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Autor Thema: Das Disenthing  (Gelesen 4591 mal)

Beschreibung: Kapitel 1

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Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #90 am: 09.01.2018, 09:27:43 »
"Neid? Oh, wünsch dir nur keinen Neid von anderen, nicht für dich noch deine Töchter, weder von anderen Frauen noch von Männern. Wieviel Leid, wieviel böses Blut entsteht durch Neid, wieviele Sippenfehden hat er schon ausgelöst!"

Lîfs Zuwendungen nimmt die Alte wortlos, aber mit sichtlichem Wohlwollen auf. Als die Schülerin sie nach ihrer Jugend, ihren Liebhabern ausfragt, mischt sich ein sehnsüchtiger, in die Ferne gerichteter Blick mit verträumt glänzenden Augen.

"Oh ja, ich hatte einen feurigen Liebsten. Schön, groß, kräftig, und bei Gaja welche Leidenschaft! Wenn dir das mit dem Kinderwunsch ernst ist, dann sollst du ihn übermorgen kennenlernen!"

Noch eine geraume Weile sitzt die Alte da mit träumendem Blick, bis ihr Lîfs verwirrter, nein, alarmierter Gesichtsausdruck auffällt.

"Oh, damit meinte ich jetzt nicht, was du dir vielleicht denkst!" beeilt Esja sich zu erklären. "Aber dazu muss ich wohl die ganze Geschichte erzählen." Sie reibt sich die Augen, seufzt und setzt sich wieder etwas aufrechter hin. "Mein Vater war Kaufmann auf Albion. Meine Jugend verlebte ich dort, an der Westküste. Auf Albion gibt es zwar 'Herzöge' und 'Fürsten', seit Jork Kuijt diese fränkische Unsitte bei uns eingeführt hat, aber die wahre Macht halten noch immer unsere Druiden in den Händen. In meiner Heimatregion etwa war der Fürst gleichzeitig auch ein Druide. Dryaden, das sagte ich ja schon, gibt es auf Albion viele, also auch viele Kinder, die sich für die Druidenausbildung eignen. Jedes Jahr auf dem midsommerblót testet ein Druide die Kinder auf den Dörfern, im Alter zwischen acht und zehn, ob sich darunter nicht ein oder zwei Baumkinder befänden. Nun, bei solcher Gelegenheit wurde auch erkannt, dass ich eines war, doch wollte mein Vater mich nicht zu den Druiden schicken, welche auch nicht darauf beharrten, denn sie hatten genügend Nachwuchs für ihren Zirkel und mein Feenblut war ihrer Meinung nach gerade einmal mittelmäßig, im Vergleich mit den anderen. Ich blieb also daheim. Vorher war ich glücklich, unbekümmert, jetzt auf einmal fehlte mir etwas. Etwas, das ich niemals besessen, niemals auch nur gekostet hatte, fehlte mir! So sehr, dass ich an kaum etwas anderes denken konnte. Ich wollte, musste der Großen Mutter dienen! Nun, die Jahre vergingen. Sagte ich schon, dass Vater ein Kaufmann war? Ein mutiger Seefahrer. Jedes Jahr fuhr er los, und wir, seine Familie, hockten daheim genau wie die Frauen und Kinder hier auf den Inseln und wussten nicht, sehen wir ihn je wieder oder holt ihn die See oder der Rûngarder Pirat. Als ich fünfzehn war, im Frühjahr, eröffnete er mir dann, dass er mir einen Ehemann ausgesucht hätte. Den Ehevertrag hätte er auf der letzten Fahrt geschlossen, jetzt müsse er mich nur noch meinem Gatten zuführen. Der sollte nämlich ein Franke sein! Denn in den beiden Jahren zuvor hatte mein Vater auf seinen Fahrten das ferne Frankia angesteuert, auf der Suche nach neuen Geschäften, nach gewinnbringenden Kontakten und Handelsbeziehungen. Um ein solches Geschäft, eine solche Beziehung zu besiegeln, dafür fiel ihm und seinem neuen Handelspartner also ein, die älteste Tochter des einen dem ältesten Sohn des anderen zur Frau zu geben. Im fremden Frankia sollte ich leben, wo ganz andere Sitten herrschen, ein ganz anderer Glaube, und die Frau viel weniger Rechte hat als bei uns in Albion! Halt, jetzt spielt meine Erinnerung mir einen Streich. Diese Dinge wusste ich damals noch gar nicht, aber Angst vor der Fremde hatte ich trotzdem sehr große.

Nun, ich sollte niemals in Frankia ankommen. Als mein Vater mich nämlich mit auf die Reise nahm, da gerieten wir—obwohl es Sommer war und eigentlich nicht die Zeit der großen Stürme—in ein fürchterliches Unwetter. Um es kurz zu machen: Vaters Schiff sank mit ihm und der gesamten Mannschaft. Auch ich fand mich in der aufgewühlten See wieder, in eisigem Wasser, und die Sinne schwanden mir. Das letzte, was ich erblickte, war eine ganze Schar Robben, die mich eifrig umschwärmten, mich hochdrückten über Wasser, mich davontrugen... Ich wachte an einem Strand auf, eng umkuschelt von mehreren dieser Tiere. Ich setzte mich auf und sah, dass der ganze Strand in beide Richtungen und bis hoch ans Ufer hinauf über und über von Robben besetzt war. Vögel flogen kreischend über uns her, segelten übers Land oder tief über dem Wasser, stürzten in dieses hinab, um mit einem Schnabel voll Fischen wieder aufzutauchen... Aber weit und breit kein Mensch in Sicht. Dachte ich, doch als ich den Blick vom Wasser und dem Himmel wieder dem Land zukehrte, erblickte ich plötzlich überall, nackt zwischen den Robben liegend, Weiblein und Männlein bunt durcheinander... Menschen? Wie konnten das Menschen sein? Nun ja, ich erfuhr rasch, dass es keine Menschen waren, sondern wie du dir vielleicht schon gedacht hast, Selkies. Also, die meisten der Robben waren tatsächlich Robben, so an die dreihundert von ihnen aber eben Selkies. Und wir befanden uns genau hier, wo du und ich uns heute befinden, auf Wodland.

Den Sommer verbrachte ich mit den Selkies. Sie hatten sogar einige Hütten an Land, die sie in Menschengestalt nutzten. Doch als der Herbst sich ankündigte und das Wetter sich von seiner kalten, stürmischen Seite zu zeigen begann, wurden sie unruhig. Denn Selkies bleiben des Winters nicht auf ihren Inseln sondern ziehen als Robben und mit diesen zusammen durchs Meer. Um mich machten sie sich deshalb große Sorgen. Ganz gewiss würde ich den Winter nicht allein auf der Insel überleben. Mitnehmen konnten sie mich nicht, denn so sehr sie versucht hatten, mir beizubringen, die Gestalt einer Robbe anzunehmen, es gelang mir einfach nicht. Jemanden bei mir zurücklassen stand ebenso außer Frage, und sie konnten mich auch nicht übers Meer tragen an ein Land, in dem Menschen wohnten—sonst hätten sie es längst—weil Menschen Jagd auf Robben machten und einen der ihren nicht von den Tieren unterscheiden könnten und das Risiko wollte man für mich dann doch nicht eingehen. Verzweifelt fragte ich sie, ob denn auf der ganzen Insel, von der ich erst einen kleinen Bereich gesehen hatte, denn niemand sonst lebe! Da gaben sie ein wenig widerwillig zu: Doch, es gäbe noch eine andere Feenart auf Wodland, aber mit denen käme man nicht so gut aus. Warum, fragte ich, was ist vorgefallen? Aber es war auch hier so wie bei leider nur allzu vielen Fehden: so richtig einen schlimmen Vorfall zwischen den beiden hat es nie gegeben. Irgendwas mit Gebietsgrenzen, die hin und wieder überschritten würden, mit Vodyanoi-Männern, die Selkiefrauen zu nahe kämen. Das erträgt ein Selkiemann nämlich nicht: wenn einer anderer Mann, auch der eigenen Art, sich seinen Weibchen, von denen er gleich Dutzende die Seinen nennt, auch nur auf zwanzig Schritt nähert. 'Vor den Vodyanoi-Kerlen musst du dich in Acht nehmen!' warnten sie mich. Trotzdem gaben sie nach einer Weile zu, dass diese Tümpelplanscher meine einzige Hoffnung waren. Und so brachten sie mich zu den Vodyanoi. Und dort traf ich den Vater meiner vier Töchter."


Für einen Moment kehrt Esjas Blick sich ins Innere, als sie lächelnd zurückdenkt an diese Begegnung, doch als sie fortfährt, ist ihre Stimme nicht verträumt, sondern sachlich, wie es sich für eine Lehrmeisterin gehört.

"Die Vodyanoi sind, wie die Selkies, eine der wenigen Feenarten, die in einer Gemeinschaft aus zwei Geschlechtern zusammenleben, auch wenn bei ihnen, anders als bei den Selkies, die Männer in der Überzahl sind. Etwa zehn zu eins zählte ich damals. Das liegt daran, dass die beiden Geschlechter sich zwar miteinander fortpflanzen können, doch dieser Nachwuchs ist stets männlich. Nur, wenn sie sich mit Kurzlebigen paaren, werden ihnen Mädchen geboren! Und den Vodyanoi war schon lange kein Mädchen mehr geboren worden, oder nur ganz selten einmal, wenn sie jemanden wie mich aus dem Meer fischten. Früher hätten sie regelmäßig Kontakt zu Kurzlebigen gehabt, erklärte mir mein Kirrin, etwa zu denen, die vor uns Menschen auf Albion lebten, und als diese verschwanden, hätte man sich die folgenden Jahrhunderte mit einem unter Wasser hausenden Volk von Kurzlebigen gepaart, die sich ha-iakdo nannten. Doch auch diese haben sich mit der Zeit immer weiter zurückgezogen, entweder tiefer hinunter oder weiter hinaus ins Meer. Die Vodyanoi können nämlich im Wasser so gut atmen und sich bewegen wie an Land, aber sie können nicht beliebig tief ins Meer hinaus noch hinab, und ertragen Salzwasser überhaupt nur mit Mühe und für kurze Zeit, also konnten sie den ha-iakdo nicht folgen. Und deshalb würden ihnen halt nur noch so wenige Mädchen geboren, seien sie abhängig davon, dass ein Schiffbruch ihnen dann und wann geeignete Paarungspartner an Land spüle. Meist seien dies ja Männer, selten einmal ein Weib wie ich.

Mehrere Jahre lebte ich auf Wodland. Drei Mädchen gebar ich Kirrin. Mit den Selkies hielt ich des Sommers ebenfalls Kontakt. Von ihnen lernte ich viel über Gaja und meine Kräfte, mehr als von den Vodyanoi, wie ich gestehen muss. Doch so allmählich sehnte ich mich doch unter die Menschen zurück. So gern ich meinen Kirrin hatte: ihm jedes Jahr ein Balg zu werfen, wurde mir doch ein wenig viel. Und so glücklich ich mit ihm war, so sehr ich im ersten Moment erschrak, als ich die vielen Schiffbrüchigen sah, die sich eines Frühjahrs an den Strand retteten, so froh und erleichtert war ich dann doch.

Um eine lange Geschichte etwas kürzer zu machen: Es war ein Rûngarder Drache, den der Frühjahrssturm auf unsere Klippen geworfen hatte, und als wenige Tage später weitere Drachen auftauchten, um die Schiffbrüchigen zu retten, zog ich mit ihnen.

Da habe ich jetzt viel übersprungen. Natürlich habe ich einen gewaltigen Eindruck auf die Männer gemacht, als ich ihnen erschien, hochschwanger mit Kirrins vierter Tochter, der einzigen, die ich behalten durfte, gerade so, als sei ich selbst eine der huldrer von Wodland, welches sie nur als verfluchtes, von gefährlichen Wesen bewohntes Eiland kannten! Übersprungen habe ich auch, wie ich zwischen den Rûngardern, den Selkies und den Vodyanoi verhandelt habe. Die Selkies wie die Vodyanoi hätten die Männer nämlich am liebsten gleich totgeschlagen! Zu viele, zu gefährlich... Doch ich konnte ein Blutbad verhindern. Mehr noch: es wurde Zusammenarbeit beschlossen. Jeder hatte nämlich, so wie ich das sah, dem anderen etwas zu bieten. Da hat sich die Kaufmannstochter gezeigt, denke ich. Die Rûngarder könnten Wodland vor anderen Menschen schützen helfen. Ihr schrecklicher Ruf würde andere Seefahrer, wenn diese erführen, dass Rûngarder hier ihr Unwesen treiben, aus dieser Gegend fernhalten. Das wäre gut besonders für die Selkies, die stets Angst vor Jägern hatten. Die Vodyanoi aber brauchten doch jemanden, der mit ihnen Weibchen zeugte! Nun, damit würde so eine Drachenmannschaft gewiss nur allzu gerne aushelfen! Die Rûngarder aber mussten eben ihren Schutz versprechen, den regelmäßigen Besuch zur Paarungszeit der Vodyanoi-Weibchen, und natürlich, dass sie selbst hier nicht jagen würden oder in den Gewässern ringsum. Und die Rûngarder bekamen dafür von den Selkies zugesichert, dass, wenn man einen ihrer Drachen in Seenot entdecke, man die schiffbrüchige Mannschaft stets ans nächstgelegene Ufer brächte. Die Vodyanoi aber erlaubten ihnen, auch Frau und Kinder mit nach Wodland zu bringen, um hier in den warmen Quellen zu baden, was nämlich sehr wohltuend sei und förderlich für die Gesundheit. Und so entstand also der Brauch, das Diseblót—was in die erwähnte Paarungszeit fiel—hier auf Wodland zu begehen, mit den Männern, aber auch allen verheirateten oder verlobten Frauen. Die Selkies aber schicken Abgesandte auf unser Sejrsblót, um den seinerzeit beschlossenen Handel erneut zu bekräftigen und unser Teil einzufordern, um also einerseits in etwa unsere geplanten Routen zu erfahren, damit sie ein Auge auf unsere Drachen haben, und im Gegenzug dafür von uns zu erfahren, was wir über die aktuelle Lage in den hiesigen Gewässern wissen, ob wir also im vergangenen Jahr Bedrohungen (für die Selkies) gebannt oder von neuen erfahren hätten. Ein wenig skeptisch, ob das klappen könnte, waren damals alle Beteiligten. Kein einziger aber hätte es für möglich, dass dieser Handel bald fünfzig Jahre später noch steht und bestens funktioniert! Das erzähle ich dir alles so ausführlich, weil du einmal, wenn ich nicht mehr bin, dafür sorgen musst, dass alles auch glücklich so weitergeht.

Und damit habe ich wohl auch deine Frage jetzt vollständig beantwortet. Ich kehrte mit den Rûngardern auf ihre Insel zurück. Meine Tochter wurde auf Jarlsö geboren und zwar, weil sie ihren ersten Atemzug an der kalten Luft und nicht im warmen, heilenden Wasser der väterlichen Quelle tat, mehr als Mensch denn als Vodyanoi. Auch die Kiemen, die sie bei ihrer Geburt noch hatte, bildeten sich rasch zurück, ihre zunächst blassgraue Haut bräunte mit den Jahren an der Sonne zu einem frischeren Ton. Mit zehn sah sie fast so aus wie ein ganz normales Menschenmädchen, mit siebzehn heiratete sie Ansgar, der damals noch zwei Augen hatte und dem sie erst einen Sohn, dann nach etlichen Fehl- oder Totgeburten eine Tochter gebar. Vor sieben Jahren, sie war inzwischen geschieden, nahm Eyvind Graumantel sie zur fridla, was damals noch ging, heute aber nur noch den Witwen und alten Jungfern erlaubt ist, aber keinem geschiedenen Weib. Zwei Jahre später gebar sie Eyvind dann eine Tochter, doch das Glück währte nicht lang für meine Kirsa. Vor drei Jahren erlitt sie nämlich den Tod, der mir selbst dank der Selkies erspart blieb, und irgendwie hat es sich so angefühlt, als schlösse sich ein Kreis. Vielleicht war es vorbestimmt. Ach, aber sie war eine gute drudkvinde und wäre mir eine würdige Nachfolgerin gewesen! Ihr Sohn hat nie das geringste Interesse daran gezeigt. Mit fünfzehn zog er mit den anderen Männern auf Fahrt, mit zwanzig kehrte er nicht mehr heim. Kirsas erste Tochter lebt noch, ist fast so alt wie du, aber ein grobes Stück wie ihr Vater: neidisch, gehässig, bequem und eitel, sie nimmt lieber als dass sie gibt... Jetzt muss ich innehalten, bevor ich noch bösere Dinge über meine Enkelin sage. Die Eigenschaften wären vielleicht auch leichter zu ertragen, wenn ich nicht mehr von ihr erwartet hätte, als dass eines Tages ein Mann sie zur Frau nähme. Dann hätte sie meine Erwartungen aufs beste erfüllt, denn sie ist hübsch und kann den Männern noch hübschere Augen machen und es hat schon einer den Ansgar um ihre Hand gebeten, nächstes Jahr im Herbst ist Hochzeit. Aber zur drudkvinde taugt sie nun einmal nicht, daher meine Enttäuschung! Kirsas Jüngste aber ist gerade einmal fünf. Vielleicht habe ich Glück und kann ihre Ausbildung noch beginnen, in fünf Jahren, aber du, mein Kind, du musst mir versprechen, dass du sie zu Ende führst."


Eine kalte, trockene Hand legt sich auf Lîfs Wange, zieht ihr Gesicht empor; graue, ein wenig trübe Augen schauen bittend in die ihren.

"Sie ist ein liebes Mädchen, die kleine Siri", versichert die Alte dabei. "Der Anuk, Sigrids und Eyvinds ältester Tochter, habe ich das Kind anvertraut, denn im selben Jahr wie meine Kirsa behielt das Meer auch Anuks Mann Flake für sich, keine drei Jahre waren die beiden zusammen, und das erste Kind war gerade geboren! Da ist die kleine Siri der Anuk Trost und inzwischen auch Hilfe, wie natürlich umgekehrt. Sie wird dir gewiss eine gelehrige Schülerin sein und eine große Hilfe."
« Letzte Änderung: 10.01.2018, 12:33:04 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #91 am: 10.01.2018, 11:31:29 »
Esjas weiser Ratschlag, nicht den Neid anderer herbeizuwünschen, ist bei ihrer nachfolgenden Erzählung rasch vergessen. Im Gegensatz zu der Alten ist Lîf ganz und gar nicht müde: Gebannt hängt sie an den Lippen ihrer Lehrmeisterin, als die von dem feurigen Mann spricht, der sie einst glücklich machte. Was Wunder, wenn der Rotschopf ganz automatisch Parallelen zu Tristan zieht, sich den Liebhaber einer jüngeren, rosigen Esja so vorstellt wie ihn? Sie lächelt sanft, als sie den träumerischen Blick sieht, mit dem die Greisin sich erinnert. Unschwer zu erraten, dass sie in Gedanken wieder zu einem gesunden, frischen jungen Weib wird und ihren Liebsten vor sich sieht. Behutsam reibt und wärmt Lîf ihre welken Hände – und wer weiß, vielleicht werden die schmalen Finger der jungen drudkvinde ja in Esjas Herzen für einen oder zwei Herzschläge zu den kräftigen, sehnigen Händen jenes Mannes...

Lîf selbst nimmt teil an der Reise der jungen Esja, die sie so sehr an ihr eigenes Schicksal erinnert. Ist es wohl immer so, dass Eltern ihren Töchtern einen Mann vor die Nase setzen müssen, statt sie ihren Weg finden zu lassen? Aber wie könnten sie auch anders! Gerechterweise muss sie zugeben, dass Vater und Mutter auch nur das Beste für ihren Nachwuchs wollen, und was wäre besser für ein junges Weib als ein guter Mann? Wie sollen sie nachempfinden können, wie einem das Herz klingt und wie man Flügel zu bekommen scheint, wenn einen die Große Mutter ruft! Esjas Erlebnisse sind, auf gewisse Weise, ein Spiegel ihrer eigenen, wie sie erstaunt feststellt. Sind es bei ihr die Männer von den Inseln, die sie entführten und in ein unbekanntes Land brachten, wo sie letztlich doch ein Heim – und vor allem, einen Mann – fand, so waren es bei der Greisin seinerzeit die Selkies und Vodyanoi. "Vier Töchter..!" haucht Lîf leise. Gewiss ein Segen für die Feenblütigen – doch dass Esja nur ein einziges ihrer Kinder behalten durfte, dünkt sie sehr hart.

Darum nickt sie auch sofort, als Esja sie zu ihrer Überraschung um etwas bittet. "Ja, Mor, ich verspreche es: Wenn ich kann, werde ich ihr weitergeben, was du mich lehrst!" Sie fasst Esjas Hand und drückt sie fest zur Bekräftigung ihres Versprechens. "Ich will sie behandeln, als wäre sie meine eigne Tochter" versichert sie gerührt. Dann wird ihr Lächeln wärmer, und sie sagt sanft: "Du bist müde, Mor – ich habe dich mit meinen Fragen so lange wach gehalten! Komm, du musst dich ausruhen." Womit sie aufsteht und Anstalten macht, der Alten zu helfen. Liebevoll stützt sie die Greisin, redet munter auf sie ein, als habe sie es selbst mit einem Kind zu tun. Dabei lässt es das junge Weib jedoch nicht an dem Respekt für die Ältere und die Lehrmeisterin fehlen – nur das Bestreben, die gebrechliche Esja zu bemuttern, geht vielleicht ein wenig durch mit Lîf, der noch immer die Geschichten im Kopf umherschwirren, und besonders eine Sache, die sie tief bewegt hat: Der Gedanke an Kinder. Eigene Kinder – ihre und Tristans.

Ihr Leib ist in der Lage, das größte Geschenk der Göttin hervorzubringen, und sie verspürt den Wunsch, dies zu tun. Das ist ihr zum ersten Mal ganz klar geworden. Das mag auch der Grund dafür sein, dass ihr doch noch eine Frage über die Lippen kommt, ganz unwillkürlich: "Wie meintest du das, als du vorhin sagtest, ich solle ihn übermorgen kennenlernen, Mor?"

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #92 am: 14.01.2018, 19:55:02 »
Esja grunzt ein paarmal und versucht wohl auch, Lîfs allzu eifrigen Handreichungen wegzuwischen, und murmelt gar, "Kind, lass gut sein, bin doch noch keine Tattergreisin!", ohne deren Eifer dämpfen zu können. Schließlich lässt sie das meiste mit sich geschehen, da eine Gegenwehr dann doch zu anstrengend ist. Also Lîf doch noch eine letzte Frage hat, stürzt Esja sich auf diese Gelegenheit, von sich abzulenken und so hoffentlich der überbordenden Fürsorge der Schülerin zu entgehen.

"Na, auf dem Diseblót, da wird er sein! Noch genauso herrlich anzuschauen wie damals! Aber er plantscht eben nicht in dem großen Tümpel mit all dem gewöhnlichen Volk, sondern bleibt in seiner Höhle, wo es viele kleine Tümpel gibt und nur Unn, Aud, ich und die drei Disen Zutritt haben und fünf Paare, die sich besonders dringend Kinder wünschen. Deshalb sagte ich, dass du ihn nur zu Gesicht bekommst, wenn du vortrittst und—"

Da wird plötzlich die Tür aufgestoßen. Ein Schwall kalter Luft durchschwemmt die Stube, Stiefel poltern gegen die Türschwelle, Männer ächzen unter einer Last. (Die herannahenden Schritte und Stimmen hat sie zwar gehört, aber ignoriert, davon ausgehend, auch diese würden an Esjas Hütte vorbei in Richtung der Langhäuser ziehen.) Lîf wirbelt herum und erblickt als erstes einen breiten Rücken. Der dazugehörige Mann—Ansgar—stolpert rückwärts herein. Einen Verletzten—oder Toten?—hat er an den Füßen gepackt, während Björn den Oberkörper trägt. Björn wie auch der Verletzte sind blutbesudelt; der rechte Arm des letzteren endet knapp oberhalb des Ellbogens in einem mit blutdurchtränktem Stoff umwickelten Stumpf. Es sieht so aus, als wäre Thorstein zum ersten Mal in seinem Leben, wenn man seiner Prahlerei auf der Thingstätte glauben darf, seinem Vetter im Zweikampf unterlegen.

Ansgar und Björn tragen ihre Last sofort in den Nebenraum, in welchem Esja am Abend zuvor die unvorsichtige Inga von ihrer Fischgräte befreit hat. Weitere Menschen drängen hinterdrein: Aud und Unn, ihre beiden Schülerinnen, die laut jammernde Rike, Ole, welcher Thorsteins Axt trägt, und zum Schluss endlich Tristan.
« Letzte Änderung: 16.01.2018, 11:09:46 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #93 am: 16.01.2018, 10:56:47 »
Mit einem verhaltenen Lächeln fährt Lîf fort, sich um die alte Frau zu kümmern. Es ist ein kindliches Vergnügen bei ihr daran zu bemerken, dass sie einen Bereich gefunden hat, in dem sie ihre Lehrmeisterin necken kann, ohne es im eigentlichen Sinn am nötigen Respekt fehlen zu lassen – wie ein kleines Mädchen, das sich damit amüsiert, mit den Zöpfen der entnervten Mutter zu spielen, während es gewinnend lächelt, um keinen Zorn aufkommen zu lassen. Es ist ein recht unschuldiger Spaß, den sie sich erlaubt, und so gibt sie auch endlich nach und erlöst Esja, als diese wieder zu erzählen anfängt. "Also werd ich ihn auch sehen, Mor!" stellt sie fröhlich fest. Der Beschreibung nach ein Anblick, der sich sehr lohnen wird. Die Voraussetzung allerdings... sie wird wohl Tristan beichten müssen, dass sich ihr Standpunkt geändert hat, was gemeinsame Kinder angeht. Das wird der stolzen jungen Frau recht schwer fallen. Sie räuspert sich verlegen und starrt zu Boden.

In diesem Moment drängen sich die Männer in die Hütte, und ihre Überlegungen sind in einem Wimpernschlag beiseite gewischt. Als sie erkennt, wen sie da bringen und wie es um Thorstein steht, wirft sie einen raschen Blick zu der alten drudkvinde. Was für ein Gesicht macht die erfahrene Esja? Wie schlimm ist es, wird er es überleben? Lîf erinnert sich ihrer Eide, die sie schon geleistet hat, ehe sie Esjas Schülerin wurde. In der Heimat, als sie sich den Heilerinnen anschloss. Obwohl es ihr den Magen umzudrehen droht, folgt sie den Männer und drängt die betreten schauenden Kerle beiseite. "Platz, macht Platz für Mor! Lasst sie durch!" fordert sie unerschrocken und schiebt Männer beiseite, die einen Kopf größer und doppelt so schwer sind wie sie. Dann zieht sie Rike an sich und nimmt sie in den Arm, um sie zu trösten und zugleich der alten Esja aus dem Weg zu halten. Ihr schmerzvoller Blick streift Tristan, ehe sie ihre Aufmerksamkeit der Alten zuwendet, um ihrer Meisterin beizuspringen, sollte sie gebraucht werden.

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #94 am: 27.01.2018, 10:32:44 »
Wie Lîf da ein wenig zu aufgeregt zwischen allen hindurchläuft, um Platz für Esja zu schaffen, und dabei den Männern (die sich ganz und gar nicht beiseite schieben lassen) in den Weg gerät, fühlt sie sich irgendwann von ihrem Gatten sanft, aber bestimmt ergriffen und aus der Menge gezogen.

"Lass gut sein, Liebes, Aud und Unn haben ihn schon versorgt, sie sind genauso fähig wie unsere Esja. Es gibt hier nichts mehr zu tun, komm, lass uns gehen." Und er steuert sein junges Weib Richtung Tür.

Bevor sie diese erreichen, werden sie von der alten Heilerin noch einmal aufgehalten. Sie fasst Lîfs Unterarm und am Arm und sagt ihr leise: "Was ich dir vorhin alles erzählt habe—alles davon, hörst du?—ist Drudenwissen, geheimes Wissen, altes Wissen. Nichts davon darfst du vor Nichteingeweihten wiedergeben, Kind. Ist das klar?"

Für mehr als eine kurze Antwort bleibt Lîf keine Zeit, denn Tristan zieht sie weiter. Verärgert sieht er aus, erschöpft. Zuwider scheint ihm der ganze Aufzug hier, raus will er, seine Ruhe haben, der Unvernunft seiner Mitmenschen erst einmal entkommen. Esjas Worte ignorierend—vielleicht hat er sie auch gar nicht recht gehört—drängt er Lîf: "Jetzt komm schon!"

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #95 am: 28.01.2018, 13:28:54 »
Ein wenig Farbe hat der Rotschopf schon auf den Wangen bekommen, da sie kaum mehr Beachtung findet als ein Kind. Zu ihrem Leidwesen sind die Männer zu groß, um sie gegen ihren Willen zu bewegen, und auf ihre Worte scheint keiner viel zu geben. Das lässt in Lîf Empörung aufwallen. Dickschädelige Kerle..! Sie wünscht sich einmal mehr die Autorität ihrer Lehrmeisterin, muss aber einsehen, dass energischere Versuche nur dazu dienen könnten, sich zu blamieren. So folgt sie denn Tristan widerwillig, als der sie nimmt und zur Seite zieht. "Trotzdem, die Kerle hätten ihr wenigstens den nötigen Respekt zollen können" mault sie leise, während sie zur Tür geschoben wird.

Dort angelangt, stellt sie zu ihrer Überraschung fest, dass Esja eher Tristans Einschätzung zu teilen scheint und etwas anderes für wichtiger hält. Innehaltend lauscht sie der Alten und flüstert dann zurück: "Ja, Mor, ich werde daran denken. Bestimmt!" Mit einem respektvollen Knicks vor der drudkvinde folgt sie ihrem Mann ins Freie, wo kalte Luft sie umweht – frisch, aber auch scharf wie eine Messerklinge in die Haut schneidend. Nachdem sich die Türe hinter ihnen geschlossen hat, wird das Stimmengewirr aus der Hütte mit einem Schlag leiser. Der Atem von Mann und Weib bildet zwei Ketten kleiner Wölkchen, die nebeneinander in den Himmel aufsteigen. Fast fühlt es sich an, als seien sie tatsächlich ganz allein inmitten von Gayas weiter Natur.

"Du bist müde, Mann" sagt das junge Weib sanft, als sie so an Tristan hinauf schielt. "Zeit für die Felle." Als ihr die Doppeldeutigkeit ihrer Worte bewusst wird, prustet sie und kichert wie ein kleines Mädchen, während sie sich mit beiden Armen seinen Leib umfangend gegen ihn lehnt. All die vielen Dinge, die sie von Esja gehört hat, schwirren noch in ihrem Kopf herum, verwirren und beschäftigen sie und werden es wohl auch noch eine ganze Weile tun – da muss sich die Anspannung auf diese Weise Luft machen. Es erleichtert Lîf, zu lachen, und so klingt ihre Stimme glockenhell in den Nachthimmel, wo im Wind dahinjagende Wolken den Mond verdecken. Sie kichert haltlos, wird von dem jungen Weib wieder zum Mädchen, dessen Sorgen sich mit einem tiefen Durchatmen in dieser zauberhaften, wenn auch strengen Umgebung und mit einem heiteren Lachen noch in nichts auflösen können.

"Du, sag mal..." fängt sie in neckendem Ton an zu fragen, als sie plötzlich innehält und mit offenem Mund zu einer Gruppe von Bäumen in der Entfernung starrt. Dort tanzt, fahlblau in der Schwärze der Nacht, eine seltsame Leuchterscheinung über die Zweige. Völlig lautlos zucken kleine Blitze, schlagen von einem Baum zum nächsten über, mal hierhin, mal dorthin, als suche die zitternde Erscheinung nach etwas bestimmten. Eng schmiegt sich Lîf an den Skalden, die Augen weit aufgerissen, und flüstert: "Bei der gnädigen Mutter... was ist das, Tristan..?! Halt mich, ich hab' Angst..!" Vor ihren Augen setzen die Flämmchen und Blitze ihren bizarren, lautlosen Reigen fort, bis sie sich schließlich an der Spitze eines Baumes sammeln, zitternd und flackernd, hin und her tänzelnd. Von dort oben scheinen sie auf die beiden Menschenkinder hinabzuschauen wie diese zu ihnen hinauf. Es ist eine alte Bergulme, auf der das blaue Leuchten schwebt wie eine kleine Krone aus Licht.

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #96 am: 09.02.2018, 22:34:23 »
So müde ist Tristan, dass er zunächst nicht begreift, warum sein Weib auf einmal wie ein Mädchen kichert. Die sich dann doch noch einstellende Erkenntnis lässt ihn nicht etwa in ihre Fröhlichkeit einstimmen, sondern aufseufzend die Augen schließen, unter sachtem Kopfschütteln. Ihre Umarmung lässt er sich aber sehr wohl gefallen und zieht sie mit beiden Händen an dem dafür besonders geeigneten Körperteil noch näher zu sich heran. Das Gesicht vergräbt er dabei in ihrem Haar, das üppig unter ihrem Kopftuch hervorquillt.

"Ach Lîf", murmelt er, "es ärgert mich so. Schlimmer hätte die Sache nicht ausgehen können! Wäre einer der beiden tot, wäre das Problem wenigstens aus der Welt, aber so? Nichts ist geklärt, gar nichts, und es wird weitergären, der Streit. Dabei hätte es gar nicht so weit kommen müssen, die drei waren doch eigentlich mit ihrer Situation ganz zufrieden. Wenn man nur auf mich gehört hätte! Die Leute denken einfach nicht richtig über die Konsequenzen nach." Dann muss plötzlich auch er lachen. "Ha, schau nur. Der Herr Gesetzessprecher ist mal wieder erzürnt, weil das Volk die Gesetze nicht so auffasst, wie er sie auffasst. Denkt wohl, sie gehörten ihm, die Gesetze, anstatt allen zusammen, bloß weil es seine Aufgabe ist, sie immer brav aufzusagen!" Die Rede endet in einem frustrierten Schnaufen.

Arm in Arm ziehen also die beiden einträchtig durch die Nacht. Weit ist der Weg ja nicht von der Heilerhütte bis zu den Langhäusern. Eigentlich müssten sie längst da sein, fällt Lîf irgendwann auf, es liegen doch wirklich nur ein paar Schritte dazwischen. Doch wie sie sich jetzt umblickt, sieht sie weder Hütte noch Häuser. Ihr Mann hat ihrer beiden Schritte offenbar auf einen Umweg gelenkt, vielleicht weil er eine Atempause braucht, einen unbeobachteten Moment, um sein Gemüt abzuregen? Dafür spricht, wie tief, nein, befreit er die raue Nachtluft in die Lunge saugt, wie sehnsüchtig sein Blick in die Ferne geht, gerade so als könne er trotz Nachtschwärze einen Horizont erblicken. Lîf selbst weiß längst nicht mehr, wo sie sind und in welcher Richtung der Heimweg liegt.[1] Am Arm lenkt er sie sicher und hält sie ein paarmal, wenn sie stolpert oder ausrutscht. (Er selbst rutscht oder stolpert kein einziges Mal, wie macht er das bloß?)

Ein Nachtling, hat Esja gesagt. Sirenenspross. Hügelvolk. 'Freiheitsliebend ist das Hügelvolk, es braucht den Blick in die Ferne, die Weite des Horizontes, den gräserduftenden Wind im Gesicht...'

So sehr sie die Zweisamkeit genießt (die ihr dank Esjas Erläuterungen, und ihren eigenen Selbsterkenntnissen, so viel bedeutungsvoller scheint als noch am Vortag): allmählich vernimmt sie doch den Lockruf des wärmenden Feuer immer dringlicher. Wird ihrem Tristan denn gar nicht kalt? Doppelt so warm wie er ist sie eingepackt und zittert am ganzen Leib, während er leichtfüßig daherschlendert wie an einem lauen Sommertag.

'Den Nachtfeen gehört die Nacht, der Winter mit seiner Kälte und alle finsteren Orte...' tönt Esjas Stimme abermals in ihrem Kopf.[2]

Genau in dem Augenblick, wie Lîf an diese Worte denken muss, schreckt das geisterhafte Lichtspiel die beiden auf. Auch Tristan verfolgt den Spuk mit alarmiertem Blick und tritt dabei schützend vor sein Weib. Er hat so etwas also auch noch nicht erlebt.

"Ich weiß nicht", antwortet er daher auf ihre Frage. "Geister...? Davon hat es hier auf Wodland viele. Leshi heißen sie und alt sind sie, viel älter als unsere Ahnen, viele Jahrtausende. Keiner weiß, woher sie kommen." Er flüstert, als wolle er nicht von dem noch immer in der alten Ulme schwebenden Lichtgestalt gehört werden. "Es heißt, sie warnen vor Unheil. Manchmal wispern sie, aber niemand versteht ihre Worte."

Und er zieht seine Lîf noch ein wenig näher an sich heran und diesmal, wie sie meint, ebenso schützend wie ihren Schutz suchend. Dabei scheint er angestrengt zu lauschen.[3]
 1. Ja, ich weiß, Lîf kann den cantrip auch—aber nur, wenn sie ihn vorbereitet hat...
 2. Zu den beschriebenen Fähigkeiten: Dämmersicht hat Tristan eigentlich keine, das passte jetzt nur irgendwie von der Stimmung her. Wenigstens kann er niemals die Richtung verlieren und vor Fehltritten in schwierigem Gelände ist er auch gefeit, beides jeweils durch einen cantrip, von dem er gar nicht weiß, dass er ihn zaubert.
 3. Er lauscht (und späht) mit einer wahnwitzigen 8.
Von Leshi hat Lîf noch nie etwas gehört. An Geistern kennt sie nur die Ahnengeister und die Vergessenen.
« Letzte Änderung: 10.02.2018, 10:09:54 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #97 am: 15.02.2018, 10:42:41 »
Die Rede Tristans lässt Lîfs Lachen allmählich leiser werden. Mit einem nachsichtig-verständnisvollen Blick schlingt sie ihre Arme um ihn, wie er sie so an sich zieht. Ihre Züge sind weich, als sie über sein Haar streicht, sein Gesicht in dem ihren vergraben. Es ist schön, so mit ihm dahinzuwandern, denkt sie sich, und kuschelt sich eng an ihn, da der Frost doch empfindlich in ihre Haut beißt. "Du kommst doch auch mit mir aus – da werden dir doch die Dickschädel der anderen kaum mehr etwas ausmachen können" lächelt sie, auf ihre häufigen Streitigkeiten und den manchmal gar nicht so großen Sanftmut seiner Erwählten anspielend. Gelegentlich sieht sie sich um, versucht die Richtung herauszufinden, in die sie gehen. Doch wirklich beunruhigt ist sie nicht, geht doch da zum einen der Mann an ihrer Seite, der sie schützen wird, und fühlt sie sich zum anderem all dem Lebenden um sie herum so verbunden wie die Mutter dem Kind, die Schwester den Geschwistern. Die Natur, aus Gayas Schoß entsprungen... sie beide sind Teil dessen, gehören hierher. Es fühlt sich richtig an...

Bis auf die Kälte, die ihr langsam aber sicher in die Glieder kriecht. Sie erschauert, drängt sich noch dichter an ihn, und er mag in ihrem Haar den fernen Duft von Blüten wahrnehmen, das Aroma des Waldes, als sei sein Weib Blume, Baum, Blatt und Frucht zugleich. Ulmentochter, Baumweib, Gayasdienerin. Dieser Duft wird intensiver, süßer, wie eine erblühende Pflanze, als sie bebend ausatmend und kleine Dampfwölkchen ihre vollen Lippen verlassen, während ihr Blick gebannt auf dem Schauspiel der seltsamen Lichter ruht. Beide halten sie sich aneinander fest, während der Reigen der Flämmchen weitergeht, einzelne von Baum zu Baum überspringen. Und ist da nicht auch leises Gelächter zu hören? Stimmchen, dünner noch als von Kindern, wie von einem fernen Windhauch zu ihnen geweht? Ja, und als die beiden Menschenkinder realisieren, dass die kleinen Lichter überall um sie herum tanzen, glauben sie auch so etwas wie fröhlichen Gesang zu hören – untermalt von lockenden Rufen? Spott? Gutmütigem Necken? Nach düsteren Warnungen jedenfalls klingt es nicht, was sie hören, auch wenn das Geschehen nicht gerade beruhigend ist.

Denn was immer die Flämmchen sind: Sie vermitteln den Eindruck rastloser, unbesorgter Naturgeister, denen die beiden warmen, aneinandergeschmiegten Zuschauer vor allem ein netter Zeitvertreib zu sein scheinen. Immer näher tanzen die Lichtkugeln an die zwei heran, und schließlich sind in ihnen auch vage Umrisse zu erkennen: Wie winzige Menschlein sehen sie aus, spindeldürr und langgestreckt. Ungeborenen in ihren Fruchtblasen gleich bewegen sich die zierlichen Elfchen in dem hellen Flackern. Neckend klingt ihr Lachen nun auf, girrend umtanzen sie Tristan und Lîf, hüpfen über Tristans Stiefel, ziehen spielerisch an den Rocksäumen seines Weibes. "Sie sind... wunderschön!" haucht Lîf, fasziniert von dem Schauspiel. Es ist nichts zu spüren bei den Annäherungen der leuchtenden Wesen, als seien sie bloße Illusionen. Und doch meinen die beiden eine eigenartige Wärme zu empfinden, wo sie von ihnen berührt wurden. Dann atmet Lîf scharf ein: Eines der flackernden Flämmchen ist an ihren Röcken empor gewandert und zittert nun auf ihrer Schulter!

Tristan sieht ein gelbes Leuchten, das mit einem Mal aufscheint und ihre Züge in warmes Licht taucht. Lîf schaut ihn an, erschrocken, verblüfft, ratlos. Einige Herzschläge lang verweilt das Lichtchen auf ihr, dann rollt es über ihren Arm hinab und hüpft scheinbar schwerelos auf ihn über. Im selben Moment weiten sich Lîfs Augen, und sie deutet auf Tristans Kopf. Dort flackert ein zweites Flämmchen, das er, von dem Schauspiel bei seinem Weib gefangen, erst jetzt selbst bemerkt. Ehe die beiden sich rühren können, haben die Lichter sich vereint und hüpfen als zitternde Doppelflamme in den Schnee, wo sie sich flink wie Eichhörnchen bewegen, um zu den übrigen zurück zu tanzen. Der Gesichtausdruck des Rotschopfs zeigt, dass sie tief bewegt ist. Ein frommer Schauder scheint über sie zu kommen. Sie legt eine Hand auf ihren Bauch und bewegt die Lippen einige Male, ohne dass ein Laut zu hören wäre. "Was ist geschehen..?!" fragt sie schließlich flüsternd.
« Letzte Änderung: 15.02.2018, 10:43:16 von Lîf »

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #98 am: 08.03.2018, 22:08:26 »
"Mit dir auskommen? Ja, wieso sollte ich das denn nicht? Du hörst zum Schluss ja doch auf guten Rat und lässt dich mit vernünftigen Worten zur Einsicht bringen." Dies spricht ihr Gatte ohne eine Miene zu verziehen, sodass Lîf nicht sagen kann, ob er sie aufzieht oder allen Ernstes glaubt, jede der ehelichen Auseinandersetzungen bislang für sich entschieden und in allem sein junges Weib zur eigenen Meinung bekehrt zu haben. "Außerdem, wenn eine so hübsch ist wie du, dann verzeiht man ihr viel." Der Kuss auf die Nasenspitze lässt auf Schalk hoffen, der ernsthafte Ton daran zweifeln. "Und deine Stimme höre ich sogar dann noch gerne, wenn du wie ein Rohrspatz schimpfst. Nur unter Leuten solltest du ein bisschen besser darauf achtgeben, was du sagst oder tust, welche Folgen das haben könnte, wen du damit verletzen oder vor den Kopf stoßen könntest, ob du mich damit in Bedrängnis bringst. Einen Ruf, den man erst einmal hat, wird man nicht so schnell wieder los! Aber du bist ja noch sehr jung, das wirst du gewiss noch lernen." Ach herrje, sag bloß, er meint das alles ernst? "Überhaupt hast du dich schon sehr verändert in den letzten Wochen, bist ruhiger geworden, zuversichtlicher, dir deiner Verantwortung bewusster. Und... glücklicher, ja? Mir kommt's so vor. Bitte sag', ich täusch' mich da nicht. Ja, ich denke wohl, dass wir miteinander auskommen werden."

Ganz anders als sein Weib sieht er dagegen die Begebenheiten mit den schwirrenden Lichtwesen. Als diese zuerst seiner Lîf zu nahe kommen, an ihrer Kleidung zupfen, bis eines gar dreist auf ihrer Schulter herumtanzt, ein zweites auf seinem eigenen Kopf, muss er sehr an sich halten, nach ihnen nicht wie nach Mücken oder Pferdebremsen zu schlagen. Und was auf seinem Kopf mit den zwei kleinen Wesen passiert, kann er ja nun nicht sehen, deswegen begreift er weder Lîfs Frage noch ihre Ergriffenheit.

"Sag du's mir", schnauft er bloß. "Als drudkvinde wird es deine Aufgabe sein, all die Wesen und Geister zu kennen, die Pflanzen und das Wetter, und Zeichen wie dieses hier zu deuten, wenn es denn eines war. Glaubst du das wirklich? Nicht nur ein ein paar neugierige, übermütige, freche kleine huldrer, sondern Schicksalszeichen? Wenn ja, musst du's mir schon deuten, du kennst dich mit Gajas Wünschen und Stimmungen besser aus als ich einfacher Gesetzessprecher."

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #99 am: 09.03.2018, 15:03:33 »
Wirklich ist die junge drudkvinde sich nicht sicher, ob Tristan sie auf den Arm nimmt oder seine Worte ganz so meint, wie er sie sagt. Die weiche, romantische Stimmung, die sie bei dem Spaziergang durch die Natur allmählich erfasst hat, lässt sie aber schließlich lächeln. "Ich versuche es zumindest. Meine Fehler kenn' ich nur zu gut" gibt sie so bereitwillig zu wie sonst kaum einmal und kuschelt sich an ihren Mann. "Deine Stimme hör' ich noch viel lieber, mein goldzüngiger Schöner" murmelt sie und überlässt sich einer wohligen Trägheit, die nur von der bitteren Kälte gestört wird – weshalb sie das Kopftuch fester zieht und bibbernd ihren Umhang enger um die schmalen Schultern zieht. "Sicher hast du recht. Ich verspreche, dass ich mich bessern werde" sagt sie leise, und es ist für sie im Moment eigentlich ganz gleich, ob er seine Worte womöglich nur gebraucht, um sie zu necken: Die Bauerntochter meint die ihren sehr ernst und bittet Gaya stumm um die Kraft, ihren Stolz künftig etwas mehr im Zaum zu halten. Denn dass sie nicht nur sich, sondern auch ihrem Tristan mit heißem Blut und scharfer Zunge schaden kann, ist nicht schwer einzusehen.

Ehrlich erfüllt von dem Wunsch, ihr Wort zu halten, fasst sie Tristans Hand mit ihren, die kalt und ein wenig steif sind, trotz der dicken Fäustlinge, die sie sich nach Esjas Anleitung selbst genäht hat. "Nein, du täuschst dich nicht" flüstert sie und drückt seinen Handrücken an ihre spröden, ebenfalls kalten Lippen. Die nachgiebige Ader, welche sonst so selten hervorkommt, wird von der Ergriffenheit des jungen Weibes noch gesteigert. Sie beginnt, auf Tristans Worte hin nachdenkend, immer deutlicher ein Zeichen in dem Geschehen mit den kleinen leuchtenden Wesen zu sehen. Ein Zeichen, ja, das ist's gewiss! Doch wie es deuten? Beschämt senkt sie den Blick und murmelt: "Ich bin mir nicht sicher, was es bedeutet..." Ach, wär' nur die weise Esja da, um ihr zu helfen! Doch die Alte ist es nicht, und sie, Lîf, steht hier allein. Allein mit einem Manne, der zu Recht erwartet, ein Weib in Diensten der Großen Mutter müsse deren Willen klarer erkennen als er.

Mit einem Mal wird ihr wieder klar, wie jung und unerfahren sie noch ist, und sie zögert. Sieht zu ihm auf. Überlegt. Und dann sprudeln ihr einfach Worte über die Lippen, aus... ja, aus dem Bauch heraus, ohne nachzudenken: "Gemeinsam getanzt haben sie, eng beieinander, wie Braut und Bräutigam, wenn sie einander verbunden sind." Ihr Blick irrt über den Schnee, wo die Elfchen verschwunden sind, ohne auch nur den winzigsten Abdruck zu hinterlassen. Dann sieht sie in das Geäst hinauf, wo sie – inmitten der ganzen leuchtenden, flackernden, hin und her tanzenden Gesellschaft sein müssen. "Wie Mann und Weib..." Ihr Mund macht sich selbständig, spricht einfach weiter, und Lîf hat das Gefühl, sich selbst gespannt zuzuhören wie einer anderen. "Ein Gebot der Großen Mutter ist es, unsern Herzen zu folgen. Weise hat Sie alles eingerichtet, so dass Mann und Weib sich zueinander hingezogen fühlen, und dienen sollen wir Ihr fröhlich, so wird Ihr Segen uns zuteil werden." Ein wenig verwirrt blinzelt sie. Das waren, in leichter Abänderung, Worte, die sie von Esja gehört hat. Aber sie hat nicht nur einfach nachgeplappert, was ihr gerade von den vielen Lektionen der Alten einfiel, nein: Es fühlte sich einfach richtig an, zu sagen, was sie sagte.

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #100 am: 29.04.2018, 18:31:50 »
"Schöner nennst du mich, ach, lass das nicht den Karl hören und erst recht nicht seine Getrud! Und besser auch sonst niemanden. Ach herrje, Weib, denk doch bitte an meinen Ruf!" Doch Tristan sagt dies mit einem Lachen in der Stimme, und bei Lîfs folgenden Worten zieht er sie glücklich in den Arm. "Dacht' ich mir's doch..."

Eine ganze Weile lang stehen sie da und fühlen sich einander verbunden wie nie zuvor, doch als Lîf aus dieser Stimmung heraus ihr Herz offenbart, erlebt sie eine kleine Enttäuschung: ihr Gatte versteht nicht. Die Tragweite ihrer Worte, sie entgeht ihm völlig.[1] Lîf redet hier von sich und von ihm und er bemerkt es nicht einmal. Nur so erklärt sich seine Reaktion darauf: Er lacht. Nein, er prustet vor Lachen. (Was an und für sich ein sehr schönes Geräusch ist, denn er ist oft so ernst, dass man ihm ein wenig mehr Fröhlichkeit von Herzen wünscht!)

"So ist's richtig!" lobt er sie. "Wenn Du als drudkvinde einmal nicht sofort weißt, was etwas zu bedeuten hat, so lasse erst einmal etwas allgemeines, profund klingendes verlauten, mit dem du dich aber noch nicht allzu sehr festlegst. So beruhigst du erst einmal die Leute, ohne dir später, wenn du vielleicht mehr weißt oder weitere Ereignisse die Sache erhellt haben, selbst widersprechen zu müssen."

Für leere Allgemeinplätze hält er ihre Worte, die sie sich doch ihrem Herzen abgerungen hat! Wie viel deutlicher hätte sie sich denn ausdrücken müssen, damit dieser Holzkopf es versteht?

Trotzdem bettet sich an diesem Abend ein glückliches Paar gemeinsam zur Nachtruhe.

~~~

Es ist gut, dass Lîf sich den schönen Ausklang des vorigen Abends in Erinnerung rufen kann, um den Vormittag des dritten Tages zu durchstehen. Sterbenslangweilig ist Tristans zweiter Gesetzesvortrag, denn er geht die Frauen kaum etwas an. Allenfalls die Allemandsretten, in Fersland Jedermannsrecht genannt, berühren noch einige ihrer Interessen. Es legt die Rechte eines jeden freien Mannes und Weibes fest (und vieles davon gilt sogar für die Unfreien), überall auf den Inseln, unabhängig von den Besitzverhältnisse, sich frei zu bewegen, zu übernachten, Feuer zu machen, sowie Beeren, Nüsse, Pilze, Kräuter, Eier und Reisig zu sammeln. Auch das Fischen ist jedermann allerorts erlaubt, sowie die Jagd auf Vögel, nicht aber auf anderes Getier; letzteres unterliegt Beschränkungen. Dies alles gilt nur unter der Auflage, dass bei der Nutzung des Landes keine Schäden verursacht werden oder Abfälle zurückgelassen. Für Viehschäden haften die Besitzer, also passt gut auf euer Viehzeug auf! So weit, so gut. Aber danach geht es in Tristans Vortrag nur noch um Kauf, Verkauf und Verträge: den Kauf und Verkauf von Vieh (darf ein Weib beides), von Pferden (darf ein Weib nicht), von Unfreien (kaufen darf ein Weib sie, verkaufen aber nur mit Genehmigung ihres Mannes, außer, die besagten Unfreien sind alt, hässlich oder männlich, in anderen Worten: eine hübsche, junge Unfreie soll das eifersüchtige Eheweib nicht hinter dem Rücken ihres Gatten loswerden dürfen), dazu alle Regeln, die beim Handeln zu beachten sind.

Auf diesen langweiligen Vortrag folgen ebensolche Fälle. Da hat einer dem Nachbarn ein krankes Stück Vieh angedreht, ein anderer ein lahmes Pferd, und so geht es in einem fort. Etwas interessanter ist schließlich der Streit zweier Männer um das Alter einer jungen Unfreien: ist sie unter zwölf, so gehört sie dem einen, denn er hat ihre Mutter käuflich erworben, und bis zum elften Lebensjahr gelten die Kinder, so nicht ausdrücklich im Kaufvertrag ausgenommen, als im Preis der Mutter mitinbegriffen. Ist sie aber zwölf oder gar älter, so gehört sie dem vorigen Besitzer ihrer Mutter. Das Mädchen, ein ausgesprochen hübsches, wird dem Gericht vorgeführt, und es gib verschiedene Einschätzungen ihres Alters; sie selbst oder die Mutter fragt niemand. Schließlich einigt man sich aber darauf, dass sie vermutlich doch schon zwölf sei, also ihrem alten Besitzer gehöre. (Lîf hält sie sogar für dreizehn, denn ihr Heilerinnenblick verrät ihr, was den Männern offenbar vollkommen entgeht: das Mädchen trägt bereits ein Kind unter dem Herzen.) Als die Entscheidung fällt, weint das Mädchen bitterlich.

Hat dieser letzte Fall Lîf also schon aufgeregt, so tut es der nächste noch um ein Vielfaches mehr. Zu ihrer Überraschung, und ein wenig zum Schreck, geht es dabei um Helga, Sigrids Tochter, verheiratet mit einem bestimmt fünfzehn, wenn nicht gar zwanzig Jahre älteren Mann namens Gunnlaug. Dessen Anklage gegen sein Weib ist ähnlich wie die, welche am Vortag Thorstein gegen seine Rike vorbrachte: eheliche Untreue. Doch Gunnlaug fordert ganz klar die Scheidung. Mehr noch: jegliches Anrecht auf ihr Ehepfand will er Helga abgesprochen wissen, schließlich habe er sich nichts zu schulden kommen lassen, sie aber hätte den Vertrag gebrochen, und der gemeinsame Sohn solle auch bei ihm bleiben.

Aus Gunnlaugs Sicht hat sich die Sache so abgespielt: eines Nachmittags kam er verfrüht nach Hause und fand sein Weib vor im geschlechtlichen Verkehr nicht mit einem, nicht mit zweien, nein, mit drei Männern, die Unersättliche! Sehr genau schildert der gehörnte Gatte, was da wer gerade mit wem tat, als er zur Tür hereintrat, noch bevor er die Namen der drei Burschen nennt: Eirik, ein Sohn Sven Blutaxts, sowie dessen Kameraden Bjartmar und Illugi, alle drei in Helgas Alter.

Darauf tritt Helga vor, nachdem sie ihr Kind der Mutter überreicht hat. Über sie hergefallen seien die drei Burschen. Bei den Armen hätten sie sie gepackt, auf die nächste Bettbank geworfen, die Röcke bis über den Kopf geschoben, und sich von allen Seiten an ihr vergangen. Fast wäre sie gar erstickt an ihrer Kleidung, bis es ihr schließlich gelang, sie vollends abzustreifen. Das hatte die drei sehr amüsiert. Da hätten sie gerufen, ach schau, sie will ja doch! Dabei habe sie sich mit Händen und Füßen gewehrt! Habe geschrieen, geschimpft, gedroht, zum Schluss gefleht und geheult. Dann habe auch das Kind krakeelt, vor Hunger! Man erlaubte ihr, es zu stillen, und sah ihr grinsend dabei zu. Dann fielen die drei ein zweites Mal über sie her. Bis ihr Mann Gunnlaug endlich heimkam. Was sich dann aber nicht als die Rettung herausstellte, die sie sich erhofft hatte.

Dann werden die drei Burschen befragt. Natürlich schwören sie wie aus einer Kehle: hereingebeten habe die Helga sie. Eiriks Hände habe sie ergriffen, sich an die Brüste gedrückt, seufzend und stöhnend, während sie mit der anderen Hand Bjartmar an die Hose ging. Ihr Mann sei zu alt, er besorge es ihr nicht richtig, habe sie ihnen gestanden. Ein Kleid habe sie gar nicht getragen, als sie ihnen die Tür öffnete, nur ihre Schürze, darunter nichts! Welcher Mann könne da widerstehen!

Es folgen Fragen, Behauptungen, Anschuldigungen. Von Anfang an scheint die Stimmung gegen die junge Frau. Einige der Zuschauerinnen ergreifen wohl einmal mit einem Zuruf ihre Partei, werden aber schnell niedergebrüllt oder ausgebuht. Stimme es nicht, dass Helga dem Eirik früher schöne Augen gemacht habe? Sich wohl erhoffte, er werde bei ihrem Vater vorsprechen, zwecks Heirat? Und als dies nicht geschah und sie des Wartens müde wurde, so habe sie sich als nächstes wohl den Bjartmar ausgeguckt und ihn mit allen weiblichen Tricks umgarnt und sich ihm schamlos feilgeboten? Und das sind noch die harmloseren Behauptungen, die von allen Seiten auf Helga einprasseln. Als sie sich tapfer zu verteidigen sucht, indem sie darauf hinweist: keine Frau, nicht eine einzige auf Gajas weiter Welt, würde sich freiwillig von drei Männern zugleich besteigen lassen, das allein sei Beweis genug, dass dies gegen ihren Willen geschah (worauf viele der Zuschauerinnen, aber keinesfalls alle, nickend und mit Beifallsrufen zustimmten), da war es den Männern ein leichtes, den Einwand der jungen Frau beiseite zu wischen. Zunächst weist ihr Gatte Gunnlaug darauf hin, sie sei in den dreieinhalb Jahren ihrer Ehe von Anfang an im Bett unersättlich gewesen, und immer hätte sie jungen Männern über den Zaun Scherzworte zugerufen, die man als Ermunterung verstehen konnte. Dies müssen nun diverse Zeugen, darunter auch Frauen, bestätigen: ja, die Helga sei immer sehr kokett gewesen, auf bewundernde Blicke der Männer aus, nur allzu empfänglich für jedwede Schmeichelei. Und gerade erst neulich, wenige Tage bevor der Gatte sie beim Ehebruch ertappte, habe man sie mit Eirik zusammen gesehen, in ein tuschelndes Gespräch vertieft, bei dem viel gelächelt und gelacht wurde und sogar Hände sich kurz berührten! Zum Schluss beteuerten die drei Burschen noch einmal unter Berufung auf ihre Ehre, sie hätten ganz gewiss nur auf Einladung gehandelt, seien überhaupt auf ihre Einladung hin erst zum Hof gekommen, was hätten sie sonst dort zu schaffen gehabt? Und warum sonst hätte Helga ihnen die Tür in einem solchen Aufzug öffnen sollen? Und wenn sie jetzt behauptet, man habe sie gegen ihren Willen... ha, nichts dergleichen! Nein, auch ein Missverständnis ist ausgeschlossen. Nicht zu verkennen sei das Vergnügen gewesen, welches Helga durch ihre Zuwendungen verspürt habe. Ja, oh ja, habe sie gerufen und: mehr! fester! da, ja, genau! Nicht aufhören, doch nicht jetzt, oh bitte schnell der nächste!

So geht es eine ganze Weile. Kann man es Lîf da verdenken, dass sie vor Zorn schier überkocht? Wie kann ihr Gatte so ruhig bleiben? Wieso steht er Helga nicht zur Seite? Wieso lässt er derartige Fragen, Behauptungen, Anschuldigungen zu! Ja, ihm ist nicht wohl dabei, das sieht sie ihm wohl an, aber trotzdem schweigt er bloß dazu!

Und dann steht auf einmal das Urteil fest. Der Scheidung wird stattgegeben, wegen mehrfachen Ehebruchs. Das Ehepfand wird Helga wohl zugesprochen, denn dies steht einem Weib ausdrücklich auch im Fall einer Scheidung zu, ausgenommen davon nur ihr Anteil am Zugewinns, sowie natürlich ihr Schmuck. Der gemeinsame Sohn aber solle beim Vater verbleiben.

Die folgende Szene ist nicht schön. Helga schreit und tobt und heult. Sigrid protestiert. Dann tritt ihr Gatte vor und man will schon denken, aha, jetzt eilt wenigstens Eyvind Graumantel seiner Tochter zur Hilfe, doch statt dessen rügt er seine Frauen nur, sie möchten endlich still sein und sich fügen, das Gericht habe gesprochen. Seine Tochter ermahnt er gezielt: sie solle doch jetzt bitte auch einmal an seinen guten Ruf denken und diesem nicht noch mehr Schaden zufügen, als sie es bereits mit ihrem liederlichen Verhalten getan hat!

Drumherum nicken die Männer Zustimmung.

"Gut, dann wäre das also geschafft," will Tristan die Verhandlung beendet wissen. "Dies war der letzte Streitfall. Jetzt müssen wir nur noch zwei Nächte und einen Tag des Feierns überstehen."

Und auch der Jarl erklärt offiziell: "Das Gericht ist beendet."
 1. Int-Check = 6 vs. 15, misslungen.
« Letzte Änderung: 01.05.2018, 18:10:18 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #101 am: 03.05.2018, 13:27:54 »
Es hat Lîf ein wenig betroffen gemacht, für wie oberflächlich Tristan ihre Worte hielt. Dennoch hat sie den leisen Stich bald überwunden und zeigt sich einmal – sehr zur Freude Tristans – nicht so bissig wie gewöhnlich. Heute scheinen die sanfteren Gefühle des Rotschopfs zu überwiegen: Wie ihr leidgeprüfter Mann es nur allzu gut weiß, kann Lîfs Laune zwischen erbitterter Starrköpfigkeit, flammendem Zorn, in Tränen aufgelöstem Mitleid und eben auch dieser sehr selten gesehenen Anschmiegsamkeit schwanken. Längst schon wird er herausgefunden haben, dass sein Weib nur mäßige Kontrolle über den Widerstreit der verschiedenen Seelen in seiner Brust besitzt. Was sich sonst als Belastungsprobe für ihre Ehe erweisen kann, beschert ihnen heute jedoch glückliche Momente wie in einem Traum. Der Skalde selbst mag sich von Lîfs wandelbaren Launen angesteckt fühlen, versteht sie es doch, ihn in dieser Nacht mit Küssen und Berührungen, manchen liebevollen Worten auch, für jene Tage zu entschädigen, an denen sie ständig aufzubegehren scheint wie ein böser Hofhund. Unter den Fellen ist all das heute vergessen, als sie eifrig opfern zu Gayas Ehren...

~~~

Ja, am folgenden Tag kostet es das junge Weib des Skalden große Mühe, sich auf seinen Vortrag zu konzentrieren. Es ist eigentlich mehr ihr Stolz, der sie dazu veranlasst, es nicht ihren Geschlechtsgenossinnen gleichzutun, die sich zu kleinen Grüppchen zusammengefunden haben. Diese Grüppchen stehen bei Tristans langer Rede hinter anderen zurück und sind mehr mit dem Ratschen untereinander beschäftigt als mit den hochwichtigen Angelegenheiten, welche die Mannsleute doch, bitteschön, unter sich ausmachen mögen, wenn sie ihnen schon solche Bedeutung beimessen! Die rothaarige drudkvinde zieht es ebenfalls zu den anderen Weibern hin, doch sie bleibt an ihrem Platz stehen, entschlossen, weder sich selbst die Blöße zu geben noch zuzugeben, dass Tristans Worte ihr auch reichlich langweilig vorkommen. Ihren Mann würde sie niemals ungestraft einen Langweiler nennen hören! Mit Zähnen und Klauen würde sie seine Ehre verteidigen – ungeachtet der Tatsache, dass ihm wohl exakt dieser Vorwurf der Langatmigkeit bevorsteht, wenn die beiden wieder unter sich sind. Doch dem Weibe steht gegenüber seinem Mann wohl ein wenig mehr Offenheit zu als irgendeinem x-beliebigen Spötter... so zumindest sieht es der Rotschopf, der schon den Eltern mit seiner Eigensinnigkeit große Geduld abforderte.

Dieser Eigensinn Lîfs ist es auch, der sie aushalten lässt, allem Drang zum Gähnen zum Trotz. Und er lässt sie auch aufhorchen, als dann doch noch nach all den sterbenslangweiligen Streitereien um Vieh, ein paar Hühner, eine nicht zurückgegebene, aber doch in vollem Vertrauen dem Nachbarn geliehen Säge und dergleichen Kleinigkeiten – Mannsvolk! Wie kann man nur über so etwas bis zum Thing gehen?! – ihr Ende finden. Da ist plötzlich ein Fall, der ihr ans Herz geht. Sie betet leise zu Gaya um des Mädchens willen, das da erstens gedemütigt wird, indem vornehmlich die Männer darüber beraten, wie alt sie wohl sei, und zweitens auch noch von der Mutter getrennt! Ihr Herz blutet, als sie das arme Ding weinen sieht, und ein wütender Blick trifft die Männer, die so herzlos entscheiden. Gewiss: Leibeigene sind nun mal der Besitz anderer. Doch wer einen Unfreien käuflich sich erwirbt, hat immerhin die Pflicht, für das Wohl des Mannes oder des Weibes zu sorgen. In ihrer Heimat ist der unfreie Knecht, ist die unfreie Magd fast wie ein Mitglied der Familie. Eines zwar, das in rechtlichen Fragen wie ein Kind behandelt wird und kein Mitspracherecht besitzt, aber dennoch eines, das beim Essen mit am Tisch sitzt, bei einer Hochzeit seine süße Gabe erhält wie die Kinder des Hauses, das bei Krankheit seine Medizin bekommt und an Freud und Leid der Bauern teilhat. Um wie viel besser und fleißiger würde jenes Weib für seinen Besitzer arbeiten, wäre es ihr erlaubt, die Tochter bei sich zu behalten – und wie viel Dankbarkeit würde das Kind zeigen, durch Fleiß, Gehorsam, Bescheidenheit, kurz, alle jene Eigenschaften, die man von Leibeigenen wünscht!

Als es dann zum Streit um Helga und Gunnlaug kommt, ist die junge Frau also bereits aufgewühlt. Mühsam hat sie sich zurückgehalten, um das Los des Weibes und vor allem des armen Mädchens nicht noch schlimmer zu machen. Denn sie sieht ein, dass die Männer nach dem Recht handelten, auch wenn sie dabei soviel Gefühllosigkeit wie Dummheit zeigten. Dieser nächste Rechtsstreit jedoch ist einer, bei dem für sie nach der Schilderung aller Versionen der Geschichte feststeht, wo die Schuld liegt. Dementsprechend fällt sie aus allen Wolken, als das Urteil fällt. Allein, ganz allein soll Helga Schuld haben, und das Kind wollen sie ihr auch nehmen?! Und gar der eigene Vater versagt ihr jede Unterstützung?! Lîf sieht sich unter den Weibern der Versammlung um, die nun ihr Geschnatter beendet haben und diesem letzten Fall ebenfalls mit sichtlichem Interesse lauschten. Doch obwohl sie sieht, ja, spürt, wie so mancher der Protest auf der Zunge liegt, traut sich doch keine, laut zu werden, aufzustehen und für die arme Helga einzutreten. Nicht eine! Wütend presst Lîf die Lippen zusammen, als sie gar einige ältere Weiber sieht, die mehr auf Seiten der jungen Tunichtgute zu stehen scheinen, Helga mit bösen Worten bedenken. Zornig faucht der Rotschopf. Gemeine alte Vetteln, die der Helga nur neiden, dass sie noch ein junges, frisches Weib ist, anders als diese Alten, deren Gesicht runzlig ist und deren Schoß vertrocknet!

"Das ist nicht Recht!" hört sie sich mit einem Mal laut und deutlich rufen, als der Jarl und sogar Tristan alles für beendet erklären. Schweigen folgt, als alle Blicke sich ihr zuwenden. Sie fühlt das Blut in ihren Kopf schießen, dass die Sommersprossen in ihrem Gesicht fast unsichtbar werden in der Röte ihrer Wangen. Schwer schluckt sie. Doch dann rafft sie ihren Mut zusammen und reckt sich hoch auf. "Wie könnt ihr sagen, es sei alles gerecht, wie es beschlossen wurde?!" fragt sie in die Stille hinein. Ihre Stimme hört sich seltsam hell und dünn an, zittert sogar ein wenig. Doch dann sieht sie die verblüfft-ungläubigen Blicke der Männer, als sei sie nur ein trotziges Kind, das mit dem Fuß aufstampft, welchem man keine wirkliche Bedeutung beimisst. Und jene der Weiber, überrascht auch, aber zumeist auch mit einem interessierten, ja, hoffnungsvollen Glanz in den Augen, wie ihr scheint. Und sie fasst noch mehr Mut, erhebt ihre Stimme lauter, fester, sicherer: "Es geschah Verbotenes, das kann niemand bestreiten. Aber zu diesem Geschehen gehörte nicht nur eine: Es gehörten vier dazu! Und ihr wollt drei davon ganz von der Schuld freisprechen?! Nein, sage ich, das ist Unrecht! Das muss euch doch euer Herz sagen!"

Sie tritt einige Schritte nach vorn, deutet auf die drei jungen Männer, während noch immer alles schweigt, die meisten wohl zu überrumpelt, um sie zu unterbrechen, selbst wenn sie wollten. Und Lîf selbst wird von einer Woge gerechter Empörung mitgerissen. Sie hat, mit ein wenig Überheblichkeit, aber auch viel Pflichtbewusstsein, gar das Gefühl, die Göttin selbst befehle ihr zu sprechen. Selbst das entsetzte Gesicht Tristans ob ihrer Kühnheit hält sie nicht ab. "Diese drei, junge, kräftige Burschen, wollen uns wohl kaum weismachen, ein armes, schwaches Weib wie die Helga habe sie gezwungen, sie zu besteigen? Wie kann das sein? Sie behaupten, sie habe sie gelockt, verführt – ha! Sind sie nicht alt genug, um für ihre eigenen Taten einzustehen?! Hätten sie nicht widerstehen, hätten sie nicht Gunnlaugs Rechte beachten müssen, und wenn sie sich vor ihnen dreimal nackt ausgezogen hätte?! Und ihr wollt ihnen zugestehen, sie seien ohne Schuld, weil sie nicht anders konnten? Die Helga habe sie bezwungen mit ihrem nackten Leib? Ist denn ein Mann der Sklave des Weibes, das ihm den eignen Willen aufzwingen kann, wo es nur will?! Es wäre das erste Mal, dass ich davon hörte" faucht sie wütend.

Dann wendet sie sich der aufgelösten Helga zu. "Ich sage nicht, dass ich Helga von aller Schuld freispräche, wäre ich an eurer Stelle. Ihr Wort steht gegen das der Männer, und niemand außer ihnen kann wissen, was wirklich sich ereignete, ob sie, mit der Unvernunft des Weibes, mit dem Feuer spielte. Welches Weiberherz ist nicht empfänglich für süße Worte, für anerkennende Blicke des Mannsvolks, sagt selbst?" Sie schaut vor allem zu den Weibern hinüber. "Es ist töricht von uns, uns eben danach zu sehnen, doch Gaya hat uns so geschaffen, dass wir zu hören wünschen, wie sehr man uns begehrt, besonders wenn wir jung sind, wie die Helga oder ich. Seid ehrlich: Welche von uns hätte nicht schon einmal ein keckes Lob gehört, einen Schlag aufs Hinterteil erhalten, einen Pfiff gehört und dabei gelächelt? Wir sind so geschaffen, und die Mannsleute so, dass sie uns begehren." Beschwörend hebt sie die Arme gen Himmel. "Aber es darf doch niemand leugnen, dass die dreie taten, was sie taten, ohne dass Helga sie hätte dazu bestimmen können! Sie dagegen waren durchaus in der Lage dazu, ein einzelnes, wehrloses Weib zu zwingen, ihnen zu willen zu sein – drei kräftige Mannsbilder gegen sie allein! Wort steht gegen Wort: Wäre es da nicht viel gerechter, ihnen drei Viertteile der Schuld zuzuerkennen und der Helga einen Viertteil?"

"Und was endlich euren Sohn angeht" wendet sie sich schließlich an Gunnlaug persönlich, ohne sich um all die hervorquellenden Augen zu kümmern, die sie anstarren. Jetzt hat sie richtig Fahrt gewonnen und spricht sicher und frei heraus, ruhiger als zuvor, aber umso eindringlicher: "So bitte ich im Namen Helgas und im Namen der Göttin: Zeige, dass dein Herz nicht von Stein ist! Verurteile nicht noch eine Mutter, ihr Kind niemals wiederzusehen, wie es schon einmal hier geschah! Erinnere dich all der schönen Momente, welche die Göttin dir und Helga schenkte, und zeige dich großmütig – ja, ich bestreite nicht, dass sie, wenn nicht freiwillig, so doch auch durch eigne Schuld deine Rechte missachtet haben mag. Sie mag die jungen Burschen keck herausgefordert haben, welche ihr dann Ehre und Stolz nahmen... aber nehmt ihr nicht auch noch die Liebe, ich bitte dich! Habe ein Herz!" Ja, Lîf bittet, doch sie steht hoch aufgerichtet, ohne falsche Demut vor der Versammlung. Noch immer sind ihre Wangen gerötet vor Aufregung und Empörung, und in ihren Augen funkelt es von innerem Aufbegehren. Als sie geendet hat, wirft sie ihr Haar zurück, das im Licht des Feuers kupferfarben schimmert, und sagt, sehr viel leiser, noch einmal: "Ich bitte dich für jene, die du dein Weib nanntest: Erwirb dir einen Verdienst in den Augen der Göttin, welche der strafende Zorn sein kann, aber so viel lieber die verzeihende Sanftmut ist..." Dann verstummt sie. Ihre Brust hebt sich unter tiefen Atemzügen, und wer ihr nahe steht, kann die Schlagadern an ihrem schlanken Hals sehen, die heftig pulsieren.

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #102 am: 03.05.2018, 23:16:24 »
Stille herrscht auf der Thingstätte, als Lîf mit ihrer Rede fertig ist. Einzig Gunnlaug reagiert auf ihre Ansprache: als sie ihm nämlich mit Herz und Liebe kommt und darum bittet, sich doch an all die schönen Momente mit Helga zu erinnern, da verzieht er in bitterem Spott die Lippen. (Ahnt die junge, unerfahrene Frau denn wirklich nicht, dass es in vielen Ehen solch glückliche Momente, wie sie in der ihren erlebte, gar nicht gibt?)

Drei Atemzüge lang währt diese Stille.  Dann wendet sich alles, was Hosen trägt, in Tristans Richtung—sein Weib komplett ignorierend—und zetert los: "Was erlaubst du deinem Weib, vor Gericht das Wort zu ergreifen!""Unerhört!""Bringst du ihr daheim überhaupt keinen Benimm bei?""Wer hat bei euch denn die Hosen an?""Respektlos!""Sie hat dich wirklich bei den Eiern, wie?""Missachtung des Gerichts!""Das kommt davon, wenn man am Gürtel spart!" Und während diese Rufe über ihn hereibrechen, steht Tristan nur da, schreckensstumm.

Dafür nehmen ein paar keckere der jungen Weiber Lîf in ihre Mitte, stemmen die Hände in ihre Hüften und recken keck das Kinn in die Höhe, wie um zu sagen: Jawohl, sie hat recht! Wir sehen das auch so! Das gibt Lîf einerseits Auftrieb, andererseits ist sie nicht dumm, und so beschlecht sie in diesem Moment doch das mulmelige Gefühl, dass die zur Schau gestellte Solidarität der Frauen die Lage eher verschlimmert. Die Rufe der Männer scheinen ihr jedenfalls daraufhin noch einmal deutlich lauter und aggressiver zu werden.

"Nein, das ist nicht hinzunehmen!" übertönt dabei ein Greis die anderen Stimmen. "Eine solche Missachtung des Gerichtes verlangt nach einer Klage! Man denke sich: ausgerechnet das Weib des lögmadhurs, es ist eine Schande!" Worauf etliche der Umstehenden seinen Ruf aufnehmen: ""Schande! Schande! Schande!"

"Jetzt macht aber mal halblang!" brüllt Ole, zornesrot im Gesicht, die Rufe nieder. "Das Kind weiß doch gar nicht, was es tut! Es kennt unsere Gebräuche noch nicht! Sie wollte gewiss nicht die Ehrbarkeit des Gerichtes anfechten. Bei allen sieben Winden, es ist ihr erstes Thing!"

Dies lässt die Männer tatsächlich einen Moment verstummen, eine Gelegenheit, die Jarl Gisle beim Schopfe packt.

"Tristan", befiehlt er scharf. "Schaff dein Weib hier fort und erklär ihr die Sache auf eine Weise, dass sie es begreift. Die restliche Versammlung: gebt Ruh' und schleicht euch!"

"Aber", beginnt der Greis, "ein solches Verhalten kann doch nicht ungestraft—"

"Das Gericht ist beendet", beharrt der Jarl. "Wenn du eine Klage vorzubringen hast, muss sie bis zum nächsten Thing warten."

Derweil hat Tristan ohne zu Zögern auf den Befehl seines Jarls reagiert und sich durch die Menge zu seinem Weib gekämpft. Endlich ist er heran. Auch er ist zornesrot im Gesicht, doch scheint dieser sich mehr gegen sein Weib als die Menge zu richten. Unnötig grob packt er sie jedenfalls am Arm und zerrt sie fort in Richtung der Langhäuser. Ole schreitet ihnen voraus, einige Unverbesserliche aus ihrem Weg verscheuchend.

Einige ganze Weile marschieren die drei durch die Abenddämmerung, ohne dass einer von ihnen ein Wort sagt. Einige Blicke gehen wohl hin und her zwischen Tristan und seinem Ersatz-Schwiegervater. Allmählich kommt er wieder zu Atem. Schließlich findet er auch seine Stimme wieder.

"Wie konntest du nur, Lîf! Wie konntest du mich vor allen so blamieren? Denkst du denn überhaupt nie über die Konsequenzen nach, bevor du den Mund aufmachst? Ist es dir völlig egal, in welche Schwierigkeiten du mich—uns!—bringst? Herrje, das Gericht hatte entschieden! Danach ist die Sache geklärt. Danach muss die Sache geklärt sein. Denn das Thinggericht dient nur dem einen Zweck: den Sippenfrieden zu wahren! Alles andere ist zweitrangig. Das Urteil hat dein Gefühl von Gerechtigkeit verletzt? Ach herrje! Glaubst du wirklich, das sei in irgendeiner Weise relevant? Ein Urteil ist dann gut, wenn die betroffenen Familien es anerkennen. Weißt du überhaupt, was passiert, wenn dies einmal nicht der Fall ist? Sven Blutaxt und Eyvind Graumantel! Oberhäupter zwei der größten und einflussreichsten unser Familien! Man stelle sich das Blutbad vor! Hast du das schon einmal bei dir daheim erlebt, eine Fehde zwischen zwei Familien? Wie sich das aufschaukelt? Rache und Gegenrache? Erst tötet man nur die Knechte des anderen, dann vergewaltigt man einander die Töchter, dann bringt man Familienmitglieder um, und zum Schluss zündet man dem anderen nachts den Hof über dem Kopf an! Und wenn es auf beiden Seiten genügend Überlebende gibt, macht die nächste Generation gleich so weiter!

Das würdest du riskieren wollen, nur um eine Mitschuld der drei Burschen angeprangert zu sehen? Ja, glaubst du denn wirklich, die drei kommen ungeschoren davon? Dass Sven seinen Eirik nicht ordentlich dafür bestrafen wird, den Sippenfrieden so leichtfertig gefährdet zu haben? Und die Väter der beiden anderen ebenso? Die Bestrafung von Familienmitgliedern, die der Gemeinschaft geschadet haben, ist nicht Aufgabe des Gerichts, sondern des jeweiligen Oberhauptes.

'Das ist nicht Recht!' rufst du, Lîf, und entlarvst dich selbst im nächsten Satz: 'Wie könnt ihr sagen, es sei alles gerecht?' Zwei grundverschiedene Dinge sind das, Recht und Gerechtigkeit! Ein unerreichbares Ideal, von noblen Gefühlen getragen das eine, das andere ein gebrauchstüchtiges Instrument zur Streitschlichtung, auf das eine Gemeinschaft sich geeignigt hat. Vor Gericht zählt nur das Recht. Und die Klage. Über sie und nur über sie wird verhandelt. Hätte Eyvind Klage im Namen seiner Tochter erhoben, wäre es um die Schuldfrage der Burschen gegangen. Hat er aber nicht, weshalb dies niemanden interessierte. Einzig um die Frage der Scheidung ging es, denn nur hierzu gab es einen Kläger. Ob Helga dabei die ganze Schuld trifft oder nur ein Viertteil, wen kümmert's? Ob sie in vollem Bewusstsein der drohenden Konsequenzen handelte oder die Dummheit sie zu Leichtsinn verführte: einerlei! Jedenfalls hat sie Ehebruch begangen und ihr Mann daher mit vollem Recht die Scheidung verlangt.

Streit beilegen, darum geht es vor Gericht, nicht einen neuen aufrühren!

Siehst du's denn gar nicht ein?"


"Junge", brummt Ole, bevor Lîf zu einer Antwort kommt. "Du verschwendest deinen Atem! Ein braves Mädchen ist deine Lîf und mir recht ans Herz gewachsen, aber mit Vernunft wirst du bei ihr nichts erreichen. Frauen denken nun einmal nicht mit dem Verstand, du hast ihre Rede selbst gehört: Herz hier, Herz da! Es allein diktiert ihnen alles. Da hilft kein vernünftiges Argument. Wie oft hat sie dir schon Besserung versprochen? Nein, ich fürchte, du wirst nicht drumherum kommen, Junge, ihr endlich einmal in aller Deutlichkeit die Grenzen aufzuzeigen. Zu ihrem eigenen Besten. Das meinte der Jarl vorhin, das weißt du so gut wie ich. Schau, selbst unser sanftmütiger Egil hat's inzwischen geschafft, sein Weib zu bändigen. Wie zahm die Inga auf einmal ist! Und wenn der Egil es geschafft hat, so schaffst du's auch, da hab ich keinen Zweifel. Mach es einmal ordentlich und du wirst sehen: danach hast du auf Jahre hin deine Ruhe. Also Augen zu und durch!"

Der alte Mann verabschiedet sich mit einem aufmunternden Schulterklopfen und eilt weiter in Richtung der Langhäuser. Man ist, wie ein Rundblick Lîf verrät, bei der Hütte der Heilerinnen angelangt. Aus dem benachbarten Stall ertönt allerlei Blöken, Schnattern und Grunzen. Tristan blickt seinem Schwiegervater noch einen Augenblick nach, dann zieht er sein (widerstrebendes?) Weib in den Stall.

Bevor ihre Augen sich an das dunkle Innere gewöhnt haben, hat Tristan zwei Mägde angeherrscht zu verschwinden, was diese eilig befolgten, und macht sich bereits an seinem Gürtel zu schaffen. Im nächsten Moment liegt Lîf bäuchlings und mit entblößtem Hinterteil über einer Futterkrippe, ihre Röcke bis zu den Ohren hochgeschlagen, und zuckt fürchterlich zusammen, als hinter ihr der Gatte seinen Gürtel durch die Luft schnalzen lässt. Einmal. Zweimal. Ein drittes Mal. Sie hält den Atem an. Der nächste Hieb gewiss wird über ihr Fleisch fahren... ihr zwar nicht die Ehre, wohl aber den Stolz nehmen... vielleicht gar die Liebe zum Gatten, die gerade erst gekeimt...?

Vor knapp zwei Wochen war Lîf sich schon einmal sicher gewesen, dass sie jeden Augenblick den Gürtel ihres Mannes zu spüren bekäme, doch hatte Tristan sich auf dem Heimweg längst abgeregt und bestritt gar, dies je beabsichtigt zu haben. Poetisch beschwor er stattdessen seine Liebe: "Du bist mein Licht, meine Sonne, mein Horizont, das Wasser, das mich trägt, der Wind, der mich treibt, der Atem meiner Seele!"[1] Doch um was ging es damals? Um vorlaute Widerworte, unbedacht in Hörweite einiger Fahrtenbrüder gesprochen, die ihn daraufhin auslachten und aufzogen. Eine Lappalie gegen das, was sie diesmal gekonnt hat. Diesmal war es nicht der schöne Karl, der ihnen fröhlich nachrief: 'Nur schnell nach Haus, dort will der Gürtel tanzen!' Diesmal hat der Jarl selbst befohlen, in anderen Worten doch nicht minder deutlich: "Jetzt verpass deinem Weib endich mal eine gehörige Tracht Prügel, wenn sie anders nicht zu zähmen ist!" Und sogar Ole findet, dass es nicht anders geht, und zumindest in einer Sache hat er ja recht: zu oft hat sie ihrem Mann schon Besserung gelobt. Nein, diesmal käme sie nicht ungeschoren davon.

Und doch lässt der erste Schlag auf sich warten. Immer unbequemer indes wird ihre Position. Irgendwann verschwindet dafür die Hand in ihrem Rücken, die sie niederhielt. Schritte nehmen hinter ihr einen rastlosen Marsch auf. Auf und ab. Auf und ab. Keuchend ringt ihr Gatte um Atem und flucht dabei vor sich hin.
 1. Die Methaus-Szene aus meinem HG (hier, HG IV, ab den ~~~), ich würde sagen, die ist doch schon vor dem Disenthing passiert, das passt nämlich hinterher so gar nicht mehr, u.a. auch wegen Lîfs Gefühlsentwicklung. Aber er hat sich damals ja noch nicht grundsätzlich zum Thema Prügelstrafe geäußert.
« Letzte Änderung: 04.05.2018, 13:57:47 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #103 am: 05.05.2018, 19:46:50 »
Die Reaktionen der Männer waren vorauszusehen, aber dennoch fühlt Lîf eine große Enttäuschung, als ihre Worte so wirkungslos verhallen. Sie hat sich dermaßen ereifert, dass sie noch immer schwer atmet, als Rufe aufbranden und der männliche Teil der Versammlung mit Tristan zu rechten beginnt. Bei den Weibern immerhin, den jungen jedenfalls, scheint sie mehr Gehör gefunden zu haben. Sie drückt einige Hände, lächelt dieser oder jener zu, einen stummen Dank nickend, da wird es vor ihr lauter. Sie hört die Stimme des Alten und macht schon Anstalten, aus der Mitte der sie umstehenden Weiber hervorzutreten, um ihrerseits mit einer weiteren flammenden Erwiderung Öl ins Feuer zu gießen, als Ole das Wort ergreift und der Rotschopf zögert.

Er spricht zu ihren Gunsten..? Aber... Moment mal! Er stellt es ja so dar, als sei sie ein unreifes Kind, das gar nicht weiß, was es tut! Und so jung und unerfahren sie wirklich sein mag, diese Behauptung lässt die Wut noch einmal heller in ihr auflodern, wohl über den Punkt hinaus, an dem sie noch nutzbringend für ihre Sache wäre. Mehrere der jungen Weiber halten sie an Ärmeln oder Rocksaum zurück, reden beruhigend auf sie ein. "Lasst mich los! Wie kann er so einfach..?!" faucht sie. Gegen die vielen Arme, die sie halten, kommt sie allerdings nicht recht an, und so kann der Jarl die ganze Sache beenden, ehe es zu einer weiteren Verschlimmerung kommt.

Zwar murren noch einige Männer, doch die meisten geben sich mit Gisles Beschluss zufrieden. Irgendein Witzbold zieht sogar den Greis auf, der auf einer Bestrafung Lîfs beharrt: "Nun sieh mal an, der alte Bock hat ja ein großes Interesse dran, dass die Kleine bestraft wird – würdest es wohl am liebsten selbst machen, wie? Noch ein Grund mehr für den Skalde, sein Weib fürs Erste wegzuschließen!" Die wutentbrannte Antwort des alten Mannes geht in Gelächter und weiteren Scherzworten unter, und der Jarl, froh um die damit verbundene Entschärfung der Sache, sieht über das reichlich lose Verhalten an dieser heiligen Stätte hinweg. Immerhin löst sich die Versammlung auf wie gewünscht – und besser ein kecker Scherz als Hader oder gar vergossenes Blut auf der Thingstätte!

Die jungen Weiber wiederum haben Tristan nur sehr zögerlich den Weg freigegeben. Manch eine muss er beiseite schieben, wofür er leises Murren und Vorwürfe erntet, dass er ein selten grober Gesell sei, der wohl nicht unterscheiden könne zwischen einem harmlosen Weib und einem Schmiedehammer, den man wohl so derbe anpacken könne. Sich ihm direkt in den Weg zu stellen, wagt denn aber doch keine. Auch Lîf selbst wehrt sich nicht sehr stark. Sie verbeißt sich jedes Jammern und stolpert hinter ihm her, den Mund verkniffen, den Kopf stolz erhoben. Sie glaubt sich ganz fest im Recht, daran können tausend Männer nichts ändern, und seien sie noch zehnmal so stark! Den Blick auf Oles Rücken fixiert, lässt sie sich davonziehen, ohne noch jemanden zu beachten.

Wortlos lässt sie auch die Strafpredigt und die Belehrung ihres Mannes über sich ergehen. Nur als er am Ende angelangt ist, kann sie nicht mehr an sich halten. Sie holt schon Luft zu einer geharnischten Erwiderung, als auch noch Ole sie unterbricht. Ihr Gesicht wird vor Wut und Scham erst blass, dann wieder rot. Ehe sie sich recht besonnen hat, wird sie auch schon in den Stall befördert. Dort aber gelingt es ihr endlich, sich zu fassen, und kaum sind die Mägde hinausgehuscht, kommt sie zu der Antwort auf Tristans Worte, die ihr auf der Zunge brennt: "Ja, über das Recht kann ich freilich nicht mit dir streiten, denn da bist du der Wissende, bei dem jeder Rat sucht. Aber ich frage dich: Wenn das Recht nichts mit der Gerechtigkeit zu tun hat, womit begründest du dann dieses Recht?! Sollte es nicht das edelste Ziel eines jeden sein, nach der Gerechtigkeit zu streben, so gut es eben geht – und wenn sie noch so unerreichbar ist? Ist das Recht nur dazu da, einen Zweck zu erfüllen, dann tut's die Gewalt doch ebenso gut. Zwing die Leute einfach mit Männern und Waffen dazu, Frieden zu halten!"

Und in ihrer Empörung schlüpft ihr auch noch ein gallebitterer Vorwurf über die Lippen: "Ich sehe ja, wie gut das funktioniert!" Der Blick, den sie dabei auf seine Hand um ihren Oberarm wirft, spricht Bände. Das Hantieren mit seinem Gürtel hat sie wohl gesehen, in ihrer Rage aber nicht recht beachtet, weswegen sie erst überrascht aufkeucht, als sie schon über der Futterkrippe hängt. Jetzt beginnt sie auch mit den Beinen zu strampeln und sich gegen seinen Griff zu stemmen. Erfolglos, angesichts der Kräfteverhältnisse und ihrer ungünstigen Position, aber doch mit verzweifelter Anstrengung. Es ist ein Reflex, Stolz, das Aufbegehren gegen eine Bestrafung, die sie ihrer Ansicht nach völlig zu unrecht bekommt. Wann hat ihr der Vater je eine Tracht Prügel verabreicht, der doch das erste Recht dazu gehabt hätte?

Lîfs Vater war ein geduldiger Mann. Mancher würde wohl sagen, ein schwerfälliger. Geschlagen hat er sie selten – wenn, dann bekam sie meist mit dem Kochlöffel der Mutter ihre Hiebe auf die Kehrseite. Nur das eine Mal, als sie mit den Jungen vom Nachbarhof in den Bäumen geklettert war und sich ihr feinstes Kleid zerriss, an dem Tage, an dem sie zu einer Hochzeit geladen waren... als er sie da ermahnte und sie ihm Widerworte gab, da gab er ihr eine so gewaltige Ohrfeige, dass sie rückwärts durch das Gras kugelte und den Abdruck seiner Finger noch tagelang in ihrem Gesicht spürte. Und nun sieht es aus, als würde sie hier, in der Fremde, eine ähnliche Erfahrung wiederholen wie damals, als sie vor Wut, Empörung und verletztem Stolz Rotz und Wasser heulend im Gras lag.

Und darum kämpft sie auch: Weil sie heute, wie damals, nicht einsehen mag, im Unrecht zu sein. Es kann und darf doch nicht bestraft werden, wer nichts unrechtes tat! Sicher: Ihre Frechheit von damals hat sie eingesehen – es war falsch, das Kleid zu ruinieren, an dem die Mutter wochenlang nähen musste, immer abends bei Kerzenschein, nach der Feldarbeit, und dann dem erzürnten Vater noch Widerworte zu geben. Aber da war sie noch ein kleines Mädchen mit kurzen Zöpfchen und ebenso kurzen Gedanken. Jetzt ist sie ein Weib, glaubt sich weiser, ja, ist Schülerin einer drudkvinde gar – gilt ihr Wort da gar nichts?!

Während sie noch hadert, verschwindet unvermittelt der Druck in ihrem Rücken, und sie rutscht rückwärts, bis sie auf ihren Knien aufkommt. Hängt mit Armen und Kinn über der Krippe und hört ihren Mann hinter sich auf und ab gehen, ohne dass er sie geschlagen hätte. Sehr langsam dreht sie sich um. Die feuerroten Haare bilden eine wirre Mähne um ihr schmales Gesicht, das ebenfalls stark gerötet ist, von der Anstrengung inzwischen mehr als von der Wut. Schnaufend sucht sie zu Atem zu kommen, kommt taumelnd auf die Beine und beginnt ihr Kleid wieder zu richten. Dann hebt sie ihren Blick und sieht ihn keuchend an. Sie öffnet den Mund. Ihre letzten Worte tun ihr wahrhaftig leid – aber noch kann sie sich nicht zu einer Entschuldigung entschließen. Weiß sie denn, was er vorhat? Weiß sie denn, ob er sie so liebt, wie sie es bereits dachte, und ob sie ihn ebenso wiederliebt? Lîfs Gefühle sind auch für sie selbst ein Rätsel.

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #104 am: 06.05.2018, 15:14:39 »
Dass Lîf sich erhoben hat, nimmt Tristan mit einem dunklen Blick zur Kenntnis, ohne sich davon in seinem rastlosen Marsch beirren zu lassen, und so bleibt ihr nichts, als ihm dabei zuzuschauen, denn der Weg zur Tür führt an ihm vorbei. Von hinten und den Seiten glotzt sie das Viehzeug an: Pferd, Ochse, Schwein, Schaf- und auch Ziegenbock, dazu Hofhund und dreierlei Federvieh: Gänserich, Erpel und Hahn. Neun verschiedene Kreaturen insgesamt, soviel als es Unterwelten gibt (oder Oberwelten, zählt man das Federvieh als eines), von jeder Art aber fünfe, Gajas heiligste Zahl, und allesamt sind es, soweit Lîf erkennen kann, männliche Tiere. Etwas ruhiger gebaren sie sich jetzt, haben sich an die Eindringlinge gewöhnt. Sie bildet sich ein—es muss Einbildung sein!—dass nicht nur sie selbst, sondern alle Versammelten, gebannt darauf warten, dass Tristan zu einem Entschluss und zur Ruhe kommt.

Endlich bleibt er vor ihr stehen.

"Wie oft habe ich den jungen Burschen die Rechte und vor allem die Pflichten eines Ehegatten aufgezählt. Niemals hätte ich mir träumen lassen, diese selbst einmal so schlecht zu erfüllen! Da verwundert es im Rückblick nicht, dass mich alle so bedrängten, mir doch endlich ein Weib zu nehmen, ich hatte ja all die Jahre keine Ahnung, wovon ich rede! Die Sache klingt ja auch nicht weiter kompliziert, nicht wahr? In wenigen Worten ist sie erklärt. Als Oberhaupt der Familie ist ein Mann für sein Weib und seine Kinder verantwortlich. Deren Pflicht sei der Gehorsam, die seine aber, sie mit allem zu versorgen: Schutz, Heim, Erziehung, Kleidung, Nahrung, und was man sonst noch so zum Leben braucht. Für Recht und Ordnung hat er dazu in seinen Reihen zu sorgen, für Anstand und gutes Benehmen. Vergehen sich die Kinder oder das Weib am öffentlichen Frieden oder handeln aller Moral zuwider, so hat er sie zu ermahnen und zu strafen, auf dass sie davon ablassen und es nicht wieder tun. Kommt es aber zu einer Klage, so haftet er für die Seinen, als seien ihre Taten seine eigenen, ebenso wie er in ihrem Namen vor dem Thinggericht Klage erhebt, sollte ihnen durch das Mitglied einer anderen Sippe Schaden entstanden sein, denn jedes Verbrechen, das an einem Mitglied seiner Familie begangen wird, das wird auch ihm angetan.

Muss ich dir wirklich einprügeln, was das bedeutet? Alles, was du tust, Lîf, fällt auf mich zurück. Ich werde mich vor Gericht verantworten müssen, wenn du dich nicht zu benehmen weißt! Mich können sie auf Haus und Hof verklagen, bis nichts mehr übrig ist, mit dem ich noch das Manngeld zahlen könnte, als meine eigene Arbeitskraft!

Oder ist genau dies deine Absicht? Hast du all das sehr wohl verstanden und nutzt es, um dich an mir zu rächen? Es mir heimzuzahlen dafür, dass ich dich geraubt und zu meinem Weib gemacht habe? Meine gerechte Strafe, ja, in deinen Augen? Als Magd, freilich, hättest du mir diese nicht erteilen können, hast du deshalb eingewilligt, als ich dich bat, die meine zu werden? Solch Verschlagenheit ist nun einmal, so wird man als Mann wahrlich oft genug gewarnt, der Weiber Art! Soll ich das glauben? Oder doch lieber, dass du nicht weißt, was du tust?

Gerechtigkeit forderst du? Was glaubst du denn, wie diese aussähe, gerade in Helgas Fall hier, wenn die Sippen das unter sich ausmachen würden, wenn sie nicht den Weg über das gefühllose, rein zweckbekümmerte Recht gingen, soll ich's dir sagen? Dann hätten drei Burschen aus Eyvinds Sippe sich ein braves Mädchen aus Svens Familie geschnappt—Eiriks jüngere Schwester zum Beispiel—und wären mit ihr verfahren wie Eirik, Bjartmar und Illugi mit der Helga.

Gerechtigkeit!"
schnauft er. "Dazu wusste meine Mutter eine schöne Geschichte zu erzählen, welche sich ereignete, als sie selbst ein kleines Mädchen war. Pferdehändler war ihr Vater, und weithin wohlbekannt. Glücklich lebte er mit Frau und Tochter in einigem Wohlstand, bis er Bekanntschaft mit dem Neid und der Willkür der Obrigkeit machen musste, welche uns auf den Inseln ja Gaja-sei-Dank erspart bleibt. An einer Furt traf er, als er zwei herrliche Gäule ihrem neuen Besitzer überführen wollte, auf den Sohn des örtlichen Fürsten nebst einiger Burschen. Dem gefielen die Pferde so gut, dass er sie sich kurzerhand auslieh. Eine Woche später erst sah mein Großvater die Tiere wieder, völlig zerschunden! Zu nichts taugten sie mehr als vielleicht noch zur Schlachtung. Dies erboste ihren Vater sehr und er wollte Klage vor Gericht vorbringen, doch in Fersland ist es nicht so leicht möglich, als einfacher Mann Klage gegen einen 'Edlen' vorzubringen, nicht wahr? Also lief er damit gegen eine Wand. Dann sagte sein Weib: 'Vielleicht, wenn ich zur Fürstin ginge und mit ihr redete, so von Weib zu Weib? Vielleicht könnte ich ihr Herz erreichen? Dass sie darauf ihrem Gatten, den Vater des Missetäters, einflüstere, dass es seine Pflicht sei, moralisch und nach jedem Recht, uns den Verlust der Tiere zu vergelten?' So wurde es beschlossen und meine Großmutter machte sich auf den Weg. Als sie am Abend des nächsten Tages noch nicht zurück war, suchte der Gatte sie, und fand sie nicht weit von seinem Heim entfernt auf der Straße, zusammengebrochen, halb tot geprügelt und in schändlichster Weise misshandelt, die Gewänder zerrissen. Er trug sie nach Hause, rief das Kräuterweib herbei, doch es sollte ihm nichts nützen: zwei Tage später verschied sein Weib. Daraufhin wurde er rasend. Die Tochter gab er in ein Kloster; nur dort wäre sie sicher, denn einzig Klostermauer vermögen der Rache Halt zu gebieten. Er selbst aber zog in die Wälder, wo er sich mit den Fried- und Gesetzlosen zusammentat. Von nun an waren die Straßen nicht mehr sicher. Wieder und wieder überfiel er die Wagen des Fürsten und seiner Gefolgsleute. Diese aber, als sie erfuhren, wer an der Spitze der Übeltäter stand, und da sie seiner nicht habhaft werden konnten, rächten sich an seinen Verwandten, worauf er mit seinen Leuten sich wiederum an den ihren verging. Blutbad folgte auf Blutbad! Und weißt du, wie die Sache endete, zumindest für ihn? Als der jüngste Brüder jenes Pferdeschänders, mit dem alles begann, als Oberhaupt des Fürstenhauses nachrückte, so ließ er verkünden, dass er die ursprüngliche Klage meines Großvaters nun doch vor dem Thinggericht verhandeln wolle. Und weißt du noch was? Der Klage würde stattgegeben! Großvater bekam das Geld für die beiden geschundenen Pferde ausgezahlt. Darauf aber wurde er, für all die Verbrechen, die er selbst inzwischen begangen hatte, am Gerichtsbaum aufgeknüpft.[1]

Sag selbst, das war doch gerecht, das Urteil, nicht wahr?

Und Großvaters Empörung zuvor, auch sie war gerecht? Sein Zorn ob seines Weibes Tod? Seine Rache, gewiss war sie ihm Pflicht? Es geschah also alles so, wie es geschehen musste, wenn alle Beteiligten nach Gerechtigkeit streben?

Und das Ergebnis davon? Zwei Familien fast vollkommen zerstört, dazu ungezählte Freunde, Gefolgsleute und Unfreie erschlagen—all dies geschah, weil ein Mann die Ungerechtigkeit nicht verwinden konnte, dass ein dreister Fürstensohn ihm zwei Gäule zerschunden hat. Und du musst auch nicht meinen, die Sache hätte mit seinem Tod ein Ende gefunden. Solange seine Tochter, meine Mutter, im Kloster war, ja, denn dort war sie unantastbar. Eines Tages aber errettete sie jemand aus diesem tristen Leben und nahm sie mit sich ans andere Ende Ferslands, in den fernen Süden. Dort erfuhr sie endlich ein wenig Glück. Ein Gatte, der sie anbetete, ein hübscher Sohn... Doch dann wachte sie eines Nachts auf und es brannten die Scheunen und quietschten die Schweine, es kreischte die Mägde wie am Spieß und die Schreie der Knechte brachen gurgelnd ab, und sie wusste sofort, was los war und was sie zu tun hatte: nur einen Ort gab es, an dem ihr Sohn sicher wäre, denn nur vor Klostermauern macht die Rache Halt.

Die Zweckgebundenheit der Gesetze beklagst du? Gewalt, glaubst du, könne dasselbe erreichen wie unser Recht? Vor Gericht aber müsse das Herz sprechen? Müsse das arme, unvernünftige junge Ding, welches doch nur ein wenig mit dem Feuer spielte, vor dem Brand geschützt werden, der daraufhin entflammt? Wie, oder soll doch lieber edel nach Gerechtigkeit gestrebt werden? Das scheint mir einander zu widersprechen!"


Während seiner erregten Rede hat Tristan wohl seinen rastlosen Marsch wieder aufgenommen, hatte geschnaubt und den Kopf geschüttelt, gestikuliert und auch einmal einen leeren Eimer aus dem Weg getreten, doch bei all dem keinerlei Anstalten gemacht, seinen Gürtel, welchen er noch immer in der Hand hielt, in Lîfs Richtung zu schwingen. Bei den letzten Worten nun lässt er sich auf einem Querbalken nieder, der die Eber von den Schafböcken trennt, und blickt sie herausfordernd an.

"Weißt du überhaupt, wofür Gesetze da sind, na? Was ist ihre Aufgabe, sag schon! Wozu dienen sie?"
 1. Frei nach Heinrich von Kleist, "Michael Kohlhaas".
« Letzte Änderung: 06.05.2018, 16:28:15 von Tristan »

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