Autor Thema: [Szene 10] Meine Familie ist meine Stärke und meine Schwäche.  (Gelesen 289 mal)

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Josei Kimiko

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Das flüchtige Pferd hatte im Verhältnis zum Späher wesentlich weniger Aufregung im Dorf versursacht, es fand sogar ziemlich schnell einen neuen Besitzer, der die Unterstützung nötig hatte. Die von Chúsei ausgelöste Betriebsamkeit blieb erhalten, wenn sie sich auch wegen des heißen Wetters mehr und mehr in die Morgen- und Abendstunden verlegte.

Einen weiteren Mosaikstein zu dieser hektischen Betriebsamkeit war eine Einladung an Tsuyoshi durch die führenden Herren des Dorfes. Sie luden in das Haus des angesehensten Grundbesitzers (auch wenn dieser immer noch nicht wirklich mehr als ein reicher Bauer war). Sie wollten die Situation besprechen und Pläne schmieden. Zumindest war dies die offizielle Begründung. Schon die Abwesenheit jeder jungen oder weiblichen Person, die in diesem Dorf viel Verantwortung übernehmen mussten, ließen ahnen, wie fruchtbar das Ganze werden würde. Und tatsächlich konnte Tsuyoshi einige Charakterstudien betreiben - da gab es die altenrden Männer mit ihren vergangenen Heldentaten, die Verzagten, die keine Hoffnugn sahen, die naiven, die glaubten, man könnte die Räuber irgendwie zufriedenstellen, und die intriganten, deren Vorschläge quasi auf Ausnutzen der Frauen (und Tsuyoshis) hinausgingen.

Zum Glück schien der Gastgeber anderer Ansicht zu sein und vernünftigere Vorschläge einzubringen. Sein Ansehen war offensichtlich nicht unbegründet, er war von edlerer Art als man es unter den Bauern erwartet hatte. In seiner Verzweiflung über seine peinlichen Gäste setzte er schließlich eine Pause zum Essen, Trinken und Rauchen durch. So bekam der Ronin Gelegenheit, sich aus dem Treffen herauszulösen.

Dabei führte sein Weg über die Terasse, die den Innenhof umgab. Er kam an einer offenen Schiebetür vorbei, durch die er in ein reich eingerichtetes Zimmer mit herumliegenden Mal- und Schreibutensilien sehen konnte. Dort sah zum ersten Mal für diesen Besuch ein Mädchen aus dem Dorf, die einer Art Bedienstetentätigkeit nachging - sie beseitigte gerade die Spuren eines vollbeladen heruntergefallenen Tablets. Ihrem Verhalten nach zu urteilen war es ein selbstverschuldetes Ungeschick gewesen, dem mangelnde Ausbildung zugrunde lag.

Gleich darauf zog Kinderlachen aus Richtung des Gartens im Innenhof die Aufmerksamkeit auf sich. Ein gutgekleidetes, höchstens zehnjähriges Mädchen jagte einen ähnlich vermögend bekleideten vierjährigen Buben. Er hatte offensichtlich etwas ausgefressen und floh spielerisch vor seiner gerechten Rüge. "Bleibst du wohl und stellst dich deiner Strafe wie ein Mann!" - "Ja, von Mutter, nur, weil ich deine Übung verschönert habe, hahaha! Außerdem bin ich kein Mann, ich bin ein Krieger wie Bruder!" - "Der vor einem Mädchen wegrennt!", prustete die Verfolgerin.

Die erwähnte Mutter konnte der echte Krieger schnell ausmachen. Mit dem Rücken zu ihm trat Kimiko - edel gekleidet wie immer - zwischen einigen Zierbäumen hervor und fing mit ein wenig Mühe einen Ball, den ihr ein weiteres Mädchen zugespielt hatte. Diese war leichter gekleidet, ohne Eleganz zu vermissen, und wohl etwa 12 Jahre alt. Auch ihre gute Laune stand in einem krassen Gegensatz zu der bedrohlichen Situation, in der das Dorf steckte und über die die Alten eben ziemlich sinnentleert geredet hatten.

Tsuyoshi

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« Antwort #1 am: 28.05.2019, 20:20:32 »
Der Ronin folgt der Einladung natürlich. Unabhängig von seinem höheren Status ist das Alter etwas, das zu ehren man in allen Gesellschaftsschichten lernt. Die Beratung selbst allerdings gestaltet sich so wenig ersprießlich, dass er immer verdrossener wird. Seine Ideen, wie die Dörfler sich womöglich selbst helfen konnten, hält er zurück, denn eines wird ihm rasch klar: Er kann von den Bauern nicht annähernd das Maß von Disziplin und Entschlossenheit erwarten, das für Samurai selbstverständlich ist. Seine Absichten, einen Plan zu entwickeln und die Ältesten dafür zu begeistern, werden zuschanden, noch ehe er ein Wort geäußert hat. So kann es auch nicht verwundern, dass er die kleinlichen Streitereien, die Angebereien und das Gejammer mit wachsender Ungeduld mit anhört. Das Daisho vor den gekreuzten Beinen liegend, brütet Tsuyoshi über den weiteren Verlauf der Versammlung mit finsterem Gesicht vor sich hin. Unmündige Kinder, verängstigte Frauen und zahnlose Greise – wie er es satt ist..! Da hilft auch der eine oder andere vernünftigere Einwurf wenig, der ohnehin schon bald wieder im ziellosen Gerede untergeht.

Doch gerade als er drauf und dran ist, jeglichen anerzogenen Respekt für einen Rat von Dorfältesten hinter sich zu lassen und wutentbrannt aufzuspringen, verkündet der Gastgeber eine Pause, und der sehnige Ronin atmet langsam aus. Dann nimmt er seine Klingen an sich, nickt den alten Männern kurz zu und tritt ins Freie, um seinen Zorn nicht länger durch ihren Anblick wachsen zu fühlen. Er hat kein Interesse daran, zuzusehen, wie sie sich mit zittrigen Fingern über einige der ohnehin knappen Vorräte hermachen! Tief durchatmend wendet er sich dem kleinen Schrein in der Mitte des Innenhofs zu, als sein Blick auf die offene Shoji-Tür und das Mädchen im Raum dahinter fällt. Nachdenklich bleibt er stehen, starrt sinnierend vor sich hin und sieht erst wieder auf, nachdem die Stimmen der beiden Halbwüchsigen die Stille im Hof durchschneiden. Er verharrt auf seinem Platz, sieht den Kindern zu, die ihn an seine kleinen Geschwister erinnern – auch wenn die niemals so kostspielige Kleider gehabt haben – und lässt endlich seinen Blick auf der Mutter ruhen, die mit dem Mädchen spielt.

Erst als auch sie ihn bemerkt, nickt Tsuyoshi grüßend. Seine Miene ist so neutral, als wäre niemals auch nur das geringste zwischen ihnen vorgefallen, das sie kompromittieren könnte. Beschämendes Wissen über andere für sich zu behalten, ja, vorzugeben, dass man dieses Wissen gar nicht besitzt, ist fast so wichtig wie das eigene Gesicht zu wahren. Umso mehr, als es der Gipfel der Rohheit gewesen wäre, eine Mutter vor den eigenen Kindern zu erniedrigen. Der Ronin geht sogar so weit, Kimiko gegenüber eine leichte Verbeugung anzudeuten.
« Letzte Änderung: 28.05.2019, 20:25:40 von Tsuyoshi »

Josei Kimiko

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« Antwort #2 am: 03.06.2019, 20:37:09 »
Als Kimiko den Zuschauer bemerkt, dreht sie sich herum und schenkt ihm ihre volle Aufmerksamkeit. Ihr fröhlich-gelöster Gesichtsausdruck wechselt augenblicklich zu einem neutral-ernsten. Offensichtlich beherrscht sie ihre Überraschung (und möglichen Ärger darüber, nicht informiert gewesen zu sein) und überdenkt ihre Reaktion. Seine Andeutung beantwortet sie mit einer kühlen Viertelverneigung, was das ältere Mädchen sofort das Spiel stoppen lässt. Sie eilt herbei und stellt sich schräg hinter ihre Mutter, ihre Verbeugung wird wesentlich niedriger und ihr Blick bleibt gesenkt.

Die beiden anderen brauchen ein scharfes, fast befehlsmäßig geäußertes "Kinder!", um die veränderte Situation zu begreifen. Dann rennen sie sofort an die andere Seite ihrer Mutter, ebenfalls etwas nach hinten versetzt, und verneigen sich tief - nur um gleich wieder aufzuschauen und den jungen Mann mit bewundernden Augen anzustarren. das Mädchen hat noch den Anstand, schüchtern hinter der Mutter Deckung zu suchen, der Junge grinst begeistert und öffnet den Mund, um etwas zu sagen. Nur ein Blick aus den schmalen Augen der Mutter erinnert ihn allerdings an seine Manieren und er verzieht beleidigt das Gesicht, legt das Kinn aber wieder auf die Brust. Kimiko stellt sich wieder in ihre volle Größe auf und hält nur ihren Blick respektvoll gesenkt, als sie ihre Kinder der Reihe nach vorstellt. Sie überlässt es dem Ronin, sich selbst vorzustellen und in ein gewünschtes Licht zu rücken.

Tsuyoshi

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« Antwort #3 am: 08.06.2019, 11:57:05 »
Schweigend verfolgt der junge Samurai, wie sich die Maske wieder über das Gesicht legt und der kurze Einblick in den Menschen vor ihm beendet wird. Er neigt – mit einem kaum merklichen Anheben der Mundwinkel – auch vor den Kindern und ihren Verbeugungen leicht den Kopf und lässt sie sich vorstellen. Doch wendet er sich bei seiner Antwort zunächst an die Mutter: "Es ist mir eine Ehre, Eure Familie kennenzulernen." Dabei klingt er, vielleicht in Reaktion auf ihre kühle Verbeugung, recht formal. Daraufhin stellt er sich auch den Kindern vor, mit fast den identischen Worten, die er auch ihr gegenüber gebraucht. Nur fügt er dieses Mal noch an: "Ihr müsst Eurer Mutter gehorchen und dürft nie den Respekt vor ihr vergessen. So wie sie ihre Pflicht tut..." sein Blick wandert wieder zu Kimiko "...und ihre eigenen Interessen hintanstellt, zu eurem Wohl. Wie ein Samurai im Auftrag seines Lehnsherrn." Nach dem letzten Satz sieht man ihn zum ersten Mal eine Verbeugung machen, die so etwas wie Anerkennung beinhaltet. "Ihr habt ehrenhafter und männlicher gehandelt als jene, die in diesem Dorf darin ein Beispiel sein sollten" erklärt er sehr ernsthaft.

Josei Kimiko

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« Antwort #4 am: 01.07.2019, 05:31:59 »
"Aber nicht doch!", entrüstet sich die Dame durchaus glaubwürdig, "Das ist zuviel - nicht in Träumen wird eine Frau an die Ehre des niedrigsten unter den Samurai heranreichen! Die Worte aber erfüllen mich mit großer Dankbarkeit, ebenso wie eure Gelassenheit, mit der ihr dieses überraschende Zusammentreffen wahrnehmt. Können wir etwas für euch tun?" Mit geneigtem Kopf über den Rand des unvermeidlichen Fächers schielend ist Kimiko wieder komplett in ihrer Rolle der Dame aufgegangen.

Die Kinder reagieren mehr oder weniger augenrollend auf die erzieherischen Worte des jungen Kriegers, aber sichtlich stolz auf ihre Mutter. Die beiden jüngeren sind weniger zurückhaltend als die älteren anwesenden Frauen ihrer Familie. Aus ihren Positionen heraus sehen sie Tsuyoshi direkt an und bestürmen ihn mit Fragen: "Hat euch Bruder geschickt, um von seinen und Vaters Heldentaten zu berichten?", fragt der kleine Junge und "Oder wollt ihr meine mittlere Schwester mitnehmen so wie es meiner älteren geschah?", ergänzt das jüngste Mädchen. Das etwas ältere Mädchen macht sich noch kleiner, bleibt jedoch ruhig. Anders die Mutter, deren Alter nun mit der Information, dass sie noch eine verheiratete Tochter und einen waffenfähigen Sohn hat, als älter als anzusehen einschätzbar ist. "Still, Kinder, diese Fragen sind unangemessen. Er ist hier, um nach dem Rechten zu sehen, unabhängig von uns.", bremst sie ihre Nachkommen und fügt in Richtung des Ronin hinzu: "Verzeiht, in ihren jungen Jahren sind die Umgangsformen noch icht vollständig verinnerlicht, die kindliche Energie bricht sich noch Bahn."

Tsuyoshi

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« Antwort #5 am: 01.07.2019, 16:19:34 »
Beifällig nickt der Samurai auf die bescheidene Untertreibung Kimikos, die einer Dame gut ansteht. "Ihr seid eine Frau und mithin keine Kämpferin, das ist wahr", erwidert er bedächtig, "dennoch habt Ihr auf Eure Weise Entschlossenheit und Mut gezeigt. Als Frau seid Ihr den Dingen mehr oder minder wehrlos ausgeliefert, aber weder flieht Ihr, noch entwürdigt Ihr Euch mit öffentlichen Tränen der Verzweiflung. Ihr stellt Euch Eurem Schicksal, statt darüber zu klagen. Das ist Mut." Seine Worte kommen ihm ernst und sehr langsam über die Lippen, als hätte er jedes einzelne sehr genau geprüft, ehe er es aussprach.

Ihre Entschuldigung schneidet er mit einer kurzen Handbewegung ab. "Ich war auch selbst einmal ein Kind, Dame. Ihr seid eine gewissenhafte und gute Mutter, davon bin ich überzeugt. Eure Kinder werden Disziplin und Standhaftigkeit von Euch lernen." ...wenn sie noch die Zeit dazu haben geht es ihm durch den Kopf. Aus einer plötzlichen Regung heraus schaut er die Kinder an, streng, mit zusammengezogenen Brauen, bis sie nervös werden. "Disziplin, Standhaftigkeit, Loyalität! Sie sind es, woran jeder sich messen lassen muss!" Erst als das jüngere Mädchen sich hinter der Schwester zu verstecken sucht und der kleine Junge ihn ganz erschrocken anstarrt, wechselt seine harte, drohende Miene zu einem Grinsen, und er meint in verändertem Ton zu ihnen: "Nun geht, spielt und lasst mich mit eurer Mutter reden. Na los, lauft schon!"

Die Erleichterung ist den drei frohen Mienen mühelos anzusehen, als sie unter neuerlichem Gelächter tatsächlich davonstürmen. Tsuyoshi sieht ihnen nach, ehe er sich zu Kimiko wendet. "Es ist sicherlich nicht leicht mit ihnen. Ihr müsst Euch große Sorgen um sie machen."

Josei Kimiko

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« Antwort #6 am: 03.07.2019, 19:01:10 »
"Danke für eure Worte, doch ist es nur das Notwendige, was diese Person tut. Ihr dagegen geht weit über das Notwendige hinaus in eurem Umgang mit uns. Kein mir bekanntes Beispiel reicht an euch heran.", wehrt Kimiko die lobenden und sie mit Stolz erfüllenden Worte höflich ab, um endlich ein eigenes Lob anzubringen.

Erst möchte sie erneut protestieren, als ihre mütterlichen Qualitäten angesprochen werden, doch wechselt der junge Mann plötzlich seine Art. Mit zunehmend bedrohlicherer Atmosphäre werden ihre Augen schmal und ihre Stirn kraus. Hinter dem Fächer ist ihr Mund nicht zu sehen, doch verraten weiß werdende Knöchel und eine sich straffende Haltung, dass er nahe daran ist, die Löwin zu wecken, die ihre Jungen verteidigen wird. Mit der Auflösung des Ganzen als Spaß entspannt sie sich wieder und nickt den Kindern zu, um sie zu bestärken und die Aufforderung des Kriegers zu bestätigen.

Während die drei Kinder losrennen und den Ball mitnehmen, tritt ihre Mutter würdevoll neben Tsuyoshi auf die Holzplattform und dreht sich herum, sodass sie aufrecht neben ihm steht, ebenfalls den Kindern nachsehend. Bei seinen Worten bleibt sie mehrere Atemzüge still, ja regelrecht versteinert. Mehr lässt sie davon, wie sie um ihre Haltung ringt, nicht erkennen. Mit gesenktem Blick und weiterhin seitlich neben ihm stehend schafft sie es noch, das Bild der eleganten Puppe aufrechtzuerhalten, doch schimmert etwas Trauriges in ihrer Haltung durch. Bedächtig antwortet sie: "Ich nehme keine last wahr, sie sind ein steter Quell von Freude, ja Lebensfreude für mich und - das sehe ich mich gezwungen zuzugeben - ein Quell des Stolzes. Ob der Situation, in der wir uns finden, verspüre ich Sorge, aber ich werde alles tun, was notwendig ist, meine Kinder zu schützen!" Trotz des leichten Tones, den ihre Stimme angenommen hat, schwingt stahlharte Entschlosenheit in ihren letzten Worten. Und die traurige Haltung weicht einer entsprechend eisernen. Im Gegensatz zu nahezu allen anderen Gelegenheiten wirkt sie authentischer.
« Letzte Änderung: 03.07.2019, 19:01:55 von Josei Kimiko »

Tsuyoshi

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« Antwort #7 am: 06.07.2019, 14:18:51 »
Nun ist wiederum der Samurai durch die Regeln der Höflichkeit genötigt, abzuwinken. "Ein unverdientes Lob" meint er mit leichtem Neigen des Kopfes. Dann folgt sein Blick den Kindern. Dabei verzieht sich nicht der kleinste Muskel in seinem Gesicht. Aber die Art, wie er schweigend steht, lässt ihn seltsam schwermütig für einen so jungen Menschen erscheinen. Womöglich erinnern ihn die laufenden, springenden kleinen Gestalten an etwas, das für ihn selbst noch gar nicht so lange her ist und doch unendlich weit in der Vergangenheit liegt, begraben unter düsteren Erinnerungen, welche einen naiven, jugendlichen Idealismus erschüttert haben. Für Momente wirkt das Gesicht mit der Narbe wie um Jahrzehnte gealtert, der Blick der Augen trüb. Dann atmet er langsam aus, kaum hörbar, und wendet sich wieder Kimiko zu.

Als er sieht, dass sie um ihre Fassung ringt, dreht er den Kopf rasch wieder zur Seite und gibt vor, nichts davon bemerkt zu haben, um ihr Gesicht zu wahren. "Wenn alle so denken würden wie Ihr, hätten es Banditen sehr viel schwerer" bemerkt der sehnige Mann und fügt dann langsam hinzu, als sei ihm der Gedanke gerade erst gekommen: "Und die Daimyos ebenso." Er mustert von der Seite ihre straffe Haltung, runzelt kurz die Stirn und sieht sie nun doch wieder voll an. "Euer Mut ist groß, wie ich schon sagte, und das ist wahrhaft Anerkennung wert. Aber es erscheint mir schwer zu glauben, dass die anderen Frauen Eurem Beispiel folgen werden. Wie könnte man es von ihnen verlangen, wenn noch nicht einmal die Männer Eures Dorfes sich dazu bereitfinden. Greise, die ewig diskutieren, statt zu handeln, und Knaben, die noch nicht in der Lage sind, einen Stock zu schwingen." Seine Stimme klingt trügerisch gelassen, als er so die Situation in all ihrer Schärfe darlegt.

Josei Kimiko

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« Antwort #8 am: 10.07.2019, 04:38:13 »
Kimiko bestärkt ihr Lob nicht noch einmal, auch wenn sie es durchaus ernst meint. Da sie mit ihren Gedanken beschäftigt ist, braucht es einen Moment, bis sie Tsuyoshis Stille bemerkt und seinem Blick folgt. Sie überlegt, was den jungen Mann so beschäftigt: "Was vermisst er? Weibliche Nähe allein wird es nicht sein, ich bin mir sicher, da würden die Bäuerinnen des Dorfes mit Freuden helfen. Hat er einen Wunsch nach Familie? Und ihm fehlen die Mittel, eine standesgemäße Aufwartung zu machen? Vielleicht kann man ihn mit einer Aussicht dahingehend binden?" Als er sich zu ihr wendet, taucht sie wieder in ihren Fächer ab, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen.

Als er sie erneut lobt und die Haltung der anderen zurückgebliebenen Anwohner bedauert, fühlt Kimiko sich beschämt. Was den jungen Mann angeht, verwendet sie stets einen Großteil ihrer Überredungskünste und berechnet, wie sie ihn halten kann. Auch wenn sie gelegentlich aus der Rolle fällt, so verhält sie sich normalerweise rein fromell. Er jedoch ist ehrlicher in seiner Jugend und Naivität.

Nun, nachdem er per Zufall sowieso ihre Familie kennengelernt hat und ihren Rückzugsort kennt, will sie ihr Misstrauen aufgeben. In aller Form wendet sie sich ihm zu und spricht: "Unsere Möglichkeiten und Mittel sind begrenzt, im Angesicht dieser Gefahr zu handeln, das ist schwer, nein, schlicht nicht zu ertragen." Sie verneigt sich tiefer als sonst und ergänzt: "Doch in anderer Sache: Ich fürchte, meine Vorstellung ist nie vollständig gewesen. Ich bin Kimiko, geboren in diese einfache Familie, die diesen Grund ihr eigen nennt. Verheiratet und mit fünf Kindern gesegnet bin ich an Fürst Matsuoka, dem die Furtstadt gehört."

Josei Kimiko

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« Antwort #9 am: 26.07.2019, 17:45:42 »
Kimiko bemerkt dank ihres lebenslangen Trainings, dass ihr Auftritt und ihre Ehrlichkeit nicht die erhoffte Wirkung erzielen. Sie muss befürchten, dass ihre früheren Auftritte und die späte Offenheit sein Herz und Geist ihr gegenüber verschlossen hält. Sie beschließt ihn, bevor er eine Chance zur Abweisung bekommt, mit weiteren Schritten zu überrollen. Prompt richtet sie sich wieder auf und begegnet seinem Blick, wenn auch über den Fächerrand hinweg. "Lasst es mich zeigen, beweisen, ja, auch meine Zurückhaltung wieder gut machen.", spricht sie, dreht sich und betritt den Raum neben ihnen.

Bevor der junge Mann zögern kann, wird er mit einem freundlichen, über die Schulter geworfenen "Kommt!" ebenfalls zum Eintreten aufgefordert. Kaum im Raum, gibt die Dame der Papiertür genug Schwung um zuzufahren. Sie sind allein im Raum, die Dienerin hat die Spuren ihres Malheurs zumindest oberflächlich beseitigt. Sie steht direkt neben ihm, der Duft von Parfüm ist zu riechen, während die ästhetische Wirkung der Gesichtsschminke ungebrochen bleibt. Ihre freie Hand schnellt aus dem Ärmel hervor und lässt etwas kleines, goldenes Schweres in seine Hand fallen. "Eine Sonderprägung, die mein Mann zur Geburt seines zweiten Erben anfertigen ließ. Behaltets." Tsuyoshi schaut auf ein zu groß geratenes Goldstück, auf dem einfach stilisiert eine siebenköpfige Familie zu erkennen ist. Den Namen nach der besagte Fürst Matsuoka mit seiner Frau Kimiko, seiner ältesten Tochter, dem ersten Sohn, zwei weiteren Töchtern und dem zweiten Sohn - als Säugling. Sollte, wie das Gewicht es andeutete, das Schmuckstück aus purem Edelmetall sein, würde es selbst in diesen Zeiten für eine einfache Hütte auf einer Parzelle Land reichen.

Kimiko ist mit der ersten Reaktion des jungen Kriegers, die sie über den Fächer hinweg wahrnimmt, durchaus zufrieden, aber sie erkennt ein Zögern. Bevor er dazu kommt, das "Geschenk" zurückzugeben, verschwindet sie hinter einen Wandschirm - mit einem gehauchten "Verzeiht." Noch ehe er so recht begreift, wie ihm geschieht, hört er das Rascheln ihrer Kleidung und kann dank des Lichteinfalls ihre Silhouette ausmachen - sie entblößt sich (wenn es auch mehr den Anschein eines Schattenspiels hat). Als er nicht mehr sagen kann, ob sie überhaupt noch etwas trägt - selbst die Stäbe sind aus der Frisur - hält sie inne und lauscht. Doch die erwünschten Signale bleiben schwach. Mit einem Anflug von Panik fragt sie sich, ob sie ihn einfach überfordert hat, oder ob sie, seit er ihr Alter dank der Kinder einschätzen kann, den Reiz verloren hat.

Sie tritt einen Schritt zur Seite, soweit, dass er, wenn er sich nur etwas neigt, ihren unbedeckten Fuß samt Knöchel direkt sehen kann. Ohne einen anderen Ausweg aus der eigenartigen, selbst-provozierten Situation zu finden, greift sie zu einer neuen kleinen Gemeinheit: Der sprichwörtlichen kalten Dusche, um ihn herauszufordern: "Nun, Krieger, ist das euer kühler Kopf, den ihr bewahrt, wenn ihr auf uns Zivilisten schaut? Man könnte mehr Verständnis für die schwierige Lage der Menschen und ihren Umgang damit  zeigen." Ihr Schatten verschwimmt, als sie Abstand vom Wandschirm nimmt, und das Klappen einer Kiste samt Rascheln von Stoff zeugen davon, dass die Vorstellung zu enden droht und ein neuer Kimono angelegt wird.

Tsuyoshi

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« Antwort #10 am: 27.07.2019, 13:53:53 »
Der Ronin hebt überrascht die Brauen, als er hört, dass sie die Frau eines Fürsten ist und diesem fünf Kinder geboren hat, unter welchen mit Sicherheit auch Söhne sind. Er erwidert: "Ich bin sicher, Ihr seid dem Fürsten eine gute Frau und bereitet ihm Freude. Ich selbst bin der Sohn eines einfachen Bushi mit einem Lehen von kaum einhundert Koku. Bitte sehr mir nach, dass ich seinen Namen nicht nenne, da ich meinen Lehnsherrn verloren habe." Bei diesen Worten neigt Tsuyoshi seinen Kopf und meidet den Blickkontakt. Offenbar ist ihm sein Status peinlich.

Umso überraschter wirkt er, als er Kimiko gefolgt ist und plötzlich einen golden glitzernden Oban auf seiner Handfläche findet. Unmerklich weiten sich seine Augen ob solchen relativen Reichtums. "Das ist eine Gabe, die ich unmöglich-" beginnt er seinen Protest, da entschuldigt sie sich auch schon und verschwindet hinter dem Wandschirm. Vollkommen verblüfft, das Gold noch immer auf der Hand, starrt er den Schirm an. Dann kann er die Silhouette erkennen, und Begreifen zeichnet sich auf seinen Zügen ab. Die Wangen werden etwas dunkler, und er macht einen halben Schritt rückwärts, ganz offenkundig unklar, wie er reagieren soll.

Mit allem möglichen hat er gerechnet, aber mit dieser... überwältigend weiblichen Initiative wohl nicht. Sein Blick fällt auf ihren bloßen Knöchel, die glatte Haut, und er fährt sich mit einer Hand zum Hals, wo Schweißperlen unter seinem Kimono hervorperlen. Ihre Worten bringen ihn, der bislang allenfalls gelegentlich ein hübsches Dorfmädchen in den Wald geführt hat, dann vollends durcheinander. "Wartet!" sagt er plötzlich und tritt wieder auf den Wandschirm zu. "Ich verstehe Eure Lage ja" erklärt er. "Es ist nur... ich bin ein einfacher Krieger und habe nie richtig gelernt, wie man sich zu einer Dame verhält." Seine freie Hand kommt nach vorn, die Finger schließen sich um den Rand des Wandschirms.

Josei Kimiko

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« Antwort #11 am: 09.08.2019, 22:46:06 »
Tsuyoshis Zurückhaltung bezüglich seines Namens und sein Eingeständnis seines Ronin-Statuses quittiert Josei Kimiko nur mit einem freundlich-verständnisvollen Lächeln und geht zu ihrer nächsten Handlung über, sodass der junge Krieger nicht lange in seiner Peinlichkeit verharren muss oder diese gar gesteigert wird. Dass die intrigengewohnte Dame sehr wohl die Information aufnimmt, die Implikationen versteht und es für eine spätere Gelegenheit merkt, lässt sie sich nicht anmerken.

Als der junge Mann dann direkt nach ihren Worten scheinbar aufgeschreckt an den Wandschirm herantritt, ist Kimiko erleichtert. Sie beherrscht ihr Spiel immer noch. Entsprechend gelassen stoppt sie mitten in der Bewegung, sich erneut zu bekleiden. Sie lässt den Stoff fallen und tritt wieder an den Wandschirm heran. Kaum mehr als eine Papierschicht trennt sie nun. "Ich verstehe euch ebenfalls und muss für meine im Affekt gesprochenen Worte um Nachsicht ersuchen, es liegt mir fern, euch behelligen zu wollen.", flüstert sie mehr als das sie spricht. "Was den Umgang angeht - ihr macht nichts falsch. Bekundet, wonach ihr begehrt, seid respektvoll und nehmt es euch nicht einfach. Der Rest ist Aufgabe der Frau."

Sie stellt sich noch um, sodass, sollte er vollends um den Schirm herumkommen, er sie in unbekleidet in vorteilhafter Pose sehen kann. Dann wartet sie gespannt, wie er handelt.

Tsuyoshi

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« Antwort #12 am: 12.08.2019, 20:09:52 »
Es ist offenkundig, dass der Ronin einem bewaffneten Gegner weniger ratlos gegenüberstehen würde als einer Frau, die ihm einerseits ein recht eindeutiges Angebot macht, sich andererseits aber zu sehr als Dame verhält, als dass er sie behandeln könnte wie ein einfaches Bauernmädchen. Dabei ist es weniger Verlegenheit ob ihrer Nacktheit, die er mit einem langen Blick in sich aufnimmt – denn bereits ihre Silhouette mit den fraulichen Rundungen ist mehr als genug, seine Phantasie anzuregen. Eher schon sind es der Nachdruck und die Sicherheit, mit der sie ihre Reize präsentiert. Immer noch halb sprachlos murmelt er: "Ihr seid schön, sehr schön..." Dann greift er zu und schiebt den Wandschirm so weit beiseite, dass er nicht mehr zwischen ihnen steht. Bewundernd lässt er seinen Blick über Kimikos Leib gleiten, die glatte Haut, den sanft geschwungenen Nacken, der als einer der erotischsten Körperteile der Frau gilt.

Schweigend tritt er einen Schritt näher, hebt eine Hand und fasst sie behutsam am Kinn. Sein rauer Daumen fährt vorsichtig über ihre Wange, die so viel makelloser ist als sein sonnenverbrannter Handrücken, den kleine Kratzer und eine längliche Narbe verunzieren. Dann wandert die Hand abwärts, über ihre Kehle bis zum Ansatz der Brust, liebkost diese, während er ihr in die Augen sieht. "Ihr seid begehrenswert. Es gibt wohl keinen Mann, der nicht gern mit Euch das Kopfkissen teilen würde" bemerkt er. Dann verharrt seine Hand mitten in der Bewegung, die Fingerspitzen noch an ihrer nackten Haut. Nach einem letzten, für seine harten Hände schon fast zärtlichen Streicheln gleiten seine Finger weiter über ihren Arm bis zum Handgelenk, fassen ihre Hand. Indem er sie anhebt und betrachtet, fragt er: "Ich begehre Euch heute Nacht zu besitzen. Doch was begeht Ihr?" Langsam hebt er den Blick und sieht sie forschend an.

Josei Kimiko

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« Antwort #13 am: Heute um 16:52:51 »
Tsuzoshis Worte erfüllen Kimiko mit mehreren Emotionen. Zum einen mit Stolz und Zufriedenhei, ja geschmeichelt sein, ob ihres Erfolges, andererseits auch mit Scham, denn er wirkt soviel einfacher und damit auch verletzlicher als sie wahrhaben möchte. Wie sehr könnte sie ihn wohl lenken oder wann würde er sich abwenden?

Mit dem Entfernen des Wandschirmes zwischen ihnen weicht sie ein kleines bißchen zurück und nimmt eine Pose ein. Bei seiner ersten Berührung zuckt sie noch, bevor sie sich in den Griff kriegt. Sie erinnert sich daran, dass sie es nicht nur provoziert hat, sondern es auch mit einem in gesellschaftlichen Dingen weniger geschulten zu tun hat. So bleibt ein Lächeln auf ihrem Gesicht und sie bewegt sich minimal mit seinen Berührungen mit. Starke Reaktionen bleiben jedoch aus.

"Danke, ihr seid es auch.", erwidert sie zu seinen Komplimenten mit quasi gehauchter Stimme. Keine Röte, kein weiteres Zucken verrät, ob sie, das Kunstwerk, über bedachte und kontrollierte Antworten hinausgeht. Seine deutlichen Avancen lassen sie einmal langsam und deutlich Nicken, ja sogar eher sich leicht verneigen. Dann sieht sie ihm in die Augen und ihr Lächeln wird ein leichtes Lachen: "Vielleicht einen Beweis, ein Zeichen, eine Geste eurer Ernsthaftigkeit? Euch wird etwas einfallen, keine Sorge. So können wir uns unserer gegenseitigen Gunst, unserer Wünsche versichern und ich euch zu geeigneter Stunde einen geeigneten Ort nennen? Nicht dort wo und wenn jederzeit nach euch gefragt werden kann oder ein Diener oder Familienmitglied in Hörweite seinkönnte." Sie bringt ihre Verschiebung ins Ungewisse scherzhaft herüber, um auf einer leichten Note zu enden. Dabei versucht sie gleichzeitig den Eindruck zu vermeiden, sie würde es nicht ernst mit ihm meinen.