Autor Thema: Prolog - Eine Versammlung in Mirabar  (Gelesen 745 mal)

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Idunivor

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Prolog - Eine Versammlung in Mirabar
« am: 19.04.2018, 12:04:01 »
Mirabar, die rechste Stadt des Nordens. Wenn man sie sich ansah, dachte man jedoch nicht an Reichtum. Man dachte vielmehr an eine Festung. Denn diesen Eindruck erweckten die hoch aufragenden Bauten, die in einer Gabelung des Flusses Mirar gelegen waren. An zwei Ufern erstreckte sich die Stadt und zwei große steinerne Brücken verknüpften den nördlichen und den südlichen Tei. Schnell floss das kalte Wasser, das aus allen Teilen des Grats der Welt hier zusammenkam, unter den Bögen der Brücken hindurch in Richtung Luskan. Selbst der Flusshafen - denn neben der Straße ist der Mirar die wichtige Lebensader der Stadt - ist schwer befestigt. Anders als viele der kleineren Siedlungen und selbst Städte hier in der Wilden Grenze, hatte Mirabar die letzten hundert Jahre mit all ihren Umwälzungen beinahe unberührt überstanden. Das verdankte es sicherlich nicht zuletzt seinen hoch aufragenden Mauern, dem Reichtum, der in den tiefen Minen verborgen lag und der Axt von Mirabar, der wehrhaften Miliz aus Schildzwergen, die so schnell nicht ins Wanken geriet.
Einige Vertreter dieser Axt bewachten immer die Tore zur Stadt. Gewaltige Türflügel mit Eisen und Silber beschlagen, die selbst den Hieben von Riesen standhalten sollten. Wachsam blickten die Zwerge von oben herab auf die Straße. Doch ansonsten sah man hier in den Straßen sehr viel mehr Menschen als Zwerge, auch wenn die Architektur hier mit lauter Stimme zwergisch sprach. Das alles war auch kein Wunder, schließlich lag unter den sichtbaren Mauern noch eine zweite Stadt, die Unterstadt in der die Zwerge lebten und nach Reichtümern schürften. Es hieß dort sollen sogar Zugänge zum Unterreich verborgen sein, so tief führten die Tunnel Mirabars in die Eingeweide Torils.
Aber hier oben war davon nicht viel zu sehen. Hier gingen Menschen ihren Geschäften nach und auch wenn die Axt von Mirabar überall gegenwärtig war, so konnte man doch klar erkennen, dass alles hier auch für die größer gewachsenen Menschen errichtet worden war. Zahlreiche Händler füllten die Straßen und allerlei Volk war hier unterwegs. Außer Zwergen und Menschen sah man jedoch nur wenig andere Völker in Mirabar. Vereinzelt Elfen aus den großen Wäldern, den ein oder anderen Halbling und von Zeit zu Zeit auch einige Uthgard-Barbaren, die in die Stadt kamen um Felle und Geweihe, die sie erbeutet hatten, gegen all das einzutauschen, was ihnen die Wildnis des Nordens nicht zu bieten vermochte.
Doch die heutigen Gäste waren nicht von solch komerziellen Interessen getrieben, als sie durch die Tore der Stadt traten. Sie machten sich zielstrebig auf zu einem anderem Ziel, dem Sitz von Marquis Selin Ramur, dem menschlichen Herrscher Mirabars, der sämtliche äußeren Angelegenheiten der Stadt händelte und sie unter anderem in der Fürstenallianz vertrat. Er hatte diese illustre Gruppe fremder, die an diesem Tag ihren Weg nach Mirabar fand hierher versammelt. Oder besser gesagt, er würde dem Treffen vorstehen, das hier anberaunt worden war. Keiner der Fremden wusste bisher so genau worum es hier gehen sollte. Sie waren von ihren Vorgesetzten gebeten worden, sich an diesem Tag, dem 4. Kythorn im Jahr der Rückkehr des Sternenwanderers 1490 TZ, hier in Mirabar im Anwesen des Maquis einzufinden, um einen neuen Auftrag zu erhalten. Für manche von Ihnen war das eher ungewohnt, da sie üblicherweise ihre Zeit eher in der Wildnis verbrachten, aber es klang dringlich, also würden sie diese Ausnahme machen.
Ihre Schritte führten sie also zu dem Sitz des Maquis, ein großes Anwesen am Südufer des Mirar, das von Milizionären der Axt von Mirabar bewach wurde. In diesem Fall Menschen und nicht Zwerge, aber sie sahen deshalb nicht weniger wehrhaft aus. Ohne viele Fragen ließen sie die Fremden vor und ein Diener brachte sie in einen kleinen Empfangssaal, der sich im Erdgeschoss des Hauses befand. Auf mehreren Tischen verteilt stand hier reichlich Speis und Trank. Der Maquis wollte seine Gäste offensichtlich mit diesem Angebot vom Reichtum seiner Stadt überzeugen, denn nicht nur die Verpflegung war luxuriös, sondern die Einrichtung sprach dieselbe Sprache. Vorhänge aus feiner Seide neben gläsernen Fenstern, gepolsterte Sessel und Sofas. Außerdem Gemälde von früheren Herrscher der Stadt an den Wänden. Ein Diener informierte die Gäste darüber, dass es noch einen Moment dauern würde, bis der Maquis eintraf, da ihn die Geschäfte der Stadt gebunden hielten. Er forderte aber ausdrücklich dazu auf, sich an den Speisen und Getränken zu bedienen, während er selbst sich zur Tür zurückzog, um für eventuelle Fragen zur Verfügung zu stehen.
« Letzte Änderung: 19.04.2018, 14:15:26 von Idunivor »

Dolgrim Frostbart

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Prolog - Eine Versammlung in Mirabar
« Antwort #1 am: 19.04.2018, 19:32:23 »
Dolgrim hatte einen anstrengende Reise hinter sich als er, kaum zurück gekehrt, in die Halle von Durnik gerufen wurde, dem Befehlshaber der Dachläufer, wie viele Zwerge sie nannten, weil sie statt unter der Erde herumzulaufen, meist an der Oberfläche waren. Früher einmal wurde dieser Begriff mit abfälligem Ton benutzt, heute jedoch eher mit einem ironischen. Denn die Zeiten hatten sich geändert und die Zitadelle war heute ein fester Teil der Oberflächenwelt, ja sogar einer Oberflächenallianz, den Silbermarken. Lange konnte keiner der Zwerge glauben, dass sie einmal dazugehören würden, doch nun war auch das schon wieder Geschichte. Für viele Zwerge, auch für Dolgrim, war das normal.

Er hatte also sein Gepäck in einer Ecke abgesetzt, hatte sich schnell die Hände und das Gesicht gereinigt und war losgegangen. Auf dem Weg hatte er nur kurz beim Steinbeißer angehalten und einen kleinen Krug Bier geleert, doch dann stand er vor dem alten Zwerg. Dolgrim hatte nach Bier gerochen und Durnik hatte darüber hinweg gesehen. Schließlich war Dolgrim fast drei Wochen unterwegs gewesen, war hoch in die Berge gestiegen, dort wo der Winter das Land noch in seinen Klauen hielt, da war so ein kleines Bier auf dem Weg zu einem wichtigen Gespräch zu verzeihen. Aber dann hatte der Alte klar gemacht, dass es heute kein Bier mehr geben würde. Dolgrim sollte unverzüglich nach Mirabar reisen, um dort als Klinge, Ohr und Auge der Zitadelle und der Smaragdenklave an einer wichtige Aufgabe zu übernehmen. Mehr hatte er nicht gesagt und Dolgrim vermutete, dass er selbst auch nicht mehr wusste. Aber das war egal, wenn Durnik ihn aus schickte, dann würde er gehen.

Und Mirabar, ja Mirabar war eine wunderbare Stadt. Er war nur ein oder zweimal dort gewesen und es war schon lange her. Sehr lange. Er freute sich darauf, die starken Mauern der Zwerge wiederzusehen. Schnell hatte er sein Gepäck zusammen, er brauchte nicht viel, das Pony gesattelt und, ohne ein weiteres Bier, die Zitadelle verlassen. Die Reise war sehr viel angenehmer gewesen als die Zeit in Eis und Schnee, meist hatte er im Freien oder in einfachen Rasthäusern geschlafen, Bier hatte es überall gegeben und dann war er angekommen. Einen Tag zu früh, er hatte sich extra beeilt, sein Pony nicht geschont, denn er wollte noch eine Nacht in Mirabar schlafen. In einer der wenigen verbliebenen Zwergen-Tavernen, die von den Menschen wegen den kleinen Räume und den dicken Mauern mit den wenigen Fensterlöchern gemieden wurden. Sein Pony hatte die Strapazen auf sich genommen, Dolgrim war dafür regelmäßig mehrere Stunden selbst gelaufen, so dass das Tier ihn nicht auch noch tragen musste. Dafür bekam es nun die beste Pflege, die man in Mirabar kaufen konnte.

Und so waren beide, Tier und sein Reiter, bestens gelaunt, als die Sonne aufging. Dolgrim ließ das Pony im Stall, der Weg zum Sitz des Marquis war nicht weit. Er war früh dran, also marschierte er einmal kreuz und quer durch die Stadt und bewunderte die prächtigen Bauten. Eigentlich mochte er, anders als die meisten Zwerge, Städte nicht so sehr. Aber Zwergenstädte waren für ihn eher eckige Berge, man fühlte sich anders als in den Städten der Menschen. Und dann war es soweit, er stand in diesem Raum, zusammen mit einigen anderen. Und er war neugierig, was genau sie hier sollten. Es war eine sehr unterschiedliche Gruppe. Er, der Zwerg, klein im Vergleich zu den anderen, in einfacher Kleidung, einer starken Rüstung und einer recht ansehnlichen Axt, naja, da waren noch zwei kleine Äxte, die an seinem Gürtel hingen. Den Bogen hatte er in der Taverne gelassen, er war schließlich nicht hier, um zu kämpfen. Auch den schweren Reiserucksack hatte er nicht mit gebracht. Auch hatte er seine Kleidung vor diesem Treffen gesäubert, er war schließlich im Haus des Marquis, und sich einen ordentlichen Mantel über gezogen, nicht den warmen, aber zerschlissenen Reiseumhang. Er war zufrieden gewesen, bis er die anderen gesehen hatte. Aber dies hatte ihn nur kurz beschäftigt, er war schließlich nicht hier, um auf einen Ball zu gehen.

Als er dann die Leckereien sah und sie auch noch angeboten wurden, konnte er sich nicht mehr zurück halten. Er bedankte er sich bei dem Diener und wollte schon loslegen. Aber kurz besann er sich noch eines besseren und stellte sich vor. "Dolgrim Frostbart, aus den Silbermarken." Das musste genügen und dann kümmerte er sich um das Buffet.
« Letzte Änderung: 19.04.2018, 19:53:11 von Dolgrim Frostbart »

Skip

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Prolog - Eine Versammlung in Mirabar
« Antwort #2 am: 20.04.2018, 09:51:48 »
"Das soll eine Stadt sein?" fragte Skip, als Mirabar am Horizont auftauchte, aus seiner Enttäuschung keinen Hehl machend. Darauf hatte er sich auf den langen Tagen ihrer Reise, dem endlosen Wandern durch die Wildnis, gefreut, mit diesem Gedanken hatte er sich ermuntert: Halt durch, Junge, bald seid ihr da? (Natürlich waren die beiden der Straße gefolgt, die auf kürzestem Weg von Tiefwasser nach Mirabar führte, gut befestigt und rege bereist war, und so konnte Azrim unterwegs nur müde lächeln, wenn Skip über die "Wildnis" klagte.) "Was soll's", tröstete er sich, als man sich eine Weile später dem Tor näherte, "es zählen die inneren Werte." Er zwinkerte Azrim zu.

Durch die Gassen reitend, auf der Suche nach einer Herberge, fiel ihm so einiges auf. Erstens, die Straßen und Gebäude waren so ordentlich gebaut, breit, solide, ohne Schnörkel und Winkel, dass sich Schlupflöcher, anders als in Tiefwasser (wo die Qual der Wahl das größere Problem war), nur mit Mühe finden ließen. Die Bewohner schienen auch ordentlicher zu sein und weniger herumstehen oder –liegen zu lassen; Abfall sah er gar keinen, aber auch Kistenstapel, Fässer und dergleichen kaum oder nur an Orten, wo sehr viel Platz drumherum war, weswegen sie aus seiner Sicht nichts taugten; ha, selbst die Wäsche hing hier so weit aus dem Weg (zumeist hoch über den Köpfen), dass man sich nicht einmal kurz hinter eine Leine ducken konnte. Deprimierend!

Zweitens sah er auf den ersten Blick nur Menschen und Zwerge. In seiner Heimatstadt drängte sich ein bunt gemischtes Volk aus aller Herren Länder in den Gassen, hörte man an jeder Straßenecke eine andere Sprache, führte man Gespräche auch schon einmal in zwei oder drei verschiedenen, man half mit Händen und Füßen nach, wenn Worte zur Verständigung nicht ausreichten... Aber hier? Hier fielen Azrim und er auf wie bunte Hunde. (Ja, sogar er selbst, als Viertelelf, mit seinen nur leicht spitzen Ohren und den etwas zu scharf leuchtenden Augen, und Azrim erst!) Skip fiel nicht gerne auf.

"Vielleicht sollte ich was wegen der Ohren machen..." Mit der richtigen Frisur, dem richtigen Hut oder Kappe, ging Skip leicht als Mensch durch. (Die Augen, wie gesagt, blickten etwas zu intensiv, aber da konnte man gegensteuern, indem man die Lider halb schloss oder den Blick unstet schweifen ließ oder den Augenkontakt auf andere Weise minimierte.)

Drittens fiel Skip auf, nun, das war jetzt nicht wirklich eine einzelne Beobachtung, sondern ein zusammenfassendes Gefühl: er kam sich fremd vor. Eine banale Feststellung, mag man denken, aber Skip, der Tiefwasser noch nie verlassen hatte, war nicht darauf vorbereitet. Wie ein ganz anderer Mensch kommt man sich da vor: verunsichert, wo man Selbstsicherheit gewohnt war, verletzlich, weil einem jegliches Wissen fehlt, aus welcher Richtung Gefahr drohen könnte, und einfach so richtig unwohl in seiner Haut.

"Na das kann ja spaßig werden", murmelte er, von den vielen neuen Eindrücken überwältigt.

~~~

Das Haus des Marquis betrat Skip natürlich in seinem besten Gewand gekleidet, mit den dazugehörigen Manieren. Auch Gestik und Körpersprache waren angepasst. Die Krempe des Hutes verbarg die spitzen Ohren, zumindest auf den ersten Blick. (Die wenigsten Leute blicken zweimal.) Er hätte ein Kaufmann sein können, mit recht gut gehenden Geschäften. Sein Lächeln war offen, seine Stimme eine Spur zu laut, sein Schritt entschlossen. Der Rapier baumelte derart elegant an seinem Gürtel, an mit Samtschleife verziertem Lederband, dass Zweifel aufkommen mussten, ob sein Träger denn auch wisse, wie damit umgehen.

Während man auf den Marquis wartete, sah Skip sich im Empfangssaal um. Verstohlen nahm er Bestand auf. Was lag hier alles herum, das sich einzustecken lohnte? Wohin führten die Türen? Wie war es um die Fenster bestellt, boten sie Einstiegsmöglichkeiten? Fluchtwege? Gab es Verstecke?[1]

Die angerichteten Speisen interessierten ihn erst einmal weniger. Die Arbeit ging vor.

Als der Zwerg sich vorstellte, wandte Skip sich ihm aufmerksam zu, vermeinend, er gehöre hier dazu und man würde durch ihn jetzt weitere Instruktionen erfahren. (Von den Silbermarken hatte Skip noch nie etwas gehört, deshalb war ihm das kein Hinweis, dass es sich bei Dolgrim Frostbart um einen Fremden handelte. Auch dessen Aufmachung hätte normale Zwergenkleidung sein können.) Doch da dieser sich statt dessen ans Essen machte, blieb nur der Schluss, dass es sich bei ihm um einen weiteren "Gast" handelte.

"Langweilig!" maulte Skip einige Zeit später, als der Marquis noch immer auf sich warten ließ.
 1. Perception = 12

Gaston

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Prolog - Eine Versammlung in Mirabar
« Antwort #3 am: 20.04.2018, 11:02:29 »
Es war schon eine seltsame Begebenheit, dass sich Gaston auf den Weg in das verschneite Mirabar gemacht hatte. Es fühlte sich ein wenig falsch an. Gerade da es dem Gastons so schlecht ging wie nie, überließ er es seinem Souschef, um irgendwelchen Gildenaufträgen nachzujagen. Doch momentan brauchte Gaston vor allem zwei Dinge: genügend Geld, um die laufenden Rechnungen zu bezahlen, und ein paar neue Rezepte, um wieder ins Gespräch zu kommen. Vor allem aber brauchte er eine neue Zutat. Eine Zutat, die man in Tiefwasser nicht bekommen konnte, die aber auch leicht zu transportieren war. Etwas, das man im Essen nicht identifizieren konnte. Vielleicht ein Gewürz oder ein Stück aromatischen Käses. "Verfluchter François!", murmelte Gaston und zog den Pelzmantel enger um die Schultern, "Schimmel und Kakerlaken sollen ihn holen! Ihn und seine magischen Betrügereien!"
Der ganze Vorfall ärgerte Gaston maßlos, wie auch die reichen Banausen, die sich mit Glitzer und Glanz beeindrucken ließen. Wenn er ehrlich war, so musste Gaston zugeben, dass er den Adel verabscheute, ja er hasste ihn geradezu. Jedenfalls die meisten Adeligen hasste er, denn es gab durchaus Ausnahmen, nämlich Feinschmecker, die einen 1378er von einem Rotwasser unterscheiden konnten (nicht dass Gaston gerne Wein trank - es ging hier nur um die gustatorische Fähigkeit). Aber die meisten seiner Gäste gingen ins Gastons, weil es chic war und fraßen seine Speisen in sich hinein und soffen seine Vorräte alle. Doch das Problem war, dass Gaston auf sie angewiesen war. Er brauchte, so banal es klang, einfach ihr Geld. Thunfisch und Rehwild waren teuer, Safran und Chillis waren noch teurer und der beste Anisée kostete ein Vermögen. Solchermaßen war Gaston durch eine... Zweckgemeinschaft mit den Adeligen verbunden, die seine Speisen bezahlen konnten. Ihm selbst hätte es genügt, nur für sich selbst zu kochen. Und für Freunde.

~~~

In Mirabar war Gaston zunächst zum Marktplatz gegangen. Die Stände wurden bereits abgebaut und er hatte kaum noch Zeit. Mit fachkundigem Blick betrachtete er das Angebot. "Stockfisch? Ein brachialer Geschmack und sehr dominant. Ich hätte Lust, damit zu experimentieren. Vielleicht mit... hm... hm... Vielleicht doch keine so gute Idee. Was sollte man wohl dazu trinken...?". Auf diese Weise verbrachte Gaston noch etwa eine Stunde auf dem Marktplatz. Und war damit schon viel zu spät für die Verabredung.

~~~

Gaston band Lucie vor dem Haus an und betrat das Gebäude. Schon im Flur strömten ihm gute Gerüche entgegen. Obwohl Gaston an sein eigenes Essen höchste Ansprüche stellte und mit kaum etwas zufrieden sein konnte, war er kein Kostverächter, was das Essen anderer anging. Mit höchst gespannter Miene stieß Gaston die Tür auf - und blieb erst einmal stehen.

"Malcolm?!", fragte er fassungslos in den Raum hinein. "Was machst Du denn hier?
« Letzte Änderung: 20.04.2018, 11:23:46 von Gaston »
„Essen ist ein Bedürfnis, genießen ist eine Kunst.“ (Rochefoucauld)

Azrim Greycloak

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« Antwort #4 am: 20.04.2018, 14:16:52 »
Zufrieden war Azrim von Süden her in Richtung Mirbars gezogen und hatte dabei Skips Begleitung genossen. Also weniger den Redefluss des Halbmenschens, oder dessen ununterbrochener Suche nach Abwechslung und Unterhaltung, sondern die Tatsache das sich jemand um die Gespräche mit den unzähligen Menschen entlang ihres Weges kümmerte. Stallburschen, Wirtsleute, oder Personen die sie vor gefährlichen Teilstücken ihres Weges gewarnt hatten. Er, der Hochelf, hatte geschwiegen und alles auf sich wirken lassen.

Und so wie jedes mal bevor sie eine Siedlung oder Stadt betreten hatten, war mit wenigen Handgesten das meiste an Grind und Straßenstaub aus der Kleidung und den Stiefeln der beiden Reisenden verschwunden. Eine Methode mit der Azrim überhaupt viele Kleinigkeiten im Alltag löste wie es schien.

Die Stadt mit ihrer fremden Architektur fesselte den Magier so sehr, dass er Skips Sorge – um? - für? - wegen? - seiner Ohren nicht so recht nachvollziehen konnte...

~~~

Am nächsten Tag, mit einem erstaunten Seitenblick auf seinen Begleiter, oder dessen Hut um genauer zu sein, war auch Arzim in seiner besten Kleidung und seinem eleganten Elfenschwert an der Seite gegürtet erschienen. Eine braune Zwergeule saß zu Beginn auf seiner behandschuhten Hand, ehe sie sich in die Giebeln des Raumes zurück zog und nicht mehr gesehen ward.

Der Hochelf, mit seinen tiefen, grünen Augen, rotblonden Haarschopf mitsamt der auffallend spitzen Ohren fiel natürlich bei Schritt und Tritt auf. Sein blauer Wams mit zwei streitenden Raubvögel an der linken Schulter und dem Oberarm verstärkten dies noch, selbst als er etwas so alltägliches machte wie das Buffet zu betrachten und den Duft der Speisen einzuatmen. Menschliche Küche war ihm immer noch fremd und so bot sich ihm heute eine gute Möglichkeit um sein Wissen über sie zu erweitern.

Zufällig neben Skip stehend, als ein gerade dazu stoßender Halbling jemanden grüßte, blickte der Magier aus seinen Gedanken gerießen auf und versuchte neugierig zu erkennen wer dieser Malcom war.
« Letzte Änderung: 20.04.2018, 14:28:10 von Azrim Greycloak »

Skip

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« Antwort #5 am: 20.04.2018, 16:33:02 »
Auch Skip, der sich so gar nicht angesprochen fühlte, blickte suchend umher. War der Marquis endlich eingetreten? Halt, hieß der nicht Selin mit Vornamen oder Ramur, je nachdem, welchen Teil eines Namens man in dieser Gegend zuerst nannte? Aber vielleicht hieß ja einer seiner Männer Malcolm? Doch außer ihm, Azrim und dem Zwergen befand sich niemand im Raum. Skip suchte nach einer anderen Erklärung. Es begann zu dämmern. Zweifel folgten. Nein, er kann doch nicht gemeint sein! Es gab doch nur eine einzige Person an der gesamten Schwertküste, die ihn so nannte, und die war daheim in Tiefwasser. Was für ein absurder Gedanke, der kleine Meisterkoch habe seine Küche im Stich gelassen und triebe sich hier in Mirabar um, gar als Agent der Fürstenallianz! Trotzdem nahm Skip den Eingangbereich noch einmal genau unter die Lupe, den Blick tiefer gerichtet als beim flüchtigen ersten Erkunden. Tatsächlich! Da, halb verdeckt von der Zimmerpflanze und dem Polsterstuhl, stand er.

"Gaston! Du hier? Wie geht denn das? Ha, auf die Erklärung bin ich schon gespannt!"

Azrims fragenden Blick auffangend, führte er aus. "Das ist Gaston, ein alter Bekannter aus Tiefwasser und der beste Koch in der ganzen Stadt. Wir kennen uns schon seit Jahren. Offenbar erinnere ich ihn an seinen seit der Kindheit verschollenen kleinen Bruder, deshalb besteht er darauf, mich Malcom zu nennen, so oft ich ihm auch widerspreche und sage, mein Name ist Skip!" An den Halbling gewandt fährt er fort: "Gaston, das ist Azrim Greycloak. Er ist der Grund, weshalb ich mein geliebtes Tiefwasser verlassen habe, oder vielmehr seine Schwester. Denn schau, lieber Gaston, ich habe mir deine Ratschläge wohl zu Herzen genommen und wollte mir endlich etwas Anständiges aufbauen, so mit Frau, Familie und allem, und so wirst du mit Freude vernehmen, dass ich mich verlobt habe! Das kam so: ich machte mich auf die Suche nach etwaigen Verwandten väterlicherseits, wurde fündig, wie du siehst—ein Vetter zweiten Grades steht hier neben mir—und dessen Schwesterlein ist ein entzückendes Wesen, ich kann gar nicht erwarten, sie dir vorzustellen, aber leider, leider, ist es bei den Elfen so üblich, dass ein Mann, bevor seine Werbung erhört werden kann, sich erst beweisen muss. Das heißt, als begnadeter Künstler oder Handwerker, als geschickter Jäger oder todesmutiger Krieger. Da ich die ersteren drei Dinge nicht bin, auch wenn man beim Thema 'Künstler' unterschiedlicher Meinung sein kann, so muss ich mich an letzterem versuchen. Daher bin ich hier."

Er lachte und umarmte den Halbling. Ein wenig verärgert raunte er ihm allerdings ins Ohr: "Im Ernst, Gaston? Du siehst mich in der Fremde, in derart gutem Aufzug, und gibst mir nicht einmal die Gelegenheit dir rasch zu stecken, als wer ich eigentlich unterwegs bin? Willst du mich unter die Erde bringen?" Doch lauter, und mit ehrlicher Herzlichkeit, fügt er hinzu: "Es tut gut, dich zu sehen!"

Zum Schluss wies er in Richtung des Zwergen am Büfett. "Das ist übrigens Dolgrim Frostbart, aus den Silbermarken." Letzteres sagte er in gewichtigem Ton, als müssten die Silbermarken jedem ein Begriff sein, auf dass jene, die noch nie davon gehört hatten, sich im stillen schämten—und es daher nicht wagten, Fragen zu stellen, zu denen Skip selbst keine Antwort wusste.

"So", sagte er zufrieden. Jetzt, da alle einander vorgestellt waren, konnte es doch losgehen, oder? Er sah erwartungsvoll in die Richtung, aus der er ein Erscheinen des Marquis vermutete.

Gaston

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« Antwort #6 am: 20.04.2018, 18:40:30 »
Eigentlich weniger an meinen verschollenen Bruder, denn mehr an seinen verschollenen Bruder.“, erwiderte Gaston ungerührt. “Und ich weiß, dass es Dich ärgert, mit Malcolm angesprochen zu werden - und darum tue ich's ja auch. Immerhin hattet ihr so viel gemeinsam, wozu leider auch der Frauengeschmack gehörte. Ich frage mich, wie es Malcolm wohl gehen mag. Seine Abreise nach Turmish war doch recht plötzlich - und unfreiwillig auch. Recht heiß soll es da unten sein. Aber gutes Essen gibt es dort. Das heißt, wenn man Knoblauch mag. Und ich liebe Knoblauch! Das habe ich immer gesagt! Sag mal, Skip, hast Du schon meine kleinen Putenröllchen mit Knoblauchcreme probiert? Das sollten wir dringend nachholen.

Und nun, meine Herren,
“ Gaston verbeugte sich theatralisch, “bedarf es ja keiner weiteren Vorstellung mehr, denn Skip hat dies ja zur Genüge getan und mir geschmeichelt, dass ich es schon obszön finden muss. Doch es interessiert mich natürlich, wer sie sind. Und lassen Sie es sich gesagt sein, ich bin ein furchtbar oberflächlicher Halbling! Ja, sehr wohl, ich beurteile andere nach ihrem Geschmack. Daher, wenn ich Ihnen diese feine Spielchen vorschlagen darf, nennen Sie mir doch ihr liebstes Gewürz, Gemüse und Getränk!

Ich verrate Ihnen natürlich auch die meinen.
« Letzte Änderung: 20.04.2018, 19:21:25 von Gaston »
„Essen ist ein Bedürfnis, genießen ist eine Kunst.“ (Rochefoucauld)

Skip

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« Antwort #7 am: 22.04.2018, 18:02:44 »
"Knoblauch, Gaston, nein, so leid es mir tut, das ist so gar nicht mein Ding. Nicht nur erzeugt er einen Odem, der die Damen vertreibt, nein, man wird den Geruch ja auch tagelang nicht los. Haut, Kleidung, alles riecht nach Knoblauch! Nun stell dir vor: ich schleiche da friedlich meines Weges und plötzlich brüllt die Wache: 'Halt, wer da? Ich seh' dich zwar nicht, und hör' dich auch nicht, aber stinken tust du gar fürchterlich!' Du siehst das Problem?" So, den Hieb hatte der Halbling verdient für den Schreck, den er Skip eingejagt hat, als er Skips verschollenen Bruder ins Gespräch brachte. Für einen Moment hatte Skip tatsächlich geglaubt, er habe Gaston in jener weinseligen Nacht nicht nur die wahre Geschichte seiner Herkunft erzählt, nebst Geburtsnamen und Beruf der Mutter, sondern ihm auch von seinem Halbbruder verraten. "Also, wenn du mich unbedingt auf ein Gewürz festlegen wolltest, das mir das liebste sei, so wäre dies am ehesten der Zimt. Und ich denke hierbei nicht an Süßspeisen! Nein, im Fleischtopf habe ich ihn gern, oder an Reis, mit Mandeln und Rosinen zusammen, oder über einen guten Tee gestäubt. Ja, selbst im Wein schmeckt er fein, solange es ein Roter ist! Zimt scheint mir einfach das Vielschichtigste aller Gewürze, süß-herb, warm, holzig, er ist schwer zu durchschauen und nicht mit einem Wort zu beschreiben, lässt sich nicht kategorisieren, wehrt sich gegen jede Eingrenzung! Und fast noch lieber als er ist mir die Zimtblüte. Sie kann alles, was er kann, doch ist sie ungleich subtiler, fast will man sagen: ätherisch. Gemüse? Ach, auch da fiele es mir schwer, mich auf eines festzulegen. Da würde ich einfach sagen: alle die, die du in deinen Gemüseeintopf mit dem affektierten Namen schmeißt, wie heißt der doch gleich? Irgendwas mit Mäusen... Nein, halt, Ratatouille! Das ist mein liebstes Gemüse. Und Getränk, nun du weißt, wie sehr ich deinen Weinkeller schätze, und überhaupt die Geselligkeit, die man mit diesem herrlichsten aller Fruchtsäfte verbindet, aber im Leben überwiegt ja doch die Arbeitzeit die Muße, und da ist mir Schwarztee das liebste. Gerne mit Zimt!"

Skip warf einen besorgten Blick auf Azrim, dem ein wenig schwindelig zu werden schien. Er beschloss, doch zum eigentlichen Thema zurückzukehren.

"So, aber mit deinem Spielchen, Gaston, bist du schlau meiner Frage aus dem Weg gegangen: was, bei allen Meisterköchen im Elysium, führt dich hierher?"

Azrim Greycloak

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« Antwort #8 am: 25.04.2018, 11:34:03 »
Überrascht darüber, wenn Skip so alles kannte, nickte der Hochelf dem scheinbar berühmten Halbling grüßend zu und reichte ihm freundlich die Hand - ganz nach menschlicher Sitte - als sein Name genannt wurde.

Den Redeschwall des Halbelfen nicht weiter unterbrechend - wer wollte schon gegen den Strom schwimmen? - staunte er aber nicht schlecht, als ihm eine Schwester angedichtet wurde, die er gar nicht hatte. Aus seiner Verwunderung keinen Hehl machend, wäre es für Gaston und Dolgrim ein leichtes seine Miene zu lesen, wenn er den zu Azrim blickte.

Als die Rede auf das Essen kam, so lächelte der Elf frohgelaunt und verriet mit fester Stimme von sich: "Gemüse pflanzen wir keines an, den die Früchte des Waldes stillen stets unseren Hunger und Appetit. Besonders schmecken mir die wilden Beeren meiner Heimat, aus denen sich zum Beispiel auch ein exzellenter Wein kelchern lässt.

Auch Wildbret mit Thymian und Rosmarin, so heißen sie doch bei euch?, und einer Kruste aus Nüssen und Wacholderbeeren erfreuen meinen Gaumen."
fügte er hinzu, wobei Azrim anzumerken war, dass dies ein Spiel für ihn war und er keinen echten Ehrgeiz besaß sich hier hervor zu tun, oder daran glaubte, einen Charakter anhand seiner Lieblingsspeisen beurteilen zu können.

Gaston

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« Antwort #9 am: 27.04.2018, 09:49:09 »
"Einfach wunderbar, Skip!" Gaston klatschte in die Hände. "Von allen Gewürzen suchst Du Dir den Zimt aus. Und tatsächlich gibt es kaum ein Gewürz, das so vielseitig ist. In einem Gewürzensemble, um einen Vergleich zu bringen, wäre der Zimt vielleicht die Violine. Ja, der Vergleich scheint mir angebracht. Zimt kann zwar die Solistenrolle wohl einnehmen, denn er ist kräftig und warm, je nach Sorte, aufregend und anregend oder auch verführerisch und elegant. Aber auch in ein Orchester passt er sehr gut, kann sich einfügen und mit feinen Noten zum Ergebnis beisteuern. Skip, Du weißt, was Du gesagt hast, nicht wahr? Und trefflicher hättest Du es nicht ausdrücken können. Ebenso was Dein Gericht Ratatouille angeht. Ein Arme-Leute-Essen aus Gemüse-Abfällen, über Stunden eingeköchelt. Nur ein echter Küchenmagier kann, mit Finesse und Kenntnis der Zutaten, daraus einen erinnerungswürdigen Genuss machen. Und Du beherrscht Deine Kunst, das will ich Dir sagen. Doch nun genug der Schmeicheleien." Gaston wandte sich dem Elfen zu und zeigte ein breites Lächeln. "Azrim Greycloak, ich bin hocherfreut Ihre werte Bekanntschaft zu machen und kann Ihnen versichern, dass wir uns sehr gut verstehen werden. In einer Zeit, in welcher bis zu 80 Zutaten allein schon in der Vorsuppe Verwendung finden, sind mir Leute sympathisch, die die reinen und ursprünglichen Aromen und traditionellen Zubereitungsarten noch zu schätzen wissen. Es würde mir eine sehr große Freude bereiten, wenn wir gemeinsam in der Wildnis nach Zutaten suchten. In den Nördlichen Gefilden wächst unter anderem die Eisbeere. Sie trägt ihre Frucht, da es noch oder schon friert. Der Saft zieht sich in der Beere zusammen, während das Wasser an der Schale auskristallisiert. Die Beere sieht dann schrumpelig und unansehnlich aus. Aber - Himmel! - probieren Sie mal eine dieser kleinen Köstlichkeiten! Sie werden keine Süßspeisen mehr bestellen, sondern nur noch diese Beeren, für mindestens eine Woche." Gastan gestikulierte mit ausladenden Bewegungen um seinem Genuss auch visuell Raum zu verschaffen.

Irgendwann kam er zu Besinnung. "Kommen wir zurück zu den ernsthaften Themen. Ich fürchte, Skip, den Grund meiner Anwesenheit bei dieser Expedition werde ich Dir später erklären müssen. Wichtig ist mir, etwas anderes anzumerken. Und zwar, dass ich keinen Wein genieße. Ja, meine Herren werden erschrocken sein, haben Sie doch erwartet, dass ich ein richtig feiner Weinkenner bin. Und das bin ich auch! Man sagt, man könne bis zu 1.000 unterschiedliche Weinaromen aus einem guten Wein herausschmecken. Ich habe mich des Verkostens fleißig geübt und kann ihnen verkünden, 783 verschiedene Aromen identifiziert und benannt zu haben (wo die restlichen 217 Aromen sein sollen, nebenbei gesagt, kann ich ehrlicherweise nicht sagen). Das sind sehr viele Aromen, die kaum noch differenzieren sind. Und dort liegt das Problem. Es ist mir schlichtweg zu anstrengend, Wein aus Genuss zu trinken. Sicherlich, es befriedigt, einen steilen Berg unter viel Anstrengung erklommen zu haben - und genauso ist es mit einem exzellenten Wein. Aber ich trinke nicht, um mich Meisterleistungen hinzugeben, sondern um zu schwelgen und zu genießen. Sie verstehen, meine Herren? Ich trinke daher lieber süßen Likör mit einer überschaubaren Anzahl exzellenter Geschmacksstoffen. Und am liebsten trinke ich Anislikör. Ich habe, nebenbei bemerkt, einen ganz exzellenten im Gepäck. Wir werden sicherlich darauf zurückkommen."
« Letzte Änderung: 27.04.2018, 10:03:13 von Gaston »
„Essen ist ein Bedürfnis, genießen ist eine Kunst.“ (Rochefoucauld)

Skip

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Prolog - Eine Versammlung in Mirabar
« Antwort #10 am: 28.04.2018, 22:33:55 »
Gastons lange Rede, ihre Seichtigkeit, der begeisterte Überschwang, brachte Azrim Greycloak hoffentlich zu der Einsicht, dass er seinem bisherigen Reisegefährten Skip Unrecht getan hatte, als er ihn in Gedanken ein Plappermaul nannte. Redefluss oder Redeschwall hatte er Skips knappe Äußerungen genannt. Ja, knappe Äußerungen waren es auf der Reise gewesen, verglichen mit seiner Rede über Zimt, und geradezu wortkarg im Vergleich zu dem redseligen Halbling. So leidenschaftlich, wie Skip auf einmal über kulinarische Genüsse redete, müsste man ihn für einen Schlemmer halten, und doch war dem Elfen in ihrer mittlerweile sechswöchigen Bekanntschaft eine entsprechende Neigung nicht aufgefallen. Weder ist Kochen oder Speisen je Gesprächsthema zwischen ihnen gewesen noch schien Skip allzu sehr darauf zu achten, was er sich morgens und abends, zumeist hastig, zwischen die Zähne schiebt. Oft genug aß er seinen Teller kaum zur Hälfte leer, aus keinem besseren Grund—soweit Azrim ausmachen konnte—als dass ihm die Tätigkeit des Kauens langweilig wurde. Besonders morgens drängte Skip nach wenigen Bissen, dass man endlich wieder los wolle. Und hier, im Gespräch mit einem Meisterkoch, wurde er plötzlich zum Feinschmecker und Weinkenner! Da könnte es einem einfallen, zurückzudenken: worüber hatten sie, Skip und er, während der Reise eigentlich so alles geredet? Doch stets, so wurde ihm plötzlich bewusst, über Themen, die ihn, Azrim, interessierten.

Er passt sich an seinen Gesprächspartner an, war der logische Schluss. Im Gespräch mit einem Schwätzer wird er selbst geschwätzig, mag's der andere aber lieber knapp, gibt er sein Bestes, sich kurz zu fassen. Zwecks Themen fühlt er so vorsichtig beim Gegenüber vor, dass der es gar nicht merkt, und redet ihm auch sonst ganz nach dem Mund.[1]

Als der Halbling verstummte, war es erst einmal still. Selbst Skip fiel nicht gleich etwas ein, zu sehr beschäftigte ihn noch die Frage, ob Gaston in seinem Leben wohl schon einmal einen steilen Gipfel erklommen hätte, und eine ganze Weile lang amüsierte er sich beim Versuch, sich dies bildhaft vorzustellen. Zum Schluss überwog jedoch das Unverständnis.

"Aber genießen kann man doch nur, was man nicht völlig durchschaut", sagte er kopfschüttelnd. "Etwas, das einem Rätsel aufgibt, innerlich beschäftigt, nachgeht, unter die Haut geht! Stell dir vor, du bettest eine Frau—verlockend schön, geheimnisvoll, vielleicht gar gefährlich—und statt mit allen Sinnen einfach nur zu genießen, versuchst du, sie zu entschlüsseln, in ihre einzelnen Geschmacksnoten zu zerlegen, zu demaskieren! Statt dich einfach auf sie einzulassen! Dich an ihr zu berauschen! Ihren Duft einzuatmen, bis dir schwindelig wird! Nein, also, da kann ich verstehen, dass dir auf die Art kein Wein schmeckt. Weißt du, was dein Problem ist: du willst die Dinge zu sehr kontrollieren. Alles um dich herum bis ins kleinste Detail willst du durchschauen, unterwerfen, nach deinem Willen ordnen! Vielleicht ist es das, was François hat, das du an ihm hasst und doch auch neidest, weil du es auch einmal besaßest, aber es ging dir verloren: Spontaneität! Leidenschaft! Mut zur Imperfektion! Die ungezügelte Lust zum Experimentieren, einer stürmischen Laune folgen, wohin ihre Winde dich auch wehen, ohne die Richtung vorgeben zu wollen, dich treiben lassen, selbst aufgeben, in ihr aufgehen!"

Nach dieser Rede trat Skip auch rasch zum Büfett hin. Wer es wagte, jenen Namen mit F zu erwähnen, musste mit einem Wutanfall Gastons rechnen, da suchte man besser Schutz. In der Nähe all dieser appetitlich angerichteten Speisen würde Gaston keinen allzu großes Ausbruch riskieren, welcher womöglich Tische umstürzen ließe oder Schüsseln zu Boden fliegen. So stand zu hoffen.

"Warum essen wir nicht alle ein wenig, bis der Marquis endlich kommt?" lud er die beiden Gefährten ein. "Der Zwerg hier macht's richtig. Zuerst dachte ich ja, er gehört zur Einrichtung. So statt Topfpflanze oder Jagdtrophäe an der Wand, ihr wisst schon, um dem Raum etwas Lokalkolorit zu verschaffen. Jetzt erst erkenne ich, dass er einem ganz anderen Zweck dient! Also, ohne mich mit den hiesigen Gewohnheiten auszukennen, scheint er mir ja wohl einen ähnlichen Zweck zu erfüllen wie bei uns daheim die hübschen Damen! Welche nämlich die Gäste eines Hauses zu spendablerem Umgang mit der Börse animieren sollen. Nur statt uns zu teureren Getränken und waghalsigerem Glücksspiel zu verführen, will der gute Mann hier uns dazu bringen, endlich die Klappe zu halten und zu speisen."

Er zwinkerte dem Zwergen, der sich bislang so gründlich aus ihrem Gespräch herausgehalten hatte, dass man meinen könnte, nichts wäre ihm unlieber, als ihre Bekannschaft zu machen, konspirativ zu.
 1. 
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Dolgrim Frostbart

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« Antwort #11 am: 29.04.2018, 19:30:20 »
Es war geschwätziges Volk, das sich hier versammelt hatte. Zuerst hatte er gehofft, dass sie nur durch Zufall im selben Raum waren, aber schnell wurde klar, dass sie wohl aus demselben Grund hier waren.
"Warum sollte ich zur Einrichtung gehören, ich bin doch kein Möbel". Er wusste nicht genau, was dieser junge Kerl ihm sagen wollte. War es ein Scherz, und falls ja, ein netter oder ein böser? Er wusste es nicht. Und mit jedem weiteren Wort verstand er immer weniger, um was es hier ging. Er kaute weiter auf einem Stück Wildschweinbraten herum und überlegte. Was sollte er darauf antworten, sollte er überhaupt darauf antworten - wurde überhaupt mit ihm gesprochen, oder eher über ihn.

Und als er dann noch angezwinkert wurde, wusste er erst recht nicht mehr, was er tun sollte. Er war die Gesellschaft von so vielen Leuten nicht gewohnt. Wenn er mal in einer Stadt war, dann nicht lange und in Tavernen, die überwiegend von Reisenden besucht wurden., Dort kümmerte sich jeder um seine Dinge. und draußen, nun, da war er sowieso meist alleine unterwegs. Aber selbst wenn sie zu zweit auf Patrouille waren, blieben die Abende meist ruhig. Zwerge neigten nicht zur Geschwätzigkeit, und Dolgrim war ein Zwerg.

Aber irgendwie musste er reagieren. Also brummte er zunächst nur etwas. Dann, als er den Mund fast leer gegessen hatte, sagte er. "Schmäckt guut", oh war wohl doch noch nicht leer gegessen. Er schluckte also den letzten Bissen schnell herunter. "Schmeckt gut. Ist genug für alle da."

"Das sollte reichen". Er nickte zufrieden und wendete er sich wieder dem Buffet zu.
« Letzte Änderung: 29.04.2018, 19:30:40 von Dolgrim Frostbart »

Idunivor

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« Antwort #12 am: 30.04.2018, 15:29:49 »
Es dauerte eine ganze Weile, bis die vier Gäste ihren Gastgeber trafen. Fast eine Stunde ließ er sie warten, bevor er endlich zu ihnen stieß. Aber schließlich öffnete ein Diener eine andere Tür, die in den Raum führte. Heraus trat ein Mann in einem grünen Gewand auf dessen kleinem Bäuchlein eine große goldene Kette ruhte, die ihn als den Marquis auszeichnete. Sein Haar zeigte zwischen kräftigem Schwarz bereits einige graue Strähnen, doch sein Blick war scharf und entschlossen, ohne irgendein Anzeichen von Altersmüdigkeit: "Sehr gut, ihr seid alle hier. Verschwenden wir keine Zeit: ihr seid hier, weil es beunruhigende Berichte aus dem gesamten Norden gibt. Es sind bisher in erster Linie Gerüchte, aber wenn sie war sind, dann haben wir ein großes Problem. Es heißt die Risen im Grat der Welt befänden sich im Marsch. Etwas hat sie aufgeschreckt. Wir wissen nicht was genau, aber die Fürstenallianz wird es herausfinden. Unsere Agenten sind überall aktiv, für euch haben wir allerdings eine besondere Aufgabe. Ihr werdet euch von hier aus gen Norden aufmachen. In die kalte Öde jensiets des Grads der Welt, die man Eiswindtal nennt. Hier in den Städten hat die Allianz genug Agenten, um zu erfahren, was vor sich geht, doch dort oben, dort bekommen wir keine Nachricht. Aber wenn die Riseen auf dem Marsch sind, werden sie dort oben in der Kälte sicherlich auch zu sehen sein und zwar schneller und mutiger als im Rest des Nordens. Denn die Region ist schwach besiedelt und der Grat der Welt ist nicht fern.
Da viel auf dem Spiel steht, werden einige, die die Wildnis ihr heum nennen euch zur Seite stehen."

Azrim Greycloak

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« Antwort #13 am: 02.05.2018, 09:36:16 »
Etwas verblüfft, sagte Azrim Gaston gerne zu, mit ihm gemeinsam eines Tages nach Beeren zu suchen. Eisbeeren waren ihm keine bekannt, aber natürlich der Eiswein, direkt während des ersten Frostes gebrockte Trauben, die zu einem sehr intensiv-süßem Trinkerlebnis verführten. Warum also keine Beeren? Bestätigend nickend, war dem Magier anzusehen, dass er durch den Halblingschef ehrlich neugierig auf diese Erfahrung geworden war.

Mit dem Zwerg, Dolgrim Frostbart also, wusste der Eladrin nicht so recht etwas mit ihm anzufangen. Aber dies war ja erst das erste Treffen und bald schon würden sie einander etwas besser kennen lernen. Und so beließ es Azrim bei einem sachten, grüßenden Nicken.

Sich beim Essen auf einige wenige kleine Portionen beschränkend, sah der Magier dann auf als der Marquis endlich den Raum betrat und ihnen den Grund für ihre Reise verriet.

Riesen jenseits von Eiswindtal zu beobachten? Mit so etwas hatte er nun wahrlich nicht gerechnet. Aber warum nicht? Man musste der Gefahr begegnen wo sie sich zeigte und nicht erst wenn sie bereits an den Toren der Heimstatt anbrandete. Eine bitter gelernte Lektion seines Volkes...

Und so nickte der Magier aus den Graumantelbergen zustimmend.

Details auszuhandeln wie Ausrüstung, Reit- und Packtiere, eine Belohnung und vieles mehr überließ er vorerst Skip der zweifelsohne überzeugender war als er selbst.

Dolgrim Frostbart

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« Antwort #14 am: 02.05.2018, 16:56:15 »
Als der Marquis den Raum betrat stellte Dolgrim seinen Teller zur Seite, wischte sich den Mund ab und wartete gespannt, was nun kommen würde. Er konnte sich nicht vorstellen, was diese Gruppe hier gemeinsames erledigen sollte.

Als er das Wort Riese hörte, verengten sich die Augen und er ballte eine Faust. Er konnte sich gerade noch zurück halten, lauf auf den Tisch zu schlagen, aber er spürte sofort das Verlangen, in den Kampf zu ziehen. Dennoch wartete er, bis der Mann fertig gesprochen hatte, musste jedoch bei seinem letzten Satz nach Luft schnappen. "In der Wildnis zur Seite stehen, was denkt der Kerl?"

Aber er war ein Zwerg und daher neigte er nicht zu überstürzten Reaktionen, wie es die Menschen oft taten. Also brummte er erst einmal vor sich hin und nickte. Der Elf tat es ihm gleich, aber er brummte dabei nicht. Naja, das war wohl nicht die Art der Elfen.

"Also, bei uns südlich des Grates ist es noch ruhig. Ich war bis vor wenigen Tagen noch in den Bergen unterwegs, habe aber keine Spuren von Riesen entdeckt. Und ja, ich habe nach oben geschaut", versuchte er gleich die typischen Witze im Keim zu ersticken. Dabei schaute er grimmig, aber nicht böse - auch wenn er nicht wusste, ob die anderen Gäste und der Gastgeber das unterscheiden konnten.
"Aber wie ihr schon gesagt habt, das Eiswindtal ist weiter im Norden und weniger eng besiedelt, es ist also der bessere Ort, um ins Tiefenland vorzudringen. Riesen sind gefährlich und gehören verjagt. Können diejenigen, die unserem Stadtvolk hier in der Wildnis helfen sollen, uns unterwegs alles wichtige erzählen? Damit wir zügig los gehen können sind wir vermutlich nicht richtig ausgerüstet, habt ihr da etwas für uns vorbereitet?"
Der Marquis war zwar kein Zwerg, aber vielleicht hatte er ja in den Jahren hier von den Zwergen gelernt und hatte voraus gedacht. Dolgrim hielt es nur für Recht und Billig, dass der Mann für ihre Ausrüstung sorgte.

Dann nickte er zufrieden. Sie hätten ihn nicht hergeschickt, wenn er nicht helfen sollte. Eine wichtige Aufgabe, einen Gegner, der es Wert war und ein paar Leute, die sich in der Wildnis auskannten und sicher eine etwas stillere Gesellschaft waren, er war soweit zufrieden.