Autor Thema: [Szene 1] Die Ankunft eines einsamen Wanderers  (Gelesen 2627 mal)

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Tsuyoshi

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[Szene 1] Die Ankunft eines einsamen Wanderers
« am: 18.03.2017, 19:52:27 »
Hoch steht die Sonne am Himmel und brennt erbarmungslos hinab auf das kleine Bergdorf, die staubigen Wege und die wenigen, viel zu kleinen Terrassen, auf denen selbst bei gutem Wetter nicht genug Reis geerntet werden könnte, um all die hungrigen Mäuler in Yukami Mura zu stopfen. Die flirrende Hitze lässt Spiegelungen in der Luft tanzen, während das schrille Zirpen der Grillen in der drückenden Stille doppelt laut erscheint. Nichts rührt sich in der Umgebung, nichts, bis auf den einsamen Samurai, der sich mühsam den Serpentinenpfad zum Dorf hinauf kämpft. Langsam sind seine Schritte, als könne er die Beine kaum mehr bewegen. Der ehemals bunt gemusterte, nun aber vom Staub der Straße überzogene Kimono mit dem Wappen des kürzlich getöteten Kriegsherrn dieser Region auf der Rückenpartie klebt um den Oberkörper des sehnigen, kräftig wirkenden jungen Mannes, unter dessen langem Haarschopf Schweiß hervorperlt und über seine Schläfen hinab rinnt. Manche der salzigen Rinnsale treffen auf seine Augenwinkel und beißen dort unangenehm, doch bis auf ein gelegentliches energisches Blinzeln reagiert er nicht. Stoisch, wenn auch verbissen wirkend, setzt er seinen Weg fort, die Hütten des Dorfes fest im Blick, die Linke auf dem Tsuka[1] seines Katana liegend, der Daumen fest auf das Tsuba der Waffe gepresst, um sie innerhalb eines Lidschlags aus der Saya ziehen zu können.

Schließlich hat er den Eingang des Dorfes erreicht – wo der Bergpfad in einen simplen Hohlweg übergeht, der von zwei Hütten flankiert ist – und lässt seinen Blick mit undurchdringlicher Miene schweifen. Eine Stelle, die der Samurai in ihm ganz automatisch als gut zu verteidigende Position wahrnimmt... zu sehr sind ihm die Lektionen des Krieges in Fleisch und Blut übergegangen, als dass er solche Gedanken ignorieren könnte. Doch kein Mann steht hier bereit, Eindringlinge zurückzuweisen. Nur ein kurzes Kichern aus einer kindlichen Kehle, rasch unterbrochen vom hastigen Flüstern einer Erwachsenenstimme, weist darauf hin, dass hier überhaupt noch jemand lebt. Dann, für einen kurzen Moment, das Rascheln eines Kimonos, als sich jemand leise zu entfernen versucht, hinter den Bambushütten verborgen. Ein verstohlener Blick aus dem Schatten eines Fensters, hinter einer vorsichtig angehobenen Bastmatte hervor, die Augen ängstlich wirkend... Die Mundwinkel des einsamen Wanderers wandern nach unten.

Das also ist alles, was dieses armselige Dörfchen noch zu bieten hat: Kinder, Alte und Weiber! Ein armseliges Ziel für Räuber, denn viel kann hier nicht zu holen sein. Aber auch eines ohne jegliches Risiko. Er wüsste, was er täte, wäre er ein ehrloser Bandit! Baka! – es ist einfach zu dumm, wie das alles kam! Langsam schabt er mit einer Hand über seinen Hals. Seine Kehle fühlt sich an wie ausgedörrt. Dieses Dorf ist fast wie jenes, in dem er geboren wurde und seine Kindheit verbrachte. Und in der Mitte seines Dorfes gab es einen kleinen Brunnen mit kühlem, frischem Wasser aus einem kleinen Gebirgsbach... ja, das wäre jetzt das richtige! So strafft er sich und setzt seinen einsamen Weg in das Dörfchen fort, aufrecht und scheinbar unbekümmert jedes Geräusch und jede Bewegung in seinen Augenwinkeln ignorierend. Seine gesamte Erscheinung ist eine Demonstration von überlegener Gleichgültigkeit. Wer sollte wohl hier sein, der sich ihm in den Weg zu stellen wagte? Und – wäre es so – welcher Tag wäre wohl besser geeignet, um mit einer letzten großartigen Geste aus dieser miserablen Welt zu scheiden, in der ein Mann bestraft werden kann, ohne schuldig zu sein?
 1. Zu den Teilen eines Katana und der zugehörigen Scheide siehe hier.

Josei Kimiko

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[Szene 1] Die Ankunft eines einsamen Wanderers
« Antwort #1 am: 21.03.2017, 17:57:18 »
Schon seit Tagen drehten sich die Gedanken der Edeldame im Kreis. Sie suchte einen Ausweg aus ihrer Situation, aber so wirklich kam ihr nichts in den Sinn. Sie war mit den drei jüngeren Kindern und dem Allernötigsten hierhergeflohen, um, sollte sich das Kriegsglück wenden, nicht in der Stadt eingeschlossen zu werden. Hier lebte ihr Onkel auf seinem Grund und hieß sie willkommen, da der Rest seiner Familie fort war. Und bis vor kurzem waren auch einige Samurai hier stationiert gewesen, wenn auch ein kleines Kontingent. Doch als sich das Kriegsglück wendete, sprach sich der Verlust ihres Herren herum und einer nach dem anderen ist gegangen. "Was nun?", grübelt sie. Alleine hätte sie sich vielleicht auf die Suche nach ihrem Mann gemacht, auch wenn sie sich eingestehen muss, dass ihre Ausbildung wenig Zeit für die einfachen Fertigkeiten zum Überleben gelassen hatte. Aber mit den Kindern war diese Option ausgeschlossen. Das gleiche galt für ein Versteck im Wald oder den Weg zurück in die Stadt. Zu allem Überfluss hatten einige Flüchtlingskinder von einem in der Nähe liegenden Hof schreckliche Nachrichten gebracht - Eine Räuberbande trieb ihr Unwesen, angeführt von einem, der sich wie ein Dämon gebärdete. Sie konnte sich ausmalen, wohin diese sich bei Ankunft im Dorf wenden würden und was ihr blühte, sollten sie sie finden.

Ihren Kindern gegenüber bewahrt sie Ruhe und unterrichtet sie, was sie für einige Zeit von den Sorgen ablenkt. Zu MIttag schickt sie sie wie immer zu Bett. Ihre älteste anwesende Tochter hilft ihr und sie muss befürchten, dass diese etwas ahnt. Nun alleine kehren ihre Gedanken zu ihrer Lage zurück, deren Auswegslosigkeit sie zu lähmen beginnt. Sie beginnt, sich mit ihrer Koto, abzulenken, auch wenn die entlockten, zarten Töne ihrer melancholischen Stimmung entsprechen. Sie schreckt auf, als sie hastige Schritte auf Sockfüßen und hektisches Geraschel eines Kimonos hinter der Papiertür zu ihrer rechten wahrnimmt. Sollten sie schon gesehen worden sein?

Dann wird es ruhig, die Bedienstete hatte offensichtlich den saikeirei eingenommen. Die Dame wartet auf das Klopfen auf den Rahmen, doch scheint das Mädchen erst einmal zu Atem kommen zu müssen. In ihrer Ungeduld ist die Herrin versucht, einfach die Tür zu öffnen und Erklärung zu verlangen, doch kann sie sich gegen diesen Bruch der Etiquette wehren. Endlich ertönt das erwartete Klopfen und sie bestätigt. Die Tür wird aufgeschoben und das Mädchen wartet, bis sie angesprochen wird. "Was gibt es, Mai?", erkundigt sich die Ältere, ohne den Blick zu wenden und sich zwingend, sacht und ruhig zu sprechen. "Herrin!" - Mais Stimme ist gegen den Boden gedämpft - "Verzeiht die Störung, aber....ich bitte euch...Kimiko-sama, ihr müsst - nein, ach!" Ein verzweifelter Schuchzer lässt Kimikos Herz zusammenfahren, aber sie bleibt stoisch und wartet, bis sich die Kleine beruhigt hat. Wegen der mangelnden Ausbildung sah sie immer über die Unzulänglichkeiten des Personals hinweg und hätte sie in dieser Situation normalerweise ermuntert, doch kämpft sie selbst gerade um Haltung. Schließlich bringt Mai ihre Bitte vollständig zustande: "Einer der Samurai ist zurückgekehrt, der junge! Ich habe ihn eben auf der Dorfstraße gesehen! Herrin, bitte! Bringt sie dazu, zu bleiben! Wir brauchen ihren Schutz!" Die letzten Worte gehen in ein Wimmern über, das Zittern der Armen ist nicht zu übersehen.

Kimikos Gedanken rasen. Sie besitzt noch ein wenig von Wert, aber sie kannte den Ehrbegriff und die Pflichten der Kriegerkaste - sie brauchten einen Herren und der war sie nicht. Und junge nahmen es umso genauer. Trotzdem, er ist zurückgekehrt, warum auch immer. Ob die anderen auch kommen würden? Sie braucht mehr Informationen, stellt sie fest. Sie zerbrach sich den Kopf, wie sie das anstellen soll, ohne ihn zu verschrecken oder ihren Ruf zu gefährden. Schlussendlich seufzt sie fast lautlos, denn ihr ist klar, dass ihr Ruf ein unrealistisches Luxusproblem werden würde. So wendet sie sich an Mia: "Sagt dem Badehaus, es möge ihnm Gastfreundschaft anbieten. Sollte es bei diesem Unterfangen Unterstützung brauchen, kann es sich an dieses Haus wenden. Geht, ich bereite mich vor." "Jawohl, Kimiko-sama, vielen Dank!", antwortet das einfache Mädchen enthusiastisch. Die Dame hatte sich überlegt, dass eine Einladung in das haus ihres Onkels zu wenig Neutralität bewies, und die Nähe zu ihren Kindern manche Angelegenheit erschweren würde. So tritt sie hinüber zu ihrer Kleidung, ihrem Schmuck und der Schminke, um ein angemessenes Kunstwerk zu erschaffen. Sie kennt keinen der Samurai persönlich, sie hatte sich von ihnen stets fern gehalten.

Tsuyoshi ist schon eine Weile im Dorf, als ein Junge zu ihm läuft. Er hilft immer wieder im Badehaus aus und beginnt gleich außer Atem: "Samurai-sama! Nach eurem Weg ist ein Mahl und ein warmes Bad nur Recht - lasst euch von meiner Madame einladen, auch wenn unser Haus nur ein bescheidenes ist!" Er verbeugt sich und wartet artig auf die Antwort.
« Letzte Änderung: 23.03.2017, 05:45:16 von Josei Kimiko »

Tsuyoshi

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[Szene 1] Die Ankunft eines einsamen Wanderers
« Antwort #2 am: 23.03.2017, 14:29:18 »
Der junge Samurai hat sich bei seiner langsamen Wanderung durch den kleinen Ort müßig umgesehen. Seine Stimmung ist dabei nicht besser geworden, eher im Gegenteil: Noch immer rinnt ihm der Schweiß in Bächen den Rücken hinunter, die Sonne brennt unbarmherzig weiter auf das Bergdorf hinab, und seine Kehle ist noch ausgetrockneter als zuvor. Als Samurai wird er sich keinesfalls die Blöße geben, sein Unwohlsein zu zeigen, doch das ändert nichts daran, dass ein Wetter herrscht, bei dem Mensch und Tier Schatten und Kühle suchen. Mürrisch lässt er seinen Blick schweifen. Wo nur hat dieses verlauste Nest seinen Brunnen?! Oder holen sich die Bauern hier ihr Wasser von einem der kleinen Bäche in der Nähe? Er flucht lautlos und marschiert schließlich weiter, bis er die Mitte der Ortschaft erreicht hat: wenig mehr als eine freie Fläche zwischen den kleineren und größeren Hütten. Hier bleibt er stehen, exakt im Mittelpunkt des Platzes, die Linke herausfordernd auf den Daisho-Griffstücken liegend, und sendet Blicke in alle Richtungen. Doch vergebens: Es scheint tatsächlich kein waffenfähiger Samurai hier zu sein, der ihm den Platz streitig machen will.

Als hinter ihm leise, schnelle Schritte erklingen, wirbelt Tsuyoshi dennoch instinktiv herum und stößt mit dem Daumen die Klinge des Katana aus ihrer Schutzhülle. Die Rechte umschließt das Griffstück und zieht die Waffe weiter heraus, so dass er in einer fließenden Bewegung die Körperdrehung mit einem Angriff verbinden kann – wie es sein Vater mit ihm geübt hat. Wieder und wieder, stundenlang, tagelang, Wochen und Monate lang. Bis die Bewegungsabfolge einem natürlichen Reflex gleichkam, über den er nicht mehr bewusst nachdenken muss. So kommt es, dass die Klinge bereits zu drei Vierteln gezogen ist und in Kopfhöhe des Jungen – Bauchhöhe für den erwarteten Gegner, eine gute Position für den ersten Schlag – funkelt, als er realisiert, dass da nur ein Knabe vor ihm steht. Sekundenlang stehen beide, der Mann und der Junge, voreinander und rühren keinen Muskel.

Dann, mit einem grimmigen Knurren, stößt Tsuyoshi die Waffe wieder zurück, blickt auf sein Gegenüber hinunter und meint: "Deine Madame? Wer ist sie?" Die Einladung ist angesichts seiner Erschöpfung mehr als verlockend. Doch es wäre nicht das erste Mal, dass Bauern einen einsamen Samurai in einen Hinterhalt lockten, um ihn überraschend anzugreifen und durch schiere Überzahl zu überwältigen. In den schmalen Räumen zwischen den Hütten wäre er im Nachteil, denn um eine Klinge gut zu führen, braucht man Platz. Hier könnten ihm viele Gegner auf einmal mit Messern, Wurfgeschossen und Steinen durchaus gefährlich werden. Es gilt also zunächst herauszufinden, wer die Frau ist, die ihn da zu sich bitten lässt, und was ihre Gründe sein mögen. Als ihm klar wird, dass er es nur mit einem einfachen Botenjungen zu tun hat, entscheidet sich der junge Mann jedoch um. "Führ mich zu ihr" befiehlt er dem Knaben und bedeutet ihm mit einer ungeduldigen Handbewegung, dass er sich von seinem Schrecken erholen und gefälligst losmarschieren soll.

Josei Kimiko

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[Szene 1] Die Ankunft eines einsamen Wanderers
« Antwort #3 am: 31.03.2017, 05:56:59 »
Der Junge verstummt sofort und rührt nicht einen Muskel, ja blinzelt nicht einmal. Ob es Tapferkeit ist oder Schockstarre, ist schwer zu sagen. So bleibt er, bis die Waffe zurückgesteckt ist und das Wort an ihn gerichtet wird. Ohne den starrenden Blick abzuwenden antwortet er: "Josei[1] Izumi, Herr." Dann ist er wieder still, bis die Aufforderung zur Führung kommt. Endlich erinnert er sich an seine Sitten und veneigt sich flüchtig. Anschließend macht er auf der Stelle kehrt und läuft los. Es geht eine der Ausfallsstraßen hinauf, die wieder aus dem Dorf führen. Er passt seine Geschwindigkeit an, bevor der Ronin den Anschluss verliert.

Der Weg führt an den den dem Dorf nächstliegenden Felshang. Noch in Sichtweite ein wenig oberhalb steht die eine größere Hütte, an die dampfende Quellen, von Zäunen un Büschen umgeben, sich anschließen. Doch zunächst geht es zum Haupteingang. Beim Näherkommen ist zu erkennen, dass die Anlage noch nicht alt ist. Der Junge ist so schnell, dass er eine gute Minute vor dem Eingeladenen im Inneren verschwindet. Als dieser in den Vorraum folgt, stellt er fest, das dieser relativ klein ist, vor allem mit bereits fünf anderen, die ihn begrüßen. Aufgereiht stehen dort ein altes Paar, ein Junge, ein Mädchen und eine nicht mehr junge Dame davor. Alle verbeugen sich tief und die Dame beginnt: "Willkommen, Samurai-sama, in dieser bescheidenen Hütte. Wir bedauern außerordentlich, euch nichts Angemesseneres bieten zu können, ist unser Bestes doch kaum gut genug. Wr sind einfache Menschen und fühlen uns durch eure Anwesenheit sehr geehrt. Mein Name ist Izumi, dies sind meine Helfer. Sollte es euch an etwas fehlen, wendet euch an uns. Wir würden euch zunächst einen Tee anbieten und dann ein Bad gegen die Spuren eurer Reise. Auch für ein anschließendes Mahl ist gesorgt." Kurz scheint sie Maß zu nehmen, dann schiebt sie hinterher: "Selbstverständlich geht alles aufs Haus, Herr." Dann wartet sie auf die Erwiderung.
 1. japanisch: Dame/Edelfrau

Tsuyoshi

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[Szene 1] Die Ankunft eines einsamen Wanderers
« Antwort #4 am: 01.04.2017, 14:02:31 »
Wortlos folgt der Samurai dem Jungen. Er beschleunigt seinen Schritt dabei nicht. Es ist an den anderen, sich ihm anzupassen, nicht umgekehrt – so hat er es von Kindesbeinen an gelernt. Gleichmäßig, äußerlich keinerlei Interesse oder Aufregung zeigend, schreitet er voran und achtet nicht auf die Dörfler, die ihm vorsichtig nachspähen, zwischen Neugier und Angst schwankend. Und auch hier: Weiber, Alte, Kinder... kein einziger Mann zeigt sich zwischen den Hütten. Erst als das größere Gebäude in sein Blickfeld gerät, verharrt er für einen winzigen Moment. Heiße Quellen! Mit einem Mal beginnt jeder Muskel, jedes Haar an seinem Körper nach einem erfrischenden Bad zu schreien, und das standhaft ignorierte Gefühl seine Kimonos, der durchgeschwitzt an ihm klebt, dringt wieder zu seinem Bewusstsein durch. Es kostet ihn nun mehr Mühe, sich weiterhin gleichmütig zu geben, doch Tsuyoshis Stolz lässt nichts anderes zu.

Unauffällig mustert er die Konstruktion, die an eine Mischung aus dem Domizil eines mäßig wohlhabenden Samurai und einem Gasthaus erinnert. Am Eingang des Vorraums angelangt, bleibt er kurz stehen und zögert. Doch dann setzt sich der Gedanke durch, dass er seine Würde durch ein rüpelhaftes Verhalten mehr schädigen würde als durch eine Höflichkeit, die ihm den vermuteten einfachen Bauern gegenüber ein wenig übertrieben erscheint: Mit gemessenen Bewegungen stellt er seine Sandalen neben der Shoji-Tür ab und geht ohne sie weiter ins Innere, wo es zwar noch immer heiß ist, doch immerhin die stechende Sonne viel von ihrer Macht einbüßt. Schweigend lässt der junge Mann mit der Narbe seinen Blick über die Anwesenden gleiten, während er ihre Verbeugungen mit einem knappen Nicken beantwortet. Dann bleiben seine Augen an der Frau hängen, die das Wort ergreift. Offenbar die Besitzerin. Lebt sie allein? Ist ihr Mann außer Haus, dass er den Gast nicht selbst begrüßt? Oder tot? Gibt es überhaupt noch Männer in diesem Dorf?

Die Einleitung seines Gegenübers hört sich verlockend an, zumal er eine anständige Mahlzeit schon einige Zeit hat entbehren müssen, ganz zu schweigen von einem anständigen Bad! Um zu verhindern, dass er zu stinken anfing wie ein Bettler, musste er in den letzten Tagen mit den wenigen schmalen Rinnsalen Vorlieb nehmen, die in diesen verwünschten Bergen Bäche genannt werden... Der Ronin öffnet bereits den Mund, um zu antworten und sich vorzustellen, bevor ihm der abschätzende Blick der Frau auffällt. Stolz funkelt in seinen Augen, als er, vorerst noch recht kühl, bemerkt: "Eure Dienste wären wohl willkommen – doch bin ich kein Bettler, der umherzieht, um Almosen zu empfangen!" Nicht dass er selbst wüsste, wie er bezahlen sollte, besitzt er doch außer seinen absolut unveräußerlichen Daisho nichts von materiellem Wert. Doch der Gedanke, in der Schuld Fremder zu stehen, nagt an seinem Selbstwertgefühl. Lieber würde er sich die Zunge abbeißen, als den Eindruck zu erwecken, er nehme eine milde Gabe entgegen!

Josei Kimiko

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[Szene 1] Die Ankunft eines einsamen Wanderers
« Antwort #5 am: 03.04.2017, 18:04:04 »
Izumi und ihre Helfer verharren in mehr oder weniger geneigter Haltung, vor allem der älteren Frau scheint es nciht leicht zu fallen. Das Lächeln der Gastgeberin bleibt unverändert, als der Ronin widerspricht. Sie ist die Formen der Höflichkeit zwar nicht geübt, bekannt sind sie ihr aber. So blickt sie ihn direkt an und beteuert: "Aber bitte, verzeiht meine ungeübten, missverständlichen Worte - ganz im Gegenteil weiß ich, dass ihr das nicht seid und es liegt mir fern, etwas zu unterstellen! Habt Nachsicht mit uns einfachem Landvolk, wir könnten euch für Geld nichts bieten, ihr ehrt uns, unsere niedrigen Dienste anzunehmen!" Ihre Empörung ist sichtlich gespielt, ihr Anliegen dahinter aber durchaus ernsthaft. So lässt sie dem jungen Mann nicht mehr viel Zeit zur Erwiderung und dreht sich zum Jungen: "Kenta, führe den Herrn hinein!" Der Junge schreckt auf, bestätigt mit Nicken und die Versammlung beginn, sich ihren Aufgaben zuwenden zu wollen.

Tsuyoshi

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[Szene 1] Die Ankunft eines einsamen Wanderers
« Antwort #6 am: 04.04.2017, 15:42:23 »
Die unterwürfige Antwort der Frau gibt dem Ronin die Möglichkeit, ihr Angebot ohne Gesichtsverlust anzunehmen, weswegen er auch nach kurzem Zögern nickt. Etwas irritiert ist er, als sie sofort den Jungen anweist, ihn weiter zu führen. Das ist zwar, was er ohnehin erwartet hat, aber diese Eile kommt ihm verdächtig vor. Hat die Dörflerin einfach Angst, dass er ein Bandit ist und sich mit Gewalt nähme, was sie ihm nicht freiwillig anbietet, oder steckt etwas anderes dahinter..? Tsuyoshi wittert noch immer einen Hinterhalt und folgt dem Jungen mit aufmerksamen Blicken in alle Winkel, die Hand stets bereit, seine Waffe erneut zu ziehen.

So geht er dem Knaben nach bis in einen niedrigen, weitläufigeren Raum, in dem mehrere Tische verteilt sind, umgeben von Sitzmatten. Landschaftsgemälde und einige wenige Dekorationsstücke zieren sein Inneres in dezenter Weise. Überrascht hebt der junge Samurai die Augenbrauen. Erstaunlich viel Kultur für ein einfaches Bergdorf! Gemessenen Schrittes wandert er bis zu einem der Tische und nimmt mit untergeschlagenen Beinen und dem Rücken zur Wand Platz. Sein Daisho legt er neben sich ab, wie es Sitte ist – allerdings nicht rechter Hand, wo er das Katana schlecht ergreifen und ziehen könnte, denn damit gäbe er ein Zeichen, dass er sich sicher fühlt. Eine große Höflichkeit unter der Kriegerkaste, für die er hier noch keinen Anlass sieht.

Die Klingen liegen daher neben seinem linken Oberschenkel, nach wie vor griffbereit. Der Junge schiebt unter vielen Verbeugungen ein Beistelltischchen rechts neben den Ronin, auf dem eine Teekanne und eine Trinkschale oder aber einige kleine Schüsseln mit Beilagen Platz finden würden. Auf dem Lacktischchen vor ihm liegt ein Paar elfenbeinerner Essstäbchen neben einer leeren Schale für Sake. Als er seinen Blick schweifen lässt, erkennt er, dass die Wände rechts und ihm gegenüber weitere Räume verbergen, während die zur Linken eine Außenwand sein muss: Durch die dünnen Shoji-Wände dringt das draußen so grelle Sonnenlicht gedämpft in den Raum. "He, Junge," meint er dann übergangslos. "Was ist los in diesem Dorf? Warum ist alles wie ausgestorben, aber deine Herrin hat nichts Eiligeres zu tun, als mich einzuladen? Wo sind eure übrigen Gäste?"

Josei Kimiko

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[Szene 1] Die Ankunft eines einsamen Wanderers
« Antwort #7 am: 06.04.2017, 06:40:23 »
Kenta ist seiner ANsicht gerade mit allen Vorbereitungen fertig und etwas enttäuscht, dass das Mädchen noch nicht mit dem Tee da ist, da wir der angesprochen. Kurz erstarrt er, dann kniet er sich hin und senkt den Kopf in Richtung des Soldaten. "Herr, der Krieg! Das Haus hat die Herrin erst vor kurzem bauen lassen, es gab noch nicht viel Zeit, dass sich seine Existenz herumspricht. Und unser weiser Fürst hat seine Untertanen mit an die Front geholt." Ob er sich über die Frage des Ronin wundert, lässt sich nicht erkennen. Und so einfach die Worte vorgetragen sind, die Spitze zur fürstlichen "Weisheit" könnte genausogut Naivität sein.

Dann öffnet sich eine Seitentür des Raumes und das junge Mädchen kniet dort, den Kopf fast auf ihrem Tablet. Sie schiebt sich herein und stellt alles ab, wobei sie jeden Blickkontakt meidet. Kenta verfolgt es, ohne wesentliche Teile seiner Haltung aufzugeben. Dann gießt sie die erste Schale ein und hält das Tablett wie einen Schutzschild oder einer Umarmung vor dem Körper. "Habt ihr weitere Wünsche, Herr?", haucht sie, schüchtern, nervös oder gar ängstlich. Kenta wartet darauf, entlassen zu werden, scheint aber ganz froh zu sein, noch dasein zu können.

Still wie es in den Dorfstraßen ist, kommt Kimiko gut voran. Unter dem offen getragenen Mantel nun ihren besten Kimono, einen flammendroten, dezente Schminke, da ihr die Zeit fehlte, und ihr bester Schmuck. Sie ist sich sicher, was sie will, entsprechend energisch scheitet sie aus, doch wie sollte sie es erreichen können? Mit Betreten des BAdehauses durch einen Seiteneingang trifft sie auf Izumi. flüsternd tauschen sie sich aus und bedanken sich gegenseitig für die jeweilige Unterstützung.

Tsuyoshi

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[Szene 1] Die Ankunft eines einsamen Wanderers
« Antwort #8 am: 06.04.2017, 14:05:39 »
Unwillig runzelt der Ronin seine Stirn, als der Junge so unverfroren über den Lehnsherrn spricht. Er will den frechen Burschen bereits mit einer eisigen Bemerkung zum Schweigen bringen – doch dann fällt ihm ein, dass der Mann, um den es geht, sein Lehnsherr nicht mehr ist. Er ist nun bei seinen Ahnen und hat Tsuyoshi wie all seine Kameraden als herrenlose Samurai zurückgelassen. Eine Erniedrigung und Strafe, die sie nicht verdient haben, sondern die über sie kam wie ein Unwetter oder eine Ungezieferplage über die Bauern kommt: unausweichlich und ungerecht. Verbittert presst er die Lippen zusammen und starrt finster vor sich hin. Da taucht die junge Dienerin auf und lenkt ihn von den düsteren Gedanken ab.

Sie schenkt ihm Tee ein, und er nimmt die Schale schweigend entgegen, um daran zu nippen. Ein würziger und doch nicht strenger Geschmack breitet sich in seinem Mund aus, und er atmet tief durch. Wie lange ist es eigentlich her, dass er richtigen Tee gekostet hat? Zwei Wochen? Drei? "Nein, du kannst gehen. Sag deiner Herrin, ich erwarte sie" meint er schließlich zu dem Mädchen, das er nur mit einem kurzen Blick gestreift hat. "Und du, Junge..." spricht er dann zu Kenta, ohne ihn anzusehen. "...erzähl mir mehr von dieser Frau. Und wie sie auf die Idee kam, in diesen Zeiten ein solches Haus zu errichten." Zwischen seinen Worten blickt er sich müßig um, nimmt gelegentlich einen Schluck und lässt sich nicht anmerken, wie gut der heiße Tee tut.

Josei Kimiko

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[Szene 1] Die Ankunft eines einsamen Wanderers
« Antwort #9 am: 27.04.2017, 07:34:02 »
Dem Jungen scheint der Unwillen, den seine Worte beim Ronin geweckt haben, nicht aufzufallen. Zu abgelenkt ist er durch die Anwesenheit des Mädchens. Diese haucht auf ihre Entlassung ein erleichtertes: "Danke." und huscht etwas überhastet hinaus. Ob sie allerdings die Nachricht überbringt, ist fraglich. Kenta will ihr folgen, wird dann aber von Tsuyoshi aufgehalten. Auch wenn er den Jungen nicht sieht, spricht dessen Zögern und Atem dafür, dass er im Moment eigentlich woanders sein möchte. So bleibt er stehen und beginnt langsam und überlegt zu erzählen, dass die Dame des Hauses verwitwet ist und ihr vermögen in diese neue Einkommensquelle gesteckt hat, da es an Männern fehlt, andere Einnahmequellen zu erschließen.

Währenddessen sind die Damen draußen zu einem Einverständnis gekommen und Kimiko legt ihren Mantel ab. Mit vorsichtigen Schritten nähert sie sich der Papiertür gegenüber dem Ronin und bleibt davor stehen. Ihr Kimono knistert und sie öffnet ihren Fächer, um das gesicht zu verdecken. Neben ihr kniet sich Izumi hin und klopft sacht gegen den Holzrahmen. Nachdem sie das Einverständnis des Kriegers vernommen hat, schiebt sie die Tür mit Schwung auf und legt ihre Stirn nieder: "Verzeiht, Herr, die Unterbrechung, doch ein weiterer Gast ist gekommen - Josei Kimiko. Dies Haus bietet nur einen Speiseraum, daher bitte ich euch, einander zu tolerieren und die begrenzten Möglichkeiten des Hauses in vollen Anspruch zu nehmen, um euren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten." Beide Frauen warten geduldig auf die Antwort, bevor die stehende in ihrer edlen Kleidung mit einem zurückhaltend gesprochenen Dank den Raum betritt und gegenüber Tsuyoshis Platz nimmt. Ihre Bewegungen sind still bis auf das Knistern des Stoffes und einstudiert bis zur Eleganz. Sie hält den Blick des Kriegers über den Rand ihres Fächers, bis ihr Platz eingerichtet ist.

Tsuyoshi

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[Szene 1] Die Ankunft eines einsamen Wanderers
« Antwort #10 am: 28.04.2017, 14:15:07 »
Nachdenklich starrt der Samurai vor sich hin, während der Junge erzählt. Das Dienstmädchen und dessen Herrin hat er schon fast wieder vergessen – zu gering ist die Bedeutung, die einfachen Leuten zugebilligt wird. Sie gehören eher zum Inventar, als dass man in seiner Kaste gewohnt wäre, sie als Individuen anzusehen. Langsam nickt Tsuyoshi, die Schale mit Tee in einer Hand, die andere locker auf seinem Knie liegend – noch immer in Griffreichweite seiner Waffe. "Mmmh... nur Kinder, Weiber und Greise... wie eine offene Deckung..." sinniert er mit finsterer Miene, als seine Gedanken sich den Banditen zuwenden, die in letzter Zeit immer frecher wurden. Jetzt, da seine Kameraden alle fortgegangen sind, scheinen Dorf und Umgebung dem Gesindel auf Gedeih und Verderb ausgeliefert...

Da hört er die Frauen und schaut auf. Mit einer Handbewegung scheucht er den erleichterten Jungen aus dem Raum und mustert die Neuankömmlinge. Überrascht hebt er seine Brauen, sobald sein Blick auf Kimiko fällt. Ohne hinzuschauen stellt er die Teeschale neben sich ab. Kleidung und Verhalten der Unbekannten lassen auf eine Dame schließen – aber... eine Dame, in diesem Dorf, ohne jeden Schutz..?! Mit einem Nicken akzeptiert er die Erklärung der Wirtin und wartet ab, bis sein Gegenüber sitzt. Dann betrachtet er sie nochmals eingehend, sucht sie einzuschätzen und begegnet schließlich ihrem Blick. Schweigend erwidert er ihn mehrere Atemzüge lang.

Tsuyoshi

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« Antwort #11 am: 02.05.2017, 14:12:45 »
Die Zeit scheint für einen Moment stillzustehen – kein Windhauch regt sich außerhalb des Hauses, und auch kein noch so leises Rascheln von Seide oder Knarren von Holz erklingt im Gebäude. Der junge Samurai sieht in die dunklen Augen der Dame, die über den Rand des Fächers auf ihn gerichtet sind und im Licht der Sonne zu glitzern scheinen, das durch die Shoji-Wände sickert. Dann, mit einem leisen Ruck, greift er wieder nach seiner Teeschale und hebt sie an die Lippen. Bevor er trinkt, nickt er Kimiko kaum merklich zu – die Züge zu der starren, ausdruckslosen Maske seiner stolzen Kaste erstarrt. Doch in seine eigenen Augen ist anstelle der bisherigen Gleichgültigkeit ein schwer zu deutender Ausdruck getreten, als er sich auf seinen Hacken sitzend zurücklehnt und abwartet...[1]
 1. Kimikos Wurf auf "Ein verstohlener Blick" war erfolgreich, die Szene geht weiter.

Josei Kimiko

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[Szene 1] Die Ankunft eines einsamen Wanderers
« Antwort #12 am: 04.05.2017, 18:54:46 »
Der Anblick des jungen Mannes, ungerüstet und noch staubig von der Reise, lassen Kimikos Sorgen größer werden. War das wirklich eine Vorhut oder ein Späher oder hatte er seine Ehre abgelegt und würde ihre Wehrlosigkeit ausnutzen? Auf einmal erscheint die ganze Idee nicht mehr so gut. Sie beobachtet ihr Gegenüber und sortiert ihre Gedanken, um nichts an die Oberfläche zu lassen.

Auch vor ihr wird ein Tischchen abgestellt und eine Teetasse aufgefüllt. Dann werden die beiden alleine gelassen. Regungslos wie eine hübsche Puppe wartet Kimiko ab, bis der Krieger reagiert. Zu ihrer Überraschung sind seine Manieren nicht nur höflich, er überlässt ihr sogar das Wort. Ganz deuten kann sie zwar nicht den Eindruck, den ihr Auftritt und der gehaltene Blickkontakt gemacht haben, aber irgendwie fühlt sie sich ruhiger.

Mit einer wohlstudierten Bewegung senkt sie den Blick gemeinsam mit dem Fächer, der ihr Gesicht freigibt. Sie klappt ihn zusammen und legt ihn neben sich, wie der Krieger seine Waffen. Mit einer künstlerischen Haltung, die alle Zeichen von Schüchternheit enthält, ohne Angst, rgeift sie nach der Teetasse und führt sie elegant zum Mund. Dabei verdeckt ihr weiter Ärmel das Ansetzen der Tasse und es gibt auch kein Geräusch - kein Schlürfen oder Schlucken. Erst als beim Absetzen sichtbar wird, das die Tasse ein bißchen weniger Inhalt umfasst, hat man den Beweis für ihre Handlung.

So frei, wie sie nun war, faltet sie ihre Hände elegant auf dem Schoß und neigt ein wenig den Kopf, bevor sie mit zurückhaltender, voller Stimme spricht: "Ehrenwerter, meine Anwesenheit ist, so hoffe ich, keine Belastung, vielleicht wäret ihr bereit für einen Austausch, um den Geist zu erfrischen? Meinen Namen habt ihr bereits erfahren, wie darf man euch nennen?" Alles an ihr spricht für eine hohe gesellschaftliche Schule, ohne einen Familiennamen ist ihr wahrer Stand jedoch schwer zu erraten. Sie hebt den Kopf und erwartet die Erwiderung.

Tsuyoshi

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« Antwort #13 am: 06.05.2017, 15:13:59 »
Unwillkürlich fühlt sich der Samurai von den gezierten Gesten der Unbekannten herausgefordert. Der ideale Krieger hält die Kultur ebenso hoch wie die Kriegskunst. Und als Sohn eines Goshi, der alles andere als wohlhabend war, ist er besonders empfindlich, was Zweifel an seiner Kultiviertheit angeht – seien es wirkliche oder eingebildete. Seine Augen verengen sich unmerklich, als er Kimikos Bewegungen verfolgt. Dann nimmt er gemessen mehrere Schlucke Tee zu sich. Exakt einen je Atemzug, in genau denselben Abständen. Darauf stellt er die Tasse in einer fließenden Bewegung ab, ohne die Augen von seinem Gegenüber zu wenden. Er erreicht dabei wahre Perfektion – oder fast.

Man hört das leise Klirren des feinen Porzellans, als er das zierliche Tässchen um eine Winzigkeit neben dem Zentrum des Untersatzes platziert. In seinem Gesicht regt sich kein Muskel, aber seine Zähne knirschen ob der Blamage aufeinander. "Ihr seid keine Belastung!" meint er ein wenig unwirsch, da er seinen Ärger nicht gleich unter Kontrolle bekommt. Dann fügt er ruhiger an: "Mein Name ist Kimura Tsuyoshi." Noch vor wenigen Tagen hätte er stolz den Namen seines Lehnsherrn hinzugefügt, doch der ist nun tot und hat den jungen Mann zum Ronin werden lassen, zu einem herrenlosen Samurai, der umhergetrieben wird wie die Wellen auf dem Meer. "Seid Ihr die Frau des Dorfvorstehers?" meint er, um von seinem Fehler abzulenken, und mustert sie wieder genauer.

Josei Kimiko

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[Szene 1] Die Ankunft eines einsamen Wanderers
« Antwort #14 am: 08.05.2017, 21:07:26 »
Kimiko folgt den Bewegungen ihres Gegenübers und ist überrascht, wie ordentlich der junge Mann sich schlägt, obwohl der erste Eindruck sie zu einem anderen Schluss hat kommen lassen. So beachtet sie den etwas gezwungenen Charakter der Bewegungen und das Klirren mit keiner Miene. Ihre eigene bleibt sanft lächelnd, irgendwo zwischen freundlich, höflich und unverbindlich.

Zunächst bedankt sie sich für die Bestätigung, keine Belastung darzustellen, dann stellt sie innerlich mit Bedauern fest, dass ihr der Name nichts sagt. Bevor sie den nächsten Schritt der Konversation führen muss, übernimmt der Krieger und erkundigt sich nach ihr. Sekundenschnell wägt sie ab, was geeignete Information ist und neigt dann erneut das Haupt: "Das bin ich nicht direkt, doch seid ihr nahe daran: Ich besuche zur Zeit meinen Bruder. Er vertritt den Dorfsteher für die Zeit seiner Abwesenheit. Wart ihr schon mal in der Gegend? Auch wenn ich hier nur für längere Zeiten zu Besuch komme, biete ich euch gerne an, meine Erfahrungen zu teilen." Noch will sie nicht mit der Tür ins Haus fallen und tastet sich ans Thema heran -auf welche Erfahrungen genau sie eigentlich abzielt, lässt sie offen.