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Autor Thema: Die Waisen von Niewinter  (Gelesen 26452 mal)

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Idunivor

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Die Waisen von Niewinter
« am: 18.06.2017, 17:23:15 »
Für die einen war es ein Wispern im Wind, für den anderen Buchstaben, geschrieben in Feuer, für wieder andere war es der Ruf eines Vogels und für manch einen gar einfachen Worte geschrieben auf Pergament, doch egal welcher Art, die Botschaft war immer dieselbe: “Die Morndinsamman haben Orbus, den letzten des Clans Proteg, zu sich gerufen. Nun ruft er seinen Clan zu sich, um ihn auf diesem letzten Weg zu begleiten. Die erste Glocke wird geschlagen am 3. Kythorn, auf dass er die Ruhe der Felsen finden möge.“
Es war eine traurige Nachricht. Orbus war ihnen allen ein Vater gewesen, wie man ihn sich nur hatte Wünschen können und auch wenn der Zwerg schon alt gewesen war, als er die Ältesten von ihnen aufzog, so hatte doch keiner von ihnen erwartet, dass er so plötzlich diese Welt verlassen und in die nächste gehen würde. Doch weil sie ihm so viel verdankten, zögerte keiner von ihnen dem Ruf nachzukommen und in das Haus zurückzukehren, in dem sie so viel Zeit verbracht hatten. Manch einer war fern vom glanzlosen Juwel des Nordens gewesen, mancher hatte es nie in seinem Leben verlassen. Doch jetzt waren sie alle zurückgekehrt. Der Winter hatte seinen eisigen Griff um den Norden bereits gelöst und so war die Reise nicht allzu beschwerlich gewesen. Niewinter selbst mochte nicht mehr die große Hafenstadt von einst sein, aber die Wärme des Hitzenun hegte es noch immer in seiner Bucht. Die, die es seit längerem nicht gesehen hatten, waren überrascht, dass das Juwel zwar nicht strahlte, aber doch ein schwacher Glanz von ihm ausging. Die Tore waren jetzt nicht mehr brüchiges Holz, das in schiefen Angeln hing, sondern starke mit Eisen beschlagene Eiche, die des Nachts geschlossen werden konnten und draußen hielten, wer nicht eingelassen werden sollte.
Aber unter der Sonne des Tages standen diese Tore offen und reisende strömten hinein, wenn auch nicht in Scharen, sondern in kleinen Gruppen. Der Weg führte sie durch verschlungene Gassen, die vielfach von Gerüsten enger gemacht wurden, da an vielen der Gebäude hier in dem Viertel, das alle nur als die „Enklave“ bezeichneten, gearbeitet wurde. Die meisten Leute, die hier in der Straße unterwegs waren, hatten irgendein Geschäft zu erledigen und viele davon hatten mit dem Wiederaufbau zu tun. Aber ebenso viele gingen den Geschäften nach, die man in jeder anderen Stadt auch entdecken würde, Schmiede und Kesselflicker, Bauern und Fischer, die ihre Erzeugnisse anboten. Sogar einige Bettler hatten sich schon gefunden, die hier auf den Straßen saßen und darauf hofften wenigstens einige Kupfermünzen von denen zu bekommen, die mehr Glück hatten als sie.
Doch ihr Ziel lag nicht in der Enklave, sondern, um es zu erreichen mussten sie sie hinter sich lassen und den Nie überqueren. Sie ließen die grauenerregende Ruine von Schloss Nie zu ihrer linken liegen und gelangten so zu dem Anwesen, das sie ihr einst ihr Heim genannt hatten. Nie war es in einem so schlechten Zustand wie der Rest der Stadt gewesen, aber es glänzte auch nicht so wie die wiederhergestellten Bauten in der Enklave. Es war kein großes Anwesen, das hier direkt an der Seite des Nie lag. Asche und Sturm hatten seine Mauern grau und abgewetzt werden lassen. Viele glückliche Erinnerungen verbanden sie mit diesem Ort, aber ihre Rückkehr würde ihnen weniger schön im Kopf bleiben.
Am Abend des 3. Kythorn waren sie alle versammelt in diesem Anwesen, in der großen Halle, in der einst die lange Tafel gestanden hatte, an der sie alle gemeinsam gespeist hatten, war nun in der Mitte auf einem steinernen Tisch Orbus selbst aufgebahrt. Alte zwergische Magie konservierte seinen Körper und bewahrte ihn vor dem Zahn der Zeit, solange die Riten dauerten. Nicht alle Kinder, die er aufgezogen hatte, waren hier versammelt. Für einige war der Weg zu weit gewesen, hatten sie doch in ganz anderen Regionen der Welt zu ihrem Heim gemacht und wieder andere waren gebunden von anderen Pflichten. Doch einige waren gekommen, um dem Zwerg Respekt zu zollen, dem kein Clan geblieben war, außer den Kindern, die er großgezogen hatte, obwohl sie nicht seines Blutes waren.
The only ones who should kill are those prepared to be killed.

Vorbis

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #1 am: 21.06.2017, 10:45:46 »
Vorbis' Rückkehr nach Niewinter stand unter keinem guten Stern - zumindest nahm der Kleriker den ausdauernden Regen, der ihn seit Stunden verfolgte, zum Anlass, diesen unfreundlichen Gedanken zu formen. Die bisherige Reise war recht angenehm verlaufen, mit frühlingshaften Temperaturen und ohne größere Zwischenfälle, abgesehen von einer gebrochenen Achse an seinem Eselskarren unterwegs, was jedoch zum Glück in der Nähe eines Gasthauses passiert war. Die Menschen dort - fromme Leute - richteten im Gegenzug zu ein paar segnenden Worten im Namen Oghmas nicht nur den Karren, sondern ließen dem feisten Priester auch noch ein üppiges und wohlschmeckendes Mahl angedeien, um ihm "über den Schrecken hinwegzuhelfen".
Wer würde da noch sagen wollen, das bescheidene Leben eines Klerikers böte nicht seine Vorteile?

Heute jedoch hatte sich der Himmel bereits am frühen Morgen zugezogen, und seit kurz nach seinem Aufbruch prasselte das Nass auf seine Glatze. In der Erwartung, heute Niewinter zu erreichen, hatte Vorbis seine opulente Amtsrobe angelegt, die nun jedoch klatschnass auf seiner Haut klebte und sich über seinen Bauch spannte.

Als er das südwestliche Tor passierte, erblickten seine Augen also zum ersten Mal seit acht Jahren wieder die Stadt, in der er aufgewachsen war. Es hatte sich offenbar einiges getan, trotz des Wetters war der Stadt ein Aufschwung anzumerken. Frische Farbe hier, neue Fensterläden dort, auch das Stadttor war wiederaufgebaut worden, seit er Niewinter verlassen hatte. Es tat gut, die Stadt, zu der Vorbis auch nach all der Zeit noch eine ganz besondere Beziehung hatte, in solcher aufknospenden Blüte zu sehen.

Eine Erinnerung jagte die nächste auf Vorbis' Weg durch die Stadt, und ehe er sich versah, hatte ihn sein Karren wie automatisch vor die Pforten des Hauses des Wissens gebracht. Er hatte eigentlich nicht vorgehabt, am ersten Tag bereits hierher zurückzukehren, da er wusste, wie sehr ihn der Anblick aufwühlen würde: Immerhin hatte er die wohl beste Zeit seines Lebens verbracht, aber auch eine seiner größten Enttäuschungen erlebt. Irgendeine innere Kraft - oder war es Oghmas Wille gewesen, die den Esel gelenkt hatte? - hatte ihn jedoch schnurstracks hierhin kommen lassen, und bei dem Anblick des vertrauten Gebäudes spürte der Priester, wie sich zum Regen in seinen Augen auch die eine oder andere Träne gesellte.

Einige Zeit saß er wie starr auf dem Bock, während das Wasser ihm über das Gesicht lief; dann drehte er abrupt ab und setzte seinen Weg über die Delphinbrücke fort, um wenig später, nach einem kurzen Zwischenhalt in einem Gasthaus, wo er ein Zimmer für die nächste Zeit mietete, seine alte Heimat, Orbis' Anwesen, zu erreichen. Inzwischen hatte der Regen sich nach langem Kampf von der langsam untergehenden Sonne verdrängen lassen, und Vorbis hatte seine Kleidung gegen eine trockene, wenn auch schlichter gehaltene, Tracht eingetauscht.
So kehrte er nun also am 3. Kythorn in das Haus seines Ziehvaters zurück, und nichts hatte ihn auf den Ansturm von Emotionen und Erinnerungen vorbereiten können, der ihn nun wie einen Schwall kaltes Wasser traf. Nur mit Mühe konnte er sich beherrschen und eine einigermaßen gefasste Fassade aufrechterhalten, während er den Weg zur großen Halle nahm, wo bereits einige seiner Geschwister - denn nichts anderes waren die anderen Waisen für ihn - versammelt waren. Sein erster Weg jedoch führte ihn zu dem aufgebahrten Leichnam seines Ziehvaters, und eine einzelne Träne brach sich ihre Bahn.

Leise begann Vorbis, ein Gebet zu sprechen.

Melandro

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #2 am: 22.06.2017, 21:52:45 »
Die salzige Gischt im Gesicht spürend - vorüber am Schwertgebirge mit seinen steil aufragenden schneebedeckten Gipfeln - war Melandro schon vor Tagen, an Bord einer flotten Galiot eingelaufen. Der ehemalige Pirat hatte das Schiff mit seinem prallen Seesack über der Schulter verlassen und war durch die vertrauten Gassen gewandert; die Kapuze hochgeschlagen und mit stolzem Schritt voranschreitend.

Bei alten Freunden sicher untergekommen, verbrachte er die folgenden Tage damit, etwas für seine Garderobe zu tun, um bei Orbus Beerdigung standesgemäß gekleidet zu sein. Ebenso um zu beobachten wie weitreichend die Veränderungen seit seiner Abreise aus Niewinter gediehen waren, um sich so ein Bild von der hiesigen Situation zu machen. Ansonsten verhielt sich der Halbdrow ruhig und beschränkte sich vorerst auf das Beobachten und Lauschen. Nur eine kurzes Abenteuer mit einem hiesigen - recht ansehnlichen - Fischersweib war nicht zu verhindern gewesen während ihr Mann auf See gewsen war. Doch beileibe nichts ernstes oder gar erwähnenswertes.

Und so kam es, dass er just an dem Tag der Beerdigung hinter einem dicken Priester des Klugen Gottes stand, als dieser am Sarg des verstorbenen Ziehvaters Andacht hielt. Ein trockenes Grinsen konnte sich der Halbelf nicht verkneifen und so schnarrte Melandro halblaut hinter Vorbis: "Du bist ganz schön fett geworden Brüderchen." und schenkte seinem Jugendfreund – nachdem sich dieser ihm zugewandt hatte – ein süffisantes Grinsen, wie es unter rauen Gesellen gerne kameradschaftlich ausgeteilt wird, ehe er die Arme ausbreitete um den Menschen freudig zu umarmen.

Maldrek

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #3 am: 23.06.2017, 12:58:47 »
Als die Nachricht von Orbus’ Tod ihn erreicht hatte, wollte er es zunächst gar nicht glauben. Er ignorierte es und befasste sich zunächst weiter damit, ein lästiges Untier in einer Ruine zu jagen. Nichts wirklich gefährliches, eher ein Spiel, für ihn, denn es war klar, dass das Wesen sich nicht dauerhaft vor ihm verstecken konnte. Als er es dann erlegt hatte und ein paar Münzen, die er als Belohnung bekommen hatte, in der Hand hielt, überkam ihn die Trauer wie eine Welle, die ganz plötzlich höher und höher wurde und vor der man nicht davonlaufen konnte. Er drehte sich um, rannte nach Hause und weinte. Danach betrank er sich, und zwar richtig.

Als er am Abend des folgenden Tages aufgewacht war erinnerte ihn sein schmerzender Kopf direkt daran, was geschehen war. Aber der Kopfschmerz linderte den Schmerz in seinem Herzen etwas. Nachdem sein leerer Magen zu rebellieren begann hatte er schnell ein paar essbare Rest in seinem Zimmer zusammengesucht und herunter geschlungen, sich dann aber wieder hingelegt, den Kopfschmerzen nachgespürt und der Leere in seinem Innern. Nun war es also passiert. Das es passieren würde war klar gewesen, aber jetzt schon. Orbus war doch erst, naja, er war schon sehr alt gewesen. Aber er hätte doch uralt werden können. Wieder flossen Tränen. Und so ging es noch einen oder zwei Tage weiter. Viel Alkohol, viele Tränen, wenig Essen.

Aber er konnte nicht ewig so weiter machen. So war das Leben nun mal, die Leute starben. "Wenigstens starb er eines natürlichen Todes, nicht so wie..." Er verdrängte diesen Gedanken und nahm das Stück Papier wieder zur Hand. Am 3. Kythorn, viele würden kommen und Abschied nehmen. Er würde einige Freunde wiedersehen, einige Feinde und viele, die er einfach mehr oder weniger gut kannte. Er überlegte, wer wohl kommen würde. Scarlett hatte er in den letzten Jahren ein paar Mal getroffen, sie hatten sogar mal etwas zusammen getrunken und über die alten Zeiten gesprochen. Aber sonst, die meisten hatten Niewinter verlassen. Raus in die Welt, das Leben kennen lernen. "Und du, Maldrek, wohin gehst du?" Es waren immer dieselben Fragen gewesen. Aber er war geblieben. Er hatte dort draußen genug Welt gesehen, die Sicherheit der Stadt war ihm angenehmer. Er hatte noch nie alleine gelebt, nur mit und für sich selbst. Er war geblieben und es war eine gute Entscheidung gewesen. Was würde sich nun ändern, nun, da Orbus gestorben war? War er vielleicht auch geblieben, um irgendwie noch in seiner Nähe zu sein? Wenn er an Zuhause und Familie dachte kam ihm immer zuerst Orbus und der eine oder andere aus dem Heim in den Sinn. Wie würde es nun sein?

Als dann der Tag gekommen war und er sich für die Zeremonie vorbereitete merkte er, dass er sich freute, den einen oder anderen wiederzusehen, dass er gespannt war, wer da sein würde und das er keine rechte Vorstellung hatte, wie es sich anfühlen würde. Er würde es bald sehen.

Also ging er los. Als er eintrat sah er Vorbis und musste lächeln. Doch dann sah er noch jemand anderes, und sein Atem stockte. Natürlich, er war auch schon da. Maldrek murmelte ein kurzes "Hallo, Leute" und schlenderte an den beiden vorbei zu dem Tisch. Dort stand er eine Weile inmitten vieler anderer und doch mit seinen Gedanken ganz bei sich und den Erinnerungen an diesen Raum und an Orbus, und wartete.

Alicia

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #4 am: 25.06.2017, 21:55:56 »
Alicia starrte in das dunkle Gebräu, das vor ihr auf dem klebrigen, feuchten Tresen stand. Den Boden des Steinkrugs erkannte sie nicht. Missmutig hob sie den Humpen an die Lippen und trank die Hälfte in einem Schluck. Hinter ihr wurde Karten gespielt, direkt neben ihr vergnügte sich ein bärtiger Trunkenbold mit einer kichernden Hafendirne, die bei ihrem Gespiel nicht nur einmal an Alicia's Schulter stießen. Alles in allem ein durchschnittlicher Nachmittag in einer der vielen Hafenkaschemmen Niewinters, wie sie es nun schon seit fast einem Zehntag ertragen musste. Die junge Frau mit den hüftlangen, blonden Zöpfen und der wettergegerbten Haut blickte verdrießlich drein und ließ ihren melancholischen Gedanken freien Lauf. Sie vermisste das Leben auf See, die Wogen der Wellen und die steife Brise. Wieder ein Schluck aus dem Krug. Landgang war schlimmer als ein gebrochener Mast, doch es ging nicht anders. Der Brief um den Tod ihres Ziehvaters ereilte sie in einem schwierigen Lebensabschnitt und machte alles nur noch schlimmer. Sicher, Alicia hatte lange keinen Kontakt zu Orbus, der sie damals bei sich aufnahm und ihr ein wohlbehütetes Heim bot, doch er hatte immer einen Platz in ihrem Herzen. Am schlimmsten jedoch war die Tatsache, dass sie sich an die letzten Worte zu ihm nicht einmal erinnern konnte. Jedesmal wenn sie versuchte sich zu erinnern, versetzte ihr dies einen Stich. Der tiefe Schmerz klang nur langsam ab und seid sie in Niewinter angekommen ist, ruht ein dicker Kloß in ihrem Hals, dem sie scheinbar nur mit schlechtem Schnaps und Bier entgegen treten kann. Noch ein Schluck. Doch heute gilt es sich zusammen zu reißen, das wusste sie. Alle würden da sein, nun zumindest hoffte sie das, um ihrem Vater die letzte Ehre zu erweisen, und so es das Schicksal wollte, auch sie. Der letzte Schluck glitt ihre Kehle hinunter. Am besten sie würde sich noch einen für den Weg mitnehmen...

Die Abendsonne verschwand schnell hinter den Häusern der inneren Viertel und würde nun noch einige Zeit auf den sanften Wellen am Horizont der See der Schwerter verweilen. Alicia liebte diese Zeit, doch nun befand sie sich geradewegs auf dem Weg in die äußeren Gebiete. Den Reise-Umhang tief ins Gesicht gezogen, nahm sie einen Schluck aus der verdreckten Pulle, die sie zu einem günstigen Preis erstanden hatte und schlurfte missmutig über das zersprungene Kopfsteinpflaster. Raus aus dem Treiben der Enklave, hinein in die ärmlicheren, zerstörten Ruinen der einst so prunkvollen Stadt.

Den Kopf gesenkt, das rechte Bein angewinkelt an der Wand, stand Alicia etwas abseits der anderen Anwesenden und widmete dem aufgebahrten Orbus nur wenige verstohlene Blicke. Es war schlimmer, als sie es sich erdacht hatte. Ihr war schlecht. Schlecht vom Rum, schlecht von all dem Elend, was sie gerade ihr Leben nannte und schlecht von der Trauer, die sie übermannt hatte, als sie diesen Raum vor wenigen Minuten betrat. Furchtbar, wie er dort lag. Als würde er gleich aufstehen und sie alle fragen, was sie beim Allvater hier treiben würden. Die Pulle war fast leer. Ihr Kopf brummte, doch die ironische Begrüßung des Halb-Elfen entging ihr nicht. Sie schnaubte verächtlich, schüttelte leicht den Kopf und nahm noch einen Schluck Rum.

Vorbis

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #5 am: 26.06.2017, 00:04:07 »
Vorbis wollte sich schon entrüsten ob der unhöflichen Worte, als er bemerkte, von wem sie kamen. Es war nicht schwer, Melandro wiederzuerkennen, auch wenn die beiden sich seit ihrer frühen Jugend nicht gesehen hatten - wie viele Halb-Drow liefen schon in der Gegend herum? Stattdessen musste er unfreiwillig lächeln, obwohl ihm eigentlich nicht nach Heiterkeit zumute war. Ja, Melandro hatte diesen Effekt schon damals gehabt, und er war einer derjenigen gewesen, die den jetzigen Kleriker in die Welt der wahren Genüsse eingeführt hatten, nachdem er sein vorheriges Leben fast ausschließlich mit der Nase in Büchern und Schriftrollen verbracht hatte.

"Hallo Melandro!" antwortete er dem Lebemann, als er sich in die Umarmung einließ. "Schön, dich zu sehen - leider ist der Anlass weniger schön." Damit wendete er seinen Blick wieder dem Toten zu und blieb einige Sekunden still stehen, um seine Andacht zu beenden. Erst danach ging er ein paar Schritte abseits, um ein paar weitere Worte mit seinem alten Freund zu wechseln, die er mit "Du siehst bescheuert aus!" begann.

Melandro

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #6 am: 26.06.2017, 10:43:50 »
"Ach!" entfuhrt es dem reich gekleideten Halb-Dunkelelfen übertrieben überrascht.  "Und ich habe bisher immer gedacht, dass schwarz und gold meine Farben sind!" gestand er mit überzogenen zur Schau getragenen Unsicherheit. Den Sitz seines Hutes affektiert überprüfend machte Melandro aber bei Leibe keinen unglücklichen Eindruck. Gleich darauf seinen Bruder von Kopf bis zu den Füßen musternd, machte sich der Abenteurer ein genaueres Bild von seinem Freund und sprach dann sogleich: "Dir scheint dein Schicksal zu bekommen mein lieber Vorbis. Nur solltest du wohl auch mehr deiner Münzen in Kleidung und anstatt in Braten stecken."

Als Maldrek sich bemerkbar machte und seine Begrüßung nuschelte, nur umso gleich wieder zu entschwinden, sprach der Halbdrow gerade laut genug, dass es der Tiefling noch vernehmen konnte: "Sieh an... wer hat sich denn da noch aus seinem Loch hervor gewagt? Der kleine gehörnte Maldrek. Wie nett von ihm." Mit schmalen Augen seinem jüngeren Bruder noch kurz hinter her blickend schwieg Melandro ansonsten.

Sich wieder Vorbis zuwendend erstrahlte erneut die Freude über das Wiedersehen auf den Zügen des Halbelfen. "Lasse ich dich nun in Frieden deines Amtes walten, oder?

Aber eile dich - wir anderen wollen uns auch noch von unserem Vater verabschieden."
mahnte er dabei halb im Scherz.

Idunivor

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #7 am: 29.06.2017, 22:03:46 »
Ein bekanntes Gesicht gesellte sich zu dem Priester und dem Halbdrow, die direkt bei Orbus' Leichnam standen, auch wenn es nicht weniger merkwürdig war als das des Halbblutes, so war es doch grundverschieden von Melandros. Denn Aquila Ventus war eine Luftgenasi, ihre Haut war eisblau und ihr Haar schien immer im Wind zu wehen. Sie alle hatten sie nur als "Tante Aquila" kennen gelernt, denn sie hatte das Waisenhaus schon hinter sich gelassen, bevor irgendeiner von ihnen hergekommen war. Trotzdem besuchte sie es regelmäßig und half Orbus immer wieder aus, wenn ihm alles ein wenig über den Kopf zu wachsen drohte. Jetzt war sie zurückgekehrt wie so viele von Orbus' Waisen. Sie hatte das meiste hiervon organisiert, begrüßte die Waisen, wenn sie herkamen und würde auch der Zeremonie an diesem Tag vorstehen.
Da sie gerade sowieso dabei stand, hörte sie auch Melandros letzte Worte mit und sagte dazu nur: "Es wird noch viel Zeit, Abschied zu nehmen. Wir werden uns in den nächsten Zehntagen immer hier treffen, um zu trauern. Heute gilt es genauso sehr einander wieder kennen zu lernen, wie Orbus zu gedenken."
Tatsächlich waren viele hier versammelt, die sich seit langem nicht gesehen hatte und manch einer war bereits dabei sich wieder kennen zu lernen. In einer Ecke des Raums standen zwei nicht ganz so exotische Gestalten wie Aquila, denn beide waren an sich sehr viel gewöhnlicher. Filuk mochte ein Halbling sein und Sarai eine außerordentlich gutaussehende junge Frau war, aber das was die beiden auffällig machen war ihre für niewinter außerordentlich südländische Kleidung. Silda war das genaue Gegenteil von den beiden mit ihren roten Haaren und ihren schweren Fellen, die sie zweifelsfrei als Uthgard-Barbarin auszeichneten. Sie spielte leise auf ihrer Leier und die Klänge ließen die Waisen ruhig werden. Auch die einheimischen Niewinters, Salonius von Donnergrimm, Baldr Bengrisson, Mirt Milbmann, John Baru und Vara Goldhaar waren hier. Die blonde jugne Frau unterhielt sich mit Salonius, während Baldr sich um die Getränke kümmerte, die er vermutlich selbst mitgebracht hatte. Mirt und John blieben beide eher für sich. Genau so war es auch bei Thalantar, dem jugendlichen Elfen, der in seiner dunklen Robe in einer Ecke stand und alles mit kaltem Blick beobachtete, als wäre er ein Zuschauer und gar nicht an dem Geschehen beteiligt.
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Alicia

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #8 am: 03.07.2017, 10:38:50 »
Ein letzter Tropfen rann aus der Flasche die Kehle der jungen Frau hinab. Schon wieder leer. Schwer atmete sie aus, der Arm mit der bauchigen dunklen Flasche baumelte lustlos an ihrer Seite. Sollte ihr Leben an Land wirklich so aussehen, ein Rausch nach dem Nächsten um hoffentlich irgendwann zu vergessen? Alicia verdrängte den Gedanken, sie hatte keine Lust sich jetzt darüber Gedanken zu machen, doch sie musste den Schmerz fortspülen. Mit einem Ruck stieß sie sich von der Wand ab und ging hinüber zu Baldr, der weitere Getränke verteilte. Sie bat in gewohnt grobschlächtiger Manier um etwas Alkoholhaltiges und hörte Aquilla zu, als diese zu sprechen begann.

"Was verspricht man sich von dieser Totenweihe, reicht es nicht einmal Abschied zu nehmen?" unterbrach sie Aquilla etwas forsch. Wer genau hinhörte, erkannte das Zittern in ihrer Stimme, was ihrem sonst eher aufgesetzten verärgerten Ton entgegen sprach. "Lasst ihn zur Ruhe kommen..." Mit einem tiefen Schluck aus der Flasche bewegte sie sich mit gläsernem Blick wieder zurück an ihren Platz.

Idunivor

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #9 am: 03.07.2017, 20:30:20 »
Der Zwerg, der wie gewohnt einen großen schäumenden Bierkrug in der Hand hielt zuckte mit den Schultern: "Na, was meinst'e? So sind die Traditionen nunmal. Um seiner Seele den Weg ins Zwergenheim zu leiten und dafür zu sorgen, dass er sich nicht verliert, oder sowas. Bin kein Experte, aber so macht man es nunmal, wenn der Anführer eines Clans stirbt. Man trifft sich, man teilt die Geschichten seines Lebens, man sorgt so dafür, dass er sich nicht vergisst. So haben es Generationen von Zwergen getan. Und wenn jemand das verdient hat, dann Orbus. Denn auch wenn sein Zwergenclan schon seit hundert Jahren nicht mehr existiert. Wir schulden ihm, dass er nicht eine Sekunde von all dem vergisst, was er im Leben getan hat, auf seinem Weg ins Jenseits." Er nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Humpen und grinste dann breit: "Und nen Grund um zusammen zu sein und zu trinken schlägt man schließlich nicht aus, oder?"
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Maldrek

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #10 am: 03.07.2017, 20:38:46 »
Maldrek ignorierte Melandro, er wollte keinen Ärger und es wäre auch der Situation völlig unwürdig gewesen, hier einen Streit vom Zaun zu brechen. Er stand immernoch am Tisch und besah sich den Leib, als er Alicia beobachtete. Ihm war ähnlich zumute wie ihr, also ging Maldrek zu ihr und legte ihr tröstend die Hand auf die Schulter.
"Es gibt verschiedene Wege, Abschied zu nehmen und jeder geht einen anderen. Lass sie, wenn es ihnen hilft. Die Zeremonie wird bald beginnen und danach können wir uns an den Brunnen am Marktplatz setzen und uns auf diese Art an Orbus erinnern. Vielleicht begleitet uns ja der eine oder die andere?"

Ja, etwas Gesellschaft war wohl jetzt genau das richtige. Das ganze hier war ihm unangenehm, er mochte keine Totenwachen, denn die Hauptperson war eben immer tot. Und er wollte den Tod nicht um sich haben.
« Letzte Änderung: 04.07.2017, 08:59:01 von Maldrek »

Scarlett

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #11 am: 04.07.2017, 12:47:45 »
"Das ist eine schöne Tradition," erklingt eine melancholisch klingende Frauenstimme von der Seite. Die dunkelgekleidete Gestalt war schon die ganze Zeit dagewesen, aber hatte sich so unauffällig postiert und auch verhalten, dass man sie nicht wirklich beachtet hatte. Das war etwas, was sie wirklich gut konnte. Der breitkrempige Hut, der tiefe Schatten über ihr Gesicht warf, half auch nicht unbedingt zu erkennen, wer das wohl sein mochte. Die meisten der Waisen hatten sie schon seit bestimmt fünf, sechs Jahren nicht mehr gesehen. In der Zeit hat sie sich auch ein gutes Stück verändert, ist vor allem erwachsen geworden. Zudem hat sie auch nie direkten Kontakt zu den anderen gesucht. Hier und da ist man sich in Niewinter natürlich über den Weg gelaufen, wenn der Zufall es so wollte, und so hatte sie zumindest diejenigen, die in der Stadt verblieben sind, einige Male getroffen.

Jetzt, wo sie die illustre Versammlung schon eine ganze Weile beobachtet hatte, merkt sie erst, dass die anderen ihr doch ein wenig gefehlt haben. Naturgemäß ist das Gefühl am stärksten, wenn sie den aufgebahrten Leichnam von Orbus betrachtet. Ihm hatte sie viel zu verdanken, dessen war sie sich bewusst. Dennoch vergoss sie keine Tränen, es war einfach nicht ihre Art zu trauern. Ganz im Gegenteil huscht für einen Moment ein Lächeln über ihre Lippen, als sie sich so ganz in Gedanken an die vielen schönen Momente erinnert, die sie hier erlebt hat. Es war schön, zu sehen, dass der Großteil von ihnen gekommen war, um dem Zwerg die letzte Ehre zu erweisen. Er hatte es sich verdient, hatte er doch soviel gegeben und soviel Gutes über die Waisen der Stadt gebracht. Sie fragt sich, wie die armen Kinder wohl heute aufwachsen mögen. Sicherlich würden sie nicht dieselbe Fürsorge erfahren, wie sie. Man würde sie versorgen, mit dem Nötigsten, aber ihre Talente fördern und ihre Persönlichkeit formen, wie Orbus es getan hatte, das kann sie sich einfach nicht vorstellen. Der alte Zwerg war einfach etwas Besonderes gewesen. Und genau deshalb waren sie auch alle hier. Denn jedem von ihnen war diese Tatsache bewusst, wieviel er ihnen gegeben hatte.


Vorbis

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #12 am: 04.07.2017, 14:55:36 »
"Waren acht Jahre nicht genug, um diese dämliche Fehde zu beenden?"
Vorbis erinnerte sich nun langsam wieder daran, wie schlecht Melandro und Maldrek damals schon miteinander auskamen - aber er hatte irgendwie angenommen, dass die Zeit die Wunden geheilt hätte. Er selbst hatte mit keinem der beiden ein Problem, aber auch keine tiefe Freundschaft gehabt. Dennoch beließ er es bei einer kurzen Begrüßung, als Maldrek auftauchte, und fühlte sich ansonsten etwas fehl am Platz, als die beiden sich anfunkelten.

Der Priester nutzte die Gelegenheit, als Aquila zu ihnen stieß, um sich, nachdem er sie freundlich begrüßt hatte, zu entfernen, ohne Melandro alleine stehen zu lassen.
"Entschuldigt, aber ich muss Baldr 'Hallo' sagen!" murmelte er und ging zu dem Zwerg, der gerade Alicia eine Flasche reichte.
"Baldr!" grüßte er ihn erfreut - der Zwerg war einer der besten Freunde gewesen, die er auch nach seiner Zeit im Waisenhaus in Niewinter gehabt hatte. Manche würden vielleicht von einem schlechten Einfluss sprechen, aber Vorbis freute sich von Herzen, seinen alten Kumpan wieder zu sehen. Dessen Worten konnte er nur mit heftigem Nicken zustimmen, denn inzwischen hatte er selbst einen Bierkrug in der Hand und nahm einen tiefen Schluck auf das Wohl von Orbus' unsterblicher Seele. Alicias Einstellung konnte er nichts abgewinnen, aber hier und jetzt würde er keinen Streit beginnen - soviel Respekt schuldete er seinem Ziehvater.

Idunivor

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #13 am: 06.07.2017, 11:44:42 »
"Na wenn das nicht Vorbis ist!" sagte der rotbärtige Zwerg mit lauter Stimme. "Ist ja eine Ewigkeit her, dass ich dich hier gesehen habe. So traurig der Anlass auch ich, es ist doch eine Freude so viele bekannte Gesichter wieder hier bei uns zu haben." Ohne, dass Vorbis fragen musste, zapfte der Zwerg aus dem kleinen Fass, das er vermutlich selbst mitgebracht hatte, für den Priester einen Humpen Bier und hielt ihm das schäumende Getränk anschließend hin.
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Maldrek

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #14 am: 07.07.2017, 10:02:15 »
"Wo hast du denn die letzte Jahre verbracht, Alicia?"

Maldrek wusste nicht viel darüber, wohin die anderen gegangen waren und vielleicht würden sich Alicias düstere Gedanken für einen Moment vertreiben lassen.

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