Autor Thema: [Szene 10] Meine Familie ist meine Stärke und meine Schwäche.  (Gelesen 97 mal)

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Josei Kimiko

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Das flüchtige Pferd hatte im Verhältnis zum Späher wesentlich weniger Aufregung im Dorf versursacht, es fand sogar ziemlich schnell einen neuen Besitzer, der die Unterstützung nötig hatte. Die von Chúsei ausgelöste Betriebsamkeit blieb erhalten, wenn sie sich auch wegen des heißen Wetters mehr und mehr in die Morgen- und Abendstunden verlegte.

Einen weiteren Mosaikstein zu dieser hektischen Betriebsamkeit war eine Einladung an Tsuyoshi durch die führenden Herren des Dorfes. Sie luden in das Haus des angesehensten Grundbesitzers (auch wenn dieser immer noch nicht wirklich mehr als ein reicher Bauer war). Sie wollten die Situation besprechen und Pläne schmieden. Zumindest war dies die offizielle Begründung. Schon die Abwesenheit jeder jungen oder weiblichen Person, die in diesem Dorf viel Verantwortung übernehmen mussten, ließen ahnen, wie fruchtbar das Ganze werden würde. Und tatsächlich konnte Tsuyoshi einige Charakterstudien betreiben - da gab es die altenrden Männer mit ihren vergangenen Heldentaten, die Verzagten, die keine Hoffnugn sahen, die naiven, die glaubten, man könnte die Räuber irgendwie zufriedenstellen, und die intriganten, deren Vorschläge quasi auf Ausnutzen der Frauen (und Tsuyoshis) hinausgingen.

Zum Glück schien der Gastgeber anderer Ansicht zu sein und vernünftigere Vorschläge einzubringen. Sein Ansehen war offensichtlich nicht unbegründet, er war von edlerer Art als man es unter den Bauern erwartet hatte. In seiner Verzweiflung über seine peinlichen Gäste setzte er schließlich eine Pause zum Essen, Trinken und Rauchen durch. So bekam der Ronin Gelegenheit, sich aus dem Treffen herauszulösen.

Dabei führte sein Weg über die Terasse, die den Innenhof umgab. Er kam an einer offenen Schiebetür vorbei, durch die er in ein reich eingerichtetes Zimmer mit herumliegenden Mal- und Schreibutensilien sehen konnte. Dort sah zum ersten Mal für diesen Besuch ein Mädchen aus dem Dorf, die einer Art Bedienstetentätigkeit nachging - sie beseitigte gerade die Spuren eines vollbeladen heruntergefallenen Tablets. Ihrem Verhalten nach zu urteilen war es ein selbstverschuldetes Ungeschick gewesen, dem mangelnde Ausbildung zugrunde lag.

Gleich darauf zog Kinderlachen aus Richtung des Gartens im Innenhof die Aufmerksamkeit auf sich. Ein gutgekleidetes, höchstens zehnjähriges Mädchen jagte einen ähnlich vermögend bekleideten vierjährigen Buben. Er hatte offensichtlich etwas ausgefressen und floh spielerisch vor seiner gerechten Rüge. "Bleibst du wohl und stellst dich deiner Strafe wie ein Mann!" - "Ja, von Mutter, nur, weil ich deine Übung verschönert habe, hahaha! Außerdem bin ich kein Mann, ich bin ein Krieger wie Bruder!" - "Der vor einem Mädchen wegrennt!", prustete die Verfolgerin.

Die erwähnte Mutter konnte der echte Krieger schnell ausmachen. Mit dem Rücken zu ihm trat Kimiko - edel gekleidet wie immer - zwischen einigen Zierbäumen hervor und fing mit ein wenig Mühe einen Ball, den ihr ein weiteres Mädchen zugespielt hatte. Diese war leichter gekleidet, ohne Eleganz zu vermissen, und wohl etwa 12 Jahre alt. Auch ihre gute Laune stand in einem krassen Gegensatz zu der bedrohlichen Situation, in der das Dorf steckte und über die die Alten eben ziemlich sinnentleert geredet hatten.

Tsuyoshi

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[Szene 10] Meine Familie ist meine Stärke und meine Schwäche.
« Antwort #1 am: 28.05.2019, 20:20:32 »
Der Ronin folgt der Einladung natürlich. Unabhängig von seinem höheren Status ist das Alter etwas, das zu ehren man in allen Gesellschaftsschichten lernt. Die Beratung selbst allerdings gestaltet sich so wenig ersprießlich, dass er immer verdrossener wird. Seine Ideen, wie die Dörfler sich womöglich selbst helfen konnten, hält er zurück, denn eines wird ihm rasch klar: Er kann von den Bauern nicht annähernd das Maß von Disziplin und Entschlossenheit erwarten, das für Samurai selbstverständlich ist. Seine Absichten, einen Plan zu entwickeln und die Ältesten dafür zu begeistern, werden zuschanden, noch ehe er ein Wort geäußert hat. So kann es auch nicht verwundern, dass er die kleinlichen Streitereien, die Angebereien und das Gejammer mit wachsender Ungeduld mit anhört. Das Daisho vor den gekreuzten Beinen liegend, brütet Tsuyoshi über den weiteren Verlauf der Versammlung mit finsterem Gesicht vor sich hin. Unmündige Kinder, verängstigte Frauen und zahnlose Greise – wie er es satt ist..! Da hilft auch der eine oder andere vernünftigere Einwurf wenig, der ohnehin schon bald wieder im ziellosen Gerede untergeht.

Doch gerade als er drauf und dran ist, jeglichen anerzogenen Respekt für einen Rat von Dorfältesten hinter sich zu lassen und wutentbrannt aufzuspringen, verkündet der Gastgeber eine Pause, und der sehnige Ronin atmet langsam aus. Dann nimmt er seine Klingen an sich, nickt den alten Männern kurz zu und tritt ins Freie, um seinen Zorn nicht länger durch ihren Anblick wachsen zu fühlen. Er hat kein Interesse daran, zuzusehen, wie sie sich mit zittrigen Fingern über einige der ohnehin knappen Vorräte hermachen! Tief durchatmend wendet er sich dem kleinen Schrein in der Mitte des Innenhofs zu, als sein Blick auf die offene Shoji-Tür und das Mädchen im Raum dahinter fällt. Nachdenklich bleibt er stehen, starrt sinnierend vor sich hin und sieht erst wieder auf, nachdem die Stimmen der beiden Halbwüchsigen die Stille im Hof durchschneiden. Er verharrt auf seinem Platz, sieht den Kindern zu, die ihn an seine kleinen Geschwister erinnern – auch wenn die niemals so kostspielige Kleider gehabt haben – und lässt endlich seinen Blick auf der Mutter ruhen, die mit dem Mädchen spielt.

Erst als auch sie ihn bemerkt, nickt Tsuyoshi grüßend. Seine Miene ist so neutral, als wäre niemals auch nur das geringste zwischen ihnen vorgefallen, das sie kompromittieren könnte. Beschämendes Wissen über andere für sich zu behalten, ja, vorzugeben, dass man dieses Wissen gar nicht besitzt, ist fast so wichtig wie das eigene Gesicht zu wahren. Umso mehr, als es der Gipfel der Rohheit gewesen wäre, eine Mutter vor den eigenen Kindern zu erniedrigen. Der Ronin geht sogar so weit, Kimiko gegenüber eine leichte Verbeugung anzudeuten.
« Letzte Änderung: 28.05.2019, 20:25:40 von Tsuyoshi »

Josei Kimiko

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[Szene 10] Meine Familie ist meine Stärke und meine Schwäche.
« Antwort #2 am: 03.06.2019, 20:37:09 »
Als Kimiko den Zuschauer bemerkt, dreht sie sich herum und schenkt ihm ihre volle Aufmerksamkeit. Ihr fröhlich-gelöster Gesichtsausdruck wechselt augenblicklich zu einem neutral-ernsten. Offensichtlich beherrscht sie ihre Überraschung (und möglichen Ärger darüber, nicht informiert gewesen zu sein) und überdenkt ihre Reaktion. Seine Andeutung beantwortet sie mit einer kühlen Viertelverneigung, was das ältere Mädchen sofort das Spiel stoppen lässt. Sie eilt herbei und stellt sich schräg hinter ihre Mutter, ihre Verbeugung wird wesentlich niedriger und ihr Blick bleibt gesenkt.

Die beiden anderen brauchen ein scharfes, fast befehlsmäßig geäußertes "Kinder!", um die veränderte Situation zu begreifen. Dann rennen sie sofort an die andere Seite ihrer Mutter, ebenfalls etwas nach hinten versetzt, und verneigen sich tief - nur um gleich wieder aufzuschauen und den jungen Mann mit bewundernden Augen anzustarren. das Mädchen hat noch den Anstand, schüchtern hinter der Mutter Deckung zu suchen, der Junge grinst begeistert und öffnet den Mund, um etwas zu sagen. Nur ein Blick aus den schmalen Augen der Mutter erinnert ihn allerdings an seine Manieren und er verzieht beleidigt das Gesicht, legt das Kinn aber wieder auf die Brust. Kimiko stellt sich wieder in ihre volle Größe auf und hält nur ihren Blick respektvoll gesenkt, als sie ihre Kinder der Reihe nach vorstellt. Sie überlässt es dem Ronin, sich selbst vorzustellen und in ein gewünschtes Licht zu rücken.

Tsuyoshi

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[Szene 10] Meine Familie ist meine Stärke und meine Schwäche.
« Antwort #3 am: 08.06.2019, 11:57:05 »
Schweigend verfolgt der junge Samurai, wie sich die Maske wieder über das Gesicht legt und der kurze Einblick in den Menschen vor ihm beendet wird. Er neigt – mit einem kaum merklichen Anheben der Mundwinkel – auch vor den Kindern und ihren Verbeugungen leicht den Kopf und lässt sie sich vorstellen. Doch wendet er sich bei seiner Antwort zunächst an die Mutter: "Es ist mir eine Ehre, Eure Familie kennenzulernen." Dabei klingt er, vielleicht in Reaktion auf ihre kühle Verbeugung, recht formal. Daraufhin stellt er sich auch den Kindern vor, mit fast den identischen Worten, die er auch ihr gegenüber gebraucht. Nur fügt er dieses Mal noch an: "Ihr müsst Eurer Mutter gehorchen und dürft nie den Respekt vor ihr vergessen. So wie sie ihre Pflicht tut..." sein Blick wandert wieder zu Kimiko "...und ihre eigenen Interessen hintanstellt, zu eurem Wohl. Wie ein Samurai im Auftrag seines Lehnsherrn." Nach dem letzten Satz sieht man ihn zum ersten Mal eine Verbeugung machen, die so etwas wie Anerkennung beinhaltet. "Ihr habt ehrenhafter und männlicher gehandelt als jene, die in diesem Dorf darin ein Beispiel sein sollten" erklärt er sehr ernsthaft.