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Autor Thema: Das Disenthing  (Gelesen 5455 mal)

Beschreibung: Kapitel 1

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Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #105 am: 08.05.2018, 09:55:02 »
Sonderbarerweise lassen die Tiere ihre typischen Laute nicht mehr hören, seit Tristan und Lîf sich in dem Stall befinden. Die junge Frau wirft ihnen einen verwunderten Blick zu, und tatsächlich – sie scheinen aufmerksam zu lauschen. Oder reagieren sie einfach nur auf das eigenartige Verhalten der beiden felllosen Zweibeiner? Und nun beginnt der eine von ihnen dem anderen wiederum eine Predigt zu halten, und zwar eine, bei der sich die Züge des zweiten abwechselnd weißlich blass und flammend rot färben, wie das Haar, das sie umgibt. Lîf öffnet den Mund, um irgendwo einzuhaken, wenn ihr erzürnter Gemahl denn einmal eine Pause machen muss, um Atem zu holen. Ehe sie so recht dazu kommt, ihm die eigene Meinung an den Kopf zu schleudern, fallen jedoch Worte, die sie zusammenzucken lassen, als hätte er sie wirklich bereits geschlagen: Absicht... er unterstellt ihr Absicht?! Fassungslos starrt sie ihn an. Es summt in ihren Ohren, als sie einen Schritt rückwärts wankt. All die klugen Worte über Recht und Gerechtigkeit, die lehrreiche Geschichte von seiner Mutter, alles rauscht wie ein Wasserfall an ihr vorüber.

Denn was er da geäußert hat, trifft sie an einer Stelle, an der sie sich gar nicht verwundbar wähnte: Er glaubt allen Ernstes, sie könne sich ihm geschenkt haben – jawohl, geschenkt, freiwillig, denn obwohl sie beide wissen, dass er sie hätte zwingen können, fragte er sie, und sie sagte zu, aus einer Regung heraus, die sie selbst nicht begriff – nur um ihn zu verderben! Aus purer Heimtücke, als Rache für ihre Entführung... ohne jemals ein Gefühl in ihrer Brust gehabt zu haben! Diese Unterstellung schmerzt mehr als ein Stich mitten ins Herz. Sie ist wie eine Ohrfeige, ein Anspeien, mehr als der verächtlichste Blick, den man sich vorstellen kann. Jetzt erst merkt sie, dass da wirklich mehr in ihrem Herzen wartete. Ein zartes Pflänzchen noch, nicht mehr bloßes Interesse, wenn auch noch nicht innige Liebe zu nennen. Aber doch fähig zu wachsen... Ja, was anderes als die Liebe hätte denn ihren stolzen Nacken beugen können, ihm das erbetene Ja zu geben? Lîf stolpert rückwärts, bis sie gegen die Krippe prallt. Ein großer, harter Stein scheint mit einem Mal in ihrem Hals zu stecken.

Sie sieht, wie er in Rage auf sie einredet, ihr seinen Zorn entgegenschleudert, aber seine Worte kann sie nicht mehr unterscheiden. Ein Bienenschwarm muss um ihren Kopf summen, so laut... und schwindlig ist ihr plötzlich. Schwer lehnt sie sich gegen die Krippe, rudert mit fahrigen Armbewegungen in der Luft umher, wie um unsichtbar Geister abzuwehren. Ihr ist, als hätte er ihr gerade einen schweren Kinnhaken versetzt. "DAS glaubst du..?!" krächzt sie heiser. Ihre Stimme klingt für sie selbst ungewohnt dumpf, wie durch Watte. Als könnte sie nicht weiter als einen oder zwei Schritte dringen. Hört Tristan sie überhaupt? "Das traust du mir zu..?! Solche Falschheit..?! Ich habe... habe dich..." Geliebt? Sie verstummt, ringt nach Atem. Ein "Ja" könnte sie nicht mit voller Überzeugung sagen – ein "Nein" aber noch weniger! Lîfs Gedanken verwirren sich. Dunkel verspürt sie noch das Bedürfnis, ihm ihre Sicht der Dinge entgegenzuschleudern, sich zu verteidigen gegen seine Anklagen, wie es wohl jeder Mensch verspüren würde.

Aber sie kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Stattdessen geht ihr durch den Kopf, was sie schon die ganze Zeit beschäftigt hat, ohne dass sie es selbst geahnt hätte: Er liebt mich nicht... verachtet mich... er wird niemals mein sein..! Ja, noch vor diesem Gespräch hätte sie nur verächtlich gelacht, hätte jemand ihr auf den Kopf zugesagt, dass sie sich solche Hoffnungen machte. Sie?! Nie im Leben! So leicht wäre es gewesen, sich einzureden, dass es pure Vernunft war, sein Weib zu werden, sich vor dem Dasein als Magd zu retten. Gefühle? Ah was... allenfalls seine Anziehungskraft, ja, die lässt sich nicht leugnen. Eine Stimme, süß wie schwerer Honig, und ein stattliches Mannsbild ist er auch. Aber das würde jedes Weib so empfinden. Doch Liebe, sie, zu einem ihrer Entführer?! Ha! Nur... jetzt, wo es zu spät ist, wo es in ihrem Herzen so schrecklich wehtut, muss sie sich eingestehen, dass sie gerade etwas verloren zu haben scheint, das ihr offenbar doch, insgeheim, sehr viel wert gewesen wäre.

Sie sieht weder den Gürtel in seiner Hand, noch kann sie weiterhin seine Fragen verstehen, seine Aufforderung. Nur einzelne Worte dringen zu ihr vor. "Auf... Aufgabe..? Dienen... wozu? Wer..?" stottert sie benommen. Dabei sieht sie ganz betäubt zu ihm hoch. Ihrem Gesicht fehlt jeglicher Ausdruck, nur totenblass ist sie. Und ein schmales Tränenrinnsal bahnt sich beiderseits der Nase seinen Weg über ihre Wangen. Lîf murmelt leise vor sich hin. Sie wirkt, als habe sie einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen. Doch der Kopf ist es in dem Fall nicht, der in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #106 am: 08.05.2018, 16:09:35 »
Tristan, nicht ahnend dass Lîf dem größten Teil seiner Rede gar nicht zugehört hat, ist mit deren Wirkung zufrieden. Wie erschrocken sie zurückweicht, als er ihr Absicht unterstellt, wie empört sie es abstreitet! (Nicht, dass er es ihr wirklich zugetraut hätte, aber wie sonst soll man sich erklären, dass sie ihm immer wieder verspricht, sich von nun an gewiss besser zu benehmen, nur um ihn tags drauf mit noch ungeheuerlicherem Benehmen in Bedrängnis zu bringen? Es war also dringend notwendig, und tut ihm sehr wohl in der Seele, dass Lîf ihm diese Zweifel nimmt.) Und als er ihr am Beispiel seines eigenes Großvaters schildert, an welch Nichtigkeiten sich eine Sippenfehde entzünden kann, wie rasch sich zu Mord und Totschlag steigern, da kommen ihr gar die Tränen.

Ha, und ich habe doch recht! Es braucht keine Prügel, um ein Weib zur Einsicht zu bringen. Genausoviel, wenn nicht mehr, erreicht man dadurch, dass man ihr die Dinge nur richtig erklärt!

Wie Lîf sich wohl, in ihrem jetzigen Gemütszustand, den zufriedenen Blick erklärt, mit dem ihr Gatte sie daraufhin mustert? Mehrt sich der Tränenfluss? Gerät ein Schniefen dazwischen? Überkommt es sie gar völlig, dass auch sie sich setzen muss, von Schluchzern geschüttelt? Oder wird ihr ganz kalt? Steht sie ganz still da, verschreckt, erstarrt?

Eine kalte, nasse Nase berührt ihre Hand. Als sie den Kopf wendet, blickt sie in die sanften, melancholischen Augen eines Geißbockes, der sie abermals wie zum Trost (oder erhofft er sich etwas zu Fressen?) anstubst. Ein zweiter kommt von der anderen Seite heran und tut es dem ersten nach. Dann bricht unter den restlichen dreien ein ernsthaftes Gerangel aus, wer denn noch in ihre Nähe dürfe. Auch die anderen Tiere werden nun unruhig, wohl wegen des Tumultes, den die Geißböcke veranstalten, und weniger, um ihren Anteil an Lîfs Kummer zu bekunden, wie erstere es zu tun scheinen. Nur das Herz ihres Gatten rührt sich nicht! Nur er blickt noch immer mit großer Zufriedenheit auf ihren aufgelösten Zustand. Allenfalls, dass sie ihm seine dumme Frage nicht beantworten kann, was die Aufgabe von Gesetzen sei, lässt ihn kurz die Stirn runzeln, aber auch der Schatten verfliegt sogleich. Er rückt ein wenig näher zu ihr.

"Ja, das habe ich mir gedacht, dass sich ein so junges Ding wie du darüber noch keine Gedanken gemacht hat. Aber jetzt siehst du ein, ja? Dass ein Gericht alles tun muss, um den Sippenfrieden zu wahren? Es gibt wirklich nichts schrecklicheres als einen Sippenstreit. Mein Großvater trat wegen zweier geschundener Gäule eine Fehde los, die seinen Enkel fast zwanzig Jahre später noch seine Familie, das Heim, die Kindheit kostete und dazu sieben schreckliche Jahre in einem Kloster bescherte! So etwas zu verhindern ist Aufgabe des Thinggerichtes und damit hat es bereits alle Hände voll zu tun. Für den Schutz des Einzelnen aber sind die Sippen selbst zuständig, ebenso wie für die Bestrafung ihrer Mitglieder."

An dieser Stelle kommt ihm eine Idee, was der Grund sein könnte, wo das Missverständnis vorliegen könnte, weshalb Lîf dies alles nur so schwer begreift. "Schau, bei uns hier auf den Inseln gibt es keine Obrigkeit! Keine Herzöge oder Fürsten, die einem freien Mann Befehle erteilen könnten. Der Jarl ist nicht dasselbe wie ein Herzog bei euch. Er wird gewählt, damit er sich um alles kümmert, was zwischen den Sippen geregelt werden muss, vom Thinggericht bis zur Fahrtenplanung, und ja, die meisten von uns gehorchen wohl, wenn er uns einen Befehl erteilt, aber nur solange wir darauf vertrauen, dass er die Dinge zu unser aller Wohl richtet. Sonst wäre ganz schnell ein anderer von uns Jarl! Vor allem aber heißt dies, dass jede Sippe sich selbst befiehlt. Verstöße gegen Zucht, Ordnung, Anstand oder Ehre ahndet der Familienvater unter den Seinen oder, sollten Vettern[1] in Streit geraten, so trägt man die Sache vor das Sippenoberhaupt, welcher sie entscheidet und den Streit damit beilegt. Ansonsten hat sich da niemand einzumischen! Nur wenn das Mitglied einer Sippe Klage gegen eine Person aus einer zweiten erhebt, landet der Fall vor Gericht, denn das Thinggericht ist die einzige Instanz, die unsere Sippen als ihnen übergeordnet anerkennen, die einzige Instanz, die einen Mann von seiner Rachepflicht entbinden kann, mit der er jedes Unrecht, das seiner Sippe von einem Außenstehenden angetan wird, in gleicher Münze vergelten muss.

Siehst du, nicht nur das Gericht hast du mit deinem Ausbruch missachtet, sondern auch die Rechte aller am Streit beteiligten Sippen. Gunnlaug hast du ermahnt, als seiest du seine Mutter, wegen der Klage, die sein gutes Recht war; Eyvind aber indirekt zum Vorwurf gemacht, er schütze seine Tochter nicht ausreichend, weshalb du das dem Gericht überstellen wolltest; und Sven, ihm wolltest du auf gleiche Weise das Recht absprechen, selbst für die Strafe seines Sohnes zu sorgen; und beiden zusammen schließlich die Kompetenz absprechen, die Sache gütlich unter sich klären zu können. Denn Eyvind hat ja auf eine Klage verzichtet! Er und Sven werden wohl darüber gesprochen haben und zu einer Einigung gekommen sein. Und in das alles mischst du dich einfach hinein, blindlings.

Und ich weiß wohl auch, warum du es tatest. Weil du ein mitfühlendes Herz hast. Jedes Leid, das einen anderen trifft, rührt dich arg. Nur hilft es dem anderen auch nicht, wenn du dich darüber selbst ins Unglück stürzt! Also bitte lerne, dich zusammenzunehmen, und fordere nicht immer so unbedacht alles und jeden heraus! Du bist zornig über die Ungerechtigkeiten der Welt? Sie sind unvermeidbar. Auch kann man seine Mitmenschen nicht daran hindern, Fehler zu machen, sei es aus Dummheit, Missgunst oder Geilheit.

Die Antwort auf meine Frage lautet also: Die Gemeinschaft ist es, die das Gesetz zu schützen hat, nicht den Einzelnen. Für letzteres ist die Sippe zuständig. Und darin lag Helgas eigentlicher Fehler: dass sie sich, ob aus Dummheit oder in vollem Bewusstsein, in eine gewagte Situation begeben hat, in der weder Vater noch Gatte sie schützen konnten oder zu schützen bereit waren."


So flüchtet Tristan sich wohl in eine Rede, die seinem Gesetzesvortrag recht ähnlich ist, weil er sein Weib nicht anders zu handhaben weiß als eines der jungen Dinger, die er einmal jährlich auf diese Weise belehrt. (Oder vielleicht liegt es ja auch einfach daran, dass er in den letzten beiden Tagen von morgens bis abends so reden musste, dann mag man es ihm vielleicht eher nachsehen.) Aber erreichen seine Worte Lîf überhaupt? Lauscht sie ihm jetzt etwas aufmerksamer? Das wäre ihr zu wünschen, denn so allmählich nähert er sich doch einem Entschluss, der sich auf den Rest ihres Lebens auswirken wird.

"Ich will dich nicht schlagen", verkündet er diesen dann recht abrupt. "Egal wie oft mir der Rat dazu erteilt wird oder wie sehr man mich verhöhnt, nicht Manns genug dafür zu sein: ich will es nicht. Zum einen, weil ich dir ein Versprechen gab, gleich als wir uns trafen, nämlich dass dir von mir nichts drohe, du erinnerst dich? Zu seinem Wort aber hat ein Mann zu stehen und fällt es ihm noch so schwer. Das ist eine Frage der Ehre. Zweitens sehe ich's aber auch gar nicht ein. Was haben die sich darin einzumischen, wie ich mein Weib bändige? Warum sollte ich etwas tun, das mir zuwider wäre, von dem ich dazu gar nicht erwarte, dass es der Situation nützt, sondern im Gegenteil schadet. Jede Prügel, die ich als Junge im Kloster erhielt, hat mich nur bockiger gemacht, uneinsichtiger, und ich zweifle nicht daran, dass es bei dir ebenso wäre! Drittens will ich nicht glauben, dass du gar nicht durch vernünftige Worte zur Einsicht zu bringen seiest. Dann müsste es ja unser ganzes Leben so weitergehen: du blamierst mich, ich prügel dir Gehorsam ein, du blamierst mich erneut, sobald du wieder sitzen kannst. Nein danke, ich will wirklich nicht wie Olav[2] enden! Überhaupt, wie sähe das aus, wenn du einmal drudkvinde bist und der lögmadhur dich ständig... nein, das kann nicht rechtens sein! Ganz abgesehen davon würde es die Autorität untergraben, mit der du dich in deiner Position zu ummanteln hättest. Zu dumm, dass es bei uns überhaupt noch keine drudkvinde gegeben hat, die verheiratet war, sonst könnte ich diesen Fall zum Beispiel nehmen. Aber ja, auch ohne solchen Beleg wird jeder einsehen müssen, dass das nun wirklich nicht geht."

Tristans Miene hellt sich schlagartig auf. "Damit habe ich eine Antwort für jeden parat, der mir dreist damit kommt, ob ich mein ungehorsames Weib nicht doch mal übers Knie legen wolle wie jeder anständige Ehemann, auf dass sie alle endlich ihre Ruhe hätten!" Die Erleichterung breitet sich weiter über sein Gesicht aus, bis seine Augen strahlen und sein Mund versonnen lächelt.

"Viertens nämlich, und dies ist der wichtigste Grund, den aber nur du und ich kennen werden und allenfalls noch die alte Esja ahnt..." Hier erhebt Tristan sich und tritt vor Lîf hin, einen Geißbock vertreibend. Noch immer wird sie von allen fünfen umdrängt, immer dreister, immer... zudringlicher. Im Ernst, zweimal muss sie einen von ihnen mit beiden Händen abwehren, als der, Lîf offenbar mit einer Ziege verwechselnd, sie zu begatten versucht. (Was nun doch den vorigen Eindruck, die Tiere besäßen ein übernatürliches Feingefühl, ein Mitgefühl für Lîfs bedrängte Lage, als Einbildung entlarvt. Wenigstens ist Tristan so sehr auf seine Rede konzentriert, dass er den Tieren und ihrem absurden Bemühen gar keine Beachtung schenkt.)[3]

"Viertens nämlich", wiederholt Tristan, der sich endlich durchsetzen konnte und nun vor ihr steht, "habe ich dich so arg lieb, dass ich es im Herzen nicht verkraften könnte, dir auch nur das geringste Leid zuzufügen."
 1. Allgemeines Kürzel für "Sippenmitglieder, aber nicht aus der direkten Familie, sondern mindestens um eine Verwandheitsstufe entfernt".
 2. Bitte Olav nicht mit Ole verwechseln. Olav war der vorherige Skalde/Gesetzessprecher.
 3. Lîf ist ja nun die Art Druidin, die eine besondere Verbindung zum Pflanzenreich verspürt und nicht (so sehr) zum Tierreich, aber hier erkennen die Geißböcke wohl eine Verwandte in ihr, woran könnte das nur liegen... ? :-P
« Letzte Änderung: 10.05.2018, 13:33:47 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #107 am: 10.05.2018, 13:17:59 »
Die junge Frau nimmt[1] nicht wirklich wahr, wie Tristan auf ihre Erschütterung reagiert. Krampfhaft das Schluchzen unterdrückend, das ihr in die Kehle steigen will, wischt sie sich mit fahrigen Bewegungen über die Augen. Die Betäubung des verbalen Tiefschlags wirkt noch nach, als eine feuchte. raue Zunge über ihre Hand wischt, mit der sie halb unbewusst den beharrlichen Ziegenbock beiseite schieben wollte. In ihrer Verwirrung lässt sie die Böcke gewähren, die sich an sie drängen, befühlt automatisch ihre Schürze, ob sich da vielleicht eine Leckerei findet, die den Tieren schmecken könnte. Sie hat noch nicht verwunden, was ihr Tristan entgegengeschleudert hat, weiß nicht, was sie ihm sagen soll – da ist das nun wirklich zuviel, als dass sie noch sinnvoll reagieren könnte.

Während die Mäuler der eigensinnigen Böcke an ihren Kleidern zupfen und sie diverse leichte Schubser an den Hüften verpasst bekommt, hebt sie den Blick wieder. Ihr Gemahl tritt auf sie zu. Mit einem tiefen, zitternden Atemzug wischt sie sich nochmals mit dem Ärmel über die Augen, die in Tränen schwimmen. Noch immer ist ihr nicht klar, was sie antworten soll – was sie überhaupt antworten will – da fällt Tristan zurück in seinen erläuternden, belehrenden Ton. Ein gleichförmiger Singsang, geübt, routiniert, aber irgendwie... seltsam. Nicht passend. Als würde er... ja, als würde er eigentlich etwas anderes sagen wollen..? Weiß er denn auch nicht weiter, so wie sie? Sein junges Weib schnieft, versucht den Sinn seiner Rede zu begreifen, doch es ist hauptsächlich sein Tonfall, der sie erreicht und ein wenig ruhiger werden lässt. Er liebt sie also nicht – aber sie scheint ihm auch nicht gleichgültig. Jetzt meint sie zu verstehen: Er mag nicht viel für sie empfinden, doch beschützen will er sie trotzdem. Das muss es sein!

Diese vermeintliche Erkenntnis macht es ihr mit einem Schlag sehr viel schwerer, böse auf ihn zu sein, das Feuer der Empörung weiter zu nähren. Er hat sie wie ein unmündiges Kind vom Thingplatz geschleppt und ihren Stolz verletzt, doch offenbar aus lauteren Motiven heraus. Ja, als er gar zu erklären beginnt, dass er auf das Recht verzichten will, sie zu züchtigen, um ihres Ansehens und ihrer Autorität willen, weiß sie ganz und gar nicht mehr, was sie erwidern soll. Ein Mann mit so aufrechter Gesinnung, einer, der sie so achtet... nun wünscht sie sich umso sehnlicher, dass er sie auch liebte, und sei es nur ein kleines bisschen! Wie viele Weiber haben das Glück, an einen zu geraten, der sie nicht bei der erstbesten Gelegenheit mit dem Riemen traktiert, wenn sie ihm nicht folgen? Schniefend noch und gelegentlich hustend, weil sie sich an ihren Schluchzern verschluckt, hört sie seine Worte und fühlt sich selbst kleiner und kleiner werden. So sehr hat sie ihm Unrecht getan, so falsch ihn eingeschätzt..? Ihr Weltbild vom Weibe, das jede Regung in der Brust eines anderen mit angeborener Intuition erspürt, erhält einen leichten Knacks, ebenso wie das vom Manne, der stets seinen Willen durchzusetzen weiß, ob er nun recht hat oder nicht.

"Du willst mir die Strafe erlassen?" flüstert sie tief beschämt und senkt den Blick. "Obwohl es dein Recht wäre..." ...und obwohl ich es, die Göttin weiß es, wohl verdient hätte denkt sie, was auszusprechen ihr der Stolz denn doch verbietet. Sie kann nicht verstehen, warum er wieder lächelt, obwohl sie ihn doch gerade vor allen blamiert hat, wie er ihr wortreich erklärte. Betreten spielt sie an ihren langen Flechten, während sich Tristan durch die Ziegenböcke zu ihr drängt. Was ihn einige Kraft kostet, denn vor allem eines von den Tieren scheint ganz und gar nicht damit einverstanden, dass da ein Rivale an seiner Stelle versucht, die vermeintliche Geiß zu bespringen[2]. Nach einem letzten kräftigen Knuff des beleidigten Tiers in seinen Allerwertesten, begleitet von einem vorwurfsvollen Meckern, steht er vor ihr, sie sehen sich in die Augen, und seine letzten Worte stoßen sie vollends in Verwirrung. Lieb... er hat sie... lieb... Lîfs Lippen zittern, als sie die Tränen endgültig zurückdrängt. Sie weicht seinem Blick nicht aus, obwohl es ihr schwerfällt. Leise sagt sie nur ein einziges Wort: "Verzeih..."
 1. ...Mit einem Motiv erkennen von mageren 5...
 2. Ja, die Verwechslung scheint nicht nur Lîf, sondern auch Tristan zu betreffen – der Geißbock weiß, warum :-P

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #108 am: 11.05.2018, 19:54:58 »
"Verzeih, ach, natürlich verzeih ich dir, Lîf, aber damit allein ist unser Problem ja noch nicht gelöst. Wie oft hast du mir schon versprechen, es werde nicht wieder passieren, und dann kommt's noch schlimmer. Dabei zweifel ich nicht einmal an deinem guten Willen. Ach, ich weiß auch nicht, was man da machen kann."

So bemüht Tristan sich wohl, streng zu klingen, aber die Ratlosigkeit überwiegt. Zögernd streckt er eine Hand nach Lîf aus und streicht ihr über das Haar. Doch falls sie sich daraufhin erhofft, er werde sie in den Arm nehmen, wird sie enttäuscht; er bleibt auf Armlänge.

"Esja hatte wohl recht, als sie sagte, es werde nicht leicht für mich werden, mit einer Dienerin Gajas verheiratet zu sein. Bald kühles Wasser, bald sengendes Feuer, bald sanfte Liebe, bald verzehrender Zorn! Grenzen solle ich dir zeigen, wenn Du über die Stränge schlägst, aber dir die Freiheit lassen! Mit harter Hand dich zurückhalten, wenn du dich vor lauter Leidenschaft in etwas vergaloppierst, aber Verständnis zeigen, wann immer du Verständnis brauchst. Halt müsse ich dir geben, dir stets eine Schulter zum Anlehnen sein. Ha, ihr verlangt nicht viel, ihr Weiber, wie?" Ein tiefer Seufzer entspringt seiner Brust.

"Ach, aber wenn mir das alles gelänge, dann würde die Große Mutter schon dafür sorgen, dass wir miteinander glücklich würden, so gewiss wie sie es war, die uns zusammenführte, das habe sie, Esja, im Gespür!" Sein halb verzweifeltes, halb lachendes Schnauben zeigt, was er von derlei Gerede—und kommt es auch aus dem Mund einer Greisin, die in allgemein als weise gilt—hält: so reden's halt, die Weiber! Doch gleich darauf sagt er plötzlich in ernstem Ton: "Ich habe geträumt von Dir, heute Nacht."

Auch Lîf hatte von ihm geträumt. In ihrem Traum waren sie übereinander hergefallen unter den Fellen, hatten sich völlig vergessen, hatten überhaupt alles vergessen: all den Streit, den Zorn, die Tränen, und eifrig geopfert zu Gajas Ehren... (In der Realität dagegen hat Tristan sein Weib, als es gar zu arg anschmiegsam wurde, sanft aber bestimmt abwehren müssen mit dem Hinweis, bis zum Diseblót sei Enthaltsamkeit Pflicht, wolle man nicht von der Feier ausgeschlossen werden. "Nur diese Nacht noch und die nächste", hatte er tröstend in ihr Ohr gewispert.)

"Von dir und den seltsamen Lichtwesen, wie sie in den Zweigen der alten Ulme tanzen. Eine Melodie haben sie gesummt, die war mir heute morgen noch im Ohr, als ich aufwachte, und ein Text fiel mir dazu ein... warte, ob ich mich an beides noch erinnern kann... verflixt, aufschreiben hätte ich's sollen, aber natürlich war dazu keine Zeit, heut' morgen..."

Er überlegt noch kurz, dann beginnt er zu singen. Heiser ist seine Stimme vom vielen Reden, aber trotzdem noch wunderschön. Und auch wenn das Federvieh, in weltfremder Selbstüberschätzung, meint in den Gesang miteinstimmen zu müssen, ist dieser trotz all des Gackerns und Schnatterns immer noch ergreifender als alles, was Lîf bisher von anderen Sängern gehört hat. Daran kann nicht einmal Tristans Schimpfen nach der ersten Strophe etwas ändern: "Nein, nein, so ging die Melodie nicht, viel leichter, schwebender, wie eine Traumwanderung... Fast ebenso schön wie das Lied, das meine Mutter mir immer sang. Ach, wieso erinner ich mich nicht recht!"[1] Nein, das lässt Lîf nur noch gespannter auf die Fortsetzung warten, die Antwort der Ulme auf die Erklärung ihres Efeus:

"Schlaf du! Dich soll indes mein Arm umwinden.
Ihr Geister, weg! Nach allen Seiten fort! –
So lind umflicht mit süßen Blütenranken
Das Geißblatt seine Heckenkirsche
So eng umfasst mit zärtlichem Verlangen
Der Efeu seiner Ulme ranken Glieder:
Wie ich dich liebe! Ach, wie sehr begehr!"[2]

"Oh, stürmischer Efeu! Kein and'res Blatt als du
Denkt schon beim Wachsen an den Kranz,
Der die Brautleute krönt zum Zeichen der Treue.
Kühn springst du voraus, mir zu Gefallen,
Und kletterst in höchste Höhen, auf dass
Ich kletternd dir folge dem Licht entgegen
Und niemals Halt verlöre, so stark ist dein Arm.
Auf Gräbern machst du dich so gut
Wie um die Lenden gegürtet nach Satyrart.
Und hübsch bist du auch, das ist keine Schande
Gewunden um meinen Leib."
[3]

So glücklich er beim Singen wirkte, so bedrückt ist seine Miene, kaum dass er geendet hat. "Es war so schön gestern abend", murmelt er. "Alles schien plötzlich ganz leicht. Und heute...?"

Ratlos steht er da.
 1. Leider nur eine 10 gewürfelt, daher perform (sing) = 21 und somit für Tristan selbst ein enttäuschend durchschnittlicher Gesang.
 2. Frei nach Shakespeare (Titania in Sommernachtstraum) - Wenn ich hier das Gedicht aus dem Magiefaden aufwärmen darf...
 3. Sehr frei nach Elizabeth Barrett Browning
« Letzte Änderung: 12.05.2018, 17:35:01 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #109 am: 14.05.2018, 19:45:24 »
Lîf schweigt auf Tristans Erwiderung, denn was sollte sie auf seine Vorhaltungen antworten? Es ist ja, wie er sagt: Versuchen tut sie es wohl, seit sie sich für ihn entschieden hat. Nur gelingen will es ihr nicht immer, den Zorn im Zaum zu halten. Sie macht keine Anstalten, sich ihm ihrerseits zu nähern, als er die Hand hebt, um ihr Haar zu streicheln. Stattdessen fasst sie nur nach der Hand und legt ihre darauf. "Ich weiß wohl, dass es schwer für dich sein muss" gesteht sie irgendwann ein. "Doch das ist es auch für mich, glaube mir! Ich will nichts weniger, als dich ärgern oder dir Schande machen. Ich bemüh' mich ehrlich" seufzt sie und lässt den Kopf hängen. "Es ist manchmal stärker als ich... Ich rede oder handle, ehe ich recht weiß, wie mir geschieht." Vorsichtig streicht sie über seine Hand. "Dennoch weiß ich, dass Esja recht hat. Ich spüre das: Sie ist sehr weise, weiser als wir ahnen können, Tristan!" Ausnahmsweise reagiert sie nicht gereizt auf seinen Weiber-eben-Blick, sondern sucht nach Worten, um sich ihm zu erklären.

Da erwähnt er seinen Traum, und sie stellt fest: "Du also auch... Da siehst du: Die Große Mutter hat uns füreinander bestimmt. Es gibt ein Band zwischen uns." Nein, überrascht scheint sie von seiner Eröffnung nicht – eher erleichtert darüber. Auch zweifelt sie keinen Atemzug an seinen Worten, sondern drängt im Gegenteil: "Besinn dich, Liebster! Ganz gewiss hat die Große Mutter dir die Worte eingehaucht!" Sie nimmt seine Hand in beide Hände, drückt sie an ihre Brust und wartet atemlos. Dann schließt sie die Augen, horcht auf seine Stimme, die honigsüß wie immer den Ohren schmeichelt[1]. Die Melodie summt sie leise nach, während die langen Wimpern zittern, so heftig spielen ihre Augenlider, als träume sie intensiv.

Die Worte des Skalden selbst sind voller Anspielungen und tiefer Bedeutung. Nicht nur auf sie beide und ihre gemeinsame Zeit bezogen, nein, auch die Ulme hat ihre Bedeutung, wie der treue Efeu und das Geißblatt, Sinnbild enger, unverwüstlicher Bindung. Wie die Ranken der einen Pflanze der anderen zur Sonne folgen, so sind auch zwei eng verbundene Menschen aufeinander angewiesen auf ihrem Weg durchs Leben. "Ja, es war schön" sagt sie leise, nachdem er geendet hat. Dann öffnet sie die Augen und sieht ihn an. "Die Worte haben eine tiefere Bedeutung – sie stammen von dir, aber die Göttin selbst hat sie dir in den Mund gelegt."

Damit sinnt sie nach, ihre langen Haare durch die Hände gleiten lassend. "Vielleicht" meint sie schließlich, "heißt es dies: Wie die Heckenkirsche dem Geißblatt festen Grund gewährt, wenn es an ihr empor rankt, so erstarkt dieses im Lauf der Zeit und kann ihr seinerseits halt geben. Wir müssen einander beistehen, weil keiner von uns allein immer stark sein kann. Wenn der eine strauchelt, muss der andere helfen." Ein Glanz ist in ihre Augen getreten, und ihrer Stimme ist unschwer anzuhören: Mit jedem Wort steigt ihre Überzeugung, dass sie das rechte getroffen habe.
 1. 10 ist immerhin ein durchschnittlicher Wurf, also eben "wie immer", und Durchschnitt ist bei Tristans Bonus schon verflixt viel...

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #110 am: 25.05.2018, 14:32:54 »
Ein wenig mulmelig wird Tristan zumute, je entschieder sein junges Weib die Meinung vertritt, die Göttin selbst müsse sie ihrem Gatten zugeführt haben. So eifernd, wie sie zuvor darauf bestand, so willig sie sich ihm auch hingab, er sei ein Räuber und ein Dieb, der sie entführt und gegen ihren Willen zu der Seinen gemacht habe, so begierig will sie nun verstanden haben, dass die Große Mutter sie zusammengeführt habe. Welch Szene hat sie ihm noch vor zwei Wochen gemacht, als er dem Schicksal zu danken wagte, das sie in seine Arme führte? Und das wollte er ja auch gerne glauben: dass da irgendwelche verborgene Kräfte am Werke waren, die die Geschicke der Menschen mal recht, mal schlecht lenkten, nur dachte er dabei eher an Geister, ob Ahnen, Rastlose oder Vergessene, oder an Feenwesen, die sich ebenso leicht unbemerkt unter die Sterblichen mischen konnten, in Tier- oder Pflanzengestalt, und die ihre eigenen, wunderlichen Ziele verfolgten. Vielleicht gar irgendwelche namlosen, nicht fassbaren Kräfte, die hier etwas Gutes, dort etwas Böses bewirkten, damit die Welt im Gleichgewicht bleibt und nicht aus den Fugen gerät. Aber gleich anzunehmen, die Göttin habe sich eingemischt, habe ein Interesse an ihnen! Wunschdenken einer jungen Frau, deren Stolz sie keine andere Erklärung finden lassen will, warum sie ihrem Entführer so zugetan ist—oder so will er hoffen! Denn wenn sie recht hat... "Wen der Eine auserwählt hat, der...", so beginnen zahlreiche Sprüche der Pfaffen, und die Konsequenzen daraus führen im besten Fall zu einem frühen Tod, öfters jedoch zu einem langen Martyrium. Dann doch lieber Geisterspuk oder Schabernack der Feen!

"Und dabei wollte ich doch einfach nur ein hübsches, tüchtiges Weib haben, um Heim und Leben mit ihr zu teilen, auf dass sie die einsame Stille aus beidem vertreibe", versucht er zu scherzen, denn widersprechen will er Lîf nicht. Dazu ist er zu froh, dass sie sich ihm endlich mit ganzem Herzen zuwendet. Wenn sie dafür diese Erklärung benötigt, so würde er sich hüten, sie ihr auszureden. Nur eine Sache kann er schwerlich auf sich sitzen lassen.

"Die Worte hat mir niemand eingehaucht", stellt er klar. "Oder wenn, dann die Dinge selbst. Die alte Ulme, die Lichtgeister mit ihrem Tanz, du... Sie alle sind wie Klänge in meinem Ohr, haben ihren eigenen Akkord, ihr eigenes Thema, oder sogar eine ganze Melodie." Und die ihre ist so schön und so rein, dass er, wenn er nicht achtgibt, sich ganz darin verliert.

"Oder hast du geglaubt, meine Seele sei mit trockenen Gesetzesvorträgen gefüllt? Dass mein ganzes Sinnen im Streit schlichten läge? Das ist nur die Aufgabe, welche die Gemeinschaft von mir verlangt, womit ich mir Stand und Anerkennung verdiene und zurückgebe, so gut ich kann, für alles, was ich den Leuten hier zu verdanken habe. Denn schau, niemand kann jederzeit der sein, der er gern wäre! Jeder muss sich nützlich machen, muss seine Kraft und sein Können zum Wohl der Gemeinschaft einbringen, sonst ist hier auf den Inseln kein Überleben möglich. Wieviel lieber wäre ich einfach nur Sänger! Würde den ganzen Tag den Melodien um mich herum lauschen und die schönsten darunter auf der Flöte nachspielen oder, mit Text versehen, auf Pergament festhalten. Aber Lieder werden auf Jarlsö selten gebraucht. So muss ich mich damit bescheiden, an den Festen ein wohlwollendes Publikum zu finden. Aber diese schönen Momente gäbe es gar nicht ohne das andere, ohne die Pflichterfüllung als Gesetzessprecher. Das rufe ich mir immer in Erinnerung, wenn letzteres mir mal wieder beschwerlich wird.

Vielleicht denkst du, wenn du dich das nächste Mal erhitzen willst, also lieber nicht an mich und die Schande, die du mir damit machst, sondern nur an dich: wie sehr es dich erfüllt, Heilerin zu sein, wie viel du noch von Esja zu lernen hast, wie stolz und glücklich es dich macht, von ihr als Schülerin erwählt worden zu sein, wie sehr du es dir wünschst, ihr eines Tages als drudkvinde nachzufolgen. Und dann benehme dich entsprechend! Wie eine zukünftige Weise Frau. Dazu wird Esja dir mehr raten können als ich, obwohl ich mir vorstellen könnte, dass ihre erste Ermahnung sein wird: auch eine Weise Frau wartet lieber, bis sie um Rat gebeten wird, bevor sie einen solchen gibt! Denn in meinen achtzehn Jahren hier habe ich es erst zweimal erlebt, dass Esja unaufgefordert einen gab! Ein zweiter Punkt gilt für die drudkvinde gleichermaßen wie den Gesetzessprecher: wir müssen neutral bleiben. Jeder Mann und jedes Weib auf Jarlsö muss das Gefühl haben, mit seinen Sorgen und Fragen zu uns kommen zu können, ernst genommen zu werden, und ehrlichen, unvoreingenommenen Rat zu erhalten. Dazu ist es nötig, dass wir uns aus den ganzen Alltagsstreitigkeiten, den kleinen Fehden, heraushalten. Würde Eirik Svensson morgen verletzt, müsste er da fürchten, dass du dich nicht mit derselben Sorgfalt um ihn kümmerst wie um einen anderen? Ich weiß, dass dies nicht so wäre, aber er könnte daran zweifeln oder auch sein Vater. Und stelle dir gar die Folgen vor, wenn er in deiner Obhut stürbe! Deshalb ist wichtig: wir mischen uns in nichts ein, hörst du? Sonst können wir beide unsere Arbeit nicht richtig tun.

Bedenke außerdem: als Weib des Gesetzessprechers wird dir fast jeder Streit, der auf den Inseln geschieht, zu Ohren kommen. Willst du da jedes Mal Partei ergreifen? Meinst du nicht, dass dich das ganz schnell ermüden würde? Vor allem aber: willst du wirklich jedes Mal, wenn irgendwer sich mit irgendwem streitet, dass wir beide darüber auch in Zank geraten?

Als drudkvinde und als Gesetzessprecher muss man ein wenig außerhalb der Gemeinschaft stehen, um ihr zu dienen. So ist das nun einmal. Du wirst dich schon daran gewöhnen. Wir haben ja einander. Daheim darfst du immer sein, wer du sein willst. Und ich darf dir von Melodien erzählen, die mir Feen oder Geister oder die Dinge selbst ins Ohr summen, ohne Hohngelächter oder Schlimmeres befürchten zu müssen."


Jetzt endlich tritt er doch heran und zieht Lîfs Kopf an seine Schulter. Sein Atemhauch streift ihr Haar.

"Und ich will dir auch etwas versprechen", sagt er leise. "Dass ich mich nicht mehr so arg darum kümmern will, was die anderen über uns sagen. Die Sache mit der Robbe etwa, oder das vor zwei Wochen im Methaus, was ist das schon? Sollen sie doch reden! Sollen sie doch lästern, die Liebe hätte einen Narren aus mir gemacht, ich hinge an deinem Schürzenzipfel, du hättest die Hosen an! Zu viele Jahre lang war ich es gewohnt, in allem allein vor mich hinzuwurschteln und mich nach niemandem richten zu müssen. Das ändert sich nun einmal, wenn man sich ein Weib nimmt. Ich werde mich also damit abfinden müssen, nicht mehr ganz allein für meinen Ruf verantwortlich zu sein, nicht mehr die alleinige Kontrolle darüber zu haben. Ich wollte ein Weib wie dich, das beherzt und entschlossen ist und sich zu wehren weiß, und bei Gaja, ein solches habe ich bekommen, also darf ich mich nun nicht beschweren. Nur was ich zuvor gesagt habe, über Neutralität und dem Dienst an der Gemeinschaft, das musst du dir zu Herzen nehmen, darauf musst du achten! Aber all die anderen Kleinigkeiten, mit denen du uns ins Gerede bringen könntest—sei's drum! Wenn du dir deswegen Sorgen machen wolltest, kämest du ja aus den Sorgen nicht heraus, also lass es!"

Und dann küsst er sie.
« Letzte Änderung: 25.05.2018, 18:52:33 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #111 am: 29.05.2018, 09:50:17 »
Wie es so ihre Art ist, sich in diesem Moment der einen Meinung zuzuneigen, im nächsten impulsiv einer anderen, stets aber ohne Zögern, Zagen oder Vorsicht, steigert sich Lîf in ihre neue Überzeugung hinein. Sie legt die Hände in einer gebetsähnlichen Geste gekreuzt auf die Brust, schaut zu Boden – zum Schoß der Großen Mutter also, zu dem die Gayagläubigen beten – und strahlt, während sie stumm der Herrin für Ihre Gnade dankt und ihr im vollsten Glauben Gehorsam gelobt. Es fällt ihr in diesem Fall ja auch nicht sonderlich schwer, fühlt sie sich doch sehr zu Tristan hingezogen. Nicht nur, weil er ein Bild von einem Kerl ist und seine goldene Stimme einem Weib wohl durch Mark und Bein geht. Das junge Weib ist nun einmal immer und ewig auf der Suche nach "der" Wahrheit, und wo sie den Willen der Göttin vermutet, kann ja nichts anderes sein als eben diese. Hat also Sie bestimmt, dass Lîf gegen ihren Willen entführt werde, weil sie erst später in der Lage wäre, ihre Liebe zu Tristan zu entdecken, so will ihr das nun ganz logisch erscheinen. Von göttlichem Willen zu ihrem Glück gezwungen worden zu sein, das kann ihr Stolz durchaus verwinden, ja, es schmeichelt ihm eher noch!

Da sie in ihrer Euphorie gefangen ist, geht sie auch auf den Scherz des Barden ein, ohne seine Sorge dahinter zu erkennen. "Bin ich denn nicht hübsch? Oder kein tüchtiges Weib? Koche ich nicht gut für dich, nähe deine Kleider nicht ordentlich, halte dein Heim nicht sauber?" neckt sie ihn. Und dass sie die Stille aus seinem Heim verbannt hat, wird ihnen wohl jeder aus dem Dorf betätigen... Sogar als er ihr denn doch noch widerspricht, wird sie nicht zornig, wie sonst, wenn jemand auch nur das Geringste gegen ihre frommen Überzeugungen zu sagen wagt. "Ach, du Mann mit der Zunge einer Nachtigall..!" lacht sie. "Bin ich also auch eine Melodie für dich? Sing mir mein Lied, Liebster, ich möchte es hören!" Oh ja, die Vorstellung ist schön, als er weiter spricht: Wäre er einfach nur Sänger und sie einfach nur eine Magd der Göttin, der Heilkunst ergeben und sonst nichts... sie würden gemeinsam in einem kleinen Häuschen leben, umgeben von den Kindern, die Lîf ihm gebären würde, sich des Lebens freuen und die Göttin loben... zu den Festen würden sie sich gemeinsam an eine reich gedeckte Tafel setzen, Tristan würde singen, die Haare Lîfs und der Töchter wären mit Blumenkränzen geschmückt, die Söhne, ein jeder so hübsch wie der Vater...

Dem stehen natürlich ihre Pflichten gegenüber, die seinen als Skalde und die ihren als künftige drudkvinde. Ohne dass ihre Fröhlichkeit sie ganz verlässt, seufzt sie daher leise und nickt. "Du hast ja recht, Mann" gibt sie zu und zwinkert, halb zerknirscht, aber halb auch noch immer das verträumte, neckende junge Mädchen, das alles nicht recht ernst zu nehmen vermag. "Es fällt mir schwer, denn Gaya hat den Weibern nun einmal mitfühlende Herzen gegeben, ohne die sie weder gute Mütter, noch gute Eheweiber sein könnten." Dann sieht sie zu ihm auf. "Zuhause darf ich's?" fragt sie, und eine leichte Röte ergießt sich über ihr Gesicht. Dann lässt sie sich willig in seine Arme ziehen und murmelt leise: "Ja, das darfst du, so oft du nur willst!" So steht sie eine ganze Weile dicht an Tristan gedrängt, die Hände flach auf seine Brust gelegt, die Wange daran geschmiegt, und lächelt selig vor sich hin. "Lass sie nur reden" stimmt sie zu, ohne die Augen zu öffnen. "Hat die Liebe einen Narren aus dir gemacht, dann liebe ich dich doch, du wundervoller Narr!"

Ihre Hand streichelt über seine Brust, öffnet sein Hemd leicht, so dass sie die nackte Haut mit den Lippen berühren kann. Sanft haucht sie einen Kuss darauf. Der Mann, den sie liebt, ist zu allem Glück auch noch ein Mann, der ihr die Freiheiten lassen will, die sie braucht, statt sie ihr austreiben zu wollen: Lîf schwebt vor Seligkeit in anderen Sphären. Verschmitzt lächelt der Rotschopf zu ihm hoch. "Die Hosen sind natürlich dein - wenn ich sie mir unter uns gelegentlich leihen darf." Niemand soll sagen können, ihr Mann hänge an ihrem Rockzipfel! Sie müsste sich ja schämen... Den Kuss Tristans erwidert sie leidenschaftlich. Dabei stellt sie sich auf die Zehenspitzen und schlingt ihre Arme fest um ihn. Von irgendwo fährt ein leiser Windhauch in den Stall. Er löst Lîfs Kopftuch, das langsam zu Boden segelt, während ihre hüftlangen Locken die beiden umspielen wie ein flammend roter Schleier.
« Letzte Änderung: 29.05.2018, 09:52:51 von Lîf »

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #112 am: 04.06.2018, 15:33:49 »
"Eine Melodie, ja, aber so ganz erfasst habe ich sie noch nicht", gesteht Tristan. "Sie ist ja auch sehr wechselhaft! Mal braust und stürmt sie, dass es dem tapfersten Seemann bange wird, mal summt und säuselt sie voller Zärtlichkeit, mal hüpft sie sorglos heiter kreuz und quer, mal strömt sie gewaltvoll ihrem Ziel entgegen, und allzu oft weiß sie gar nicht, was sie will, dann geraten ihre Klänge vollends durcheinander. Nein, also tut mir leid, wie soll man eine solche Weise wiedergeben können? Vielleicht, wenn ich ihr noch ein paar Jährchen lausche oder sie sich ein wenig beruhigt...?

Ein Narr, ich? Hm, heißt es nicht, von allen Menschen seien sie die glücklichsten? Dann muss ich wohl einer sein, denn ich wüsste nicht, wie noch mehr Glück, als mir da gerade auf dem Herzen drückt, zu ertragen wäre!

Die Hosen, nein, die geb' ich nicht her, nicht einmal daheim. Glaubst du, das würde nicht gleich die Runde machen? Dass unsere Mägde nicht tratschen mit denen von anderen Höfen? Kindgleiche Unschuld!

Jetzt haben wir nur ein Problem, weißt du?"
erklärte er zwischen zwei Küssen. "So glückstrahlend, wie du nun dreinblickst—so können wir uns im Langhaus nicht sehen lassen! Was sollen die Leute denn von uns denken? Könnte eine Strafpredigt, wie du sie für deinen Auftritt verdient hättest, eine Prügel gar, ein Weib derart leuchten lassen? Du, das ist ein echtes Problem", schließt er, plötzlich ernst, obwohl der Rest seiner Rede im Scherz gesprochen war.

"Glaubst du, du könntest etwas niedergeschlagener gucken? Verdrossen vielleicht? Nein, ich sehe, das klappt nicht. Vielleicht wäre es das beste... sei mir nicht böse, wenn ich's vorschlage... du nächtigst heute hier in der Heilerhütte? Dann hätte Esja dich auch gleich zur Hand. Die Feier beginnt morgen ganz arg in der Frühe, noch lange vor Sonnenaufgang, und bestimmt wird Esja dich an ihrer Seite haben wollen, so wie Unn und Aud ihre Schülerinnen? Das würde auch die Sache mit der Enthaltsamkeit—nur noch diese Nacht, Gaja sei Dank!—sehr erleichtern!"

Zumindest im letzten Punkt wird Lîf ihm recht geben müssen, da genügt ein Blick auf ihre aktuelle Lage: mit dem Rücken im Stroh liegt sie, die Beine gespreizt, der Rock bis zur Hüfte hochgeschoben, es fühlt der Gatte mit der Rechten vor, während seine Linke durch den Stoff ihrer Schürze—wo ist denn ihr warmer Überwurf hin?—ihre Brüste knetet; den Gürtel hat er ja vorher schon gelöst, nichts hält mehr die Hose, zwei Handgriffe fehlen bloß, jetzt noch einer, dann war's das mit der Enthaltsamkeit, dann wären er und sie ausgeschlossen von dem Fest, das morgen in der Früh beginnt und bis zum Morgen des nächsten Tages andauern soll... bei dem Lîf auch Esjas früherem Liebhaber begegnen würde, wenn sie nur auf deren Frage vorträte, wer unter den Anwesenden wünsche sich mit besonderer Sehnsucht ein Kind mit seinem Weib oder Gatten...
« Letzte Änderung: 04.06.2018, 17:01:33 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #113 am: 08.06.2018, 16:25:35 »
Natürlich geht Tristan auf die Sache mit der Melodie ein. Und wie es Lîf kaum anders erwartet hat, entwickelt er eine poetische Ader bei der Beschreibung seines Weibes, die man bei den übrigen rauen Nordmännern umsonst suchen würde. Sie lächelt unbewusst, während sie so seinen Schilderungen lauscht – welches Weib würde sich auch nicht geschmeichelt fühlen bei solchen Worten, die sie treffend zwar mit all ihren Fehlern, aber doch nicht verletzend, sondern eher liebevoll beschreiben? "Also gut, die Hosen sollen immer bei dir bleiben. Die Mägde sollen nichts schändliches zu berichten haben" gibt sie sich zwischen seinen Küssen und Liebkosungen geschlagen, während ihre Hände wie eigenständige Lebewesen über seine Schultern zu streicheln beginnen, in seinem Haar wühlen, die Linien seiner Gesichtszüge nachfahren. "Die Narren sind die glücklichsten? Dann machst du mich ebenso zur Närrin" flüstert sie zärtlich.

Als er von einem Problem spricht, erreicht er sie erst gar nicht, so gefangen ist sie in der Zuneigung zu ihm, die nach dem Streit mit doppelter Macht in ihr aufwallt. Und auch nachdem sie seine Worte begriffen hat, lächelt sie zunächst nur munter. "Wie könnte ich jetzt weinen oder grollen, du mein lieber Narr" kichert sie und fährt fort, ihn mit Liebkosungen zu überschütten, so heftig, wie sie zuvor ihren Zorn zeigte. Doch es ist ihm offenkundig ernst, und sie seufzt bedauernd: "Tut mir leid, Liebster: Hättest du mich übers Knie gelegt, wäre das wohl so, aber das hast du nicht... und du weißt, ich bin keine gute Schauspielerin. Willst du also deinen Gürtel nicht doch noch gebrauchen, kann ich dir den Wunsch leider nicht erfüllen." Ihr unbeschwertes Schmunzeln zeigt, dass sie dieses "Wenn" nicht ernsthaft in Betracht zieht. Wieder seufzt sie, als er ihr den Vorschlag macht, heut Nacht allein zu bleiben. "Oh Göttin..! Na, wenn es sein muss. Es muss wohl, nicht wahr?"

Es ist nicht schwer herauszuhören, dass es ihr anders lieber wäre. Hat sie doch auch keinerlei Anstalten gemacht, sich gegen ihn zu sträuben, als er sie so in das Heu warf – obgleich der Ausdruck in seiner vollen Bedeutung hier nicht zutrifft. Noch jedenfalls. Ja, ihre Hände halten das Kleid in seiner hochgestreiften Position, ihre Beine haben sich leicht um seinen Leib geschlungen, kreuzen sich in seinem Rücken, und ihre Augen ruhen mit Wohlgefallen auf seiner bereits geöffneten Hose. Lîf atmet tief ein, als ihr das Fest wieder einfällt. Tristans Nähe ist verlockend, ach, mehr als das..! Und doch... "Liebster," flüstert sie, sich mühsam die Worte abringend, "das Fest morgen... der Segen der Göttin für unser Kind..." Oh ja, es fällt ihr sehr, sehr schwer, dem lodernden Feuer in sich zu widerstehen und ihn auch daran zu erinnern! Doch wünscht sie sich ja nicht nur die Vereinigung mit ihm, ein zeitweiliges Glück, sondern auch ein Kind, viele Kinder, gesunde, schöne Kinder – Gayas Geschenk an Tristan und sie, in ihrem Leib. Die Göttin zu erzürnen, indem sie Ihr vor der Zeit opfern: Hieße das nicht, eben jenen Traum gefährden?

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #114 am: 09.06.2018, 17:24:25 »
"Ach was! Jetzt plötzlich fällt dir ein, wie fromm du bist!" schnauft Tristan empört. "Aber zuerst den armen Gatten locken und drängen!"

Seine Empörung versteht Lîf durchaus, doch seine Äußerung verrät einen befremdlichen Gedankengang: offenbar sieht ihr Gatte einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Frömmigkeit und Enthaltsamkeit. Da dies so gar nicht zu den Lehren der Großen Mutter passt, die vielmehr das Gegenteil besagen, muss ihm diese seltsame Vorstellung wohl in seiner Klosterzeit eingegeben worden sein.

Mit heldenhafter Anstrengung rollt er zur Seite und blickt mit einiger Reue, wie ihr scheint, himmelwärts. (In dieser Richtung wähnen Anhänger des Einen ihren Herrn, denn von dort aus sandte er den Propheten, sie anzuführen im Kampf gegen das Böse, von dort aus blickt sein wachendes Auge auf sie herab, dem kein Fehltritt entgeht.) Oder vielleicht schaut Tristan ja auch nur zur Stalldecke hoch. Jedenfalls liegt er da mit starrem Blick und rührt sich nicht.

"Du hast ja recht", sieht er irgendwann ein. "Und den Spott, der darauf folgen würde, will ich mir gar nicht ausmalen! Ich weiß, was ich dir gerade erst versprach—nicht kümmern will ich mich mehr so arg darum, was die anderen sagen—aber gar so schnell und so heftig muss ich diesen Entschluss ja nun nicht auf die Probe stellen! Und es wäre wirklich schade, wenn du das Fest verpasst. Es ist, die eigene Hochzeit vielleicht ausgenommen, von allen das schönste."

Er schließt die Augen. "Unser Kind..." murmelt er zwischen tiefen Atemzügen. "Und glücklich bist du auch... grollst mir nicht mehr... mein bist du... mit Haut und Haar... nein, mit Leib und Seele... mein!"

Eine ganze Weile liegt er noch da, still jetzt, bis er sich endlich einen Ruck gibt. Aufstehen, die Kleidung wieder herrichten, den Gürtel auch und alles, was daran gehört, Beutel, Horn und Sax, worauf eine kurze Panik folgt, als seine Flöte, die er normalerweise an einem Band um den Hals trägt, verschwunden scheint, sich aber nach gemeinsamer Suche im Heu vergraben wiederfindet—und nichts steht ihrer Trennung mehr im Wege.

"Ich bringe dich noch 'rüber", versichert er ihr rasch (und sich!) zum Trost. "Es ist wirklich besser so und außerdem bloß für eine Nacht!"

Warum zögert er dann auf der Schwelle? Und wieder auf halbem Weg? Warum hält seine Hand, zum Klopfen bereits erhoben, zaudernd inne? Warum muss erst Esjas Stimme: "Kommt herein!" ihn aus der Starre lösen und gehorchen lassen? Und warum verabschiedet er sich so überhastet, haucht seinem Weib gerade einmal einen flüchtigen Kuss aufs Haar, bevor er sich wieder aus der Hütte duckt, als ertrage er diese Qual nicht einen Augenblick länger?

Esja blickt von Lîf zum flüchtenden Tristan und wieder zu Lîf. Dann seufzt sie und schüttelt den Kopf.

"Der arme Junge. Dir den Kopf zurechtsetzen? Keine Chance hat er und weiß es auch. Armer, armer Tristan!"

Doch eine weitere Schelte scheint sie nicht zu planen, jedenfalls nicht mehr an diesem Abend. Ihr einladender Fingerzeig weist Lîf eine freie Bettbank zu. Aud und Unn liegen bereits unter den Fellen, zu ihren Füßen Isgerd und Ragnhild. Im kleinen Nebenraum schnarcht der verletzte Thorstein und auch die drei Mägde kauern dort in einer Ecke. Selbst Bard und Aasa und die kleine Robbe regen sich kaum, als Lîf in ihren Verschlag späht, als schliefen sie schon fast.

Morgen würde ein anstrengender Tag.[1]

~~~

Derweil betritt Tristan das Langhaus und stellt sich ganz allein den Blicken seiner Fahrtenbrüder und ihrer nicht minder neugierigen Weiber.

"So", verkündet er in die plötzliche Stille. "Das wäre geschafft."

Und lenkt seinen Schritt zielstrebig in Richtung der eigenen Bettstatt, die leider am hinteren Ende liegt.
 1. Wenn Du noch einmal mit Esja reden möchtest, kannst Du das natürlich. Sonst geht's mit meinem nächsten Post zum Fest.
« Letzte Änderung: 09.06.2018, 22:23:24 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #115 am: 10.06.2018, 13:06:27 »
Ein wenig erstaunt über die ungewohnten Ansichten Tristans, lächelt Lîf. "Im Gegenteil, ich bitte dich nur, mit dem Opfer an die Göttin noch ein wenig zu warten." Sanft streicht sie ihm übers Haar, als er sich mit bewundernswerter Willenskraft dazu durchringt, ihrer Bitte nachzukommen. "Es wird, mit Ihrem Segen, sicherlich alles, was ihr uns erhoffen" flüstert sie ihm tröstend ins Ohr. Nicht dass es ihr selbst leicht fiele, gerade jetzt aufzuhören... da müssen wohl auch die feenhaften Erbeteile der beiden zu sprechen begonnen haben, dass sie glaubt, bei jeder Berührung auf nackter Haut springe ein Funken zwischen ihnen über.

Geduldig liegt sie neben ihm, streicht immer wieder liebevoll über seinen Kopf und seine Schulter, schweigend, bis er zu seiner Entscheidung gefunden hat. "Es würde nur unserm Ansehen schaden, vor allem deinem. Und das nur, weil wir so kurze Zeit nicht mehr hätten warten können" stimmt sie bei. Seine Worte scheinen sie zu erfreuen, mehr, als er nach ihrem bisherigen Verhalten wohl hätte ahnen können. "Ja," nickt sie tief, "unser Kind, das du in meinen Leib pflanzen sollst und das ich dir schenken will." Noch einmal neigt sie sich zu ihm hinüber, berührt seine Wange, sein Ohr mit den Lippen, und schnurrt leise: "Mit Leib und Seele dein, ja..! So wie du mein bist..."

Dann schließlich rafft er sich auf, und auch Lîf – die mit ihren Weiberkleidern da weitaus weniger Aufwand hat – richtet sich wieder her. Ihre wenigen ganz persönlichen Habseligkeiten sind größtenteils an den Kettchen ihrer Schürze befestigt, der Rest rasch in die große Tasche gesteckt. Einzig ihre schweren Zöpfe brauchen eine Weile, bis sie wieder unter dem bunten, völlig verrutschten Kopftuch verschwunden und die letzten Strohhalme aus ihrer feuerroten Mähne gezupft sind. "Es wird die längste Nacht meines Lebens" seufzt sie leise, aber lächelnd, und folgt ihm dann.

Und wie sie dann so vor der Tür stehen, schaut sie ihn zwar überrascht von der Seite an, macht aber auch keine Anstalten, ihn zu mahnen. Erst Esjas Stimme bringt sie zum Unvermeidlichen, und sie verabschiedet sich, ohne die Zeit zum Erwidern seines Kusses, mit einem sehr festen Händedruck, ja, starrt ihm noch eine Weile nach, ehe sie sich des prüfenden Blicks der Alten bewusst wird und errötend die Tür schließt. "Aber er hat es ja getan" protestiert sie schwach zur Verteidigung seines Ansehens. "Er allein wird die Hosen anhaben bei uns – so habe ich es ihm geloben müssen, er ließ es nicht anders zu."

Wie weit es mit ihrem eigenen Vertrauen in dieses unverbrüchliche Versprechen her ist, zeigt allerdings die Tatsache, dass sie auf Esjas mit gutmütigem Spott darauf folgenden Blick nur den Kopf senkt und verlegen zur Seite tritt. "Ich bete zur Göttin, dass es mir immer gelingt, ihm keine Schande zu machen" murmelt sie, ehe sie auf leise Sohlen zu ihrem Schlafplatz geht. Kurz sieht sie nach den bereits Schlummernden, zieht in mütterlicher Art hier eine verrutschte Decke hoch, lächelt dort dem kleinen Heuler zu. Ja, sogar die Mägde bedenkt sie ganz ohne nachzudenken mit einer Segensgeste, damit die Große Mutter über den Schlaf dieser armen Weiber wache.

~~~

Tristan begegnet in der Tat sehr neugierigen Blicken. Seine Gefährten machen ihrer Wissbegierde mit kleinen, rauen Scherzen Luft: "Na, hast du sie ordentlich durchgewalkt?""Wenn dir der Arm schmerzt, reib' ihn mit Robbenfett ein, das hilft, ich hab' Erfahrung!" Wohingegen die Weiber die jeweiligen Antworten liefern und den Skalden so zum Reden verführen wollen: "Na hoffentlich hat er das! Die hat's wirklich mal gebraucht!""Du, aus Erfahrung?! Ha, hör' dir meinen Alten an, Skalde: Tut so, als legt' er mich täglich übers Knie, der Angeber! Du aber hast's gewiss heut' getan, nicht wahr?" Nein, auch sein eindeutiges Streben in Richtung Lagerstatt macht den nur anstandshalber dürftig versteckten Fragen kein Ende: Sie wollen seine klare Geste nicht verstehen, gieren vielmehr danach, zu erfahren, wie er sein ungebärdiges junges Weib wohl zur Räson gebracht und wie sie sich gewehrt haben mag.

Interessanterweise sind es gerade die Weiber, welche sehr hartnäckig immer wieder sticheln und versuchen, ihm noch etwas mehr aus der Nase zu ziehen: Die einen, Lîf wohl eher wohl gesonnenen mit Sorge und Mitgefühl in den Augen, hat doch jede von ihnen schon einmal den Riemen oder die Rute von ihrem Mann zu schmecken bekommen und weiß darum, wie es tut. Die andern, in der Überzahl, offenbar eher mit der Befriedigung, dies vorlaute, ja, freche Weibchen vom Festland endlich einmal bezähmt zu sehen. Hat ihnen dieses rothaarige junge Ding doch schon so manches Mal Dinge gesagt, bei denen einer ehrwürdigen Matrone vor Empörung die Luft wegbleiben muss! Und dabei ist die kleine Wildkatze im Gegenzug nicht so einfach anzugreifen, steht sie doch unter Esjas Schutz – und wer wollte es sich mit der Weisen verderben?

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #116 am: 10.06.2018, 21:35:00 »
"Wie, selbst das stand in Frage?" lacht die Alte ihre Schülerin aus, als diese von Hosen spricht. "Die Lage ist ja noch schlimmer, als ich ahnte! Ist das bei euch auf dem Festland allgemein Verhandlungssache?"

Doch als sie Lîf dann ihrerseits, kaum hat diese sich gebettet, die Decke zurechtzupft und kurz übers Haar streicht, klingen sanftere Töne an. "S'ist alles recht, Kind. Ihr zwei bekommt das schon hin. Wie, das hat niemanden etwas anzugehen, und es muss auch niemand meinen, euch raten zu können, denn so etwas wie euch, das gab's hier noch nicht. Seit der Tag sich mit der Nacht zerstritt, gab's das nicht mehr! Eine Warnung nur hätte ich an dich. So gut wie alles wird Tristan dir verzeihen, der liebestrunkene Tropf, nur eines nicht. Ich sagte dir, seine Art ist treu, nicht wahr? Dann wisse auch, dass es eine Sache gibt, die weder Sirene noch Sirenenspross jemals verzeihen könnte, eine Verletzung des Herzens (oder des Stolzes, was weiß ich), welche sie ins Mark treffen und zu allem fähig machen würde, vom Mord an der Liebsten bis hin zur Selbstentleibung—und das ist die Untreue. Sei also gut zu ihm und bleib ihm treu, sei Ulmentochter durch und durch in dieser Sache und zügle den Satyr in dir, und lasse auch nicht zu, dass dein Gatte einen falschen Eindruck bekommt, indem die dich vor anderen Männern aufführst wie Helga, das arme Dummchen. Tu dies und du wirst dir keinen besseren Gatten wünschen können."

Worauf die alte Heilerin ihr tatsächlich einen Kuss auf die Stirn drückt, wie eine Mutter der Tochter, und sich leise zurückzieht.

~~~

Derweil bahnt Tristan sich seinen Weg durch das vollbesetzte Langhaus und pariert die dreisteren unter den Zurufen, so gut er kann, in gleicher Weise. "Durchgewalkt? Machst du daheim die Wäsche, Karl, dass du dich so gut damit auskennst?" Und: "Danke, Morten, wenn ich in dein Alter komm! Noch kann ich meinen Gürtel so kraftvoll schwingen wie mein Schwert." An die Weiber gerichtet, wehrt er ab: "Was wollt ihr das so genau wissen, habt's doch selber schon erlebt. Oder wollt ihr hören, wie's für den ist, der den Gürtel führt? Dann fragt den eigenen Gatten!" Doch sie lassen nicht ab von ihm, vor allem letztere.

"Weibervolk", schilt er sie, um einen mild mahnenden Ton bemüht. "Bezwinget eure Neugier! Entlasst einen braven Mann, nach einem mühevollen Tag im Dienste der Gemeinschaft, in seinen wohlverdienten Schlaf!"[1]

Da erblickt er seinen Schwiegervater. "Ach Ole! Wie recht du doch hattest mit deinem Rat! Das hat auch Lîf eingesehen, unter Tränen, schniefend und schluchzend!"

Womit Tristan sich wenigstens eine kurze Verschnaufpause verschafft, denn nun bedrängt alles den alten Mann, was denn sein Rat gewesen sei. "Es zu machen wie der Egil, natürlich, einmal so richtig ordentlich! Dann hätte er für die nächsten Jahre seine Ruh!" erklärt dieser allzu bereitwillig.

Und allzu bündig, denn so hat Tristan die Meute schon wieder am Hals, bevor er seine Bettstatt erreicht. Einzelheiten wollen sie wissen, was fällt ihnen ein! Das Blut beginnt in Tristan zu kochen, und das geschieht nicht oft. Doch noch sagt er völlig ruhig: "Nein Ole, diesen Rat meinte ich nicht, sondern den ersten. Am Abend unserer Ankunft gabst du ihn mir, du erinnerst dich? Ein Kind solle ich ihr nur ganz rasch machen, einen ganzen Haufen, wenn's sein muss, dann hätte sie genug zu tun und keine Zeit mehr für dumme Ideen."

Doch auch das lässt die Mäuler nicht verstummen. Im Gegenteil: "Er hat also nicht... !"" Wo sie's doppelt und dreifach verdient hätte! Wo soll das noch enden?""Was wird sie jetzt noch einmal so keck daherstolzieren, das Kinn so hoch erhoben, dass es zur Nase ihr hereinregnet!"

Worauf Tristan der Kragen platzt. "Den Kopf gewaschen hab' ich ihr und zwar sehr gründlich, und sie hat's eingesehen und will sich bessern. Ein Narr ist, wer meint, mit einer Tracht Prügel hätte ich auch nur halb so viel erreicht! Überhaupt, was hackt ihr so auf ihr herum?" empört er sich. "Ein guter Mensch ist sie, der niemandem Böses wünscht und am liebsten jedem helfen würde! Obwohl sie uns nur als Räuber, Mörder und Schrecken aller Küsten kennt, obwohl sie selbst geraubt und verschleppt wurde, müht sie sich redlich, sich hier bei uns einzufügen, beginnt gar, uns ihr Herz zu öffnen—sehen wollt' ich nur zu gern, welcher von euch das in vergleichbarer Lage besser gelänge! Vor allem aber, und das scheint keine von euch zu bedenken, sind sie und ich nicht bloß Weib und Gatte, sondern sie ist zugleich die zukünftige drudkvinde und ich bin euer lögmadhur. Da muss man sich schon überlegen, ob das Recht sein kann, wenn da der eine die andere übers Knie legt! Habt ihr es schon erlebt, hat einer eurer Großväter davon erzählt, dass je eine drudkvinde übers Knie gelegt wurde? Nein, denn ihr habt noch keine erlebt, die verheiratet war. Lîf ist aber nun einmal verheiratet. Glücklicherweise hat ihr Gatte den höchsten Respekt vor dem Amt, für das sie auserwählt wurde, und wenn ihr einmal recht darüber nachdächtet, kämt ihr zu dem Schluss, dass die Alternative euch gar nicht schmecken würde. Eine Weise Frau muss Gajas Willen sprechen können ohne Furcht, von ihrem Gatten dafür Prügel zu ernten. Und ein lögmadhur hat sich nicht über eine drudkvinde zu stellen. So, und jetzt schlafe ich. Ich habe den ganzen Tag geredet und erklärt und erklärt und geredet und brauch endlich meine Ruh!"[2]

Mit hochrotem Kopf und von sich selbst überrascht—wann ist er schon einmal so aus der Haut gefahren?—wendet Tristan sich ab, entledigt sich seines Überwurfs und seiner Stiefel, und geht zu Bett.
 1. Diplomacy, schlappe 8.
 2. intimidate = 13
« Letzte Änderung: 11.06.2018, 16:52:10 von Tristan »

Lîf

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Das Disenthing
« Antwort #117 am: 12.06.2018, 14:16:51 »
Lîf beißt sich auf die Lippen, denn ihre Verteidigungsrede ist offenkundig nach hinten losgegangen... "Nein, natürlich nicht" stottert sie, um Worte verlegen. "Es ist nur, war nur... nur zwischen uns, ihm und mir, noch einmal zur Bekräftigung, und..." Ihr Murmeln verliert sich allmählich, als sie einsehen muss, dass es weitere Worte nur noch schlimmer machen würden. Sie kann nur hoffen, dass die Alte einfühlsam genug ist, zu erkennen, dass der Rotschopf Tristan nicht seine Position streitig machen will.

Umso mehr ist sie bei Esjas versöhnlichen Worten dann erleichtert und beruhigt. "Ich versprech's ganz fest!" gibt sie zurück, und was die Untreue angeht, so meint sie ihre Worte auch so ernst und ehrlich, wie man sie nur meinen kann. Niemals soll der lüsterne Satyr ihre Schritte vom rechten Pfad weg lenken, da sie doch in dem Skalden den Mann gefunden hat, von dem sie sich Kinder wünscht! Rückversichert durch diese ihre eigenen Worte wie auch durch Esjas Zuwendung, schließt sie die Augen und ist alsbald friedlich eingeschlummert.

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Brüllendes Gelächter von den Männern erntet Tristan wohl mit seinen spitzen Antworten. Dieweil scheinen die Weiber die ganze Sache mit sehr viel mehr Ernst zu sehen – oder sie legen nicht solchen Wert wie die Mannsleute darauf, mit Scherzen ihr Interesse zu verschleiern. "Wozu sind wir denn Weibervolk," ruft eine der Jüngeren und setzt keck hinzu: "wenn nicht, damit wir neugierig sein dürfen? Da du nicht unser Gatte bist, wirst du uns mit deinem Gürtel jedenfalls nicht zum Schweigen bringen können." Gelächter der jüngeren Mädchen, gespielte Empörung der älteren Matronen. Alle gemeinsam aber setzen sie weiter nach, erst bei dem alten Ole, dann wieder bei dem vermeintlich genasführten Ehemann selbst.

Als der dann endgültig die Geduld verliert und lauter wird, verstummen Männer wie Weiber und starren ihn an, zumeist wohl erst einmal mehr erstaunt als erschrocken. Ole, der sich gemütlich hingehockt hat, schabt nachdenklich über sein Kinn und brummt vor sich hin. Die lange Rede Tristans zeigt schließlich insofern Wirkung, als die wenigen Verteidigerinnen und Freundinnen Lîfs darauf den Mut finden, auch ihre Stimmen zu erheben: "Ja, hört nur, was er sagt! Und wer soll's wohl wissen, wenn nicht der Skalde?! Eine Dienerin der Großen Mutter, die kann man doch nicht einfach übers Knie legen und prügeln wie ein trotziges Kind – wo bliebe denn da der Respekt vor der Göttin?" Das Argument wirft der Gegenseite einige Steine in den Weg, denn gegen göttliche Kräfte kann man schlecht beharren.

So lassen sich denn verschiedene murrend hören, denen es sichtlich lieber gewesen wäre, Tristan hätte seinem jungen Weib die Kehrseite ordentlich verbläut. Doch so recht weiß niemand, eine treffende Antwort zu finden. Schließlich sind die ehrwürdigen Ämter, welche das Paar einst bekleiden soll, über Kritik erhaben und gerade um der eingeforderten Traditionen willen zu würdigen. Da bleibt nicht viel Raum, um Tristan noch einmal herauszufordern – zumal sich gerade die Herren der Schöpfung, eben noch grinsend und amüsiert ihren Weibern moralische Rückendeckung gebend, plötzlich mit sehr würdevollen Mienen nickend austauschen: Ja, da hat der Bengel wohl recht gesprochen – welcher von ihnen hätte jemals der Großen Mutter den gebührenden Respekt nicht gezollt?

Alleingelassen auf weiter Flur, ergeben sich endlich auch die murrenden Weiber drein, dass der Rotschopf nicht wie alle andern jungen Mädchen sein soll. Vielleicht... vielleicht ist man ja an der einen oder andern Stelle ein winziges bisschen übers Ziel hinausgeschossen, hat auch niemals andeuten wollen, dass etwa die Weisen Frauen nicht ehrenwert wären, selbstlose Dienerinnen der Göttin und der Menschen, oh nein, keinesfalls..! So senkt sich nach und nach wieder Ruhe über die Versammelten herab. Nur Ole tippt Tristan noch einmal an und brummt: "Ich weiß nicht, mein Jung', aber, bei allen Winden der See, du hast Mumm! Bewahr dir dein Weibchen, wie's ist, vielleicht ist es so doch am besten. Ja: Vielleicht tätst du damit was in ihr zerschlagen, das nicht ein jede überhaupt hat. Das Zeug, mit ihr ohne die Rute zurechtzukommen, das trau' ich dir jedenfalls mehr zu als jedem andern." Mit einem Kopfschütteln, das wohl das Erstaunen über sein eigenes Geständnis zu dieser gänzlich neuen Art des ehelichen Zusammenlebens bekunden soll, und einem letzten "Donner und Wolkenbruch, der Jung' wär' wohl der Kerl dazu..!" geht auch er zu Bett.
« Letzte Änderung: 12.06.2018, 16:53:56 von Lîf »

Tristan

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Das Disenthing
« Antwort #118 am: 13.06.2018, 17:53:04 »
"Ja, leichter wär's für mich aber auch für alle, tät' Esjas Tochter noch leben", erwidert Tristan dem alten Ole halblaut, dass zumindest nicht jeder es mithört. "Die wurde von klein auf darauf vorbereitet, ihrer Mutter nachzufolgen. Aber die See hat Kirsa nun einmal geholt und so müssen die Leute eben mit dem zurechtkommen, was ich uns erbeuten konnte. Und ich, ich werde mich auch mit der Situation abfinden müssen. Glaub' nicht, dass ich mir nicht bisweilen wünschte, ich hätte es verboten, dass mein Weib Esjas Schülerin wird, aber was wäre ich dann für ein Mann, der aus Eigennutz der Gemeinschaft etwas vorenthält, das sie so dringend braucht?" Tristan will gern glauben, dass er, wäre ihm die Zeit zum Überlegen geblieben, zu genau diesem Schluss gelangt wäre. In dem Augenblick aber, da Esja ihn mit der Frage überrumperlte, hat er nur den bittenden Blick seines Weibes gesehen und seine Lîf nicht enttäuschen wollen. "Lîf habe noch viel zu lernen, sagt Esja, aber der Göttin gehorche sie bereits. Alles andere wird sich schon finden."

Damit wendet Tristan sich endgültig zur Wand, doch so rasch, wie er sich erhoffte, findet er keinen Schlaf. Die letzte Erklärung hätte er sich lieber gespart, denn nun sieht er, trotz fest geschlossener Augen, sein Weib vor sich stehen, wie sie ihn mit großen Augen bittend anschaut. Was ging ihm da wirklich durch den Sinn, welche Gefühle bewegten ihn, was bezweckte er? Dachte er nicht doch auch an das Gemeinwohl? Nicht einmal ein klein wenig? Gar nicht? Hatte er es einzig und allein getan, um sein Weib für sich zu gewinnen?

So muss sein Vater die Mutter geliebt haben. "Verhext hat das Weib den armen Mann", hörte ihr Sohn die Leute wohl manches Mal wispern, "einen Liebestrank gebraut, der ihn um den Verstand gebracht hat, ihr ganz und gar zu Willen!" Denn ein jeder konnte sehen, dass der Vater seinem schönen jungen Weibe hoffnungslos verfallen war, dass er niemanden sah außer ihr, an keinen anderen dachte... Und vor dem Sohn leugnete die Mutter es ja nicht einmal! 'Das stimmt wohl', sagte sie und lachte glockenhell, 'doch ein Trank war es nicht und auch kein Liebesbann. Du Dummerchen, errätst du's nicht? Mein Gesang ist's, der mir den Gatten hörig macht. Aber soll ich deshalb nicht mehr singen? Es sind doch alle glücklich so! Komm her, mein Schatz, und lass' dich herzen!' Was sie sagte vonwegen des Glückes, das stimmte und doch wieder nicht ganz, denn es litt ihr Sohn bisweilen arg darunter, dass der Vater ihn so gar nicht sah. Außer, wenn er sang.

Und so liegt Tristan da und grübelt.

Bin ich also ebenfalls verhext? Kann ich deshalb nicht die Hand gegen mein Weib erheben, bin ich deshalb bereit, alles für sie zu tun, alles zu ertragen? Ist's das, was sie meinte mit: die Große Mutter habe uns zusammengeführt? Weil sie die Kräfte, welche Gaja ihr schenkte, auf mich verwandt hat? Nur wann soll das gewesen sein? Gewollt habe ich sie vom ersten Augenblick an, aber das kann ihr Wunsch nicht gewesen sein, sonst hieße das ja, sie wollte verschleppt werden. Das muss also mein eigener Wille gewesen sein. Eher will ich glauben, dass sie danach die Kräfte der Mutter benutzte, mich abzuwehren und sich selbst die Jungfernschaft zu wahren, doch auch da bilde ich mir ein, das sei mein eigenes Tun gewesen, meine Zurückhaltung—elf qualvolle Wochen lang—um ihr Vertrauen zu gewinnen. Dann kann's nur noch an dem Tag gewesen sein, als ich sie bat, die meine zu werden. Auf dem Heimweg hatte ich noch hin oder her überlegt, erst beim Essen, in ihrem Beisein, fasste ich den Entschluss. Ja, da könnte sie nachgeholfen haben, könnte mir mithilfe der Göttin einen Schubs in die richtige Richtung gegeben haben: nicht zur Kebsfrau, zum richtigen Eheweib müsse ich sie nehmen, egal was die anderen sagen! Kebsfrau, nein, das erlaube der Stolz ihr nimmer!

Und wenn es sich so zugetragen hätte, wäre das schlimm? Es sind doch alle glücklich!

Nur unsere Kinder wären es nicht, wenn der Vater sie nicht sieht. Ja, spätestens da wird sich zeigen, ob Lîf mich verhext hat oder nicht. Wenn ich in meinem Herzen kein Platz finden kann für das eigene Kind, dann hat dessen Mutter es mir per Zauber gestohlen.


Das sind nun wahrscheinlich nicht die Gedanken, die Ole in Tristan hat anstoßen wollen. Immerhin ein Gutes haben sie: er schläft über ihnen ein.

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