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Autor Thema: Das Disenthing  (Gelesen 4018 mal)

Beschreibung: Kapitel 1

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Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #105 am: 08.05.2018, 09:55:02 »
Sonderbarerweise lassen die Tiere ihre typischen Laute nicht mehr hören, seit Tristan und Lîf sich in dem Stall befinden. Die junge Frau wirft ihnen einen verwunderten Blick zu, und tatsächlich – sie scheinen aufmerksam zu lauschen. Oder reagieren sie einfach nur auf das eigenartige Verhalten der beiden felllosen Zweibeiner? Und nun beginnt der eine von ihnen dem anderen wiederum eine Predigt zu halten, und zwar eine, bei der sich die Züge des zweiten abwechselnd weißlich blass und flammend rot färben, wie das Haar, das sie umgibt. Lîf öffnet den Mund, um irgendwo einzuhaken, wenn ihr erzürnter Gemahl denn einmal eine Pause machen muss, um Atem zu holen. Ehe sie so recht dazu kommt, ihm die eigene Meinung an den Kopf zu schleudern, fallen jedoch Worte, die sie zusammenzucken lassen, als hätte er sie wirklich bereits geschlagen: Absicht... er unterstellt ihr Absicht?! Fassungslos starrt sie ihn an. Es summt in ihren Ohren, als sie einen Schritt rückwärts wankt. All die klugen Worte über Recht und Gerechtigkeit, die lehrreiche Geschichte von seiner Mutter, alles rauscht wie ein Wasserfall an ihr vorüber.

Denn was er da geäußert hat, trifft sie an einer Stelle, an der sie sich gar nicht verwundbar wähnte: Er glaubt allen Ernstes, sie könne sich ihm geschenkt haben – jawohl, geschenkt, freiwillig, denn obwohl sie beide wissen, dass er sie hätte zwingen können, fragte er sie, und sie sagte zu, aus einer Regung heraus, die sie selbst nicht begriff – nur um ihn zu verderben! Aus purer Heimtücke, als Rache für ihre Entführung... ohne jemals ein Gefühl in ihrer Brust gehabt zu haben! Diese Unterstellung schmerzt mehr als ein Stich mitten ins Herz. Sie ist wie eine Ohrfeige, ein Anspeien, mehr als der verächtlichste Blick, den man sich vorstellen kann. Jetzt erst merkt sie, dass da wirklich mehr in ihrem Herzen wartete. Ein zartes Pflänzchen noch, nicht mehr bloßes Interesse, wenn auch noch nicht innige Liebe zu nennen. Aber doch fähig zu wachsen... Ja, was anderes als die Liebe hätte denn ihren stolzen Nacken beugen können, ihm das erbetene Ja zu geben? Lîf stolpert rückwärts, bis sie gegen die Krippe prallt. Ein großer, harter Stein scheint mit einem Mal in ihrem Hals zu stecken.

Sie sieht, wie er in Rage auf sie einredet, ihr seinen Zorn entgegenschleudert, aber seine Worte kann sie nicht mehr unterscheiden. Ein Bienenschwarm muss um ihren Kopf summen, so laut... und schwindlig ist ihr plötzlich. Schwer lehnt sie sich gegen die Krippe, rudert mit fahrigen Armbewegungen in der Luft umher, wie um unsichtbar Geister abzuwehren. Ihr ist, als hätte er ihr gerade einen schweren Kinnhaken versetzt. "DAS glaubst du..?!" krächzt sie heiser. Ihre Stimme klingt für sie selbst ungewohnt dumpf, wie durch Watte. Als könnte sie nicht weiter als einen oder zwei Schritte dringen. Hört Tristan sie überhaupt? "Das traust du mir zu..?! Solche Falschheit..?! Ich habe... habe dich..." Geliebt? Sie verstummt, ringt nach Atem. Ein "Ja" könnte sie nicht mit voller Überzeugung sagen – ein "Nein" aber noch weniger! Lîfs Gedanken verwirren sich. Dunkel verspürt sie noch das Bedürfnis, ihm ihre Sicht der Dinge entgegenzuschleudern, sich zu verteidigen gegen seine Anklagen, wie es wohl jeder Mensch verspüren würde.

Aber sie kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Stattdessen geht ihr durch den Kopf, was sie schon die ganze Zeit beschäftigt hat, ohne dass sie es selbst geahnt hätte: Er liebt mich nicht... verachtet mich... er wird niemals mein sein..! Ja, noch vor diesem Gespräch hätte sie nur verächtlich gelacht, hätte jemand ihr auf den Kopf zugesagt, dass sie sich solche Hoffnungen machte. Sie?! Nie im Leben! So leicht wäre es gewesen, sich einzureden, dass es pure Vernunft war, sein Weib zu werden, sich vor dem Dasein als Magd zu retten. Gefühle? Ah was... allenfalls seine Anziehungskraft, ja, die lässt sich nicht leugnen. Eine Stimme, süß wie schwerer Honig, und ein stattliches Mannsbild ist er auch. Aber das würde jedes Weib so empfinden. Doch Liebe, sie, zu einem ihrer Entführer?! Ha! Nur... jetzt, wo es zu spät ist, wo es in ihrem Herzen so schrecklich wehtut, muss sie sich eingestehen, dass sie gerade etwas verloren zu haben scheint, das ihr offenbar doch, insgeheim, sehr viel wert gewesen wäre.

Sie sieht weder den Gürtel in seiner Hand, noch kann sie weiterhin seine Fragen verstehen, seine Aufforderung. Nur einzelne Worte dringen zu ihr vor. "Auf... Aufgabe..? Dienen... wozu? Wer..?" stottert sie benommen. Dabei sieht sie ganz betäubt zu ihm hoch. Ihrem Gesicht fehlt jeglicher Ausdruck, nur totenblass ist sie. Und ein schmales Tränenrinnsal bahnt sich beiderseits der Nase seinen Weg über ihre Wangen. Lîf murmelt leise vor sich hin. Sie wirkt, als habe sie einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen. Doch der Kopf ist es in dem Fall nicht, der in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #106 am: 08.05.2018, 16:09:35 »
Tristan, nicht ahnend dass Lîf dem größten Teil seiner Rede gar nicht zugehört hat, ist mit deren Wirkung zufrieden. Wie erschrocken sie zurückweicht, als er ihr Absicht unterstellt, wie empört sie es abstreitet! (Nicht, dass er es ihr wirklich zugetraut hätte, aber wie sonst soll man sich erklären, dass sie ihm immer wieder verspricht, sich von nun an gewiss besser zu benehmen, nur um ihn tags drauf mit noch ungeheuerlicherem Benehmen in Bedrängnis zu bringen? Es war also dringend notwendig, und tut ihm sehr wohl in der Seele, dass Lîf ihm diese Zweifel nimmt.) Und als er ihr am Beispiel seines eigenes Großvaters schildert, an welch Nichtigkeiten sich eine Sippenfehde entzünden kann, wie rasch sich zu Mord und Totschlag steigern, da kommen ihr gar die Tränen.

Ha, und ich habe doch recht! Es braucht keine Prügel, um ein Weib zur Einsicht zu bringen. Genausoviel, wenn nicht mehr, erreicht man dadurch, dass man ihr die Dinge nur richtig erklärt!

Wie Lîf sich wohl, in ihrem jetzigen Gemütszustand, den zufriedenen Blick erklärt, mit dem ihr Gatte sie daraufhin mustert? Mehrt sich der Tränenfluss? Gerät ein Schniefen dazwischen? Überkommt es sie gar völlig, dass auch sie sich setzen muss, von Schluchzern geschüttelt? Oder wird ihr ganz kalt? Steht sie ganz still da, verschreckt, erstarrt?

Eine kalte, nasse Nase berührt ihre Hand. Als sie den Kopf wendet, blickt sie in die sanften, melancholischen Augen eines Geißbockes, der sie abermals wie zum Trost (oder erhofft er sich etwas zu Fressen?) anstubst. Ein zweiter kommt von der anderen Seite heran und tut es dem ersten nach. Dann bricht unter den restlichen dreien ein ernsthaftes Gerangel aus, wer denn noch in ihre Nähe dürfe. Auch die anderen Tiere werden nun unruhig, wohl wegen des Tumultes, den die Geißböcke veranstalten, und weniger, um ihren Anteil an Lîfs Kummer zu bekunden, wie erstere es zu tun scheinen. Nur das Herz ihres Gatten rührt sich nicht! Nur er blickt noch immer mit großer Zufriedenheit auf ihren aufgelösten Zustand. Allenfalls, dass sie ihm seine dumme Frage nicht beantworten kann, was die Aufgabe von Gesetzen sei, lässt ihn kurz die Stirn runzeln, aber auch der Schatten verfliegt sogleich. Er rückt ein wenig näher zu ihr.

"Ja, das habe ich mir gedacht, dass sich ein so junges Ding wie du darüber noch keine Gedanken gemacht hat. Aber jetzt siehst du ein, ja? Dass ein Gericht alles tun muss, um den Sippenfrieden zu wahren? Es gibt wirklich nichts schrecklicheres als einen Sippenstreit. Mein Großvater trat wegen zweier geschundener Gäule eine Fehde los, die seinen Enkel fast zwanzig Jahre später noch seine Familie, das Heim, die Kindheit kostete und dazu sieben schreckliche Jahre in einem Kloster bescherte! So etwas zu verhindern ist Aufgabe des Thinggerichtes und damit hat es bereits alle Hände voll zu tun. Für den Schutz des Einzelnen aber sind die Sippen selbst zuständig, ebenso wie für die Bestrafung ihrer Mitglieder."

An dieser Stelle kommt ihm eine Idee, was der Grund sein könnte, wo das Missverständnis vorliegen könnte, weshalb Lîf dies alles nur so schwer begreift. "Schau, bei uns hier auf den Inseln gibt es keine Obrigkeit! Keine Herzöge oder Fürsten, die einem freien Mann Befehle erteilen könnten. Der Jarl ist nicht dasselbe wie ein Herzog bei euch. Er wird gewählt, damit er sich um alles kümmert, was zwischen den Sippen geregelt werden muss, vom Thinggericht bis zur Fahrtenplanung, und ja, die meisten von uns gehorchen wohl, wenn er uns einen Befehl erteilt, aber nur solange wir darauf vertrauen, dass er die Dinge zu unser aller Wohl richtet. Sonst wäre ganz schnell ein anderer von uns Jarl! Vor allem aber heißt dies, dass jede Sippe sich selbst befiehlt. Verstöße gegen Zucht, Ordnung, Anstand oder Ehre ahndet der Familienvater unter den Seinen oder, sollten Vettern[1] in Streit geraten, so trägt man die Sache vor das Sippenoberhaupt, welcher sie entscheidet und den Streit damit beilegt. Ansonsten hat sich da niemand einzumischen! Nur wenn das Mitglied einer Sippe Klage gegen eine Person aus einer zweiten erhebt, landet der Fall vor Gericht, denn das Thinggericht ist die einzige Instanz, die unsere Sippen als ihnen übergeordnet anerkennen, die einzige Instanz, die einen Mann von seiner Rachepflicht entbinden kann, mit der er jedes Unrecht, das seiner Sippe von einem Außenstehenden angetan wird, in gleicher Münze vergelten muss.

Siehst du, nicht nur das Gericht hast du mit deinem Ausbruch missachtet, sondern auch die Rechte aller am Streit beteiligten Sippen. Gunnlaug hast du ermahnt, als seiest du seine Mutter, wegen der Klage, die sein gutes Recht war; Eyvind aber indirekt zum Vorwurf gemacht, er schütze seine Tochter nicht ausreichend, weshalb du das dem Gericht überstellen wolltest; und Sven, ihm wolltest du auf gleiche Weise das Recht absprechen, selbst für die Strafe seines Sohnes zu sorgen; und beiden zusammen schließlich die Kompetenz absprechen, die Sache gütlich unter sich klären zu können. Denn Eyvind hat ja auf eine Klage verzichtet! Er und Sven werden wohl darüber gesprochen haben und zu einer Einigung gekommen sein. Und in das alles mischst du dich einfach hinein, blindlings.

Und ich weiß wohl auch, warum du es tatest. Weil du ein mitfühlendes Herz hast. Jedes Leid, das einen anderen trifft, rührt dich arg. Nur hilft es dem anderen auch nicht, wenn du dich darüber selbst ins Unglück stürzt! Also bitte lerne, dich zusammenzunehmen, und fordere nicht immer so unbedacht alles und jeden heraus! Du bist zornig über die Ungerechtigkeiten der Welt? Sie sind unvermeidbar. Auch kann man seine Mitmenschen nicht daran hindern, Fehler zu machen, sei es aus Dummheit, Missgunst oder Geilheit.

Die Antwort auf meine Frage lautet also: Die Gemeinschaft ist es, die das Gesetz zu schützen hat, nicht den Einzelnen. Für letzteres ist die Sippe zuständig. Und darin lag Helgas eigentlicher Fehler: dass sie sich, ob aus Dummheit oder in vollem Bewusstsein, in eine gewagte Situation begeben hat, in der weder Vater noch Gatte sie schützen konnten oder zu schützen bereit waren."


So flüchtet Tristan sich wohl in eine Rede, die seinem Gesetzesvortrag recht ähnlich ist, weil er sein Weib nicht anders zu handhaben weiß als eines der jungen Dinger, die er einmal jährlich auf diese Weise belehrt. (Oder vielleicht liegt es ja auch einfach daran, dass er in den letzten beiden Tagen von morgens bis abends so reden musste, dann mag man es ihm vielleicht eher nachsehen.) Aber erreichen seine Worte Lîf überhaupt? Lauscht sie ihm jetzt etwas aufmerksamer? Das wäre ihr zu wünschen, denn so allmählich nähert er sich doch einem Entschluss, der sich auf den Rest ihres Lebens auswirken wird.

"Ich will dich nicht schlagen", verkündet er diesen dann recht abrupt. "Egal wie oft mir der Rat dazu erteilt wird oder wie sehr man mich verhöhnt, nicht Manns genug dafür zu sein: ich will es nicht. Zum einen, weil ich dir ein Versprechen gab, gleich als wir uns trafen, nämlich dass dir von mir nichts drohe, du erinnerst dich? Zu seinem Wort aber hat ein Mann zu stehen und fällt es ihm noch so schwer. Das ist eine Frage der Ehre. Zweitens sehe ich's aber auch gar nicht ein. Was haben die sich darin einzumischen, wie ich mein Weib bändige? Warum sollte ich etwas tun, das mir zuwider wäre, von dem ich dazu gar nicht erwarte, dass es der Situation nützt, sondern im Gegenteil schadet. Jede Prügel, die ich als Junge im Kloster erhielt, hat mich nur bockiger gemacht, uneinsichtiger, und ich zweifle nicht daran, dass es bei dir ebenso wäre! Drittens will ich nicht glauben, dass du gar nicht durch vernünftige Worte zur Einsicht zu bringen seiest. Dann müsste es ja unser ganzes Leben so weitergehen: du blamierst mich, ich prügel dir Gehorsam ein, du blamierst mich erneut, sobald du wieder sitzen kannst. Nein danke, ich will wirklich nicht wie Olav[2] enden! Überhaupt, wie sähe das aus, wenn du einmal drudkvinde bist und der lögmadhur dich ständig... nein, das kann nicht rechtens sein! Ganz abgesehen davon würde es die Autorität untergraben, mit der du dich in deiner Position zu ummanteln hättest. Zu dumm, dass es bei uns überhaupt noch keine drudkvinde gegeben hat, die verheiratet war, sonst könnte ich diesen Fall zum Beispiel nehmen. Aber ja, auch ohne solchen Beleg wird jeder einsehen müssen, dass das nun wirklich nicht geht."

Tristans Miene hellt sich schlagartig auf. "Damit habe ich eine Antwort für jeden parat, der mir dreist damit kommt, ob ich mein ungehorsames Weib nicht doch mal übers Knie legen wolle wie jeder anständige Ehemann, auf dass sie alle endlich ihre Ruhe hätten!" Die Erleichterung breitet sich weiter über sein Gesicht aus, bis seine Augen strahlen und sein Mund versonnen lächelt.

"Viertens nämlich, und dies ist der wichtigste Grund, den aber nur du und ich kennen werden und allenfalls noch die alte Esja ahnt..." Hier erhebt Tristan sich und tritt vor Lîf hin, einen Geißbock vertreibend. Noch immer wird sie von allen fünfen umdrängt, immer dreister, immer... zudringlicher. Im Ernst, zweimal muss sie einen von ihnen mit beiden Händen abwehren, als der, Lîf offenbar mit einer Ziege verwechselnd, sie zu begatten versucht. (Was nun doch den vorigen Eindruck, die Tiere besäßen ein übernatürliches Feingefühl, ein Mitgefühl für Lîfs bedrängte Lage, als Einbildung entlarvt. Wenigstens ist Tristan so sehr auf seine Rede konzentriert, dass er den Tieren und ihrem absurden Bemühen gar keine Beachtung schenkt.)[3]

"Viertens nämlich", wiederholt Tristan, der sich endlich durchsetzen konnte und nun vor ihr steht, "habe ich dich so arg lieb, dass ich es im Herzen nicht verkraften könnte, dir auch nur das geringste Leid zuzufügen."
 1. Allgemeines Kürzel für "Sippenmitglieder, aber nicht aus der direkten Familie, sondern mindestens um eine Verwandheitsstufe entfernt".
 2. Bitte Olav nicht mit Ole verwechseln. Olav war der vorherige Skalde/Gesetzessprecher.
 3. Lîf ist ja nun die Art Druidin, die eine besondere Verbindung zum Pflanzenreich verspürt und nicht (so sehr) zum Tierreich, aber hier erkennen die Geißböcke wohl eine Verwandte in ihr, woran könnte das nur liegen... ? :-P
« Letzte Änderung: 10.05.2018, 13:33:47 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #107 am: 10.05.2018, 13:17:59 »
Die junge Frau nimmt[1] nicht wirklich wahr, wie Tristan auf ihre Erschütterung reagiert. Krampfhaft das Schluchzen unterdrückend, das ihr in die Kehle steigen will, wischt sie sich mit fahrigen Bewegungen über die Augen. Die Betäubung des verbalen Tiefschlags wirkt noch nach, als eine feuchte. raue Zunge über ihre Hand wischt, mit der sie halb unbewusst den beharrlichen Ziegenbock beiseite schieben wollte. In ihrer Verwirrung lässt sie die Böcke gewähren, die sich an sie drängen, befühlt automatisch ihre Schürze, ob sich da vielleicht eine Leckerei findet, die den Tieren schmecken könnte. Sie hat noch nicht verwunden, was ihr Tristan entgegengeschleudert hat, weiß nicht, was sie ihm sagen soll – da ist das nun wirklich zuviel, als dass sie noch sinnvoll reagieren könnte.

Während die Mäuler der eigensinnigen Böcke an ihren Kleidern zupfen und sie diverse leichte Schubser an den Hüften verpasst bekommt, hebt sie den Blick wieder. Ihr Gemahl tritt auf sie zu. Mit einem tiefen, zitternden Atemzug wischt sie sich nochmals mit dem Ärmel über die Augen, die in Tränen schwimmen. Noch immer ist ihr nicht klar, was sie antworten soll – was sie überhaupt antworten will – da fällt Tristan zurück in seinen erläuternden, belehrenden Ton. Ein gleichförmiger Singsang, geübt, routiniert, aber irgendwie... seltsam. Nicht passend. Als würde er... ja, als würde er eigentlich etwas anderes sagen wollen..? Weiß er denn auch nicht weiter, so wie sie? Sein junges Weib schnieft, versucht den Sinn seiner Rede zu begreifen, doch es ist hauptsächlich sein Tonfall, der sie erreicht und ein wenig ruhiger werden lässt. Er liebt sie also nicht – aber sie scheint ihm auch nicht gleichgültig. Jetzt meint sie zu verstehen: Er mag nicht viel für sie empfinden, doch beschützen will er sie trotzdem. Das muss es sein!

Diese vermeintliche Erkenntnis macht es ihr mit einem Schlag sehr viel schwerer, böse auf ihn zu sein, das Feuer der Empörung weiter zu nähren. Er hat sie wie ein unmündiges Kind vom Thingplatz geschleppt und ihren Stolz verletzt, doch offenbar aus lauteren Motiven heraus. Ja, als er gar zu erklären beginnt, dass er auf das Recht verzichten will, sie zu züchtigen, um ihres Ansehens und ihrer Autorität willen, weiß sie ganz und gar nicht mehr, was sie erwidern soll. Ein Mann mit so aufrechter Gesinnung, einer, der sie so achtet... nun wünscht sie sich umso sehnlicher, dass er sie auch liebte, und sei es nur ein kleines bisschen! Wie viele Weiber haben das Glück, an einen zu geraten, der sie nicht bei der erstbesten Gelegenheit mit dem Riemen traktiert, wenn sie ihm nicht folgen? Schniefend noch und gelegentlich hustend, weil sie sich an ihren Schluchzern verschluckt, hört sie seine Worte und fühlt sich selbst kleiner und kleiner werden. So sehr hat sie ihm Unrecht getan, so falsch ihn eingeschätzt..? Ihr Weltbild vom Weibe, das jede Regung in der Brust eines anderen mit angeborener Intuition erspürt, erhält einen leichten Knacks, ebenso wie das vom Manne, der stets seinen Willen durchzusetzen weiß, ob er nun recht hat oder nicht.

"Du willst mir die Strafe erlassen?" flüstert sie tief beschämt und senkt den Blick. "Obwohl es dein Recht wäre..." ...und obwohl ich es, die Göttin weiß es, wohl verdient hätte denkt sie, was auszusprechen ihr der Stolz denn doch verbietet. Sie kann nicht verstehen, warum er wieder lächelt, obwohl sie ihn doch gerade vor allen blamiert hat, wie er ihr wortreich erklärte. Betreten spielt sie an ihren langen Flechten, während sich Tristan durch die Ziegenböcke zu ihr drängt. Was ihn einige Kraft kostet, denn vor allem eines von den Tieren scheint ganz und gar nicht damit einverstanden, dass da ein Rivale an seiner Stelle versucht, die vermeintliche Geiß zu bespringen[2]. Nach einem letzten kräftigen Knuff des beleidigten Tiers in seinen Allerwertesten, begleitet von einem vorwurfsvollen Meckern, steht er vor ihr, sie sehen sich in die Augen, und seine letzten Worte stoßen sie vollends in Verwirrung. Lieb... er hat sie... lieb... Lîfs Lippen zittern, als sie die Tränen endgültig zurückdrängt. Sie weicht seinem Blick nicht aus, obwohl es ihr schwerfällt. Leise sagt sie nur ein einziges Wort: "Verzeih..."
 1. ...Mit einem Motiv erkennen von mageren 5...
 2. Ja, die Verwechslung scheint nicht nur Lîf, sondern auch Tristan zu betreffen – der Geißbock weiß, warum :-P

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #108 am: 11.05.2018, 19:54:58 »
"Verzeih, ach, natürlich verzeih ich dir, Lîf, aber damit allein ist unser Problem ja noch nicht gelöst. Wie oft hast du mir schon versprechen, es werde nicht wieder passieren, und dann kommt's noch schlimmer. Dabei zweifel ich nicht einmal an deinem guten Willen. Ach, ich weiß auch nicht, was man da machen kann."

So bemüht Tristan sich wohl, streng zu klingen, aber die Ratlosigkeit überwiegt. Zögernd streckt er eine Hand nach Lîf aus und streicht ihr über das Haar. Doch falls sie sich daraufhin erhofft, er werde sie in den Arm nehmen, wird sie enttäuscht; er bleibt auf Armlänge.

"Esja hatte wohl recht, als sie sagte, es werde nicht leicht für mich werden, mit einer Dienerin Gajas verheiratet zu sein. Bald kühles Wasser, bald sengendes Feuer, bald sanfte Liebe, bald verzehrender Zorn! Grenzen solle ich dir zeigen, wenn Du über die Stränge schlägst, aber dir die Freiheit lassen! Mit harter Hand dich zurückhalten, wenn du dich vor lauter Leidenschaft in etwas vergaloppierst, aber Verständnis zeigen, wann immer du Verständnis brauchst. Halt müsse ich dir geben, dir stets eine Schulter zum Anlehnen sein. Ha, ihr verlangt nicht viel, ihr Weiber, wie?" Ein tiefer Seufzer entspringt seiner Brust.

"Ach, aber wenn mir das alles gelänge, dann würde die Große Mutter schon dafür sorgen, dass wir miteinander glücklich würden, so gewiss wie sie es war, die uns zusammenführte, das habe sie, Esja, im Gespür!" Sein halb verzweifeltes, halb lachendes Schnauben zeigt, was er von derlei Gerede—und kommt es auch aus dem Mund einer Greisin, die in allgemein als weise gilt—hält: so reden's halt, die Weiber! Doch gleich darauf sagt er plötzlich in ernstem Ton: "Ich habe geträumt von Dir, heute Nacht."

Auch Lîf hatte von ihm geträumt. In ihrem Traum waren sie übereinander hergefallen unter den Fellen, hatten sich völlig vergessen, hatten überhaupt alles vergessen: all den Streit, den Zorn, die Tränen, und eifrig geopfert zu Gajas Ehren... (In der Realität dagegen hat Tristan sein Weib, als es gar zu arg anschmiegsam wurde, sanft aber bestimmt abwehren müssen mit dem Hinweis, bis zum Diseblót sei Enthaltsamkeit Pflicht, wolle man nicht von der Feier ausgeschlossen werden. "Nur diese Nacht noch und die nächste", hatte er tröstend in ihr Ohr gewispert.)

"Von dir und den seltsamen Lichtwesen, wie sie in den Zweigen der alten Ulme tanzen. Eine Melodie haben sie gesummt, die war mir heute morgen noch im Ohr, als ich aufwachte, und ein Text fiel mir dazu ein... warte, ob ich mich an beides noch erinnern kann... verflixt, aufschreiben hätte ich's sollen, aber natürlich war dazu keine Zeit, heut' morgen..."

Er überlegt noch kurz, dann beginnt er zu singen. Heiser ist seine Stimme vom vielen Reden, aber trotzdem noch wunderschön. Und auch wenn das Federvieh, in weltfremder Selbstüberschätzung, meint in den Gesang miteinstimmen zu müssen, ist dieser trotz all des Gackerns und Schnatterns immer noch ergreifender als alles, was Lîf bisher von anderen Sängern gehört hat. Daran kann nicht einmal Tristans Schimpfen nach der ersten Strophe etwas ändern: "Nein, nein, so ging die Melodie nicht, viel leichter, schwebender, wie eine Traumwanderung... Fast ebenso schön wie das Lied, das meine Mutter mir immer sang. Ach, wieso erinner ich mich nicht recht!"[1] Nein, das lässt Lîf nur noch gespannter auf die Fortsetzung warten, die Antwort der Ulme auf die Erklärung ihres Efeus:

"Schlaf du! Dich soll indes mein Arm umwinden.
Ihr Geister, weg! Nach allen Seiten fort! –
So lind umflicht mit süßen Blütenranken
Das Geißblatt seine Heckenkirsche
So eng umfasst mit zärtlichem Verlangen
Der Efeu seiner Ulme ranken Glieder:
Wie ich dich liebe! Ach, wie sehr begehr!"[2]

"Oh, stürmischer Efeu! Kein and'res Blatt als du
Denkt schon beim Wachsen an den Kranz,
Der die Brautleute krönt zum Zeichen der Treue.
Kühn springst du voraus, mir zu Gefallen,
Und kletterst in höchste Höhen, auf dass
Ich kletternd dir folge dem Licht entgegen
Und niemals Halt verlöre, so stark ist dein Arm.
Auf Gräbern machst du dich so gut
Wie um die Lenden gegürtet nach Satyrart.
Und hübsch bist du auch, das ist keine Schande
Gewunden um meinen Leib."
[3]

So glücklich er beim Singen wirkte, so bedrückt ist seine Miene, kaum dass er geendet hat. "Es war so schön gestern abend", murmelt er. "Alles schien plötzlich ganz leicht. Und heute...?"

Ratlos steht er da.
 1. Leider nur eine 10 gewürfelt, daher perform (sing) = 21 und somit für Tristan selbst ein enttäuschend durchschnittlicher Gesang.
 2. Frei nach Shakespeare (Titania in Sommernachtstraum) - Wenn ich hier das Gedicht aus dem Magiefaden aufwärmen darf...
 3. Sehr frei nach Elizabeth Barrett Browning
« Letzte Änderung: 12.05.2018, 17:35:01 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #109 am: 14.05.2018, 19:45:24 »
Lîf schweigt auf Tristans Erwiderung, denn was sollte sie auf seine Vorhaltungen antworten? Es ist ja, wie er sagt: Versuchen tut sie es wohl, seit sie sich für ihn entschieden hat. Nur gelingen will es ihr nicht immer, den Zorn im Zaum zu halten. Sie macht keine Anstalten, sich ihm ihrerseits zu nähern, als er die Hand hebt, um ihr Haar zu streicheln. Stattdessen fasst sie nur nach der Hand und legt ihre darauf. "Ich weiß wohl, dass es schwer für dich sein muss" gesteht sie irgendwann ein. "Doch das ist es auch für mich, glaube mir! Ich will nichts weniger, als dich ärgern oder dir Schande machen. Ich bemüh' mich ehrlich" seufzt sie und lässt den Kopf hängen. "Es ist manchmal stärker als ich... Ich rede oder handle, ehe ich recht weiß, wie mir geschieht." Vorsichtig streicht sie über seine Hand. "Dennoch weiß ich, dass Esja recht hat. Ich spüre das: Sie ist sehr weise, weiser als wir ahnen können, Tristan!" Ausnahmsweise reagiert sie nicht gereizt auf seinen Weiber-eben-Blick, sondern sucht nach Worten, um sich ihm zu erklären.

Da erwähnt er seinen Traum, und sie stellt fest: "Du also auch... Da siehst du: Die Große Mutter hat uns füreinander bestimmt. Es gibt ein Band zwischen uns." Nein, überrascht scheint sie von seiner Eröffnung nicht – eher erleichtert darüber. Auch zweifelt sie keinen Atemzug an seinen Worten, sondern drängt im Gegenteil: "Besinn dich, Liebster! Ganz gewiss hat die Große Mutter dir die Worte eingehaucht!" Sie nimmt seine Hand in beide Hände, drückt sie an ihre Brust und wartet atemlos. Dann schließt sie die Augen, horcht auf seine Stimme, die honigsüß wie immer den Ohren schmeichelt[1]. Die Melodie summt sie leise nach, während die langen Wimpern zittern, so heftig spielen ihre Augenlider, als träume sie intensiv.

Die Worte des Skalden selbst sind voller Anspielungen und tiefer Bedeutung. Nicht nur auf sie beide und ihre gemeinsame Zeit bezogen, nein, auch die Ulme hat ihre Bedeutung, wie der treue Efeu und das Geißblatt, Sinnbild enger, unverwüstlicher Bindung. Wie die Ranken der einen Pflanze der anderen zur Sonne folgen, so sind auch zwei eng verbundene Menschen aufeinander angewiesen auf ihrem Weg durchs Leben. "Ja, es war schön" sagt sie leise, nachdem er geendet hat. Dann öffnet sie die Augen und sieht ihn an. "Die Worte haben eine tiefere Bedeutung – sie stammen von dir, aber die Göttin selbst hat sie dir in den Mund gelegt."

Damit sinnt sie nach, ihre langen Haare durch die Hände gleiten lassend. "Vielleicht" meint sie schließlich, "heißt es dies: Wie die Heckenkirsche dem Geißblatt festen Grund gewährt, wenn es an ihr empor rankt, so erstarkt dieses im Lauf der Zeit und kann ihr seinerseits halt geben. Wir müssen einander beistehen, weil keiner von uns allein immer stark sein kann. Wenn der eine strauchelt, muss der andere helfen." Ein Glanz ist in ihre Augen getreten, und ihrer Stimme ist unschwer anzuhören: Mit jedem Wort steigt ihre Überzeugung, dass sie das rechte getroffen habe.
 1. 10 ist immerhin ein durchschnittlicher Wurf, also eben "wie immer", und Durchschnitt ist bei Tristans Bonus schon verflixt viel...

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