• Drucken

Autor Thema: Kapitel II: The show must go on  (Gelesen 3335 mal)

Beschreibung: Das Erwachen in einer neuen Welt

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Ricky

  • Beiträge: 160
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #45 am: 27.10.2017, 03:29:07 »
Anscheinend versteht der Indianer nicht so ganz, was Ricky ihm sagen will. Also versucht er es erneut.
Auf die Geste des Mannes geht er ein, indem er selbst seine Hörner mit den Fingern nachstellt.
"Saaatüüür, Saaatüüür.", versucht er es langsam. Dann legt er die Hände über seinem Herzen zusammen: "Rrrrriiiicky, Rrrrrriiiiicky." Dies wiederholt er einige Male, bis er den Eindruck hat, der andere versteht, was er sagen möchte.
Als dann aber die Frauen näher kommen, richtet sich seine Aufmerksamkeit auf diese. Sein Lächeln wird noch breiter und entblöst die spitzen Zähne, was dem Jungen aber gar nicht bewußt ist.
Als Ayleen von der Einladung erzählt, widersetzt er sich den Leuten nicht, die ihn zur Feuerstelle ziehen.

Changeling

  • Moderator
  • Beiträge: 323
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #46 am: 27.10.2017, 15:06:10 »
Nach einigen weiteren, mehr oder minder erfolgreichen Versuchen, sich gegenseitig per Zeichensprache zu verständigen, führen die Dorfbewohner die kleine Gruppe zu dem erwähnten Platz. Dort beginnt sich nach kurzer Zeit offenbar alles zu versammeln, was Beine hat – inklusive einiger langbeiniger Hunde mit sehr intelligenten Augen, die wie aus dem Nichts zwischen den Hütten hervor kommen und mit heftig wedelnden Ruten schauen, ob sich von den Neuankömmlingen etwas fressbares oder doch zumindest einige Streicheleinheiten ergattern lassen. Die yunwi amai'yine'hi verlieren zusehends ihre Scheu, und schließlich haben sich alle eingefunden, Frauen, Kinder und Alte eingeschlossen.

Zuletzt humpelt eine alte Frau in einem mit aufwendigen Stickereien verzierten Kleid zu der Feuerstelle. Ihr Gesicht und ihre Hände wirken so runzlig und ausgemergelt, dass man meinen könnte, eine Mumie vor sich zu haben – doch ihr weißes Haar ist dicht und wächst ihr in langen Flechten bis zur Hüfte, als sei sie ein junges Mädchen. Auch ihre Augen, zwei meergrünen Perlen gleich, blicken scharf und aufmerksam, als sie die vier Wanderer begutachtet. Schließlich hebt sie die Hände zum Himmel, hält in feierlichem Ton eine kurze Rede, um dann von einem zum anderen zu gehen und jeden kurz an ihre welke Brust zu ziehen. Selbst Eddy, dessen wuchtige, muskulöse Gestalt die hutzlige Alte um fast zwei Haupteslängen überragt, lässt es ohne nachzudenken geschehen, dass sie dies tut und ihm anschließend eine dürre Hand auf Stirn und Herz legt.

Ayleen fällt in diesem Moment ein, dass es bei vielen indianischen Völkern Sitte ist, den Männern die Herrschaft über alles zuzusprechen, das sich außerhalb des Dorfes und des eigenen Grundes befindet – sie jagen, fischen, reiten Pferde zu, treiben Handel mit anderen Stämmen oder führen Krieg gegen sie. Die Frauen dagegen sind Herrinnen über das, was das Heim des eigenen Stammes ausmacht: die Herdfeuer, die Hütten und die Felder, auf denen sie arbeiten und die in weiblicher Linie vererbt werden. Damit wird die Begrüßung durch die Alte verständlich: Erst wenn die Besucher im Namen der Frauen auf deren Grund und Boden willkommen geheißen sind, sind sie wirklich Gäste des Stammes. Das Mädchen kann seinen Gefährten die weitschweifige, rituelle Begrüßung in einer komprimierten Form sehr schnell übersetzen: Die alte Frau gewährt ihnen Gastfreundschaft auf dem Boden ihres Volkes, was heißt, dass sie für die Dauer ihres Aufenthalts wie die eigenen Leute behandelt werden. Dafür erwarten die
yunwi amai'yine'hi, dass die Gäste im Gegenzug denken und fühlen sollen, als seien sie auch solche.

Nachdem die Begrüßung abgeschlossen ist, wird ein großes Feuer entfacht, um das sich alle im Kreis niederlassen. Der Sprecher holt wiederum weit aus (und die Wanderer merken schon, dass die roten Leute offenbar gern und viel palavern). Während seiner Vorrede haben einige andere Männer einfache Instrumente geholt: Trommeln, Flöten und eine Art von Rasseln aus Leder. "Fremde, die ihr für heute zu uns gehört" wendet er sich dann in gemessenem Ton an die Vier
[1] "Ihr sitzt heute an unserem Feuer, und wie es die Sitte aller klugen Leute ist, wollen wir voneinander lernen. Wir wollen Lieder singen, in denen wir lernen, was ihr wisst, und ihr lernt, was wir wissen." An Ayleen gewandt, fügt er lächelnd hinzu: "Welche Lieder ihr uns singen werdet, das müsst ihr selbst entscheiden. Eure Wahl wird uns auch etwas über euch sagen." Alles hört ihm sichtlich gespannt und voller Vorfreude zu, als er darauf den Kopf zurücklegt, tief Luft holt und dann beginnt, eine sehr langsame Melodie mit tiefer Stimme zu intonieren. Die Männer mit den Instrumenten fallen nach und nach ein, und die übrigen Dorfbewohner holen kleine, sehr glatte Steine hervor – wohl aus dem Fluss – um sie im Takt der Musik leise gegeneinander klappern zu lassen.

Noch haben die Lippen des Sängers kein einziges Wort geformt, aber jeder der vier Gefährten kann spüren, wie Melodie und Rhythmus von ihnen Besitz zu ergreifen beginnen: rund um sie wippen alle im Takt mit den Füßen, nicken oder summen mit, ja, selbst die Hunde scheinen die Magie der Musik zu spüren und starren mit großen, glänzenden Auge in die Mitte des Kreises, wo sich sogar die Flammen des großen Feuers wie Tänzer zu wiegen scheinen. Es ist, als würden alle Herzen in diesem Takt schlagen – keine feindselige, gewaltsame Übernahme des eigenen Körpers durch einen fremden Willen. Eher... ein Einswerden mit allen, mit allem rund um sie herum. Laura Ann blickt den Sänger gebannt an. Sie wiegt sich zu der Melodie und hat ein leicht entrücktes Lächeln auf den Lippen, wie sie es in jener anderen, graueren Welt wohl nur ein einziges Mal hatte – das war an jenem Tag, an dem die Mädchentoilette des Internats von einem seltsamen, süßlichen Geruch erfüllt gewesen war und der Lehrkörper in einer ungewohnt hektischen Aktion die Räume aller Schüler durchsucht hatte, ohne Ergebnis... Eddy nickt vor sich hin, eine Hand auf dem kostbaren Buch liegend, die andere, zur Faust geballt, den Takt auf dem Boden mit dumpfen Geräuschen untermalend.
 1. Hierbei spricht er so langsam, dass Ayleen problemlos übersetzen kann.

Ayleen Chepi Anitsiskwa

  • Beiträge: 155
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #47 am: 03.11.2017, 06:07:22 »
Die um Aufmerksamkeit bettelnden Hunde werden von Ayleen nicht weiter beachtet, der Auftritt der alten Frau sorgt allerdings dafür, dass sie sich erhebt und aufmerksam-gespannt wirkt. Nach der Rede lässt sie die Gesten und Berührungen zu, während sie gleichzeitig erklärt, dass das Lager in der Zuständigkeit der Frauen liegt und was es mit diesem zusätzlichen Willkommen auf sich hat. Anschließend bedankt sie sich im Namen aller höflich und respektvoll bei der alten Dame. Sie fühlt sich sehr an ihre eigene Großmutter erinnert.

Die Rede des Stammessprechers übersetzt sie dann schon simultan, solange es dessen Redefluss nicht stört beziehungsweise ihn nicht übertönt. Wieder hingesetzt antwortet sie mit einem elaborierten Dank, bevor sie sich mit Beginn der Musik sichtlich entspannt. Nach wenigen Takten kann man sie sogar mitsummen hören, bis sie später, kaum dass sie mit der Melodie vertraut ist, sogar mitsingt. Sie hält sich dezent zurück, gerade auch weil sie dem Text lauschen möchte, doch dringt ihre hellere Stimme auch ohne Worte durch den Chor und die Instrumente.

Ricky

  • Beiträge: 160
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #48 am: 08.11.2017, 05:40:48 »
Ricky beschließt, sich eher bei den hübschen, jungen Damen des Dorfes niederzulassen.
Der Auftritt der älteren Frau lenkt ihn aber doch von seiner Gesellschaft ab. Ihrer außergewöhnlichen Präsenz ist nicht zu entkommen. Und so läßt er sie auch gewähren, als sie ihn an ihre Brust zieht. Grad hebt er die Arme, um sie ebenfalls zu umarmen, als sie auch schon wieder losläßt.

Die Übersetzungen von Ayleen bekommt er nur am Rand mit, schließlich widmet er sich gleich wieder den Frauen um sich, als die Alte ihn willkommen geheißen hat.
Nur kurz überkommt ihn ein Gedanke: Hatten Ayleen und Eddy nicht vor kurzem noch so auf Eile gedrängt? Und jetzt saßen sie hier gemütlich am Feuer und warteten auf irgendwelche Heimkehrer des Dorfes. Sollten sie nicht lieber selbst weitersuchen und später hierher zurückkommen?
Aber Ayleen und Eddy hatten mit ihrem Verhalten klar gemacht, daß sie hier die Anführer sind.
Also beschließt er, die Zeit zu nutzen und sich mit den Einheimischen gut zu stellen.

Als dann auf einmal Musik ertönt, nimmt diese die Aufmerksamkeit des jungen Satyrs gefangen.
Schnell wippt auch er im Takt mit und sein Gedächtnis speichert die Melodie, so das auch er nach kurzer Zeit mitsummt.

Changeling

  • Moderator
  • Beiträge: 323
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #49 am: 08.11.2017, 13:56:40 »
Ganz wie Ricky beobachtet hat, scheinen sowohl das Satyrmädchen als auch der Troll ihre Sorge um die vermisste Tiffany vergessen zu haben – oder doch für den Moment verdrängt. Der Rhythmus beginnt bald alle vier Reisenden zu erfassen. Immer mehr haben sie das Gefühl, eins mit den anderen am Feuer zu sein, deren Herzen alle im selben Takt zu schlagen scheinen. Stimmen summen die Melodie und wachsen mit dem Spiel der Flötenspieler und Trommler zu einem Ganzen zusammen, das sie regelrecht berauscht. Erinnerungen an das Ewigkeitskonzert[1] werden wach. Das Hier und Jetzt scheint mit dem zu verschwimmen, was zuvor Wirklichkeit war. Wo sind sie? Am Konservatorium? In Gatsburg? Oder doch auf der Singenden Ebene? Das Grau in Grau ihres bisherigen Lebens, die bunten, so viel lebendigeren Farben an den Feuern der yunwi amai'yine'hi – fließen in einem Kaleidoskop ineinander. Dann wird ihnen plötzlich klar, dass sie eine Stimme hören. Eine Stimme, die eine Geschichte erzählt, und seltsamerweise muss Ayleen nicht mehr übersetzen, was sie hören, denn es ist, als sähen sie die Bilder vor sich. Nein, als erlebten sie selbst jene Geschichte, von der der Sänger berichtet...

Am Anfang war das Land weit und eben. Der große Geist hatte Menschen und Tiere geschaffen, die es bevölkerten, Bäume und Gras, er hatte Sonne, Sterne und Mond an den Himmel geworfen, die Berge auf festen Grund gesetzt und das Feuer hervorgebracht. Viele schöne und nützliche Dinge hatte er seinen Kindern geschenkt. Da geschah es eines Tages, dass ein armer Jäger namens amaneh yuwi'int'wa auf der Suche nach Büffeln durch die Ebene wanderte. Doch als es Abend geworden war, hatte er noch keine Beute gefunden. Müde und traurig kehrte er zurück, wo sein leeres, dunkles Zelt auf ihn wartete. Doch auf einmal hörte er hinter einem Busch eine wunderschöne Stimme, die sang. Er ging dem Gesang nach und fand ein Weib, das dort saß. Ohne Kleidung, ohne Schuhe oder Schmuck, nur von seinem langen, seidigen Haar umflossen, gefiel es amaneh yuwi'int'wa sehr. Er nahm das Weib mit sich und führte es heim in sein Zelt.

Es war fleißig und schön, und mit ihm kehrten Freude und Wohlstand in das Heim des Jägers ein. Von jeder Jagd kehrte er nun mit reichlicher Beute heim, und bald schon war er der reichste Mann im Dorf. Alle Männer, die ihn zuvor ausgelacht hatten, wollten nun seine Freunde sein, und die Weiber liefen ihm nach, wohin immer er sich wandte. Das Weib aber, mit dem das Glück bei ihm eingezogen war, nannte er weyla'cha, das ist Glückskind. Unter ihren Fingern gedieh alles auf den Feldern, war fruchtbar und mehrte ihren Wohlstand weiter. Endlich wurde offenbar, dass auch weyla'cha selbst ein Kind erwartete. Als es geboren wurde, war es ein Junge von so außergewöhnlicher Schönheit, dass ihn alle um seinen Sohn beneideten. Amaneh yuwi'int'wa, der sich sehr freute, opferte dem großen Geist und nannte den Jungen amaneh aso'nanu'ka. Lange Zeit lebten er, sein Weib und beider Sohn glücklich und zufrieden.

Doch amaneh yuwi'int'wa stieg sein Glück zu Kopf. Er wurde stolz und hochmütig, und schließlich beleidigte er die Sonne, indem er sagte, sein Sohn überstrahle ihren Glanz noch. Da hielt die Sonne ihren Lauf über den Himmel an und begann unbarmherzig ihre sengenden Strahlen auf die Menschen und ihr Dorf herab zu senden. Es fiel kein Tropfen Regen mehr, die Pflanzen verdorrten und die Tiere blieben aus. Die Menschen hungerten. Viele gaben nun amaneh yuwi'int'wa die Schuld, der in seiner Verblendung die Sonne beleidigt hatte. Doch amaneh aso'nanu'ka nahm seinen Speer und versprach, er würde die Sonne mit einem Opfer wieder besänftigen. So zog er los gen Sonnenaufgang, um die Himmelsleiter zu finden, auf der die Sonne jeden Morgen hinauf klettert. Viele Tage warteten die Menschen und hofften. Da schließlich sahen sie, dass die Sonne besänftigt war, denn sie zog von diesem Tag an wieder ihre Bahn, wie sie es ehedem getan hatte.

amaneh aso'nanu'ka aber wurde nicht mehr gesehen. amaneh yuwi'int'wa war sehr traurig. weyla'cha ging hinaus in die Ebene, wo er sie gefunden hatte. Dort setzte sie sich hin und begann über ihren verlorenen Sohn zu klagen. Sie weinte drei Tage und drei Nächte lang, ehe ihr Mann zu ihr ging und sie inständig bat, doch wieder heim zu ihm zu kommen. Er versuchte sie damit zu trösten, dass sie doch noch viele Söhne miteinander haben könnten. Da lachte weyla'cha bitter und sagte ihm, dass er ein Narr war. Denn sie war aus der gütigen Erde selbst hervorgekrochen, die Mitleid mit ihm gehabt hatte. Die Frucht ihres Schoßes aber hatte alle die Gaben enthalten, welche die Erde ihren Kindern zu geben imstande ist. Nun hatte sich amaneh aso'nanu'ka geopfert, um die Menschen vor dem Tod zu retten. Als amaneh yuwi'int'wa begriff, was er getan hatte, weinte auch er bitterlich. Da hatte die gütige Erde Mitleid mit ihm und barg ihn mit seinem Weib in ihrem Schoß. Die Tränen beider aber wurden zur Urmutter aller Wässer, die durch das Land fließen. Ihnen, und damit den Tränen der Erdkinder, sind die yunwi amai'yine'hi entsprungen.


Damit endet der Gesang. Als die vier aus der traumartigen Trance aufwachen, ist alles um sie herum still, bis auf der Knistern der Flammen. Sie fühlen eine eigenartige Leichtigkeit in ihren Herzen
[2].
 1. Siehe hier.
 2. Bitte beide mal Glamour gegen 5 würfeln.

Ricky

  • Beiträge: 160
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #50 am: 05.12.2017, 00:56:03 »
Ricky hat das Gefühl, mehr gesehen zu haben als nur die Geschichte, die die Indianer ihnen vorgesungen haben.
Immer wieder sind kurze Szenen in seinem Geist aufgetaucht, die ihn in einem mittelalterlich gestalteten Hofstaat gezeigt haben. Alles war durchsetzt mit anderen andersartigen Gestalten, vobei er Satyre, Elfen, Gnome und inzwischen auch Trolle durchaus erkannt hat. Musik und Gelächter ertönten. Es roch nach Blumen und saftigem Braten.

Die ganze Situation überfordert ihn zunehmend.
Ist er ein jugendlicher Musikschüler an der Gatsburgh Academy?
Oder dieser merkwürdige Satyr, dessen früheres Leben er gerade gesehen hat?
Und wie paßt das Alles zu dem indianischen Umfeld, in dem er sich gerade befindet?
Auch wenn ihm nach der Musik das Herz leicht ist, wird ihm der Kopf schwerer und er läßt ihn sinken.
Doch dann, mit einem Ruck, der durch seinen Körper geht, hebt er den Kopf, schiebt die Gedanken beiseite und lächelt in die Runde.
Neugierig schaut er sich um, ob von ihm etwas Bestimmtes erwartet wird und wie sich die anderen Anwesenden verhalten.

Ayleen Chepi Anitsiskwa

  • Beiträge: 155
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #51 am: 08.12.2017, 06:18:18 »
Ayleen genießt den Aufenthalt und das gemeinsame Singen so sehr wie wenig anderes in ihrem bisherigen Leben. Es ist so perfekt wie ihre Großmutter ihr vor, nach und während der Unterrichtsstunden und Seancen erzählt hat. Mit der Geschichte, die besungen wird, verschwinden die Erinnerungen an das Internat immer weiter. Der Inhalt der Geschichte wird lebendig, auch wenn sie mehr mit der Frau mitfühlt als dem Jäger. Parallel hört sie die Stimme ihrer Großmutter - leise und schleppend, wie in Trance sprechend. Was sie sagt, versteht Ayleen nicht, doch es macht ihr komischerweise nichts aus. Irgendwie weiß sie es doch. Es geht um die Regeln der Gemeinschaft, sowohl mit den Stämmen, als auch den Tieren und der Natur. Lächelnd und entspannt lässt sie auch nach den letzten Tönen des Liedes dessen Wirkung für eine Weile ungestört sich entfalten.

Bevor die Stille jedoch unangenehm drückende Züge annimmt, steht sie auf, nickt in die Runde und bedankt sich für diese eindrucksvolle Erfahrung. Ihre Antwort ist höflich, angemessen und nicht lang. Sie macht sich weder die Mühe, es zu übersetzen, noch explizit im Namen der anderen zu danken. Ausschließen tut sie es aber auch nicht.

Anschließend tritt sie noch näher ans Feuer und weiter in die Mitte der Runde. Ohne Rücksicht auf die anderen Fremdlinge benutzt sie weiter die Sprache der Cherokee und kündigt an, von den Weisheiten zu erzählen, die die Vögel ihrem Volk mitteilen können. Sie wartet, bis die Stille nur vom knisternden Feuer und Tierrufen durchbrochen wird, und beginnt, aufrecht, mit geschlossenen Augen, inbrünstig zu singen. Ihre Stimme füllt schnell den Platz, obwohl sie eigentlich alleine singt. Noch singt sie ohne Worte, der Klang suggeriert bereits etwas umfassendes, respekteinflößendes, Mächtiges, aber auch nicht böswilliges. Unbewusst greift Ayleen auf ihr Feenerbe zurück[1]. Mit Höherschrauben der Stimme hebt auch die dargestellte Kraft ab, beginnt zu fliegen und von oben herabzuschauen.

Schließlich beginnt die jugendliche Indianerin, ihren Gesang mit Worten zu füllen. Sie erzählt von Donner-Blitz, dem Donnervogel, und dem Adler. Es wird gesagt, dass der Donner und der Adler enge Freunde sind. Vor langer Zeit sprach Donner mit allen wilden Kreaturen - allen, die fliegen, und allen auf vier Beinen - und zum Adler sagte er: 'Ich ernenne dich zum Herrscher. Du musst ein Treffen mit allen wilden Kreaturen veranstalten und du musst auf all ihre Wünsche Antworten. Wenn du entscheidest, wie sie sein sollten, mache sie entsprechend. Du musst sie fragen, was sie sein wollen.', sprach Donner. Also berief der Adler ein Treffen. Alle Arten von Vögeln kamen. Nachdem sie eingetroffen waren, begann das Treffen. Er fragte sie alle, was sie zu tun imstande sein wollten.
Die Wachtel, die sehr selbstsüchtig war, wann immer sie nach etwas gefragt wurde, stand sofort auf und stellte sich neben den Adler. 'Kannst du mir nicht die Kraft geben, dass wenn ein Mensch mich fliegen sieht, er sofort vor Angst stirbt?', fragte die Wachtel den Adler. 'Nein', sagte der Adler. 'Du bist absolut zu klein. Ich kann dir diese Art von Kraft nicht geben. Aber ich kann soweit gehen: Ich kann dich fliegen lassen, und wenn ein Mensch dich fliegen hört, wird er sich ängstigen.', sagte der Adler zur Wachtel. Die Wachtel antwortete: 'Alles klar.' Das ist der Grund, warum wir, wenn wir eine fliegen hören, erschreckt werden, weil sie so ein surrendes Geräusch macht. Das ist alle Kraft, die ihr erlaubt wurde.
Als nächstes kam die Diamantschildkröte, die auf der Erde kriecht. 'Ich würde gerne in der Lage sein, ein Gift zu produzieren, dass Menschen töten kann. Gewähre mir diese Kraft.', sprach sie zum Adler. 'Nein', antwortete der Adler, 'Du bist viel zu langsam und klein.' Donner und der Adler berieten sich. (Donner war der Herrscher über die ganze Welt und den Himmel. Deswegen hat er seinen Freund zum Herrscher über die Erde ernannt.)
Woran ich mich beim Wirken des Adlers besonders erinnere ist die Kraft, die er der Meise gab. Ihr war die Kraft gewährt worden so etwas wie eine Wahrsagerin bei den Menschen zu sein, da sie dorthin konnte, wo die Menschen waren, und sie diese im Voraus informieren konnte, wenn sie Gäste bekommen würden. Dies konnte getan werden, indem sie in einen Baum in ihrer Nähe flog und ein fröhliches Lied anstimmte. 'Könntest du mir diese Kraft geben?', fragte die Meise. Also wurde sie ihr gegeben. Deswegen sagen wir, wenn wir eine Meise in einen Baum fliegen sehen, 'Die Meise teilt uns mit, dass jemand kommt.' Dies is die Kraft, die ihr gegeben wurde, sagen wir.
Dann trat der Rotkardinal, der wunderschöne Singvogel, auf: 'Lass die Menschen mir vertrauen. Ich möchte fröhliche Lieder singen, wenn es bald regnen wird.' Also wurde ihm diese Kraft gewährt. Deswegen glauben die Alten meiner Stämme, dass es regnen wird, wenn sie diesen Vogel oben auf einem Baum singen sehen. Das ist die ganze Kraft, die ihm gegeben worden war.
Der Würger trat vor und sagte: 'Alles, was ich sein möchte, ist ein Experte darin, zum Tanz zu rufen.' Und so wurde ihm diese Kraft verliehen.
Es erzählten die Menschen vor langer Zeit: Der Adler war der Herr der Erde, aber Donner war der Herr des ganzen Universums, und sie traten zusammen, um zu entscheiden, ob all die von ihnen verliehenen Kräfte gut waren. So erzählen uns unsere Vorfahren.
Mit den letzten Worten verstummt auch Ayleen. Wie von ihr gewohnt, hatte auch ihre Gesangsstimme die Präzision und Perfektion von Stimmgabeln, aber immerhin klang es diesmal nicht so gefühllos wie sonst. Eher im Gegenteil, sie senkt ihren Kopf und eine leichte Rötung der spitzen Ohren ist zu erkennen in der folgenden Stille.
 1. Protocol vs. Fae with 4 successes
« Letzte Änderung: 01.01.2018, 14:54:34 von Ayleen Chepi Anitsiskwa »

Changeling

  • Moderator
  • Beiträge: 323
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #52 am: 08.12.2017, 12:45:50 »
Bereitwillig macht der Sänger Platz für Ayleen. Ricky, der sich verstohlen umsieht, bemerkt auf den Gesichtern seiner Zuhörer einen entspannten Ausdruck stillen Glücksempfindens, ein beinahe kindlich wirkendes Lächeln hier und da – niemand scheint übermäßig ernst, obwohl die Stimmung doch würdevoll und ergreifend ist. Und wie sie dem Sänger zugehört haben, schenken sie auch dem Mädchen ihre Aufmerksamkeit, als es in die Mitte des Kreises tritt. Die alte Frau hat mehrmals zu Ayleens Worten genickt, langsam, mit einer Bewegung, die auf den ersten Blick schläfrig wirkte. Doch ihre Augen, wie glitzernde schwarze Spiegel in dem uralten, runzligen Gesicht, spiegeln die Flammen wieder und sehen hellwach aus. Mit einem Winken holt sie einen der umsitzenden Männer herbei, ehe Ayleen beginnen kann, und flüstert ihm etwas zu. Daraufhin eilt er aus dem Kreis und kehrt kurze Zeit darauf mit einem ledernen Bündel zurück, das er vor der Greisin ablegt. Die alte Frau winkt Ayleen zu sich und schnürt das Bündel auf. Darin erkennen die vier Gefährten die Felle diverser Tiere, einige kleinere, schwer erkennbare Gegenstände aus Holz, Federn und Knochen sowie etwas, das die Alte vorsichtig hervorzieht.

"Das ist das Springender-Lachs-Medizinbündel" erklärt sie Ayleen mit einer leisen, zittrigen Stimme. "Es wurde vor langer Zeit meinen Großmüttern übergeben
[1]. Sein Zauber ist stark." Dann erhebt sie sich ächzend und setzt dem Mädchen eine Art Krone oder Haube auf den Kopf, die aus weichem Leder gefertigt und mit vielen kleinen Muscheln besetzt ist. Die Muscheln bilden einfache Wellenmuster – es müssen unzählige sein, denn sie sind winzig. Über die Mitte der Haube verläuft ein leicht gezackter Kamm, der an die Rückenflosse eines Fischs erinnert. Ricky scheint es, als seien die Blicke der Dorfbewohner ehrfurchtsvoll, als sich Ayleen mit der Haube auf dem Kopf wieder aufrichtet.

Dann lauschen alle ihrem Vortrag, begleitet von den Trommlern, die ein feines Gespür für den rechten Rhythmus beweisen, welcher ihre Worte zu tragen und regelrecht zu verstärken scheint. Ayleens Geschichte gefällt den yunwi amai'yine'hi offenbar, denn nachdem sie geendet hat, ist es nur kurze Zeit still. Dann hebt der Vorsänger einen Arm. Wie auf ein geheimes Kommando springen alle auf und beginnen umherzutanzen. Die Trommler bearbeiten die gespannten Tierhäute wilder als zuvor, Flöten und Rasseln klingen lauter, Männer und Frauen tanzen gemeinsam
[2]. Paare finden sich und bewegen sich dicht beieinander, imitieren die Bewegungen von Tieren, springen ausgelassen im Kreis, stoßen jauchzende Schreie aus. Schon sehr bald ist Laura Ann inmitten der Tänzer zu entdecken. Das Satyrmädchen gebärdet sich wilder und zügelloser noch als ihre Gastgeber – ihr Tanzen wirkt voller Lebensfreude, aber auch in einer Weise lasziv, die zumindest männlichen Zuschauern fast quälend wird. Alles scheint in einem Rausch von purer Freude und Verbundenheit mit dem Rundherum. Nur die alte Frau, mit einem feinen Lächeln auf den faltigen Lippen, sitzt an ihrem Platz und nickt vor sich hin.

Eddy, der zwar auch ergriffen scheint, jedoch offenbar Hemmungen hat, sich dem Tanz anzuschließen, meint nachdenklich zu Ayleen: "Du scheinst sie ziemlich beeindruckt zu haben..." Der Vorsänger, der ebenfalls in der Masse der ausgelassenen Tänzer umherwirbelt, macht Ayleen einladende Zeichen.
 1. Ayleen erinnert sich bei diesen Worten daran, dass viele Indianer Verwandtschaftsbeziehungen anders definieren als die Weißen. Großmutter können alle älteren Frauen genannt werden, die auch nur weitläufig verwandt oder demselben Stamm zugehörig sind. Medizinbündel werden von speziell dazu initiierten Menschen aufbewahrt. Es gibt reine Männer- und Frauenbündel, die doch allermeisten werden von Mann und Frau gemeinsam gehütet, bis sie die Pflicht an ein anderes Paar abgeben
 2. Was, wie Ayleen weiß, nicht bei allzu vielen Tänzen der Fall ist – meist tanzen nur die Männer, und die Frauen singen dazu. Dies Tanz scheint nicht mehr ganz so formell zu sein – offenbar hat jetzt begonnen, was Weiße den geselligen Teil nennen würden.

Ricky

  • Beiträge: 160
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #53 am: 18.12.2017, 23:19:43 »
Auch Ricky springt kurz nach den anderen auf und beginnt zu tanzen. Er versucht, sich von der Lebensfreude, die die Indianer ausstrahlen, mitreissen zu lassen.
Doch irgendwie ist er noch in seinen Gedanken, in den Erinnerungen über sein anderes Leben gefangen und kann nicht loslassen.
Er bemerkt kaum die um ihn herumspringen und jauchzenden Tänzer. Immer noch kann er diese Eindrücke nicht einordnen, sieht Dinge, die für sein junges Gemüt und seine wohlerzogende Vergangenheit unverständlich, ja anstösig sind.
Es fällt ihm schwer all dies in Einklang zu bringen.
Schließlich werden seine Bewegungen langsamer und er wird widerstandslos mehr und mehr aus dem Kreis der Tänzer gedrängt, bis er allein am Rande steht.
Dort fällt er, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend, auf die Knie.
Was ist real?
Wer ist er?
All die Fragen von eben, brechen wieder über den Jungen ein.
Er kann nicht anders als auf einmal in Tränen auszubrechen.

Ayleen Chepi Anitsiskwa

  • Beiträge: 155
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #54 am: 02.01.2018, 13:23:55 »
Bei der Entgegennahme des Medizinbündels und auch mit der Krone wirkt die Feenelfe stets elegant und wie in ihrer natürlichen Umgebung. Irgendwie steht ihr die Mystik. Mit formvollendeten Worten und Gesten dankt sie und betont, dass sie das Geschenk bewahren und mehren wird, so wie sie auch die Erinnerung bewahren wird.

Bis zu der Aufforderung betrachtet Ayleen die Feier nur vom Rand aus und nickt zu Eddys Worten, dann schimmert doch ein wenig Unsicherheit durch. Sie nimmt die Einladung zunächst mit einem Knicks und einem Lächeln an, dann bewegt sie sich mit der Musik. Da ihr Gegenüber keine Anstalten macht, die förmlichen Tanzschritte der klassischen Schule anzuwenden, sondern sie eher antanzt, beginnt sie, wieder Abstand von ihm zu gewinnen. Stattdessen beginnt sie, den Rhythmus über mehrere Schritte langsamer zu interpretieren, und für sich selbst zu tanzen. Sie schließt die Augen und scheint sich im Tanz zu verlieren. Auch wenn sie dem Rhythmus folgt, so tanzt sie bald nicht mehr mit irgendjemandem, sondern allein oder für nicht sichtbare Geister. Es hat eher etwas von einer Präsentation und Interpretation eines Schamanentanzes in Extase, als von einer Anpassung an die wilde, ausgelassene Feier.

Changeling

  • Moderator
  • Beiträge: 323
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #55 am: 07.01.2018, 14:44:15 »
So tanzen die beiden Schüler, jeder für sich, mit ihren Gedanken und Empfindungen wie kleine Schiffchen auf einer wildbewegten See inmitten der feiernden, ekstatisch springenden yunwi amai'yine'hi. Ayleen verliert sich zusehends in sich selbst, Visionen jagen einander vor ihrem inneren Auge. Die bunte, so viel lebhaftere und intensivere Welt der Singenden Ebene um sie erwacht zu einem Leben, das sie an Dinge erinnert, welche lange vor ihrer Geburt stattgefunden haben müssen. Die wilden Wogen glätten sich zusehend, und sie fühlt sich von der sanften, aber kraftvollen Macht des Stroms vorangetragen in andere Zeiten, andere Leben..

Ricky dagegen, in einem ähnlichen Strudel von Szenen, Fragmenten, kurzen Bruchstücken längst vergangener Dinge, beginnt sich instinktiv gegen das zu wehren, das da auf ihn einprasselt. Statt ruhiger und gleichmäßiger zu fließen, werden die Wogen um ihn immer höher aufgepeitscht, machen ihm Angst vor dem, das sich ihm da präsentiert. Ständig schwankt er hin und her zwischen einer wilden, kraftvollen Bejahung all dessen, einer geradezu entschlossenen Lüsternheit, mit der er den warmen Puls eines echteren Lebens genießt als jenes in der grauen Welt des Internats, und dem Zurückschrecken vor solchen Gedanken, das ihm anerzogen ist und all diese Dinge sündhaft, primitiv, roh und falsch erscheinen lässt. Endlich scheint es ihm, als stritten zwei verschiedene Persönlichkeiten in ihm, die eigentlich zusammengehören – und doch wieder nicht. Er bricht zusammen.

Um ihn herum geht der wilde Tanz weiter, jauchzen und springen Männer und Frauen, als sei die Welt um sie nicht mehr vorhanden. Der Junge kommt sich vor wie ein Vogel, der mit gebrochenen Flügeln am Boden sitzt und zusehen muss, wie der Schwarm unbeeindruckt weiter seine majestätischen Kreise am Himmel zieht, unerreichbar fern... Da plötzlich berührt ihn eine Hand sanft an der Schulter. Er hebt den Blick und erkennt Laura Ann. Ihre kleinen, niedlich wirkenden Hörner scheinen hell im Licht des Feuers auf, während ihre glänzende Lockenpracht wie eine seidene Flut über ihre Schultern fällt. Ihre großen, ausdrucksvollen Augen schimmern. Sie kniet neben dem Jungen. Als einzige scheint sie seinen Zusammenbruch bemerkt zu haben
[1]. Wortlos zieht sie ihn mit einem Mal in ihre Arme und drückt ihn an sich.
 1. Ayleen kann allerdings einen Wurf auf Perception + Empathy machen, wenn sie sich aus dem tranceartigen Tanzfieber lösen möchte.

Ayleen Chepi Anitsiskwa

  • Beiträge: 155
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #56 am: 08.01.2018, 18:43:19 »
So bleibt denn die Feen/Elfen/Indianerin nahe beim Feuer und tanzt für sich, die Augen gechlossen und den Mund zu einem leichten Lächeln verzogen, der Welt entrückt. Sie passt hierher und auch wieder nicht. Sie ist größer, schlanker und bewegt sich eher wie eine Pflanze im Wind. Die anderen Tänzer bilden eine fließende, sprudelnde Masse um sie und das Feuer herum. So wird sie Teil der Szene und steht doch für sich.

In ihrem Inneren verfolgt sie träge, aber gespannt die Erinnerungen, Bilder unf Eindrücke, die auf sie einwirken. Irgendwie versteht sie immer mehr von dem, was ihre Großmutter ihr zu vermitteln versucht hatte, und doch wusste sie es auch schon selbst immer. Es schlummerte nur. Wieviel mehr lag da noch verborgen in ihrem Erbe? Sie war zu betäubt, um nachzubohren oder zu -fassen, sie ließ alles vorüberziehen und nahm nur dass, was kam.

Etwas kam ihr wieder in den Sinn, und sie hielt es fest, um es später umzusetzen: Als kleines Mädchen lernte sie, verschiedene Vogelrufe mit einfachen Mitteln nachzuahmen. Sie würde es als Gegengeschenk für den Beutel an den Stamm geben! Das war wenigstens im Ansatz angemessen und gab eine Erinnerung an ihren Besuch mit.

Ricky

  • Beiträge: 160
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #57 am: 22.01.2018, 05:56:19 »
Ohne groß nachzudenken umschlingt der Junge krampfhaft den warmen, weichen Körper des Mädchens.
Es muß schmerzhaft für sie sein, aber dies nimmt Ricky nicht wahr.
Er ist gefangen in einem Kaleidoskop aus grellen Farben und einer schrillen Kakophonie. Die Eindrücke werden immer verwaschener, während sie durch seinen Geist huschen.
Er gibt sich einfach der Verzweiflung hin, nicht zu verstehen, wohin er gehört, und die Tränen fließen und fließen.
Für ihn gibt es kein Jetzt, kein Hier. Kein Ort oder keine Zeit zu der er sich gehörig fühlt.
Das Einzige, das ihn noch vor dem Wahnsinn rettet, ist der Anker, an den er sich klammert.
Noch einmal umgreifft er den Leib von Laura-Ann und drückt seinen Kopf an ihre Schulter.

Irgendwann ....
Später...
Ricky hat keine Kraft mehr. Seine fast krallenartig verkrümmten Hände entspannen sich. Die Tränen sind aufgebraucht. Seine Kopf schmerzt.
Langsam wird ihm klar, daß sich etwas verändert hat.
Die grellen Farben, die schrillen Töne....
Sie sind weg.
Das Karusell der Eindrücke wird langsamer.
Es zeigt nun ruhigere Bilder.
Landschaften in immer noch leuchten Farben und unterlegt mit klaren Tönen. Aber keine wilden Feiern, geschweige denn Orgien.
Szenen von Gemeinschaft, von Reisen.
Und dann trauriger, düsterer.
Geschlagene Schlachten mit Freunden gegen Drachen und Monster.
Gefallene Gefährten und ihre Beisetzung.
Und auch wenn ihn diese Erinnerungen in eine entsprechende Stimmung versetzen, sind sie bei weitem nicht so weit von seinem Sein als Jugendlicher an der Akademie entfernt, wie es die ersten, wilden Eingebungen waren.
Er wird sich wieder bewußt, wo er ist und wer ihn da in den Armen hält.
Vorsichtig schaut er auf und blickt mit seinen verquollenen, vom Weinen geröteten Augem direkt in die mitfühlenden Augen von Laura-Ann.
Ein leises, fast gehautes "Danke." dringt aus seiner vom Schluchzen wunden Kehle.
Er versucht, sich ein wenig aufzurichten, und streicht sich Tränen und Rotz mit dem Ärmel seines Hemdes aus dem Gesicht.
Dann noch einmal, diesmal etwas fester, aber immer noch rau: "Danke!"
Er drückt das Mädchen vorsichtig noch einmal an sich und schaut ihr dann wieder in die Augen.
Plötzlich beugt er sich vor und preßt kurz seine Lippen auf ihre.

Changeling

  • Moderator
  • Beiträge: 323
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #58 am: 24.01.2018, 10:37:15 »
Für Ayleen ist es ihr Körper, der sie irgendwann wieder aus dem Reich der Erinnerungen – oder der Träume? – zurückbringt. Während um sie herum noch vereinzelte Tänzer singend ihre Kreise drehen, merklich schwerfälliger geworden, zieht es ihre bleischwer gewordenen müden Glieder immer mehr zu Boden. Dort sitzen oder liegen viele yunwi amai'yine'hi, die sich offenbar beim Tanzen ebenso verausgabt haben wie sie. Eine angenehme Trägheit beginnt von ihr Besitz zu ergreifen, als ihr ein hinzuspringender Mann unter die Arme greift und sie langsam ins Gras sinken lässt.

Während sie frische Luft in ihre Lungen pumpt und in den Himmel blickt, wo Wolken bizarre Formen bildend über sie hinwegwandern, hat sie das eigenartige Gefühl, gerade ein winziges Stück von etwas gefunden zu haben, von dem sie bislang nicht einmal wusste, dass sie danach suchte. Gesichter, vornehmlich von alten, weisen Männern und Frauen, stehen nun bunt und lebendig vor ihrem inneren Auge. Namen schwirren in ihrem Kopf umher, alte Märchen und Begebenheiten – hat sie sie selbst erlebt, oder wurde ihr davon erzählt? Ja, sie glaubt einen Moment lang, wirklich zu wissen, wer sie ist, während rund um sie die letzten Tänzer zu Boden taumeln und die Trommeln verstummen.

Laura Ann erwidert Rickys Umarmung und zieht ihn fest an sich. Ein leises Keuchen löst sich von ihren Lippen, als der Junge so fest zupackt, doch sie macht keine Anstalten, sich von ihm zu lösen. Stattdessen wiegt sie sich langsam mit ihm hin und her, streichelt ihn schweigend, wartet ab. Sie lächelt weich, als er sich bei ihr bedankt. "He, du hättest bestimmt dasselbe für mich getan" sagt sie leise. Sie sieht ihm zu, wie er sein Gesicht reinigt, erwidert seinen Blick – und scheint für einen Moment überrascht, als er sie unvermittelt küsst.

Kaum haben sich ihre Lippen wieder voneinander gelöst, sieht sie ihn an, öffnet den Mund leicht, findet aber offenbar keine Worte. Lange, seidige Wimpern bedecken ihre meergrünen Augen, als sie ihn anblinzelt. Ihre Hand fährt ganz leicht die Konturen seines Gesichts nach, die Stirn des Mädchens ist nachdenklich gerunzelt, als suchte sie in ihrem Gedächtnis nach etwas. Endlich lächelt sie ihn an, ungewöhnlich verlegen, und sagt nur: "Du bist schön... Ich habe einmal einen Jungen geliebt, der so schön war wie du. Vor langer Zeit..." Fast ein wenig erstaunt über sich selbst wirkt sie, als sich die Worte von ihren Lippen gelöst haben.

Es ist Eddy, der sowohl Ayleen als auch die beiden Satyrn wieder ganz in die – Wirklichkeit? – zurückholt: Mit einem lauten Ächzen tritt der riesige Troll zu ihnen und schüttelt seinen gehörnten Kopf. "Was für ein Erlebnis..!" grollt es aus seiner breiten Brust. "Ich habe es deutlich gesehen: Die Schlacht – ich war an der Seite des Prinzen und habe... habe... Es waren so viele Feinde, doch wir kämpften! Wir waren unüberwindlich! Es war ein glorreicher Tag..!" Kurz darauf scheint seine Stimmung umzuschlagen. "So viele Tote, so viel Leid..." murmelt er betrübt. "Aber das Tor... das Siegel... sie sind nicht umsonst gefallen!" Die letzten Worte brüllt er mit einer Donnerstimme gen Himmel, bei der selbst die erschöpften yunwi amai'yine'hi aufschauen. Dann blickt er sich verwirrt um, als komme er gerade erst zu sich. Als er alle Blicke auf sich gerichtet sieht, murmelt er nur noch geistesabwesend: "Ein glorreicher Tag. Es war ein glorreicher Tag..."

Ayleen Chepi Anitsiskwa

  • Beiträge: 155
    • Profil anzeigen
Kapitel II: The show must go on
« Antwort #59 am: 31.01.2018, 04:52:03 »
Während die Trägheit sie umfängt, fühlt sich Ayleen ein weiteres Mal an die Seance mit ihrer Großmutter erinnert - auch dort haben die Dämpfe der Kräuter Körper und Wahrnehmung erschwert. Bei dem hilfreichen Griff der Männer ziehen sich ihre Augen zusammen und sie setzt schon zu Protest an, da wird sie schon in Ruhe gelassen. Sie entspannt und genießt es, einfach ruhig dazusitzen, auf ihre Arme gestützt, und in den Himmel zu blicken. Ohne Zwang lässt sie ihre Erinnerungen noch einmal Revue passieren und dämmert vor sich hin.

Erst Eddys lautes Auftreten bringt sie zurück in die Gegenwart. Kurz kneift sie ihren Nasenrücken, dann beruhigt sie die Indianer in ihrer Sprache: "Keine Sorge, er ist erfreut, dass er sich an einen Teil einer alten Geschichte erinnert." Sie nimmt eine kniende Position ein, da sie ihren schweren Gliedern kein Aufstehen zutraut, und fragt mit erhobenem Haupt: "Hättet ihr ein fingerdickes, glattes Aststück?" Sie zieht einen Grashalm und beginnt, ihn zurecht zu schneiden. "Wann kommen die Fischer und Jäger zurück?", fragt sie beiläufig, während sie die Vogelpfeife bastelt, wie sie es schon getan hat, kaum dass sie laufen konnte.

In der Ruhe wird ihr langsam auch der Zustand ihrer Gruppe bewusst. An diese gewandt spricht sie mit hoher Stimme und im Englischen: "Geht es euch gut? Was ist passiert?" Eddy bringt sie einfach nur Aufmerksamkeit entgegen, die engumschlungenen Satyre blickt sie zwar kurz an, vermeidet aber weiteren Blickkontakt. Weder Unwillen noch Missfallen oder peinliche Berührtheit zeichnen ihre Züge, nur diese subtile Vermeidung und die erröteten Ohrspitzen verraten ihre Internatserziehung.

  • Drucken