Autor Thema: [Szene 3] Fester Glaube bewegt den Berg.  (Gelesen 1676 mal)

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Miko Yumi

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[Szene 3] Fester Glaube bewegt den Berg.
« am: 29.06.2017, 07:00:17 »
Der Tag ist schon fortgeschritten, als die junge Frau ihr Dorf erreicht. Gekleidet in den klassischen Farben einer Miko sieht man diesen und ihren Haaren an, dass sie bereits eine lange Zeit im Wald unterwegs gewesen ist. Hier und da ist ein Blatt oder eine Klette im offen getragenen Haar, die Kleider haben die ein oder andere Falte oder Staub. Sie trägt schwer, denn neben dem Köcher voller langer, gefiederter Pfeile und dem großen Bogen aus schwarzem Holz und Bambus auf dem Rücken hat sie noch einen großen Bastkorb seitlich umgehängt, angefüllt mit vor allem essbaren Fundstücken aus dem Wald. Ihn muss sie mit dem einen Arm halten, während sie in ihrer anderen Hand drei tote Kaninchen trägt. Jedes hat nur eine kleine Wunde hinten unterhalb des Kopfes.

Zwischen den Hütten angekommen setzt sie ihren Korb, ohne ihn abzunehmen, auf einem Stein auf, um eine kurze Atempause zu machen und sich widerspenstige Haare aus dem Gesicht zu wischen. Lange ist es noch nicht her, dass sie ihren Dienst am Schrein des Dorfes aufgenommen hat, wird ihr bewusst. Aber mit dem Weggang der Männer sind ihre Sorgen um ihre Schützlinge umso größer geworden. Sie kommen häufiger zum Schrein und teilen ihre Nöte und Yumis eigene Streifzüge im Wald fallen immer ausgiebiger aus, um mehr als nur sich selbst zu versorgen. Manchmal nimmt sie junge Frauen oder ältere Mädchen mit - zur Hilfe, zum Belehren oder zur Abwechslung. Als Zugezogene und Priesterin bleibt sie jedoch fermd. Und ihr niedriges Alter macht es den älteren schwer, sich ihr zuzuwenden. Nun kamen noch die Nachrichten von den fürchterlichen Banditen hinzu. Sie als Miko werden selbst die übelsten Verbrecher nicht wagen anzurühren, da ist sie sich sicher, doch um das Dorf sieht es anders bestellt aus. Sie würde wohl versuchen müssen, zu moderieren und zu verhandeln, aber das überstieg ihre Erfahrungen bei weitem.

Erst nach ein paar Augenblicken fällt Yumi auf, dass das Dorf sehr still ist. Man hört im Grunde nur die Tiere, kein Mensch ist zu sehen. War etwas passiert, fragt sich die Miko und sieht sich, ohne von der Stelle zu weichen, um. Keiner hatte ihr eine Krankheit gestanden, also vermutet sie eher einen Unfall. Doch dann wird sie eines stattlichen jungen Mannes ansichtig, der allein auf dem zwischen den Hütten wandert. Sein Aufzug zigt ihr, dass es sich um einen Smurai handeln musste. Waren sie gekommen, um sich des Räuberproblems anzunehmen? Hatte sie womöglich angeordnet, alle sollten sich zur Sicherheit in ihren Häusern aufhalten? Hastig versucht sie, ihr Aussehen zu korrigieren - Staub abzuklopfen, die Falten richtig zu legen und das Haar zurückzubinden. Mit dem umgehängten Korb auf dem Stein balancierend und mit nur einer Hand artet das in ein ziemlich wenig erfolgsversprechendes Unterfangen aus, was sie nur fahriger werden lässt.

Tsuyoshi

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[Szene 3] Fester Glaube bewegt den Berg.
« Antwort #1 am: 29.06.2017, 19:59:40 »
Mit finsteren Blicken ist der Ronin durch das Dorf gewandert. Was er bei seiner kurzen Inspektion zu sehen bekommen hat, konnte das Bild nicht verbessern, das er sich zuvor gemacht hatte: Nichts und niemand ist da, um eventuell angreifende Banditen aufzuhalten. Die Linke auf den Klingen seines Daisho ruhend, die sich unter der Schärpe kreuzen, schaut er sich um und schlägt gereizt nach einem Insekt, das sich auf seinen schweißbedeckten Nacken gesetzt hat. Dann knurrt er missmutig und setzt seinen Rundgang fort, breitbeinig, herausfordernd, ohne dass es einen Kämpfer gäbe, der sich ihm entgegenstellen könnte. Doch angesichts seines Pechs – der Lehnsherr tot, kein Einkommen, nur das winzige Dorf, in dem ihn niemand bezahlen kann – verspürt er die Lust, mit einem anderen Mann die Klingen zu kreuzen, der Wut und seiner Enttäuschung Luft zu machen mit einigen gezielten, schnellen Hieben!

Die Bewohnerinnen des Dorfes, die Kinder und die wenigen zahnlosen Greise scheinen seine Stimmung zu spüren, wie es Bauern auf unerklärliche Art vermögen: Sie weichen ihm alle aus, keiner erwidert seine umherschweifenden Blicke oder schaut ihm gar in die Augen. Wenn doch wenigstens eines dieser verschreckten Weiber so frech wäre, ihm nicht den Weg freizumachen oder etwas ähnliches, so dass er sie bestrafen könnte..! Doch wie ein Tiger, der ohne einen Gegner in einem Käfig gefangen ist, marschiert der junge Samurai zwischen den Hütten ziellos umher, ohne sich abreagieren zu können. Dann plötzlich sieht er einen rotweißen Farbtupfer zwischen den niedrigen Hütten aufscheinen und hält inne.

Erst recht stutzt er beim Anblick des Bogens in Yumis Händen. Zornig runzelt er die Stirn und lenkt seine Schritte auf die junge Frau zu. Im Gehen zieht er mit einem Ruck seinen am Rücken klebenden Kimono glatt. Die schwüle Hitze lässt den Schweiß in Strömen rinnen, aber das ist keine Entschuldigung für Nachlässigkeit! Als er vor der reichlich nervös wirkenden Frau angelangt ist – eher noch ein Mädchen – die anhand ihrer Tracht leicht als Miko zu erkennen ist, deutet er mit einem Nicken die Verbeugung an, die einer Tempel- oder Schreindienerin zusteht. "Mein Name ist Kimura Tsuyoshi. Wie kommt es, dass eine Miko Waffen trägt? Ihr wisst doch sicherlich, dass das für Nichtsamurai verboten ist" verlangt er zu wissen. Dabei ruht sein Blick auf dem schlanken Körper, der kaum einen halben Kopf kleiner ist als er und nicht recht zu den beinahe kindlichen Gesichtszügen seines Gegenübers passen will.

Miko Yumi

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[Szene 3] Fester Glaube bewegt den Berg.
« Antwort #2 am: 30.06.2017, 07:15:16 »
Erschreckt zuckt die Miko zusammen und starrt den Krieger aus geweiteten Augen an. Er hatte sie bemerkt, sich genähert und sie hatte es nicht mitbekommen. Und nun ließ sie es auch noch an der angemessenen Form fehlen. Sie löst sich aus ihrer Starre, weicht seinem Blick aus und verbeugt sich hastig, aber nur gering. Trotzdem bringt sie ihren wackelig balancierenden Korb fast zum umkippen, zumindest die drei Karnickel fallen herunter, während sie ihn mit beiden Armen am Sturz hindert. "Verzeiht, ich...äh...uff.", mühsam hält sie ihre Position und richtet den Korb wieder gerade. Sie gibt auf, ihn auf dem Stein zu balancieren und lässt ihn erneut an ihrer Seite hängen, gestützt von einem Arm. "Sehr geehrt, Kimura-san, ich meine, ich bin sehr geehrt..." Sie verstummt und sucht nach Worten.

Mitlerweile steht sie wieder ordentlich und versucht, Tsuyoshis Blick zu halten. Es gelingt nur sporadisch und treibt ihr die Röte ins Gesicht und an die Ohren. Fieberhaft sucht sie eine Antwort auf seinen Vorwurf. Ihr war nicht bewusst, dass sie gegen Regeln des Fürsten verstößt, zumal sie das Bogenschießen mit ihren Mitpriesterinnen gelernt hatte. Aber das Argument möchte sie nicht vorbringen, um ihrer Gemeinschaft nicht zu schaden. Immer noch mit großen Augen fragt sie: "Der Bogen?", während sie mit der freien Hand auf ihren Rücken weißt, "Aber mein Herr, das... ist das nicht ein Jagdwerkzeug? ... Mir käme es nicht in den Sinn...also ich meine...ich würde ihn nie auf euch richten. Ohje, ich meine..." Sie rafft sich zusammen, doch der Blickkontakt hält erneut nur Sekunden: "Ashigaru, die führen Waffen, oder? Es ist Krieg und doch nur..." Ein hilfesuchender, tränen-andeutender Blick streift Tsuyoshis Ausrüstung: "Es ist kein Schwert?" Sie ist sich zwar sicher, dass er es nicht wagen würde, eine Schreindienerin anzugehen, aber ein unwissender Bruch eines Gesetzes möchte sie nicht begangen haben. Früher war sie mit dem Bogen auch viel seltener unterwegs, doch die Zeiten konnten sich geändert haben.

Tsuyoshi

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[Szene 3] Fester Glaube bewegt den Berg.
« Antwort #3 am: 30.06.2017, 16:09:43 »
Mit einem kurzen Blick mustert der Ronin die Waffe und meint dann knapp: "Bogen und Schwert sind die Waffen eines Samurai. Auch Ashigaru führen keine Bögen. Und sie sind... etwas anderes." Sie sind von Übel, hat sein Vater stets gewettert. Zumindest die Ashigaru, die nicht buke – niederer Adel -  sind, sondern einfaches Volk. Mit den Massen an Leichtgerüsteten hat sich das Wesen der Schlacht verändert. Zweikämpfe zwischen Samurai entscheiden kaum mehr über Sieg oder Niederlage eines Heeres. Der Wert eines Kriegers für einen Heerführer hat abgenommen, und das hat den Samurai einen Teil ihres Stolzes beschnitten, ihrer Rolle. Von Übel – ganz genauso ist es!

Und wenn nun schon Menschen Waffen zu tragen beginnen, die zu keinem Kriegsherrn gehören, Frauen gar – wo soll alles enden? Er sieht streng auf das Mädchen hinunter, das sich vor ihm sichtlich windet. Dann wird sein Blick um eine Winzigkeit milder, und er meint: "Wiederholt Euer Vergehen nicht, und ich will davon ausgehen, dass Ihr es nicht besser wusstet. Waffen gehören nur in die Hände von Kämpfern – gerade im Krieg." Indem er sich umsieht, fragt der sehnige Mann die Miko: "Wo ist der Schrein, dem Ihr dient? Seid Ihr allein, oder gibt es auch einen Priester?"

Miko Yumi

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[Szene 3] Fester Glaube bewegt den Berg.
« Antwort #4 am: 03.07.2017, 07:18:55 »
Wieder bekommt die Miko etwas zuhören, dass sie anders gelernt hat, und ist verwirrt. Ihren Lehrern nach führe jeder Kämpfer jede Waffe, die ihm zugeteilt wird oder an die er kommt. Und das Bogenschießen wäre wesentlich weiter verbreitet als nur bei den Samurai. Bevor sie diesen Widerspruch auflösen kann, wird ihr klar, dass sie in eine erstaunte Starre verfallen ist. Ihr Gesicht wird noch heißer, so das denn noch geht, und sie beeilt sich zu sagen: "Sehr wohl, Kimura-san, wie... ihr es sagt. Ähm - danke?"

Dann werden ihr die Konsequenzen seiner Forderung bewusst: Nicht nur würde das Jagen und damit die Versorgung des Dorfes ungleich schwieriger werden, es wäre den Banditen oder feindlichen Soldaten, die sehr wohl Waffen führen, vollkommen schutzlos ausgeliefert. Das könnte er doch nicht wollen? Es dauert ein paar Augenblicke, bis ihr klar wird, wie alles zusammenpasst. "Natürlich, Herr, jetzt, wo ihr und eure Kameraden den Schutz des Dorfes übernehmen, werden wir keine Waffen brauchen. Und wenn ihr für eure Versorgung jagt, wird etwas für die Mahlzeit Zubereitenden und ihre Angehörigen, Babys, Kinder wie Alte, abfallen. Verzeiht, das ich das nicht sofort gesehen habe! Vielen Dank, und ich werde euch helfen, wo ich kann - ich bin lange genug hier gewesen, um die besten Jagdgründe zu kennen!" Ihr Anlitz leuchtet plötzlich vor Erleichterung und Begeisterung auf und sie macht eine tiefe Verbeugung, nur um schon wieder Mühe zu haben, wenigstens die andere Ausbeute ihres Ausfluges im Korb zu halten.

Auf die letzte Frage antwortet sie selbstbewusst aufrecht stehend: "Mein Schrein liegt etwas außerhalb, auf einem Drittel des Weges zur alten Mine. In etwa in diese Richtung." Sie weist schräg quer über das Dorf. "Es gibt nur einen Pfad, ihr könnt es kaum verfehlen. Und ich bin allein. Meine Gemeinschaft befand, dass ich vollkommen in der Lage bin, alle hier auftretenden Aufgaben und Bedürfnisse zu erfüllen." Sie blickt dem jungen Mann kurz in die Augen, bevor sie wieder leicht verlegen ausweicht, die Kaninchen entdeckt und aufhebt, um einen Vorwand zum Nicht-Halten des Blickes zu haben. "Sobald ich alles verteilt habe, kann ich euch gerne den Weg zeigen."

Tsuyoshi

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[Szene 3] Fester Glaube bewegt den Berg.
« Antwort #5 am: 03.07.2017, 14:37:49 »
Das Verhalten des Mädchen beginnt den Ronin zu verwirren und misstrauisch zu machen. Einerseits kann er nichts Bedrohliches an ihr entdecken, im Gegenteil – andererseits klingen ihre Worte, als sei sie so gutgläubig wie ein kleines Kind. Ist das möglich? Kameraden?! Als würde ein Kriegsherr einen ganzen Trupp wertvoller Samurai darauf verwenden, ein paar Frauen, Greise und Kinder in einem Bergdörfchen wie diesem zu schützen! Schwankend, ob er angesichts ihrer blauäugigen Worte wütend oder resigniert sein soll, mustert Tsuyoshi die Miko und atmet langsam aus.

Schließlich kommt er zu einem Entschluss und macht mit der freien Hand eine wegwischende Bewegung, die Linke noch immer an seinen Waffen: "Keine anderen. Ich bin allein." Dass er noch nicht einmal einen Auftrag das Dorf betreffend hat, lässt er vorerst unerwähnt. Die Wahrheit ist zu beschämend. Für einen Moment funkelt es in seinen Augen – weiß sie das etwa und versucht auf diese Weise, ihn zu verspotten..?! Die Hand des jungen Mannes fährt zu seinem Katana, aber er zieht die Klinge dann doch nicht. Ein wehrloses Mädchen... nein, sie wird kaum so lebensmüde sein, ihn mit einer gezielten Beleidigung herauszufordern. Denn das würde trotz ihrer Pflichten, die sie vor so manchem schützen, ihren Tod bedeuten.

Da ihm das eben gemachte Geständnis peinlich genug ist, belässt er es bei dem Glauben, dass er allein zum Schutz des Dorfes abgestellt sei, den das naive Geschöpf wohl nun hegen wird, und befiehlt eilig: "Gut. Beeilt Euch damit, und dann führt mich zu diesem Schrein." Wer weiß, vielleicht wissen ja die Kami Rat, wenn er das Gebet sucht... Und vielleicht ist die Begleitung eines so offensichtlich unschuldigen Mädchens geeignet, sie auch für einen wenig frommen Mann wie ihn gnädiger zu stimmen.

Miko Yumi

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[Szene 3] Fester Glaube bewegt den Berg.
« Antwort #6 am: 07.07.2017, 22:49:20 »
Als Yumi bemerkt, wie der junge Mann sie mustert, schafft sie es nicht, dem Blick standzuhalten und verlagert ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen, ständig in Gefahr dank des Korbes umzukippen. Als er endlich antwortet, das er allein ist, schaut sie auf und blickt in aus erstaunt geöffneten Augen an. Dadurch entgeht ihr dessen Misstrauen anscheinend vollkommen. Sie braucht eine Weile, um die neuen Informationen zu verarbeiten und mit ihrem Weltbild wieder in Einklang zu bringen. Dann strahlt sie förmlich: "Dann hat euer Meister also auch befunden, ihr wäret so vollkommen, dass ihr allein die Bedrohung von diesem Dorf abwenden könnt! Ihr müsst ein großes Können besitzen!" Ihre Begeisterung ist nicht zu bremsen, sie nickt eifrig und ignoriert völlig, dass ein Befehl vollkommen unangemessen gewesen ist, sie nimmt ihn nicht mal als solchen wahr. "Natürlich, gerne. Sie werden schon warten." Und damit macht sie sich auf den Weg.

Eifrig flotten Schrittes steuert sie zielsicher durch die Ansammlung Hütten und macht an mehreren Station. Die durch gute Treffer nahezu schadlos getöteten Kaninchen wandern zusammen mit einigem aus dem Korb jeweils an Familien mit jungen Müttern, die noch einen Säugling haben, der Rest des Korbinhaltes an Alte, die kaum eigene Familienmitglieder haben, die sie versorgen können. Der Miko wird überall bereitwillig geöffnet und ihre Gaben sind hoch willkommen. Sie erkundigt sich immer nach den Anwesenden und hört den Sorgen zu. Ihre Ratschläge sind manchmal hilfreich, nicht selten beinhalten sie allerdings viel Gebet und Zuversicht auf den guten Willen der Kami. Der Krieger in ihrer Begleitung wird vorsichtig und höflich beäugt von Kindern oder begrüßt von den Erwachsenen. Bei den alten Dorfbewohnern fällt auf, dass sich diese Reserviertheit sich auch auf die junge Miko bezieht, die das entweder nicht mitkriegt oder ignoriert. In ihrer fröhlichen und zuversichtlichen Art erhellt sie den Sorgengeplagten ein wenig den Alltag.

So dauert es dann doch eine ganze Weile, bis sie mit dem Rundgang fertig ist. Kaum verlassen die beiden allerdings die Dorfgrenzen, fällt viel von der Fröhlichkeit und Energie ab, die Yumi bisher ausgestrahlt hat. Sie wird konzentrierter, stiller und beherrschter, während sie Tsuyoshi den Pfad in den Wald hinauf führt. Was ihm aufgefallen sein könnte, ist, dass ihr Korb nun komplett leer ist. Hatte sie nichts für sich übrig gelassen?

Tsuyoshi

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[Szene 3] Fester Glaube bewegt den Berg.
« Antwort #7 am: 08.07.2017, 11:28:12 »
Mit wachsender Verwunderung folgt der Ronin der jungen Frau durch das Dorf. Dass er selbst mit einer Mischung aus Misstrauen und Respekt behandelt wird und die Dörfler deutlich mehr vorsichtig als freundlich erscheinen, ist er gewohnt. Aber diese Schreindienerin... Ihre gleichbleibend fröhliche Art, der offenkundige Drang, anderen Dienste zu erweisen: Wäre sie kahlgeschoren, er wäre sicher, eine Nonne vor sich zu haben, die dem bukkyō folgt. Schweigend sieht er mit an, wie sie ihre Jagdbeute verteilt, die professionell geschossen scheint – sie muss erstaunlich gut mit dem Bogen umgehen können, was ihn einige Male die Stirn runzeln lässt. Vielleicht doch eine Spionin der Räuber..? Denn wie kommt eine junge Miko zu solchen Künsten? Er behält die Hand nun stets auf dem Daisho, was bei einem Samurai ja nicht weiter auffallen kann. Gänzlich unverständlich ist ihm die Zuversicht, mit der sie ihre freizügigen Ratschläge verteilt.

Und umso weniger überrascht ihn, wie wenig vor allem die Älteren des Dorfes darauf reagieren. Ein halbes Kind noch, werden sie sie kaum als weise Ratgeberin akzeptieren. Während sie dem Pfad zum Wald folgen, schwankt er noch, ob er sie als gänzlich naiv und harmlos oder als möglicherweise listig und gefährlich einstufen soll. Indem er dicht neben ihr marschiert, deutet er schließlich auf den leeren Korb und fragt: "War das alles für die Bauern? Es ist doch nur Dienern des Buddha verboten, Fleisch zu essen. Und die Tiere waren einwandfrei." Sein Blick wandert zu dem Bogen. Der geübte Umgang des Mädchens mit dieser Waffe will ihm nicht recht gefallen. Hier im Wald wäre eine ideale Stelle für einen Hinterhalt... unmerklich spannt er seine Muskeln an und achtet auf jedes Geräusch in der Umgebung.
« Letzte Änderung: 08.07.2017, 11:28:39 von Tsuyoshi »

Miko Yumi

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[Szene 3] Fester Glaube bewegt den Berg.
« Antwort #8 am: 08.07.2017, 21:31:08 »
"Mh?!", schreckt Yumi hoch aus ihren Gedanken. Sie scheint ihren bis eben stummen Begleiter tatsächlich vergessen zu haben über all das, was im Dorf geschehen und gesagt worden ist. Sie fährt herum und bleibt stehen und scheint einen Augenblick mit leichtem Schrecken nachzudenken, worum es gerade ging und wie sie ihre Unhöflichkeit korrigieren könnte. Schließlich neigt sie den Kopf: "Ver-verzeiht, es ist mein erstes Mal, einen Samurai zu Gast zu haben...Seht mir Fehler nach - sie sind meiner geringen Erfahrung geschuldet." Dann beantwortet sie endlich die Frage: "Uns ist Fleisch nicht verboten, aber ich brauche es nicht so dringend wie die Mütter. Ich habe noch getrocknete Vorräte von früher."

Gerade will sie sich wieder zum gehen wenden, da erhellt sich ihr Gesicht erneut, nur um gleich darauf wieder unangenehm berührt zu wirken. "Ohje, ihr meintet natürlich eetwas völlig anderes und habt es nur dezent ausgedrückt. Unter diesen Umständen kann ich euch garnichts Angemessenes anbieten." Sie schaut bedrückt zu dem jungen Krieger hinüber. "Ich wusste von eurem Kommen heute morgen noch nichts und habe dementsprechend nichts vorbereitet. Da ihr sagt, dass ihr die Jagden übernehmen werdet, müsstet ihr es euch nun selbst schießen. Kann ich euchdann wenigstens meine Führung und die Zubereitung anbieten?", bietet sie hoffnungsvoll an.

Tsuyoshi

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[Szene 3] Fester Glaube bewegt den Berg.
« Antwort #9 am: 09.07.2017, 14:36:28 »
Mit einem knappen Nicken akzeptiert Tsuyoshi die Erklärung der Miko. Dass sie sich mit getrockneten Vorräten begnügen will, ist ihm durchaus verständlich. Auch von einem Samurai wird gefordert, dass er auf Genüsse verzichtet, wo es die Pflicht gebietet. "Ich verstehe. Ihr lebt also ganz allein außerhalb des Dorfes? Das könnte unklug sein. Manche Banditen sinken tief genug, auch vor einem Schrein nicht Halt zu machen" meint er dann nachdenklich. "Im Dorf gibt es doch sicherlich eine Familie, die Euch aufnehmen würde – Eure Pflichten am Schrein könntet Ihr dann noch immer wahrnehmen."

Ihre Vermutung, er habe sich selbst gemeint, als er von dem Fleisch sprach, lässt ihn kurz verwundert schauen, dann winkt er ab. "Ich werde mich im Dorf mit dem nötigen versorgen." Womit er natürlich meint, die Bauern werden ihn versorgen, wie man es von ihnen auch erwarten kann. "Hm... lasst mich einmal diesen Bogen sehen" fordert er sie dann auf. Wie jeder Samurai hat er den Umgang mit dieser Waffe lange geübt. Doch geführt hat er sie seit einiger Zeit nicht mehr. Bevor er also seinem Ruf mit Fehlschüssen schadet, scheint es ihm geraten, sich erst einmal mit dem Bogen vertraut zu machen. Yumis Angebot, ihn zu begleiten, lässt den Ronin einen Blick zu ihr werfen, bei dem einer seiner Mundwinkel unmerklich nach oben wandert.

Miko Yumi

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« Antwort #10 am: 11.07.2017, 17:03:11 »
Zunächst lauscht die junge Miko mit hoffnungsvollem Blick, ob der Krieger ihr Angebot annähme. Sie nickt bestätigend, als er fragt, ob sie alleine außerhalb des Dorfes lebe. Bei seiner Warnung zu der möglichen Ruchlosigkeit der Banditen blickt sie erst erstaunt, dann schüttelt sie energisch den Kopf: "Nein, das kann nicht sein, sie werden nicht den Unwillen der Kami über sich bringen wollen. Selbst die niedrigsten Lebewesen achten diese universellen Regeln. Sicherlich fände ich Platz im Dorf, aber ich muss mich um den Schrein kümmern. Er ist es, der die Geister der alten Mine zurückhält und durch den ich mich um sie kümmern kann."

Sorgen beginnen ihr Gesicht zu zeichnen: "Aber das Dorf ist vor den Plünderern und Brandschatzern nicht sicher. Ich kann die Bewohner nicht hier in Sicherheit bringen und bin nicht geübt, mit solchen Individuen zu verhandeln. Jetzt seid ihr ja da, welch glückliche Fügung des Schicksals. Ohne euch sähe alles viel düsterer aus!", strahlt sie Tsuyoshi an, bis ihr plötzlich ihr Starren bewusst wird und sie wieder mit rotem Kopf seinem Blick ausweicht.

Sie klingt leicht enttäuscht, als er ihr Essensangebot ausschlägt: "Wie es euch genehm ist, Tsuyoshi-san." Seiner Aufforderung, den Bogen zu übergeben, kommt sie nur zörgerlich nach. Dann allerdings offenbart sich, wie treffend ihr Name gewählt ist. Ihre vertraute und vertrauliche Handhabung zeugt davon, wie sehr er Teil von ihr ist und wie sehr sie ihn beherrscht. Mit fließenden und vor allem geräuschlosen Bewegungen löst sie ihn vom Rücken, prüft ihn und die Spannung der Sehne, und präsentiert ihn ihrem Gegenüber. Da sie ihn nicht direkt anblickt, entgeht ihr das Lächeln zwar, doch scheint sie etwas gespürt zu haben, denn ihre nervöse Haltung entspannt sich ein wenig. "Wenn ihr euch mit den Umständen vertraut machen wollt: Nahe dem Schrein ist eine geeignete Lichtung zum Schießtraining."

Tsuyoshi

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« Antwort #11 am: 11.07.2017, 19:54:43 »
Das Vertrauen des Mädchens in die Unverletzlichkeit des Schreins lässt den Ronin unmerklich den Kopf schütteln. Er ist noch nicht sehr alt, hat aber genug vom Krieg gesehen, um zu wissen, wie schwer die Waagschale sich zugunsten eines gefüllten Bauchs oder Geldbeutels neigt, wenn auf der anderen Sitte Ehre und Pflicht stehen. Umso mehr, wenn es sich nicht um Samurai handelt, sondern um dahergelaufene Banditen, die vielleicht sogar selbst einst Bauern in nun niedergebrannten Dörfern waren. Einige von diesen würden den Zorn der Kami selbst in Kauf nehmen, wenn sie dafür eine Schale Reis erhalten...

Die Schreindienerin wirkt aber so kindlich naiv in ihrem festen Glauben, dass er es nicht übers Herz bringt, ihr mit harten Worten ihre Illusion zu rauben. Stattdessen nimmt er nur den Bogen entgegen und meint abwesend, während er die Waffe prüft: "Wir werden sehen..." Er spannt den Bogen – die Zugkraft scheint der kleinen Schützin angepasst und ist damit niedriger, als er es gewohnt ist, doch ansonsten scheint der Bogen sehr brauchbar. Er nickt knapp, während er die Wurfarme begutachtet, den Bogen in einer Hand drehend.

Sein Lächeln vertieft sich bei ihrer Versicherung, wie viel besser die Lage durch seine Anwesenheit sei – kurz vergisst er, dass sie von völlig falschen Voraussetzungen ausgeht – und er meint wieder mit festerer Stimme: "Gut, diese Lichtung werde ich aufsuchen. Ihr scheint für eine Schreindienerin sehr mutig." Die Bemerkung klingt beiläufig, und mehr wäre auch völlig unangemessen, aber dennoch: Ein selten gehörtes Attribut für eine einfach junge Frau, aus dem Mund eines Samurai. "Wo finde ich diese Lichtung?" fragt Tsuyoshi unvermittelt, als seien ihm seine Worte im Nachhinein peinlich.

Miko Yumi

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« Antwort #12 am: 13.07.2017, 06:38:47 »
Aus den Augenwinkeln beobachtet die junge Miko den Krieger bei seiner Inspektion des Bogens. Seine mangelnde Überzeugung bezüglich ihrer Sicherheit beim Schrein übersieht sie vollkommen. Sie verlagert ihr Gewicht von einem Bein aufs andere, der leere Korb schwingt mit. Seine freundlichen Worte haben ene deutliche Vertiefung ihrer Rötung zur Folge: "Vielen Dank, Herr, aber...ich tue nur meine Pflicht.", stottert sie halblaut, während sie mit einer tieferen Verbeugung ihre Dankbarkeit unterstreicht.

Seiner Aufforderung, ihr den Weg zu zeigen, kommt sie prompt nach, richtet sich auf, wirbelt herum und geht mit zügigem Schritt und erhobenem Haupt voran. Trotz all des Selbstbewusstseins, dass die Geste auszustrahlen versucht, mutet es ein wenig wie eine Flucht an. Ihr Kopf ist voller verwirrender Gedanken und sie hofft, dass die Nähe ihres Schreines ihr die Ruhe gibt, die sie zum Sortieren braucht. Schweigend marschiert sie den Waldpfad entlang.

Schließlich hebt sich der Boden zu einer kleinen Anhöhe, wo sich die Bäume lichten. In der Mitte einer freien Fläche steht der Schrein - ein einfacher viereckiger Holzbau mit pagodenähnlichem Dach und einer umlaufenden Terrasse. Am Ende der Stufen auf der Vorderseite ist eine Truhe für die Opfergaben zu finden, gemeinsam mit der Glocke zum Anrufen der Kami. Durch das Holzgitter, durch das man normalerweise den Altarraum sieht, blitzen kräftige Farben, rot und weiß dominieren: Eine vollständige Samurairüstung sehr alter, aber hervorragend gepflegter Machart mit Maske. Dies scheint die geheiligte Reliquie des Schreins zu sein. Hinter dem Gebäude ist ein Kräuter- und Gemüsegarten zu erkennen, doch falls Yumi hier tatsächlich wohnt, dann bleiben ihr hinter der Rüstung nur ein schmales Kämmerchen Platz - oder direkt unter dem Dach.

Alles ist sehr sauber und frisch repariert, die Dorfbewohnerinnen scheinen große Hoffnungen in das Heiligtum und seine Kräfte in dieser grauen zeit zu setzen. An einem vorbeifließenden Bächlein ist ein künstliches Sammelbecken angelegt, an dem die Miko sich rituell reinigt, bevor sie ihre Ausrüstung außer dem Köcher an der Seitenwand des Schreines abstellt und nach einem schüchternen, entschuldigendem Lächeln sich zum Gebet auf die Treppenstufen kniet. So inbrünstig es erscheint, so schnell ist es auch schon vorbei und sie macht ihm Platz, oofensichtlich im Unklaren, ob Tsuyoshi gleich zur Übungslichtung weiter möchte oder erst sein Gebet an die Kami richten will.

Tsuyoshi

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« Antwort #13 am: 14.07.2017, 14:22:15 »
Mit langen Schritten ist der Ronin dem Mädchen bis zu dem Schrein gefolgt. Wie stets liegt die Linke auf den Griffen des Daisho, der Blick, mit dem typischen herrischen Ausdruck eines Samurai, wandert langsam hin und her. Obwohl er sehr einfach gekleidet und vollkommen verschwitzt ist, achtet er darauf, die Würde auszustrahlen, die mit seinem Stand einhergeht. Als allerdings der Schrein erreicht ist und sie sich auf einige Meter genähert haben, stockt sein Schritt, und sein Blick wird magisch von der Reliquie angezogen. Als Sohn eines einfachen Mannes mit einem Einkommen von wenigen Koku hat er sich niemals ein Pferd oder gar solch eine prächtige Rüstung leisten können. Nur gesehen hat er ähnliche Kunstwerke der Rüstungsbauer, an den Kommandeuren der Einheiten, in denen er gedient hat...

Tsuyoshis Augen saugen sich an dem Helm, den lackierten Platten der Rüstung, dem Brustpanzer, den Schulterplatten fest. Kaum nimmt er die Miko wahr, die den Bogen ablegt und sich zum Gebet kniet. Langsamen, fast zeremoniellen Schrittes geht er auf den Schrein zu. Dann zieht er das Katana samt Scheide, fasst diese knapp unterhalb des Tsuba, stemmt die Spitze der Scheide auf den Boden und geht auf ein Knie. Den Kopf ehrerbietig geneigt, verharrt er und versucht Zwiesprache mit dem Geist des Mannes zu halten, dem dieses prächtige Stück einst gehörte – dass er vor langer Zeit gelebt haben muss, erkennt Tsuyoshi auf den ersten Blick. "Schenkt mir Weisheit, Sama, und sagt mir, was ich tun soll" murmelt er leise. "Wohin soll ich meine Schritte wenden, um den Namen der Familie reinzuwaschen von seinem Makel? Sendet mir Rat, der Ihr gewiss ehrenvoll in einer glorreichen Schlacht gestorben seid." Damit blickt er zu Boden, regungslos verharrend, und wartet auf eine Eingebung.

Miko Yumi

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« Antwort #14 am: 17.07.2017, 07:21:11 »
Als klar wird, dass Tsuyoshi zunächst beten möchte, macht ihm Yumi leise und zurückhaltend Platz und beobachtet ihn. Sie hätte ihm wohl auch unverhohlen gelauscht, wenn er nicht so leise sprechen würde. So belässt sie es dabei, in der Nähe zu stehen und ihn unverwandt freundlich anzulächeln. Die Stille der Lichtung wird zunächst nur durch das Blätterrauschen eines aufkommenden Windes durchbrochen. Schließlich zwingt eine Böe die Miko allerdings, ihr Haar zurückzu schieben und ihren Stand leicht anzupassen, um nicht ins Schwanken zu kommen. Wieder erhitzt sich ihr Gesicht ein wenig, als sie beim Aufrichten den Blick zurück auf den Krieger richtet . Lange bleibt er nicht haften, denn das verhältnismäßig laute Gezeter eines Vogels lässt ihren Blick wandern. Als sie die Quelle findet, lächelt sie und murmelt mehr zu sich selbst: "Er verteidigt sein Revier gegen einen Feind - oder den Platz für sein Futter und seine Brut." Während sie interessiert in die Richtung starrt, wo das Geschehen stattfindet, taucht hinter ihr der Kopf eines Rehs im Gebüsch auf. Als dieses jedoch die Menschen bemerkt, flieht es leise.