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Autor Thema: Das Disenthing  (Gelesen 23723 mal)

Beschreibung: Kapitel 1

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Tristan

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Das Disenthing
« am: 16.08.2017, 00:06:11 »


Es wird schon dunkel, als sie endlich auf der Thinginsel ankommen. Sie waren spät losgekommen. In der vergangenen Nacht hatte ein Sturm getobt, der sich am Morgen nicht so recht legen wollte. Als Tristan und die restlichen elf Männer ihres Bootes endlich einstimmig beschlossen, man könne los, die Gefahr sei vorüber, hatte Lîf entsetzt protestiert: "Was, bei dem Sturm?" Während der Fahrt, die fast den ganzen Nachmittag dauerte, saß sie dann zwischen den Weibern in der Mitte des Bootes, eng zusammen gekauert, und sagte kein Wort. Kaum dass sie wieder Land unter den Füßen hat, änderte sich das allerdings sofort. Die Ladung ist bei so vielen Händen schnell ausgeladen, das Boot höher aufs Ufer geschoben. Dann macht sich die kleine Gruppe auf den Weg ins Landesinnere, wie schon etliche vor ihnen. Ihres ist bestimmt das zehnte Boot am Ufer, und draußen auf dem Meer nähern sich weitere.

Auf kleinen Schlitten ziehen sie, jeweils zu zweit, die Vorräte in Richtung Thingstätte. Die Schneedecke ist leider nicht geschlossen, das macht die Sache noch mühsamer. Der Wind, der über die nahezu strauchlose Landschaft weht, ist schneidend kalt, doch alle sind dick in Felljacken und wollene Kopftücher verpackt, aus denen nur gerötete Nasenspitzen in den Wind ragen. Neun Ehepaare zählen sie sowie zwei Töchter mitsamt ihren Verlobten, dazu ein Greis und zwei junge Burschen, die zum ersten Mal mitdurften. Die Kinder mussten daheim in der Obhut der Knechte und Mägde und älteren Geschwister bleiben. Jungs dürfen ab vierzehn Jahren mit auf das Disenthing; Mädchen nur, wenn sie verheiratet oder verlobt sind. Die beiden jungen Dinger laufen engumschlungen, einen der leichteren Schlitten ziehend, dabei immer wieder kichernd, während ihre nicht viel älteren Verlobten die beiden Jungen aufziehen und anstacheln, welche sich mit derart zotigen Scherzen revanchieren, dass Tristan froh ist, dass Lîf die Sprache noch nicht so gut versteht.

Mit dem alten Ole zusammen zieht Tristan einen der schwersten Schlitten; Lîf hinter ihm mit Gertrud, des schönen Karls Weib, einen leichten. Immer wieder dreht er sich nach ihr um, wie um sich versichern, dass sie noch da sei. (In Wahrheit aber, weil sich eine unerträgliche Unruhe in ihm ausbreitet, wenn er nicht regelmäßig sein Weib betrachten kann; ihm geht es wie dem Trunkenbold, dessen Gedanken zu jeder Zeit nur um das nächste Bier kreisen!) Ist sie nicht schön? Grundgütige Gaja! Wie keck hier und da ein paar feuerrote Locken aus dem schweren Kopftuch lugen! Und ihre Furcht von der Überfahrt hat sie auch vergessen und plappert munter mit ihrer Schlittenkameradin und deutet in die Landschaft und kommentiert, was sie sieht, und schimpft über das Wetter, den Winter, die Männer, die Kälte, den mangelnden Schnee, die Männer und das Wetter.

"Bei allen Ahnen, Tristan... hält dieses Weib irgendwann auch mal den Mund?" knurrt der alte Ole. "Kann sie dir die Kopfschmerzen überhaupt aufwiegen, selbst wenn sie kocht und wäscht für drei?" Dann kichert er so hämisch, wie nur ein Greis hämisch kichern kann. "Schnür' ihr doch beim nächsten Halt die Felljacke ÜBER ihrem Kopf zu, so tät' ich's machen, aber tüchtig!" Und damit Lîf seine Worte auch nur ja mitbekommt, spricht er laut und halb über die Schulter nach hinten gewandt.

Weshalb prompt hinter ihnen der Ruf erschallt: "Das habe ich genau gehört! Aber das ist typisch für einen Tunichtgut und Säufer wie dich, Ole Islaugsson: Dich interessieren nur die Würfel und das Methorn! Du weißt schon, warum du kein Weib hast, die würde dir nämlich..!" Mit Ole traut sie sich so zu reden, denn er ist nicht nur ein häufiger Gast in Tristans Haus, sondern gehört fast zur Familie. Eine Art Ersatzvater für ihren Mann, wenn Lîf das richtig verstanden hat. Tristan hat es ihr so erklärt: "Mein Leben hat Ole gerettet, als ich vierzehn war, und mich aus der schrecklichsten Gefangenschaft befreit."

Mit einem schmerzlichen Gesichtsausdruck wendet sich der gescholtene Ole nun nach vorn und brummt: "Die Ahnen mögen dich schützen, Tristan - gebrauchen kannst du's, gegen dieses Mundwerk kommt ja kein Sterblicher an. Das kommt davon, wenn man bei der Wahl seines Eheweibs mit dem falschen Körperteil denkt, aber da seid ihr jungen Männer ja unbelehrbar. Ich kann nur hoffen, dass sie dich sehr warm hält in eurem Ehebett!"

"Sehr", bestätigt Tristan ihm. Er schaut dabei lieber nicht nach hinten. "Und reden tut sie kaum dabei."

Und so stapft man weiter. Den Hügel dort hinten rechts muss man noch erreichen, dahinter liegt die Thingstätte.



Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #1 am: 16.08.2017, 15:23:18 »
Zwar fällt es der nicht gerade kräftigen Lîf schwer, mit den anderen Weibern Schritt zu halten, doch als Bauerntochter hat sie gelernt, die Zähne zusammenzubeißen, wenn es ans Arbeiten geht. So stemmt sie sich in die Zugseile, Seite an Seite mit der untersetzten Gertrud, deren Atem ebenso in kleinen Wölkchen vor ihren Gesichtern emporschwebt wie der des Rotschopfs. Die eisige Luft brennt in der Lunge, vor allem, wenn man viel redet – doch gerade weil man ihr mehrfach geraten hat, sich auf die notwendigste zu beschränken, bis man rastet und sich an einem Feuer wärmen kann, hält Lîf ihren Redefluss aufrecht. Nur um ihnen allen zu zeigen, dass sie ihren eigenen Willen hat! Und auch, um die Sprache besser zu lernen, die man hier spricht und die sich merklich von ihrem gewohnten Dialekt aus Fersland unterscheidet. Dafür ist sie allerdings auch ziemlich aus der Puste.

Keuchend wendet sie sich an Gertrud, die neben ihr voranstapft, in die Seile gestemmt wie ein gutmütiger Ochse: langsam, aber willig, wie überhaupt das ganze Weib ein sanftmütiger, unerschütterlicher Fels zu sein scheint. "Sag mal... warum... bist du nicht böse... auf Karl..? Wie der... allen Weibern... schöne Augen macht..!" bringt sie zwischen ihren tiefen Atemzügen stoßweise hervor. Gertrud lacht nur – sanft, unbesorgt, wie immer. Sie schüttelt ihren Kopf belustigt, dass sich die schweren blonden Zöpfe, die unter ihrem Kopftuch hervorragen, nur so über ihren Rücken winden wie Schlangen. "Ach was! Hunde, die bellen, beißen nicht, Mädchen! Er muss einfach allem nachlaufen, was Röcke trägt. Aber das hat nichts zu sagen: Er ist eben so" meint die behäbig wirkende Gertrud so fröhlich, dass Lîf nur den Kopf schütteln kann.

"Der kriecht schon keiner andren unter'n Rock – er weiß doch, was er an mir hat" ergänzt Karls junges Weib augenzwinkernd, was der schräg hinter ihnen gehenden Inga an Kichern entlockt, wissen doch alle, dass der schöne Karl trotz aller Prahlereien über seine Liebesabenteuer des Nachts stets das Lager seiner üppig gebauten Gefährtin aufsucht. "Ist ja auch keine sonst ein so weiches Ruhekissen" ruft die sommersprossige Inga keck, die noch nicht lange verheiratet ist, aber schon ihr erstes Kind voller Stolz huckepack trägt, in Tücher auf ihren Rücken gebunden. Die anderen Weiber, die den kurzen Wortwechsel mitbekommen haben, werfen einige Scherze ein, die auf Kosten der vollbusigen Gertrud gehen und jenen der Männer in ihrer Direktheit nur wenig nachstehen.

Doch die Blonde lächelt nur gleichmütig und zieht weiter stoisch den Schlitten, während Lîf sich gewaltig anstrengen muss, es ihr gleichzutun. Sie hat von den Witzen kaum die Hälfte dem Wortlaut nach verstanden, aber Tonfall und anschließendes Gelächter der Weiber lassen jeden außer dem naivsten Geist ahnen, was ihre Äußerungen bedeuten. Während sie den Blick auf den gefrorenen Boden richtet und sich einstemmt, denkt die junge Frau zum wiederholten Mal über die Widersprüche nach, die sie hier bereits kennengelernt hat: Einerseits ist dieser Menschenschlag rau, rauer noch als die Bauern in ihrer Heimat. Doch andererseits sind sie gelegentlich von einer Fröhlichkeit, die sich dann in kindlichen – oder auch nicht ganz so kindlichen – Spöttereien Luft macht, bei denen es ihr selbst schon mehrmals die Röte ins Gesicht getrieben hat.

Diese Menschen sind ungekünstelt. Man spricht hier recht freimütig über Dinge, die anderswo schamhaft umschrieben werden. Auch Dinge über Weiber und Männer... Unwillkürlich wandert ihr Blick voran, zu den Mannsleuten, die vor ihnen gehen, den schwereren Schlitten ziehen und den Weg für die nachfolgenden Weiber ebnen. In diesem Moment dreht sich Tristan um und sieht ihr direkt in die Augen. Errötend senkt sie sie wieder. Gertrud neben ihr grinst und meint leise, als die Männer wieder nach vorn sehen: "Der deine ist aber auch ein hübscher Kerl..!" Indem sie zusammenzuckt, zischt Lîf zur Seite: "Er ist nicht der meine... allenfalls bin ich sein – er hat mich ja schließlich rechtmäßig ge.. ge... erworben!" spuckt sie regelrecht aus, als ihr das Wort einfällt, das sie suchte.

Doch Gertrud lässt sich auch von dem bissigen Ton des Rotschopfs nicht aus der Ruhe bringen. Sie lächelt wissend. "Ach, und wenn du ihn so hasst, warum schaust du dann dauernd zu ihm rüber?" neckt sie Lîf. "Tu' ich gar nicht!" Gertrud neigt sich zu ihr, um ihr ins Ohr zu raunen: "Du solltest es dir eingestehen, Lîf... er ist ja auch eine gute Partie. Und außerdem gehören Mann und Weib zusammen. Was sträubst du dich so dagegen? Ich sag' dir, du hättest einen viel schlechteren abbekommen können!""Ach, so einen wie deinen Prahlhans und Schürzenjäger meinst du?!" kann sich die junge Frau nicht beherrschen. Doch nicht einmal das kann die sanfte Gertrud aus der Ruhe bringen. "Karl ist ein guter Mann" behauptet sie so unerschütterlich, dass Lîf ihre bösen Worte gleich wieder bedauert. "Ich lasse sie über ihn reden, was sie wollen. Wart's ab: Wenn ihr euer erstes Kind habt, wirst du's schon einsehen. Ist sowieso für jeden offensichtlich, der Augen im Kopf hat..." Die junge Frau beißt sich auf die Lippen und fragt nicht, was wohl so offensichtlich sein mag, denn sie fürchtet die Antwort...

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #2 am: 17.08.2017, 14:11:22 »
"Und du sagst doch selbst, er hat dich rechtmäßig erworben", fügt Gertrud nach kurzem Überlegen noch hinzu. "Gerade so, wie's allen Weibern geht. Es wirft der Mann ein Auge auf ein junges Ding und tritt darauf mit seinem Vater vor den ihren, und der eine Vater spricht zum anderen: 'Mein Sohn ist, wie du weißt, ein Mann mit Hof und gutem Ansehen, ihm fehlt also nur noch ein tüchtiges Weib. Dafür täte ihm deine Tochter recht gut gefallen. Nenne mir daher deinen Preis.' Und ihr Vater sagt: 'Du wirst viel hinlegen müssen, denn sie ist meine einzige Erbin und außerdem so tüchtig, dass mir der Fleiß ihrer Hände sehr fehlen wird.' Dann geht die Rede hin und her und die Väter einigen sich schließlich auf den Preis und der Handel ist abgeschlossen und dem Mädchen erzählt man erst hinterher davon. So war's bei mir und so wär's dir daheim auch ergangen. Oder hält man es bei euch etwa anders? Heißt man es nicht auch 'Brautkauf', wo du herkommst?"[1]

~~~

Danach schweigen erst einmal alle bis auf ein einzelnes Wort, das man sich bisweilen zuwirft, denn die Last scheint immer schwerer zu werden und die einbrechende Dunkelheit legt sich auf die Stimmung. Auch wird es immer kälter. Dafür rückt aber der Hügel immer näher, hinter dem fünf große Langhäuser sie mit einem warmen Feuer und Schutz vor dem unaufhörlichen Wind locken. Gerade heben sich die Herzen wieder, werden die Schritte wieder schneller, als direkt neben Lîf ein lautes, gar schauerliches Heulen ertönt, kurz nachdem—oder kurz zuvor?—ihr Schlitten über einen besonders großen Grasschopf holpert. Vor Schreck stolpert Lîf selbst und schlägt lang hin. Gertrud reagiert einen Moment zu spät, sodass der Schlitten zunächst weiterhin auf die Gestürzte zuhält.[2] Getrud schreit auf und plötzlich ist Lîf von aufgeregten Stimmen umgeben. Ihr erster Gedanke aber gilt nicht sich selbst sondern der Kreatur, die da so jämmerlich geschrieen hat. Ein Geist? Oder ein Tier? Verletzt? Durch ihren Schlitten? Dies ist, was sie erblickt[3]:

 1. Das läuft bei euch schon auch so, dass die Väter über den "Brautkauf" verhandeln wie über jeden anderen Handel, und Lîf hat da sicherlich auch schon einige Geschichten gehört, wo jemand seine Tochter an einen Mann verkauft hat, den sie nicht ausstehen kann oder vorher gar nicht kannte, aber natürlich kommt es genauso oft vor, dass die zukünftige Braut zu dem Zeitpunkt längst weiß, wem sie ins Auge gefallen ist und diesen Mann entweder ignoriert oder abzuwehren versucht hat oder aber aktiv ermutigt. Überhaupt: es muss schon ein seltsamer Vater sein, der den Wunsch der Tochter gar nicht bedenkt? Der sie gar nicht fragt? Nicht einmal vorher informiert? Nicht wahr, wer täte sowas?!
 2. Reflex vs. 10, ob Lîf sich aus der Bahn rollen kann, sonst d3 Schaden? Oder bloß entsprechend beschrieben.
 3. Ausgewürfelte Ereignisse, s. hier. Entweder ist Lîf verletzt oder die Robbe, denn die Vorgabe ist: einer wird verletzt.

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #3 am: 17.08.2017, 17:34:10 »
Mit einem Augenrollen zerrt Lîf an den Seilen, während Gertrud neben ihr wieder anfängt. "Doch, natürlich" gibt sie widerwillig zu. Der Brautkauf ist auch in Fersland gang und gäbe, das kann sie schwer leugnen. "Aber mir hätte mein Vater niemals einen Kerl vorgesetzt, ohne mich auch nur anzuhören!" behauptet der Rotschopf hitzig, obwohl sie sich alles andere als sicher ist, dass dem tatsächlich so ist. Es gab da schon verschiedentlich Aussprachen in ihrer Familie, die für die junge Lîf mit einer gesalzenen Tracht Prügel endeten, weil sie sich nie etwas gefallen ließ und immer ihren Kopf durchsetzen wollte. Und da sie auch Gertruds erstaunte, dann zweifelnd-amüsierte Miene gar nicht sehen muss, um sie sich vorstellen zu können, schränkt sie gleich darauf ein: "Meine Eltern wollten immer, dass ich glücklich bin. Bestimmt hätten sie mich wenigstens vorher gefragt." Als sie das unterdrückte Kichern der molligen Blonden und einiger anderer Weiber hört, die ihre Worte mitbekommen haben, fügt sie missmutig hinzu: "Ich bin doch keine Milchkuh oder Zuchtstute..." Es wurmt sie, dass ihr keine glauben will, was sie zu gern selbst glauben würde: Dass sie ganz allein über ihr Leben hätte entscheiden dürfen, auswählen oder ablehnen, wenn sie nur hartnäckig genug gewesen wäre. Trotz aller bitteren Lektionen, die ihr Dickkopf und ihre scharfe Zunge bereits eingebracht haben.

~~~

Immerhin macht sich keines der Weiber mehr laut über sie lustig – entweder, weil sie mittlerweile wissen, wie heißblütig Tristans Weib ist, oder schlicht, weil sie ihre Puste zum Ziehen der Schlitten, zum Tragen der Lasten oder ihrer Kinder brauchen. Und da sie ungern auf verlorenem Posten steht, lässt es auch die junge Frau dabei bewenden. Sie ist ganz in den für ein schmales Mädchen wie sie anstrengenden Marsch vertieft, als neben ihr das laute Geheul erklingt, sie einen Satz machen und ausrutschen lässt. Der Aufprall ist dank der dicken, fellbesetzten Kleider, die sie von Tristan geschenkt bekam, nicht sehr schmerzhaft, treibt ihr aber zunächst einmal die Luft aus den Lungen. Als sie nach einem Moment der Benommenheit aufsieht, hört sie Gertruds Schrei gellen: "Gütige Mutter – pass auf, Mädchen..!!" Eher instinktiv rollt sie sich beiseite[1], und eine Kufe des Schlittens zischt knapp neben ihrem Bein vorbei, bevor das Gefährt gegen eine Schneeverwehung prallt und ruckartig zum Stillstand kommt. Zitternd bleibt sie liegen, während um sie herum die Weiber herbeilaufen und aufgeregt durcheinander schnattern. Lediglich die dicke Gertrud kniet sich neben den Rotschopf, überzeugt sich, dass Lîf nichts ernsthaftes geschehen ist, und zieht vorsichtig deren festgeklemmte Röcke unter der Kufe hervor. "Alles gut, Kindchen?" fragt sie sanft, und die mehr verdatterte als wirklich mitgenommene Lîf nickt langsam.

Sie macht den Mund auf, um zu antworten, als neben ihr wieder das klägliche Heulen ertönt. Halb richtet sie sich auf, wälzt sich herum – und schaut in ein paar riesig großer, unendlich traurig aussehender Augen. Lîfs Mund steht halb offen, sie fixiert das kleine, rundliche Wesen und bringt keinen Ton heraus, so sehr berührt sie der Anblick. Die anderen Weiber wechseln irritierte Blicke, als sich die junge Frau auf die Knie erhebt und ein Stück auf den kleinen Heuler zu rutscht. "Du armes kleines Ding... wo ist deine Mutter..?" flüstert sie und scheint ihre Umgebung ganz vergessen zu haben. "Du liebe Zeit... hat der Schlitten sie am Kopf erwischt?" wispert die freche Inga ihrer Nachbarin zu. Doch Gertrud, die sanfte Gertrud, blitzt sie zornig an und nimmt sie ebenso in Schutz, wie man es bei ihrem prahlenden Mann gewohnt ist: "Sei still, dumme Gans! Sie ist eben anders. Wer weiß, was sie gerade sieht... Gewiss spricht die Große Mutter zu ihr – warum wird die alte Esja sie sonst in die Lehre genommen haben?" Daraufhin verstummen die Weiber und sehen zu, wie die junge Frau vor dem Tierchen kniet, das mutterseelenallein liegt und zu ihr aufschaut. "Was bei allen Ahnen treibt ihr Weiber nur wieder?! Euch zu hüten, ist ja schlimmer als ein ganzes Rudel..." poltert Ansgar, der zurück zu der Weibergruppe gestapft ist. Mitten im Satz bricht er ab und starrt die Szene vollkommen perplex an. Blinzelnd kratzt er sich am Kopf und brummt etwas unverständliches. "Weiber..!" fasst er seine Ratlosigkeit schließlich zusammen.
 1. Reflexwurf mit einer 12 (siehe hier) geschafft

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #4 am: 17.08.2017, 21:56:14 »
Auch Tristan ist, so schnell er sich von seinem Schlitten losmachen kann, an Lîfs Seite. "Liebes, bist du wohlauf?" fragt er besorgt, auch wenn ihm dies die eigenen Augen verraten würden, täte er statt zu fragen besser hinschauen. Lîf aber beachtet ihn gar nicht, ihre ganze Aufmerksamkeit gilt etwas, das sie auf dem Boden entdeckt hat. Erst, als Tristan um sie herumgelaufen ist, sieht er das kleine Wesen. Es ist verletzt. Eine Wunde—Bisswunde?—klafft nahe der Beinflossen und eine blutige Spur zieht sich durch den Schnee, Richtung Fjord. Tristan fasst Lîf bei der Schulter.

"Komm, wir müssen weiter. Du kannst dem Kleinen nicht helfen. Wenn seine Mutter es nicht wollte und seine Sippe es hier zurückgelassen hat... es ist ein Wunder, dass es überhaupt so lange überlebt hat. Aber den restlichen Winter übersteht es nicht mehr, verletzt oder unverletzt."

Doch Lîf rührt sich nicht. Tristan weist sie noch einmal darauf hin, dass alle müde sind und frieren und die nahe Thingstätte endlich erreichen wollen. Ihn erstaunt es dabei weniger, dass ein verletztes Tier das Mitgefühl seines Weibes erwecken kann. Erstens, weil Lîf, auch wenn sie gerne einmal schimpft, einfach nicht anders kann als mit jedem Wesen mitzufühlen, das sich in Not befindet, und zweitens, weil sie das, was andere zwar gerne als Lippenbekenntnis führen, tatsächlich im Herzen fühlt: dass Tiere nämlich ebenso Gajas Geschöpfe sind wie Menschen auch.

Und ich wollte sie gar nicht anders haben...

"Ich würde das Kerlchen ja von seinem Leid erlösen", versucht er es daher noch einmal im Guten, "aber auf dieser Insel ist die Robbenjagd verboten, wie überhaupt alle Jagd, weil es unsere heiligste Stätte ist. Deswegen mussten wir ja sogar Salzfisch einpacken, denn hier darf man nicht einmal fischen."

Als hätte der junge Seehund das Wort "Fisch" verstanden, robbt er noch ein Stück näher auf Lîf zu und sie hat den Eindruck, dass seine Augen sogar noch ein wenig größer werden.

"Jetzt komm schon", sagt Tristan ein wenig ungeduldig. "Ich fahr auch gerne mit dir im Saatmond noch einmal hierher, dann ist nämlich ganz Wodland voller Robben, drei verschiedene Arten, die hier an den Stränden bis weit ins Land hinauf ihre Weibchen begatten oder ihre Jungen gebären oder einfach nur in der Sonne liegen, das ist wirklich ein prächtiger Anblick! Aber für das Kleine hier kannst du nichts tun."

Und er versucht, sein Weib auf die Beine zu ziehen. Allzu bewusst ist er sich der vielen Blicke, die auf ihm und seiner Lîf dabei ruhen. Einige der Umstehenden warten nur darauf, dass etwas Interessantes passiert—man kann das daran erkennen, dass vor ihren Gesichtern keine Atemwolke schwebt, denn vor lauter Spannung halten sie den Atem an—um später in allen fünf Langhäusern das Geschehen haarklein weitererzählen können und dadurch selbst ein wenig interessant zu erscheinen.

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #5 am: 18.08.2017, 13:59:39 »
Nur für einen Moment blickt Lîf auf, starrt Tristan an und nickt stumm. Dann wendet sie sich wieder dem Tierchen zu, entdeckt die Blutspur und rutscht auf ihren Knien noch näher heran. Ihre Arme breitet die junge Frau aus, wie um den Heuler von allem abzuschirmen, und als er auch näher heranrobbt, fangen ihre Augen an, feucht zu schimmern. Das ist ein Wesen, das ebenso weit von seiner Mutter, seiner Familie weg ist wie sie... ein verwundetes darüber hinaus, und ein so junges, dass es allein hilflos ist. Die kleine Robbe wird hier nicht lang überleben... Tristans Worte, obwohl in mitleidigem Ton gesprochen, bohren sich ihr ins Herz, und lassen sie trotzig aufschauen. "Und deshalb wollt ihr es einfach sterben lassen?!" faucht sie biestiger, als man es angesichts ihrer eben noch geradezu greifbaren Trauer erwarten würde. "Wenn dieser Ort so heilig ist, dass niemand die Robben hier töten darf, darf man sie dann sterben lassen?!" fährt sie fort und redet sich, wie so oft, in Fahrt.

Die Weiber, die sich hinter Tristan drängeln, und einige der Männer, die herangekommen sind, wechseln ratlose Blicke. "Was ist?!" schnappt der Rotschopf, die unausgesprochenen Gedanken der Umstehenden spürend. "Er hat recht, Mädel" meint die handfeste, nüchterne Gertrud und schüttelt bedauernd den Kopf. "Du kannst dem Tierchen nicht helfen. Würdest seine Qual nur verlängern." Tristan kennt die Art genau, wie sich die Lippen seines jungen Weibes aufeinander pressen, eine Schnute bilden, während ihre Augen mit einem erbitterten Blick die Reihe der anderen absuchen. Ist da nicht irgendeiner, der sie unterstützen will, eines von den Weibern wenigstens..? "Lass mich..!" ruft sie, als ihr Mann sie auf die Beine ziehen will. Dann wendet sie sich wieder der Robbe zu, streckt eine Hand aus... berührt das Tier, das einen klagenden Laut von sich gibt.

"Was macht das törichte Weibsbild da?" kann man durch das Gemurmel der anderen verstehen. "Weibsbild?! Ein Mädchen ist das noch, ein Gör, das übers Knie gelegt gehört! So was unsinniges...""Lasst sie doch, das Kind ist ja nicht ganz bei sich!""Und wie lange sollen wir hier herumstehen? Bis wir festgefroren sind?!""Tristan, bring dein Weib zur Vernunft, wir müssen weiter!""Vorsicht: Wenn ihr sie anfasst, zürnt vielleicht die Große Mutter!" So fliegen die Worte hin und her, während die junge Frau ganz an die kleine Robbe heran gekrochen ist beide Hände auf den rundlichen Leib gelegt hat und mit geschlossenen Augen ein Gebet zu murmeln beginnt[1]. "Da seht! Die Macht der Großen Mutter!" Tatsächlich: Die blutende Wunde des Tieres schließt sich ganz allmählich, der Blutstrom versiegt nach und nach, während die Leute die Köpfe schütteln.

Und wieder sind sich alle uneins. "Die Große Mutter anzurufen, um ein Tier zu heilen, das ist Frevel!" behaupten einige, während andere dagegenhalten: "Wenn Gaya selbst das Wunder gewährt, dann hat das Mädchen Ihren Segen!" Ansgar, sein eines verbliebenes Auge auf die Szene gerichtet, tritt neben Tristan und sagt leise zu ihm: "Jungchen... was immer du tust: Du musst deinem Weib beibringen, dass sie nun eine von uns ist und sich nicht ständig solche Alleingänge leisten kann. Ob du sie nun übers Knie legst oder es ihr mit Worten beibringst – bring sie dazu, dass sie sich mehr zurückhält!" Mit dem Kinn nickt er auf den Haufen durcheinander redender, streitender Menschen. "Du siehst es ja: Die einen denken, dass sie frevelt, die anderen halten sie für eine Art Heilige, die den Willen der Großen Mutter ausführt. Das gibt auf Dauer böses Blut. Eine drudkvinde muss versöhnen, nicht spalten!"

Nachdenklich schabt er sich mit der Hand übers Kinn und fügt hinzu: "Vielleicht wäre es das beste, wenn du dafür sorgst, dass sie bald ein Kind bekommt. Eins, zwei... einen ganzen Haufen, wenn's sein muss. Dann hat sie genug zu tun und kann keine Unruhe mehr stiften." Er schlägt Tristan noch einmal kameradschaftlich auf die Schulter, um ihm zu zeigen, dass er es nur gut mit dem jungen Paar meint, übertönt dann das Stimmengewirr und fordert alle auf, wieder weiter zu marschieren. Zögerlich löst sich die kleine Versammlung um Lîf und die Robbe auf, bis nur noch Gertrud wartend bei dem kleinen Schlitten steht und der Rotschopf, vor dem jetzt kräftiger wirkenden Heuler kniend, zu Tristan aufsieht. Nun wirkt ihr Gesicht nicht mehr so zornig und entschlossen wie eben, sieht sie eher wieder wie ein junges Mädchen aus, das nicht weiter weiß. Auf ihren Zügen mischen sich der Trotz und die Scham darüber, dass sie selbst nicht sagen kann, wie ihr nächster Schritt aussehen soll. "Es hat bestimmt Hunger..." sagt sie sehr leise und klingt beinahe bittend.
 1. Leichte Wunden heilen

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #6 am: 18.08.2017, 17:35:52 »
Eine scharfe Zurechtweisung liegt schon auf Tristans Zunge und der Griff um Lîfs Arme verstärkt sich im gleichen Maße, wie ihr Körper sich versteift in Erwartung, jeden Moment gewaltsam auf die Beine gezerrt zu werden. Doch dann kommt Ansgar daher und redet in einem Ton mit ihm und gibt Ratschläge, wie er sein Weib zu behandeln hätte, wie es sich allenfalls der alte Ole erlauben dürfte und vielleicht—vielleicht!—noch der schöne Karl, denn der ist wenigstens im Nehmen so gut wie im Austeilen.

"Wie", schnappt Tristan zurück, "und das alles weißt du, weil du mit Esjas Tochter verheiratet warst, ganze zehn Jahre lang, bis sie sich von dir getrennt hat, weil du dich lieber in den Betten deiner Mägde vergnügt hast als in ihrem? Sag du mir nicht, wie ich mein Weib zu behandeln habe!" Damit wendet er sich Lîf zu und überlässt es Ole, in seinem Rücken den aufgebrachten Ansgar zu beruhigen; den Geräuschen nach wird Körpereinsatz nötig.

"Lîf, du musst jetzt kommen", beginnt er schroffer als beabsichtigt, bevor ihre elende Miene ihn gleich wieder innehalten lässt. Tränen glitzern in ihren Augen und rühren sein Herz. Wie jung sie auf einmal aussieht! Um den verrutschten Schal wieder über ihren Mund zu ziehen, streckt er die Hand nach ihr aus, doch Lîf zuckt zurück, als dächte sie, er wolle sie ohrfeigen. Er schnaubt ungläubig, lässt sich aber in seinem Tun nicht beirren. Erst, als sie wieder warm vermummt ist, kümmert er sich um das nächste Problem. Gertrud wartet als einzige geduldig, alle anderen kehren zu ihren Schlitten zurück in der ebenso unausgesprochenen wie deutlichen Forderung, dass es jetzt bitteschön weitergeht. Tristan sieht von Getrud zu Lîf und wieder zurück.

"Hol' mir bitte rasch einen Fisch da aus dem Salzfass", sagt er zu Getrud, deutend, "und danach hol' Inga herbei, das nutzlose Stück mit dem frechen Maul."

Inga ist Getruds jüngere Halbschwester und außerdem allein unterwegs, da ihr Mann, dessen Aufgabe es ist, mit vier anderen die Thingstätte vorzubereiten, die Überfahrt schon vor zwei Tagen gemacht hat. Aus dieser Richtung hat Tristan also keinen Protest zu fürchten. Getrud jedenfalls gehorcht sofort. Sie sieht das wohl auch so, dass ihr Schwesterlein es als Buße für die bösen Worte verdient hat, bei der Beseitigung des Problems eingespannt zu werden. Wortwörtlich. Wenn die kleine Robbe mitmacht.

Als Gertrud mit Schwester und Fisch zurück ist, wischt Tristan letzteren kurz mit Schnee ab, um das überschüssige Salz zu entfernen, und reicht ihn seinem Weib. "Wenn du bei zwanzig das Kerlchen im Arm hast, kannst du ihn mitnehmen; sonst bleibt er da und du stellst dich nicht weiter an."

Damit tritt er ein paar Schritte zurück und wartet gespannt.[1]
 1. Handle Animal, würde ich sagen, oder? Das Tierchen ist ja schon friendly, da bring wild empathy auch nichts mehr. Gegen DC 10?

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #7 am: 18.08.2017, 19:17:46 »
Während Ole und Ansgar eine typische Diskussion unter Männern führen – also mit diversen blauen Flecken als Spätfolge – schluckt Lîf und sieht zu ihrem Mann auf. Wie er sie erst anfährt, verletzt sie offenkundig, doch die Ablehnung durch die anderen hat sie stark genug verunsichert, dass sie nicht mehr die Energie hat, aufzubegehren. "Bitte, Tristan, um der Großen Mutter willen – ich spüre einfach, dass Sie es mir befiehlt" bettelt sie leise, ehe er den Schal über ihren Mund zieht und ihre Stimme undeutlich wird. Gertrud derweil hat der Szene stumm zugeschaut und nickt auf die Anweisung Tristans.

Die junge Frau hat den Fisch schließlich aus der Hand ihres Mannes angenommen und dem kleinen Tier angeboten. Nach einigem Zögern[1] hat der Kleine endlich danach geschnappt, und Lîf hat den runden Körper mit ihren Armen umschlungen. Darauf gibt ihr Findelkind eine Art hohes Quäken von sich, scheint aber mehr verwirrt als erschrocken und beruhigt sich nach mehreren hektischen Befreiungsversuchen wieder. Sie schaut wieder zu Tristan auf, und dieses Mal leuchten ihre Augen wie die eines kleinen Mädchens vor einem lange ersehnten Geschenk, auch wenn sie noch immer feucht sind. Dass sie lächelt, kann man hinter dem Schal nicht sehen, der bis über ihre Nase gezogen ist, doch der Blick ist genau jener, der ihn wohl bewogen haben mag, sie zum Weib zu nehmen.

Ingas Stimme unterbricht das Idyll: "Warum ich? Ich hab' doch gar nichts getan..!" mault sie, Kleid und Schürze raffend, um die Säume einigermaßen trocken zu halten, da sie an den Schlitten der anderen Weiber vorbei durch den nicht plattgetretenen Schnee zu Tristan und Lîf zurück gehen muss. Vor den beiden angelangt, starrt sie auf ihre Schuhe und zieht einen Schmollmund, der dem Lîfs von eben verdächtig ähnlich sieht. Dabei legt sie die Arme auf den Rücken und wiegt beruhigend das Bündel mit ihrem Kind, dessen faltiges Gesichtchen sich für einen Moment bei einem herzhaften Gähnen verzieht. Ole, der mittlerweile den wütenden Ansgar erfolgreich beruhigt hat, kommt kurz vorbei, sieht Tristan in die Augen, legt ihm eine Hand auf die Schulter und nickt ihm stumm zu. Dann wendet er sich ebenfalls wieder nach vorn.
 1. Mit Tieren umgehen gegen 10, geschafft mit einer 12

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #8 am: 19.08.2017, 21:52:58 »
"Dann siehst du also selbst, dass es Zeit wird, Inga, dass du auch mal was tust, außer Wölkchen beim Reden machen", entgegnet Tristan ungerührt, derweil er sein Weib samt Robbe auf die Beine hebt. "Gib' daher Lîf dein Balg auf den Rücken und pack' bei deiner Schwester am Schlitten an. Hurtig, wir wollen doch alle weiter."

Doch Inga stützt nur eine Hand in die Hüfte und rührt sich nicht. Ihr empörter Blick geht zu Gertrud. Da ruft einer von hinten: "Was ist, warum geht's denn noch nicht voran?" Worauf Tristan zurückruft: "Tut mir leid, aber jetzt ist es Inga, die nicht vom Fleck kommt!" Worauf ein vielstimmiges Maulen anhebt, das Inga einen erschrockenen Satz vorwärts machen lässt.

"Dein Kind", erinnert Tristan sie betont geduldig, "Lîfs Rücken. Dann von der Schwester einspannen lassen. Und während du den Schlitten ziehst, kannst du dir ja einmal still durch den Kopf gehen lassen, ob du wirklich so bös' über ein Weib reden möchtest, dass bei Nacht und jedem Wetter sofort zu dir eilen würd', wenn deinem Mann oder dir oder deinem Balg etwas fehlt."

Bevor Lîf, nun also mit einem zappelnden Etwas im Arm und einem—Gaja sei Dank!—friedlich schlafenden Etwas auf dem Rücken, auch nur einen Schritt tun kann, fasst ihr Mann sie um die Hüfte und zieht sie vorwärts. "Den Rest des Weges läufst du neben mir", sagt er in einem Ton, der jeder Widerrede müde ist, "und gibst nicht einen Laut von dir."

Der kleine Zug setzt sich also endlich wieder in Bewegung. Weit ist es nicht mehr und doch hätte Lîf es kaum weiter geschafft, denn die kleine Robbe scheint mit jedem Schritt schwerer zu werden und es dauert auch gar nicht lang, da beginnt sie wieder zu zappeln und sich zu winden und Lîf muss, mit einem Seitenblick zu ihrem Mann, besänftigend auf das Tier einreden. Kaum ist die Robbe wieder friedlich, fängt das Kind auf ihrem Rücken zu greinen an. So nähert man sich der Palisade und dem hell erleuchteten Tor. Doch als Lîf an der Seite ihres Mannes darauf zusteuert, bekommt sie anderweitigen Befehl.

"Wart' hier am Tor auf Inga, gib ihr das kreischende Balg zurück, dann trag' deine Robbe zur Priesterhütte, hier außen herum. Esja soll sagen, was mit dem Tier zu tun ist. Hinterher findest du mich im Langhaus an der Stirnseite, dem größten von allen, direkt gegenüber vom Tor."

Für mehr bleibt keine Zeit, denn Ole drängt weiter, und so steht Lîf auf einmal ganz allein vor dem Tor mit ihrer doppelten Last und sieht nur noch den Hinterkopf ihres Mannes über dem vollgepackten Schlitten und bald darauf nicht einmal mehr das.[1]
 1. Die Hütte der Priester ist außerhalb der Palisade, rechtsherum, aber nicht weit entfernt. Auf die Ferne wirkt sie rund, beim Näherkommen bzw. spätestens im Innenraum sieht Lîf, dass die Hütte fünf (gleich lange) Wände hat. Tür mit Fell verhängt. Esja wird dir 'öffnen'. (Etliche Leute im Inneren, teils um Feuer in der Mitte versammelt, aber die werde ich dann beschreiben.)

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #9 am: 20.08.2017, 12:55:17 »
Zu Tristans Erleichterung – womöglich auch Überraschung – gehorcht ihm Lîf diesmal widerspruchslos. Sei es, dass sein Weib ihm dankbar für sein Zugeständnis ist, sei es, dass die beiden kleinen Wesen, die sie nun trägt, weichere Gefühle in ihr wecken oder die junge Frau schlicht zu sehr fordern: Ihr sonst so schlagfertiges Mundwerk schweigt fürs Erste, und sie marschiert tapfer mit. Ständig ist sie damit beschäftigt, die kleine Robbe zu bändigen oder mit leiser Stimme ein Lied zu singen, um den Säugling auf ihrem Rücken zu beruhigen. Die Seitenblicke, die Tristan während des Weitermarschs nun auf sie werfen kann, zeigen ihm aber ein junges Weib, das ihm ausgeglichener, ja, glücklicher erscheint, als sie war, seit sie geraubt wurde. Ihre Augen strahlen geradezu aus ihrer Vermummung hervor. Ole, der seine Ziehtochter ebenso zu beobachten scheint, knurrt einige Male wie ein satter Bär – grimmig, aber irgendwie doch zufrieden. Dann wendet er sich mit einem Grinsen an Tristan und hält ihn kurz zurück, bis Lîf weit genug voran ist, um ihn nicht zu verstehen: "Unser Einauge ist ein grober Klotz mit einem lockeren Mundwerk. Seine Worte waren grob, aber ich glaube, er hat das rechte getroffen, meine Junge: Sie braucht was Kleines, das ihre Gedanken ablenkt. Sieh dir das Mädchen doch nur an – eine richtige Familie würde ihr Halt geben." Das Grinsen des Alten wird breiter, als er brummt: "Wenn ich so jung wär' wie du und an deiner Stelle, ich würd' jedenfalls schleunigst dafür sorgen, dass mein Weib nicht unglücklich ist – und ich auch nicht!"

~~~~~

Am Tor angelangt nickt der Rotschopf auf Tristans Worte. Sie ist zu stolz, um zuzugeben, dass sie müde und abgekämpft ist, hat doch das Gewicht von Kind und Heuler zusammen ihren schmalen Körper sehr belastet. Dennoch ist sie dankbar, als Inga ankommt und die Tücher löst, mit denen sie ihr den Säugling auf den Rücken gebunden hat. Sie gibt nicht einmal einen spitzen Kommentar von sich, obwohl Inga ein Gesicht zieht und das Kind an sich nimmt, als befürchte sie, es sei bei Lîf in schlechten Händen gewesen. Die junge Frau ist in einer versöhnlichen Stimmung und ignoriert das beleidigte Schweigen Ingas, um dem Kind mit einem sanften Lächeln nachzublicken. Doch lange hat sie nicht Zeit, sich zu besinnen: Die Robbe vor ihrer Brust zieht noch immer an ihren Armen wie ein Bleigewicht und gibt ein leises Quäken von sich, während sie sich unruhig windet. Keuchend schleppt Lîf ihre Last zur Priesterhütte, wie befohlen, wo sich die einfache Holztür wie von Geisterhand öffnet, noch ehe sie mit einem Ruf auf sich aufmerksam machen kann. In der Türöffnung zeichnet sich eine gebeugte Gestalt in einem einfachen Kleid und einem großen Kopftuch ab, die sie von unten mustert. Lange, schwere Zöpfe, in denen nur noch wenige Strähnen das Goldblond der Jugend zeigen, hängen der Greisen bis fast zu den Knien herab: die alte Esja. Wie so oft fragt sich der Rotschopf, ob ihre Lehrmeisterin ihr Kommen gespürt hat oder einfach über scharfe Sinne und Instinkt verfügt. Verlegen steht sie da, bis Esja brummt: "Na, nun komm schon rein, Kindchen! Wenn du noch lange dastehst und deinen Mund belüftest, wird's ganz kalt hier drinnen..." Blinzelnd schließt Lîf den Mund und gehorcht ihrer Lehrerin.

~~~~~

Als Tristan in das Langhaus eintritt, umfangen ihn warme, wenn auch recht stickige Luft, mit Rauch und dem Geruch nach Essen, Schweiß und Tieren durchsetzt, sowie die gedämpfte Geräuschkulissen, die zahlreiche Menschen verursachen. Der Innenraum des langgestreckten Gebäudes ist von zwei großen Feuerstellen und einigen Kienspänen mehr schlecht als recht erleuchtet. Er erkennt die Umrisse von Männern, die in Gruppen beieinander hocken und sich unterhalten, aufwärmen, während hinter ihm die Mitglieder seiner Reisegruppe aus der Kälte in die relative Behaglichkeit drängen. Einige Weiber umstehen einen Kessel, der über einem der Feuer hängt. Sie sind damit beschäftigt, für etwas Warmes zu essen zu sorgen. Sie empfangen die ankommenden Weiber und helfen ihnen dabei, deren Gepäck unterzubringen – kurz: sie tun alle anfallenden Arbeiten, während die Mannsleute, deren Pflichten außerhalb des Hauses liegen, müßig sind und sich die Hände an dem Feuer wärmen, das nicht zum Kochen verwendet wird. Ole, dessen narbenzerfurchtes Gesicht vielen bekannt ist, wird lautstark begrüßt und packt diverse Unterarme, um sie zünftig zu schütteln. Die übrigen Männer der Gruppe überlassen den Weibern das Auspacken und gesellen sich zu den Vertretern anderer Siedlungen. Es scheint alles friedlich, bis Tristans Auge die Weiber erblickt, die sich dicht zusammendrängen und offenkundig aufgeregt miteinander wispern. Vor allem Inga, die um einiges später mit ihrem Kind auf dem Arm hineinkam, wird umlagert. Sie erzählt allem Anschein nach, und er glaubt einige Blicke zu sehen, die neugierig, ungläubig, vielleicht auch ein wenig ängstlich, in seine Richtung gehen. Die Worte kann er aus der Entfernung nicht verstehen, doch die Gesten der Weiber sprechen für sich: Es muss um den Vorfall mit der Robbe gehen, und es scheint sie sehr zu bewegen, was Inga und ihre Begleiterinnen zu erzählen haben. Manche von ihnen wirken ehrfürchtig, andere erschrocken, wie sie so zuhören.

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #10 am: 21.08.2017, 00:17:08 »
"Ja was glaubt ihr zwei denn?" schnaubt Tristan, als Ole in dieselbe Kerbe schlägt wie Ansgar. "Dass ich Nacht für Nacht neben meinem jungen Weib läge, keusch wie ein Mönchlein? Kannst meine Kebsen fragen, ob ich auch nur einmal bei ihnen war, seit ich meine Lîf habe. Und die alte Hulda beschreibt dir bestimmt gern, welche Geräusche nächtens aus unserer Kammer dringen. Bei Gaja, ich sage dir: alles, was ein Mann zu der Sache beitragen kann, trage ich mit großem Fleiß bei!"

Dann hat man Lîf auch schon wieder eingeholt und Tristan sucht ihren Blick in der Hoffnung, ihre Augen möchten noch so strahlen wie zuvor. Ja, tun sie! Einen kleinen Stich gibt ihm das ja schon, der vom Neid herrührt: über ein Tier gerät sie in solcherlei Entzücken, eine verletzte Robbe macht sie glücklicher als alles, was er für sie tut!

Geduld! mahnt er sich nicht zum ersten Mal. Irgendwann, wenn sie sich an das Leben hier gewöhnt hat, wird sie erkennen, dass nur wenige Frauen es in der Ehe so gut antreffen wie sie. Welcher Mann außer mir hätte ihr da vorhin ihren Willen gelassen? Wer zu ihr gehalten, wenn sie sich aufführt wie ein kleines Mädchen? Aber hinter ihrem Trotz versteckt sie nur ihre Furcht: vor der Fremde, dem Alleinsein in der Fremde, dem Verlust ihrer Sippe Schutz—als ob ich das nicht durchschauen tät'! Deshalb muss ich ihr nur weiterhin zeigen, dass sie als mein Weib nichts zu fürchten hat, dass niemand so sehr auf sie achtgibt wie ich, dann wird sie mich, wenn ich von das nächste Mal von der Fahrt heimkehr', mit ebensolch leuchtenden Augen empfangen.

"Aber tüchtig ist sie doch", raunt er Ole zu, nachdem die beiden Lîf eine ganze Weile lang still beobachtet haben, wie sie sich, ihr Blick inzwischen verbissen, mit ihrer zappeligen Last durch das holprige Gelände kämpft, "ausdauernd, beharrlich und zäh—wenn sie etwas nur wirklich will."

~~~

Später, im Langhaus des Jarl, hockt er sich schweigend zu Ole auf die Seitenbank. Wenig später steht auf dem Tisch vor ihm auch schon ein dampfender Teller. Hungrig langt er zu. Dabei geht sein Blick immer wieder zu Inga hinüber. Was für ein dummes Stück—hat nichts dazugelernt! Worüber sie wohl den restlichen Weg nachgesonnen hat? Sicherlich nicht über das, was er ihr aufgetragen hat.

Es gibt eben zwei Sorten, auch bei den Weibern: die, die gleich aufbrausen und sich genauso rasch wieder einkriegen—wie meine Lîf oder auch unser Ansgar—und solche, die erst ruhig bleiben, aber im Inneren kochen und brodeln und aus einer kleinen Sache eine große machen, um dann irgendwann ganz plötzlich, wenn längst niemand mehr an den Vorfall denkt, aufzubrausen und zurückzuschlagen. Ich weiß, welche Sorte mir lieber ist!

Als Gertrud ihrer Schwester dann offenbar ins Wort fällt, um dem Bericht der Jüngeren etwas hinzuzufügen, das die Gemüter erst einmal wieder besänftigt, muss Tristan eine dritte Art Mensch zugestehen. Es gibt nämlich auch solche, die sich weder jetzt noch später aufregen, sondern immer ruhig und gelassen bleiben.

~~~

"Da kannst du deinen kleinen Freund absetzen", sagt Esja und deutet auf eine Art Verschlag nahe der Tür, der einen Bereich von etwa einem Schritt auf zwei mit einer gut kniehohen Bretterwand vom Feuer abschirmt und zur Seite hin offen ist. Lîf hat die Robbe kaum dort abgeladen, da trippeln zwei schwarzweiße Vögel mit viel zu großen, bunten Schnäbeln heran. Drüben auf Jarlsö hat sie die beiden schon einmal gesehen, denn sie nisten bei Esja gleich hinter dem Haus.

Lîf stutzt. Es werden ja wohl kaum dieselben beiden sein, oder? Diese Vögel gibt es hier zu Hunderten, wenn nicht gar Tausenden, wohin man nur blickt.[1] Noch viel erstaunter ist sie, als die ungleichen Tiere sich neugierig beäugen, beschnüffeln (die Robbe) und mit dem Schnabel anstubsen. Gänzlich über gehen ihr die Augen, als Esja sagt: "Bard, gib' dem Kleinen ein paar von deinen Fischen ab", worauf der größere der beiden Vögel den Kopf in einen mit Wasser gefüllten Eimer steckt und mit einem Schnabel voll fingerdünner silbriger Fische wieder auftaucht und damit zur Robbe hinüberwatschelt. Die Übergabe gerät allerdings zu einem kleinen Gerangel, weil es nun einmal nicht so gedacht ist, dass Buntschnäbel Robben füttern, und Lîfs kleiner Freund außerdem dem Fütterungsalter eigentlich längst entwachsen ist.

"Komm Kindchen, die drei sind beschäftigt. Komm ans Feuer." Die alte drudkvinde setzt sich auf eine breite, fellbedeckte Bank und deutet auf die anderen vier Frauen, die neben ihr und an den beiden gegenüberliegenden Wänden auf ähnlichen Bänken sitzen. "Aud, Isgerd, Unn und Ragnhild", stellt sie kurz vor. "Und das hier ist Lîf." Die Frauen—zwei etwa so alt wie Esja, zwei kaum älter als Lîf—nicken ihr knapp zu. Sie nickt zurück und wendet sich dann den drei Frauen zu, die sie aus dem Augenwinkel in der Nähe der Tür erblickt hat und die noch nicht vorgestellt wurden, doch erkennt sofort ihren Irrtum: diese drei hocken auf dem Boden, die Köpfe gesenkt, das Haar auf eine Handbreit geschoren. Bei zweien ist außerdem, zu Lîfs Entsetzen, die Vorstellung gar nicht notwendig: Vigtis und Julfrid, zwei der Heilerinnenschwestern, die mit Lîf zusammen erbeutet wurden und denen es so viel schlechter als ihr selbst ergangen ist. Vigtis hat Lîf als scharfzüngig und rechthaberisch in Erinnerung, Julfrid als sanft, still und ein wenig ängstlich. Mit beiden hat Lîf nicht viel zu tun gehabt auf der so jählings unterbrochenen Reise, hat sich lieber an die fröhlicheren gehalten. Die dritte Magd ist ihr unbekannt. Keine der drei sieht auf.

"Setz dich hier zu mir, Kind", wiederholt Esja leise, aber sehr bestimmt. "Wir haben heute noch eine wichtige Frage zu klären und du möchtest deinen Mann doch nicht allzu lange warten lassen."

Die vier anderen Frauen bleiben still, aber ihre Mienen verraten Spannung.
 1. Ich gehe mal davon aus, dass Lîfs Mentorin daheim keinen Tiergefährten hatte, sondern wie Lîf selbst eine Naturdomäne, dass Lîf also davon noch gar nichts weiß.
« Letzte Änderung: 21.08.2017, 18:10:08 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #11 am: 21.08.2017, 12:20:57 »
Ole nickt und meint, noch immer grinsend: "Na, dann ist's ja gut. Das Mädchen ist jung und gesund, irgendwann wird die Große Mutter sie schon segnen. Wenn ein Mann seinen Speer nur tüchtig gebraucht, wird die Jagd auch ein Erfolg!" Sein leises Lachen geht in ein Husten über. Das scheint aber die Laune des Alten nicht trüben zu können. Er stapft neben Tristan her und lässt den Blick der eisgrauen Augen unter den buschigen Brauen mit einer Art bärbeißigen Wohlwollens zwischen dem Ziehsohn und Lîf hin und her wandern. Auf Tristans bewundernde Worte nickt er bedächtig. "Das ist sie fürwahr. Ein prächtiges Weibsbild, mein Junge, und ich gönn euch beiden, dass ihr miteinander alt werdet und einen ganzen Stall voll Kinder zu hüten habt." Denn Nachwuchs gilt nach wie vor als Segen der Göttin – mit jedem gesunden Kind wächst das Ansehen des Vaters und insbesondere der Mutter in der Gemeinschaft.

~~~

Während die Männer um ihn herum trinken, lachen und raue Scherze austauschen, den alten Ole einmal mehr zu einigen seiner anscheinend zahllosen Geschichten von alten Raubfahrten, Unwettern, harten Wintern und durchzechten Nächten auffordern, kann Tristan beobachten, wie die Weibergruppe sich in mehrere kleine auflöst, in denen weiter miteinander getuschelt wird. Während in Gertruds Nähe die älteren, erfahrenen Matronen sich wieder ruhig dem großen Kessel und den knurrenden Mägen ihrer Mannsleute widmen, sitzen einige junge Weiber mit Inga beisammen, die ihr Kind auf dem Schoß hält und von einer der anderen einen hölzernen Becher gereicht bekommt, mit dem soeben etwas dampfende, stark gewürzte Fischsuppe aus dem Kessel geschöpft wurde. Dankbar nimmt sie ihn entgegen, trinkt einige Schlucke und will weiter reden, als sie sich an die Kehle greift und heftig zu husten beginnt. Aufgeregt klingt das Stimmengewirr der Weiber um sie auf, eine nimmt den greinenden Säugling, während zwei andere sich um die junge Mutter bemühen, die zu zucken beginnt und zusehends blasser wird. Der Becher ist aus Ingas Hand gefallen und rollt unbeachtet unter die Bank, auf die sie sinkt. Bei den Männern scheint noch niemand außer Tristan etwas bemerkt zu haben – alle hängen gebannt an Oles Lippen, der gerade berichtet, wie er sein erstes Weib raubte, eine reiche Kaufmannstochter.

~~~

Gehorsam, aber sichtlich unsicher tritt Lîf ein, wie man sie geheißen hat. Vor der alten Esja hat sie einen Heidenrespekt, weswegen sie auch tief ihren Kopf neigt, um ihre Lehrmeisterin zu grüßen. Die beiden Vögel beobachtet sie zunächst mit mäßiger Überraschung, dann zunehmend perplex bei ihrem mehr als eigenartigen Verhalten. Und als einer gar die kleine Robbe auf Befehl zu füttern beginnt, hat sie ganz runde Augen bekommen. "Ein Wunder... ist das das Wirken der Großen Mutter?" fragt sie die Alte in ehrfürchtigem Flüsterton. So etwas hat sie wirklich noch nie gesehen! Sie kann ihren Blick kaum von der bizarren Szene wenden, als sie Esja zum Feuer folgt, wo sie auch vor den Frauen, die ihr vorgestellt werden, den Kopf neigt.

Kaum fällt ihr Blick jedoch auf ihre ehemaligen Gefährtinnen, beißt sie sich auf die Lippen. Sie macht eine Bewegung, als wolle sie zu ihnen treten, und kann sich wohl nur schwer zurückhalten, es tatsächlich zu tun. Gewiss, jeder kennt Leibeigene, auch ihre Familie hatte mehrere Knechte und Mägde, die nicht ihre eigenen Herren waren und auf dem Hof zu helfen hatten. Doch die Heilerinnen, mit denen sie eine enge Freundschaft verband – jedenfalls mit der stillen Julfrid, die die aufbrausende Lîf so oft um ihre Sanftmut beneidet hat... es trifft die junge Frau hart, sie so zu sehen. Vor allem das kurz geschorene Haar der drei treibt ihr fast die Tränen in die Augen. Wie kann ein Weib wohl mehr erniedrigt werden als dadurch, dass man ihr die Haarpracht raubt, die langen Zöpfe, auf die eine jede stolz ist? Doch Esjas Worte lassen keinen Widerspruch zu: Lîf nickt stumm, presst die Lippen aufeinander und senkt ihren Blick, um nicht jenen der Mägde zu begegnen. Insbesondere dem Julfrids, die stumm leidet, wie sie es von ihr gewohnt ist. Ihr eigenes Schicksal hätte dasselbe sein können... Lîfs Gedanken wandern zu Tristan. Er hat ihr dies erspart, indem er sie zu seiner persönlichen Beute erklärte. Fast schämt sie sich in diesem Moment für ihren Stolz, der sie diese Geste nie hat schätzen lassen. "Nein, Mor" spricht sie Esja mit dem Titel an, der ihr von einer Schülerin zusteht, "das möchte ich nicht." Denn er ist gut zu ihr gewesen, besser, als sie hätte erwarten dürfen, gesteht sie sich stumm ein.

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #12 am: 21.08.2017, 18:09:44 »
"Am besten, du legst dich dazu", weist Esja ihre Schülerin an, "dann geht es leichter. Komm, sei nicht so schüchtern, gleich hier bei mir ist Platz. Schal und Jacke hurtig ausgezogen und vergiss die Stiefel nicht." Lîf ist so überfordert von der ganzen Situation, dass sie Esjas Anleitung in all diesen Dingen dankbar befolgt. Als sie dann endlich neben der alten Esja auf der breiten Bettbank liegt, klopft ihr das Herz bis zum Hals. Die alte Frau beugt sich über sie und spricht so leise, dass Lîf die Ohren spitzen muss:

"Schließ die Augen und höre gut zu, was ich dir erkläre, und dann mache es genau, wie ich sage. Als erstes nämlich stellst du dir einen Ort vor, an dem du dich so richtig wohl fühlst, wo du dich nach einem langen Arbeitstag oder einer anstrengenden Reise gerne ausruhen möchtest, weil du dich dort sicher und geborgen und heimelig und leicht im Herzen fühlst. Es ist ein einsamer Ort, nur für dich allein. Niemand außer dir kennt den Weg dahin! Ein Ort, an dem du so richtig aufatmen kannst, wo du frei bist, unbeobachtet, wo keine Last und kein Kummer dich drückt. Und nachdem du dich dort eine Weile lang erholt hast und dich gestärkt fühlst, sieh dich um: irgendwo in der Nähe wirst du eine Öffnung finden, den Eingang zu einem Tunnel, welcher tief in die Erde hinabführt. Die Größe der Öffnung spielt dabei keine Rolle. Es kann das Loch einer Wühlmaus sein oder der Eingang zu einer Höhle, in der Riesen hausen könnten, das ist einerlei. Du wirst nur einen solchen Zugang finden und egal wie groß oder wie klein, er wird genau richtig sein, denn Gaja weiß, wie weit sie sich dir öffnen muss, damit deine Seele Platz in ihr findet.

Denn als nächstes musst du durch diese Öffnung in das Erdreich eindringen. Vielleicht kannst du aufrecht gehen, vielleicht musst du auf allen Vieren krabbeln oder gar auf dem Bauch vorwärts robben. Es wird dunkel um dich herum sein, aber du wirst keine Angst haben. Und dann wirst du Geistern begegnen, Tiergeistern nämlich, und wieder spielt es keine Rolle, wie groß der Gang oder Tunnel ist, in dem du dich befindest. Du könntest ein Mausloch hinabgekrochen sein und trotzdem dem Geist eines Pferdes begegnen, eines Haifisches oder eines Kormorans. Und jeden dieser Geister sollst du, so wie er dir begegnet, ansprechen und fragen: 'Bist du mein Seelenbruder?' oder natürlich, falls es ein weibliches Tier ist: 'Bist du meine Seelenschwester?' Und wenn er es nicht ist, so wird er grußlos weiterziehen. Wenn er sich dir aber auf diese Weise verbunden fühlt, so wird er dich beachten, dir antworten oder ganz aufgeregt tun oder dir auf seine Weise zeigen, dass er so für dich empfindet.

So lange nun aber sollst du suchen und den Mut nicht verlieren: bis du ein Tier gefunden hast, dass deine Frage bejaht; oder bis du einem Robbengeist begegnest und dieser deine Frage entweder bejaht oder verneint; oder bis unser Trommelschlag in der Ferne verklingt. Dann drehe dich ruhig aber prompt um und kehre denselben Weg zurück, den du genommen hast, während unsere Trommeln wieder lauter werden, bis du den Ort vom Anfang wieder erreichst—begleitet, vielleicht, von deinem Seelenbruder oder deiner Seelenschwester. Bist du bereit? Gaja beschütze dich auf deiner Reise."[1]

Während Esjas Rede sind Lîfs Glieder bereits immer schwerer geworden, haben ihre Muskeln und ihre Gedanken gleichermaßen sich gelöst, dass sie fast zu schweben meint oder vielleicht schwimmt sie auch leicht wie ein Blatt auf stiller See. Bevor die alte Frau endet, füllt sich die Hütte schon mit sanft pochendem Trommelschlag, im Rhythmus ihrem Herzschlag gleich, dass sie bald nicht mehr zu sagen weiß, ob es oder er den Takt vorgibt. Schlägt es überhaupt noch aus eigener Kraft oder treibt nur die Trommel es weiter?

Gerade, als Lîf loslassen will, als sie schon spürt, wie sie im Boden versinkt, herrscht über ihr plötzlich helle Aufregung. Stimmen reden durcheinander, es stolpert der Takt, dass auch ihr Herz stolpern muss, und sie gerät in Panik, als sie nämlich aufspringen will und nicht mehr weiß, wo oben ist. Da aber spricht Esja mit ruhiger Stimme: "Ich kümmer' mich darum, trommelt ihr weiter."

Und Lîf sinkt tiefer... tiefer... und ist allein.

~~~

Als Tristan begreift, dass die Frauen dort drüben mit all ihrem Schütteln und Rütteln und kräftig auf den Rücken Klopfen nichts erreichen, springt Tristan auf, setzt über den Tisch hinweg und durchmisst mit langen Schritten die Halle. Reden oder essen sollte man halt, aber nicht beides gleichzeitig! Bis er Inga erreicht, hat endlich eines der Weibsbilder die Sinne wieder beisammen und eilt los, um Hilfe zu holen, doch Tristan befürchtet, dass diese zu spät kommen will, wenn die Heilerin erst noch hierher zurückeilen muss.

Also packt er sich Inga wie einen Sack über die Schulter und nimmt den kürzesten Weg—hinten, durch die Kammer des verdutzten Jarls und zur Hintertür hinaus—bis vor die Priesterhütte. Dort klopft Tristan Sturm und poltert dann hinein, gebeten oder ungebeten, und lädt Inga auf dem Boden vor der alten Esja ab.

"Verschluckt... an der Fischsuppe...", bringt er atemlos hervor.
 1. So, jetzt kannst du dich so richtig austoben mit allem, was Lîf für wichtig hält, was ihre Natur ist, was ihre Persönlichkeit symbolisch umschreibt - und sie später zwecks Selbsterkenntnis wieder zerrupfen kann. Natürlich muss ihre Suche nach einem Tiergefährten erfolglos bleiben, aber vielleicht erkennt sie statt dessen an dieser Stelle ihre besondere Verbundenheit zur Pflanzenwelt? Vielleicht kann sie nach dieser Reise dann, auch wenn die mürrische Halma darin natürlich die Vorarbeit geleistet hat, ihre Holzfaust und/oder den Verstrickenszauber das erste Mal wirken. Die Reise muss dabei nicht ganz so verlaufen, wie Esja das vorzeichnet.

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #13 am: 22.08.2017, 11:03:28 »
Unsicher folgt die junge drudkvinde Esjas Anweisungen. Sie zieht Jacke, Schal und Stiefel aus, legt sich auf den Rücken und starrt an die Decke. Die Hände faltet sie über dem Bauch. Dann hört sie der Alten zu, schließt die Augen und überlässt sich mit einem leisen, aber deutlichen "Ich bin bereit" der Stimme ihrer Lehrmeisterin und dem dumpfen Trommelschlag. Kaum erfasst der kurze Tumult ihren träge dahin gleitenden Geist, und schon bald hat sie die Hütte, die anderen Weiber und die gesamte Insel hinter sich gelassen. Stille herrscht, bis auf das regelmäßige Pochen, von dem sie plötzlich nicht mehr sagen kann, ob es die Trommeln sind oder ob die Instrumente schon verstummten und sie ihrem eigenen Herzschlag lauscht. Es ist dunkel um sie herum, obwohl sie das Gefühl hat, die Augen zu öffnen. Dann, ganz allmählich, beginnen sie sich an die Umgebung zu gewöhnen, schälen sich Umrisse aus einem dämmrigen Halblicht heraus. Bäume! Riesige, uralte Bäume, die ehrwürdig und majestätisch über ihr aufragen, weit oben in der Höhe ihre mächtigen Äste ineinander greifen lassen und ein dunkles, dichtes Dach über Lîf bilden, die sich mit einem Mal winzig und unbedeutend vorkommt.

Staunend wandert sie durch diesen Urwald, saugt den Duft in sich auf, hört aus weiter Ferne die Stimmen von Tieren, durchstreift das Unterholz... Da wird ihr plötzlich bewusst, dass sie sich, wie in einem Traum, ganz mühelos bewegt, obgleich sie doch kaum zehn Schritte weit sehen kann, so dicht ist das Unterholz. Und sie blickt an sich hinab, wird sich zum ersten Mal ihrer selbst bewusst, seit sie in diesen verwunschenen Wald kam. Überrascht bleibt sie stehen, muss sie doch feststellen, dass sie gar nicht läuft – sie scheint zu schweben! Hat sie überhaupt Beine? Ihr Kleid, das Brust und Arme warm und weich umfließt, entfaltet sich darunter nach allen Seiten wie eine Blüte, bildet Falten und scheint in einem Wind zu flattern, den sie selbst nicht spürt. Sie kann nicht sehen, wie sie unterhalb ihrer Hüften aussieht, fühlt auch nicht, ob sie Füße auf den federnden, satten Waldboden setzt oder nicht. Neugierig geworden, erforscht sie sich weiter: Nein, das ist nicht ihr Kleid, das sie da trägt – es ist ein Kinderkleid, wie es kleine Mädchen tragen! Staunend betastet sie sich selbst. Keine Schürze, keine Buckelfibeln, an denen die zierlichen Kettchen mit ihren intimsten Habseligkeiten hängen, dem Knochenkamm, der kleinen Nagelfeile, dem Zahnstocher... keines der Zeichen eines erwachsenen Weibes.

Sie schaut sich suchend um, doch es gibt hier nichts, worin sie sich spiegeln könnte, keinen Teich, kein Metall. Also befühlt sie ihr Gesicht, ihren Kopf, und es wird zur Gewissheit: Sie trägt ihr Kopftuch nach Art der Mädchen und unverheirateten Frauen, die Schleife ist unter dem Kinn geschlungen statt im Nacken. Und auf ihrem Rücken ragt unter dem Tuch ein einzelner, dünner Zopf hervor statt der zwei seitlichen Zöpfe des Weibes. Sie ist ein Kind! Wieder? Sie war doch bereits ein Weib, hatte eines Morgens die blutigen Laken auf ihrem Nachtlager gefunden, ja, sie war doch sogar einem Mann vermählt worden – oder nicht?! "Ist da jemand? Wo bin ich? Wer bin ich..?" ruft sie verwirrt in den dunklen Wald hinein, und ihr Stimmchen klingt dünn und hell. Da plötzlich, vor ihr, ragen zwei alte, knorrige Eichen auf. Fast wie runzlige Greisengesichter wirkt die dicke Borke der riesigen Bäume, und Lîf hält inne, um ehrfürchtig an ihnen hinauf zu blicken. Ein Windstoß, den sie nun doch fühlt, lässt ihr Kleid flattern. Warme Luft, die erdig riecht... und dann sieht sie es: Eine große, kreisrunde Öffnung in der Flanke eines Hügels direkt vor ihr. Links und rechts ist sie umgeben von den dicken Wurzeln der Eichen, die einen natürlichen Torbogen zu bilden scheinen.

Dunkel ist es dort drinnen, dunkel und still, und sie ist nur ein kleines Mädchen, allein und wehrlos. Doch sie empfindet keine Angst, noch nicht einmal Beunruhigung. Im Gegenteil: Aus dem gähnenden Loch scheint ihr Wärme zu strahlen, beim Anblick der Öffnung verspürt die kleine Lîf Vertrauen und Zuneigung. Es ist der Schoß der Großen Mutter, warm, fruchtbar, Geborgenheit bietend all Ihren Kindern... "Mama..!" flüstert das Mädchen, streckt die Ärmchen aus und schwebt voller Vertrauen voran in die Dunkelheit...

~~~

Alle Weiber reden durcheinander, Panik scheint sich unter ihnen auszubreiten. Nun werden auch einige der Mannsleute aufmerksam, schauen auf. Doch Tristan ist der Schnellste: Während eines der Weiber loshastet und sich in der Eile beinahe auf die Rocksäume tritt, hebt er Inga hoch und wirft sie sich über die Schulter. Das junge Weib ist ganz schlaff, nur gelegentliche Krämpfe durchlaufen ihren Körper, als sie würgt, röchelt und nach Luft schnappt. Als er in der Priesterhütte ankommt, ist das Weib schon vor ihm hineingestürzt und hat offenbar atemlos die schlechten Neuigkeiten verkündet, denn die alte Esja kommt ihm bereits entgegengehumpelt. Mit einer kurzen, herrischen Geste nickt sie mehreren Weibern zu, die er undeutlich hinter ihr erkennt – und ist das nicht auch seine Lîf, die dort reglos liegt..? Und ist ihr Kopf nicht umgeben von dünnen Schwaden, die aus einem Tiegel unter ihr aufsteigen? Ein schwerer, würziger, aber irgendwie auch betäubender Geruch liegt in der Luft...

Diese fremdartig, ja, aus einer anderen Welt scheinende Szene entzieht jedoch die alte drudkvinde sehr rasch wieder seinem Blick. Mit ernster Miene scheucht sie ihn und eine von drei sichtlich verschreckten Mägden in ein anderes Gemach, das dunkel und kühl erscheint, weit weniger von stickigen Kräuterdämpfen durchwabert als jenes, in dem sein eigenes Weib liegt. Dort bedeutet sie ihm, Inga auf einen mit Fellen behaglich gepolsterten hölzernen Lehnstuhl zu betten, und kniet sich mit Hilfe der kurzgeschorenen Magd neben die halb Bewusstlose. Brummend untersucht sie sie, hebt ihre Augenlider an, während die Magd, ein ängstlich wirkendes, blasses Wesen, das mit vollem Haar wohl durchaus hübsch wäre, die Hände ringt und Tristan erschrocken ansieht. "Mmmmh... verschluckt also? Fischsuppe?" fragt Esja ihn, ohne aufzusehen. Als er bejaht, nickt sie einige Male, greift nach einem kleinen metallenen Gegenstand, der an einem Kettchen von einer der Buckelfibeln hängt, die ihre Schürze halten, und umfasst mit ihrer hageren Hand Ingas Kinn.

"Den Mund auf, Mädchen!" fordert sie, doch Inga, die offenbar nur schlecht Luft bekommt, windet sich, und die Alte hat keinen Erfolg. "Törichtes Ding – ich will dir doch nur helfen!" knurrt sie. Doch Inga, totenblass und in Panik, gehorcht ihr nicht. Oder gehorchen dem jungen Weib die eigenen Glieder nicht mehr? "Du!" wendet sich Esja plötzlich an die aufschreckende Magd. "Hol die zwei hölzernen Stäbe dort hinten von der Bank." Gehorsam eilt die Magd los. An Tristan gewandt meint Esja: "Ich muss ihren Rachen untersuchen. Sorg mir dafür, dass sie stillhält."[1] Die Magd kehrt zurück, hält ihr mit zitternden Händen die geforderten Holzstäbe – schmal und flach, soweit Tristan erkennt – unter die Nase. "Hier" sagt sie schüchtern. "Gut! Er wird sie ruhig halten, und du sperrst mir damit ihren Mund auf, so dass sie nicht zubeißen kann. Hier, an den Mundwinkeln, setzt du an." Die Alte erteilt ihre Kommandos mit ruhiger Stimme. Nichts scheint sie erschüttern zu können.
 1. Ich würde sagen, wenn Tristan Inga festzuhalten versucht, erfordert das ein Kampfmanöver gegen ihre Verteidigung von 11 (ich nehme mal einen GE-Bonus von +1 an), dessen Ergebnis du gern selbst beschreiben darfst. Wenn er sie dagegen festbinden will, macht sie die Standardprobe auf Entfesselungskunst gegen seinen Kampfmanöverbonus + 20, die ich dann in meinen nächsten Post einbauen würde. Geeignete Lederriemen liegen in dem Raum genug herum.

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #14 am: 23.08.2017, 00:42:42 »
Ein Grabhügel! denkt das Mädchen noch, doch nicht einmal das kann ihr Angst einflößen: sie schwebt hinein und wird von einer Dunkelheit umfangen, die schwärzer ist als jede Nacht. Es riecht nach Pilzen, nach Erde und feuchtem Laub, ein kühler Nebel umschmeichelt ihr erhitztes Gesicht, und ringsherum hebt ein Rascheln und Wispern an, wie um sie willkommen zu heißen. Zunächst hört sie nur hier und da ein Wort heraus, doch dann nähern sich drei der Stimmen, oder vielleicht reden sie auch bloß lauter und deutlicher.

Wer bin ich? höhnt plötzlich ein Weib so dicht an Lîfs Ohr, dass der Hauch eines Atems es streifen müsste, besäße die Stimme nur einen Atem.
WO bin ich? lacht eine zweite etwas weiter weg.
Ist da jemand da jemand da jemand? erklingt verwirrt aus der Ferne ein Ruf.

So naiv! spottet es nun am anderen Ohr, so unbedarft, so nichtsahnend, so schutzbedürftig wie ein kleines Kind. Dafür haben Generationen gekämpft und sich abgemüht, für solch schwächliche Brut?
Nein, nicht schwach, sie sieht es nur nicht ein, protestiert die zweite vom hinteren Ende der Höhle. Du warst genauso in ihrem Alter!
Wer sieht was nicht ein und warum tut sie's nicht tut sie's nicht tut sie's nicht? fragt das dritte Weib in der Ferne.

Sie glaubt, unser aller Mutter müsst' ein Leben lang uns alle schützen, prustet es neben Lîf laut und heiter.
Ja, hat die Mutter sie denn geschützt, als die Räuber kamen? fragt die zweite in gedämpftem Ton. Müsst' ihr das nicht die Augen öffnen?
Wie, die Räuber kamen? echot die dritte leise. Nicht der gehörnte Mann? Ich dacht', sie hätt' ihn gefunden, den ihren... Oder hab' ich's nur geträumt nur geträumt nur geträumt?

Mal von vorn, mal von hinten, mal von links oder rechts, so tönen die Stimmen in der dunklen Höhle, gerade so als würden drei Geister einen lustigen Reigen um das Mädchen tanzen, und immer ist die erste laut und sehr nah, die zweite bedächtig und ein wenig diskreter, die dritte aber, die Greisenstimme, wispert von fern.

Ach, bleib mir mit deinem Gehörnten vom Leib, kreischt die erste ganz nah. Auch der hat sich einfach genommen, was er haben wollte, nicht besser als ein Räuber! Nicht besser als mein Vater, kaum lag die Mutter im Grab!
Jetzt beruhige dich, Tochter, sein Kind hast du geliebt!
So schön wie meiner einst meiner einst meiner einst?

Das soll dem Mädchen ein Trost sein? Sieh sie dir doch an! Bis in die Kindheit flieht sie vor ihrem Ehebett! Und du weißt, was sie schluckt, damit sie nur ja sein Balg nicht tragen muss!
Ja, das ist töricht, schilt da die zweite. Es muss schon ein arger Trotzkopf sein, der sich selber schadet, nur um dem anderen wehzutun.
Sein Balg, oh Große Mutter, es war so schön. Drum ging ich das Jahr darauf wieder zu unserem geheimen Ort und jedes weitere, doch erst im fünften erschien er mir und wir lagen glückselig fünf Nächte beisammen. Und wieder war es ein Mädchen, das ich ihm gebar ihm gebar ihm gebar.

Sei still! keift die erste, obwohl man die Ohren schon sehr spitzen muss, um die Alte überhaupt zu verstehen. Das interessiert hier doch nicht. Geraubt wurde das Mädchen, gegen ihren Willen genommen, und dafür wagt der Kerl ihr gar noch die Schuld zu geben: 'Du bist halt zu jung und zu schön', erklärt er ihr dreist. Und deshalb sage ich: fliehen soll sie von hier! Am besten, sie trennt ihm vorher im Schlaf noch die Kehle durch!
Ach geh, wie soll sie das tun? Und wohin gehen? Und ist's da besser? Und was könnte bei einem Versuch ihr nicht alles zustoßen? Und nicht einmal du hattest den Mut, deinen Gatten zu ermorden! Herrje, was rätst du dem armen Kind da für einen Unsinn! Nein, ausgeschlossen ist sowohl ein Mord als auch die Flucht, nur Kummer und Unglück winkt auf diesem Pfad. Auch soll sie keine Zeit mehr damit vertun, sich dererlei Gespinste zu erträumen. Ich sage, nur ein Weg führt zu ihrem Glück: sie muss sich abfinden mit ihrem Schicksal und das Beste daraus machen. Nur ein Narr legt sich mit dem Schicksal an!
Abfinden? Abfinden? wispert es fern. Nicht an ihm erfreuen? Dem schönen Heim? Dem schmucken Mann, der sie mit Geschenken und lieben Worten überhäuft und dessen nächtliches Drängen sie erbeben lässt? Nicht ihm das Herz öffnen? Nicht seine Kinder gebären, viele schöne Kinder Kinder Kinder?

Du widerst mich an! kreischt es von links.
Mich nicht. So hätte mir mein Leben wohl gefallen. Stellt euch vor: Nicht einmal geschlagen hat er sie bisher und ich hoffe bloß, es fällt ihm nicht noch ein, so wie das Mädchen mit ihm zankt. Ein paarmal bin ich bereits erschrocken und dachte mir: gleich tanzt die Rute oder drischt die Faust, mein Erik hätte längst die eine bei der Hand oder die andere wundgeschlagen! Und du, Tochter, gib' du nur auch auf dein freches Mundwerk acht und red' nicht so mit deiner Ur-und-noch-dreimal-Ur-Großmutter! Sie weiß mehr über klopfende Herzen und Leidenschaft, über die liebende, die lustvolle Hingabe zu einem Mann als all ihre Töchter und deren Töchter seither, nicht zuletzt du und ich!
Ulmentochter, kichert die Alte, So rief mein wilder Geliebter mich. 'Ulmentochter, komm her, ich berste schon fast vor Sehnsucht nach dir. Deine Lippen lass mich kosten, deinen Atem, deine Brüste, den süßen Nektar deines Schoßes, und berühre auch du mich überall ganz ohne Scham. Und eine Bitte hätte ich noch: so, wie die Ulme sich dreimal von deinem Vater begatten ließ und nur das dritte Kind für sich behielt, so lass auch mich ein drittes Mal deinen Schoß befruchten und den Sohn für mich behalten.' Und ein Sohn wurde es und er nahm ihn mir und ich sah nicht den Sohn noch seinen Vater je wieder. Doch meine beiden Töchter nannte ich seither nur noch Ulmentöchter Ulmentöchter Ulmentöchter.

Ulmentochter! spuckt die erste. So nannte der Vater mich, denn die Mutter lag unter der Ulme und er traf mich oft dort an, weinend die Arme um den Stamm geschlungen. 'Ulmentochter hat ein süßes Geheimnis', sagte er, als mein Leib mit seiner Brut anschwoll. 'Ulmentochter braucht rasch einen neuen Pflug für ihren hübschen kleinen Acker', als er mich drei Tage darauf an einen Klotz verscherbelte so grob wie er selbst.
Ulmentochter, säuselt die zweite versonnen. Mich rief die Mutter so. 'Ulmentochter erträgt alles', sprach sie, 'tröstet andere, gibt ihnen Kraft, sie selbst leidet still. Ulmentochter teilt gerecht und sorgt für alle: den Mann, die Kinder, den Gast, das Gesinde. Und setzt das Schicksal ihr auch noch so arg zu, nimmt ihr die Lieben, das Heim, den Schutz ihrer Sippe: Ulmentochter gibt niemals auf. Aus dem Stumpf noch treibt sie wieder aus und schafft neues Leben. Ulmentochter hat heilende Hände.'
Ulmentochter Ulmentochter Ulmentochter.

Ulmentochter, sieht endlich auch die erste ein. Wir sind Ulmentöchter.
Und du, kleine Lîf, bist eine von uns.
Von uns von uns von uns.

So tönt es um die kleine Lîf herum, während sie noch immer in der dunklen Höhle schwebt, tief im Inneren des Grabhügels, im Schoß der Erdmutter.

~~~

"Verflucht, das dumme Stück ist selber ein Fisch: jetzt halt doch mal still. Sigrid, geh weg da, du bist im Weg. So, aber jetzt!" müht Tristan sich, die zappelnde und um sich schlagende Inga in den Griff zu bekommen. Wie kann ein einzelnes Weib ihm nur so viel Ärger machen![1]

Hoffentlich ist's nicht schon zu spät, hoffentlich kann Esja noch helfen! Das tät' ich gerade gebrauchen, dass das dumme Stück uns wegstirbt, gleich nachdem sie Streit mit uns hatte. Was wird das für ein Gerede geben! Die Hälfte der Leute wird sagen: weil Tristans Weib Lîf die Große Mutter beleidigt hat, indem sie ihre Heilkräfte auf ein Tier verschwendete, dafür also musste die arme Inga sterben!

"Ha, so weit kommt es noch!" murmelt er empört. "Was meint eigentlich jeder Hrut und Knut, den Willen Gajas so genau zu kennen? Meine Lîf ist ein gutes Weib und wenn sie auch mir nicht immer gehorcht, so gehorcht sie der Großen Mutter aufs Wort!"

Doch warum liegt sie nebenan so reglos da? Hat sie doch etwas falsch gemacht? Was macht die alte Esja da mit ihr und was soll das Getrommel? Während neben ihm die Magd sich an die Arbeit macht, Ingas Maul aufzuhebeln, verbiegt Tristan sich in der Hoffnung, einen Blick hinüber zu werfen, doch der Durchgang, der die beiden Kammern der Hütte voneinander trennt, ist erstens mit einem Vorhang verdeckt und zweitens drängen sich dort bereits weitere Zuschauer: Gertrud, blass und eine Hand vor den Mund gepresst, Helga, halb hinter der ersten versteckt, und schließlich Egil Svensson, Ingas Mann.
 1. Der erste grapple Versuch misslingt mit einer 7; der zweite gelingt mit einer 17.
« Letzte Änderung: 23.08.2017, 22:24:53 von Tristan »

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