worte mit auf den Weg:

"Mach dir nicht zu viel Sorgen um deinen Gatten. Das Leben, das du dir mit ihm erträumt, zwischen Kochen, Kindern, Vieh und Mann versorgen, es kann noch dein sein. Schau, ich werde ihm nichts antun. Also, die Flucht werde ich natürlich versuchen, aber sollte sie mir nicht gelingen, so brauchst du keine Sorge haben, dass mir hier unten langweilig würde und ich deinen Mann einfach umbrächte, um zu entkommen. Ich bin nämlich sehr geduldig. Und ich weiß, dass du zurückkehren wirst – nachdem du dich nämlich davon überzeugt hast, dass mein Angebot tatsächlich der einzige Ausweg ist – und dann wirst du zu mir zurückkehren und mir einen Wirtskörper zum Tausch anbieten. Diesen Moment vor Augen, werde ich hier hoffnungsfroh auf dich warten."

~~~

Nach der Bestattung des Fürsten verteilen sich die Gefährten auf die Kammern der auf Räuberjagd verschollenen Kämpfern des Hauses, wo sie sich völlig erschöpft zur Nacht betten. Am nächsten Morgen begibt man sich in Richtung Speisesaal, wo Freydis sich bereits im Gespräch mit Uther befindet. Aeryns spitze Ohren schnappen bereits vom Flur aus einige Worte des Hausherrn auf, "Die Runen entziffern... als Berührte... gefährliche Artefakte... in letzter Zeit irgendwie aktiver... warum nicht das Angenehme mit der Pflicht verbinden... zum Wohle aller hier..."

Als sie und Lîf zusammen als erste den Raum betreten, stammelt Freydis recht fassungslos: "Aber... du kannst doch nicht... wie... ist das dein Ernst? Ich, also... da muss ich... da hab' ich jetzt noch nie... als Berührte... wer will schon... außer dir..."

Sie bricht ab, als sie die Anwesenheit der anderen bemerkt.
« Letzte Änderung: 02.06.2021, 16:07:58 von Gaja »

Lîf

  • Beiträge: 720
    • Profil anzeigen
Der Weihort
« Antwort #964 am: 03.06.2021, 09:54:42 »
Lîf verzichtet darauf, dem Dämon nochmals zu widersprechen, doch als sie die Kreatur im Körper ihres Mannes verlässt, ist sie fester denn je entschlossen, seine Worte Lügen zu strafen. Sie wird wiederkommen, ja – aber nicht um einen Handel mit ihm abzuschließen, bei dem ein anderer die Besudelung durch ihn ertragen müsste, sondern um ihn aus Tristan heraus zu zwingen und zu bannen! Der lodernde Zorn in ihr hat sich in etwas kälteres, aber sehr viel beständigeres verwandelt, und so mag sie auch während der Begräbniszeremonie erscheinen: auf den ersten, raschen Blick gelassen, bei näherem Hinsehen... entschlossen. Unbeirrbar. Die Nacht verbringt sie nur teilweise im Schlaf, teilweise hingegen im Gebet und mit ihren Runenstäben. Recht schweigsam ist die drudkvinde zudem, nur zu Abdo hat sie noch gesagt: "Ich möchte morgen mit Kjartan gehen, wenn er Ninae sucht. Vielleicht kann sie mir noch einiges sagen, das uns hilfreich sein wird. Auch mit Solveig möchte ich noch einmal sprechen. Vielleicht könnt Ihr, Krieger, derweil versuchen, aus diesem Jan etwas herauszubekommen? Er und Solveig... teilen bestimmt viel, aber womöglich weiß er Dinge, die ihr unbekannt sind. Außerdem" fügte sie nach einer Pause hinzu, wohl mehr an sich selbst gerichtet, "muss ich Zwiesprache mit der Großen Mutter halten, abseits von Hütten und Häusern, ganz in Ruhe."

Beim Betreten des Speisesaals am darauffolgenden Morgen bleibt sie stehen, nickt zum Morgengruß, schaut dann aber fragend von Freydis zu Uther und wieder zurück. Ihr fehlen ja wesentliche Informationen, weshalb sich die paar Wortfetzen aus ihrer Sicht durchaus vielfältig interpretieren ließen.

Gaja

  • Moderator
  • Beiträge: 984
    • Profil anzeigen
Der Weihort
« Antwort #965 am: 06.06.2021, 19:04:21 »
"Natürlich ist's mein Ernst, erwidert Uther. "Und es schiene mir eine sehr seltsame Art von Humor, mit derlei Dingen zu scherzen. Tatsächlich halte ich diese Idee nicht nur für ausgezeichnet, sondern für naheliegend. Klarer könnte der Vorteil für beide Seiten nicht auf der Hand liegen, sodass der eine so dumm wie der andere wäre, die Gelegenheit nicht beim Schopf zu ergreifen. Doch überlege es dir ohne Sorge. Hinter deinem Rücken soll nichts entschieden werden, denn wohin so etwas führt, habe ich oft genug erlebt."

Nach diesen Worten steckt der Hausherr den Schlüsselbund an seinen Gürtel zurück und kümmert sich um seine Gäste. Über dem recht hastigen Essen besprechen die Gefährten sich, wie sie den heutigen Tag verbringen wollen. Einig ist man sich, dass man sich einen etwas ruhigeren Tag gönnen will, bevor man den Räubern in den Wald hinterherjagt.

"Ich schau mich am besten im Ort um", sagt Aeryn. "Ich möchte noch einmal mit Jan sprechen und vielleicht weiß ja sonst noch jemand was über die Räuber. Jetzt dürfte es etwas leichter sein, mit den Leuten zu reden. Ach, und Pfeilspitzen will ich haben. Mal schauen, ob der Schmied wieder gesund ist, sonst kann mir vielleicht jemand anderes helfen."

Rogar dagegen ist noch unentschlossen. Will er mit Freydis zum Kloster hoch oder sich lieber im Ort umschauen und umhören oder gar mit zu den Feen? Zu Beginn ist der Weg ja erst einmal derselbe, weshalb bald darauf alle gemeinsam Richtung Ansdag aufbrechen. Auch Uther begleitet sie. Er will sich ein Bild über die Lage im Ort machen und die Leute außerdem beruhigen, dass die Gefahr nun wirklich vorüber ist.

"Ich hoffe, man glaubt mir diesmal", sagt er ein wenig besorgt. "Nachdem ich vorvorgestern doch schon einmal dasselbe behauptet habe..."

Ende Teil Eins[1]
 1. Weiter geht's hier im Mal Gani.

  • Drucken