Autor Thema: [Szene 8] Eine Fledermaus in einem Dorf ohne Vögel.  (Gelesen 1074 mal)

Beschreibung: Chúseis 5.Szene

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Tsuyoshi

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[Szene 8] Eine Fledermaus in einem Dorf ohne Vögel.
« Antwort #15 am: 26.01.2019, 20:16:08 »
Erstaunt hebt der Ronin die Augenbrauen. So viel Wut hat er von einer einfachen Dorffrau nicht erwartet. "Worte, die von Entschlossenheit zeugen" merkt er nachdenklich an. "Dennoch: Du würdest nicht viele von ihnen an deiner Seite haben, wenn es dazu käme, den Banditen gegenüberzustehen. Wahrscheinlich keine einzige. Dem Tod ins Auge zu blicken, ist keine Sache, die jedermann ruhigen Herzens fertigbringt. Ich wurde so erzogen, weil der Tod für den Samurai ein ständiger Begleiter ist: Der Tod, den er seinen Gegnern bringt, und, irgendwann, der Tod, der in der Klinge eines Feindes wartet." In einer schnellen Bewegung greift er nach seinem Katana stößt die Waffe mit dem Daumen der Linken aus der Scheide und zieht sie mit der Rechten vollends. Die Klinge beschreibt einen flimmernden Bogen und bleibt vor Chúsei in der Luft stehen, wenige Zentimeter von ihren Augen entfernt. "Das ist es, was sie fürchten: Das plötzliche Ende ihres Lebens. Und ihre Angst ist nichts, worüber ich lache! Würdest du standhaft bleiben, deiner Tochter zuliebe? Hättest du die Kraft..?" Seine Stimme wird leise, die Miene ausdruckslos. Die Spitze der Klinge wandert noch näher an sie heran, bis sie fast ihre Haut ritzt.

Josei Kimiko

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[Szene 8] Eine Fledermaus in einem Dorf ohne Vögel.
« Antwort #16 am: 04.02.2019, 07:19:11 »
Als der junge Krieger aufsteht, folgt die Frau des Schmiedes seinem Beispiel. Dann findet sie sich plötzlich der Spitze seines gezogenen Schwertes gegenüber. Sie bleibt stocksteif stehen, ihre Augen weiten sich vor Überraschung und ein Schweißfilm bildet sich auf ihrer Stirn. Sie braucht, bis sie sich fängt, solange, dass es die Kühle des Eisens an ihrer Haut ist, die sie wieder weckt. Ihre Augen werden feucht, doch nehmen sie auch den Ausdruck verzweifelter Entschlossenheit an.

Mit bebender Stimme antwortet sie: "Ja, es muss sein." Dann weicht sie seiner Klinge aus, langsam, nicht bedrohlich, und kommt um den Tisch herum. "Für-für sie, für ihre Sicherheit würde ich alles tun, alles b-bieten." Sie hockt sich, fast in Trance, vor Tsuyoshi nieder. Ihr Blick wandert an ihm herunter auf seinen Gürtel. Ihre Hände deuten den Griff danach an, das implizierte Angebot ist kaum misszuverstehen. Als der junge Krieger keine Reaktion zeigt, blitzt plötzlich eine scharf aussehende Klinge in Chúseis Hand auf. Sie muss eines der Küchenmesser in ihrem Ärmel versteckt gehabt haben. Bei ihrer körperlichen Nähe und auf der Höhe, auf der sie es hält würde dem Mann die Verteidigung seiner persönlichsten Region schwerfallen. Wessen Schneide wäre schneller? Beide lassen es nicht missen an Schärfe. "A-aber ich weiß - b-bietet man etwas, was sie sich nehmen können, w-werden sie kein Versprechen ge-geben oder halten. Des-deswegen vergifte man seine Gabe..."

Tsuyoshi

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[Szene 8] Eine Fledermaus in einem Dorf ohne Vögel.
« Antwort #17 am: 04.02.2019, 15:20:57 »
Die Miene des jungen Samurai bleibt noch immer unbewegt. Seine Klinge liegt nach wie vor an Chúseis Hals, als sie ihr kleines Messer zieht. Kurz zuckt eines seiner Augenlider, doch er scheint sich angesichts drohenden Stahls besser unter Kontrolle zu haben: Entweder verspürt er keine Angst, oder, sehr viel wahrscheinlicher, er hat durch hartes Training und strenge Disziplin gelernt, diese zu bezwingen. Er senkt den Blick nicht, obwohl er wissen muss, dass sie die Schneide gegen ihn gerichtet hat. Nur seine Augenbrauen ziehen sich zusammen. Offenbar schwankt er noch zwischen Unglauben und Empörung über ihren verzweifelten Vorstoß. Seine Finger schließen sich fester um den Griff des Katana – womöglich ist er im Begriff, dem Leben der Dorffrau mit einem schnellen, gnadenlosen Hieb ein Ende zu setzen. Ein unwilliges Knurren kommt über seine Lippen. Doch gerade als er zu sprechen ansetzt, erklingt von draußen ein Ruf, der kurz darauf aus vielen Kehlen aufgenommen wird.

Jetzt wendet Tsuyoshi den Kopf, um zu lauschen, ohne dass er Chúsei aus seinem Blick lässt. Da werden einzelne Wortfetzen in dem aufgeregt klingenden Stimmengewirr verständlich: Banditen! Mit einem Zischen atmet er aus, senkt das Schwert und wendet sich ab, um nach draußen zu stürzen, sein verdattertes Gegenüber einfach stehen lassend. Bis sie sich gefangen hat und ihm nach eilen kann, sind die Stimmen draußen verstummt. Neben ihm vor ihrer bescheidenen Behausung angelangt, kann sie zahlreiche Frauen und Kinder sehen, die starr auf eine der schmalen Reisterassen oberhalb blicken, welche das Dorf umschließen. Dort sind wie eine scherenschnittartige Figur die Umrisse eines Reiters zu sehen, der auf die Hütten hinab blickt. In seinem Rücken steht die Sonne und scheint seine Silhouette mit Flammen zu umzüngeln. Der Ronin hat den Kopf in den Nacken gelegt und blickt seinerseits hinauf. Seine Klinge schimmert im selben Schein des Sonnenlichts, weithin sichtbar.

Da stößt der Reiter einen kehligen Schrei aus, hebt einen langen Speer und reißt sein Pferd herum. Seines Weges nicht achtend, treibt er das Tier durch das Reisfeld, wo es die Pflanzen niedertrampelt. Wild stößt er die Fersen in die Seiten des Pferdes, um es anzutreiben. Bald darauf ist er den Blicken der Dörfler entschwunden. Ein beklommenes Schweigen herrscht zwischen den Hütten. Viele der Frauen schauen in Chúseis Richtung – oder ist es vielmehr der Samurai, auf dem ihre Augen ruhen? Tsuyoshi steht reglos, das Katana noch immer in der Hand. "Ein Späher... nicht mehr lange, und sie werden hier sein" verkündet er schließlich. Dann wendet er sich zu Chúsei um, geht an ihr vorüber zurück in die Hütte und bleibt in der Mitte des Raums stehen, ihr den Rücken zuwendend.

Josei Kimiko

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[Szene 8] Eine Fledermaus in einem Dorf ohne Vögel.
« Antwort #18 am: 05.02.2019, 17:22:53 »
Von ihren Gefühlen übermannt und sich in Lebensgefahr wähnend bleibt Chúsei ganz still und rührt sich nicht. Ihr Atem geht stoßweise, der kalte Schweiß läuft ihr übers Gesicht. Verzweifelt fragt sie sihc, wie sie sich nur in diese Situation hineinmanövriert hat und vor allem, wie sie wieder herauskommt, bevor der junge Mann zuschlägt. Erst mit etwas Verzögerung hört sie die Rufe des Dorfes, da ist Tsuyoshi auch schon draußen. Verwirrt folgt sie ihm, bleibt aber nicht weit vom Hauseingang stehen.

Der Anblick des Riters lässt sie zunächst hoffen, doch dann erklärt der junge Krieger die bittere Wahrheit. Kalte Angst umschließt ihr Herz und ihr fällt das Atmen schwer. Als er an ihr vorbeirauscht beginnt das Dorf in Panik zu verfallen. Wehklagen, laute Diskussionen und Lärm heben an. Als sie hört, wie einzelne über Flucht nachdenken, bricht sie ihr leises Bittgebet ab und wird laut: "Hey hey hey! Das ist doch genau, was die wollen! Das wir kopflos wie Schweine unsere Wertsachen raffen und vereinzelt irgendwo hinrennen, wo sie uns einsammeln können! Habt ihr heute morgen schon vergessen? Unsere beste Chance besteht darin, uns zu organisieren, wir mögen nicht stark sein, aber wir sind viele, darin liegt unsere Stärke!"

Kaum fertig, ertönt die Stimme eines alten Mannes, der ihr Recht gibt und die anderen Narren nennt. Er ruft sie auf, die Kunde im Dorf zu verbreiten und die Vorbereitungen fortzusetzen. Er würde einige organisieren, um mit ihnen das Weitere zu planen. Chúsei nutzt die Gelegenheit, das die Aufmerksamkeit nicht auf ihr liegt, um wieder in ihr Haus zu schlüpfen und die Türe zuzuschieben. Sie ist so außer sich, dass ihr erst anschließend auffällt, dass Tsuyoshi noch im Raum steht. Eigentlich hat sie gerade in Tränen ausbrechend an der Tür zusammensinken wollen, doch nach dem Auftritt eben will sie nicht hysterisch erscheinen.

Ihre Gedanken jagen einander, sie fragt sich, was sie sagen kann, um die Situation zu retten. Ihr fällt nichts ein, Redegewandheit war nicht ihre Stärke. Sie geht alles durch, was sie bisher über ihn weiß und wie er auf sie reagiert hat. Sein Kompliment bleibt hängen. Sollte sie wirklich? Ihr wird heiß und kalt zugleich, aber ihr fällt nichts ein. Innerlich bei ihrem Gatten Abbitte leistend und die Götter anflehend, ihre Tochter möge noch eine Weile fortbleiben, öffnet sie ihren Gurt.

Über das Rascheln des Stoffes hinweg findet sie ihre Stimme wieder: "Herr..., ich entschuldige mich. Ich habe mich unangemessen betragen. Vielleicht - ich - es bieten sich Dinge, die vom Missgeschick ablenken könnten? Herr?" Für ihre Verhältnisse schüchtern bleibt sie stehen, in mitten ihrer abgelegten Kleidung, vor der Eingangstür und noch im Rücken ihres Gastes.

Tsuyoshi

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[Szene 8] Eine Fledermaus in einem Dorf ohne Vögel.
« Antwort #19 am: 09.02.2019, 14:15:26 »
Schweigend starrt der Ronin die Wand vor sich an und blickt doch auch hindurch, in die Ferne. Von draußen dringen Chúseis Worte und die eines Greises zu ihm hinein. Kaum nimmt er sie bewusst wahr, eher die Stimmlage als den Inhalt registrierend. Er hebt die Hände und massiert langsam seine Schläfen, die Züge zu einer ausdruckslosen Maske erstarrt. Erst als hinter ihm ein unterdrücktes Schluchzen aufklingt, hebt er den Kopf. Hört das Rascheln hinter sich – und begreift nach einem endlos langen Moment. Tief durchatmend bleibt er für einen weiteren Herzschlag reglos stehen, noch einen, und noch einen. Besinne dich sieben Herzschläge lang, dann entscheide dich und handle! klingt in ihm die Stimme seines Meisters mit jener ersten aller Lektionen nach. Langsam atmet er ein und aus, bis die sieben Male voll sind, sucht sich zu entspannen, gar nichts zu denken. Der Weg des Zen...

Endlich wendet er sich um und sieht, was er halb erwartet hat, halb nicht glauben konnte. Sein Blick gleitet am bloßen Leib der verschämt wirkenden Frau hinab und wieder hinauf bis zu ihren Augen. Tsuyoshi macht einen Schritt auf sie zu, will ihr antworten und besinnt sich dann doch nochmals. Was er zu sagen vorhatte, erscheint ihm mit einem Mal nicht mehr angemessen. Er glaubt die Scham, die Verzweiflung und die Hoffnung zu begreifen, die Chúsei bewegen müssen. Und er realisiert: Seine beabsichtigten Worte würden ihre Geste zu einem Bestechungsversuch herabwürdigen – dabei ist sie mehr. Muss mehr sein. So tritt er auf sie zu, schaut ihr in die Augen und hebt, sehr langsam, ihren Kimono vom Boden auf. Er legt ihr den Stoff um die Schultern, dann schlingt er seinen Arm um ihre Hüfte und drückt sie vorsichtig an sich, als habe er Angst, sie zu zerbrechen.

Oder weiß er einfach nicht, wie mit der Situation umgehen? "Du hast ein mutiges Herz, und du liebst deine Tochter und dein Dorf" stellt er leise fest. "Und du bist begehrenswert." Diese Aussage treibt ihm noch keine Schamesröte auf die Wangen. Sein Gegenüber ist gesund, keine Greisin und zudem gut gewachsen: Wo wäre der Grund für Scham, dies hier und jetzt offen auszusprechen? Doch etwas anderes bereitet ihm größere Probleme, die rechten Worte zu finden. "Ich würde mit dir das Kopfkissen teilen," sagt er schließlich, "wenn ich nicht wüsste, dass deine Hingabe deinem Mädchen und deinem Mann gehört. Ich würde es tun und nicht gering von dir denken. Das sage ich, Matsunaga Tsuyoshi, und rufe meine Ahnen zu Zeugen dafür an!" Dann birgt er ihr Gesicht an seiner Schulter und hält sie fest. So stehen sie lange Zeit, während es scheint, als habe die Zeit selbst ihren unerbittlichen Lauf unterbrochen.


Tsuyoshi

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« Antwort #20 am: 09.02.2019, 14:15:47 »
~ Ende der Szene ~
« Letzte Änderung: 09.02.2019, 14:16:58 von Tsuyoshi »