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Autor Thema: Das Disenthing  (Gelesen 22485 mal)

Beschreibung: Kapitel 1

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Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #30 am: 03.09.2017, 10:51:01 »
"Keine Freie!" bestätigt Sigrid lächelnd Lîfs Frage, denn für sie sind diese beiden Dinge gleichbedeutend: kein freies Weib gebettet heißt so viel wie keine Frau gebettet, denn Mägde zählen nicht. Auf die Idee, dass Lîf dies womöglich anders sehen könnte, kommt sie nicht einmal. "Das hätten wir Weiber mitbekommen, denn nach Esjas Ankündigung hatten wir ein besonders achtsames Auge auf ihn. Er schätze eben seine Ruhe, behauptete er frech, wann immer man ihn fragte, warum er sich denn nicht endlich ein Weib nähme, ach, er wisse ja gar nicht, wie die anderen Männer es ertrügen: das ständige Gezänk im Haus, das Geschnatter und Geschwätz! Aber wir haben ihn durchschaut. Ganz furchtbar einsam war er. Bis du kamst."

Wie naiv du bist, gutes Kind! denkt sie sich aber, als sie Lîf nachblickt, wie diese loseilt, ihrem Mann einen Tee zu holen. Noch keine ins Lager geholt, ein Mann von über dreißig? Was denkst du dir, mein liebes Dummchen. Ein halbes Dutzend Bälger hatten Olavs Mägde deinem Tristan schon geworfen, da war er so alt wie du und Olav noch warm in seinem Grab! Olav aber kann der Vater nicht gewesen sein, denn die Mägde waren alles seine Töchter, und so verderbt war der alte Trunkenbold dann doch nicht, dass man ihm zutrauen wollte, die eigene Brut geschwängert zu haben. Nein, das wäre gegen das Gesetz, und gegen das Gesetz verstieß Olav nicht. Aber ach, das wirst du schon selbst noch spitzkriegen, was da läuft zwischen Mann und Mägden, und dich dreinfinden wie jede von uns. Meine Aufgabe ist es nicht, jedem jungen Ding dies schonend beizubringen, da habe ich mit den eigenen Töchtern Not genug!

Und wie sie Lîf mit dem Becher bei ihrem Mann hockend betrachtet, spürt sie wohl auch einen Stich Neid in ihrem Herzen. Mag das Glück der beiden auch noch so flüchtig sein: so glücklich wäre Sigrid in ihrem Leben gern einmal gewesen.

~~~

Mit dem Gedächtnis ist es eine seltsame Sache. Nicht nur ist es sehr subjektiv, wie jeder weiß: dass nämlich zwei Menschen ein und denselben Vorfall auf gänzlich unterschiedliche Weise in Erinnerung behalten, dass zudem der eine sich dies merkt, der andere jenes, und beide behaupten würden: 'Ne, daran kann ich mich nicht erinnern, das ist nicht passiert!', wenngleich es sich doch genauso vor ihren Augen einst abgespielt hat. Nein, da kann außerdem ein Weib liebevoll ihren schlafenden Mann betrachten und dabei an das für sie so schmerzhafte, so erniedrigende erste Mal zurückdenken, da er sie 'bestieg', gar 'pfählte', an ihre Wut danach, ihren blindwütigen Zorn. Und sie mag sich sogar bewusst sein, den genauen Ablauf der Nacht nicht mehr recht im Gedächtnis zu haben, und dennoch will ihr nicht einfallen, wie der Mann auf ihr damaliges Toben tatsächlich reagiert hat. Ja, so ganz verschwommen glaubt sie wohl, dass er geduldig war und sie getröstet hat, dass sie dies zuließ, sich zum Schluss gar schluchzend in seine Arme warf und dort allmählich beruhigte. Aber was dazwischen geschah, unmittelbar nach dem Vollzug seiner Lust, die ihre Qual war, erinnert sie sich daran? Wie erschrocken er war, ihr wehgetan zu haben, wie durcheinander. 'Das wollt' ich aber doch nicht!' hat er gejammert und "Verzeih!' und einige kopflose Dinge, bis er sich schließlich ein wenig fing und ihr zu versichern begann: 'Liebes, wein' nicht, es tut doch bloß das erste Mal weh. Das hat die Große Mutter so eingerichtet, das lässt sich nicht vermeiden. Bitte, du darfst nicht denken, dass es jedes Mal so wäre. Vertrau Gaja, wenn nicht mir! Glaubst du, sie hätte so gar nicht an ihre Töchter gedacht, als sie diese Dinge vorsah? Du bist jetzt ein Weib, kein Kind mehr, und der Übergang muss ein wenig schmerzen, damit seine Bedeutung nicht übersehen wird. Um ein Mann zu werden, glaub mir, ist mindestens ebenso viel Schmerz vonnöten! Wichtig ist, dass wir zusammen sind, Mann und Weib, und du unter meinem Schutz stehst vor dem Gesetz und jedem guten Brauch, und niemand wird es mehr wagen, dich zu schänden, und alles andere, das dir Sorge bereitet, das gehen wir gemeinsam an, das klären wir schon, nun drängt uns ja niemand mehr!' So und auf ähnliche Art sprach er ihr eine geraume Weile Trost zu und vielleicht ist es doch nicht so verwunderlich, dass sie nur die Wirkung seiner Rede, aber nicht den Wortlaut in Erinnerung behielt, denn er sprach dabei über Dinge, von denen er keine Ahnung hatte. Und doch sprach er in reinster Absicht. Der Trost war echt.

Seltsam ist indes, dass auch Tristan sich nicht recht an diese Nacht erinnert, die ihn doch immerhin ans Ziel seiner Träume brachte. Ja, Lîf war hinterher aufgewühlt, soviel weiß er noch. Hat kurz um sich geschlagen, dann ein wenig geschluchzt in seinem Arm, bis er sie beruhigen konnte. Es tut halt doch weh, den Weibern, das erste Mal, da kann man noch so sanft sein, das lässt sich nicht vermeiden. Man kann sie noch so streicheln und küssen und herzen: irgendwann kommt der Moment, da gilt es zuzustoßen. Und er ist auch fest davon überzeugt, dass man als Mann ebensoviel Demütigung und wesentlich mehr Schmerz erleiden muss, bis man als ein solcher anerkannt wird. Würde man also Tristan glauben wollen—und vor allem glaubt er es selbst—war die erste Nacht gar nicht weiter dramatisch. Wesentlich besser in Erinnerung ist ihm überhaupt die zweite Nacht. Die lief nämlich so, wie er sich eigentlich die erste gewünscht hätte. Lîfs Angst vom Vortag? Völlig verschwunden! (Für Angst hielt er es, denn er wie hätte er ahnen sollen, dass es der reine Trotz war, Wut, Bitterkeit, Rachdurst, Widersinn: dass sie sich eben vorgenommen hatte, KEINE Freude zu empfinden, obwohl er ihr doch Freude versprochen hatte—oder weil? Im Ernst: wie hätte er darauf kommen sollen, dass Lîf lieber Schmerz als Freude von ihm erfahren wollte, nur damit sie ihn weiterhin in Ruhe hassen könnte und nur ja keine positive Seite an ihm erkennen müsste, die sie zwänge, ihre Meinung ihm gegenüber zum Besseren zu ändern? Verquere Weiberlogik! Dafür hat er sich so um sie bemüht? Sich so viele quälend lange Wochen zurückgehalten? Ihr erst Gelegenheit gegeben, sich einzufinden, ihn kennenzulernen, Vertrauen zu fassen? Weil er eines um jeden Preis verhindern wollte: dass sie sein Beiliegen als Gewalt empfände!)

Daher ist wohl verständlich, dass sein Gedächtnis die zweite Nacht in größerer Klarheit verwahrt. Fast den ganzen Tag hatten sie in der Halle des Jarls gefeiert, immer mehr Leute aus ganz Hóp kamen hinzu, gratulierten, brachten spontan Geschenke: Brot, einen halben Schinken, Stoffe, abgetragene Kleider, und derlei nützliche Dinge für den Hausstand zu zweit. (Er gab dafür den Met aus.) Auf die Schultern hob man das Brautpaar oder warf sie beide—im Ernst!—in die Luft und fing sie wieder auf mithilfe von Decken und noch immer floss der Met in Strömen. Und sogar Lîf wurde bei all dem immer fröhlicher. Hinzu kam, dass sie sich sehr darüber freute, Esjas Schülerin werden zu dürfen—"Wann fangen wir denn an? Morgen? Übermorgen? Wann darf ich anfangen?" fragte sie mal Esja, mal Tristan, und weil irgendwer ihr immer wieder vom Met nachschenkte, sie dieses Gebräu aber gar nicht gewohnt war, fragte sie gleich darauf noch einmal, weil sie vergessen hatte, die Frage gerade erst gestellt zu haben. Und als Tristan sein junges Weib endlich wieder zuhause hatte und dort Richtung Ehebett steuerte, war sie heiter und gelöst und bewegte sich in hüpfenden Tanzschritten fort und zeigte keinerlei Angst, als er ihr die Kleider vom Leib streifte, legte sich nicht nur willig, sondern glucksend zu Bett, empfing seine Küsse mit geöffneten Lippen, verfolgte sein Erforschen ihres Körpers teils mit Neugier, teils mit Heiterkeit, und ertrug auch den notwendigerweise kraftvolleren Akt ohne jegliche Klage, und alles, was sie hinterher sagte, war "Oh!"

So hat zumindest Tristan die zweite Nacht in Erinnerung und deshalb meint er wohl auch, dass Lîf froh sein könne, einen so liebevollen Mann wie ihn gefunden zu haben. Tatsächlich stellt sich für ihn die Sachlage völlig anders dar als für sie: nicht geraubt hat er seine Lîf, sondern gerettet! So will er die Sache sehen, so muss er sie sehen, so legt er sich deshalb alles zurecht. Und sein Gedächtnis ist ihm dabei ein williger Komplize.[1]

~~~

Noch nicht sehr lange hockt Lîf bei ihrem Tristan, da flattern seine Lider, da öffnen sich endlich, nach einigen Fehlversuchen, seine Augen, dann fällt sein Blick endlich auf sie. Erstaunt blinzelt er darauf, verdutzt wirkt die Miene, den Schlaf meint er sich aus den Augen reiben zu müssen, ehe er ihnen trauen darf, doch darauf scheint er noch immer zu stutzen und sie nicht recht einordnen zu können. Dann runzelt er die Stirn, als geriete sein Grübeln in misstrauische Bahnen, doch auf einmal klärt sich sein Blick, werden seine Züge ganz weich, und seine Augen strahlen.

"Lîf!" begrüßt er sie. "Oh meine Lîf!"

Sie hält ihm den Tee hin, er nimmt ihn ihr ab, stellt ihn aber gleich auf die Bank und setzt sich auf, um sie sofort in den Arm zu ziehen. Außer immer wieder ihren Namen scheint ihm aber nichts einzufallen, das er ihr zu sagen hätte. Dies ändert sich erst, als sie beide einige Zeit später über einer Schüssel Gerstenbrei beisammen sitzen.

"Ich muss zeitig auf der Thingstätte sein, gleich nach der Schüssel hier breche ich auf. Du kannst entweder mit mir kommen, dann wirst du dich da aber eine Zeitlang gedulden müssen, bis es losgeht, oder du schließt dich hier den restlichen Weibern an, ganz wie's dir lieber ist. Wir können ja sowieso nicht beisammen stehen, ich muss ja die meiste Zeit in der Mitte vortragen oder aufmerken, also am besten wäre es wohl, du fändest jetzt schon jemanden, die Gertrud vielleicht. Ach, und die guten Sachen, die brauchen wir heute noch nicht, erst auf dem Opferfest. Aber das hatte ich schon gesagt, nicht wahr? Ich weiß nicht mehr, was ich dir daheim alles schon erklärt habe, was nicht. Es sind Dinge, an die ich selbst gar nicht mehr denken muss, weil ich schon auf so vielen Thingversammlungen war, dass ich gar nicht mehr weiß, was man auf seiner ersten noch nicht wissen kann."

Ein wenig wirr redet Tristan daher; es klingt glückselig.
 1. Sorry, das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen! Er hat doch wirklich alles getan, was man in seiner Situation nur tun konnte, um ihr eine unangenehme Erfahrung zu ersparen!

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #31 am: 03.09.2017, 11:50:32 »
Lîfs Herz erwärmt sich mehr und mehr, während sie ihren friedlich schlummernden Tristan anblickt. Dass Sigrids Worte ganz ausdrücklich nicht die Mägde einschlossen, hat sie – absichtlich? Unbewusst? – überhört. Ein Mannsbild, das treu ist, nur sie liebt, ein Feenblut, ein so schöner Mann mit einer Stimme, bei der es einem kalt über den Rücken läuft, so sehr kann sie einen verzaubern..! Ein-, zweimal schaut sie zu Sigrid zurück, lächelt verlegen, errötend ob der vermeintlichen Schwäche, die sie zeigt, des Nachgebens und des Eingeständnisses, dass sie auch für ihn empfindet, wo sie doch so viele Male laut und trotzig verkündet hat, dass er sie niemals mit ihrem Einverständnis besitzen würde! Doch zu ihrer Erleichterung scheint aus dem Blick des anderen Weibes kein Spott zu sprechen. Nickte ihr Sigrid nicht sogar kaum merklich zu..? Immer wieder legt Lîf eine Hand ganz leicht auf seine Brust, spürte, wie sie sich bei jedem Atemzug leise hebt. Dann wieder streicht sie mit den Fingerkuppen unendlich sachte über seine Lippen. Seltsam, dass ihr heute zum ersten Mal auffällt, wie männlich schön dieser Mund ist – bezaubernde Laute aus einem herrlichen Mund? So muss es wohl sein: Es ist sein Feenerbe, das sie erkennt.

Die Gedanken des Rotschopfs beginnen zu wandern, all die Momente neu zum Leben zu erwecken, in denen sie ihn seufzend beobachtet hat, heimlich, ohne dass er es bemerkte, weil sie sich ihrer Gefühle schämte. Ja,: nun, wo sie es vor sich selbst zugibt, wird es leichter, ihr Herz zu verstehen. Er muss der Mann sein, den sie liebt. Wenn sie nur gewusst hätte, wie sich Liebe anfühlt! Was war sie dumm, naiv... ein kleines Mädchen nur, obwohl ihr Körper schon der eines Weibes war. Liebe – was hatte sie sich darunter vorgestellt? Sie weiß es selbst nicht mehr. Doch jetzt hat sie gelernt, dass Liebe nicht rein und strahlend daherkommen muss, mit dem lauten Ruf an das Herz: 'Sieh her – ich bin die Liebe, und ich nehme dich in Besitz!' Nein, verliebt sein kann auch bedeuten, zu weinen, sich verletzlich zu fühlen – und so manches Mal auch verletzt. Liebe hat, wie alle Gaben der Großen Mutter, zwei Seiten. Und die junge Frau beginnt zu ahnen, dass die schmerzhafte ein Preis ist, der nur recht und billig ist für jene andere, die sie gerade erlebt. Ihre Erinnerungen verschwimmen zusehends zu einem bunten, angenehmen Kaleidoskop von Szenen, in denen sie an seiner Seite Freude empfand, ohne es damals zugeben zu wollen.

Jetzt kommt ihr der eigene Stolz albern vor, kindlich. Sie hat sich selbst und ihm das Glück verweigert, weil sie recht haben, ihren Kopf durchsetzen wollte. Nun aber fühlt sie sich erwachsen. Sie ist Tristans Weib, er ihr Mann, vor den Gesetzen der Inseln schon längst, aber jetzt, hier und heute erst weiß sie auch, was es bedeutet. Und der Gedanke, ihr Leben mit ihm zu verbringen und ihm Kinder zu schenken, hat verloren, was sie ihn bislang hat ablehnen lassen. Da, während sie noch am Sinnieren ist, die Kräuter in dem aufsteigenden Dampf aus dem Becher riecht, schlägt er die Augen auf, und sie beobachtet die Wandlung seiner Miene: erst verschlafen, desorientiert, dann, als er sie erkennt, überrascht, schließlich erstaunt, grüblerisch und ganz am Ende... glücklich. Unwillkürlich lächelt auch sie, als sie ihm den Becher reicht und sanft mahnt: "Vorsicht, er ist heiß – verbrenn dich nicht." Als er sie kurz darauf in die Arme zieht, lässt sie es willig geschehen, kuschelt sich an seine Brust und hört einfach zu, wie er immer wieder ihren Namen wiederholt.

Ihr ist, als erwache sie aus einem schönen, aber verschwommenen Traum, als sie irgendwann realisiert, dass sie beieinander zu Tisch sitzen, wo die anderen Weiber mittlerweile das Frühstück für alle bereitet haben – einen winzigen Moment fühlt sie Scham, weil sie nicht geholfen hat. Doch dann erläutert er ihr noch einmal, wie alles an diesem Tag ablaufen wird, und sie nickt geduldig, murmelt ein ums andere Mal: "Aber ja, sicher" und "Das werde ich tun" oder "Nein, ich werd's nicht vergessen, mach dir keine Sorgen". Endlich, nachdem er mit seiner etwas wirren Rede am Ende angelangt ist, lehnt sie sich noch einmal gegen ihn, unbekümmert, was die anderen denken werden, und sagt bedächtig: "Ich glaube, ich bleibe hier bei den Weibern und helfe beim Aufräumen. Ich habe mich schon vorm Essenmachen gedrückt." Als künftige drudkvinde fühlt sie sich in einer Vorbildposition, und es wäre wohl ein schlechter Dank an die Gemeinschaft, ihre alltäglichen Pflichten nicht zu erfüllen, ausgerechnet von ihr, die man von der Magd, der bloßen Sklavin zum freien Eheweib und nun gar zum Lehrmädchen der Weisen Frau gemacht hat. Auch scheint ihr Tristans Rat, die Gesellschaft der anderen Weiber zu suchen, weise. Und so hat sie ihren Beschluss gefasst, auch wenn es ihr schwerfällt, ihn ziehen zu lassen. "Werden wir zwischendurch auch ein paar Augenblicke für uns haben?" erkundigt sie sich. Zuhause waren die Versammlungen langwierige Angelegenheiten, und wenn die Männer sich über wichtige Dinge berieten, war ihre Runde, wenn auch nicht tabu, so doch ein unüblicher Aufenthaltsort für die Weibsleute, die zumeist abseits in ihrem eigenen Kreis beisammen saßen. Just heute möchte sie aber nicht so lange von ihm getrennt sein.

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #32 am: 04.09.2017, 23:35:03 »
"Mittags wird's eine Stärkung geben, ich will versuchen, ob ich mich währenddessen von den anderen losreißen und kurz zu dir rüberkommen kann, wenn es dir denn so wichtig wäre." So großspurig Tristan diese Worte, der männlichen Zuhörer wegen, auch klingen lässt, wie eben ein Gatte, der seufzend dem Wunsch seines Eheweibes stattgibt, um des Hausfriedens willens, so bittend aber bohrt sein Blick sich in den ihren: Sag ja, Liebes, oh bitte sag, dass es dir wichtig ist!

Doch kaum hat er seine Antwort—für die richtige gibt's einen Kuss, bei der falschen nur einen Händedruck zum Abschied—da muss er auch schon los. Ole ruft nämlich herüber und der schöne Karl ist auch schon marschbereit sowie ein gutes Dutzend weiterer, unter denen Lîf nur Jarl Gisle erkennt, die beiden Drachenführer Sven und Eyvind, dazu Svens Sohn Egil. Tristan schnappt sich Waffengurt, Schild, warme Kleidung und eilt zu ihnen.

Im allgemeinen Durcheinander des Aufbruchs gerät der schöne Karl in Lîfs Nähe und sie zuckt ein wenig zusammen (nicht vor Schreck, es kommt nur so unerwartet), als er plötzlich dicht an ihrem Ohr flüstert: "Du hast den Tristan ja ganz schön am Schürzenzipfel, wie? Besorgst es ihm ordentlich Nacht für Nacht, reitest ihn bis nach Wolkenheim und wieder zurück, dass er unterwegs seinen Verstand verliert? Das machst du gut, Mädel! Ha, was hat der Kerl sich eingebildet, sowas könnt' ihm nie passieren, und manch einen von uns dafür verspottet! Ach, aber jetzt werden wir einmal so richtig Spaß mit ihm haben, was wird er sich anhören müssen. Wären die Ahnen für ihren Humor bekannt, tät ich sagen, sie hätten dich geschickt!" Karl lacht kurz und kehlig, dann verabschiedet er sich von Lîf mit einem "Weiter so!", gefolgt von einem beherzten Klaps auf ihr schönes Hinterteil. Zu diesem Zeitpunkt ist Tristan aber bereits ins Freie getreten—ein Umstand, der den schönen Karl wohl zu dieser Abschiedsgeste ermutigt hat.

Nachdem Karl als letzter des Trupps das Langhaus verlassen hat, tritt dort wieder Ruhe ein. Kurz müssen die Weiber sich orientieren, werfen sie einander Blicke zu, dann machen sie sich an die Arbeit. Aufräumen, Säubern, die letzten Schläfer wecken... Lîf schaut sich um, wem sie zur Hand gehen kann, wem sie sich später anschließen mag.

~~~



Während die fleißigen Hände der Eheweiber sich rühren, brechen nach und nach die restlichen Männer einzeln oder in kleinen Grüppchen zur Thingstätte auf, bis die Frauen unter sich sind. Dann erst machen auch diese sich bereit, ziehen sich warm an und folgen ihren Männern nach. Nur einige Alte bleiben zurück, um den Rübeneintopf für das Mittagsmahl weiter zu rühren.

Die Sonne ist bereits voll aufgegangen, als Lîf mit ihren Begleiterinnen ins Freie tritt, allesamt ordentlich eingepackt in Schals, Handschuhe und dicke Felljacken. Sie umrunden die palisadengezäunten Langhäuser, passieren die Heilerhütte und den daran angeschlossenen Stall, und halten dann auf einen einzelnen Hügel im Nordwesten zu. In der Ferne sind weitere Hügel zu sehen, kahl wie die ganze Landschaft hier (anders als auf Jarlsö!), und dahinter erheben sich drei Berge, von denen die äußeren in gezackten Spitzen enden, den mittleren aber ein breiter, flacher Gipfel krönt, der irgendwie abgebrochen wirkt. Der Berg sieht so aus, als müsste er eigentlich höher sein, als hätte er früher einmal eine Spitze besessen wie seine Nachbarn, doch welch kosmische Gewalt sie ihm abgeschlagen haben sollte, wüsste Lîf nicht zu sagen. Sie schaudert ein wenig bei diesem Gedanken. Wie gut, dass ihr Ziel nicht die fernen Berge, sondern nur der nahe Hügel ist, der geradezu lieblich und sanftmütig dagegen wirkt.

Nicht ein einzelner, sondern bestimmt zwei Dutzend Bautasteine unterschiedlicher Größe sind auf der Hügelkuppe aufgestellt. (Später zählt Lîf 27, das wären für jeden Mond des Jahres zwei und für den Vergessenen Tag einer; oder vielleicht soll es auch drei mal drei mal drei bedeuten? Die Drei ist ihr jetzt schon mehrmals untergekommen als besondere Zahl, neben der fünf, was hat das nur zu bedeuten?) Und dazwischen tummelt sich bereits das Mannsvolk. Feuer brennen in einem engen Kreis um die Steine herum (dreizehn, um genau zu sein—diesmal eindeutig die Monde eines Jahres), daran sich bereits einige Leute wärmen. Als die Weibergruppe sich diesen nähert, hält Lîf Ausschau nach Tristan, erblickt ihn in dem Gewühl aber nicht. Vor der Einfriedung der Thingstätte—in den Boden gerammte Haselruten, teils mit Steinen gestützt—hält sie kurz an, um den Moment zu würdigen: zum ersten Mal wird sie eine solche betreten. Zum ersten Mal nimmt sie ihre Rechte als verheiratetes Weib in Anspruch.

Schnell verteilen die Frauen aus Hóp und Svalbardhus, der zweiten großen Siedlung auf Jarslö, sowie die von den beiden kleineren Inseln Ingla und Seeholm sich auf die 13 Feuer und blicken erwartungsvoll Richtung Steinansammlung, wo sich der Menschenhaufen ebenfalls zu sortieren scheint: ein weiter Ring bildet sich um dreizehn Männer, die sich sieben zu fünfen gegenüber stehen, mit Tristan in der Mitte. Er trägt etwas seltsames auf dem Kopf. Soll das eine Krone sein? Aus Holz ist sie geschnitzt und gelb angemalt und statt Edelsteinen sind billige Schmucksteine angeklebt. Der Pelz um Tristans Schultern dagegen ist edel und gut gearbeitet. In der Hand hält er einen Stab, wie die Könige auf dem Festland ihn einst trugen, vor Jork Kuijts Zeiten, als noch jeder 'Stamm' einen 'König' hatte.

Zwei weitere Männer, die Helme tragen, zerren einen dritten, der als einziger keine Waffen am Gürtel führt, vor Tristan hin. Es ist der Jarl! erkennt Lîf erschrocken. Bevor sie überhaupt so recht begreifen kann, was da los ist, wird bereits laut die Anklage verlesen. Allerlei unglaubliche Dinge soll der Jarl verbrochen haben: feigen Mord, heimlich des Nachts, dazu Diebstahl von Gut und Vieh, aus keinem gerechten Grund, sondern aus reiner Habgier! Eine Frauenstimme ruft hinein (Lîf hat gar nicht bemerkt, dass dort auch ein Weib mit dabei steht), dass er sie in ihrem eigenen Bett geschändet habe, gleich nachdem er ihrem Mann im Schlaf die Kehle aufschlitzte!

Die Sache wird immer seltsamer. Wann soll das denn alles passiert sein? Kann das alles in diesem Winter passiert sein, in Hóp, ohne dass sie etwas davon erfahren hätte? Ohne dass Tristan ihr davon etwas erzählt hätte?

Vorne zwischen den Bautasteinen ruft nun alles durcheinander. Die fünf Männer auf der einen Seite—Ole darunter! Und Egil und Karl!—verteidigen den Jarl, rufen, sie kennten ihn nur als ehrbaren Mann, als tapferen Mann, auf keinen Fall sei er eine Memme, die nachts in Häuser schleicht und Männer im Schlaf ermordet! Die sieben gegenüber aber, Sven Blutaxt darunter und der einäugige Ansgar, verteidigen den Kläger, Eyvind Graumantel, und das Eheweib des Ermordeten, die ein ehrliches Weib sei und eine derartige Klage niemals erfinden könnte, ihren eigenen Ruf dabei aufs Spiel setzend! Und überhaupt hätten der Sohn und die beiden Töchter den frechen Kerl ja noch fortlaufen sehen, nach seiner dreifachen Schandtat. Und so wogt die Aufregung hin und her, während Tristan immer wieder dazwischen ruft und schilt, man verstehe nichts, wenn alles gleichzeitig krakeele, es möchte doch bitte erst der eine, dann der andere reden.

Auf der Suche nach einer Erklärung sieht Lîf sich nach den anderen Weibern um, welche die Szene mit leuchtenden Augen beobachten. Einige nicken aufgeregt und klopfen Zustimmung auf dem eigenen Schenkel, die jüngsten blicken derart gebannt, dass ihnen gar die Münder offenstehen. Lîf ist die einzige, die den Blick überhaupt von der Szene losreißen kann, um die Zuschauer zu betrachten.

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #33 am: 05.09.2017, 15:22:09 »
Auf Tristans Erklärung lächelt Lîf nur und sagt leise, in einem gespielt verschwörerischen, aber durchaus selbstsicheren Ton: "Reiß dich los..." Sie ahnt, dass sein demonstrativer Tonfall für die Zuhörer bestimmt ist, vor denen natürlich er als Mann die Hosen anhaben muss, nimmt es ihm aber nicht übel. Was hätte sie auch davon, ihn in den Augen aller als einen Pantoffelhelden wie der schöne Karl erscheinen zu lassen? Das junge Weib des Skalden genießt lieber den Kuss, den es sich anscheinend mit seinem Wunsch verdient hat – denn dass es ihr ernst und wichtig ist, wird Tristan aus ihrem Blick ebenso so sicher herauslesen können wie sie aus seinem die Aufforderung, es ihm zu zeigen. Leise seufzend sieht sie ihm nach, wie er inmitten der Mannsleute loszieht. Ist das, im Großen wie im Kleinen, nicht allzu oft das Schicksal der Weibsleute? Zurückzubleiben und nur hinterdrein schauen zu können, nicht wissend, was dem Mann begegnen wird, womit er sich herumschlagen muss? Und statt ihm beiseite stehen zu können, muss man sich um den Hof und das Gesinde kümmern, die Kinder, den Herd, die Vorratskammer. Wenn man ein glückliches Weib ist und nicht gar nur eine simple Magd.

Sie ist so in ihre Gedanken versunken, dass es Karl gelingt, sie zu überraschen. Um ihr Zusammenzucken zu überspielen, das ihr peinlich ist, stemmt sie die Fäuste in die Hüften und sieht ihn von oben herab an. "Pah" schnaubt der Rotschopf. "Du sprichst wohl von dir?! Der meine jedenfalls hängt an keinem Schürzenband wie du! Der lässt sich von niemanden was sagen!" Nicht, dass sie damit ihre wahre Meinung kundtun würde: Lîf hält es durchaus für weise, wenn ein Mann auch auf sein Weib hört. Doch da sie weiß, was hier, unter den Inselleuten, zählt, sucht sie ihn instinktiv so darzustellen, dass sie stolz auf ihn sein kann: Der freie, der wilde und kühne Mann, der keinen Herrn über sich anerkennt als die Gesetze der Sippen. Spitz fügt sie hinzu: "Und du lern erst mal in den Sattel kommen, ehe du über die Reitkünste anderer redest – bei dir und deiner Gertrud weiß man gar nicht so recht, wer Ross und wer Reiter ist." Da es für ihn entehrend wäre, die Hand gegen sie zu erheben, ganz abgesehen von Tristans Rache, schaut sie Karl furchtlos in die Augen, ja, sogar mit einem herausfordernden Blitzen. Als er ihr statt einer wütenden Antwort aber die flache Hand auf die Kehrseite klatschen lässt, schnappt sie empört nach Luft. "Wenn dich Tristan sieht..!" faucht sie und wirft verächtlich den Kopf mit der roten Haarpracht zurück.

Als die Weiber schließlich unter sich sind, gesellt sie sich zu Gertrud, um mit ihr die Tische zu säubern, an denen gegessen wurde. Sie versucht einige Male, ihr Gegenüber mit bedenklichen Worten ob ihres Karl aufzustacheln, der ja nun wirklich jedem Weiberrock nachläuft, deutet ihr gar an, wo der unverschämte Kerl seine Finger hatte, erntet aber nur ein nachsichtiges Lächeln. "Ach was – das ist seine Art, dir zu sagen, dass du ein ansehnliches Weibsbild bist, Lîf" meint sie nur und lässt die frustrierte junge Frau mit den Augen rollen. Bei der gutmütigen Gertrud ist wirklich rein gar nichts zu machen: Ihr Karl könnte wohl vor ihren Augen allen erreichbaren Weibern unter die Röcke kriechen, und sie fände noch eine Entschuldigung für ihn! Böse sein kann sie der arglosen, schwerfälligen, aber immer verlässlichen und arbeitsamen Gertrud jedoch auch nicht. So gehen sie gemeinsam los, als die jüngeren Weiber den Männern folgen, eine bei der anderen eingehakt. Als die Hügelkuppe in Sicht kommt, sieht sich Lîf ehrfürchtig um. Immerhin ist hier ein Versammlungsplatz, an dem Recht gesprochen wird, Streitigkeiten Schlichtung erfahren, Schicksale entschieden werden. Und ihr Tristan ist einer der wichtigsten Männer dabei! Dieser Gedanke lässt sie sich stolz recken, auch wenn die unbekannte Atmosphäre, die Ungewissheit, was sie wohl erwartet, sie ein wenig unsicher macht.

Endlich haben alle Weiber ihre Plätze gefunden, und sie kann sich auf die Versammlung konzentrieren. Da: Tristan, in der Mitte! Ihr Tristan! Sie kann sich kaum beherrschen, ihm zuzuwinken. Es scheint, als habe er wirklich eine ganz zentrale Rolle. Das wäre in ihrer Heimat anders, wo ein Skalde das Gedächtnis aller darstellt, den Mahner, den Lehrer und willkommenen Berater, aber nicht den Hüter der Gesetze selbst. Verwundert späht sie nach der seltsamen Kopfbedeckung, die er trägt, verspürt kurz den Drang zum Grinsen, unterdrückt ihn aber verschämt. Was sich die Sitten hier doch von jenen zuhause unterscheiden..! Indes, ansonsten bietet er auch in Lîfs Augen einen sehr imposanten Anblick, und sie lauscht so aufmerksam, wie ihre Nachbarinnen es tun. Der Streit zwischen den beiden Parteien wird rasch lauter, aber ganz entgegen dem ersten Eindruck, nach dem die mahnenden Ordnungsrufe Tristans ungehört zu verhallen scheinen, auch strukturierter. Und schließlich macht er fast den Eindruck eines Schauspiels mit einer abgesprochenen Choreographie, weil immer ein Vertreter einer Seite seine Stimme über das allgemeine Schimpfen, Murren und Drohen erhebt, dann einer der anderen. Obwohl sie offenbar festen Regeln, einem regelrechten Ritual folgen, scheinen sich die Beteiligten aber wirklich zu ereifern, und oberflächlich betrachtet rufen sie nach wie vor alle wild durcheinander. Die junge Frau sieht hochrote Köpfe, geballte Fäuste, die drohend geschüttelt oder beteuernd gegen die eigene Brust geschlagen werden. Es hat fast den Anschein, als seien die Streitenden kurz davor, sich gegenseitig an die Kehle zu gehen! Aber doch scheint niemand beunruhigt. Sie sieht sich unter den Weibern um, in deren Mitte sie hockt, und keine zeigt auch nur die geringste Angst oder Sorge. Vielmehr starren sie alle gebannt auf das Geschehen.

Einige beginnen auch, die hin- und herwogende Lärmkulisse der Widersacher mit einem Raunen und Brummen zu untermalen, das ebenfalls mal lauter, mal leiser wird. Dabei unterstützen offenbar nicht alle dieselbe Partei. Verwirrt sieht sie sich um. Hört denn hier überhaupt niemand auf die Argumente, die vorgebracht werden?! Es scheint ihr vielmehr so, dass der jeweils mitreißendste Redner die meisten Stimmen aus der Zuhörerschaft hinter sich versammelt. Und das ist nach Ansicht der Menschen hier offenbar derjenige, der am lautesten brüllt, am heftigsten mit den Zähnen knirscht, dessen Adern am Hals am deutlichsten hervortreten und der nicht zuletzt die einfallsreichsten Schmähtitel für die andere Partei erfindet. Und sie wundert sich immer mehr, dass nicht wirklich alles in Mord und Totschlag endet. Wenn ihr jemand so wild, vor Wut schäumend entgegenträte, sie würde in Todesangst nach dem nächsten Gegenstand greifen, der sich als Waffe eignet! Ratlos fragt sie Gertrud neben sich: "Ist das normal so? Warum hören sie denn nicht auf Tristan und schreien so?" In Fersland gehen Rechtsstreitigkeiten auch nicht ohne die eine oder andere Beleidigung und einiges Geschrei ab, aber gegen dies hier kennt sie von dort nur das Gesäusel sanft zwitschernder Vögel! Sie muss einmal mehr einsehen, um wie viel wilder und rauer diese Leute sind. "Besser wäre es, ihr würdet das Urteil euren Weibern überlassen... die schreien sich wenigstens nicht die Hälse wund, noch ehe sie wissen, welche Seite Grund hat, sich aufzuregen" murmelt sie leise zu sich selbst. Andererseits... selbst der weibliche Teil der Versammlung scheint sich von der aufgeheizten Stimmung anstecken zu lassen. Ist das alles nun Ernst oder nur ein übliches Spektakel..?

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #34 am: 05.09.2017, 21:43:19 »
Tatsächlich verschluckt der schöne Karl sich fast vor Lachen, als Lîf derartig zotig zurückschießt, und schlußfolgert beglückt: "Oh ja, an der wird der Gute noch seine Freude haben!"

Ihm nachblickend, erinnert sich Lîf, dass unter den ganzen Verhaltensmaßregeln, die Tristan ihr vor der Reise einzuprägen versuchte, sich unter anderem die fand, sie möge mit den anderen Männern auf keinen Fall so reden wie mit Ole oder gar mit ihm, das könne doch schnell ins Auge gehen—nur beim Karl, da bräuchte sie sich nicht so arg vorsehen, der stecke so gut ein, wie er austeilt. Nur auf das rechte Maß solle sie bitte achten. Noch etliche Namen fielen in Tristans Anweisungen, weit mehr, als sie sich merken oder auseinander halten konnte, und vielleicht dachte sie auch ein wenig trotzig: Ich soll aufpassen, was ich sage? Wer sich von meinem Worten beleidigt oder angegriffen fühlen könnte? Ha, so weit kommt's noch! Hätten mich halt nicht rauben sollen, die frechen Kerle, dann bliebe ihnen jetzt mein Mundwerk erspart! Vielleicht wünscht sie sich jetzt, doch ein wenig besser aufgemerkt zu haben...

Und vielleicht weicht bald darauf auch ihre Empörung auf den schönen Karl, als nämlich auf der Thingstätte der Streit immer lauter und wilder wird, dass Lîf Angst bekommt, gleich gingen sich alle an die Kehle, ja, vielleicht nimmt der Name "Karl" doch allmählich einen Klang an, der Sicherheit verspricht: Tristan vorneweg, natürlich, dann Ole, Gertrud... Sigrid vielleicht noch? Und Esja natürlich, trotz des ein wenig angstvollen Respekts, den sie Lîf einflößt. Und vielleicht doch auch der schöne Karl? Leute, bei denen sie halbwegs sie selbst sein darf und ihr nicht gleich jeder Fehler krummgenommen wird...? Der nicht gleich von Tristan Rechenschaft fordert für sein freches junges Weib? Was ist dagegen schon ein Klaps auf den Po?

Gertrud scheint Lîfs Frage zum Tumult nicht zu hören, so gebannt schaut sie den Männern zu.

"Weil die Leute das Spektakel lieben", antwortet Sigrid an ihrer Statt. Sigrid, die eigentlich ihre Tochter Helga begleiten wollte, wurde von dieser schroff abgewiesen—"Ich geh lieber mit meinen Freundinnen!" und weg war das freche Stück. Daher hat sich die ältere Frau, vor den beiden Zeugen beschämt errötend, Lîf und Gertrud angeschlossen, wobei sie gar eine Entschuldigung für die Tochter murmelte. Inzwischen hat sie sich wieder gefangen. "Das war zu Alberichs Zeiten schon so und ist heute nicht anders." Lîfs Vorschlag lässt sie auflachen. "Oh, ach, ich weiß nicht, da haben wir doch auch schon einige, die das können!"

Doch ein weiteres Gespräch wird unmöglich, denn zwischen den Gerichtssteinen ist man offenbar schon bei einem Urteil anlangt.

"Ruhe!" schreit Tristan, und diesmal gehorcht die Menge ihm, und er tritt vor den Beklagten hin. "So will ich denn das Urteil verkünden: Friedlosigkeit verdient diese feige Tat, unablösbare! Drei Tage hast du, Alberich, um von hier zu verschwinden, und wenn dich danach doch noch einer erblicken sollte, der darf dich verstümmeln oder totschlagen, ohne Strafe zu fürchten, und sogar deine Leiche schänden. Jeder aber, der dir dann noch hilft, soll deine Friedlosigkeit teilen! Jeder, der dir auch nur ein Stück Brot reicht, wird dafür büßen. Dein ganzes Hab und Gut wird dir abgesprochen und neu verteilt, die Hälfte an die Witwe, der Rest unter den anderen sechs Familien. Dein Weib aber, dein junges, soll sich von dir lossagen und zu ihrem Vater zurückkehren, und wenn dein Balg, mit dem sie noch schwanger geht, dann geboren wird, darf dieser entscheiden, ob es angenommen oder ausgesetzt wird. Und jetzt geh' mir aus den Augen!"

Und der Jarl zieht tatsächlich ab, aber keinesfalls still. "Ha, jetzt seh ich wohl, wer die ganze Sache eingefädelt hat, und wozu! An mein Hab und Gut wollte die arme Witwe von Anfang an, dem Mann hat sie wohl selbst die Kehle durchschnitten, oder dies hat getan, wer immer sein Aug' auf sie geworfen hat. Friedlosigkeit hätt' der verdient, der einen solch feigen Plan ersann, statt mir mit dem Schwert entgegen zu treten und mich damit zu überwinden, worauf als ehrlicher Sieger er sich alles nehmen hätt' können, was mein! Bah!" Und er spuckt Tristan vor die Füße, bevor er sich abwendet. Ole aber, Karl, Egil und ein dritter—seine fünf Zeugen außer einem—stoßen ähnliche Flüche aus und verkünden: "Wohin er geht, gehen wir auch!" und ziehen mit ihm ab.

Auch der Rest der Ansammlung verläuft sich nun rasch, bis Tristan allein dasteht. Die hölzerne Krone und auch den Stab beiseite legend, wendet er sich an die Zuschauer:

"Obwohl Alberich das falsche Spiel durchschaute, konnte er nichts dagegen tun. Zum Friedlosen hatte König Ingjold vom Stamm der Færsen ihn erklärt und so blieb ihm nichts, als seine Heimat Skörvellir zu verlassen und sein Heil in der Fremde zu suchen. Sein Vater aber, Ole Langbrok, und die beiden Brüder, der gute Flake und der starke Egil, und erst recht Vetter Bjarni, der Freund aus Jugendzeiten: sie alle, statt ihn wie befohlen zu ächten, schlossen sich ihm lieber an auf seiner Wanderschaft. Die Treue zu ihm war's auf der einen Seite und auf der anderen: Was hätte sie auch halten sollen in einem Gebiet, da solch hinterhältiges Spiel gelänge? Denn eins wussten sie gewiss: dass Alberich nichts von dem getan hatte, das ihm angelastet wurde. Und so war jeder Gedanke des Bleibens ihnen unerträglich. Lange irrte man gemeinsam umher, denn der Einfluss der Færsen reichte weit, über Felder, Täler und Berge, über Flüsse und weite Ebenen, stets hatten sie Ingjolds Schergen im Nacken, derweil sich ihnen weitere Friedlose anschlossen, wohl ein gutes Dutzend, denen man gerne glaubte, wenn sie von ähnlichen Schicksalen berichteten. Und so kam man eines Tages ans Meer und war dem Einfluss der Færsen noch immer nicht entronnen. Einen Winter gelang es ihnen wohl, sich zu verstecken, und in dieser Zeit bauten sie unter Bjarnis Anleitung ein Boot. Mit diesem stachen sie, sobald die Winterstürme nachließen, in See. Zunächst fuhren sie nach Norden und nach Süden, doch fanden sie kein Land, da die Häuptlinge nicht Ingjold Gefolgschaft schuldeten und die Mär von Alberichs Schandtaten nicht schon verbreitet worden wäre. Und so beschlossen sie eines Tages, nach Osten zu segeln. Und gelangten, nach langer Irrfahrt, endlich an ein großes Eiland, auf dem nur ein paar Fischer lebten, die sich leicht beherrschen ließen, und dort fanden Alberich und seine Männer endlich ein neues Zuhause."

An dieser Stelle unterbricht Tristan sich, während die Männer Szenen der Landnahme nachstellten, wie sie etwa den Widerstand der Bevölkerung niederschlugen, wie diese sich darauf Alberich unterwarf und ihm Gefolgschaft schwor und bald darauf genauso treu ergeben war wie die alte Schar; wie man weitere Fahrten unternahm und noch viele kleinere Inseln weiter im Osten entdeckte. Doch das Auskommen auf den Inseln war karg. Auch gab es nur wenige Frauen, über die bald ein großer Streit ausbrach.

"So kann es nicht weitergehen!" verkündet Jarl Gisle energisch. "Die armen Mädchen schleichen ja schon auf krummen Beinen daher, so wund sind sie geritten, weil auf eine jede sechs Männer kommen. Das ist für niemanden gut!" Und er fährt fort: Da er inzwischen eine solch stattliche Anzahl Kämpfer um sich geschart habe und Vetter Bjarni, bekannter inzwischen unter dem Beinamen 'der Drachensänger', ihm noch ein Dutzend Schiffe gebaut habe, ein jedes besser als das vorige—schnell wie Falken seien sie, so etwas kenne in der alten Heimat niemand—zumal die Überraschung auf ihrer Seite wäre: kurzum, der Tag, auf den sie alle gewartet hätten, sei endlich gekommen.

"Der Tag", ruft "Alberich" seinen jubelnden Mannen zu, "an dem wir uns zurückholen, was uns gestohlen wurde und das Zehnfache dazu für die erlittene Schmach! Das Zwanzigfache, für die Feigheit, die Heimlichkeit, die Hinterlist! Das Dreißigfache dafür, dass man mir sogar Frau und Kind nahm! Und außerdem will ich nicht eher rasten, bis Ingjolds Kopf auf meiner Speerspitze steckt!"

Und so stachen Alberich und seinen Mannen bald darauf mit ihren Schiffen abermals in See, wandten sich diesmal aber in Richtung Westen, auf die erste Raubfahrt der Rûngarder Seeräuber an Ferslands Küsten—wie Lîf sehr wohl mit Schaudern erkennt und in diesem Augenblick dennoch nicht verdammen kann, denn so lebendig, so überzeugend ist das Spiel der Männer und Tristans Erzählung gewesen, dass die Fahrt, zumindest diese erste, ihr als überfällig und gerecht erscheint.

An "Land" angekommen verteilt "Alberich" gleich Befehle, auf was seine Männer alles achten sollen, wie vorgehen, was rauben. Vieh und Kornsäcke und Schmuckkästschen und vor allem: "Weibsbilder!"

Und auf diesen Schlachtruf hin stürmen "Alberichs Männer" plötzlich in alle Richtungen los, nämlich auf die Weiber an den Feuern zu, welche aufkreischen und wie in wilder Panik zu fliehen versuchen, doch schon werden die ersten geschnappt und über Schultern geworfen und, so sehr sie sich auch winden und schlagen und strampeln, zurück zu den "Schiffen" getragen. Auch auf Lîfs Gruppe laufen ein Dutzend Männer zu, vorneweg "Alberich" selbst (Jarl Gisle), seine treuen Brüder Egil (Ingas Egil) und Flake (Thorstein oder Thorleik oder irgendwas mit Thor, Lîf kommt nicht drauf) und auch Vetter Bjarni (der schöne Karl)—doch Tristan ist nicht unter ihnen. (Ansgar auch nicht oder Sven oder Eyvind: die spielen ja alle auf færsischer Seite.)

Einen Augenblick steht Lîf wie erstarrt da, dann packt Gertrud sie lachend am Arm und sagt: "Komm, ein wenig sollen sie uns schon jagen müssen!" und läuft kreischend davon, Lîf mitzerrend, so diese sich nicht völlig ziert.[1]
 1. Von wem der vier Genannten willst du dich fangen lassen? Bei einem gelungen GE-Wurf (Acrobatics) vs. 10 darfst du dir aussuchen, wem du vor die Füße stolperst, sonst entscheiden das die Herren und der Zufall unter sich.

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #35 am: 06.09.2017, 11:15:27 »
Obwohl sie sich wieder an die Mahnungen ihres Mannes erinnert, schaut Lîf dem unverschämten Karl mehr wütend als schuldbewusst nach. Tristan hat gut reden: Soll sie vielleicht nichts dazu sagen oder gar lächeln, wenn dieser schamlose Schürzenjäger ihr Hinterteil tätschelt, als gehörte es in sein Bett?! Wäre sie nicht zu stolz dazu, sie wäre versucht, Tristan von diesem Übergriff zu erzählen, damit er Karl in seine Schranken verweist. Nach echter Weiberart angefangen, wäre dies sicherlich nicht weiter schwer: Sie müsste es ihm nur geschickt andeuten, sich zieren, als sei es ihr unendlich peinlich und nur durch eine Unbedachtsamkeit überhaupt herausgerutscht, sich von ihm bitten oder gar befehlen lassen, ihm alles zu erzählen, dabei ein wenig übertreiben, andeuten, wie erniedrigend Karls Unverschämtheit für ein Weib und... nun, doch in gewissem Sinne ja auch für deren fast schon gehörnten Mann wäre... Ja, Lîf würde sich zutrauen, das zu erreichen: vorsichtig, stets so tuend, als sei alles gar nicht ihre Idee, der Stärke des Mannes schmeichelnd... Aber sie ist nun mal kein Weib wie alle anderen. Lieber würde sie sich die Zunge abbeißen, als zuzugeben, wie sie sich den lüsternen Mannsleuten ausgeliefert fühlt, wenn sie allein ist! Trotzig verschränkt sie die Arme und schwört sich, dass sie einen Weg finden wird, allen zudringlichen Kerlen die schlüpfrigen Witze und Handgreiflichkeiten zu verleiden, auch ohne Hilfe! Und ohne den Ärger heraufzubeschwören, den zu vermeiden Tristan dir auftrug..! sagt eine leise Stimme in ihrem Hinterkopf.

Diese Stimme, auf die sie selten hört, wenn sie erregt ist, nagt nun jedoch weiter an ihrer Entschlossenheit. Auch Gertruds Worte, so sehr sich das sanftmütige, mollige Weib in seinem Charakter auch von Lîf unterscheidet, bleiben nicht ganz ohne Wirkung. Letztlich sind die Männer von den Inseln tatsächlich raue Gesellen, die gewohnt sind, auch ihre Weiber nicht gerade sanft anzupacken. Ein Kompliment für ihre Schönheit..? Die junge Frau kann sich nicht ganz dagegen wehren, dass das auch ein wenig schmeichelhaft ist. Und Karl, bei aller Unverschämtheit, hat seinen Beinamen "Der Schöne" nicht ganz ohne Grund, auch das lässt sich nicht leugnen... Sie selbst ist ein junges Weib, das in sich die Kraft der Jugend und des Lebens spürt, und dass Männer und Weiber einander begehren, ist von der Großen Mutter selbst so eingerichtet. Grummelnd schränkt sie schließlich ihr Vorhaben dahingehend ein, dass sie ihn in Zukunft zumindest nicht mehr ermutigen wird, sie so zudringlich zu tätscheln. Ja, sie wird es mit Vernunft angehen, auch wenn der heißblütigen Lîf das schwerfallen wird! Sie wird Karls Anzüglichkeiten künftig einfach ignorieren, mit einem überlegenen Lächeln, ihm damit klarmachen, dass sie seine eigenartigen Komplimente anerkennt, aber immer treu zu Tristan stehen wird. Eine gute Lösung, mit der sie recht zufrieden ist – die Tatsache, dass sie ihren Hitzkopf nicht immer so schön unter Kontrolle hat, wie sie es sich gerade ausmalt, lässt sie dabei großzügig unter den Tisch fallen. Es wird sich schon alles finden, mit Hilfe der Göttin.

Sie wendet ihre Aufmerksamkeit wieder dem seltsamen, aber irgendwie mitreißenden Spektakel zu und versucht dabei Sigrids Erklärungen zu lauschen. Das hagere Weib tat Lîf sehr leid, als es von der eigenen Tochter so respektlos behandelt wurde, darum hat sie Sigrid demonstrativ mit Gertrud in die Mitte genommen, als sie hierher gingen. Nun nickt sie nachdenklich zu den Worten der Älteren, die sich offenbar auskennt. "Ach so ist das..." murmelt sie. Dann lauschen alle Tristans Worten, und mit stolzgeschwellter Brust blickt sie sich in den Reihen um: Ja, alle sind gebannt von seiner Zauberstimme, hören ihm scheinbar atemlos zu, obwohl sie die Geschichte gewiss bereits in- und auswendig kennen, im Gegensatz zu ihr. Sie selbst kann sich dem Zauber auch nicht mehr länger entziehen, zieht die Beine an und umschlingt die Knie mit den Armen, während sie sich seiner spannenden Erzählung hingibt. So also war es... ist die Geschichte wahr? Erfunden? In Teilen wahr und ausgeschmückt? Auf jeden Fall gibt sie eine Erklärung dafür, wie die Menschen hier wurden, was sie sind, warum sich ihre Sitten so von jenen auf dem Festland unterscheiden und wie sie sich selbst sehen. Und falls die Geschichte wirklich einen wahren Kern hat, kann Lîf nicht abstreiten, dass sie langsam ein gewisses Verständnis für sie bekommt. Ja, als "Alberich" seine Mannen zum Aufbruch sammelt, ertappt sie sich dabei, in das anfeuernde Jubeln der anderen Weiber einzufallen, als sei sie selbst eine Tochter der Inseln. Ganz perplex verstummt sie, als die Männer plötzlich allen Ernstes auf die Zuschauerinnen zulaufen, sich die ersten gar wie Mehlsäcke über die Schultern werfen. "Was tun sie denn da?!" fragt sie Sigrid und Gertrud verwirrt. Erst als die mollige Gertrud sie am Arm zieht, beginnt sie zu begreifen: Sie spielen es tatsächlich nach..!

Erst schüttelt sie ungläubig den Kopf, doch dann sieht sie alle übrigen Weiber kreischend und jammernd "flüchten", Gertrud sucht sie lachend mitzuziehen, sogar die sonst so ernste Sigrid spielt mit – und Lîf grinst übermütig. Die Anspannung, die heilige Stimmung des Ortes und des Anlasses, derer man sich würdig zu erweisen hat, fallen von ihr ab. Die Menschen hier, so rau sie auch sind, scheinen sich ein Stück kindlicher Unschuld bewahrt zu haben, wie sie so ganz und gar in ihrem spielerischen Nachempfinden der Geschichte aufgehen können. Und das junge Weib Tristans lässt sich anstecken: Mit den Armen wild herumfuchtelnd fängt auch sie an, kreischend davonzulaufen, um Hilfe zu rufen und wilde Haken zu schlagen, um den eifrigen Verfolgern zu entgehen. Hinter der schlanken, zierlich gebauten Lîf bleibt die füllige Gertrud bald japsend zurück und landet über der Schulter eines Mannes, der unter der Last seiner Beute heftig wankt, sich aber nicht davon abhalten lässt, das strampelnde Weib davonzuschleppen. Lîf, lachend, keuchend, mit gerötetem Gesicht, fühlt sich wie ein kleines Mädchen und beginnt das Spiel zu genießen. Leichtfüßig, das Kleid gerafft, jagt sie vor den Männern her, die den durch ihre Kleidung arg verlangsamten Frauen absichtlich nicht im vollen Tempo nachhetzen und ebenso ihren Spaß zu haben scheinen. Geschrei und Gelächter rundum...

Da fällt ihr Blick auf den Jarl, und in einem Anfall von Übermut beschließt sie: Wenn einer sie rauben soll, dann nur "Alberich" persönlich! Kreischend bricht sie zu der Seite aus, an der er läuft, täuscht ein Straucheln vor und wird langsamer. In fröhlicher Erwartung ihrer "Gefangennahme" blickt sie sich keuchend über die Schulter um – ihr Herz pocht mittlerweile ziemlich heftig von dem Lauf, und sie ist mehr als bereit, sich den Rückweg tragen zu lassen. Scheinbar bleibt ihr Fuß an einem Stein hängen, und sie lässt sich vornüber fallen[1]. Der Aufprall im weichen Gras ist zwar nicht schmerzhaft, treibt ihr aber die ohnehin knappe Luft aus den Lungen. Japsend und benommen liegt sie am Boden, bis sie endlich wieder bei Atem ist und sich erwartungsvoll umschaut: Wo sind die Männer jetzt?
 1. Akrobatikwurf ganz knapp mit einer 11 geschafft
« Letzte Änderung: 06.09.2017, 12:01:14 von Lîf »

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #36 am: 07.09.2017, 00:14:43 »
Die Frage hat Lîf sich kaum gestellt, da ist "Alberich" auch schon heran und reißt sie erst auf die Beine, dann hebt er sie vom Boden auf wie den bereits erwähnten Mehlsack, doch anders als ein Mehlsack jauchzt Lîf dabei vor lauter Übermut. Ha, ihr Plan ist aufgegangen! Und schon geht's im wilden Laufschritt wieder auf den Hügel zu. Dabei richtet Lîf ihr ganzes Bestreben darauf, sich nicht wie ein Mehlsack hängen zu lassen. Es soll sie bloß niemand mit einem Mehlsack verwechseln! Also spannt sie alle Muskeln an und stützt sich mit den Armen auf Gisles breitem Rücken ab und tatsächlich gelingt es ihr, mit der majestätischen Würde einer Galeonsfigur durch die Landschaft getragen zu werden, mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass sie in die falsche Richtung blickt. (Allerdings lässt ihre unkooperativ aufrechte Haltung Gisle keine andere Wahl, als ihr mit einer Hand kräftig unters Hinterteil zu packen und sie dort zu stützen, denn sonst würde sie ja an ihm herabrutschen.)

Ihre Ankunft bei den "Schiffen" wird mit tosendem Beifall gewürdigt und der Jarl wirbelt sie einmal im Kreis herum und verkündet laut: "Seht her, dies soll meine dritte Frau werden, denn für die dritte Insel fehlt mir noch eine!" Worauf abermals Jubel an den beiden aufbrandet, bevor Gisle seines Skalden Weib wohlbehalten neben sich auf den Boden stellt und dafür ihren Arm in die Luft reißt und sich abermals mit ihr zusammen feiern lässt.

Doch dann springen hinter fünf, nein sechs, nein acht Bautasteinen Gegner hervor, Tristan allen voran, wieder mit der hölzernen Krone auf dem Kopf, aber jetzt mit Schild gewappnet und dazu sein Schwert schwingend. Sofort haben auch Alberich und seine Mannen die Waffen zur Hand, und die beiden Seiten treffen mit fürchterlichem Geschrei und Getöse aufeinander. Die Weiber weichen verängstigt zurück—Gertrud und Sigrid klammern sich schluchzend aneinander und ziehen auch Lîf ein Stückchen fort von dem wilden Stechen und Hauen. Etliche Frauen, besonders die jüngeren, nutzen die Gunst der Stunde und versuchen abermals zu fliehen, aber Lîf hat nur Augen für Tristan. Hoffentlich verletzt er sich nicht! Wie wild die beiden, der Jarl und er, "Alberich" und "Ingjold" aufeinander einhacken. Autsch, den Schild voll ins Gesicht, das muss doch wehtun! Und muss der Jarl wirklich mit voller Kraft ausholen, wenn das nur ein Spiel sein soll? Tock!—da trifft der Jarl mal wieder mit voller Kraft Tristans Schild, klatsch!—da erwischt Tristan den Jarl am linken Handgelenk (welcher darauf seinen Schild fallen lässt und die Hand im Ärmel versteckt und nur mit der Rechten weiterkämpft). Ingjold lacht schon triumphierend, doch halt! Jetzt hat Gisle ihn von hinten in den Kniekehlen erwischt, dass Tristan auf den Knieen landet. Und da holt der Jarl auch schon mit dem Schwert aus und zielt auf Tristans Hals... Zisch! schneidet die Klinge durch die Luft und die Krone fliegt fünf Schritt weit durch die Luft und landet im Schnee, im blutbespritzen Schnee! Und der Jarl hat plötzlich einen Speer in der Hand, den ihm jemand angereicht hat, und er eilt der Krone hinterher und rammt die Speerspitze da irgendwo hinein und hebt den Speer und hält ihn hoch, darauf steckt Ingjolds Kopf mitsamt der Krone...

Entweicht Lîf ein Schreckenslaut oder bleibt er ihr in der Kehle stecken? Erkennt sie rechtzeitig, dass es nicht der Kopf ihres Gatten ist, der dort unter der Krone auf der Speerspitze steckt? Es ist nämlich bloß, sie muss ein paarmal blinzeln—ja, tatsächlich, sie sieht recht—eine besonders dicke Rübe. Tristan aber liegt noch dort, wo er zu Boden gegangen ist, mitsamt seines Kopfes. Er zwinkert ihr kurz zu, dann stellt er sich wieder tot. Darauf werden die versprengten Weiber ein zweites Mal eingefangen, in die "Schiffe" verladen, und die ganze Gesellschaft sticht in See.

Als man die Inseln erreicht, darf auch Tristan sich wieder erheben und den Rest der Geschichte erzählen. Lîf erfährt, dass sie "Thordis" heißt und tatsächlich Alberichs dritte Frau wurde (und im Herzen seine liebste, so behauptet zumindest der Erzähler.) Die Hochzeit wird ausgespielt, das Paar bejubelt, wieder und wieder, doch am eifrigsten, als es sich in eindeutiger Absicht zurückzieht—Gaja sei Dank nur hinter den nächsten Bautastein, wo "Alberich" seiner "Thordis" auf die Schultern klopft und anmerkt: "Brav gespielt!" Dann legt er aber sofort einen Finger auf die Lippen, um anzuzeigen, dass er und sie jetzt still sein müssen. Eine Weile lang haben die beiden nämlich nichts weiter zu tun, als dort hinter dem Stein außer Sicht zu bleiben, während Tristan den Zuschauern so detailreich von der Hochzeitsnacht erzählt, dass er den versammelten Männer damit manch einen brünstigen Laut entlockt und hier und da ein Weib in entzücktem Schauer aufseufzt. Nun ja, beim Disenfest dreht sich alles um die Fruchtbarkeit—der Erde wie der Weiber. So viel hat Tristan seiner Lîf vorher erklärt (und wusste sie auch von daheim, selbst wenn sie dort noch nie hat teilnehmen dürfen).

"Drei Söhne und vier Töchter gebar Thordis ihrem Alberich"—bei diesem Stichwort dürfen die beiden wieder hervortreten, was ausgiebig bejubelt wird—"und herrschte, wenn der Gatte auf einer der anderen Inseln weilte, mit großer Klugheit und zu aller Zufriedenheit über Seeholm. Unn, sein Weib auf Albion, gebar ihm fünf Söhne und eine Tochter, Aud, auf Ingla, je zwei von beidem. Und auch sein erstes Weib, Hallgerd, holte er einige Jahre später nach, nebst des gemeinsamen Erstgeborenen, den sie zu einem anständigen jungen Mann erzogen hatte. Ihnen richtete Alberich ein Heim auf Jarlsö ein, wo Hallgerd ihm noch zwei Söhne und eine Tochter gebar. Enkelkinder aber hatte er so viele, dass man sie gar nicht mehr aufzählen könnte."

Es folgt eine Aufzählung der Kinder seiner Brüder und seines Vetters und sogar der Vater, Ole Langbrok, hatte noch vier Kinder mit einem jungen Weib. Diese Aufzählung wird Lîf aber schnell langweilig. Ihr ist natürlich klar, warum es für die anderen wichtig ist: offenbar verfolgt jeder zweite hier seinen Stammbaum auf Alberich, die Brüder, den Vater oder den Vetter—oder, wenn man den Zwischenrufen glauben will, dann ist wohl jeder hier ein Nachfahre von einem der Fünf.

Dann ist die Geschichte am Ende und die Menge jubelt und lacht und beklatscht den Erzähler, die Akteure und sich selbst. Dann ziehen sich all die geraubten Weiber nach und nach zu den Feuern zurück. Tristan steht nicht weit von Lîf, mit Ole, Sven Blutaxt und dem Jarl im Gespräch vertieft. Die Augen der Männer leuchten noch von der Aufregung, es wird gelacht und auf Schultern geklopft. Gertrud winkt Lîf zu, sie solle sich ihr doch wieder anschließen.

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #37 am: 07.09.2017, 17:35:34 »
Fasziniert erlebt Lîf das ganze Schauspiel mit, nunmehr selbst eine zentrale Rolle einnehmend, ohne dass sie das vorausahnen konnte oder gar geplant hätte. Dennoch macht ihr alles großen Spaß: Sie vergisst ihre Vorbehalte gegen die Gemeinschaft auf den Inseln, die ihr noch immer fremdartig erscheint, und wird vorübergehend wieder zum Kind. Sie lacht, schreit und jammert gemeinsam mit den anderen Weibern, versucht ihre leicht verständliche Rolle so gut zu spielen, wie es ihr möglich ist, und so vergeht die Zeit plötzlich wie im Fluge! Nur als es zum Kampf zwischen den Mannsleuten kommt, ist ihr doch wieder bange um Tristan. Bei der Szene, in der sie für einen Moment glaubt, der Jarl habe ihren Mann tatsächlich geköpft, wankt sie benommen – alles Blut scheint aus ihrem Kopf gewichen zu sein, und die Welt, eben noch so bunt und schön und spannend, beginnt sich um sie zu drehen. Da erst begreift sie, dass auch das nur ein Spiel war – ein reichlich direktes und brutales für ihren Geschmack – und beruhigt sich langsam wieder. Immerhin scheint niemand bemerkt zu haben, wie sie totenblass wurde und fast stürzte, so stark war der Schreck, der ihr in die Glieder fuhr. Allenfalls mag es vielleicht Tristan gesehen habe, der am Boden liegend kurz zu ihr hoch zwinkerte...[1]

Ein wenig benommen liegt sie in des Jarls Armen, der sie ein zweites Mal davonschleppt und die junge Frau diesmal insofern kooperativer findet, als sie nicht mehr in der Stimmung ist, sich keck in die Höhe zu recken. Ganz allmählich gewinnt sie jedoch ihre Fassung wieder, während Tristan den Rest der Geschichte erzählt, von Alberich, seinen Weibern und deren unzähligen Nachkommen berichtet. An der spielerischen Darstellung der Hochzeit und der Brautnacht hat sie schon wieder Gefallen gefunden und kichert irgendwo zwischen Verlegenheit und Wagemut angesichts ihrer fiktiven "Erlebnisse". Sie fühlt sich an ihr Beisammensein mit Tristan erinnert, und nun, im Rückblick, wollen ihr seltsamerweise eher die schönen Momente als die einfallen, derer sie sich im Zorn erinnerte. Sie hat ja nicht gewusst, dass diese brachiale Version des üblichen Weiberraubs hier eine so tiefe Bedeutung und so lang zurückreichende Wurzeln hat! Bislang hatte sie es als bloße Gier angesehen, dass die Männer von hier auf dem Festland Weiber wie Vieh und Güter rauben, ohne jegliche Motivation außer der des Besitzenwollens, wie simple Räuber und Diebe. Während sie beim Jarl hinter dem Stein kauert und Tristan lauscht, beginnt sie aber zu verstehen, was man hier mit alledem verbindet: Den Fortbestand der Gemeinschaft, die Vergeltung für begangenes Unrecht und, vielleicht, auch so etwas wie eine sehr wilde, raue Vorstellung von Romantik.

Zu gern würde sie während des Vortrags ihren Tristan sehen, doch sie muss in ihrem Versteck bleiben, wie ihr "Entführer" ihr bedeutet. So ist sie darauf beschränkt, seiner Stimme zuzuhören, die sich, scheinbar körperlos, umso tiefer in ihr Gemüt drängt. Feenblut, Feenstimme, Zauberstimme... es hat wahrhaftig etwas bannendes, wie er erzählt. Als alles vorüber ist und sich die Versammlung wieder in viele kleine Grüppchen auflöst, zieht es sie machtvoll zu ihrem Mann. Doch sie merkt wohl, dass sich Weiber und Männer momentan an getrennte Feuer setzen, und so folgt sie Gertruds Wink zu einem der Feuer, die etwas abseits liegen. Dort unterhalten sich einige Weiber angeregt über die Darbietung, machen mitunter recht derbe Scherze. Gerade als sie sich dazusetzt, bekommt sie mit, wie eine lacht: "Habt ihr gesehen, wie er sich zielsicher Gundis geschnappt hat? Den hat's in den Fingern gejuckt, das schwör' ich euch bei der Großen Mutter!" Dazu ahmt sie ein gieriges Zupacken mit beiden Armen nach. "Ach, red keinen Unsinn! Der ist ja froh, wenn er's seinem eignen Weib noch besorgen kann, der alte graue Wolf! Wie lange hat sie schon kein Balg mehr gehabt, hm? Ich sage euch, die würd' ihn mit der Pfanne durchs Dorf jagen, wenn er 'ne andre reitet, und bei ihr kommt er nicht mal mehr in den Sattel!" Kreischendes Gelächter, und Lîf fragt sich errötend, wie diese Leute dermaßen zotig sein können, wenn sie sich andererseits eine fast kindliche Frömmigkeit bei ihren Riten bewahrt haben.

~~~

Bei den Männern tritt der Jarl auf Tristan zu, schlägt ihm krachend auf die Schultern und dröhnt: "So gut wie du erzählt keiner die Geschichte, seit der krumme Torben bei der Fahrt gegen Bächlands Küste mit einem Speer im Wanst die Große Reise antreten musste!" Einige Männer nicken und rufen: "Das wohl! Hört, hört!" Ja, der krumme Torben, ein Mann, der schon alt war, als Jarl Gisle noch jung war. Ein Buckliger, ein wahrhaft hässlicher Mann, der jedoch ein großer, verehrter, ja, womöglich einer der größten Skalden überhaupt war, von denen er je hörte! Trotz seines verwachsenen Körpers soll der Bucklige ein gefürchteter Kämpfer gewesen sein, mit gewaltigen Kräften, unbändig im Kampf, gelegentlich einem Blutrausch erliegend, in dem er Freund nicht von Feind unterscheiden konnte und jedem den Tod brachte – einer der gefürchteten Berserkir, wie man sagt: Männer, die in sich die Kraft und Wut eines gereizten Bären vereinen, die rasend und taub gegen jeden Schmerz alles um sich herum niedermetzeln, wenn die Rote Wut sie packt, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrechen. Ein solcher Mann soll der krumme Torben gewesen sein, aber auch, wann immer seine Sinne nicht vom Blutrausch getrübt waren, ein listiger Berater, ein wagemutiger Seemann und ein mitreißender Sänger. Der krumme Torben, er ist bereits jetzt eine halbe Legende. Mit ihm auch nur annähernd verglichen zu werden, kann einem Mann schon zu Kopf steigen. Und so lachen die anderen auch mit ihm, füllen ihm das Methorn, heißen ihn immer wieder auszutrinken und mit ihnen erneut anzustoßen auf die wahrhaft denkwürdige Saga, die er vorgetragen hat.
 1. ...und dem daher von Rechts wegen eine Wahrnehmungsprobe gegen eine Schwierigkeit gegen, sagen wir 12, zusteht – wenn er möchte, mit seinem +2 "Mein eigen Weib"-Bonus ;-)
« Letzte Änderung: 08.09.2017, 13:17:17 von Lîf »

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #38 am: 08.09.2017, 14:58:11 »
Lîf widersteht also der Versuchung, sich kurz zu ihrem Gatten zu gesellen, und hockt bald darauf wieder mit Gertrud, Sigrid und anderen Frauen um ein Feuer herum. Sie selbst ist nachdenklich und lässt die anderen reden, ohne mehr als das ein oder andere Wort einzuwerfen, wann immer die Blicke erwartungsvoll in ihre Richtung gehen. Wie sie gerade so sinniert, ob ihre Geschlechtsgenossinnen auf den Inseln die hier soeben gefeierte Art des Weiberraubes tatsächlich auf eine wild-urtümliche Weise romantisch finden, bemerkt sie ein halbes Dutzend kichernder Mädchen, welche das eigene Feuer verlassen und zielstrebig—hierher? oder wohin sonst?—steuern, unterwegs aber innehalten und die Köpfe zusammenstecken. Da wird aufgeregt gewispert und gestikuliert, da schubst man sich gegenseitig unter Kichern an, gefolgt von noch mehr Schubsen und noch mehr Kichern. Mädchen, denkt Lîf, obwohl die so Bezeichneten allesamt in ihrem eigenen Alter sind, ob ein paar Jährchen mehr oder weniger. Helga, Sigrids Tochter, befindet sich mitten unter ihnen, dazu eine der beiden Verlobten von der gemeinsamen Bootreise, der Rest ist Lîf unbekannt. Ihr fällt sehr wohl auf, dass etliche Mädchen verstohlene Blicke in Richtung Tristan schicken—gefolgt von, man glaubt es kaum, noch mehr Kichern.

Doch auch die älteren Weiber an Lîfs Feuer sind ähnlich vergnügt. Mit einiger Faszination lauscht Lîf den derben Scherzen und zunächst verwundert es sie sehr. Reden die Weiber hier auf den Inseln immer so? Warum ist ihr das noch nicht aufgefallen? Gut, sie hat noch nicht so richtig viel Kontakt zu ihnen gesucht, aber trotzdem... Ach, aber womöglich nutzen sie auch nur die Gelegenheit aus, einmal ganz unter sich zu sein, einmal ganz frei so daherreden dürfen, wie's ihnen einfällt? Ohne auf Kinder achtgeben zu müssen, ohne still lauschendes Gesinde ringsum, und auch die Männer sind dort drüben wunderbar mit sich selbst beschäftigt—das kommt selten genug vor. Und weil's das Disenfest ist, das ja irgendwie ein Weiberfest ist, und überhaupt ein Fest, darf's gern auch mal ausgelassen anzüglich sein? Dreht sich nicht alles um das Erwecken brach liegender Natur zu neuem Leben? Ist's da ein Wunder, dass die Weiber über genau dies reden und scherzen? Ihre Überlegungen, die Lîf zunächst beruhigen, nehmen an diesem Punkt eine Wende, die sie nun eher beunruhigt: wenn das Inselvolk Alberichs Weiberraub schon mit derart kindlichem Eifer, derart detailverliebt nachspielt, wie mögen dann erst die Riten am vierten und fünften Tag aussehen, bei denen die Fruchtbarkeit Gajas wie des Weiberschoßes beschworen wird? Anders als in Lîfs Heimat, so viel ist sicher, weshalb nichts, das die Mutter ihr über das Diseblót erzählt hat, sie auf das Kommende vorbereitet haben könnte.

Die Sorge um sich selbst verfliegt aber, als sie bemerkt, wie ungehemmt ihr Gatte dort drüben dem Met zuspricht. Schon wieder hat wer ihm das Horn nachgefüllt! Wollen sie ihn betrunken machen? Warum fällt's ihm selber nicht ein, dass er jetzt besser damit aufhören sollte? Dass schließlich noch ein Tag voller Verpflichtungen vor ihm liegt, die er betrunken schlecht wird ausüben können? Soll sie doch zu ihm rüber und ihm zureden? Doch wie sähe das aus, vor allen Leuten! Vielleicht weiß Gertrud Rat oder Sigrid? So zaudert Lîf und ringt mit sich und ahnt dabei nicht, welchem Denkfehler sie unterliegt. Für sie ist klar: was aus einem Methorn getrunken wird, muss Met sein. Hätte sie Tristans Erläuterungen in Vorbereitung auf das Disenthing nur aufmerksamer zugehört, dann wüsste sie aber, dass auf der Thingstätte weder Bier noch Met erlaubt sind, das heißt nicht vor dem Disenopfer am vierten Tag, genauer als Teil des anschließenden Opferschmauses. Ihre Sorge um Tristan ist also völlig überflüssig: sein Horn enthält nur Wasser, und das braucht er reichlich, um seine trocken geredete Kehle anzufeuchten.

Unbemerkt von ihr hat sich inzwischen die Mädchentraube wieder in Bewegung gesetzt. Deren Ziel ist tatsächlich Lîfs Feuer, oder vielmehr: Lîf selbst. Völlig überrascht schaut die junge Fersländerin auf und findet sich umdrängt von lauter jungen Weibern, die herumdrucksen und zu Erklärungen anheben, dann wieder verstummen, dafür von einer anderen angestubst werden, die ihrerseits dann aber errötet, wenn die Blicke ihrer Freundinnen sie spöttisch herausfordern: dann red' halt du! Schließlich ist es Helga, ein hübsches blondes Mädchen mit dicken Zöpfen, die sich vordrängt und endlich zur Sache kommt.

"War es wirklich so aufregend, so abenteuerlich von Tristan geraubt zu werden?" beginnt sie und, als sei ein Damm gebrochen, sprudelt es hinterdrein: "War es wirklich so berauschend, von ihm überwältigt zu werden, seiner Leidenschaft nicht mehr standhalten zu können, sich ihm nach langem Ringen lustvoll zu unterwerfen?"

Bei solch deutlichen Worten traut sich die junge Verlobte rasch noch anzuschließen: "Was er da erzählt hat von der Brautnacht, ist das wirklich so? Und für die Braut, ist es wirklich schön, wenn der Mann all diese Dinge mit ihr tut?" Allzu deutlich klingt hier die Sorge heraus, wie wohl die eigene Hochzeitsnacht geraten wird. Zwei Jahre jünger als Lîf ist das Mädchen gewiss.

Doch bevor Lîf antworten kann, wenn sie sich überhaupt schon gefangen hat, tönt irgendwo aus den Tiefen der immer weiter anwachsenden Menge ein herzzerreißender Seufzer: "Hach, von Tristan täte ich mich auch gern rauben lassen!"

Worauf Helga in den nachfolgenden Tumult (es wird zugestimmt, von Tristans Schönheit geschwärmt, man versucht einander zu übertreffen) keck einwirft: "Ach, mir ist der ja zu alt. Aber ein schöner Mann müsste es schon sein, der dies bei mir wagen dürfte! Und stark und wagemutig! Aber vor allem schön!"

"Ach, Helga, was redest du da für einen Unsinn!" schilt da Mutter Sigrid. "Ob ein Mann schön ist oder nicht, tut nicht's zur Sache. Gut muss er zu dir sein, verlässlich, umsichtig, tüchtig... Und von der nächsten Fahrt heimkehren, das ist das Wichtigste. Schönheit, wie? Als käme es darauf an! Das sind dumme Flausen, die kleine Mädchen sich leisten können, aber keine verheirateten Frauen!"

Helga stemmt beide Hände in die Hüften und ruft schnippisch: "So? Flausen? Warum sollt' eine Frau sich keinen schönen Mann wünschen? Der ihr schöne Kinder macht? Gut und tüchtig und treu darf er gerne auch noch sein und verrückt nach mir!" Dann wendet sie sich wieder an Lîf: "Jetzt komm schon, erzähl, wie war es bei dir?"

Und das runde Dutzend drängt noch ein Stückchen näher heran, mit erwartungsvoll glänzenden Augen und in abrupter, atemloser Stille. Auch die älteren Weiber horchen auf.

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #39 am: 08.09.2017, 18:26:30 »
Am Feuer der Männer geht es ähnlich laut und lustig zu wie bei den Weibern, wenn auch das Gespräch sich nicht um dieselben Themen dreht. Vielmehr erinnert man sich nun diverser Anekdoten um den krummen Torben, von denen wohl sicher die Hälfte erfunden oder doch übertrieben ist, wie Tristan vermutet – einen wahren Kern haben sie aber alle, das weiß er. Der Vorgänger Olavs muss wahrhaft ein außergewöhnlicher Mann gewesen sein: kühn, bärenstark, ein mächtiger Kämpfer und dennoch weise und charismatisch. Alles, was ein Anführer haben muss, vereinigte er wohl in sich. Bis auf das männlich-schöne Antlitz, das man sich bei einem solchen unwillkürlich vorstellt. So viele Geschichten wie um seine mutigen, manchmal auch listigen Taten drehen sich um seine beispiellose Hässlichkeit und die derbe Art, wie er Spöttern ihre bösen Worte heimzuzahlen pflegte. "Ich weiß noch" sinniert der Jarl "wie er einmal mit einem Schmied vom Festland in Streit geriet. Ich war damals noch ein junger Bursche." Seine Zuhörer drängen ihn, weiterzusprechen, als er einen tiefen Schluck nimmt und sich gemütlich zurechtsetzt. Grinsend schüttelt er den Kopf. "Ja, das waren noch Zeiten – so einen Witz wie der alte Torben, den hat heute keiner mehr...""So erzähl doch endlich!" wird ihm von mehreren Seiten zugerufen, und der Jarl hebt an: "Also: Es gab da mal einen Schmied, Torold wurd' er gerufen. Der war vom Festland – einer von den wenigen Männern, die freiwillig herzogen. Denn wir brauchten dringend einen Schmied und hatten keinen. Deshalb bot man ihm ein gutes Stück Land, und er willigte ein. Nahm sich hier ein Weib und machte seine Arbeit gut."

Er deutet ein paar breiter Schultern an und fährt fort: "Dieser Torold war ein großer Kerl, stark wie zwei, und er war ein braver Mann. Er hatte nur einen Fehler: Er wusste nie, wann's klüger war, sein Maul zu halten. Eines Tages also kommt Torben zu ihm in die Schmiede und will, dass er ihm ein Schwert macht, denn Torben kämpfte wie kein anderer, und seine alte Klinge war voller Scharten. Da lacht Torold und fragt, ob er eine gerade Klinge will oder ob nicht eine besser zu ihm passt, die so krumm sei wie er." Einer platzt in Gisles Rede: "Darauf hat er dem frechen Kerl vor Wut bestimmt den Schädel eingeschlagen, was?" Begeistertes Johlen. Doch der Jarl schüttelt den Kopf. "Nein. Mit keiner Wimper hat er gezuckt. Doch dem Schmied hat er gesagt, er soll ihm hinaus ins Freie folgen. Dort hat er ihn aufgefordert, ein großes Fass hochzuheben, das randvoll mit Wasser war. Na, der Schmied keucht und schnauft und kriegt einen roten Kopf, aber er hat's nicht einen Fingerbreit anheben können. Und er war ein Stier von einem Kerl, das könnt ihr mir glauben!" Wieder macht er eine Pause, um zu trinken, und Tristan als geübter Erzähler kommt der Verdacht, dass der Jarl das absichtlich tut, um die Wirkung seiner Geschichte zu steigern. Schließlich erzählt er weiter: "Endlich musste er aufgeben. Und Torben? Der nahm das volle Fass, brüllte wie ein angestochener Eber, stemmte es mit einem Mal hoch und stülpte es dem Schmied über den Schädel, dass es nur so krachte! Dann sagte er, ein Hemd aus Holz passe besser zu seinem Kopf." Nun wiehern die Männer und schlagen sich auf die Schenkel. Das ist Humor nach ihrem Geschmack!

~~~

Lîf, die inmitten der Weiber sitzt und gelegentlich zu den Männern hinüberspäht, fallen die Blicke der Mädchen erst reichlich spät auf. Sofort wandern ihre Mundwinkel nach unten, und eine steile Falte bildet sich auf ihrer Stirn. Was haben diese Weiber dauernd zu ihrem Tristan zu starren?! Sicherlich, die alte Esja selbst soll gesagt haben, dass er treu sei, und wer ist Lîf, die Worte einer Weisen Frau anzuzweifeln... aber ein Mann ist nun mal ein Mann, und den muss man nicht unnötig in Versuchung führen. Sie allein ist sein Weib, die anderen müssen eben zusehen, wem sie zufallen! Zum ersten Mal wird sie sich bewusst, dass sie Eifersucht verspürt. Einige unter diesen jungen Dingern sehen durchaus hübsch aus, haben stramme Formen, die sich unter ihren Kleidern abzeichnen und für Männeraugen wohl Anziehungskraft besitzen müssen. Kritisch blickt sie an sich selbst hinab und vergleicht missmutig: Die Flut ihrer roten Locken, an die kommt bestimmt keine andere heran, auf die war sie schon immer stolz. Doch ansonsten... schlank ist sie, fast schon zierlich, und sie weiß sehr gut, dass das nicht dem Geschmack der meisten Männer entspricht. Stramm sollen die Mädchen sein, mit einem mächtigen Busen und einem prallen Hintern, gesund, frisch und rotwangig, mit breiten, fruchtbaren Hüften. Und da hat, es lässt sich nicht leugnen, ein Großteil dieser kichernden, gackernden Hühner mehr zu bieten als sie. Halb misstrauisch, halb besorgt reckt sie den Hals, um zu sehen, ob Tristan etwa einer von denen schöne Augen macht..! Aber er ist nicht einmal richtig zu sehen, sitzt im Kreis seiner johlenden, offensichtlich ausgelassenen Kameraden. Sie scheinen mit irgendetwas anderem beschäftigt, ohne die Blicke der Mädchen auch nur zu spüren. Männer – Große Mutter, verstehe die nur einer..! Seufzend wendet sie sich wieder dem Feuer zu, wärmt ihre Hände über den Flammen und versucht, nicht mehr an den Stich zu denken, den ihr das offenkundige weibliche Interesse an Tristan versetzt hat.

Ratlos sieht sie auf und zwischen ihren unerwarteten Besucherinnen hin und her, als sie Bewegung rund um sich hört und sich von Weibern umlagert findet. "Was ist los – was wollt ihr?" fragt sie ein wenig kühl, hat sie ihnen diese Blicke doch noch nicht vergessen. Die Erklärungen und vor allem die Fragen, die daraufhin auf sie einstürmen, lassen sie aber vor Staunen Mund und Augen aufreißen. "Wa... was?!" stottert die junge Frau und sieht sich hilfesuchend zu den älteren Weibern am Feuer um. Das können diese albernen Dinger doch nicht wirklich ernst meinen! Sie soll über Tristan und sich selbst erzählen, hier, vor allen?! Ihre Wangen flammen rot auf, als sie den Mund wieder zuklappt und mehrmals heftig blinzelt. "Aber das könnt ihr doch nicht ernsthaft von mir..." beginnt sie, schluckt, verheddert sich und versucht noch einmal neu anzufangen. Fassungslos starrt sie nach oben, sieht in lauter gerötete, aufgeregte, erwartungsvolle Mädchengesichter. Gütige Mutter... sie glauben tatsächlich, er habe Lîf in einer Art romantischen Ringkampfs bezwungen oder dergleichen..! Wütend setzt sie an, ihnen zu erklären, dass es erstens nicht so spektakulär war, wie sie glauben, und dass es sie zweitens einen feuchten Kehricht angeht, wie Lîfs Hochzeitsnacht im Detail verlief. Da realisiert sie, dass sie damit womöglich die Träume und Hoffnungen von jungen Frauen zerstören würde, an deren Stelle sie selbst sehr wohl stehen könnte und die von der rauen Wirklichkeit des Lebens als Eheweib wohl noch früh genug eingeholt werden...

Wie lange ist es her, dass sie von zuhause fort ging, heimlich, mit vagen Ideen vom hübschen, kühnen und edlen Verwundeten, die ihr im Kopf herumspukten, von dem Mann ihrer Träume, den sie gesundpflegen, der sich in sie verlieben und mit sich nehmen würde? Von dem Heroen, auf dessen starken Armen sie davongetragen würde in eine Zukunft voller romantischer, naiver Nebelgebilde? Sie ist im Grunde eine von diesen unerfahrenen jungen Gänsen mit Wolken im Kopf – eine von ihnen. Und weil sie so sind, wie Lîf bis vor kurzem war, sagt sie sich resigniert, würden sie auch gar nicht glauben, wenn sie leugnet, dass es sich ganz exakt so abgespielt hat, wie ihre mädchenhaften Fantasien es ihnen vorschwärmen. "Nun..." meint sie zögerlich und lässt ihr langes Haar durch eine Hand gleiten, um ein wenig Zeit zu gewinnen. Nein: Auch die alten Weiber schauen sie gespannt an und machen keine Anstalten, die jungen Dinger aufzuklären – obwohl sie es doch besser wissen müssen! Lîf seufzt lautlos. Oder doch: Sigrid, die äußerlich so raue Sigrid ist es, die ihr wieder einmal zu Hilfe kommt. Aber vergeblich, selbst die eigene Tochter glaubt ihr nicht. Also bleibt es an dem Rotschopf hängen. Nun denn... sie nickt mehrmals, um sich selbst Mut zu machen, und beschließt sich dieser Aufgabe zu stellen.

Vielleicht ist es auch der Hafer, der sie sticht, denn kaum hat sie zu sprechen begonnen, da wird sie keck und versucht es ihrem Tristan nachzutun, der sein Publikum stets in Bann zieht mit einer Mischung aus Wahrheit und Erfindung, aus ernsten Lehren und spannenden Abenteuern. "Oh, ihr dürft nicht glauben, dass es nur schön war..." beginnt sie mit gesenkter Stimme und sieht, wie alle rundum die Ohren spitzen. "Als ich ihn zum ersten Mal sah, blieb mir fast das Herz stehen vor Schreck – von Staub und Blut war er bedeckt und sah zum Fürchten aus! Und wie sein Auge auf mich fiel, mit einem kühnen, entschlossenen Glanz, da gaben meine Beine unter mir nach. Er trat auf mich zu, packte mich mit einer schrecklichen Kraft, riss mich zu sich empor..! Und sein Blick, sein Blick..! Er bannte mich auf der Stelle, und ich wusste, ich war in dieses Mannes Hand, ausgeliefert auf Gedeih und Verderb. Würde er mich töten, mich rauben..? Ich wusste es nicht..." Und je länger sie erzählt, desto mehr gestikuliert sie mit den Armen, hebt ihre Stimme an den kritischen Stellen, flüstert beinahe, wenn sie gespannte Erwartung beschreibt... Auf eine schwer zu beschreibende Weise geht die Geschichte, in der sie grundsätzlich die Wahrheit schildert, aber reich mit ihrer Fantasie ausgeschmückt, mit ihr durch: Sie reißt nicht nur ihrer Zuhörerinnen mit, sondern auch sich selbst, bis sie ganz atemlos ist und ihr Herz hämmert, als durchlebe sie genau jene Szenen, die sie beschreibt.

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #40 am: 09.09.2017, 21:26:52 »
Mit dem legendären Torben verglichen zu werden, ist einerseits die höchste Ehrbezeugung, die man als Skalde auf den Inseln sich erhoffen kann, was Tristan durchaus so empfindet und ihm entsprechend den Kamm schwillen lässt. Andererseits lässt es ihn auch ein wenig verzweifeln. Torben, soviel meint er aus dessen Schriften herauslesen, die in Olavs Haus, jetzt Tristans, eine ganze Truhe füllen, war ein kompetenter Gesetzessprecher, dagegen bestenfalls ein mittelmäßiger Dichter. Des Mannes Versepen—unerträglich. Die kürzeren Werke sind etwas besser, wenn man auf zotige Geschichten und Spottverse steht. Aber den Leuten hier gilt Torben als Leitstern, als Inbegriff der Sanges-, Dicht- und Erzählkunst, es ist kaum zu fassen! Und doch bleibt einem nichts übrig, als ihnen zuzustimmen und inbrünstig zu seufzen: "Ach, ich wünschte, ich hätte ihn noch erleben dürfen!" Aber da der gute Mann ungefähr zur selben Zeit starb, als Tristan selbst das Licht der Welt erblickte, ist ihm ein Zusammentreffen mit diesem derben Verseklopfer—Gaja sei Dank!—erspart geblieben.

Für Tristan ist es also eine schlechte Belohnung, dass er sich gleich nach seiner so perfekten Inszenierung der Alberich-Saga alte Geschichten von Torben anhören muss, aber er tut es natürlich brav und lacht an den richtigen Stellen oder klatscht sich auf die Schenkel. In Gedanken dagegen kann er nicht anders, als die erzählte Geschichte zu zerpflücken und dabei all die kleinen Unglaubwürdigkeiten bloßzustellen oder einfach nur, durch das ständige Hinterfragen, den Effekt gänzlich zu ruinieren—wie gesagt, für sich selbst, ganz still in seinem Kopf. Um nur ein Beispiel zu nennen: Hätte Torold tatsächlich ein solch schweres Fass auf den Kopf bekommen, wäre er umgefallen, und zwar tot. Oder hat Torben es ihm übergestülpt? Aber diese Bewegung hätte ganz andere Muskeln strapaziert, die einen solchen Kraftakt nicht gewöhnt sind, das hätte auch Torben nicht geschafft. Überhaupt, was Tristan an solchen Geschichten gerne einmal ärgert, sind die Vagheiten. Was hat Torben denn nun wirklich zu Torold, dem Schmied gesagt? Forderte er ihn auf: "Heb' dort einmal das große Fass mit Wasser auf!" oder zeigte er auf das Wasserfass und sagte: "Heb dort einmal das große Fass auf!" Dieser Unterschied ist nichts weniger als entscheidend. Wenn Tristan sich nämlich auf einen solchen Händel mit dem starken Schmied eingelassen hätte, so wären seine Worte letztere gewesen und die Wette, dass er es wohl stemmen wolle, falls Torold es nicht schaffe. Der Schmied hätte darauf vergeblich versucht, das schwere Fass mit dem Wasser hochzuheben. Tristan dagegen hätte das Fass umgekippt, auf dass alles Wasser abfließe, und es dann über den Kopf gehoben, denn: "Niemand hat gesagt, du sollst das Fass mitsamt dem Wasser hochheben! Wenn du dich recht erinnerst, ich sagte bloß: heb das Fass hoch! Wer nicht recht zuhört, ist halt der Dumme!"

Als junger Mann hat Tristan derlei Herausforderungen oder Wetten immer auf Finten in ihrem Wortlaut hin untersucht, rechnete stets mit pfiffigen Fallen—vergebens. Die Inselmänner meinten tatsächlich immer nur das Naheliegendste. Versteckte Bedeutungen, sprachliche Tricks, Doppeldeutigkeiten sind ihnen gänzlich unbekannt. Gewitztheit wird wohl geschätzt, aber wo Tristan sie als dünne, scharfe, wendige Klinge versteht, halten die Inselmänner sie für eine kraftvoll geschwungene Axt—man betrachte Torbens "Witz" in Gisles Erzählung. Mit diesem kann Tristan sich nicht messen, ja, er erkennt nicht einmal, was daran der "Witz" sein soll, was zuzugeben ihm natürlich nicht einfiele.

"Ach, ich wünschte, ich wär' dabei gewesen!" ruft er also und schüttelt betrübt den Kopf.

Dies ist vielleicht der größte Unterschied zwischen Tristan und den Inselmenschen, die Kluft, die sich einfach nicht überwinden lässt: die Bodenständigkeit hier, die Einfachheit im Denken, die kindliche Direktheit, während er die Feinheiten und Spitzfindigkeiten liebt, Finten und Spielerei, Nuancen und Subtilitäten. Wobei... nach sechzehn Jahren auf den Inseln, da er diesen Dingen nicht frönen durfte, da er sein diesbezügliches Interesse und Talent vielmehr verstecken und herunterspielen musste, ist er leider auf dem besten Weg, so stumpf, derb und durchschaubar, so wortwörtlich in der Rede zu werden wie das Inselvolk. Aber warum auch nicht. Er lebt hier, und er lebt hier gut, so muss es also sein, was will man machen.

Und außerdem hat er ja jetzt seine Lîf. Mit ihr kann er ganz anders reden. Freier zum einen, zum anderen versteht sie ihn besser. Am Tag nach der Hochzeit hat sie ihn zum Beispiel überrascht, als sie über eine von ihm so hingeworfene Bemerkung lachte. Also erstmal hat es ihn überrascht, dass sie lachte—es war das erste Mal und er hat sich gleich vorgenommen, sie möglichst oft zum Lachen zu bringen, denn es wärmte ihm das Herz. Als zweites aber hat es ihn erstaunt, dass sie den Scherz verstanden hat. Niemand auf den Inseln hätte ihn verstanden, allenfalls mit Ausnahme der alten Esja, die durchschaut jeden und weiß also auch, wann jemand scherzt, aber außer ihr hätte jeder, Ole eingeschlossen, es wortwörtlich verstanden und dumm nachgefragt, ob Tristan das jetzt ernst meine, oder aber ihn belehrt, dass was er da sage völliger Quatsch sei, in echt verhielte es sich damit nämlich so und so. Nicht Lîf. Sie sah ihn einen kurzen Moment verblüfft an, dann prustete sie los.

Er reckt den Kopf, um sie an ihrem Weiberfeuer zu erblicken, doch findet er sie so dicht umdrängt mit jungen Frauen ihres Alters, dass er nur hin und wieder ihr rotes Haar aufleuchten sieht zwischen wild gestikulierenden Händen.

Oh, das ist gut, dass sie hier Anschluss an ihresgleichen findet, freut er sich und beglückwunscht sich zu seinem Mut, sie schon zum diesjährigen Disenthing mitzubringen. Und wie fein sie vorhin mitgespielt hat! Als es nämlich losging mit dem Weiberraub, da bekam er plötzlich einen Schreck und dachte, oh weh, hoffentlich ist das nicht zu viel für sie, hoffentlich sieht sie sich nicht wieder mit ihren Heilerinnenschwestern unterwegs und erlebt unser harmloses Spiel wie den Überfall, der so schrecklich für sie war, keine sechs Monde ist er her. Oh, was hat ich Angst, dass sie vor Wut platzen würde und womöglich gar auf ihren Häscher einprügeln oder aber echte Furcht bekommt! Gejauchzt hat sie statt dessen... ganz rot vor Aufregung war ihr Gesicht... und wie stolz sie auf der 'Hochzeit' das Jarlsweib gab. Meine tapfere Thordis! Nein, Lîf. Kein anderer Name passt zu ihr. Meine Lîf.

Ein Schlag auf die Schulter reißt Tristan aus seinen Betrachtungen. Jarl Gisle hat sich bereits erhoben. "Ja, dann wollen wir mal. Tristan, auf." Sofort springt Tristan auf und folgt dem Jarl zur Gerichtsstätte.

~~~

Die Augen der Mädchen um Lîf werden immer größer, während sie erzählt. Junge Frauen, verbessert sie sich. Und die meisten von ihnen, zumindest aber die Hälfte, dürften verheiratet sein, obwohl dieses Mal wohl besonders viele Verlobte dabei sind, wie Tristan daheim stöhnte. Lîf hat nicht ganz begriffen, warum dieser Umstand ihren Mann stöhnen ließ, und daher etwas schnippisches erwidert, doch in ihrer jetzigen Lage kann sie ihm womöglich etwas leichter vergeben, dass er ihre Alters- und Geschlechtsgenossinnen als "eine ganze Horde junger dummer Dinger" bezeichnet hat. Sie selbst kann sich ja noch relativ leicht unter diese "Horde" mischen, als eine der ihren, doch welche Chance hätte ein Mann, sich dagegen durchzusetzen? Noch dazu einer, für den offenbar die Hälfte dieser Dinger schwärmt! Ein entsprechendes Bild drängt sich vor ihr inneres Auge. Armer Tristan!

In ihrer Erzählung ist sie inzwischen auf Jarlsö angekommen, wo ihr kühner Räuber ihr eine Kammer in seinem Haus zuweist, gleich vor der seinen...[1]

Ihre Zuhörerinnen kichern gehorsam und tuscheln wohl auch ein wenig und beugen sich noch ein wenig weiter vor, um auch ja nichts zu verpassen. Nur die Verlobte, die zuvor schon die ängstliche Frage gestellt hat, verliert die Nerven und will vorgreifen: "Aber wann wusstest du endlich, dass du keine Furcht vor ihm zu haben brauchst?"
 1. Wenn ich von "Kammer" spreche, muss nicht unbedingt ein abgetrennter Raum gemeint sein. Davon gibt es normalerweise ein oder zwei in jedem Langhaus, nämlich an den Stirnseiten (wenn die Tür in der Mitte ist), wovon die eine aber häufig der Stall ist, oder nur eine Kammer, wenn die Tür selbst an einer Stirnseite ist—wie bei Tristans Haus (und der Stall getrennt). Aber die breiten Schlafbänke auf der einen Seite des Hauses sind oft durch hohe Bretterwände voneinander getrennt, das mag schon als 'Kammer' durchgehen. s. Bilder "Tristans_Haus" und "Tristans_Haus4" im Info-Faden.

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #41 am: 11.09.2017, 14:28:27 »
Von den anderen Männern scheint in der Tat nicht einer Tristans gelegentliches Augenrollen zu bemerken. Sie lachen aus vollem Hals und amüsieren sich über den brillanten Humor des toten Skalden. Natürlich kommen die lobenden Worte seines jungen Nachnachfolgers gut an: Man klopft Tristan immer wieder in männlich-kerniger Art auf die Schultern, wünscht ihm ein langes Leben, stramme Söhne – meist in Verbindung mit mehr oder minder eindeutigen, wenn auch gutmütigen Anspielungen auf sein junges Weib – und natürlich dereinst einen Ruhm, wie Torben der Krumme ihn sich erwarb. Der Jarl sitzt breitbeinig inmitten seiner Männer, nickt immer wieder zufrieden und macht nicht den Eindruck, als seien ihm irgendwelche Ungereimtheiten in seiner Geschichte aufgefallen oder als wären solche in der Lage, ihm die Moral daran zu verderben. So sind die meisten Geschichten, die hier an den Feuern erzählt werden: Bildgewaltig müssen sie sein, Leidenschaften erwecken, ganz gleich, ob es sich nun um die detailverliebte, blutige Schilderung eines epischen Kampfes dreht, in dem man mit Genuss die Flugbahn jedes einzelnen Zahns, der Geräusch beim Herausreißen von Gedärmen und ähnliche Heldentaten schildert, bei denen Tristans Magen sich gelegentlich mit heftigen Bewegungen meldet, oder ob man eine echte Rûngard-Romanze schildert. Was in den Augen der Inselleute nichts anderes heißt, als dass irgendwo in der Geschichte ein Weibsbild vorkommt, nach Möglichkeit mit dicken, bodenlangen Zöpfen – denn schönes, dichtes und langes Haar gilt als ein überaus attraktives frauliches Attribut – einem Becken wie ein Pferd und einer Oberweite, bei der das Zupacken so richtig Freude macht. Und ebenso selbstverständlich ist, dass der Held das Frauenzimmer allen Bemühungen von Rivalen, uneinsichtigen Eltern oder lüsternen Riesen zum Trotz für sich erobert, es als gute Beute nach hause schleppt und dort die zunächst Widerstrebende am Ende auf sein Lager bettet, wo sie seiner Stärke erliegt und alsbald beginnt, ihm Kind auf Kind zu schenken.

Das sind die immer wieder beliebten Kernthemen, die in unzähligen Variationen begeistern. Derb und kernig, wenn es Tristan gelinde ausdrücken will. Wie realistisch die Handlung jeweils ist, tritt dagegen völlig in den Hintergrund. Da treten Figuren auf, die den krummen Torben noch in den Schatten stellen: Helden, die schiffsgroßen Seetrollen an den Hals springen, um sie mit bloßen Fäusten zu erwürgen, Jungfrauen, die in einer Nacht dem landlosen, armen Helden einhundert schöne Hemden nähen als Brautgeld, mit der sie sodann von den Eltern losgekauft werden (die natürlich nicht ahnen, dass die listige Tochter ihnen dafür die eigenen Stoffvorräte geplündert hat und der Bräutigam ihnen im Grunde nur ihr Eigentum zurückgibt)... "Wart's nur ab: Du wirst dir schon noch einen großen Namen machen" versichert der Jarl Tristan in einem ruhigeren Moment. "Jetzt, wo du ein Weib hast, das fleißig spinnt und webt, während du auf Fahrt bist, das auf deine Vorratskammer achtet, die faulen Mägde scheucht und dir die Bälger erzieht, da hast du alles, was ein Mann haben muss in der Heimat. Das andre, das kommt auch noch, glaube mir!" Grinsend stößt er ihn in die Seite und fügt, wohl in Erinnerung an das Schauspiel, leiser hinzu: "Und ein strammes Weibchen hast du da, schön und verständig. Glückspilz! Wenn sie erst mal noch ein wenig Fleisch ansetzt, wirst du sie eifersüchtig vor allen Schürzenjägern hüten müssen." Für Gisle steht klar fest, dass Tristans Lîf jene Rolle einnehmen wird, die allen Weibern auf den Inseln vorbestimmt ist: Die der Hausfrau, der Verwalterin der gemeinsamen Güter und der Mutter seiner Kinder. Wahrscheinlich wird sie als Weise Frau auch die Hebamme und das Kräuterweib des Ortes werden, auch das akzeptierte Weiberpflichten. Doch dass sie sich von ihren Geschlechtsgenossinnen in irgendeiner Weise unterscheiden könnte, kommt gewiss außer Tristan niemanden in den Sinn. Und, nun, vielleicht Esja, bei der man nie sicher sein kann, was sie sieht und was sie sich dazu denkt. Und das schlimmste ist, dass der Jarl und seine Männer es nicht einmal böse meinen: Für sie ist es nur eine Folge der Tatsache, dass Lîf nun als eine von ihnen akzeptiert ist. Sie soll so leben wie alle Weiber hier, was doch nur gottgefällig, recht und billig ist. So ihre einfachen Gedankengänge, die dem Skalden kein großes Geheimnis sein können.

Dann wird der Jarl übergangslos ernst, und es geht zur Gerichtsstätte.

~~~

Sie weiß selbst, dass es Eitelkeit ist, aber wenn man einem Weib einen Fehler mit einem Augenzwinkern verzeihen kann, dann doch wohl diesen? Lîf beginnt es zu genießen, wie die jungen Frauen ihr an den Lippen hängen, während ihre Geschichte ein Eigenleben zu entwickeln beginnt, in dem Tristan Dinge sagt und tut, die er nicht tat oder sagte, sondern die sie getan und gesagt hätte, wäre sie er gewesen. Aber das schadet der Stimmung nicht, weder ihrer noch der ihrer Zuhörerinnen. Im Gegenteil: Sie merkt, dass die anderen Weiber begeistert sind von diesem Mann, der so handelt, wie es sich ein Weib nur erträumen kann! Sicher glaubt sie im Blick mancher der Älteren ein nachsichtiges Schmunzeln zu sehen, einen Ausdruck, der zu besagen scheint: Ich durchschaue dich, honigzungige Schwindlerin. Doch will ich von Herzen gern so tun, als glaubte ich dir, erzählst du doch in einer Weise, die uns allen heut Nacht angenehme Träume bescheren wird. Die jungen Weiber dagegen machen ganz den Eindruck, als sei bei ihnen der Zweifel, die Lebenserfahrung, so viel geringer, dass sie es fertigbringen, ihr wirklich zu glauben, weil sie schlicht glauben wollen. Die Art, wie die eine begeistert lächelt, die andere die Hände andächtig faltet, die dritte ergriffen seufzt: Entweder sind diese Mädchen alle durchtriebene Schauspielerinnen – unwahrscheinlich bei den Menschen der Inseln und ihrer direkten Art – oder sie nehmen ihre Worte tatsächlich auch in den Details für bare Münze. Doch Lîfs schlechtes Gewissen hält sich in Grenzen. So etwas bezeichnet man hier nicht als Lügen, nicht einmal als Übertreiben. Es gehört einfach dazu!

Endlich hat sie ihre Ankunft auf Jarlsö erreicht, nachdem sie sich lange und mit allseitigem Genuss bei der Schilderung von Tristans herausragender Rolle unter den Männern aufgehalten hat – denn erträumt sich nicht jedes Weib, dass gerade der Ihre der kühnste, der stärkste und angesehenste unter den Männer ist? Und bei der Erzählung des heißblütigen Rotschopfs fällt es wohl keiner der Zuhörerinnen schwer, entweder ihren Mann anstelle Tristans zu sehen – oder aber sich an der Lîfs. Aufgeregtes Kichern, unterdrücktes Drängen nach Details, Getuschel, leuchtende Augen... die Stimmung in der kleinen Weiberrunde ist ausgelassen. Nur die Jungfrau, die bald verheiratet werden soll, dauert die angehende drudkvinde: Lîf spürt, dass es für dass andere Mädchen wirklich wichtig ist, zu erfahren, oder doch wenigstens einen Hinweis zu erhalten, was der Mann in der Hochzeitsnacht mit einem anstellt und ob es wehtut, ob das frischgebackene Eheweib in dieser Nacht Tränen der Freude oder des Schmerzes vergießt. Männer, erinnert sie sich, sind Wesen, von denen ein junges Weib erschreckend wenig weiß, ehe es zum ersten Mal das Lager des seinen geteilt hat. Und auch dann bleiben sie dem weiblichen Verstand oft ein Rätsel. Wie soll sie die junge Frau beruhigen, wo doch ihre begrenzten eigenen Erfahrungen kaum auf deren Lage anwendbar sind? Denn Lîf unterscheidet sich von allen anderen Weibern auf den Inseln, und Tristan erst recht von den anderen Männern, wie sie inzwischen immer mehr ahnt. Dieses Mädchen wird keinen Tristan heiraten, sie wird ihrem Mann wohl mehr untertan sein müssen, und wenn es Pech hat, mag es sein, dass es noch oft weinen wird... was Lîf ihr nicht wünscht, aber dennoch... "Nun ja" beginnt sie zögerlich und gibt vor, nachdenken zu müssen. "Ich glaube, es war an jenem Tag, als er mir sagte, dass er mich zum Weib begehrte. Ich war doch schon seine Magd und hätte ihm als solche zu Diensten sein müssen. Aber er wollte mich an seiner Seite. Wenn ein Mann ein Weib und nur dieses Weib begehrt, so muss sie keine Angst vor ihm haben" behauptet sie kühn. Ob sie da gerade blanken Unsinn erzählt? Vermutlich. Aber wenn es die Angst der jungen Frau lindern hilft, ist ihr jedes Mittel recht. Sanft fasst sie deren Hand, tätschelt sie und versichert: "Und wenn er nur dich will, wirst du es gewiss im Herzen spüren, dass er es aufrichtig meint, sobald er dich von deinen Eltern begehrt und für dich zu bieten beginnt."

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #42 am: 12.09.2017, 18:32:34 »
Der Erzähler irrt, wenn er meint, die Gedankengänge des Skalden unterschieden sich arg von denen seiner Fahrtenbrüder betreffs der Rolle, die Lîf in seinem Heim spielen werde. Oh, Esjas Warnung, als Gatte einer drudkvinde würde er es nicht leicht haben, vernahm er wohl, aber entweder nimmt er sie nicht so ernst, wie er es besser täte, oder er verkennt die mögliche Tragweite. Dass sowohl Esja als auch die beiden drudkvinder von Ingla und Seeholm unverheiratet sind, weiß er zwar, aber da es diverse Töchter gibt—Esjas eigene ist bedauerlicherweise vor drei Jahren ertrunken—geht er naiv davon aus, dass es wohl einmal Gatten gegeben haben muss, diese aber längst verstorben seien. Diesbezüglich nachzufragen käme ihm niemals in den Sinn. Und so malt er sich seine Zukunft mit Lîf in denselben oder jedenfalls sehr ähnlichen Bildern aus wie jeder andere Inselmann. (Deshalb weiß er trotzdem, dass sie etwas besonderes ist, warum sollte sich das ausschließen?) Er erwartet wohl einfach, dass sie sich hier einleben und anpassen wird, genau wie er es tat, und sich also klaglos damit abfindet, eines Tages vielleicht sogar stolz darauf wäre, ein Inselweib zu sein.

Aber jetzt muss er sich erst einmal um all die anderen Inselweiber kümmern, vor allem um die ganz jungen. Sobald der Jarl den Thingfrieden ausgerufen und die Thingordnung in Erinnerung gerufen hat, ist Tristan nämlich dran. In welchem Sinne des Wortes, bleibt abzuwarten.

~~~

Die Miene der jungen Verlobten hellt sich bei Lîfs Worten auf. "Oh, dann wird wohl alles gut werden", seufzt sie erleichtert. "Vater war nämlich sehr zufrieden mit dem Handel. So viel, wie mein Ragnar für mich abzudrücken bereit sei, damit hätte er niemals zu rechnen gewagt, wo ich doch weder hinten noch vorne was hätte, das einen Mann zum Zupacken verlocken könnte. Und daherschnattern tät ich auch dümmer als eine Gänseschar!" Lîf kommt der plötzliche Verdacht, dass es der jungen Frau bei ihrem Ragnar vielleicht sogar besser ergehen könnte als daheim beim Vater. "Außerdem bist du fast genauso flach wie ich", plappert diese weiter, "und Tristan scheint es nichts auszumachen, so gern wie er da zupackt, jedes Mal wenn er dich kurz heranzieht, also wird mein Ragnar schon wissen, was er will, und deshalb auch nicht bitterlich enttäuscht sein, wie Mutter befürchtet, wenn ich das erste Mal nackt vor ihm stehe." Wie man einerseits so schüchtern sein kann, so nichtsahnend, und andererseits ohne zu erröten auf diese Weise daherreden, ist für Lîf ein Rätsel. Gleichzeitig geht ihr allmählich auf, wie genau sie (und Tristan) hier von allen Seiten beobachtet werden. "Und überhaupt habe ich gar keine Angst mehr, in Hóp leben zu müssen, so weit weg von daheim, wenn ich jetzt schon so viele von euch kenne!" Sie drückt Lîf beide Hände, dann Helga, welche darauf das plappernde Mädchen kurzerhand umarmt und ihr versichert, sie sei sehr willkommen in Hóp. Dabei fällt auch endlich der Name der jungen Verlobten, nach dem Lîf sich nicht zu fragen getraut hat, weil diese sich auf der Bootsfahrt bereits vorgestellt hat, aber Lîf konnte sich einfach nicht alle Namen merken—so, Elske heißt sie also.[1]

"Und falls Ragnar sich über deine flachen Brüste beschwert", fügt Helga hinzu, "dann sagst du ihm, er solle dir halt schnell ein Kind machen, davon würden sie bald hübsch genug anschwellen. Meine waren vorher auch bloß halb so schön", endet sie ein wenig eitel. Ihre Mutter Sigrid greift trotz dieser Rede diesmal nicht ein, vielmehr liegt ein gewisser Stolz in ihrem Blick—wohl, weil Helga die besorgte Elske so beherzt in Hóp willkommen heißt—und trotzdem weicht die nachdenkliche Sorge nicht gänzlich aus Sigrids Blick.

Als kurz darauf Jarl Gisles Stimme über die Thingstätte hallt, Stille und Aufmerksamkeit fordernd, ist Lîf jedenfalls nicht traurig über die Unterbrechung. Die Mädchen verabschieden sich rasch und ringen Lîf, bei aller Eile, aber noch das Versprechen ab, die Geschichte um Tristan und sie später zu Ende zu erzählen (oder versuchen es zumindest), bevor sie zu ihrem Feuer zurückhuschen. Auch Lîf wendet sich mit großer Spannung dem Jarl zu.

Dieser heißt erst einmal alle auf Wodland willkommen und ruft offiziell den Thingfrieden aus. Daran schließt er folgende Warnung an: "Wer innerhalb der Einfriedung oder der Palisaden eine Waffe gegen einen anderen zieht, wird mindestens auf ein Jahr friedlos, auch wenn er nicht einmal Blut zieht. Ein Frevler ist, wer der Hasel Frieden bricht! Doch gilt der Thingfriede auf ganz Wodland. Wer außerhalb der Thing- und Wohnstätte einen anderen verletzt, den erwartet ebenfalls eine hohe Strafe. Tötet er gar einen, droht ihm lebenslange Friedlosigkeit, im schlimmsten Fall unablösbare. Diese Stätte, an der wir uns zusammenfinden, steht für den Frieden, den wir miteinander zu halten gelobt haben, zu dem wir uns jedes Jahr aufs Neue hier verpflichten. Eine Gemeinschaft ist nur so stark, wie die Freundschaft und der Friede, der sie miteinander verbindet!"

Jubel erhebt sich ringsum, die Männer bezeugen ihre Zustimmung, indem sie mit flachen Schwertklingen oder Äxten auf ihre Schilde klopfen, die Frauen rufen bestätigend: "Friede!" oder "Freundschaft!" oder "Wir halten zusammen!" An Lîfs Feuer drängen alle Weiber zusammen, reichen sich die Hände, umarmen sich, auch Lîf wird mehrmals an völlig unbekannte Busen gedrückt. Sie sei ein gutes Weib, wird ihr mehrmals versichert, man freue sich sehr, dass sie nun eine von ihnen sei. "Mach dir keine Sorgen", sagt Gertrud nach einem feuchten Kuss auf die Wange. "Bei uns passt man recht aufeinander auf."

Als der Tumult sich legt, ruft Gisle die weiteren Thinggebote in Erinnerung: kein Bier, kein Met, kein Beiliegen vor dem Diseblót, nämlich: "Das Bier und das Met nicht, damit vor Gericht die Ordnung leichter zu wahren ist und niemand den Thingfrieden im Suff bricht, dem es sonst nicht eingefallen wäre und der auf diese Art völlig unnötigerweise zum Friedlosen würde. Dem jeweiligen Kläger und Beklagten steht allerdings, sollten sie sich einig werden, je ein Becher Bier zu, den sie miteinander leeren sollen, um zu zeigen, dass sie das Urteil anerkennen und sich daher wieder versöhnen wollen. Die Enthaltsamkeit nach Art der festländischen Mönchlein ist dagegen nötig, damit ihr alle, Mann und Weib, auf dem Diseblót Gaja und die Huldre von Wodland auch auf rechte Weise ehren könnt, wie Alberich es uns vorgemacht hat. Wer sich an das Verbot nicht hält, der soll daher auch am Fest nicht teilhaben, da kennen unsere drei weisen Weiber keinen Spaß, also seht euch vor!"

Gelächter, Johlen, klopfende Zustimmung. Lîf rutscht das Herz in den Magen und große Augen bekommt sie wohl auch. Was will der Jarl damit andeuten? Was passiert auf dem Diseblót? Rasch lenkt sie sich mit einer anderen Frage ab: Wer oder was sind die Huldre von Wodland? Diesen Ausdruck hat sie noch nie gehört. Ein anderer Name für die Disen? Aber die werden doch nicht geehrt, sondern vertrieben. Oder heißen so die Einwohner der Insel? Aber sagte Tristan nicht, sie sei gänzlich unbesiedelt?

"Und natürlich sind die Jagd und das Fischen auf Wodland strengstens verboten. Wer dies Gesetz übertritt, der büßt dafür vor einem höheren Gericht als dem unsrigen, einem Gericht, mit dem es kein Verhandeln gibt, kein Bußgeld, das auf keinerlei Ausflüchte hört noch sich von der Jugend rühren lässt. Merkt wohl auf, ihr jungen Burschen: wer diese Regel bricht, der kehrt nimmermehr heim."

Auch dies klingt sehr mysteriös, doch für weitere Überlegungen bleibt Lîf keine Zeit, denn nun winkt der Jarl Tristan herbei, stellt ihn als "mein getreuer Skalde und Lögmadhur" vor und überlässt ihm das Feld.

"Und wie jedes Jahr auf dem Disenthing, rufe ich als erstes die jungen Weiber zu mir", übernimmt Tristan nahtlos, "welche entweder verlobt sind oder im vergangenen Jahr geheiratet haben oder meine Gesetzesrede zu allem, was Ehe und Familie angeht, noch nicht oft genug gehört haben, um sich auch tatsächlich an all ihre Rechte und Pflichten zu erinnern, oder aber dass eine vor kurzem Witwe wurde und nun nicht so recht weiß, was ihr zusteht, welche Möglichkeiten ihr bleiben: all die Genannten mögen sich bitte vor diesen drei Feuerstellen einfinden", er deutet auf die ihm am nächstgelegenen, "und besonders aufmerken, was ich ihnen vorzutragen habe. Selbiges gilt für die jungen Ehegatten oder solche Burschen, die bereits ein Auge auf eine geworfen haben und sich nun fragen, was da auf sie zukommt, wie sie's anstellen müssen, was Recht und Sitte als nächsten Schritt von ihnen erwartet—ihr alle versammelt euch bitte hinter den drei Feuern. Auf, auf, keine falsche Schüchternheit!"

Danach wartet Tristan, dass sich alles sortiert, seinen Anweisungen entsprechend. Bemerkungen aus dem älteren Publikum, die ihm dazu raten, dieses Jahr müsse er selbst seiner Rede besonders aufmerksam lauschen, da er ja auch endlich Ehepflichten eingegangen sei—"Zeit wurde es aber auch, bei Gaja!"—überhört er geflissentlich. Wohl schweift sein Blick kurz in Lîfs Richtung, welche an einem entfernteren Feuer sitzt. Oder hat sie sich bereits erhoben, um sich einen näheren Platz zu suchen? Vielleicht gleich bei den jungen Frauen, die sie kurz zuvor umdrängten?
 1. Ich habe mal die weibliche Namensliste im Eingangspost der Schriftrollen aufgestockt...
« Letzte Änderung: 13.09.2017, 10:17:55 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #43 am: 13.09.2017, 13:41:50 »
Lîf erwidert das Lächeln der jungen Frau unwillkürlich. Sie hat das Gefühl, geholfen zu haben, und das hat sie schon immer gemocht. Das war es wohl auch erst, was sie bewogen hat, Heilerin zu werden und – gegen den Willen der Eltern – mit anderen, gleichgesinnten Weibern dorthin zu ziehen, wo die Männer für die Freiheit des Landes kämpften. Diese Entscheidung kam zwar auch ihrem Stolz entgegen, erlaubte sie es ihr doch, auf Weiberart der Heimat und den Menschen Ferslands zu dienen, wie es die Mannsleute mit Waffen taten. Doch der Rotschopf hatte neben dieser heißen, stolzen Ader auch schon immer eine sanfte und fürsorgliche Seite. Zwei Herzen schlagen in ihrer Brust, und Elskes dankbarer Blick träufelt gerade Balsam in eines der beiden. "Aber natürlich wird alles gut werden" versichert sie erleichtert. "Wie viele junge Weiber haben es vor dir schon überstanden – und bestimmt hatten sie auch alle zuvor Angst." Ihr Lächeln wird allerdings etwas gequält, als ihr Gegenüber zu einem etwas heiklen Thema übergeht und mit der Unbefangenheit eines Kindes über die Vorzüge weiblicher Körper und die dahingehende Neigung der Männer redet. "J... ja, da bin ich... auch sicher" stottert sie und fühlt Blut in ihre Wangen schießen. Ihr Ahnen, das kann doch nicht wahr sein..! Haben die Leute auf den Inseln denn gar keine Bedenken, so offen über derlei zu sprechen..?! Nicht einmal die Gegenwart der älteren Weiber – teilweise würdige Matronen – scheint Elskes Redefluss zu hemmen.

Und dann... wie kommt sie dazu, Lîf als flach zu bezeichnen?! Unauffällig schielt die angehende drudkvinde an sich hinunter und vergleicht mit den anderen Weibern. Gut, sie ist deutlich schmaler gebaut als die robusten, breithüftigen Inselweiber und dementsprechend auch nicht so üppig, aber... ach, verflixt! Ärgerlich über sich selbst und ihre Eitelkeit räuspert sie sich und wirft in einer charakteristischen Geste ihren Kopf zurück. "Tristan und ich, wir sind glücklich miteinander" behauptet sie in einem derart bestimmten Ton, des es schon an Flunkerei grenzt. Denn sie hat zwar Momente, in denen sein Anblick allein etwas in ihr zum Schmelzen bringen kann, aber oft genug zeigt sie sich ihm gegenüber auch kratzbürstig, um die Nähe nicht größer werden zu lassen, als ihre Eigenwilligkeit gebietet. Sie seufzt lautlos, erwidert den Händedruck der Glücklichen und sagt sich, dass die Sitten hier nun einmal so sind. Und richtig: Auch Helga fängt plötzlich vom selben Thema an, und Lîfs Ärger über sich selbst wächst, als ihre Augen ganz von allein zu wandern beginnen und wiederum vergleichen, was sich dort unter dem Kleid abzeichnet und was bei ihr selbst. Und so sehr sie sich bemüht, sich der einfachen, kindlichen Art dieser Weiber überlegen zu fühlen: Das Ergebnis des Vergleichs nagt an ihrem Selbstbewusstsein...

Und ehe sie sich's versieht, hat sie sich zu Helga geneigt und leise wispernd gefragt: "Werden sie denn mit einem Kind ganz sicher größer..?" Natürlich hat sie niemals die Absicht, diese Piratenbande auch noch aus ihrem eigenen Schoß vergrößern zu helfen, wo ihr als Esjas Schülerin bereits die Rolle der Hebamme zugedacht ist. Es ist nur so ein Gedanke, der sie aus reiner Neugier interessiert, mehr nicht, keinesfalls! Er beschäftigt sie aber, unabhängig von Helgas Antwort, auch noch, als der Jarl seine Stimme erhebt und die Mädchen eilig zu ihrem Feuer zurückhuschen. Er beschäftigt sie sogar so stark, dass sie unbesonnen das Versprechen abgegeben hat, ihre Geschichte zu Ende zu erzählen. "Na, das kann ja was werden..." hat sie nur kurz gemurmelt, ehe sie verstohlen die Hände unter die bescheidenen Rundungen unter ihrem Kleid gelegt und sie leicht angehoben hat – der Sichtvergleich mit den anderen Weibern am Feuer fiel jedoch noch immer nicht zur Zufriedenheit aus. So ist der Aufmerksamkeit heischende Ruf Gisles ihr eine willkommene Ablenkung von ihren trüben Schlussfolgerungen, und sie merkt auf. Für sie, die noch nie eine derartige Versammlung erlebt hat, sind alle seine Worte neu und spannend. Ohne nachzudenken, stimmt sie in die Rufe der Weiber ein und fühlt sich von allen Seiten geherzt, wenn auch etwas rau. Verlegen grinst sie, nachdem sie von Gertrud gar einen Kuss bekommen hat, und meint: "Dank dir, Gertrud!" Und zu ihrer Verwunderung stellt sie fest, dass es in diesem Moment ein Gefühl von Geborgenheit gibt, sich zu dieser Gemeinschaft zugehörig zu fühlen.

Daraufhin fällt es ihr leichter, sich bei den Umarmungen ungezwungener zu geben und ihrerseits einige – wenn auch eher vorsichtige – Freundschaftsküsse auf die Wangen von Weibern zu verteilen, die ihr nur vage oder dem Namen nach bekannt sind. Dann wird wieder alles still und hört aufmerksam dem Jarl zu, auch Lîf. Kurz fragt sie sich wegen dieser Huldre, von denen man zuhause in Fersland in ihrer Gegenwart nie sprach. Doch ehe sie sich dazu durchgerungen hat, die andächtige Stille zu stören und Gertrud oder Sigrid leise danach zu fragen, drängt sich wieder jene andere Frage in den Vordergrund: Was soll das heißen, Gaya und die Huldre ehren..? Doch nicht etwa..?! Nein, unmöglich! Mit einem klammen Gefühl im Magen lässt sie ihre Zöpfe durch die schmalen Hände gleiten, die unmerklich zittern, als sie die roten, seidigen Stränge wiederholt streichelt, um sich zu beruhigen. Nein, nein, das muss etwas anderes bedeuten. So weit gehen auch diese Menschen nicht, da geht ihre angeheizte Fantasie mit ihr durch, ganz gewiss! Nur... warum haben alle so gejohlt und gewiehert..? Da werden ihre Gedanken von Tristans Ansprache unterbrochen, und sie fühlt Wärme in sich aufsteigen. Natürlich ist es Unsinn, aber sie hat das Gefühl, er spräche nur für sie allein. Als Elske sie mit einem zögerlichen Lächeln ansieht und ihre Blicke sich treffen, streckt Lîf ihr eine Hand hin, und die beiden jungen Weiber gehen Hand in Hand, sich gegenseitig Mut machend, zu einem der Feuer, die Tristan bezeichnet hat.

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #44 am: 14.09.2017, 00:28:38 »
"Oh, ganz sicher! Das ist sogar das erste, was größer wird, lange vor deinem Bauch!" hat Helga noch kichernd geantwortet, dann war sie schon mit den anderen jungen Frauen davongehuscht. Elske aber, zu Lîfs Erstaunen, blieb zurück. Ob sie Lîfs Unbehagen bemerkte und nun andersherum ihre Trösterin trösten wollte? Zusammen eilen die zwei dann also, von Tristan aufgefordert, ebenfalls nach vorne. Nur kurz trifft sich Lîfs Blick mit dem ihres Gatten, kann er ihr kaum merklich zunicken, dann muss er sich schon um seinen Vortrag kümmern. Lîf bewundert seinen Mut, wie er so gänzlich unerschrocken vor die Meute tritt, bewaffnet mit nichts außer seiner Zauberstimme.

"Beginnen wir also mit der Brautwerbung: wann darf ein junger Bursche daran denken, sich ein Weib zu nehmen, und was muss er dazu tun? Nun, rechtlich gesehen darf jeder mündige Bursche, also der mindestens fünfzehn Jahre alt und waffenfähig ist, um eine Braut werben, doch auf dieser Grundlage allein braucht er sich keine Hoffnungen zu machen. Selbstverständlich wird erwartet, dass er zunächst ein eigenes Auskommen erwirbt, sprich: dass er in Besitz von Haus und Hof ist oder aber, als tüchtiger Handwerker, von Haus und Werkstatt, mindestens aber muss ihm dies oder jenes in Aussicht stehen, etwa dass der Vater versichert, in drei Jahren werde er sich auf das Altenteil zurückziehen, dann dürfe der Sohn übernehmen. Wie komme ich auf drei Jahre? So lange darf ein Verlöbnis höchstens dauern, länger kann nämlich von keinem Weib erwartet werden, dass es sich für einen Burschen freihält. Hat ein Bursche also ein Aug' auf eine bestimmte Maid geworfen und fürchtet, in drei Jahren kommt ihm gewiss einer zuvor, so möge er jetzt schon um sie werben. Im einen wie im anderen Falle geht er zu seinem Vater, so dieser noch lebt, oder dem ältesten Bruder und trägt sein Anliegen vor, worauf man sich gemeinsam zum Vater oder, ist dieser tot, zum Vormund des Mädchens begibt. Eine Ausnahme ist, der Heiratswillige ist bereits Witwer, als solcher mag er in eigener Sache verhandeln. Und dann beginnt das Feilschen.

Der Vater oder Vormund des Mädchens wird diese nur hergeben, wenn ihm eine Entschädigung für den Verlust ihrer Arbeitskraft geboten wird, also umso mehr, je tüchtiger sie ist, doch umso mehr hilft sie später ja auch dem Gatten, daher ist es so nur gerecht. Dies heißt man Ablöse. Als zweites wird der Vater aushandeln—und schon wird's auch für euch junge Weiber interessant, also merkt auf!—wie hoch nämlich der Erbteil seiner Tochter sein werde, sollte der Gatte vor ihr sterben, damit sie auch als Witwe versorgt sei. Dies ist der Brautschatz, welcher aus Vieh, Landbesitz oder Geld bestehen kann. Als drittes will eine Frau auch schöne und nützliche Dinge haben. Die nützlichen möge sie mit in die Ehe bringen, das sei ihre Heimsteuer—was also ihrem Erbteil am elterlichen Besitz entspricht, weshalb sie später den Geschwistern gegenüber keine weiteren Erbansprüche geltend machen kann—und besteht aus Hausrat, allerlei Dinge für ihren Gebrauch, möglich sind aber auch Vieh, Landgerät, Mägde oder Knechte. Die schönen Dinge aber soll ihr Bräutigam für sie bereithalten, um sie am Morgen nach der Hochzeit damit zu erfreuen: dies ist die Morgengabe. Schmuck mag dies sein, Pelze, schöne Stoffe, oder was immer das Weiberherz höherschlagen lässt. Diese drei Dinge: der Brautschatz, die Heimsteuer und die Morgengabe, gelten während der gesamten Ehe als Vermögen der Frau, das ihr Mann zwar nutzen und verwalten darf, nicht aber veräußern ohne ihre Zustimmung. Es macht gleichsam ihr Ehepfand aus, das sie als Witwe oder bei einer Scheidung auslösen kann, doch dazu kommen wir später. Wichtig ist hier nur: es ist ihr sicher, selbst wenn ihr Gatte Schulden macht, denn an das Vermögen der Frau dürfen seine Gläubiger nicht einmal in dem Fall, dass der Gatte bereits verstorben ist und also keine andere Hoffnung besteht, das Geld zurückzuerlangen als aus seinem Nachlass. Ihr seht, es ist alles gut und nützlich, was in diesem Vertrag ausgehandelt wird. Desweiteren verpflichtet sich darin der Vormund der Braut, sie zum ausgemachten Zeitpunkt herauszugeben, also seine Vormundschaft auf den Brautwerber zu übertragen, während der Brautwerber sich gleichermaßen verpflichtet, an diesem Tag zu erscheinen und sie abzuholen. Beide verpflichten sich natürlich, die ausgemachten Zahlungen und Schenkungen zu leisten. Besiegelt wird der Vertrag mit einem Abtrunk oder einem Gastmahl. Ab dann gilt es so und Gaja gnade dem, der diesen Vertrag brechen sollte. Das sicherste Rezept für eine blutige Sippenfehde wäre das! Also, Burschen, überlegt euch alles wohl, nehmt weder euer Maul zu voll, noch handelt vorschnell oder aus den falschen Gründen: sucht euch ein tüchtiges Mädchen, von dem ihr wohl glaubt, dass es euch brav zur Seite steht, euch Haus und Hof mit Fleiß und Verstand führt und euch viele prächtige Kinder wirft.

Der Verlöbnisvertrag ist aber nur der erste Rechtsakt, der eine gültige Ehe begründet und von denen man keinen auslassen sollte, will man jeglichen Zweifel an der Rechtsgültigkeit ausschließen. Der zweite Rechtsakt ist die Abholung der Braut durch den Bräutigam am vereinbarten Tag im Hause ihres Vormunds; der dritte, bei Ankunft auf seinem Hof, die Übergabe der Schlüssel und mit ihnen der Hausgewalt an seine Braut; der vierte das Hochzeitsmahl im Kreise der Verwandten und Freunde. Der fünfte und abschließende Rechtsakt ist nun der, den sowohl Braut als auch Bräutigam mit der größten Spannung oder auch banger Sorge erwarten: das Beilager. Erst hier wird, wie man sagt, die Ehe vollzogen. Wer von euch Weibern also bisweilen seufzt und sich fragt: 'Warum machen die Männer das alles unter sich aus, warum werde ich nicht oder allenfalls nebenbei nach meiner Meinung befragt?', denen möchte ich dies zum Trost sagen: nicht der Vertrag der Väter, den ich so lang und breit beschrieben habe, macht euch zum Weib eures Mannes, sondern ihr selbst tut dies in der Brautnacht. Indem ihr euch dem Mann unterwerft, tretet ihr in Wahrheit an seine Seite, erhebt euch zu seiner Rechtsgenossin. Ihr werdet Herrin über sein Haus, dürft in seinem Namen vielerlei Handel tätigen—zu den wenigen Ausnahmen kommen wir später—und ist er selbst auf Fahrt, verwaltet ihr Haus und Hof in eigener Person und ordnet dort alle Belange. In diesen wie auch in etlichen anderen Dingen dürft ihr im Namen eures Gatten sprechen, als hätte er es euch aufgetragen, und niemand wird es anzweifeln, auch nicht vor Gericht. Macht ihr einen Handel aus, der eurem Gatten missfällt, ist er dennoch daran gebunden. Im Privaten mag er euch die Leichtfertigkeit oder Eitelkeit oder was immer euch dazu verlockte mit einer zünftigen Tracht Prügel auszutreiben versuchen, auf dass sich dergleichen in Zukunft nicht wiederhole, nach außen hin muss er jedoch der von seiner Gattin in seinem Namen bereits eingegangenen Verpflichtung nachkommen. Ihr seht: wie euer Vater zuvor ist euer Mann nun der Hausherr, doch standet ihr als Tochter weit unter diesem, so steht ihr als Weib an seiner Seite. Damit sind eine Vielzahl Rechte verbunden, vor allem aber eine große Verantwortung und neue Pflichten. Über Sitte und Moral der Hausgenossen führt ab sofort ihr die Aufsicht, nicht mehr die Mutter, gibt es Streitigkeiten im Haus, habt ihr zu schlichten, dem Gesinde erteilt ihr die Weisungen, die Kinder schulden euch Gehorsam, und nur ein einziger kann euch selbst noch in eurem Hause befehlen, nämlich euer Mann. Ihm habt ihr zu gehorchen, denn er sorgt für euren Schutz und haftet vor Gericht für eure Vergehen wie zuvor der Vater. Als Eheweib sollt ihr ihm treu, fleißig, sparsam und zuverlässig zur Seite zu stehen, euch als seine Genossin in allen Mühen und Gefahren sehen, welche mit ihm zusammen die Stürme des Schicksals durchsteht und alle Klippen, die im aufgewühlten Meer lauern, sicher umschifft."


Diesen Vortrag kann Tristan tatsächlich an einem Stück vortragen, nicht ein einziger Zwischenruf unterbricht ihn dabei. Dass seine jungen Zuhörer diverse Gemütsbekundungen von sich geben, von Kichern bis hin zu erschrockenen Lauten, und an den übrigen zehn Feuern die Leute derweil eifrig untereinander, wenn auch murmelnd, konversieren, stört ja niemanden. Letzteres muss man sogar als Kompliment verstehen, bezeugt es doch das Vertrauen der Rechtsgemeinde in ihren Gesetzessprecher, dass niemand auf Fehler achtet oder mit Fehlern rechnet. Nun ja, immerhin hält Tristan diesen Vortrag auch bereits seit sechzehn Jahren. Zudem handelt es sich um kein kontroverses Thema, welches er da vorträgt, zumindest nicht bei den Alten, die nämlich wissen, dass Gesetze nur soviel festlegen, das Leben aber den Rest, und so ist es erst recht in der Ehe: das Zusammenspiel, das tatsächliche Kräfteverhältnis, das handelt jedes Ehepaar unter sich aus.

Doch erst einmal blickt Tristan, Stimme eines seit Jahrhunderten überlieferten Rechtes, mit strenger Autorität von einem jungen Weib zum nächsten und erkundigt sich dann: "Bevor wir als nächstes wieder zu den Burschen kommen: ist dies alles verständlich gewesen? Gibt es Fragen?"
« Letzte Änderung: 14.09.2017, 11:08:34 von Tristan »

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