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Autor Thema: Die Waisen von Niewinter  (Gelesen 26733 mal)

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Vorbis

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #15 am: 07.07.2017, 10:58:48 »
"Ja, ein trauriger Anlass fürwahr." gab Vorbis seinem alten Freund recht. "Aber es ist schön, dich und die anderen zu sehen."
Ein paar Sekunden stand er in Gedanken versunken da, dann fuhr er fort:
"Ich nehme an, du hast die letzten Jahre hier in Niewinter verbracht? Was hat sich in der Stadt denn so getan? Auf den ersten Blick scheint ja doch einiges passiert zu sein.
Und weißt du genau, wie die Festlichkeiten hier ablaufen sollen? Gibt es eine Ansprache von jemandem? Wer hat das hier eigentlich organisiert? Hatte Orbus Verwandte - ich meine, außer uns?"

Idunivor

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #16 am: 07.07.2017, 11:57:47 »
Der Zwerg grinste breit: "Oh ja, es hat sich eine ganze Menge verändert hier. Wir haben jetzt einen Obersten Protektor und wenn du mich fragst, dann macht er seine Sache ganz gut. Die Enklave ist weitgehend sicher und man kann dort abends durch die Straßen gehen ohne dass man sich Sorgen machen muss, dass einem irgendein Halsabschneider in die Quere kommt. Sogar, wenn man einen über den Durst getrunken hat. Ist ne gute Sache und man sieht es der ganzen Enklave an, dass Protektor Nieglimm sich gut um die Stadt kümmert.
Und was diese Sache hier anbelangt hat Aquila das ganze organisiert. Macht ja auch Sinn, schließlich ist sie die älteste von uns und in einem Zwergenclan würde auch der neue Älteste die Riten leiten. Ich hab nen bisschen mitgeholfen und Salonius auch. Aber eher bei dem ganzen Drumherum. Der Ritus und alles, die Einladungen, das hat alles Aquila gemacht."
The only ones who should kill are those prepared to be killed.

Idunivor

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #17 am: 13.07.2017, 11:57:14 »
Während sich einige der Waisen noch für eine Weile unterhielten, wurde es insgesamt doch immer stiller und schließlich versammelte Aquila Ventus, die die meisten nur als "Tante Aquila" kannten, weil sie das Waisenhaus bereits verlassen hatte, bevor sie dort gelebt hatten, alle Anwesenden um den aufgebahrten Leichnam des alten Zwerges und ergriff das Wort: "Wir haben uns heute hier versammelt, um Abschied zu nehmen von Orbus Proteg, dem letzten seines Clans, der uns allen wie ein Vater war. Seine Seele hat nach langer Mühe den verdienten Weg zu seinen Göttern angetreten. Wir sind hier zusammen gekommen, um sicher zu stellen, dass er sich auf dem Weg nicht verläuft, und das er nichts von sich selbst verliert. Deshalb wollen wir seiner Gedenken, Erinnerungen an sein Leben teilen und so dafür sorgen, dass er mit festem Schritt ins Zwergenheim eintreten kann." Für einen Augenblick schwiegen alle und sahen bedrückt auf den Boden oder starrten einfach geradeaus. Dann ergriff Aquila von neuem das Wort: "Orbus ist der erste, an den ich mich erinnern kann. Ich weiß nicht, wer meine Eltern waren, ich weiß nicht, woher ich stamme. Alle Wurzeln die ich habe führen zu diesem Ort, zu ihm. Er hat mich aufgezogen, hat mich davor bewahrt draußen in den Winden wie ein Blatt umhergeweht zu werden. Er hat mich auf den Pfad gesetzt, den ich bis zum heutigen Tag beschreiten, auf den richtigen Pfad. Meine erste Erinnerung an ihn ist ein lachendes Gesicht. Es war ein kalter Wintermorgen, aber das machte mir nichts aus. Es stürmte und die Winde peitschten um die Häuser. Aber auch das machte mir nichts aus. Ich bin ins Dachgeschoss geklettert und habe eines der Fenster geöffnet, um nach draußen sehen zu können, um den Wind auf meiner Haut spüren zu können. Die Läden schlugen laut im Wind, eine der angeln ächzte unter der Last und drohte auszubrechen. Orbus hat mich dort oben gefunden, weil er das Schlagen der Läden gehört hat, ein kleines Mädchen von fünf oder sechs Wintern, das die eisigen Winde genossen hat. Und er hat mich nicht dafür gescholten, dass ich die Läden dem Sturm aussetze. Er hat einfach nur dargestanden und gelächelt, weil ich glücklich war..."
Wieder schwiegen die Versammelten und ließen die Erinnerungen an ihren Ziehvater wach werden, das, was er gewesen war. Für eine Weile war es bis auf vereinzeltes Schluchzen ruhig, bevor dann Sarai das Wort ergriff: "Erinnert ihr euch, wie er uns im Winter, wenn uns kalt war, wenn wir Albträume hatten oder wenn irgendetwas Schlimmes in der Stadt passiert war, das uns Angst machte, immer aus seinem Kelch hat trinken lassen? Ich weiß es noch genau, wie er mich das erste Mal auf den Schoß genommen hat und mir dieses Gebräu, das er immer in seiner Brusttasch trug eingeschenkt hat und dann mit ernster Stimme sagte: "Das hier ist ein Zauberkelch, er vertreibt Hunger und Sorgen!" Und nach dem ersten Schluck waren die Sorgen vergessen. Ich weiß nicht einmal mehr, was für ein Getränk es war, das habe ich lange vergessen, aber dass Orbus damit alle Sorgen vertreiben konnte, daran erinnere ich mich, als wäre es erst gestern gewesen..."
So standen die Waisen für eine Weile beieinander und teilten Erinnerungen an ihren Ziehvater. Nicht alle ergriffen das Wort, aber während sie hier zusammen standen, verstanden sie, was die Zwerge mit diesem Ritual bezweckten und auch mit den Wiederholungen. So viele Geschichten, wie sie in den nächsten Zehntagen über Orbus hören und erzählen würden... das würde sicherlich dafür sorgen, dass keiner von ihnen den alten Zwerg jemals vergessen würde, auch wenn es vorher schon beinahe unmöglich gewesen wäre.
Nach einer Weile war das Ritual für diesen Tag beendet und sie würden sich erst in einem Zehntag wieder treffen. All jene Waisen, die ein Heim in Niewinter hatten, kehrten dorthin zurück, während der Rest in Orbus Anwesen verblieb. Zimmer gab es hier mehr als genug und früher war es ihr Heim gewesen, auch für die nächsten Wochen sollte das so sein. Der Abend selbst war noch nicht allzu weit fortgeschritten, aber dennoch zogen sich die meisten Waisen schnell auf ihre Zimmer zurück. Sei es, weil ihnen noch eine weite Reise in den Knochen steckte oder weil die Erinnerung an ihren Ziehvater sie in die Einsamkeit trieb.
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Maldrek

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #18 am: 15.07.2017, 17:13:17 »
Maldrek hielt sich im Hintergrund. Er hatte keine wirkliche Vorstellung davon gehabt, wie das Ritual ablaufen würde. Als es dann losging, hörte er zu und schaute sich um. Er kannte viele der Gesichter der Anwesenden, aber bei vielen musste er überlegen, wie ihre Namen waren. Obwohl das Waisenhaus so lange sein Zuhause gewesen war, war diese Zeit auch irgendwie so weit weg. Er hatte in den letzten Jahren nur wenig an das Waisenhaus gedacht. Immer, wenn er in der Nähe gewesen war, hatte er zwar ein Blick auf das Gemäuer geworfen und er hatte auch Orbus immer wieder mal besucht, aber er war immer seltener in diesen Teil der Stadt gekommen. Er hatte darüber nie nachgedacht, aber während der Zeremonie drängten diese Gedanken mit Macht in sein Bewusstsein. Wenn man ihn gefragt hätte, hätte er natürlich voller Überzeugung gesagt, dass es Zufall gewesen war, dass er diesen Teil der Stadt gemieden hatte. Aber war es das wirklich gewesen? Orbus hatte mal zu ihm gesagt, dass er nicht regelmäßig kommen müsse, er solle nun sein eigenes Leben führen. Und das war es auch, was er wollte. Er wollte Orbus und die Zeit im Waisen Haus nicht vergessen, sie war ein wichtiger Teil seines Lebens, dort hatte er gelernt, den richtigen Weg einzuschlagen und er war Orbus unendlich Dankbar. Aber er musste wohl etwas Abstand haben, um herauszufinden, wie er leben wollte. Und wenn er nun zurück dachte, war dies wohl der Grund für die immer seltener werdenden Besuche gewesen. Die anderen waren fort gegangen, da war es einfacher, er nicht, aber irgendwie doch.

Und dann war die Zeremonie vorbei und viele der Trauernden fort. Aber eine Handvoll Waisen stand noch da, als könnten sie sich nicht recht lösen. "Wollen wir noch ein Bier trinken gehen, über alte Zeiten reden oder über das, was wir so erlebt haben? Kennt ihr den Alten Eber noch, dort wo wir früher immer versucht haben, an Bier zu kommen, obwohl wir noch nicht alt genug dafür waren? Den gibt es immer noch. Wie wär's, auf ein Bier zum Eber?"

Vorbis

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #19 am: 17.07.2017, 11:45:33 »
Vorbei war einer derjenigen, die nach der Zeremonie noch geblieben waren. Irgendwie kam er sich ein wenig verloren vor. Eigentlich müsste er zurück in das Gasthaus, in dem er sich im Voraus für die nächsten Zehntage eingemietet hatte. Müsste sich überlegen, ob er seine Sachen dort abholen und die Einladung annehmen würde, die Zeit in Orbus' Anwesen zu verbringen. Bis dahin aber wären die anderen vielleicht schon ohne ihn weggegangen, und so wartete er zunächst einmal ab. Er wusste auch noch gar nicht wirklich, ob er an diesem Ort übernachten wollte, der so viele Erinnerungen für ihn bereithielt.

So war er noch anwesend, als Maldrek seine Frage stellte, und etwas erleichtert stimmte er sofort zu:
"Gerne! Es wäre doch schade, wenn wir nach dieser langen Zeit gleich wieder auseinander gehen würden, ohne ein wenig über alte Zeiten zu sprechen - und darüber, wie es uns ergangen ist seitdem."

Alicia

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #20 am: 17.07.2017, 14:13:45 »
Alicia hörte die Worte Aquilas, doch schnell verdrängten ihre eigenen Erinnerungen ihre Worte. Sie war auf der Straße groß geworden, bevor Orbus ihr ein Zuhause gab. Nicht das dies etwas besonderes gewesen wäre, doch für sie war der ältere Zwerg in diesem Moment ein Held, der ihr ein Leben ermöglichte, welches sie bisher nur durch die milchigen Scheiben diverser Wohnhäuser Niewinters kannte. Von dort an würde sie ihre Kindheit als glücklich beschreiben. Viele der heute Anwesenden kannte sie aus damaliger Zeit, mit vielen pflegte sie eine gute Freundschaft, doch nicht zuletzt die Jahre der Abwesenheit und der Moment, als sie Orbus verließ, warfen einen düsteren Schatten über die glücklichen Jahre.

Sie schluckte hart, während die Worte von Aquila im Hintergrund nur dumpf und weit entfernt klangen.

Ein langer und lauter Streit enthielten die letzten Worte, die sie mit ihrem Ziehvater gewechselt hatte, ehe sie fortging und ihr altes Leben hinter sich ließ. Jetzt, nach dem Tod des alten Zwergs, bereute und verfluchte sie sich für ihr Verhalten, wenn auch zu spät, um ihm dies selbst zu sagen. Die letzten Tropfen aus dem Krug landeten in ihrem Magen. Langsam wurde ihr Blick etwas neblig, die Erinnerungen ein Stück mehr aus ihrem Gedächtnis gebrannt.

"Endlich ein brauchbarer Vorschlag!" sprach sie laut und klopfte Maldrek mit festem Druck auf die Schulter. "Lassen wir ihm seine Ruhe..." Der feste Druck wich kurzzeitig einem Griff, als sie für einen Moment dem Alkohol freie Bahn ließ und nur unmerklich schwankte.

Maldrek

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #21 am: 19.07.2017, 15:59:22 »
So ging die kleine Gruppe also zum Alten Eber. Die Taverne war zwar nicht im selben Stadtbezirk wie das Waisenhaus, aber doch nah genug, um keinen allzu weiten Weg zu bedeuten. Früher war es praktisch gewesen, eine Taverne nicht direkt um die Ecke zu besuchen. Orbus selbst ging zwar selten abends weg, aber die älteren Waisen schon und als sie jünger waren wollten sie bei ihren teilweise heimlichen Streifzügen ja nicht unbedingt entdeckt werden. Maldrek war schon lange nicht mehr dort gewesen. Als er wieder in die Stadt gezogen war hatte er den Alten Eber manchmal besucht, er hatte angenehme Erinnerungen an die Taverne. Der Duft nach Bier und Braten, der Lärmpegel, der lästige Gedanken überdeckte, aber einen dennoch nicht zu sehr belästigte, die Gäste, die eher handfest waren, aber keine Prügelknaben, es war einfach ein gemütlicher Platz zum Trinken und Entspannen. Heute war die Taverne nur mäßig gefüllt, vielleicht waren sie zu spät, oder zu früh oder es war etwas anderes. So fanden sie aber problemlos einen Tisch für alle und Maldrek bestellte eine Runde Bier für alle. Zunächst schwieg die Gruppe wieder, alle schienen ihren Gedanken nachzuhängen.

Aber irgendwann wurde die Stille Maldrek unangenehm und er versuchte, ein Gespräch anzustoßen.
"Schön euch alle wiederzusehen. Viele von uns sind ja nicht in der Stadt geblieben. Also, wer von euch war am weitesten weg von Niewinter?"

Melandro

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #22 am: 20.07.2017, 11:32:21 »
Sich lässig an einen Tisch lehnend lauschte Melandro den Geschichten von Tante Aquila und Sarai. Nur zu gut erinnert sich der Halbdrow daran wie letztere in das gemeinsame Haus eingezogen war und mit ihren furchtbaren Schreien und Schluchzen die Nächte zur Hölle gemacht hatte. Heute noch fühlte der ehemalige Pirat widerwillig eine Gänsehaut aufziehen wenn immer er sich daran erinnerte.

Der Windgenasi ein vertrautes Nicken schenkend, unterhielt sich der Halbelf noch mit diesem und jenem ehe er sich unverhofft  in einer viel kleineren Runde wieder fand.

Maldreks Einwurf mit schmalen Lippen vernehmend, blieb Melandro nicht viel anderes über als zustimmend zu nicken. Wann wenn nicht jetzt? Vielleicht würde er in der kommenden Zeit zu beschäftigt sein um sich viel mit seinen Geschwistern zu befassen. Außerdem, so dachte er, würde es gut tun ein paar vertraute Gesichter zu sehen und Abenteuer, aus Tagen als die Welt noch einfacher war, auszutauschen.

Auf dem weg zum Alten Eber stützte der teuer gekleidete Halbelf Alicia einmal kurz vor ihrem auserkorenen Ziel und lachte vergnügt. "Wie in alten Zeiten." neckte er dabei seine Schwester ehe sie alle in den Schankraum strömten und einen passablen Tisch in Beschlag nahmen.

Als er sein Bier von der Schankmaid in Empfang nahm, sprang Melandro sogleich auf und hob den vollen Humpen nach oben wobei er rief: "Auf unvergessene Zwerge, alte Geschwister und abwesende Freunde!" Als sie gemeinsam angestoßen hatten trank er einige gierige Schluck ehe er sich in seinen grob gezimmerten Stuhl fallen ließ und sich den Schaum von den Lippen wischte. Diese nachdenkliche Stille musste ein Ende finden!

Aus seinen dunklen Augen Maldrek anblickend erwiderte er auf die Frage: "Mondshae Inseln - wer bietet mehr?"

Vorbis

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #23 am: 21.07.2017, 14:57:11 »
"Da kann ich vermutlich nicht mithalten, Melandro. Weiter als bis Baldurs Tor bin ich nie gekommen, und meist war ich irgendwo zwischen dort und Tiefwasser unterwegs."
Von Niewinter hatte der Priester absichtlich stets etwas Distanz gehalten. Warum, konnte er eigentlich selbst nicht so richtig sagen; niemand hatte ihm verboten, in seine Heimatstadt zurückzukehren, aber irgendetwas hatte ihn innerlich immer zurückgehalten. Auch jetzt, wo er wieder hier war, hatte er immer noch das Gefühl, eine Art Fremdkörper zu sein. Das Bier, das er inzwischen schon halb ausgetrunken hatte, lockerte ihn zwar langsam etwas auf, aber die Vertrautheit war noch nicht da.

Ihm fiel nicht wirklich ein, was er sagen konnte, um die Stimmung aufzulockern. In ihrer Kindheit waren sie miteinander vertraut gewesen, aber nun saß hier eine Gruppe Erwachsener, und er fühlte sich irgendwie wie ein Fremdkörper. Immerhin hatte Melandro den Anfang gemacht, und so nahm er den Faden auf.

"Die Mondshae Inseln? Was hast du denn dort getrieben?"

Melandro

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #24 am: 22.07.2017, 09:43:35 »
Mit einer behandschuhten Faust auf den Tisch schlagend, beugte sich Halbelf nach vorne und knurrte tiefernst: "Mich vor den Piratenjägern aus Baldurs Tor und Tiefwasser versteckt! Was denkst du den?!" ehe er den Satz mit einem breiten Grinsen den Stachel nahm und noch einen Schluck aus seinem Humpen trank und der Schankmaid verschwörerisch zuzwinkerte die auch sogleich errötete und kichernd den Blick senkte als sie an dem Tisch der Runde vorbei lief.

Melandros Abenteuer waren in Orbus Heim legendär und stets ein Quell der Belustigung gewesen. Das Halbblut hatte mehr als nur einmal gesunden Menschenverstand missen lassen und im Eifer des Gefechts Dinge an sich gebracht die dann zu schwierig zum Abtransport, Verkauf, oder beides waren. Ein angespannter Ochsenkarren der einst hinter dem Heim für zwei Tage „versteckt“ gestanden hatte, stellte wohl einen der Höhepunkte von Melandros Karriere dar. Die anderen Waisen konnten sich problemlos ein ebenso „geschickt getarntes“ Schiff aus Tiefenwasser vorstellen, das in einer seichten Bucht darauf wartete, dass dem jungen Mann einfiel was er nun damit tun solle.

An Vorbis gewandt fügte er frotzelnd hinzu: "Was du in Baldurs Tor gemacht hast sieht man nur zu gut." Und blickt dabei auf den eindrucksvollen Bauch des Priesters. "Mit höheren Weihen kommt besseres Essen, nicht wahr?" foppte er den einstmals so scheuen Jungen grinsend.

Zu Alicia, Scarlett und Elian blickend fragt er dann aber mit aufrichtiger Neugierde: "Und ihr? Wie weit hat euch der Wind getragen? Und was habt ihr vollbracht?"
« Letzte Änderung: 22.07.2017, 09:56:01 von Melandro »

Scarlett

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #25 am: 26.07.2017, 00:45:55 »
Die dunkelgekleidete Frau hatte sich, gerade als Maldrek den Vorschlag mit dem Alten Eber gemacht hatte, ebenfalls zu der kleinen Gruppe gesellt und dann auch ihren Hut nach hinten geschoben, so dass er von einer dünnen Lederschnur gehalten über ihrem Rücken baumelte. Die meisten hatten Scarlett dann auch erkannt. Spätestens als sie draußen ihre roten Tücher hervorholte und sich umband, eins etwas lockerer um die Hüfte und eines als Stirnband, dessen Enden sich harmonisch in ihre schwarze Haarpracht einfügten.

"Es ist schön, euch alles mal wiederzusehen, auch wenn der Anlass leider nicht der beste ist. Naja, gehen wir erstmal weiter, die Nacht ist ja noch jung," hatte sie gesagt, und die anderen Waisen dann zum Gasthaus begleitet.

Als dort dann die Frage aufkommt, wie weit der eine oder andere auf seinen Reisen gekommen ist, zuckt sie nur mit den Schultern.

"Mich hat es nie so sehr in die Ferne gezogen, Tiefwasser dürfte wohl das Weiteste gewesen sein. Aber das hat mir auch schon gereicht. Es gibt bestimmt schöne Orte da draußen, wo sich ein Besuch wirklich lohnt, aber am besten gefällt es mir einfach immer noch hier. In meiner Heimat. Und jetzt, wo Protektor Nieglimm die Zügel an sich gerissen hat, ist fast überall nur noch von Aufschwung die Rede. Es geht nach oben mit Niewinter und gib ihr noch ein paar Winter, dann glänzt die alte Stadt wieder wie in den alten Geschichten."

Maldrek

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #26 am: 26.07.2017, 14:53:35 »
Maldrek hörte den anderen zu. Mondshae Inseln, Baldurs Tor, Tiefwasser. Er merkte wie eine gewisse Neugier ihn packte, doch mal etwas anderes zu sehen. Er hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, weg zu gehen, er hatte hier sein Zuhause, etwas zu tun und er kannte sich aus. Er hatte sich immer gesagt, dass er ja noch so jung war und noch eig Zeit hätte, woanders hinzugehen. Aber nun ,merkte er, dass ihn der Gedanke reizte. Nicht jetzt, sofort, sondern irgendwann - aber sicher früher als er noch vor einer Woche gedacht hätte.

"Ich habe neue Ecken in Niewinter bereist. Ecken die vor wenigen Jahren noch zu gefährlich gewesen wären, um sie zu sehen." Er lachte kurz. Wollte er etwa so tun, als hätte er auch etwas zu bieten.
Er grinste verlegen in die Runde, zuckte mit den Schultern und fragte wieder in die Runde. "Und du, Alicia, wohin hat es dich verschlagen?"

Alicia

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #27 am: 27.07.2017, 09:51:26 »
Alicia setzte zu einem kräftigen Schluck aus dem frisch bestellten Krug an und wischte sich danach mit der Rückhand den Mund. Weibliche Manieren hatte sie bereits vor vielen Jahren abgelegt, war doch das Meer kein Ort für überschwängliche Pietät und erzogenes Verhalten. Ihr blondes Haar hatte sie beim Betreten der Kaschemme geöffnet, doch scherte sie sich nicht um die zerzausten Strähnen die achtlos auf ihren Schultern ruhten. Melancholisch fixierte sie die zitternde Oberfläche des Bieres in ihrem Krug.

"In den Norden..." gab sie kurz und etwas unverständlich von sich. Ihre Augen waren glasig und es viel ihr sichtlich schwerer sich zu konzentrieren, dennoch fuhr sie fort. "Die Stadt der Segel war vielleicht sowas ähnliches wie Heimat, zumindest eine ganze Zeit, aber eigentlich war die See mein Zuhause. Die schwankenden Kutter, ein Ritt auf den tosenden Wellen, es gibt nicht viel Schöneres." Ein wenig schwelgte sie in der offenbar schönen Erinnerung, ehe sie zurück in die Runde sah und erneut einen Schluck nahm. "Einsamwald, am Rande des Maer Dualdon, das war der weiteste Ort, und die Meereshexe selbst weiß, dass mich kein Ungeheuer der See mehr dorthin zurück bringt!"
« Letzte Änderung: 27.07.2017, 09:54:13 von Alicia »

Vorbis

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #28 am: 29.07.2017, 15:36:09 »
"Na, da gibt es doch sicher das eine oder andere zu erzählen, oder?" versucht Vorbis das Eis zu brechen, auch wenn er sich selbst immer noch nicht ganz wohl in seiner Haut fühlt. "Aber mal etwas anderes: Was habt ihr denn in den nächsten Zehntagen so vor? Bleibt ihr hier? Die Zeremonien dauern ja eine Weile, und in der Zwischenzeit können wir ja nicht nur herumsitzen.

Und seid ihr alle in Orbus Anwesen untergebracht? Ich wusste leider nicht, dass wir dort eingeladen sind, und habe mir hier für die gesamte Zeit ein Zimmer im Voraus gemietet. Aber vielleicht wechsle ich meine Unterkunft ja noch."

Scarlett

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Die Waisen von Niewinter
« Antwort #29 am: 30.07.2017, 11:52:01 »
"Ich bin meist in dem einen oder anderen Gasthaus einquartiert, eine feste Bleibe habe ich hier nicht, aber wenn wir eine Unterkunft bei Orbus... naja, in seinem Anwesen... also, wenn wir dort ein Zimmer haben können, dann werde ich davon sicherlich Gebrauch machen. Wie in alten Zeiten. Genau darum geht es doch bei der Zeremonie. Erinnerungen."

Scarlett zuckt dann mit den Schultern und meint noch: "Außerdem muss man die Silberlinge ja nicht aus dem Fenster werfen, oder?"

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